„Ältester Badeort der Nation“. Ohne Superlativ scheint ja kaum ein Ort der USA auszukommen. Nun ist Cape May ja ohnehin schon südlichster Ort in dem Bundesstaat New Jersey, prominent auf einer Halbinsel im Mündungsdelta des Delaware River gelegen oder – wenn man so will – durch den vom Westen aus dem Fluss heraus angelegten Cape-May-Kanal inzwischen schon auf einer Insel gelegen. Nach Norden hin schließt sich bis Sandy Hook in der Bucht vor New York ein langgestrecktes Nehrungsgebiet mit Stränden zum Atlantik und einem dahinter liegenden Flachwassergürtel an. Wie auch immer, wir können leider wegen unserer Masthöhe nicht durch den Cape-May-Kanal fahren, sondern müssen einen größeren Umweg um die Flachs vor dem Ort machen und durch das Inlet an der Atlantikseite den kleinen Ankerplatz hinter der Nehrung anlaufen.
Aber das lohnt sich allemal, denn der 1620 gegründete Ort hat sich bereits im 18. Jahrhundert tatsächlich zu einer Sommerfrische für die wohlhabenden Bürger aus New York und Philadelphia entwickelt. Vor allem aber: viele der viktorianischen Villen aus vergangener Zeit wurden erhalten. Holzhäuser im Gingerbread (Zuckerbäcker-)stil und Pastellfarben, das macht Cape May bis heute aus und führt dazu, dass in guten Ferienzeiten 100.000 Urlauber dort wohnen, obwohl der Ort nur gut 4.000 ganzjährige Bewohner verzeichnet.
Selbst in Covid-Zeiten scheinen die meisten Bed&Breakfast sowie Pensionen besetzt zu sein. Aber es gibt auch Ausnahmen – warum nur 😉
Egal, wir halten uns an das in der Fußgängerzone gefundene Motto und bleiben einen Tag hier vor Anker. Morgen soll es dann weiter Richtung New York gehen.
Wir stoppen in Chesapeake City kurz nach der Einfahrt in den C&D Canal. Der „Chesapeake and Delaware Canal“ ist nur 14 Meilen lang und verbindet den Elk River im Norden der Chesapeake Bay mit dem Delaware River, ermöglicht so also eine Abkürzung von rund 300 sm auf dem Weg vom Elk River nach Cape May.
Der Ankerplatz in Chesapeake City ist tricky und neigt zur Versandung, außerdem fehlt die rote Tonne (die in der Mitte der Einfahrt liegen sollte, die Grüne ist an die Ostseite der Pier gemalt. Wir gehen gegenüber an die Spundwand vor dem Restaurant „Schaefers“. Der dortige Hafenmeister versorgt uns mit vielen Tips für die Weiterfahrt. Er rät uns, zwei Stunden vor Hochwasser abzulegen, um die Strecke nach Cape May bestmöglich (strömungsgünstig) zu bewältigen. Klar, machen wir. Blöd ist nur, dass Hochwasser in Chesapeake City am nächsten Morgen bereits um 06.10 ist. Das Abendhochwasser ist uns zu spät, dann wäre es eine komplette Nachtfahrt den Delaware River hinunter. Also heißt es: morgens um 04.00 los.
Das führt aber dazu, dass wir auf unserer Fahrt nach Cape May in New Jersey die Brücken über den C&D Canal (Maryland und Delaware) in beinahe magischem Licht des sich langsam erhellenden Nachthimmels zu sehen bekommen:
Wir segeln weiter die Chesapeake Bay hinauf und erkunden verschiedene Flüsse und Creeks. Mit Greg und Michael an Bord machen wir als erstes einen kurzen Schlag von Annapolis in den Magothy River eben nordwestlich der Chesapeake Bay Bridge und ankern weiter drinnen hinter North Ferry Point.
