Wrangell Narrows: Stömungsrechnungen

Ein bisschen Bammel haben wir schon. Der Tidenhub in Petersburg beträgt etwa 5 Meter und wir wollen von hier aus nach Süden durch die etwa 21 sm langen Wrangell Narrows fahren. Die natürliche Verbindung zwischen dem Frederick Sound im Norden und der Sumner Strait im Süden ist schon recht schmal, aber an vielen Stellen dazu auch noch flach oder in einigen Buchten und generell entlang der Ufer sogar trocken fallend. Trotzdem ist sie eine der Hauptverbindungsstrecken für den Schiffsverkehr der Inside Passage in Alaska, deshalb ist an besonders flachen Stellen eine 100 m breite Rinne ausgebaggert. Allerdings sind 100 m nicht viel, wenn einem dort Schubverbände oder Kreuzfahrer begegnen. Klar, dass in solchen Engstellen außerdem besonders viel Strömung setzen kann, an unserem geplanten Abfahrtstag sind bis zu 4,9 kn prognostiziert.

Jetzt gilt es also die Abfahrt so zu timen, dass die Strömung mit setzt und nicht gegen uns steht. 6 Stunden mit setzende Tide, das sollte für 21 sm ja wohl locker reichen, oder?

Ganz so einfach ist es leider dann doch nicht. Die Wrangell Narrows liegen eben zwischen zwei größeren Meeresarmen, die sich beide breit und kräftig bis zum offenen Pazifik hinziehen. Das führt dazu, dass die Flut von beiden Seiten der Narrows her aufläuft und die Ebbe eben sowohl zum Frederick Sound als auch zur Sumner Strait hin abläuft.

Es gibt noch zwei weitere Verbindungen zwischen den beiden großen und weit in die Inselwelten Südost-Alaskas hineinragenden Meeresarmen: die superflache und deshalb kaum befahrbare Dry Strait etwas weiter östlich und den westlicher gelegeneren, etwas längeren und deutlich kniffligeren Rocky Pass. Beide machen ihren Namen Ehre. Also dann doch die Wrangell Narrows.

Wenn wir eine gute Stunde bis eineinhalb Stunden vor Hochwasser losfahren, sollte uns die auflaufende Flut also hoffentlich die zehn Seemeilen bis zur Mitte der Wrangell Narrows schieben, die Tide dann kippen und die Ebbe uns auf der anderen Hälfte hinaus in die Sumner Strait beschleunigen. Im letzten Zwölftel der Flut bzw. ersten Zwölftel der Ebbe wird die Tide zwar nicht so stark sein, aber klappen müsste es schon. 🤞

Wir fahren los und wir haben Glück. Ein aufkommender Schubverband einer mit Containern beladener Barge fährt nicht durch, sondern bremst kurz bevor er uns erreicht in der Scow Bay ab um seine Fracht zu entladen. Und erst nach unserer Passage kündigt sich das erste Kreuzfahrtschiff über Funk an. Die Tide schiebt allerdings extrem unterschiedlich, mal fast gar nicht, mal mit 3 kn. Mit der Ebbe verhält es sich „bergab“ genauso, aber wir kommen eben gut durch. Für die eigentlich wunderschöne Landschaft heben wir dabei jedoch kaum ein Auge, die über 50 Seezeichen der gut betonten Passage fordern unsere Aufmerksamkeit.

Kein U-boot, sondern eine der gemauerten Fahrwassertonnen. Wegen der Tide schiebt sie eine Bugwelle.

Am Ende ist es dann zum Glück halb so wild wie erwartet. 😊

Bis nach Wrangell fahren wir allerdings nicht gleich durch, dafür lag das Nachmittagshochwasser dann doch schon zu spät. Statt dessen ankern wir auf der anderen Seite der Sumner Strait im Saint John Harbour, einer durch mehrere westlich gelegene Inseln gut geschützten Bucht auf Zarembo Island.

Die ausgedehnten Mudflats am Ankerplatz sollen einen artesischen Brunnen beherbergen, aber den finden wir bei unserem Landspaziergang am nächsten Morgen leider nicht. Nachdem es die ganze Nacht hindurch kräftig geregnet hat freuen wir uns umso mehr über den sonnigen Tag und die interessanten Muster, die die Moorbäche aus den Mudflats rund um die Flora herum im Meerwasser bilden (wir ankern übrigens jetzt bei Ebbe noch auf 11 m Tiefe):

Und die Sonne bleibt uns noch den ganzen Tag auf der (ganz langsamen, trotzdem diesmal nicht von Angelerfolg gekrönten) Weiterfahrt nach Wrangell treu. Sonnenbrillenwetter.

😎

Ins Eis

Nach einem Übernachtungsstop in der Portage Bay, noch völlig geflasht von dem beobachteten Bubble-Net-Feeding der Buckelwale, fahren wir den Frederick Sound weiter bis zu seinem Ende vor der Dry Strait und wählen als nächste Übernachtungsbucht die Ideal Cove.

Für uns liegt sie tatsächlich ideal, denn schräg gegenüber auf der Festlandsseite liegt die Le Conte Bay. Und die wiederum beherbergt Nordamerikas südlichsten „Tidal Glacier“, also in die Tidengewässer hineinreichenden Gletscher. Zwar müssen wir einen ordentlichen Bogen um das große trockenfallende Gebiet machen, dass sich dazwischen erstreckt und als Mudflat einen Teil der Spülsände des flachen aber mächtigen Stikine River aufnimmt. Trotzdem ist es der dem Gletscher am nächsten gelegene gut geschützte Ankerplatz.

Wir verlassen ihn schon am frühen Morgen, denn wir möchten mit auflaufendem Wasser über die flache Barre vor der Le Conte Bay und auch weiter in Richtung des Gletschers, um möglichst wenig entgegen kommendes Eis zu haben, das zudem ja hinter uns auf der nur 6 m flachen Barre des ansonsten tiefen Fjords stranden und die Ausfahrt erschweren könnte.

Schon bei der Anfahrt sehen wir einige große Brocken, aber es ist genug Platz. Wir freuen uns an den je nach Lichteinfall so unterschiedlich schillernden Farben im Eis und den von der Natur modellierten Formen der Eisskulpturen.

