Passage Hawai’i nach Alaska, Tag 7

Schwupp, schon eine Woche unterwegs. Die letzten Tage zwar etwas langsamer, aber trotzdem haben wir heute die 1.000 sm geknackt, die bei uns als Richtschnur für eine Woche auf See in die Planung eingehen.
Ziemlich genau wie vorhergesagt erreichen wir den Rand des Hochdruck-Kernbereichs. Sonne und Null-Wind. Also doch noch einmal Gelegenheit für ein Bad im leuchtenden, 5.000 m tiefen Blau. Und danach: Motor an, Kurs Sitka. Zum Sonnenuntergang, der sich aber ganz unspektakulät hinter dichten Wolken versteckt, leisten uns Delfine Gesellschaft. Eine größere Schule Schlankdelfine spielt ausgiebig um Floras Bug.
Den größten Teil der Nacht hindurch läuft der Jockel, erst um 4.00 Uhr gibt es wieder genug Wind zum Segeln, jetzt auf dem Steuerbord-Bug.
Die Wettervorhersagen und damit unsere Routenplanung beschäftigt uns weiter ziemlich intensiv. Das hängt auch damit zusammen, dass sich die beiden großen Vorhersagemodelle (amerikanisches GFS und europäisches ECMWF) für den weiteren Verlauf der Woche ziemlich unterscheiden, was immer ein Indiz für noch nicht sehr zuverlässige Vorhersagen dieses Zeitraums ist. Hatte GFS gestern noch einen deutlich südlicheren und ECMWF in der Routenplanung einen nördlicheren Kurs als den direkten Weg nahegelegt, ist es heute genau anders herum. Die genaue Entwicklung eines wohl recht kräftigen Tiefdruckgebietes müssen wir weiter beobachten. Die Einstellungen für unser Routing auf PredictWind haben wir aber schon mal von „schnellste Route“ auf „Comfortroute“ geändert, das bietet die Option, für die Route „nach Möglichkeit“ kursbezogen maximale Wind- und Wellenbedingungen vorzugeben (also z.B. am Wind max 3 m Welle und 23 kn Wind, raumschots max 5 m Welle und 30 kn Wind).
Für die nächsten drei Tage sind die Wettervorhersagen aber einigermaßen gleich und lassen relativ gute Bedingungen erwarten.
Kälter wird es trotzdem, wolkiger auch. Wir haben die Kuchenbude aufgebaut und genießen deren Schutz.

Essen: Fisch-Thai-Curry mit Süßkartoffel und Ananas.

Etmal: 125 sm, gesamt 1.068, noch verbleibend 1.582 sm.