Vor dem flachen Uferbereich ziehen sich lange Stege der versteckt unter den Bäumen liegenden Häuser hinaus. Manchmal mit Bootshäusern, fast immer aber mit Bootsliften versehen. Insbesondere die Motorboote werden hier zumeist nicht am Steg vertäut, sondern mit dem heimischen Bootslift elektrisch komplett aus dem Wasser gehoben und „in der Luft“ geparkt. Spart vielleicht auch das Antifouling. ☺️ In Marinas gibt es häufig überdachte Hallen für die Motorboote im Wasser, manchmal auch regelrechte Hochregallager, mehrstöckige Stapelplätze an Land.
Mit Florecita erkunden wir den gegenüber liegenden Cypress Creek, ein wunderschöner Ausflug auch wenn einmal mehr auffällt, dass das Anlanden mit dem Dinghy wegen des fast überall im Privatbesitz befindlichen Ufer schwierig sein kann.
Und – für uns vielleicht noch irritierender als bei den zahlreichen überwiegend eben doch kleineren Motorbooten – auch Segelboote haben manchmal am heimischen Steg und zum Teil auch in der Marina einen luftigen Liegeplatz:
Als nächstes Ziel haben wir uns Georgetown ausgewählt. Dafür segeln wir ein Stück weiter die Chesapeake Bay hinauf und dann gut 8 sm weit in den wunderschönen Sassafras River hinein. Wir sind schier überwältigt von diesem für uns bisher schönsten Fluss hier. Der Sassafras schlängelt sich, mal schmal, mal breiter, zwischen einer leicht hügeligen Landschaft hindurch, die mit lehmigen Steilufern, flachen Sandstränden, dichtem Schilf, riesigen Seerosenbuchten, gelegentlichen Wiesen oder Feldern und viel Wald herrlich abwechslungsreich ist. Die Bebauung ist hier am „Eastern Shore“ bei weitem nicht mehr so dicht wie um Annapolis herum oder am Magothy River. Wenn die Häuser höher am Hang gebaut sind, wird der Wasserzugang über Treppenkonstruktionen erschlossen oder es gibt einen eigenen Freisitz über dem Privatsteg.
Aber es gibt nicht nur solche Luxusvillen, sondern auch schöne einfache Häuser am Ufer. Insgesamt erinnert die Landschaft uns vielfach an unser altes Heimatrevier Schlei, kein Wunder, dass es uns so gut gefällt. Noch dazu, wenn wir vom Ankerplatz aus einen solchen Sonnenuntergangsblick genießen dürfen:
Wenn wir schon mal in den USA sind, ankern wir doch gleich mal vor dem Kapitol. Ähh, Moment, wir sind doch in Annapolis, nicht mehr in Washington D.C.
Stimmt, aber auch hier gibt es ein Kapitol. Das Parlamentsgebäude ist sogar das erste der Vereinigten Staaten. Hier tagte der Amerikanische Senat 1783/1784, hier wurde der Frieden von Paris ratifiziert, mit dem die Unabhängigkeit der USA von England offiziell wurde. Und das mit seiner Kuppel ein bisschen an eine Kirche erinnernde „Maryland State House“ wird bis heute heute legislativ genutzt, ist unter anderem Sitz des Senatspräsidenten des Bundesstaates Maryland, dessen Hauptstadt das nur knapp 40.000 Einwohner zählende Annapolis ist.
Und Annapolis hat noch mehr zu bieten. Es ist Sitz der United States Naval Academy und zudem unzweifelhaft das Segelzentrum der Chesapeake Bay. Im Ort und in allen umliegenden Creeks sind die Ufer dicht mit Stegen und Booten belegt. Bei unserer Anfahrt müssen wir uns durch vier Regattafelder von Optis, Lasern und J80 kämpfen. Dann aber gibt’s mitten im Zentrum zwischen Eastport und Annapolis ein Bojenfeld. Schön ist auch, das an allen am Wasser endenden Straßen jeweils ein Dinghydock angelegt ist.
