New York: Jetzt aber richtig

Nachdem gestern Abend ja erstmal die Ankunft gefeiert wurde, jetzt noch mal deutlich ausführlicher:

Wir sind superfroh, angesichts der Regenfront erst mal nach Sandy Hook abgelaufen zu sein und dafür dann am nächsten Tag bei Kaiserwetter in den Hafen von New York einzulaufen.

Dafür müssen wir uns zunächst mal durch die vielen Muschelfischer in der Sandy Hook Bay hindurchschlängeln, die mit speziellen Metallkäschern an langen Stangen und offenbar harter körperlicher Arbeit die Muschelbänke abernten. Mit pumpenden Bewegungen von Oberkörper und Armen am T-förmigen Griff wird das Gerät über den Grund gezogen und dann ins Boot geleert.

Ein Stück weiter Richtung NY sind es dann unzählige Angelboote, die uns zur Slalomfahrt nötigen. Der Fischreichtum zeigt sich aber auch in den an der Oberfläche springenden Schwarmfischen (wir vermuten Menhaden) und den vielen Delfinen in der Bucht.

Dann geht’s unter der Staten Island und Brooklyn verbindenden Verrazano-Narrows-Bridge hindurch in den Hafen von New York. Und ja, es ist ein äußerst lebendiger Hafen, mit Großschifffahrt, Schubverbänden, viel Fährverkehr, Frachtern auf Reede, geparkten Schuten, jeder Menge kreuzender oder abzweigender Fahrwasser mit entsprechender Betonnung, mehreren einmündenden Flüssen, dazu regem Sportbootverkehr und erstaunlich vielen Jetskis. Dazu reichlich Polizei- und Coastguardboote und – um die Wuselei komplett zu machen – diversen tieffliegenden Hubschraubern. Trotzdem beschert uns Covid einen mutmaßlich wesentlich ruhigeren Hafen als sonst üblich. Kreuzfahrer fehlen komplett, ebenso die Besucherboote für Liberty Island 🗽 und Ellis Island. Das macht sich für uns um so mehr bemerkbar, als wir ja genau zwischen diesen beiden Inseln ankern.

Das allerdings erst, nachdem wir gleich bei unserer Ankunft mit der SY Escape ein gegenseitiges Fotoshooting unserer Boote unter Segeln vorgenommen haben. Annemarie und Volker wollen nämlich gerade aufbrechen, schade, aber immerhin passt es perfekt und wir werden uns hoffentlich schon bald im Long Island Sound wiedersehen. Aber dadurch haben wir diese tollen Fotos der Flora bekommen (und sie auch ein paar ganz gute der Escape 😉):

Das anschließende Feiern hält uns aber nicht davon ab, noch ein paar Abend- und Nachtfotos der Kulisse an unserem Ankerplatz zu machen:

Und weil ich mich nicht sattsehen kann, gleich noch ein paar frühe Fotos von heute morgen (“The City never sleeps!) vor und zum Sonnenaufgang über Manhattan:

New York

Angekommen im “Big Apple”, auf eigenem Kiel. Wir ankern direkt an der Freiheitsstatue mit Blick auf die Skyline von Manhattan. Ein ausgewiesener offizieller Ankerplatz, nur 150 m Sicherheitsabstand zur Freiheitsstatue sind einzuhalten und man soll sich bei Traffic Control per UKW-Funk auf Kanal 12 anmelden. Haben wir gemacht und wurden willkommen geheißen. Wir sind das einzige Boot auf diesem Ankerplatz. Fühlt sich irre an.

Deshalb gibt’s auch nur ein paar schnelle Bilder, wir feiern jetzt nämlich erstmal 😁 🥂.

New York will uns noch nicht

Erst mal hält uns die Windvorhersage zurück. Wie Uwe mal so schön formulierte: “Schipper mit Tiet hätt jümmer goden Wind”. Nordwind für den Schlag von Cape May nach New York? Warten wir halt noch.

Ostwind, über Südost auf Süd drehend ist die Vorhersage für den nächsten Tag, geht doch ☺️!

120 sm sind zu bewältigen, dass wird für unsere Gäste Greg und Michael die erste Nachtfahrt überhaupt. Aber der Wind soll die ganze Zeit unter 20 Knoten bleiben und hält sich auch daran. Die beiden bleiben trotzdem nicht ganz unbeeindruckt von den Atlantikwellen.