Aber größere Growler oder gar Eisberge bereits hier draußen bedeuten, dass der Gletscher eine Phase aktiveren Kalbens hatte und so wird die Fahrrinne zusehends enger, das abgebrochene Gletschereis treibt immer dichter. Als wir vor uns den über 800 m in die Tiefe stürzenden Wasserfall auftauchen sehen, der aus dem hoch gelegenen Gletschersee des Summit Glacier gespeist wird (anders als der Le Conte ein „Hanging Glacier“ oben in den Wolkenverhangenen Bergen) können wir schon aus der Ferne das sich vor ihm stauende Eis erkennen.

Wir arbeiten uns – zunehmend im Slalom fahrend – noch ein ganzes Stück näher in Richtung Le Conte Glacier heran.

Aber irgendwann ist für uns Feierabend. Mit der Drohne sehen wir zwar, dass wir noch weiter durchkämen, wenn wir uns an den äußeren Rand durcharbeiten, aber es ist uns für heute genug Nervenkitzel. Lieber lassen wir uns noch ein ein wenig zwischen den Eisriesen und ihren kleinen Geschwistern treiben und genießen die Lichtspiele.

Ein Video dazu gibt’s hier: Flora im Eis

Der tägliche Weißkopfseeadler hat sich heute wieder auf dem Eis niedergelassen, gleich im Doppelpack und stilbewusst auf einem majestätisch hochaufragenden Aussichtsplatz.

Da muss die Möve dann mit dem kleineren Growler Vorlieb nehmen.😉

Ach ja, frisches Gletschereis für den Drink will auch noch gefischt werden.

Findet sich heute Abend im Gletscher-Aperitif, zu Essen gibt’s den selbstgefangenen Felsenbarsch gedämpft mit gebratenem grünen Spargel und Zitronen-Pastis-Bavette.

😊

Wal, Wal, Wal

Was für eine Show! Wir sehen praktisch jeden Tag Buckelwale und bereitet uns jedes Mal eine große Freude, aber so hatten wir das noch nicht.

Auf unserem Weg durch den Frederick Sound zeigen uns zunächst einzelne Wale einen Blas oder ab und zu mal (bevor sie tief abtauchen) eine Fluke. Dann aber tauchen vor uns die Rückenflossen von mindestens 10 Walen gleichzeitig auf, weitere folgen in kurzem Abstand. Dann die Fluken und sie sind alle weg.

Rechts im Hintergrund der 2.767 m hohe „Devils Thumb“, so steil, dass kein Schnee darauf zu haften scheint

Da wird doch wohl – da könnte doch … Wir lassen Flora mit laufendem Motor treiben und warten ab. Dann beginnt das Spektakel. Ein Stück voraus scheint das Wasser zu kochen, Möven kreisen darüber. Und dann schieẞen die Wale in diesem Kreis mit weit geöffnetem Maul dicht an dicht gedrängt in die Höhe: Bubble-Net-Feeding!

Gleich mehrfach dürfen wir eine Gruppe von 15 bis 20 Buckelwalen bei dieser ganz besonderen, aufwändig koordinierten Jagdtechnik beobachten. Die Wale treiben einen großen Schwarm von Beutefischen zusammen und lassen dann aus ihren Atemlöchern – choreografiert von einem Leittier – einen dichten kreisförmigen Vorhang aus Luftblasen entweichen. Aus dem so gebildeten Kessel können die Beutetiere nicht mehr fliehen und die Walgruppe stößt nun mit aufgerissenen Mäulern gemeinsam nach oben.

Zig Tonnen Wasser kann ein einzelner Buckelwal dabei filtern, spezielle Falten im Unterkiefer sorgen für extra Volumen. Diese Wale haben keine Zähne und können ihre Beute nicht zerkleinern. Durch ihren Schlund passen nur Fische, die maximal einen Durchmesser einer Pampelmuse haben. Mit ihren Barten seihen sie diese Beute aus dem Wasser, größerer Fang wird einfach wieder ausgespuckt.

Fasziniert beobachten wir das Bubble-Net-Feeding, wieder und wieder. Irgendwann löst sich die Gruppe dann auf und die Wale schwimmen in verschiedene Richtungen auseinander. Einige scheinen (zum Glück in einiger Entfernung) Freudensprünge zu vollführen und wuchten ihren massigen Körper mehrfach ganz aus dem Wasser.

Andere schwimmen dicht an uns vorbei und tauchen dann ab, wie um uns Zuschauern zum Abschied noch einmal huldvoll mit der Fluke zuzuwinken.

Danke für die Vorführung und den Platz in der ersten Reihe!

😊🙏

Angelerfolge bei Red Bluff Bay und Kuiu Islands

Von Warm Springs sind es nur gut 15 sm bis zum Eingang von Red Bluff Bay. Das nutzen wir, um mit dem von Jeff geschenkten Köder an der einen Angel und unserem „diving device“ an der anderen zu trollen (also die Köder hinter dem Schiff zu ziehen). Für Lachse soll der Köder nicht an der Oberfläche schwimmen, sondern irgendwo zwischen 10 und 40 m Tiefe.

Jeffs Köder besteht aus einem schweren roten Bleigewicht, dann einem sogenannten „Flasher“, der nur Aufmerksamkeit erregen soll, und dem eigentlichen Köder (Tintenfisch-Imitat). Unser „diving device“ ist ein hier in jedem Angelshop zu kaufendes Konstrukt, dass in der Normalstellung die Leine beim Schleppen steil nach unten zieht. Beißt ein Lachs, rutscht die Leinenbefestigung auf dem Bügel nach hinten, das gleichzeitig als Flasher dienende Plastikteil kippt dadurch aus der Sink- in die Auftauchstellung und zieht dem Fisch nach oben. So jedenfalls die Theorie.

Unser Problem beim Trollen für Lachs: wir müssen extrem langsam fahren. Hatten wir für Thunfisch und Mahi Mahi einfach bei normaler Fahrt von sagen wir mal 6 kn geschleppt, verspricht das bei Trollen auf Lachs nur Erfolg, wenn wir zwischen 1,2 und maximal 3 , besser 2,5 Knoten „schnell“ unterwegs sind. Unter Maschine sind wir schon im Standgas flotter. Jeff löst das auf seinem Kutter, indem er die bremsenden Stabilisatoren im Wasser hat und zudem auf jeder Seite einen Treibanker schleppt 🤔. Den Aufwand wollen wir nicht treiben, also heißt es Gang rein bis wir 3 kn erreichen, dann Leerlauf bis wir auf 1 kn runter sind, Gang wieder rein und so weiter 😖.