So auch an der Hauptstraße mit ihren Geschäften, (Eis-)Cafés und Restaurants, die wirklich zum Bummeln einlädt. Am Hafen liegt zudem ein nettes Restaurantviertel, belebt trotz der eingehaltenen Corona-Abstände. Masken scheinen ziemlich konsequent getragen zu werden.
Ein Denkmal für Alex Haley, den Autor der generationenübergreifenden die Sklaverei thematisierenden eigenen Familiengeschichte „Roots“ findet sich gleich in der Nähe.
Wir schlendern durch den Ort (und auch das gegenüberliegende Eastport), viele historische Gebäude, schöne, niedrige Bebauung. Außerdem treffen wir auch die Crew der Escape wieder und haben einen schönen Abend bei Annemarie und Volker an Bord, während ein Gewitter über uns hinwegzieht.
Und wir bekommen Besuch. Greg und Michael kommen an Bord, sie wollen uns die nächste Zeit begleiten. Gebracht werden sie von ihrem Neffen Roderick, mit dem wir noch einen schönen Nachmittag an Bord verbringen, bevor wir am nächsten Tag unter der markanten Chesapeake Bay Bridge Doppelbrücke weiter in Richtung Norden unterwegs sind.
Ich gebe es zu, ich habe eine Schwäche für Leuchttürme. Damit bin ich vermutlich nicht alleine, dafür sind die Bauwerke zu romantisch, ist die Symbolik zu aufgeladen. Leuchttürme geben Orientierung, weisen auf Gefahrenstellen hin, senden ein Licht in die Dunkelheit, ragen heraus. Sind standfest, solide, überdauern die Zeit und die Stürme. Und sie sind einfach schön. Ist das wirklich so? 😉
Die flachen Gewässer der Chesapeake Bay und ihrer Ansteuerung, die vielen Flussmündungen und Austernbänke, sie haben zu einer großen Vielzahl von Leuchttürmen in und an der Chesapeake Bay geführt. Einige habe ich fotografiert, wobei die meisten inzwischen streng genommen keine LEUCHTtürme mehr sind, weil sie längst außer Betrieb genommen wurden.
Begrüßt wurden wir kurz vor dem Eingang zur Chesapeake Bay zunächst von einer ungewöhnlichen Erscheinung, aus der Entfernung sah es aus wie ein riesiges Reh auf dem Wasser. Spielt uns das Hirn frühmorgens am Ende unserer Nachtfahrt Streiche? Nein, es ist tatsächlich „Chesapeake Light“. 1965 als Ersatz für das bisher dort (und jetzt als Museumsschiff im Hafen von Baltimore) liegende Feuerschiff Chesapeake errichtet und war bis 2016 in Betrieb. Es gab tatsächlich sogar eine ganze Reihe von Leuchttürmen dieser „Texas Tower“ genannten Art.
Ein kleines Stück weiter, am Cape Henry, gibt’s dann klassischere Leuchttürme zu sehen. Der rechte, ältesteste Leuchtturm von 1792 ist tatsächlich das erste autorisierte Leuchtturmprojekt der neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika. Der mittlere, schwarz weiße Turm wurde „erst“ 1882 gebaut und ist tatsächlich bis heute in Betrieb.
Auf dem Weg nach Hampton knickt das Fahrwasser dann am Thimble Shoal Abandoned Lighthouse ab, ein weiterer aufgegebener Leuchtturm, immerhin in der Seekarte auch als solcher bezeichnet. Er wurde in der Caisson-Bauweise errichtet, also wurde ein Senkkasten in den Schlamm getrieben, das Wasser und der Schlamm herausgepumpt und so das Fundament für das Bauwerk geschaffen. Der zunächst schwarze Stahlturm ist im Privatbesitz und wurde erst nach seiner Außerdienststellung (rost)rot gestrichen.