Auf Höhe von Atlantic City findet sich kurz vor der Dämmerung ein weiterer Gast bei uns ein. Höchst ungewöhnlich (wir sind schon auf 39 Grad Nord) segelt ein junger Weißbauchtölpel ein paar elegante Runden um Flora und lässt sich dann auf dem Burgkorb nieder. Die eigentlich nur in den Tropen beheimateten etwa gänsegroßen Vögel werden wohl gelegentlich von Stürmen auch in andere Gebiete verweht, aber das hier ist doch schon sehr weit und das Verhalten lässt auch auf Erschöpfung schließen, denn nach einer weiteren Runde ruht er sich nochmals auf dem Seitenschiff aus und putzt sein zerzaust wirkendes Gefieder.

Der Balanceakt auf dem Süllbord währt dann aber auch nicht sehr lange. Noch vor der Nacht macht er sich wieder auf den Weg.

Leider ziehen am Morgen dicke Wolken auf und just als wir der Silhouette von New York näher kommen, die Wolkenkratzer von Manhattan hinter dem Vergnügungspark von Coney Island und den dunklen Fassaden von Brooklyn sich einzeln aus dem Dunst herauszuschälen beginnen, da verdichten sich die Wolken schon dramatisch, bescheren uns einen Wolkenbruch und verschlucken den Blick auf die Häuserschluchten.

Auch gut. Machen wir halt einen Schlenker, ankern hinter Sandy Hook und fahren morgen in den Big Apple.

Segler mit Zeit hat ja vielleicht auch besseres Wetter 😉.

Cape May

„Ältester Badeort der Nation“. Ohne Superlativ scheint ja kaum ein Ort der USA auszukommen. Nun ist Cape May ja ohnehin schon südlichster Ort in dem Bundesstaat New Jersey, prominent auf einer Halbinsel im Mündungsdelta des Delaware River gelegen oder – wenn man so will – durch den vom Westen aus dem Fluss heraus angelegten Cape-May-Kanal inzwischen schon auf einer Insel gelegen. Nach Norden hin schließt sich bis Sandy Hook in der Bucht vor New York ein langgestrecktes Nehrungsgebiet mit Stränden zum Atlantik und einem dahinter liegenden Flachwassergürtel an. Wie auch immer, wir können leider wegen unserer Masthöhe nicht durch den Cape-May-Kanal fahren, sondern müssen einen größeren Umweg um die Flachs vor dem Ort machen und durch das Inlet an der Atlantikseite den kleinen Ankerplatz hinter der Nehrung anlaufen.

Aber das lohnt sich allemal, denn der 1620 gegründete Ort hat sich bereits im 18. Jahrhundert tatsächlich zu einer Sommerfrische für die wohlhabenden Bürger aus New York und Philadelphia entwickelt. Vor allem aber: viele der viktorianischen Villen aus vergangener Zeit wurden erhalten. Holzhäuser im Gingerbread (Zuckerbäcker-)stil und Pastellfarben, das macht Cape May bis heute aus und führt dazu, dass in guten Ferienzeiten 100.000 Urlauber dort wohnen, obwohl der Ort nur gut 4.000 ganzjährige Bewohner verzeichnet.

Selbst in Covid-Zeiten scheinen die meisten Bed&Breakfast sowie Pensionen besetzt zu sein. Aber es gibt auch Ausnahmen – warum nur 😉

Egal, wir halten uns an das in der Fußgängerzone gefundene Motto und bleiben einen Tag hier vor Anker. Morgen soll es dann weiter Richtung New York gehen.

Kanalbrücken – Fotosession

Wir stoppen in Chesapeake City kurz nach der Einfahrt in den C&D Canal. Der „Chesapeake and Delaware Canal“ ist nur 14 Meilen lang und verbindet den Elk River im Norden der Chesapeake Bay mit dem Delaware River, ermöglicht so also eine Abkürzung von rund 300 sm auf dem Weg vom Elk River nach Cape May.