Aber auf dem Weg nach Red Bluff haben wir so wenig Wind, sodass wir zwischendurch gaaaanz langsam segeln können. Perfekt.

Tatsächlich fangen wir auf Jeffs Köder einen der begehrten Coho-Lachse (auch Silberlachs genannt). Na also! Danach holen wir beide Angeln ein, dass reicht für uns erstmal.

An der Einfahrt in die Red Bluff Bay grüßen die namensgebenden und für diese Gegend eher untypischen roten Felsen, dann schlängeln wir uns zwischen einigen kleinen, dicht mit Tannen bestandenen Inseln hindurch und die bisher so herrlich scheinende Sonne verschwindet. Wir sind im Schatten der steil am Ufer aufragenden Gebirgswand, die das schmale Tal der Bucht so beeindruckend einrahmt. Selbst der sonst nicht übermäßig zu Superlativen neigende über 400 Seiten umfassende Törnführer „Douglas: Southeast Alaska“ schwärmt: „Red Bluff Bay is perhaps the most spectacular combination of mountains, waterfalls and icefields in Southeast Alaska.“ Tatsächlich halten sich an der fast senkrecht aufragenden Wand noch Tannen. Ein dahinter liegender Gebirgssee speist auch hier einen kräftigen Wasserfall. Die bei der Anfahrt noch sichtbaren, an die Dolomiten erinnernden spitzen Grannitzinnen mit ihren Schneefeldern sind hier durch die Steilwände vor unserem Blick verborgen, erst tief in der Bucht kommen sie wieder zum Vorschein.

Zwei Engstellen schirmen den hinteren Teil der Bucht von jeglichem Schwell ab, aber der durch die umgebenden Berge kanalisierte Wind ist selbst bei dem jetzt herrschenden ruhigen Wetter deutlich zu spüren. Auf den „Bear meadows“ am Ende der Bucht erspähen wir zwar keine der erhofften Grizzlys, aber der Ankerplatz gefällt uns trotzdem richtig gut.

Gleichwohl kreuzen wir am nächsten Tag ein weiteres Mal die Chatham Strait und aus dem Hochgebirge geht es hinüber in das Gewirr der flachen Kuiu Islands.

Auf dem Weg bleibt das Trollen diesmal erfolglos, aber am Ankerplatz treffen wir auf unsere Freunde mit der Denali Rose. Flora und Densli Rosé kuscheln, Bill brät auf seinem Bordgrill unsere Lachsfilets, die wir dann bei uns im Cockpit essen. Es wird mal wieder ein schöner Abend. Für den nächsten Tag verabrede ich mich mit Bill zum Heilbutt-Angeln.

Dazu lassen wir uns mit dem Dinghy von der Tide über Plateaus treiben, die im umgebenden tiefen Wasser quasi kleine Berge bilden. Heilbutt soll sich angeblich an solchen Plätzen besonders gern aufhalten, aber damit ist dieser große Plattfisch leider nicht allein. Uns jedenfalls geht zunächst nur Rockfisch (Felsenbarsch) an die Haken. Der ist im Prinzip auch sehr lecker, bloß gibt es von ihm diverse Arten. 15 verschiedene listet allein die „Sport fishing regulatory summary“ auf, die Broschüre, die wir beim Erwerb unserer Angellizenz ausgehändigt bekommen haben. Die Arten werden dabei in drei Gruppen unterschieden: 5 verschiedene Arten sind „Pelagic“, davon darf jeder von uns pro Tag 5 Stück fischen und maximal 10 im Besitz haben. 5 weitere Arten sind „Slope Rockfish“ davon dürfen wir nur einen angeln und behalten. Und dann gibt es noch 5 Arten „Demersal Shelf Rockfish“, die müssen mit einer „Deepwater Release Method“ in der Tiefe freigelassen werden, in der sie gefangen wurden.

Ups, das klingt kompliziert. Ist aber nicht so schwer. Ein großer Haken (ohne Widerhaken) mit einem starken Bleigewicht dran wird durchs Maul des Fisches gehakt und zieht ihn in die Tiefe. Durch einen Ruck an der abgelassenen Leine löst sich der Haken und der Fisch kommt frei. Hintergrund ist, dass diese Rockfish-Arten beim schnellen Aufholen der Angel ihre Schwimmblase so sehr ausdehnen, dass sie danach nicht ohne Hilfe abtauchen können sondern hilflos an der Oberfläche treiben. Nicht schön.

Aber jedenfalls angeln wir außer den wieder freigelassenen auch drei schöne Pelagic Rockfish und – als wir gerade zurück fahren wollen – zwar keinen Heilbutt aber immerhin auch noch einen Lingcod (Kabeljau). Fisch für die nächsten Tage ist also gesichert und wir müssen erstmal nicht langsam durch die Gegend trollen.

Da können wir es uns leisten, erst nach Mittag loszufahren. Gut so, denn am Morgen sieht’s so aus:

Mit der Drohne aufgestiegen, präsentiert sich über dem Nebel aber ein strahlend blauer Himmel.

Wie von Bill vorhergesagt, verzieht sich der Nebel aber mit steigender Flut und der kräftiger werdenden Sonne.

☀️

Wale, heiße Quellen und nette Menschen. Über Cannery Cove nach Warm Springs

Es ist ein langes Stück die Stephens Passage hinunter, etwas über 50 Seemeilen bis zu unserer nächsten Ankerbucht in der Cannery Cove. Zur Unterscheidung kein sonderlich glücklich gewählter Name bei der Unzahl von Konservenfabriken, die noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Alaska existierten und gefühlt jede zweite Bucht zu einer Cannery Cove machten. Inzwischen sind die Gebäude nach dem Niedergang der lokalen Eindosung von Lachs ganz überwiegend verfallen und verschwunden, so auch hier. Ziemlich neu scheint ein Luxusressort am Eingang der Bucht mit Anleger für Wasserflugzeuge und diversen Booten für Angelausflüge. Mit seinen einzeln stehenden Holzhäusern passt es sich gut in die Landschaft ein und wir bekommen sonst nicht viel von ihm mit, abgesehen vom gelegentlichen Landen eines Wasserflugzeuges und zwei Booten, die mit Gästen vorbeikommen und diese die Krebskörbe einholen lassen.