In Hampton selbst begrüßt uns das älteste noch in Betrieb befindliche Leuchtfeuer der Chesapeake Bay, das „Old Point Comfort Light“ von 1803.
Weiter nach Norden kommen wir dann am „New Point Comfort Lighthouse“ im äußersten Südwesten von Mathew County vorbei. Der leuchtet nicht mehr, die Seekarte weist ihn als „Landzeichen zur Leuchtfeuerunterstützung“ (der beiden roten Leuchttonnen vor ihm) aus.
„Wolf Trap Light“ von 1894 ist der nächste stillgelegte (Caisson-)Leuchtturm auf unserem Weg. Er ist in Privatbesitz, man kann dort übernachten. Benannt wurde er nach dem auf dem dortigen Flach 1691 auf Grund gelaufenen Schiff „Wolfe“ der Royal British Navy.
„Cove Point Lighthouse“ am Fuß der fossilienreichen lehmigen Steilküste Calvert Cliffs ist wiederum ein am Ufer auf festem Grund errichtetes steinerner Leuchtturm (von 1820). Er ist heute eine Außenstelle des Museums von Solomon.
„Point No Point Lighthouse“ von 1904 sieht ein bisschen ähnlich aus wie Wolf Trap, ist jedenfalls auch achteckig. Der Leuchtturm hat nicht nur einen skurrilen Namen sondern auch eine erstaunliche Aufgabe: er dient den Navy-Flugzeugen als Markierung für ihr Zielgebiet bei Schießübungen. Die schon angesetzte Versteigerung des Turms wurde deshalb wieder abgesagt. Der Zustand aber scheint inzwischen ziemlich marode.
Trotzdem aber noch nicht ganz so schlimm wie bei „Sharps Island Light“. Nicht nur ist die Insel Sharps Island längst wegerodiert, der Leuchtturm von 1882 wurde zudem auch noch von schwerem Eisgang im Winter 1977 so auf die Seite gedrückt, dass der seitdem vor sich hin rostende Metallturm den Spitznamen „Leuchtturm von Pisa“ bekam, trotzdem aber in der Seekarte nur als kleines eingekreistes Kreuz auftaucht. Wenn man draufklickt, erscheint der Hinweis „Haus“ 😳:
Aber neben so viel marodem, es gibt auch Perlen. Eine davon ist auf alle Fälle „Thomas Point Shoal Light“ von 1875, quasi der Paradeleuchtturm der Chesapeake Bay und eines ihrer Wahrzeichen. Kurz vor Annapolis segeln wir unter Gennaker an ihm vorbei:
Interessanterweise ist diese so ungewöhnlich scheinende Leuchtturm-Bauweise das Grundmuster, nach dem ursprünglich auch die Vorgänger vieler der oben gezeigten Leuchttürme konstruiert waren. Screw piles, Schraubsäulen wurden in den meist weichen Grund gedreht, die Plattform errichtet, ein Holzhaus darauf gestellt.
52 Leuchttürme dieser Art gab es ursprünglich in der Chesapeake Bay, der einzige noch in Funktion verbliebene ist „Thomas Point Shoal Light“. Andere sind abgebaut und in Museen wieder aufgebaut worden (z.B. in Solomon und in Saint Michaels). Manchmal wird eine Mini-Variante als Wintergarten oder Teehäuschen auf dem Steg montiert. Sogar komplette Nachbauten gibt es, wie etwa in der Stingray Point Marina in Deltaville.
Nach der Begrüßung mit Feuerwerk und der wunderbaren Stimmung statten wir am nächsten Tag dem Ort Saint Michaels einen Besuch ab. An schönen Villen entlang geht’s mit dem Dinghy in den Hafen und einmal mehr stellt sich die Frage: wohin mit dem Dinghy?