Der Ankerplatz in Chesapeake City ist tricky und neigt zur Versandung, außerdem fehlt die rote Tonne (die in der Mitte der Einfahrt liegen sollte, die Grüne ist an die Ostseite der Pier gemalt. Wir gehen gegenüber an die Spundwand vor dem Restaurant „Schaefers“. Der dortige Hafenmeister versorgt uns mit vielen Tips für die Weiterfahrt. Er rät uns, zwei Stunden vor Hochwasser abzulegen, um die Strecke nach Cape May bestmöglich (strömungsgünstig) zu bewältigen. Klar, machen wir. Blöd ist nur, dass Hochwasser in Chesapeake City am nächsten Morgen bereits um 06.10 ist. Das Abendhochwasser ist uns zu spät, dann wäre es eine komplette Nachtfahrt den Delaware River hinunter. Also heißt es: morgens um 04.00 los.

Das führt aber dazu, dass wir auf unserer Fahrt nach Cape May in New Jersey die Brücken über den C&D Canal (Maryland und Delaware) in beinahe magischem Licht des sich langsam erhellenden Nachthimmels zu sehen bekommen:

Andere Länder, andere Sitten

Wir segeln weiter die Chesapeake Bay hinauf und erkunden verschiedene Flüsse und Creeks. Mit Greg und Michael an Bord machen wir als erstes einen kurzen Schlag von Annapolis in den Magothy River eben nordwestlich der Chesapeake Bay Bridge und ankern weiter drinnen hinter North Ferry Point.

Vor dem flachen Uferbereich ziehen sich lange Stege der versteckt unter den Bäumen liegenden Häuser hinaus. Manchmal mit Bootshäusern, fast immer aber mit Bootsliften versehen. Insbesondere die Motorboote werden hier zumeist nicht am Steg vertäut, sondern mit dem heimischen Bootslift elektrisch komplett aus dem Wasser gehoben und „in der Luft“ geparkt. Spart vielleicht auch das Antifouling. ☺️ In Marinas gibt es häufig überdachte Hallen für die Motorboote im Wasser, manchmal auch regelrechte Hochregallager, mehrstöckige Stapelplätze an Land.

Mit Florecita erkunden wir den gegenüber liegenden Cypress Creek, ein wunderschöner Ausflug auch wenn einmal mehr auffällt, dass das Anlanden mit dem Dinghy wegen des fast überall im Privatbesitz befindlichen Ufer schwierig sein kann.

Und – für uns vielleicht noch irritierender als bei den zahlreichen überwiegend eben doch kleineren Motorbooten – auch Segelboote haben manchmal am heimischen Steg und zum Teil auch in der Marina einen luftigen Liegeplatz:

Als nächstes Ziel haben wir uns Georgetown ausgewählt. Dafür segeln wir ein Stück weiter die Chesapeake Bay hinauf und dann gut 8 sm weit in den wunderschönen Sassafras River hinein. Wir sind schier überwältigt von diesem für uns bisher schönsten Fluss hier. Der Sassafras schlängelt sich, mal schmal, mal breiter, zwischen einer leicht hügeligen Landschaft hindurch, die mit lehmigen Steilufern, flachen Sandstränden, dichtem Schilf, riesigen Seerosenbuchten, gelegentlichen Wiesen oder Feldern und viel Wald herrlich abwechslungsreich ist. Die Bebauung ist hier am „Eastern Shore“ bei weitem nicht mehr so dicht wie um Annapolis herum oder am Magothy River. Wenn die Häuser höher am Hang gebaut sind, wird der Wasserzugang über Treppenkonstruktionen erschlossen oder es gibt einen eigenen Freisitz über dem Privatsteg.

Aber es gibt nicht nur solche Luxusvillen, sondern auch schöne einfache Häuser am Ufer. Insgesamt erinnert die Landschaft uns vielfach an unser altes Heimatrevier Schlei, kein Wunder, dass es uns so gut gefällt. Noch dazu, wenn wir vom Ankerplatz aus einen solchen Sonnenuntergangsblick genießen dürfen:

Annapolis

Wenn wir schon mal in den USA sind, ankern wir doch gleich mal vor dem Kapitol. Ähh, Moment, wir sind doch in Annapolis, nicht mehr in Washington D.C.

Stimmt, aber auch hier gibt es ein Kapitol. Das Parlamentsgebäude ist sogar das erste der Vereinigten Staaten. Hier tagte der Amerikanische Senat 1783/1784, hier wurde der Frieden von Paris ratifiziert, mit dem die Unabhängigkeit der USA von England offiziell wurde. Und das mit seiner Kuppel ein bisschen an eine Kirche erinnernde „Maryland State House“ wird bis heute heute legislativ genutzt, ist unter anderem Sitz des Senatspräsidenten des Bundesstaates Maryland, dessen Hauptstadt das nur knapp 40.000 Einwohner zählende Annapolis ist.