Der Hit der Cannery Cove ist die Landschaft. Der steil ansteigende Talkessel rahmt das Ende der Bucht mit schneebedeckten Bergen, während vor der Einfahrt eine Vielzahl kleinerer, dicht mit Tannen bestandener Inseln pittoreske dunkelgrüne Tupfer in das Blau des Wassers setzt. Oder – wie am nächsten Morgen – in das Weiß des sich schnell auflösenden Morgennebels.

Als wir aufwachen, sehen wir aus Floras Fenstern nur wabernde Schwaden in für unsere Blicke undurchdringlicher Suppe, nach dem Morgenkaffee ziehen sich eine halbe Stunde später bereits nur noch einzelne Nebelstreifen an den Hängen der Berge entlang.

Bei herrlichem Wetter lichten wir Anker und fahren den Frederic Sound um die Südspitze von Admirality Island herum, queren die Chatham Strait und laufen in die Warm Springs Bay ein. Den ganzen Tag über sehen wir immer wieder Wale. Mal noch weit entfernt vor dem Hintergrund der hohen weißen Spitzen von Baranof Island, mal zeigen die Buckelwale ihre Fluken dicht an der Flora. Haben wir doch schon gesehen? Ja, aber es fasziniert uns jedesmal aus Neue.

Warm Springs Bay weist gleich mehrere Besonderheiten auf. Zum einen rauscht ein Wasserfall weiß und schäumend gleich neben der Handvoll Häuser in den Scheitel der Bucht. Gespeist wird er von einem höher liegenden Bergsee. Zum Zweiten gibt es einen Anlegesteg. Der ist praktisch, muss aber wegen der von der Tide und den Wassermassen der nahen Kaskade verursachten Strömung vorsichtig angefahren werden, zumal auch noch ein Unterwasserfelsen vor seinem Ostende verborgen ist. Von Donna und Bill haben wir den Tip, den Steg mit einigem Abstand parallel anzufahren und uns von der Strömung heran drücken zu lassen. Klappt auf Anhieb wunderbar. Später können wir dann beobachten, wie Booten bei „normaler“ Anfahrt der Bug weggedrückt wird und sie das Manöver abbrechen müssen.
Die dritte Besonderheit dieses Ortes sind – na klar – die warmen Quellen. Direkt am Hafen gibt es ein kostenlos zu nutzendes Badehäuschen. In drei Kabinen findet sich jeweils eine King-Size-Badewanne mit Platz für eine vierköpfige Familie. Ein Schlauch führt (nur leicht schwefeliges) Heißwasser aus den Bergen heran, einer frisches Kaltwasser vom Wasserfall. Zum Wasserfall hin sind die Kabinen offen, wer mag, kann einen Vorhang zuziehen.
Wir lassen uns ordentlich einweichen. 😊

Der eigentliche Kracher aber erfordert eine kleine Wanderung den Berg hinauf und durch den Wald. Der Pfad ist teilweise ein bisschen schlammig, Holzbohlen machen ihn aber auch in den sumpfigen Abschnitten gangbar.

Der Trail führt hinauf bis zum Bergsee und mit einer Kletterpartie an den Felsen entlang auch auf ein kleines Plateau mit tollem Blick.

Eine Abzweigung mitten im Wald leitet uns zu den Stromschnellen zwischen Bergsee und Wasserfall. Hier, direkt am Ufer des reißenden Flusses, finden sich die eigentlichen Namensgeber der Bucht, die warm Springs. Eher heiße als warme Quellen, ergießen sie sich in drei gestaffelte Natursteinbecken nacheinander, wobei die Temperatur langsam abnimmt. Das erste ist einfach zu heiß, im dritten Becken finden wir immer noch gesteigerte Badewannentemperatur. Derart aufgeheizt, können wir in ein Kaltwasserbecken der Stromschnellen als Sauna-Tauchbecken nutzen und uns gleich danach wieder wohlig durchwärmen lassen.

Das i-Tüpfelchen auf diese wundervollen Highlights setzen einmal mehr die Menschen, deren Bekanntschaft wir hier machen dürfen.
Auf einem Dinghyausflug in eine Nebenbucht sehen wir neben einem Grizzly am Ufer auch viele Lachse im flachen Wasser. Ich hole meine Angel und kann tatsächlich erstmals einen Pink Salmon an den Haken bekommen. Zurück am Steg bietet mir der Fischer Jeff von seinem Kutter aus an, mir das korrekte Filetieren des Lachses zu zeigen. Nehme ich natürlich gerne in Anspruch und seine Technik unterscheidet sich auch deutlich von der, die ich bisher bei Thunfisch und Mahi Mahi erfolgreich angewendet habe. Gut zu wissen.

Auf der Flora klönen wir danach ausgiebig mit Jeff. Der Profi, der seine Fischerei-Leidenschaft allerdings erst vor einigen Jahren auch zu seinem Beruf machte, findet unsere Angelausrüstung allerdings nicht optimal. Kurzerhand finden wir nach einem späteren Ausflug „ordentliche“ Köder auf unserem Deck!

Auch der Stegschnack mit Jim, dem einzigen anderen Segler an unserem Ponton, entwickelt sich zu einem weiteren Beispiel amerikanischer Gastfreundschaft. Jim war deutlich erfolgreicher als wir beim Lachsangeln, kurzerhand bringt er uns selbst geräucherten Fisch vorbei. Seinen Bordgrill hat er zum Räuchern umgebaut. Nicht so gut wie zu Hause, wo er einen großen Räucherofen hat, findet er. Eine echte Delikatesse, finden wir! Jim erklärt uns, wie lange und bei welcher Temperatur die einzelnen Räucherabschnitte erfolgen sollten. Und er erläutert auch, wie wir aus den Lachsrogen am besten leckeren Lachs-Kaviar machen können. Nicht nur theoretisch natürlich, selbstgemachten Kaviar dürfen wir auch gleich probiere. Außerdem hat er viele Tips für unsere weitere Strecke parat, 22 mal ist er bereits von Seattle nach Alaska gesegelt, 13 mal hat er dabei Flottillen von Booten geführt, die die Eigner vorher bei ihm als Vertreter unter anderem von Janeaux, Nauticat und Nordic Tug gekauft hatten.

Ein kleines bisschen können wir uns revanchieren: mit selbst gebackenem Blaubeerkuchen, von uns in Rum eingelegte getrockneten Beeren im Teig und frisch gepflückte wilde Blaubeeren in einem leckeren Topping.

Nachtrag: Jeff, Dein Köder hat sofort gefangen. Ein Coho-Salmon an Bord und schon gemäß Deiner Anleitung filetiert. 😋

Ganz lieben Dank.