Allzu häufig findet sich auch an scheinbar öffentlichen Stellen dann doch ein Schild, dass auf den Privatbesitz und damit das Verbot hinweisen, dort festzumachen. In einer Ecke des Hafens finden wir dann aber doch einen Schwimmsteg, an dem schon ein Dinghy liegt, wir nehmen das als Einladung.
In jedem Fall lohnt der Spaziergang durch den schönen Ort. Wir begegnen freundlichen Menschen. Einmal fotografiere ich eine Veranda mit den typischen Schaukelstühlen, als eine Frau aus dem Haus kommt. Als sie uns sieht, entschuldigt sie sich, mir durchs Bild gelaufen zu sein (sic!) bevor ich um Verzeihung dafür bitten kann, einfach ihr Haus zu fotografieren. Wir kommen ins Gespräch, sie fragt, woher wir kommen. „Germany? Please wait here.“ dann verschwindet sie schnell im Haus und holt ihre Mutter. Die Familie hat einige Jahre in Deutschland gelebt, Zweibrücken, Pirmasens, Ulm. Schöne Erinnerungen. Uns wird der hintere Garten gezeigt, der Anbau. Der Vater kommt auch noch dazu.
Schön auch, dass sich der Ort mit einer belebten und von Geschäften gesäumten Hauptstraße und vielen verträumten kleinen Nebenstraßen zeigt, alles ohne größere Bausünden. Covid ist präsent, die Maßnahmen werden Ernst genommen. Die Situation und auch die Reaktion darauf ist in den Bundesstaaten der USA sehr unterschiedlich, das wird immer deutlicher. Derzeit ist es so, dass wir nach New Jersey, New York, Rhode Island und Connecticut ohne Quarantäne segeln können, die Einreise dahin aber etwa aus den Staaten Florida, Texas, South- oder North Carolina mit einer zweiwöchigen Quarantäne verbunden wäre.
Aber im Moment sind wir erst mal hier in Saint Michaels, MD (Maryland). Es macht Spaß, einfach umher zu bummeln, sich treiben zu lassen. Wir trinken ein Bier im Außenbereich der kleinen Brauerei. Speisekarten sind aufgrund von Covid inzwischen oft einfache Papierkopien, die nach einmaligem Gebrauch weggeworfen werden. Hier geht man einen anderen Weg: mit dem eigenen Handy den auf dem Tisch stehenden QR-Code scannen, so geht’s auch.
Und wir lassen uns im schattigen Innenhof eines Restaurants Muscheln und Crawfish schmecken, die örtliche Spezialität neben den allgegenwärtigen Bluecrabs. Lecker!
Und weil die politische Situation natürlich auch hier immer Thema ist: Wir sehen viele US-Flaggen. Die Stars and Stripes sind aber weder jetzt um den Independence Day herum noch sonst Ausdruck der Unterstützung für Trump. Solche wird vielmehr mit eigenen (meist unter der US-Flagge gehissten) Trump-Flaggen gezeigt. Wir sehen das oft auf Motorbooten oder in Vorgärten. Aber auch das Gegenteil ist präsent, insbesondere in den Black-Lives-Matter-Schriftzügen, den sehr häufig zu sehenden Regenbogenfahnen oder wie hier in einem Vorgarten:
Und obwohl es uns hier richtig gut gefällt, jetzt geht es weiter. Wir segeln wieder hinüber auf die andere (westliche) Seite der Chesapeake Bay, ins Segelmekka Annapolis.
Nee. Nicht meteorologisch. Das Wetter ist weiterhin fein, überwiegend sonnig, tagsüber um die 30 Grad Celsius (mit den hier verkündeten Grad Fahrenheit stehen wir noch auf Kriegsfuß). Derzeit auch ab und zu mal heißer, gestern hatten wir bis 34 Grad. Nachts so 23 oder 24 Grad, das kann man gut aushalten, zumal wir bisher weitestgehend von Mückenalarm verschont geblieben sind.