Passage Hawai’i nach Alaska, Tag 6

Weiterhin zumeist langsames Segeln auf glattem Wasser, mal mit Code0, mal mit der Fock. Der Wind tüselt ziemlich herum, unser Kielwasser gleicht einer Schlangenlinie. Zwischen 20 und 130 Grad wahrer Windrichtung, also Wind aus Nordnordost bis Südost hatten wir in den letzten 24 Stunden, bei Stärken zwischen 2 und 22 Knoten. Nicht schlimm, aber gerade in der Nachtwache ist dieser ständige Wechsel doch einigermaßen aufwändig.
Der Sonnenuntergang gestern zeigte ein deutliches Halo um die Sonne, der durch die Brechung an Eisteilchen in der Atmosphäre entsteht. Wetterechsel? In der Mitte der Nacht ändert sich der zuletzt sternenklare Himmel, zieht sich zu. Heute morgen schleicht die Flora unter einer niedrigen, relativ dichten grauen Wolkendecke dahin, keine Passatwölkchen mehr. Die Luft ist frischer, aber wir finden es gerade sehr angenehm. Das wird sich vielleicht ändern, wenn die Temperaturen wie angekündigt weiter fallen. Innerhalb von zweit Tagen soll es von warmen 22 Grad auf dann nur noch 12 Grad gehen. Die Wassertemperatur sinkt ebenfalls erstaunlich schnell.
Wir treffen Vorbereitungen. Das Bimini (unser Sonnenschutzdach über dem Cockpit) wird abgebaut, die vor Regen und Kälte schützende Kuchenbude bereit gelegt. Das gibt uns auch die Gelegenheit, Flora mal wieder ganz „aufgeräumt“ zu fotografieren.
Wir müssen die Arbeiten allerdings kurz unterbrechen, denn die gerade erst ausgebrachte Angel rauscht aus. Ein diesmal etwas kleinerer Mahi Mahi – perfekt.
Es ist ein bisschen tricky, den richtigen Zeitpunkt für eine Wende Richtung Sitka zu finden. Der Nordpazifik fordert doch einige segeltaktische Entscheidungen. Wer Spaß daran hat, mag ja mal die Entwicklung der nächsten 10 Tage bei Windy betrachten und verfolgen. Die Wetterlage ist wieder instabiler geworden, das Hochdruckgebiet konnte sich noch nicht festsetzen. Die Entfernungen sind zudem so groß, dass der Wetterbericht für einen Ort regelmäßig schon wieder völlig anders ist, wenn man ihn nach sagen wir mal 5 Tagen tatsächlich erreicht hat.
Aktuell werden wir wohl heute oder spätestens morgen umschwenken auf den Steuerbordbug.

Essen: Nennt uns langweilig, aber wir wollen das gerade entdeckte „Hawaiian Seasoning“ gleich noch einmal versuchen. Diesmal variert, der Fisch wird anders als gestern nicht vorher in Ei gewälzt, dazu gibt es heute karamelisierte frische Ananas und eine Quinoa-Wildreis-Mischung.

Etmal: 132 sm, gesamt somit 943 sm, noch zu segeln 1.707 sm (gestern Tippfehler: statt 1.639 hätte es 1.839 sm heißen müssen).

Passage Hawai’i nach Alaska, Tag 5

Wir sind im engeren Einfluss des Hochdruckgebietes. Nicht im praktisch windlosen Kern, aber doch so nah dran, dass wir weniger Wind haben, der außerdem ungefähr aus der Richtung kommt, in die wir fahren wollen, Nordost. Aber immerhin: wir können noch segeln. Ziemlich hoch am Wind, auf einem Kurs etwas westlicher als Nord, aber mit 4 bis 5 Knoten Fahrt. Im Schnitt, mit ziemlichen Ausreißern nach oben und unten. Das Sweet-Spot-Segeln unter Code0 war herrlich, aber gestern Nachmittag gefolgt von einer sehr schwachwindigen Phase, in der wir mit 2-4 Kn Fahrt eher gedümpelt sind.
Unser Freund Michael aus Washington pflegt zu sagen: „If life gives you lemons, make lemondade.“ Recht hat er. Also nutzen wir den Schwachwind, lassen die Drohne fliegen, backen Apfelkuchen und Brot, spielen mal wieder Karten im Cockpit, genießen die ruhige, schaukelfreie und erneut sternenklare Nacht.

Die kanadische „Vanille“ mit Dana und Jean-Pierre ist etwa 150 sm südöstlich von uns auf fast gleichem Kurs, hat aber noch etwas mehr Wind. Die holländische „Pitou“ mit Liselotte und Machiel dagegen etwa 450 sm nordöstlich, sie haben bereits wieder gut segelbaren Wind. Beide Crews kennen wir aus Hawai’i und wir sind in täglichem Email-Kontakt, tauschen unsere Positionen und Wetterbedingungen aus. Alle wollen wir nach Sitka. Es ist ein schönes und beruhigendes Gefühl, sich regelmäßig austauschen zu können. Gesehen haben wir bisher auf der ganzen Passage nur ein einziges Schiff, dass in 6 sm Abstand in Richtung China vorbei fuhr. Ansonsten: Wasser und Himmel, einfach rundum ungetrübter Blick bis zum Horizont.