Und Annapolis hat noch mehr zu bieten. Es ist Sitz der United States Naval Academy und zudem unzweifelhaft das Segelzentrum der Chesapeake Bay. Im Ort und in allen umliegenden Creeks sind die Ufer dicht mit Stegen und Booten belegt. Bei unserer Anfahrt müssen wir uns durch vier Regattafelder von Optis, Lasern und J80 kämpfen. Dann aber gibt’s mitten im Zentrum zwischen Eastport und Annapolis ein Bojenfeld. Schön ist auch, das an allen am Wasser endenden Straßen jeweils ein Dinghydock angelegt ist.

So auch an der Hauptstraße mit ihren Geschäften, (Eis-)Cafés und Restaurants, die wirklich zum Bummeln einlädt. Am Hafen liegt zudem ein nettes Restaurantviertel, belebt trotz der eingehaltenen Corona-Abstände. Masken scheinen ziemlich konsequent getragen zu werden.

Ein Denkmal für Alex Haley, den Autor der generationenübergreifenden die Sklaverei thematisierenden eigenen Familiengeschichte „Roots“ findet sich gleich in der Nähe.

Wir schlendern durch den Ort (und auch das gegenüberliegende Eastport), viele historische Gebäude, schöne, niedrige Bebauung. Außerdem treffen wir auch die Crew der Escape wieder und haben einen schönen Abend bei Annemarie und Volker an Bord, während ein Gewitter über uns hinwegzieht.

Und wir bekommen Besuch. Greg und Michael kommen an Bord, sie wollen uns die nächste Zeit begleiten. Gebracht werden sie von ihrem Neffen Roderick, mit dem wir noch einen schönen Nachmittag an Bord verbringen, bevor wir am nächsten Tag unter der markanten Chesapeake Bay Bridge Doppelbrücke weiter in Richtung Norden unterwegs sind.

Leuchttürme der Chesapeake Bay

Ich gebe es zu, ich habe eine Schwäche für Leuchttürme. Damit bin ich vermutlich nicht alleine, dafür sind die Bauwerke zu romantisch, ist die Symbolik zu aufgeladen. Leuchttürme geben Orientierung, weisen auf Gefahrenstellen hin, senden ein Licht in die Dunkelheit, ragen heraus. Sind standfest, solide, überdauern die Zeit und die Stürme. Und sie sind einfach schön. Ist das wirklich so? 😉

Die flachen Gewässer der Chesapeake Bay und ihrer Ansteuerung, die vielen Flussmündungen und Austernbänke, sie haben zu einer großen Vielzahl von Leuchttürmen in und an der Chesapeake Bay geführt. Einige habe ich fotografiert, wobei die meisten inzwischen streng genommen keine LEUCHTtürme mehr sind, weil sie längst außer Betrieb genommen wurden.

Begrüßt wurden wir kurz vor dem Eingang zur Chesapeake Bay zunächst von einer ungewöhnlichen Erscheinung, aus der Entfernung sah es aus wie ein riesiges Reh auf dem Wasser. Spielt uns das Hirn frühmorgens am Ende unserer Nachtfahrt Streiche? Nein, es ist tatsächlich „Chesapeake Light“. 1965 als Ersatz für das bisher dort (und jetzt als Museumsschiff im Hafen von Baltimore) liegende Feuerschiff Chesapeake errichtet und war bis 2016 in Betrieb. Es gab tatsächlich sogar eine ganze Reihe von Leuchttürmen dieser „Texas Tower“ genannten Art.

Ein kleines Stück weiter, am Cape Henry, gibt’s dann klassischere Leuchttürme zu sehen. Der rechte, ältesteste Leuchtturm von 1792 ist tatsächlich das erste autorisierte Leuchtturmprojekt der neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika. Der mittlere, schwarz weiße Turm wurde „erst“ 1882 gebaut und ist tatsächlich bis heute in Betrieb.