Von den Orten her gibt’s schon eher Hochs und Tiefs. Die Einsamkeit im Smith Creek war auf alle Fälle ein Hoch, dagegen konnte uns Solomon am Patuxent River nicht so recht begeistern. Vom Cruising Guide als „one of the Chesapeake’s top destinations for cruising boaters“ beschrieben, statten wir dem für uns auch günstig nahe der Flußmündung gelegenen Ort einen Besuch ab. Und tatsächlich finden sich hier acht (8!) Marinas und auch sonst Unmengen von Booten, in welchen Arm des verzweigten Creeksystems man auch einbiegt. Wir ankern in einem kleinen Nebenarm dicht bei einer Marina. Dann geht’s mit dem Dinghy hinüber zum – tja, wohin eigentlich? Ein Zentrum scheint es nicht zu geben, auch vielen moderneren amerikanischen Orten ist dieses Strukturprinzip ja eher fremd. Und wie sich dort Supermarkt, Tankstelle, Diner, Restaurant und Geschäfte irgendwo entlang der Durchgangsstraße verteilen, so gibt es auch hier keine zentrale Hafenpromenade, an der sich etwa die Restaurants finden ließen und auf der man entlang bummeln könnte. Statt dessen: Stückwerk, überwiegend Privatgrundstücke am Wasser. Auch ein ausgewiesenes Dinghydock gibt es nicht, lediglich bei einzelnen Restaurants oder Bars kann man anlegen. Das spricht uns nicht an. Eine Anlandemöglichkeit für das Beiboot gibt es am Museum, aber das ist geschlossen. Vom Wasser her kann man es erreichen, aber die Tore zur Straße sind mit Schlössern verriegelt. Bierchen im Cockpit ist aber auch schön 😋.
Kreuzend und motorend (der wenige Wind kommt von Norden) geht es für uns gleich am nächsten Tag weiter nach Saint Michaels. Auch das liegt in Maryland, aber auf der anderen, östlichen Seite der Chesapeake Bay. Diesmal müssen wir um einiges tiefer in das Labyrinth der Buchten und Creeks hineinfahren. Aber wir sehen viele andere Segler auf dem Weg, vielleicht nicht das schlechteste Omen. Und es kommt noch besser: als wir um die letzte Ecke biegen, liegen rund 50 Boote auf dem weiten Ankerplatz vor dem Ort. Und etwas entfernt eine Schute, auf der ein großes Schild prangt: „Fireworks. Danger. Stay away.“
Na, da werden wir den amerikanischen Nationalfeiertag ja gebührend begehen können. Anders als etwa zu Silvester nämlich wird hier am Independence Day der Nachthimmel künstlich und laut böllernd in Farben getaucht. Vorher werden wir noch beim Ankermanöver von Delfinen begrüßt und die Wartezeit bis zum Beginn der Pyrotechnik wird uns durch einen tollen Sonnenuntergang und einen mindestens ebenso beeindruckenden Aufgang des Vollmondes verkürzt.
Immer mehr Boote finden sich ein, als es dunkel wird irrlichtern diverse kleine und größere Motorboote aus den Creeks heran. Roten, grünen und weißen Glühwürmchen ähnlich tanzen sie aus verschiedenen Richtungen auf uns zu, am Ende sind geschätzt rund hundert zusätzliche angekommen. Manche mit Festbeleuchtung, die meisten beflaggt, Musik zieht über das Wasser. Feierstimmung mit bestem physical distancing. Und dann geht’s los: July 4th 🇺🇸 in Saint Michaels: für uns Hamburger wie das Kirschblütenfest auf der Außenalster in groß 😁.
Aber die Hochs und Tiefs beschränken sich natürlich nicht of die besuchten Orte. Auch die Technik an Bord sorgt für Abwechslung 🥺.