Die Vanille, eine 46 Fuß Amel, ist am gleichen Tag wie wir gestartet, allerdings von O’ahu aus. Unsere Kurse und Wegepunkte liegen ziemlich eng beieinander. Die Pitou, ein 51 Fuß Stahlschiff nach einem Koopmans Riss, ist eine knappe Woche vor uns losgefahren. Von ihnen wissen wir z.B., dass wir ab etwa 40 Grad Nord mit deutlich kühlerem Wetter zu rechnen haben. Das sind von uns noch etwa 270 sm nach Norden, in zwei bis drei Tagen könnten wir dort sein.
Also jetzt erst einmal eine noch etwas wärmere Eimerdusche mit Nordpazifikwasser auf dem Achterdeck!
Erfrischend, aber schon noch angenehm, etwa 22 Grad. Das dürfte jetzt demnächst aber rapide abnehmen. Auch die Lufttemperatur, die im Moment absolut angenehm ist, während die Pitou-Crew bereits ihr verglastes Deckshaus genießen dürfte.

Essen: Inspiriert von einem klassisch hawaiianischen Gericht gibt es Mahi Mahi in Macadamia-Nuss-Kruste auf Kartoffelbrei und mit Tomaten-Paprika-Eisberg-Salat. Das „Macadamia Nut Hawaiian Seasoning“ haben wir in Honolulu gekauft, absolut empfehlenswert. Neben Macadamia Nüssen sind Kokosnussflakes, Sesam, Meersalz, Pfeffer, Zwiebel, Chili und weitere Gewürze drin. Durchaus scharf und herrlich würzig.

Etmal: 123 sm, gesamt gesegelt 811 sm, noch verbleibend 1.639 sm.

Passage Hawai’i nach Alaska, Tag 4

Durchatmen und Taktik anpassen. Nachlassender Wind und weniger hohe Wellen, geringere Schräglage, herrliches Wetter, schönes Segeln.

Unsere ursprüngliche Taktik war, das sich bildende Hochdruckgebiet im Westen zu umfahren und damit die (auf der Nordhalbkugel) im Uhrzeigersinn um das Hochdruckgebiet drehenden Winde eher achterlich zu bekommen. Das klappt aber leider nicht, das Hochdruckgebiet hat sich entschieden, westlich zu wandern und sich uns damit direkt in den Weg zu legen. Damit wird der Umweg bei der bisherigen Taktik einfach zu groß. Also neu planen. Diejenigen von Euch, die unseren Kurs auf Noforeignland verfolgen werden es vielleicht schon gesehen haben: wir gehen jetzt nicht mehr direkt Nord, sondern etwas östlicher. Es sieht so aus, als könnten wir uns dadurch bei den zunächst nachlassenden Winden vielleicht am Wind in der südöstlichen Ecke des Hochdruckgebietes durchschummeln. Ansonsten müssten wir ein Stückchen motoren, um weiter nordöstlich wieder Wind zu finden. Allzu lange wollen wir dort aber nicht motoren, denn im weiteren Verlauf der Strecke nach Sitka lauert jedenfalls nach d
er aktuellen Vorhersage Mitte nächster Woche noch ein größeres Schwachwindgebiet, also müssen wir mit unseren 440 l Diesel haushalten.