Auf dem Weg nach Hampton knickt das Fahrwasser dann am Thimble Shoal Abandoned Lighthouse ab, ein weiterer aufgegebener Leuchtturm, immerhin in der Seekarte auch als solcher bezeichnet. Er wurde in der Caisson-Bauweise errichtet, also wurde ein Senkkasten in den Schlamm getrieben, das Wasser und der Schlamm herausgepumpt und so das Fundament für das Bauwerk geschaffen. Der zunächst schwarze Stahlturm ist im Privatbesitz und wurde erst nach seiner Außerdienststellung (rost)rot gestrichen.

In Hampton selbst begrüßt uns das älteste noch in Betrieb befindliche Leuchtfeuer der Chesapeake Bay, das „Old Point Comfort Light“ von 1803.

Weiter nach Norden kommen wir dann am „New Point Comfort Lighthouse“ im äußersten Südwesten von Mathew County vorbei. Der leuchtet nicht mehr, die Seekarte weist ihn als „Landzeichen zur Leuchtfeuerunterstützung“ (der beiden roten Leuchttonnen vor ihm) aus.

„Wolf Trap Light“ von 1894 ist der nächste stillgelegte (Caisson-)Leuchtturm auf unserem Weg. Er ist in Privatbesitz, man kann dort übernachten. Benannt wurde er nach dem auf dem dortigen Flach 1691 auf Grund gelaufenen Schiff „Wolfe“ der Royal British Navy.

„Cove Point Lighthouse“ am Fuß der fossilienreichen lehmigen Steilküste Calvert Cliffs ist wiederum ein am Ufer auf festem Grund errichtetes steinerner Leuchtturm (von 1820). Er ist heute eine Außenstelle des Museums von Solomon.

„Point No Point Lighthouse“ von 1904 sieht ein bisschen ähnlich aus wie Wolf Trap, ist jedenfalls auch achteckig. Der Leuchtturm hat nicht nur einen skurrilen Namen sondern auch eine erstaunliche Aufgabe: er dient den Navy-Flugzeugen als Markierung für ihr Zielgebiet bei Schießübungen. Die schon angesetzte Versteigerung des Turms wurde deshalb wieder abgesagt. Der Zustand aber scheint inzwischen ziemlich marode.

Trotzdem aber noch nicht ganz so schlimm wie bei „Sharps Island Light“. Nicht nur ist die Insel Sharps Island längst wegerodiert, der Leuchtturm von 1882 wurde zudem auch noch von schwerem Eisgang im Winter 1977 so auf die Seite gedrückt, dass der seitdem vor sich hin rostende Metallturm den Spitznamen „Leuchtturm von Pisa“ bekam, trotzdem aber in der Seekarte nur als kleines eingekreistes Kreuz auftaucht. Wenn man draufklickt, erscheint der Hinweis „Haus“ 😳:

Aber neben so viel marodem, es gibt auch Perlen. Eine davon ist auf alle Fälle „Thomas Point Shoal Light“ von 1875, quasi der Paradeleuchtturm der Chesapeake Bay und eines ihrer Wahrzeichen. Kurz vor Annapolis segeln wir unter Gennaker an ihm vorbei:

Interessanterweise ist diese so ungewöhnlich scheinende Leuchtturm-Bauweise das Grundmuster, nach dem ursprünglich auch die Vorgänger vieler der oben gezeigten Leuchttürme konstruiert waren. Screw piles, Schraubsäulen wurden in den meist weichen Grund gedreht, die Plattform errichtet, ein Holzhaus darauf gestellt.

52 Leuchttürme dieser Art gab es ursprünglich in der Chesapeake Bay, der einzige noch in Funktion verbliebene ist „Thomas Point Shoal Light“. Andere sind abgebaut und in Museen wieder aufgebaut worden (z.B. in Solomon und in Saint Michaels). Manchmal wird eine Mini-Variante als Wintergarten oder Teehäuschen auf dem Steg montiert. Sogar komplette Nachbauten gibt es, wie etwa in der Stingray Point Marina in Deltaville.

Saint Michaels

Nach der Begrüßung mit Feuerwerk und der wunderbaren Stimmung statten wir am nächsten Tag dem Ort Saint Michaels einen Besuch ab. An schönen Villen entlang geht’s mit dem Dinghy in den Hafen und einmal mehr stellt sich die Frage: wohin mit dem Dinghy?