Kein allzu gutes Zeichen, dass die Fock (mal wieder) abgeschlagen und am Seezaun angelascht ist. Nach mehreren problemlosen Tagen lässt sie sich mal wieder nicht einrollen und kann deshalb nur so geborgen werden. Gestern Abend wollten wir uns da nicht mehr drum kümmern, aber heute morgen muss ich dann natürlich doch dran. Ich baue die Leinentrommel ab (da hab ich inzwischen schon Übung drin). Diesmal schraube ich aber auch die Furlex noch weiter auseinander, um besser an die Kugellager heranzukommen. Die werden ausgiebig mit Süßwasser gespült, auch das obere, trocknen jetzt erstmal und kriegen dann ihr (seewasserfestes) Fett. Hoffentlich hilft es, ich kann nämlich immer noch keinen wirklichen Grund für die gelegentliche Fehlfunktion finden.
Zum Trost gibt es ein herrliches Sonntagsfrühstück mit Pfannkuchen, Ahornsirup, Zaft und Apfelmus.
Für unseren ersten Ankerplatz in Maryland haben wir uns zur Abwechslung einen etwas abgelegeneren Creek ausgesucht. Verwinkelte, aber gut betonnte Einfahrt vom Potomac aus, vorbei an ein paar am Ufer stehenden Wohnwagen bei der Point Lookout Marina. Wir biegen nicht in den Jutland Creek ab, sondern zirkeln um zwei Flachs herum in eine etwas größere und aufgefächerte Bucht des Smith Creek hinein. Hier fühlt es sich an, als wäre die bewohnte Welt außen vor geblieben, als hätten wir hinter einem Paravent von Bäumen den Anker in einem stillen Waldsee fallen lassen. Keinerlei Dünung findet herein, keine Jetskis oder Motorboote sausen von und zu den Stegen am Ufer gibt es keine Häuser. Und bei dem geringen Abstand der Ufer und den schützenden Bäumen wirklich rundherum baut sich selbst in Böen keine nennenswerte Windwelle auf, allenfalls kräuselt sich die Oberfläche mal etwas mehr, wenn ein ein Fisch springt oder einer der auch hier zahlreichen Fischadler sich seine Beute holt.
Schaut man genauer hin, lässt sich ein kleinen Tidensaum am Ufer erkennen. Aber erst mit der Drohne sieht man, dass sich hinter den Bäumen doch Felder und vereinzelt Häuser finden.
Quallen gibt’s leider reichlich. Faszinierend anzusehen, wie sie gespenstergleich dicht unter der Wasseroberfläche dahinschweben, den Schleier ihrer Nesselfäden hinter sich herziehend. Aber das abendliche Bad muss eben ausfallen und die Paddleboard-Runde erfolgt auch nur mit besonderer Vorsicht.
Der wunderbaren Abendstimmung tut das keinen Abbruch.
Deltaville gefällt uns gut. Schöne geschützte Bucht, die auch zu Ankerliegern freundliche Marina, vor allem aber: nette Langfahrercommunity. Wir treffen drei Boote wieder, mit denen wir vorher schon Kontakt hatten (Arcadia 🇩🇪 , Worlddancer II 🇩🇪 und Alisara 🇬🇧 ), wir lernen natürlich auch neue kennen, hören interessante Geschichten, bekommen Tips, können ab und zu sogar selbst einen Tip geben, obwohl wir mit „nur“ einem Jahr Leben an Bord meist die Frischlinge sind.
Aber nach ein paar Tagen zieht es uns trotzdem weiter, schließlich wollen in Annapolis unsere Freunde Greg und Michael an Bord kommen und wir möchten auf der Strecke dort hinauf verschiedene Ecken der Chesapeake Bay kennenlernen und nicht hetzen.
Als nächsten Ankerplatz haben wir uns Reedville ausgesucht. Ein kleines Stück den Great Wicomico River hinauf und dann am Nordufer in den Cockrell Creek hinein. Das historische Fischerörtchen ist laut Törnführer ein „Must-visit-Port“ und bietet auch mehrere gute Ankerplätze.