Das wir näher an das Hochdruckgebiet herangesegelt sind, merken wir an dem deutlich nachlassenden Wind. Heute Nacht hatten wir noch das 1. Reff im Großsegel. Wäre bei um die 16 kn wahrem Wind nicht mehr zwingend nötig gewesen, machte es nach dem anstrendenden Segeln vom Vortag aber einfach angenehmer. Dazu ein wunderschöner Sternenhimmel, der sichelförmige zunehmende Mond lässt sich nur kurz nach Sonnenuntergang blicken und folgt der Sonne schnell. Die Nächte werden wieder heller und kürzer. Durch den zunehmenden Mond und auch durch unseren Fortschritt nach Norden. Die Tropen haben wir verlassen, es bleibt täglich länger hell und die Sonne geht früher auf.
Heute morgen dann rollen wir das Großsegel ganz aus und zwei Stunden später wechseln wir von der Fock auf den Code0. Wir haben jetzt nur noch 8 bis 10 kn Wind, aber mit dieser Besegelung und dem Kurs von 60-70 Grad zum Wind (AWA) liegen wir genau im „Sweet Spot“, dem optimalen Kurs mit dieser Besegelung und können damit um die 6 kn Geschwindigkeit laufen. Also herrliches Segeln bei leichter Schräglage, inzwischen ruhiger See und noch dazu Sonnenschein und noch angenehmen Temperaturen, was will man mehr?

Das Satellitenbild, dass noch vor ein paar Tagen eine graue Decke über dem nördlichen Teil unserer Strecke nach Alaska gezeigt hatte (nicht untypisch für diese Jahreszeit) gibt ebenfalls Anlass zu Hoffnung. Die Wolkendecke über unserem weiteren Kurs ist jetzt aufgerissen, sonnige und wolkige Abschnitte wechseln sich ab.

Essen: Mahi-Mahi-Tartar auf Reis mit Papayasalat.

Etmal: 165 sm, gesamt gesegelt bisher 688 sm, noch verbleibend 1.962 sm.

Aloha.

Passage Hawai’i nach Alaska, Tag 3

Schnelles Segeln, aber die kräftige Schräglage und die 2 m hohen Wellen machen es auch etwas anstrengend. Insbesondere, wenn kleinere Arbeiten anstehen. Der Tausch der Gasflasche zum Beispiel. Kein großes Ding, aber für die Ersatzflasche müssen wir eine der achteren Backskisten (also der Stauräume an Deck) komplett ausräumen. Klappe öffnen, feststellen, und auf dem Bauch liegend alles aus dem Stauraum herauskramen. Putzzeug, Pütz mit Kleinkram, Salzwasserschlauch, Frischwasserschlauch, Fenderbrett, Leinen. Dann die Gasflasche im Gaskasten auf dem Seitendeck (ebenfalls auf dem Bauch liegend und kopfüber arbeitend) tauschen und alles wieder verstauen. Im Hafen ganz easy, aber jetzt auf dem schwankenden Schiff doch eine gewisse Herausforderung, auch für den Magen.
Auch die nächste Aufgabe, Abfüllen von Frischwasserflaschen. Der Wassermacher läuft, nachdem der Tank voll ist fülle ich mit dem Schlauch aus dem Schrank in der achteren Dusche (wo die Bedieneinheit unseres Wassermachers untergebracht ist) die leeren Flaschen. Am Schluss passiert mir leider ein blöder Bedienfehler und ich zerschieße mir den Remineralisierer. Das ist nicht tragisch, der Wassermacher funktioniert weiter, auch das Abfüllen in Flaschen, aber der Weg vom Wassermacher zum Bootstank ist damit auch erst einmal futsch. Grrr. Da muss ich mir ein Provisorium einfallen lassen, wenn wir nicht bis Alaska den Tank aus Flaschen befüllen wollen (falls überhaupt nötig, eigentlich sollten die 600 Liter reichen).
Lichtblick: Kurz vor dem Abendessen geht uns eine schöne etwas über einen Meter lange Goldmakrele (Mahi Mahi) an den Haken und trotz der flotten Fahrt bekommen wir sie auch an Bord. Das Filetieren auf dem Achterschiff ist dann allerdings wieder ein Balanceakt.