Allzu häufig findet sich auch an scheinbar öffentlichen Stellen dann doch ein Schild, dass auf den Privatbesitz und damit das Verbot hinweisen, dort festzumachen. In einer Ecke des Hafens finden wir dann aber doch einen Schwimmsteg, an dem schon ein Dinghy liegt, wir nehmen das als Einladung.

In jedem Fall lohnt der Spaziergang durch den schönen Ort. Wir begegnen freundlichen Menschen. Einmal fotografiere ich eine Veranda mit den typischen Schaukelstühlen, als eine Frau aus dem Haus kommt. Als sie uns sieht, entschuldigt sie sich, mir durchs Bild gelaufen zu sein (sic!) bevor ich um Verzeihung dafür bitten kann, einfach ihr Haus zu fotografieren. Wir kommen ins Gespräch, sie fragt, woher wir kommen. „Germany? Please wait here.“ dann verschwindet sie schnell im Haus und holt ihre Mutter. Die Familie hat einige Jahre in Deutschland gelebt, Zweibrücken, Pirmasens, Ulm. Schöne Erinnerungen. Uns wird der hintere Garten gezeigt, der Anbau. Der Vater kommt auch noch dazu.

Schön auch, dass sich der Ort mit einer belebten und von Geschäften gesäumten Hauptstraße und vielen verträumten kleinen Nebenstraßen zeigt, alles ohne größere Bausünden. Covid ist präsent, die Maßnahmen werden Ernst genommen. Die Situation und auch die Reaktion darauf ist in den Bundesstaaten der USA sehr unterschiedlich, das wird immer deutlicher. Derzeit ist es so, dass wir nach New Jersey, New York, Rhode Island und Connecticut ohne Quarantäne segeln können, die Einreise dahin aber etwa aus den Staaten Florida, Texas, South- oder North Carolina mit einer zweiwöchigen Quarantäne verbunden wäre.

Aber im Moment sind wir erst mal hier in Saint Michaels, MD (Maryland). Es macht Spaß, einfach umher zu bummeln, sich treiben zu lassen. Wir trinken ein Bier im Außenbereich der kleinen Brauerei. Speisekarten sind aufgrund von Covid inzwischen oft einfache Papierkopien, die nach einmaligem Gebrauch weggeworfen werden. Hier geht man einen anderen Weg: mit dem eigenen Handy den auf dem Tisch stehenden QR-Code scannen, so geht’s auch.

Und wir lassen uns im schattigen Innenhof eines Restaurants Muscheln und Crawfish schmecken, die örtliche Spezialität neben den allgegenwärtigen Bluecrabs. Lecker!

Und weil die politische Situation natürlich auch hier immer Thema ist: Wir sehen viele US-Flaggen. Die Stars and Stripes sind aber weder jetzt um den Independence Day herum noch sonst Ausdruck der Unterstützung für Trump. Solche wird vielmehr mit eigenen (meist unter der US-Flagge gehissten) Trump-Flaggen gezeigt. Wir sehen das oft auf Motorbooten oder in Vorgärten. Aber auch das Gegenteil ist präsent, insbesondere in den Black-Lives-Matter-Schriftzügen, den sehr häufig zu sehenden Regenbogenfahnen oder wie hier in einem Vorgarten:

Und obwohl es uns hier richtig gut gefällt, jetzt geht es weiter. Wir segeln wieder hinüber auf die andere (westliche) Seite der Chesapeake Bay, ins Segelmekka Annapolis.

Hochs und Tiefs

Nee. Nicht meteorologisch. Das Wetter ist weiterhin fein, überwiegend sonnig, tagsüber um die 30 Grad Celsius (mit den hier verkündeten Grad Fahrenheit stehen wir noch auf Kriegsfuß). Derzeit auch ab und zu mal heißer, gestern hatten wir bis 34 Grad. Nachts so 23 oder 24 Grad, das kann man gut aushalten, zumal wir bisher weitestgehend von Mückenalarm verschont geblieben sind.