Prepare for … Rain. Kleine Besonderheiten in Alaska

Ziemlich offensichtlich: das Bärenspray, na klar. Die XtraTuf-Gummistiefel, hier liebevoll auch Alaska-Sneaker genannt, o.k. Trotz dieser Standard-Fußbekleidung sind übrigens Regenschirme sehr selten zu sehen. Die Broschüre der Stadt Juneau hat dazu zwei Hinweise: erstens „Prepare for rain, hope for sun!“ und zweitens – frei übersetzt – „Wir haben keine Regenschirme, wir klappen Kragen oder Kapuze hoch.“

Blick in den Vorraum einer Lodge
Blick nach unten

Für den Cruiser bietet Alaska noch ein paar weitere Besonderheiten. Zum Beispiel, was die Ausrüstung angeht. So wohnt seit heute eine fünf Meter lang rote Schlange auf unserem Boot.

Kannten wir bisher nicht, gibts hier aber bei jedem Bootsausrüster. Die Schlange heißt „Anchor Buddy“. Das Besondere an ihr: sie kann sich auf 16 m Länge strecken und zieht sich dann wieder zusammen. Als Ankerleine fürs Dinghy benutzt (bei größerer Wassertiefe als Vorläufer für die zusätzliche Ankerleine), holt sie das Dinghy nach dem Aussteigen (und Sichern mit einer langen Landleine) von den Felsen weg in tieferes Wasser. Das ist nützlich bei dem Tidenhub, vor allem aber ist das Dinghy so vom Land entfernt und nicht für Bären zugänglich, die sich von den Gerüchen im Dinghy sonst ziemlich unwiderstehlich angezogen fühlen und nach Fressbarem suchen. Dabei sollen die Schläuche dann schon mal gelegentlich in Fetzen gehen. Das möchten wir doch gern vermeiden.

Andere empfehlenswerte Ausrüstung legt der Törnführer zum Beispiel für die Glacier Bay nahe. Sehr nachdrücklich wird dort und auch vom betreuenden National Park Service wegen des Eisgangs empfohlen, sowohl für das Schiff als auch für das Dinghy einen Ersatzpropeller dabei zu haben. Da waren wir glücklicherweise schon vorbereitet, denn bei Hallberg-Rassy ist bei geordertem Faltpropeller der Festpropeller als Ersatz ab Werk dabei und für unseren Außenborder haben wir ebenfalls eine Ersatzschraube dabei.

Auch die Ausstattung der Häfen weist in Alaska eine Besonderheit auf, die wir vorher so noch nicht gesehen hatten, hier aber absoluter Standard ist. Es gibt meist keine Klampen oder Poller auf den Schwimmstegen, statt dessen sogenannte „Bull Rails“.

Es ist zwar ein bisschen fisselig, die Leinen unter den massiven und mit dem Schwimmsteg (oder Ponton, selbst an den Fingerstegen) verbolzten kantigen Balken durchzufädeln, aber die Vorteile liegen ebenfalls auf der Hand. Überall am Steg kann festgemacht werden, der Schwimmsteg erhält eine kräftige Erhöhung, so dass die Fender bei Schwell nicht so einfach hoch geschoben werden und außerdem hat man eine gute (wenn auch bei Regen gelegentlich rutschige) Trittstufe zum Boot.

Eine andere Spezialität der Stege in den Häfen Alaskas sind die Tragmasten für das Hochlegen der Landstromkabel.

Donna und Bill leben ganzjährig in Alaska auf ihrer „Denali Rose“. Sie versichern uns, dass die Wasserflächen in den Häfen hier nicht zufrieren. Das Hochlegen der Landstromkabel sei aber nicht nur dem einfacheren Hinüberrollen mit den Hafenkarren geschuldet, sondern im Winter eine Notwendigkeit, um den Schnee maschinell von den Stegen räumen zu können.

Die Natur als unbestrittener Hauptdarsteller Alaskas mag da nicht zurückstehen und versorgt den Cruiser mit einer weiteren Besonderheit, die allerdings nicht auf Alaska beschränkt ist, sondern sich in vielen Gewässern insbesondere der „Hohen Breiten“ findet. Kelp. Hochwachsende Braunalgen mit zumeist kräftigen Blättern und Stengeln. Hier in Alaska sehen wir vor allem „Giant Kelp“ und „Bull Kelp“. Das ist (neben der wichtigen biologischen Funktion der Kelpwälder) manchmal äußerst nützlich. Etwa weil es in engen Einfahrten von Buchten gerade bei Niedrigwasser ziemlich deutlich die Position der Unterwasserfelsen markiert. Manchmal ist es aber auch weniger hilfreich, z.B. beim Ankern.

Im Moment lernen wir gerade noch, welche der Wildpflanzen neben den Beeren hier in Alaska essbar sind. Die Locals Donna und Bill haben uns unter anderem gedämpftes „Beach Asparagus“ empfohlen, offenbar mit Queller nah verwandt und weit verbreitet. Außerdem für den Salat „Deer Heart“, auch „False Lilly of The Valley“ genannt. Und Lamb Tongue (im Deutschen: Wollziest/Eselsohr/Hasenohr), wiederum gedämpft. Danach werden wir uns in den nächsten Buchten auf die Suche machen. Und Kelp?

Es gibt sogar Kelp-Farmen in Alaska.

😉

Juneau, Alaskas Hauptstadt

Anna, eine unserer Gastgeberinnen in der Crab Bay, stammt aus Juneau. Ihr ambivalentes Verhältnis zu Alaska und ihrer Heimatstadt hat sie uns gegenüber so beschrieben: „For 18 years I tried hard to get out of Alaska and than another 18 years to get back!” damit steht sie nicht allein. Die kleinstädtische Enge der gut 30.000 Einwohner zählenden Hauptstadt Alaskas und noch mehr der sie umgebenden Fischerdörfer, die Abgeschiedenheit vom Rest der Welt wird wohl von vielen (insbesondere von Jugendlichen) eher als Bürde denn als Privileg empfunden. Und doch, die enge soziale Verbundenheit und die phantastische Natur fehlen umgekehrt in der Anonymität ferner Großstädte.

Sehr schön beschreibt das eine Freundin von Anna, die Musikerin Erin Heist, in ihrer Musik. Etwa im Song “Out of town” (Album: From the land of rusted dreams) mit der Textzeile “Ain’t no boat to take, ain’t no road for free, I gotta get out of town.” Kommt sofort auf unsere Reise-Playlist.