Die noch etwas gereizten Mägen bekommen zur Beruhigung eine leichte Möhren-Reis-Suppe mit „Polska“-Wurst (oder was man in Hawai’i dafür hält), Mittags gab es schon leckere Pizzadillas aus der Pfanne.

Heute morgen dann ein schöner blauer Himmel mit Passat-Wölkchen, nur leider eben nicht auf klassischem Passat-Raumschotskurs, sondern weiterhin bei leicht vorlichem Wind.

Etmal 185 sm in den letzten 24 Stunden, gesamt gesegelt bisher 523 sm. Noch zu segeln wohl 2.127 sm, wir haben die Schätzung der Gesamtstrecke nach dem PredictWind-Routing auf 2.650 sm angepasst.

Aloha.

Passage Hawai’i nach Alaska, Tag 2

Gleich nach dem gestrigen Post geht erst einmal eine dunkle Regenwolke durch. Ganz klassisch, mit Böen (um die 30 kn), Winddreher und dann Flaute. Wir dümpeln einige Zeit langsam vor uns hin, sind versucht, aus dem 2. Reff ins 1. Reff zu wechseln, lassen es aber. Gute Entscheidung, denn kurz danach frischt es noch einmal ordentlich auf. Erst später am Nachmittag lässt der Wind dann doch soweit nach, dass wir ins 1. Reff gehen. Es wird unsteter: immer wieder schläft der Wind fast ein, dreht auch ordentlich hin und her. Dann wieder kräftige Böen. Die Schoten, die wir sonst auf langen Passagen oft tagelang nicht anfassen, müssen häufiger dichtgeholt und wieder gefiert werden. Aber hej, das ist Segeln und alles in allem kommen wir gut voran.
Der Himmel ist wolkig, keine fluffigen Passatwolken, eher ein graues Band mit ein paar blauen Löchern und dunkelgrauen Flecken andererseits, die uns aber zum Glück tagsüber alle verpassen (nachts erwischt uns auch nur eine richtig).
Wie oft zu Beginn von Passagen schlafen wir auch tagsüber viel, wechseln uns im Cockpit ab, allerdings tagsüber ohne feste Schichten.
Kaum zu fassen: auf den Nachtwachen verlangen unsere wärmeverwöhnten Körper im Cockpit schon wieder lange Hosen und eine leichte Decke. Socken verweigere ich noch, aber vermutlich nicht mehr lange ;-).
Einige Geburtstagsglückwünsche von der Familie und lieben Freunden haben mich über Satellit erreicht, ganz lieben Dank dafür.

Essen: wir haben – was selten vorkommt, da wir unseren zweiten Kühlschrank ja nicht als Kühltruhe eingestellt haben – Hackfleisch eingekauft. Am ersten Tag gab es Lauch-Hack-Käse-Nudelsuppe, gestern dann Mango-SweetChili-Salat zu Reis mit Teriyaki-Hack-Gemüse.

Etmal: 163 Seemeilen (gesamt bisher 338 sm), noch verbleibend 2.262 sm

Gestern vergessen zu erwähnen, aber für die meisten von Euch ja schon bekannt: die Beiträge auf Passagen, also auch dieser, werden per IridiumGo über Satellit übermittelt, Bilder gibts deshalb erst später. Wir freuen uns über Kommentare, können aber auf diese erst reagieren (und bei Erstkommentierung auch erst dann freischalten), wenn wir wieder Telefon- und damit breitbandigen Internetempfang haben, also in Alaska.