Von den Orten her gibt’s schon eher Hochs und Tiefs. Die Einsamkeit im Smith Creek war auf alle Fälle ein Hoch, dagegen konnte uns Solomon am Patuxent River nicht so recht begeistern. Vom Cruising Guide als „one of the Chesapeake’s top destinations for cruising boaters“ beschrieben, statten wir dem für uns auch günstig nahe der Flußmündung gelegenen Ort einen Besuch ab. Und tatsächlich finden sich hier acht (8!) Marinas und auch sonst Unmengen von Booten, in welchen Arm des verzweigten Creeksystems man auch einbiegt. Wir ankern in einem kleinen Nebenarm dicht bei einer Marina. Dann geht’s mit dem Dinghy hinüber zum – tja, wohin eigentlich? Ein Zentrum scheint es nicht zu geben, auch vielen moderneren amerikanischen Orten ist dieses Strukturprinzip ja eher fremd. Und wie sich dort Supermarkt, Tankstelle, Diner, Restaurant und Geschäfte irgendwo entlang der Durchgangsstraße verteilen, so gibt es auch hier keine zentrale Hafenpromenade, an der sich etwa die Restaurants finden ließen und auf der man entlang bummeln könnte. Statt dessen: Stückwerk, überwiegend Privatgrundstücke am Wasser. Auch ein ausgewiesenes Dinghydock gibt es nicht, lediglich bei einzelnen Restaurants oder Bars kann man anlegen. Das spricht uns nicht an. Eine Anlandemöglichkeit für das Beiboot gibt es am Museum, aber das ist geschlossen. Vom Wasser her kann man es erreichen, aber die Tore zur Straße sind mit Schlössern verriegelt. Bierchen im Cockpit ist aber auch schön 😋.

Kreuzend und motorend (der wenige Wind kommt von Norden) geht es für uns gleich am nächsten Tag weiter nach Saint Michaels. Auch das liegt in Maryland, aber auf der anderen, östlichen Seite der Chesapeake Bay. Diesmal müssen wir um einiges tiefer in das Labyrinth der Buchten und Creeks hineinfahren. Aber wir sehen viele andere Segler auf dem Weg, vielleicht nicht das schlechteste Omen. Und es kommt noch besser: als wir um die letzte Ecke biegen, liegen rund 50 Boote auf dem weiten Ankerplatz vor dem Ort. Und etwas entfernt eine Schute, auf der ein großes Schild prangt: „Fireworks. Danger. Stay away.“

Na, da werden wir den amerikanischen Nationalfeiertag ja gebührend begehen können. Anders als etwa zu Silvester nämlich wird hier am Independence Day der Nachthimmel künstlich und laut böllernd in Farben getaucht. Vorher werden wir noch beim Ankermanöver von Delfinen begrüßt und die Wartezeit bis zum Beginn der Pyrotechnik wird uns durch einen tollen Sonnenuntergang und einen mindestens ebenso beeindruckenden Aufgang des Vollmondes verkürzt.

Immer mehr Boote finden sich ein, als es dunkel wird irrlichtern diverse kleine und größere Motorboote aus den Creeks heran. Roten, grünen und weißen Glühwürmchen ähnlich tanzen sie aus verschiedenen Richtungen auf uns zu, am Ende sind geschätzt rund hundert zusätzliche angekommen. Manche mit Festbeleuchtung, die meisten beflaggt, Musik zieht über das Wasser. Feierstimmung mit bestem physical distancing. Und dann geht’s los: July 4th 🇺🇸 in Saint Michaels: für uns Hamburger wie das Kirschblütenfest auf der Außenalster in groß 😁.

Aber die Hochs und Tiefs beschränken sich natürlich nicht of die besuchten Orte. Auch die Technik an Bord sorgt für Abwechslung 🥺.

Kein allzu gutes Zeichen, dass die Fock (mal wieder) abgeschlagen und am Seezaun angelascht ist. Nach mehreren problemlosen Tagen lässt sie sich mal wieder nicht einrollen und kann deshalb nur so geborgen werden. Gestern Abend wollten wir uns da nicht mehr drum kümmern, aber heute morgen muss ich dann natürlich doch dran. Ich baue die Leinentrommel ab (da hab ich inzwischen schon Übung drin). Diesmal schraube ich aber auch die Furlex noch weiter auseinander, um besser an die Kugellager heranzukommen. Die werden ausgiebig mit Süßwasser gespült, auch das obere, trocknen jetzt erstmal und kriegen dann ihr (seewasserfestes) Fett. Hoffentlich hilft es, ich kann nämlich immer noch keinen wirklichen Grund für die gelegentliche Fehlfunktion finden.

Zum Trost gibt es ein herrliches Sonntagsfrühstück mit Pfannkuchen, Ahornsirup, Zaft und Apfelmus.