Aber warum eigentlich gibt es keine Straße nach Juneau? Na klar, Alaska ist abgelegen. Trotzdem haben die Amerikaner im zweiten Weltkrieg in nur zwei Jahren mit Genehmigung der Kanadier einen Highway quer durch Kanada gebaut, um die bisher abgelegenen Flugplätze und Orte, insbesondere Anchorage, zu erreichen. Die Hauptstadt Juneau wurde trotzdem nicht an das Straßennetz angeschlossen. Der Grund wird auf diesem Schaubild im Alaska State Museum deutlich:

Das Juneau Icefield, eine riesige, 3.900 Quadratkilometer messende zusammenhängende Fläche von Gletschern, zieht sich im Osten Juneaus auf der Grenze zwischen Kanada und Alaska entlang.

Teile dieser Eisfläche sehen wir schon bei der Anfahrt auf Juneau. Der Mendenhall Gletscher, quasi der Hausgletscher der Stadt, begrüßt uns mit leuchtendem Hellblau bereits aus der Ferne und bevor wir die Häuser der Stadt ausmachen können.

Aber selbst für uns präsentiert sich Juneau zwiespältig. Zum einen ist da der sehr geschützte Hafen und die pittoreske Lage unmittelbar vor den hohen Bergen.

Andererseits ist das alte Stadtzentrum schon ausgesprochen touristisch geprägt. Überteuert, mit vielen Schmuck und Souvenirshops. Kein Wunder bei den im Verhältnis zur Bevölkerungszahl überwältigenden Zahl der großen Kreuzfahrtschiffe und ihrer Passagiere.

Schlangen vor dem Imbissbuden am Hafen, wo man für nur 20 US$ lokales Fastfood erstehen kann, Wartezeiten von einer Dreiviertelstunde im Food-Truck-Dorf, wo es das Ganze bei schönerer Kulisse etwas teurer gibt. Geschiebe in den Läden um die Franklin Street, wo dann z.B. original Bärenzähne zu kaufen sind.

Wandbild in der Innenstadt

Toll aber das innenstadtnah gelegene Alaska State Museum.

Kajak einschließlich Jagdgerätschaften sehr anschaulich erläutert
Sonnen- bzw. Schneebrillen
Verzierte Heilbutt-Angelhaken

Die verschiedenen Nationen der in Alaska lebenden Ureinwohner, ihre besonderen Kulturen und Jagdtechniken, Alltags- und Kunstgegenstände werden ebenso dargestellt wie die Kolonialisierungsgeschichte mit russischer und US-amerikanischer Station und der industriellen Fischerei.

Die Natur Alaskas wird zwar behandelt, kommt aber vielleicht ein bisschen kurz. Wir kompensieren das am nächsten Tag durch einen ausgesprochen langen Hike vor den Toren der Stadt. Mit dem Bus gelangen wir zum Startpunkt in der Nähe des Mendenhall Gletschers. Das Bussystem funktioniert gut, jede Fahrt kostet (unabhängig von der Fahrtstrecke) 2 $, von unserem Hafen in der nördlich gelegenen Auke Bay aus sind so große Supermärkte und auch das Stadtzentrum gut erreichbar. Der Hike beginnt einfach durch eher flaches Regenwald-Gebiet ein bisschen abseits der Straße.

Aber dann wählen wir den „East Glacier Loop Trail“, der abseits des von von den Kreuzfahrtbussen angefahrenen Besucherzentrums durch die Berge oberhalb des am Ufer des Gletschersees entlang führenden gut ausgebauten Fußweges zu den imposanten Nugget Falls führt.

Unser Wanderweg ist da einsamer. Wir begegnen auf dem mehrere Stunden dauernden Weg nur ein paar Handvoll andere Wanderer.

Mal mit gut ausgebauten Stufen oder Treppen …
… mal rustikaler …
aber immer mit beeindruckender Natur.

Am Ende schließt dann wieder ein flacheres Stück durch moorige Seenlandschaft an.

Hier treffen wir auf Mary, die gerade „High Bush Cranberries“ pflückt, nicht Huckleberries (Johannisbeeren) , wie wir fälschlich annehmen. Die Biologin ist vor über 30 Jahren nach Alaska gekommen und hier geblieben. Sie erklärt uns anschaulich, wie wir die Sitka Spruce (piksig, gerade Spitze) von der Hemlock-Tanne (weiche, flache Nadeln, gebogene Hexenhut-Spitze) unterscheiden können. Unsere bisherigen Versuche über die Borke („Potato Chips bzw. Bacon“) waren nicht so recht eindeutig. Während wir uns unterhalten, fliegt eine große blaue Libelle zu uns und lässt sich abwechseln auf jedem von uns nieder. Von Wiebkes Rücken kann ich sie auf meinen Finger locken und an Mary weiterreichen. Ungewöhnlich, aber sehr schön.

Mary berichtet uns, dass über diese blauschwarzen Libellen gesagt wird, sie würden die Lippen von schlechte Dinge sagenden Menschen zusammennähen. 😜

Und noch eine andere tierische Begegnung haben wir auf dieser Wanderung: erstmals sehen wir Lachse in ihrer Laichfärbung ein stark strömendes Bachbett hinaufwandern. Für den Rotlachs (Sockeye) hat die Saison begonnen, sein dunkelblauer Rücken und die silbrigen Seiten haben sich leuchtend rot verfärbt, der Kopf grünlich. Das Maul macht eine Formveränderung durch, wird deutlich länger und bekommt in Ober- und Unterkiefer einen Haken. Die laichfähigen Tiere in diesem Stadium fressen nicht mehr, sondern kämpfen sich die Bäche hoch zu ihrem Geburtsort, laichen und sterben dann.

Jetzt beginnt die Festmahlzeit für die Bären. Wir sind gespannt, ob wir das noch zu sehen bekommen.

Zurück am Hafen treffen wir auf die gerade angekommenen Crews der Pitou und der (ebenfalls holländischen) Fidelis. Spontan drehen wir nochmal um und begleiten die anderen zur örtlichen Brauerei oberhalb der Marina.

Die Kombination aus großem Wagen und Nordstern ziert die Flagge Alaskas

Ach ja, der tägliche Seeadler. Heute mal „Marina-Style“. Hoffentlich verzeiht der B&G-Windmesser im Masttop des Nachbarbootes die funktionsfremde Nutzung.