Passage Hawai`i nach Alaska, Tag 1

Zum Abschied vom schönen Kaua`i fahren wir mit dem Dinghy den Hanalei River ein ganzes Stück hinauf, gehen im Ort ausgesprochen lecker Essen, kaufen noch ein letztes Mal ein.
Morgens am Ankerplatz warten wir noch einen Regenschauer ab, dann geht es los. Begleitet vom niedrigsten Regenbogen, den wir bisher gesehen haben, er wölbt sich nur ganz knapp über dem Wasser entlang. Dann reißt der Himmel wieder auf und im warmen Morgenlicht fahren wir ein Stück an der spektakulären Na Pali Küste entlang. Wirklich beeindruckend, eigentlich wollen wir dicht unter der Steilküste noch weiter an dieser tollen Kulisse entlangfahren. Aber ein von achtern aufziehender weiterer kräftiger Schauer lässt uns anders entscheiden. Wir gehen ins zweite Reff und richten Floras Bug nach Norden. Tatsächlich bleiben wir trocken, während hinter uns das Land in dichten Regenwolken verschwindet.
Das zweite Reff bleibt im Großsegel, mit etwa 60 Grad am Wind geht es durch den Tag und auch die Nacht. Schönes, schnelles Segeln, insbesondere nachdem die weißen Schaumkronen weniger werden. Etwa 20 Knoten Wind pendeln sich ein, mal etwas weniger, selten mehr.
An meinem Geburtstagsmorgen gibt es sogar Geburtstagskuchen mit Kerze. Es ist mein vierter Geburtstag auf dieser Reise, wir waren ja nur ein paar Tage vor meinem 54. Geburtstag in Griechenland gestartet. Wir lassen die Zeit noch einmal Revue passieren, sooo viele schöne Erinnerungen und Begegnungen. Im vorigen Jahr waren wir an meinem Geburtstag in Annapolis mit Annemarie und Volker essen …

Etmal 176 sm, sehr flott, wenn man bedenkt, dass dieses Mal kein schiebender Strom zu berücksichtigen ist. Die zu erwartende Gesamtstrecke lässt sich nur sehr schwer angeben, weil wir einfach noch nicht wissen, wie viel Umweg wir um die Schwachwindgebiete herum machen müssen oder können. Wir gehen für den Anfang mal von etwa 2.600 Seemeilen aus, dann wären also noch 2.434 sm verbleibend.

Kaua’i und letzte Vorbereitungen

Die nördlichste – viele sagen: die Schönste – der größeren Inseln des Hawai’i-Archipels wollen wir gerne noch besuchen: Kaua’i.

Auf dem Weg dorthin ankern wir für eine Nacht im Vorhafen von Haleiwa im Norden von O’ahu. Aber schon um 3.00 Uhr nachts geht es weiter, denn vor uns liegen 90 sm bis Kaua’i.

Es wird ein Segeltag mit idealen Bedingungen, trotzdem grummelt es leicht im Magen. Aber um 18.00 laufen wir in die wunderschöne Hanalei-Bucht auf Kaua’i ein. 15 Sunden, wie geplant noch bei Tageslicht, die frühe Abfahrt war gut getimt.

Hier rücken die Berge nah an die Küste, nach Westen hin schließt sich die spektakuläre Nā Pali Küste an, die wir bei der Abfahrt Richtung Alaska noch näher anschauen wollen. Landseitig ist sie kaum zugänglich, der ansonsten am Ufer entlang um die Insel führende Highway 560 bricht dort ab. Nach Osten hin ist es etwas flacher und entlang des hier mündenden Hanalei River gibt es sogar (Wasser-) Felder, überwiegend wird hier Kalo (=Taro) angebaut. Die Knollen dieser Pflanze werden zum traditionellen Hawaiianischen Grundnahrungsmittel Poi verarbeitet, die Blätter zum Beispiel für Lau Lau genutzt, ein weiteres traditionelles hawaiianisch-polynesisches Gericht, in seiner ursprünglichen Form im Erdofen gegart.