Flora vor dem kleinen Creek, der zum Museumshafen führt. Die Main Street läuft einmal quer durch das Bild und ja, sie ist auch kaum länger.
Die Hauptstraße verläuft auf einem Landrücken zwischen den Creekausläufern „East Fork“ und „North Fork“, so dass sich auf beiden Seiten Wassergrundstücke befinden. Bebaut sind sie mit überwiegend historischen Wohnhäusern, die die verschiedenen Stilepochen der letzten anderthalb Jahrhunderte wie in einem Prospekt aufblättern, große Villen ebenso wie einfache Landhäuser. Dazwischen eine kleine, noch in Betrieb befindliche Holzbootwerft. Unübersehbar steht der 4. Juli und damit der Nationalfeiertag bevor, Flaggen und Girlanden finden sich fast überall zuhauf.
Die beiden Restaurants und auch das Eiscafé sind wohl covidbedingt nur am Wochenende geöffnet, also bleibt es bei einem Bummel durch den Ort. Auch das Fischereimuseum, dessen Steg auch als Dinghydock dient, ist leider geschlossen.
Steg des Fischereimuseums
Fischerei und Fischverarbeitung prägen aber den Ort noch heute. Eine große Flotte von Menhaden-Fischkuttern liegt rund um die „Omega-Protein“-Fischfabrik am Eingang des Creeks. Das sind sehr spezielle Fischereischiffe, die zwei kleinere Tochterboote am Heck transportieren. Mit denen wird ein Ringnetz um die Schwarmfische herum ausgebracht und dann auf den Großen Kutter gehievt. Der Name Omega-Protein verrät schon viel. Dem kleinen, mit dem Hering verwandte Menhaden-Fisch wird nämlich nicht wegen Schmackhaftigkeit nachgestellt, er ist fettig und sehr grätenreich. Statt als Speisefisch wird er zu Omega-3-Fischöl oder noch profaner zu Fischmehl verarbeitet. Das funktioniert offenbar nicht ganz geruchsfrei, aber wegen der Windrichtung ziehen nur selten Schwaden mit Fischmehl-Odor über unseren Ankerplatz und den Ort.
Das Morgenbad am Ankerplatz allerdings breche ich schon ab, bevor die Fußspitze das Wasser berührt, eine Vielzahl kleiner Quallen zieht rund ums Boot. Rippenquallen und Löwenmähnenquallen (=gelbe Feuerquallen), bäh. Dabei ist es sonst so schön hier.
Dann doch lieber los, schließlich ist Segelwind (allerdings aus Nord) und wir wollen heute Virginia verlassen und eine Ankerbucht auf der nördlichen Seite des Potomac, also in Maryland suchen. Der Wechsel des Bundesstaates bedeutet aber auch, dass wir die CBP (Coast and Border Protection) in Maryland einmalig über unseren Törnfortschritt und den Eintritt in ihr Zuständigkeitsgebiet informieren müssen. Also Anruf bei der Zentrale in Baltimore, durchstellenlassen zum Officer on Duty. Der muss erst ein paar Kollegen fragen, holt dann ein paar Daten zu Boot, Kapitän und Cruising Licence ein, fertig. Er ermahnt uns aber, das Procedere in jedem anderen Bundesstaat zu wiederholen. Ja, wissen wir. Auch, dass die Strafgebühren sonst heftig wären. Aber wir haben ja jetzt auch erfahren, wie problemlos das System zu funktionieren scheint.
Fein ist, dass wir bisher an jedem Segeltag hier in der Chesapeake Bay Delfine gesehen haben. Meist nur in einiger Entfernung, aber immerhin, damit hatten wir so gar nicht gerechnet. Schon jetzt sind es jedenfalls mehr, als wir in der Karibik beobachten konnten (o.k., dafür hatten wir da ein paar Mal Wale).
Und überhaupt, wer wollte sich beschweren, wenn er so den breiten Potomac hinaufsegeln darf.