Heute haben wir übrigens Ruhetag, die 13 km von gestern stecken uns noch in den Beinen. Passt aber, um es mit einem anderen Alaska-Song von Erin Heist auszudrücken: „Another rainy day“. Wir verwöhnen uns mit Selbstgebackenem: Apfel-Pekanuss-Kuchen und Hafer-Cashew-Karamell-Keksen.

😁

Buckelwale, Zauberwald in Bartlett Cove und über die Icy Strait hinüber nach Hoonah

Bevor wir die Glacier Bay verlassen ankern wir noch einmal in der Bartlett Cove.

Mehrere Buckelwale haben sich diese mit rund 40 m und im Ankerbereich nur 17 m vergleichsweise flache Bucht als ihren heutigen Mittagstisch ausgesucht. Sie ziehen ihre Runden zumeist im Uferbereich und so können wir sie von Bord der Flora bei der gemächlichen Jagd beobachten. Dazu ausnahmsweise mal ein kurzes Video:

Wir beschließen, dass wir dann ja vielleicht drüben in der Lodge essen gehen könnten (klappt nicht, nur für Übernachtungsgäste). Macht aber nichts, dann können wir jedenfalls noch einen Spaziergang auf dem ausgeschilderten ”Forest Trail” unternehmen. Der wiederum entpuppt sich als Glücksgriff.

Unser Pflanzenführer “Plants of the Pacific Northwest Coast” enthält nur 20 Seiten über Bäume (genau so viele wie zu den Flechten), aber mehr als doppelt so viele Seiten zu Moos. Tatsächlich erkennen wir nur Sitka-Tanne, Hemlock-Tanne und Roterle, aber die verschiedenen Moose verwandeln diesen “Temperate Rainforest” in einen Zauberwald wie aus dem Märchen entsprungen. Am Eingang warnt ein Schild, wir müssen uns vor Elchen und Bären in Acht nehmen, aber auftauchende Elfen, Trolle oder Zwerge würden uns wahrscheinlich kaum mehr überraschen.

Der Wald ist zwar “Urwald”, wird hier also nicht bewirtschaftet, aber besonders alt ist er nicht. Vor 250 Jahren bedeckte Gletschereis diesen Bereich, das sich in der “Kleinen Eiszeit” bis etwa im Jahr 1750 schnell hierher ausgebreitet hatte. Die damals hier lebenden verschiedenen Clans der Tlingit wurden von dem vorrückenden Eis vertrieben und siedelten sich 1754 außerhalb der Glacier Bay in einem gegenüber liegenden Arm der Icy Strait an. Der Ort Hoonah (ursprünglich Xunijaa = geschützt vor dem Nordwind) ist heute mit 800 Einwohner die größte Gemeinde der Tlingit.

Und die ist unser nächstes Ziel. Auf dem Weg dorthin begrüßen uns an der Einfahrt zur Bucht Port Frederic schon mal Stellersche Seelöwen (benannt nach Georg Wilhelm Steller, der als Arzt und Wissenschaftler in russischen Diensten 1741 mit Kapitän Vitus Bering Alaska erreichte (und anders als Bering von dieser Reise auch nach Russland zurückkam).

Dass Hoonah durch einen Großbrand in den 1940er Jahren fast vollständig abgebrannt ist und mit zum Teil heute noch genutzten Not- oder Weltkriegs-Häusern vor dem Auseinanderbrechen der Gemeinde gerettet wurde zeigt sich auch heute noch im Ortsbild. Ebenso sichtbar ist aber das aktive Fördern von Klingit-Traditionen. So wird die Sprache in allen Schulformen unterrichtet und die typischen Totem-Schnitzereien und Bilder prägen ebenso das Ortsbild.

Vor allem aber ist die aktive Fischerei offensichtlich das Hauptgewerbe in und um Hoonah.

Unsere eigenen Angelkünste dagegen …

Naja. Aber in Hoonah treffen wir Michelle und Tom von der SY Paraiso, verbringen einen schönen gemeinsamen Abend auf der Flora und bekommen dabei viele Tips zum Revier und auch zum Fischen hier.

😁

Mite Cove, Seeotter und über die Icy Strait auf zur Glacier Bay

Die Mite Cove ist unser nächster Ankerplatz. Fast schon am Ausgang des Lisianski Inlets gelegen, wird er durch eine vorgelagerte kleine Insel geschützt und bietet uns zudem noch zwei schöne Überraschungen.

Wir teilen die Bucht nur mit einem kleinen traditionellen Fischerboot. Wie wir auch hat es einen Krebskorb ausgebracht. Ob sie mehr Erfolg haben wissen wir nicht, unserer ist jedenfalls weiterhin beim Aufholen leer. Trotzdem bleibt uns der Ankerplatz in dem fast schwarzen, durch gleich mehrere Waldboodenzuflüsse moorartig wirkenden Wasser in sehr guter Erinnerung. Die Anfahrt ist zwar so neblig, dass wir auf der einfachen Fahrt den Fjord hinunter ausgiebig verschiedene Einstellungen des Radars testen und ausprobieren können. Aber in der Bucht kommt kurz die Sonne heraus und der Himmel versöhnt uns sogar mit einem wunderschönen Regenbogen.

Vor allem aber besucht uns in der Mite Cove ein Seeotter (oder wir besuchen ihn und er zeigt sich gastfreundlich aufgeschlossen). Die Pelze der Seeotter waren einer der wesentlichen Gründe, warum Russland überhaupt erstmals Expeditionen nach Alaska unternahm, Handelsniederlassungen und Orte gründete und Alaska seinem Reich hinzufügte. Für die Tiere aber mit fatalen Auswirkungen. Als Alaska 1876 an Amerika verkauft wurde, war der Seeotter fast komplett ausgerottet. Einer der Gründe, warum das Land von Russland nicht mehr als wertvoll betrachtet wurde.

Seeotter werden bis zu 1,5 m lang (davon nur 30 cm Schwanz) und bis zu zu 40 kg schwer. Das Außergewöhnliche an ihnen ist nicht nur ihr besonders dichtes und weiches Fell (das die Pelzjäger auf den Plan rief) , sondern vor allem ihre Intelligenz. Die Tiere mit dem putzigen Schnauzbart benutzen sogar Werkzeuge. So klemmen sie mit den Bauchmuskeln einen Stein fest, auf dem sie dann rückenschwimmend Muscheln und erbeutete Krebse aufklopfen. Das können wir heute auch direkt an der Flora beobachten.