Das ich diesen Ausblick habe, verdanken wir der unglaublichen Gastfreundschaft hier. Mit dem Dinghy fahren wir in den Hanalei River, im Gepäck Rucksäcke für den letzten Einkauf von frischen Lebensmitteln und unseren Hackenporsche mit zwei Zwanzig-Liter Kanistern, deren Diesel wir zuvor in den Schiffstank geschüttet hatten und die nun wieder aufgefüllt werden sollen. Zur Tankstelle ist es ein langer Fußmarsch, aber es soll auch einen stündlich fahrenden Bus geben. Ist allerdings fraglich, ob der uns mit Kanistern einsteigen lassen würde. Ein Stück den Fluss hinauf legen wir am Ufer an und binden das Dinghy an einer Palme fest. Riley sitzt daneben im Liegestuhl hinter seinem Truck. Wir kommen ins Gespräch, fragen ihn nach dem Weg zur Tankstelle. Er beschreibt uns den Weg, “aber das könnt ihr nicht laufen. Ich würde Euch ja fahren, aber da ist mir jetzt zu viel Verkehr. Nehmt einfach meinen Truck. Schlüssel steckt.” Machen wir, ich setze Wiebke am Supermarkt ab, fahre zur Tankstelle. Das wäre zu Fuß tatsächlich nicht nur weit, sondern auch schwierig geworden. Es geht ziemlich steil den Berg rauf und die schmale Straße hat keinen Randstreifen und erst recht keinen Fußweg. Danke, Riley. Wir laden ihn auf ein Bier zu uns auf die Flora ein und es wird ein angeregtes, spannendes und persönliches Gespräch.

Wie an fast allen Ankerplätzen sind auch in Hanalei viele Auslegerkanus unterwegs. Wie sehr das auf Hawai’i Volkssport ist zeigt sich heute, als am Ufer Zelte aufgebaut werden und vor dem Strand eine Rennstrecke abgesteckt wird. Den ganzen Tag schallen die Kommandos der Bootsführer und die Anfeuerungsrufe der vielen Zuschauer zu uns herüber.

Trotz immer wieder auch trauriger Gedanken, heute sind wir genau drei Jahre unterwegs. das wollen wir würdig begehen. Wiebke backt einen Jubiläumskuchen (eine Variation von Tante Christas Zitronen-Baiser).

Fahren wir morgen wirklich los? Nein, einen Tag geben wir uns noch. Also Abfahrt am Montag. Es sei denn, der Wetterbericht ändert sich noch einmal. Waren zuletzt in flotter Folge Tiefs durchgezogen, scheint sich jetzt das nordpazifische Hochdruckgebiet mit etwa einem Monat Verzögerung (La Niña bedingt) zu stabilisieren. Unsere Route um dieses Hoch herum wäre dann etwa 2.600 Seemeilen lang, würde aber günstigere Winde erhoffen lassen, Segelzeit dann vielleicht drei Wochen. Für den direkten Weg (2.300 sm) hatte unser Routenprogramm zwischendurch auch schon mal 30 Tage ausgewiesen, zu viel Gegenwind und Flauten. Dann doch lieber so:

Aloha.

Kāne’ohe Bay

Wir haben uns entschieden, noch einige Tage in Hawai’i zu bleiben und die Abfahrt nach Alaska etwas zu verschieben. Aus der quirligen Großstadt Honolulu verabschieden wir uns aber, um den Süden von O’ahu herum fahren wir auf die Ostseite der Insel, in die Lagune von Kāne’ohe. Es ist keine Spazierfahrt, ziemlich schaukelig und erst im letzten Drittel vernünftig segelbar.

Die Einfahrt in die Bucht ist beeindruckend. An Steuerbord ragen steile grüne Berghänge in die Höhe, die das Ka’a’awa Tal abschirmen, es erinnert an Jurassic Park. Erinnert? Nein, nicht nur. Teile der Filme wurden tatsächlich hier gedreht.

Und auch voraus an der Westseite der Bucht zieht sich ein Gebirgszug wie eine natürliche Festungsmauer entlang, nur dass er hier ein kleines Stück vom Ufer zurück emporsteigt und damit Raum für ein paar kleinere Ortschaften bietet. Das Besondere der mit Korallenköpfen gespickten Bucht ist das große Barriereriff, das sie vor dem Pazifikschwell abschirmt und zudem eine beeindruckende Sandbank beinhaltet. Boote können aus dem Inneren der Bucht im tiefen Wasser bis an die Sandbank heranfahren, sogar den Anker auf die Sandbank fallen lassen und sich mit dem Heckanker im 12 m tiefen Wasser vor einem Herumschwingen schützen.

Wir wählen aber die klassischere Variante und ankern frei schwingend etwas abseits der Sandbank, nachdem wir uns im betonten Fahrwasser zwischen den Korallenbommies (den oliv-braunen Flecken im Drohnenbild) hindurch getastet haben.

Durchatmen, jetzt erst einmal diese Landschaft in uns aufnehmen:

Anders als in Honolulu an O’ahus Westküste bleiben die Wolken hier im dem Wind zugewandten Osten der Insel zumeist nicht auf Abstand, sondern ziehen in schneller Folge durch. Bleiben an den Bergen hängen und bescheren uns immer mal wieder einen Regenguss.

Morgens, Mittags und Abends haben wir den Ankerplatz fast für uns allein. Dazwischen aber wird die Sandbank in getakteten Schichten reichlich genutzt. Ausflugsboote bringen stundenweise Tagestouristen und reichlich “Spielzeug” heran, also Kajaks, Paddleboard, Schwimmwesten und Schnorchelbrillen.

Wer mag es ihnen verdenken. Aber zu unserer Stimmung passt die Fröhlichkeit der Tagestouristen nicht, trotzdem tut es uns gut, in der Natur zu sein. Wir setzen mit dem Dinghy zur Sandbank über, suchen uns eine ruhige Ecke, laufen durch das flache Wasser, Schnorcheln an der Riffkante.

Lenken uns ab und versuchen, das Schöne zu sehen. Das gelingt uns mal besser, mal weniger gut, wenn die Trauer wieder Raum greift. Aber das muss sein und ist wohl auch gut so.

Aloha.

Abschied

Wir stehen neben uns. Praktisch die ganze letzte Woche schon. Gute Segelfreunde von uns sind tödlich verunglückt. Auf dem Weg von Bermuda nach Halifax gab es auf der Escape einen Unfall, sowohl Annemarie als auch Volker wurden schwerst verletzt abgeborgen. Genaueres zum Hergang ist noch nicht gesichert bekannt. Zurzeit wird nach dem treibenden Schiff professionell gesucht um es zu bergen.

Gute Freunde, wunderbare Menschen sind von einem Tag auf den anderen auf schreckliche Weise für immer fort.

Wir sind fassungslos und unendlich traurig, aber auch dankbar für die vielen schönen Erinnerungen, die uns mit den beiden verbinden. Dennoch, der frische Schmerz dieses Verlustes, die Lücke, die dieser Unfall in unser Leben, das Leben anderer Freunde und ihrer Familie gerissen hat, all das überlagert immer wieder urplötzlich jede andere Empfindung.

Während wir versuchen, irgendwie damit klarzukommen, es zu verarbeiten, müssen wir den Austausch des Stehenden Gutes der Flora begleiten, Teile besorgen oder abholen, beim Zusammenbau helfen, die Segel wieder aufriggen, testen, mit dem Rigger gemeinsam nachjustieren. Es beschäftigt uns, lenkt uns ab. Zwischendurch.

Flora ist jetzt bereit für den nächsten großen Schlag von Hawai’i nach Alaska, aber sind wir es?

Unsere Nachbarn wollen am Montag Richtung Alaska ablegen, ihr professioneller Meteorologe sagt, das Wetter passt. Trotzdem, wir überlegen, noch ein paar Tage auf Hawai’i zu bleiben. Hoffen, den Kopf und das Herz etwas freier zu bekommen. Vielleicht hilft es aber auch mehr, einfach los zu segeln.