Heute gehen wir dann in der Mite Cove schon vor sechs Uhr Anker auf, die Tide für unsere Passage an der Engstelle bei den Inian Islands vorbei über die Icy Strait in die Glacier Bay will beachtet sein. Unser Zeitplan passt, mit zeitweise über 5 kn Strömung werden wir unserem Ziel entgegen geschoben.

Die Glacier Bay. Gleich 23 Gletscher münden in dieses verzweigte System aus Buchten und Inlets. Als Captain George Vancouver (der zuvor auf zwei von Cooks Weltumsegelungen dabei war) in den 1790er Jahren die Westküste Nordamerikas kartografierte, war die gesamte Glacier Bay noch bis in die Icy Strait hinein vereist, die meisten Gletscher sind seitdem aber kontinuierlich zurückgegangen.

Die gesamte Glacier Bay (und ein Gebiet noch etwas darüber hinaus) ist Nationalpark, insgesamt über 13.000 Quadratkilometer. Bis zu 60 sm weit ziehen sich die einzelnen Wasserarme in die mit Schnee und Eis bedeckten Gebirge hinein, die an der Glacier Bay bis über 4.000 m hoch aufragen (Mount Fairweather 4.669 m) ist Für das Befahren mit dem Boot ist in den Sommermonaten eine vorab einzuholende Genehmigung erforderlich. Nur 25 Boote gleichzeitig dürfen sich mit einer solchen Genehmigung in der Glacier Bay aufhalten, maximal eine Woche lang. Praktisch fahren also im Schnitt pro Tag drei bis vier Boote in die Glacier Bay bzw. raus. Zusätzlich täglich zwei Kreuzfahrtschiffe.

Wir haben unsere (kostenlose) Genehmigung bereits von Hawaii aus online beantragt, das geht frühestens 60 Tage vor dem Termin. So wird eine Hälfte der Slots vergeben. Die zweite Hälfte wird kurzfristig zwei Tage vorher zugeteilt. Für unseren ersten Ausweichtermin haben wir dann die Genehmigung erhalten: Eintritt 25.7.2022. Zuvor muss man versichern, mehrere Info-Videos angesehen zu haben, den Eintrittstermin zwei Tage vorher noch einmal bestätigen, sich per Funk anmelden und dann in der Ranger-Station einchecken, wo man noch einmal auf die diversen Beschränkungen hingewiesen wird, die innerhalb des Parks gelten.

Und da sind wir jetzt und sehr gespannt, was uns hier erwartet. Eins ist schon mal klar: die Natur ist der Hauptdarsteller (jedenfalls sobald sich der Theatervorhang aus Nebel lichtet, ansonsten ist es der Radarbildschirm 😉).

Pelican, Alaska

Von der wunderschönen Wasserfall-Bucht Porcupine lösen wir uns im zweiten Versuch dann doch. Die Seegangsverhältnisse draußen sind jetzt deutlich besser, die Sicht ist es nicht. Wir fahren durch die tiefhängende Wolke.

Nachdem wir uns durch das Labyrinth der Felsen hinein getastet haben, führt das in dem jetzt völlig glatten Wasser der Lisianski Strait zu einer regelrecht mystischen Stimmung.

Nach fast 10 sm, kurz bevor die Lisianski Strait auf den Lisianski Inlet trifft, gibt es “irgendwo im nirgendwo” einen massiven Schwimmsteg, an dem wir die Flora festmachen.

An Land gibt es eine Schutzhütte, Bohemia Shelter. An drei Seiten geschlossen, zum Wasser hin kann eine Plane als Regenschutz heruntergelassen werden. Drinnen Pritschen aus Holz, ein Ofen und Brennholz, natürlich auch eine Axt zum Spalten.

Von der Hütte aus soll es einen Trail in den Wald geben.

Wir suchen erst vergebens, finden dann aber doch einen Trampelpfad, der die Wahl der Gummistiefel als Schuhwerk mal wieder bestätigt. Bärenspray am Gürtel natürlich auch dabei.

Was die Marschverpflegung angeht, machen sich Himbeeren und Lachsbeeren diesmal rar, dafür finden wir aber Mengen von Blaubeeren. Pilze auch (auch größere als diese niedlich kleinen), aber die lassen wir stehen, damit kennen wir uns schlicht nicht genügend aus. Aber echte Pilzsammler hätten hier sicher ihre Freude.

Der Pfad endet an einem Fluss, jedenfalls für uns. Die Regenfälle machen ein Durchwaten derzeit nicht möglich, mindestens mal heute ist hier Feierabend. Wir wandern zurück zur Flora und motoren das letzte Stück durch den Fjord bis nach Pelican. Schneefelder finden sich links und rechts auf den hohen Bergen, Wasserfälle rauschen herunter. Dann taucht eine Stadt am Ostufer auf: Pelican.

Da wollen wir hin. “Stadt” ist zwar zutreffend, seit 1974 ist Pelican Alaskas kleinste “first class city”, aber bei nur 60 festen Einwohnern doch irgendwie auch etwas irreführend.

Es gibt eine “Hauptstraße”, den Boardwalk über dem Ufer des Fjords. Auf Stelzen gebaut und aus Holzbohlen. Die meisten Holzhäuser reihen sich bergseitig daran, einige Stelzenhäuser auch fjordseitig.

Eine Anbindung an ein Straßennetz gibt es nicht, aber das ist hier keine Besonderheit. Auch Sitka und selbst die Hauptstadt Alaskas, das 15.000-Einwohner-Städtchen Juneau, sind schließlich nicht an ein Straßennetz angebunden. Außer natürlich über den “maritime highway”, aka das Fährschiff. Die größte Stadt Alaskas, das weiter nördlich gelegene Anchorage, ist dagegen über das kanadische Straßennetz mit dem Auto erreichbar.

Der Boardwalk endet im “Stadtteil Tidal Flats”. Ziemlich deskriptiver Name.

Zurück zum Hafen.

Bleibt noch die Frage, wie der Ort zu seinem für Alaska ja doch eher ungewöhnlichen Namen gekommen ist. So ein Vogel bemoost hier ja doch recht schnell. Der Fischer Kalle “Charlie” Kaatainen (ob der wohl Finnischer Abstammung war?) gründete ihn 1938 und benannte ihn nach seinem Boot. 😁