Dunkle Wolken über dem Paradies?

Wir verbringen schöne Tage beim Tauna-Motu am Außenriff. Gemeinsam mit den Crews der Adiona und der Ohana gibt’s noch ein Beach-Potluck mit Lagerfeuer und Boccia spielen auf der Insel.

Dann ziehen die beiden anderen Boote weiter, wir bleiben noch einen Tag und genießen es, diese kleine Trauminsel ganz für uns allein zu haben.

Und dann wechseln auch wir mal wieder den Ankerplatz. Dieses Mal verholen wir hinter die Île Aukena, denn es sind südliche Winde und auch schlechteres Wetter vorhergesagt.

Auf Noforeignlandland sieht unsere Route durch das Gambier-Archipel nach einem Monat hier inzwischen so aus:

Als wir am Ankerplatz vor Aukena ankommen, ziehen von Süden über Akamaru bereits dunkle Wolken auf, während unsere Bucht noch durch die letzten Sonnenstrahlen in hellem Türkis leuchtet.

Also schnell das Dinghy zu Wasser lassen und ein bisschen Landgang.

Wir landen am alten Wachturm auf der Westspitze Aukenas an.

Hier könnte man sich jetzt auch in Schottland wähnen. Aber auf dem Pfad, der von hier aus durch den Wald führt, ändert sich dieser Eindruck gleich wieder. Ein wildes Gemisch aus Kokospalmen, Pandanus (Schraubenbaum) und Talipariti (Lindenblättriger Eibisch) im feuchteren Bereich, Kiefern auf den trockeneren steinigen Höhen. Mittendrin die Ruine des ersten Priesterkollegs Französisch Polynesiens aus dem zweiten Drittel des 19. Jahrhundert.

Und nebenan, im Wald fast überwuchert, der große Brennofen, in dem aus Korallengestein Kalk für den durch Zwangsarbeit der Bevölkerung gestemmten Bau der vielen überdimensionierten Missionskirchen gebrannt wurde.

Es tröpfelt schon, als wir wieder am Dinghy ankommen. Einen kurzen Schnorchelgang lassen wir uns dennoch nicht entgehen. Na klar, bei strahlendem Sonnenschein wäre das noch schöner, aber auch so sind wir von der intakten Korallenlandschaft und dem Fischreichtum begeistert.

Dann aber jetzt wirklich zurück zur Flora.

Sind das jetzt dunkle Wolken überm Paradies? Dramatisch genug mutet es jedenfalls an, oder?

Nein. Überhaupt sollten wir wohl dem von Cruisern so inflationär benutzten Begriff “Paradies“ mit einiger Skepsis begegnen. Auch die wunderschönen Gambier sind nicht das Paradies. Die durch die von den Priestern durchgesetzte Zwangsarbeit und durch eingeschleppte Seuchen fast ausgerotteten Insulaner sind da sicher eine Mahnung. Und aktueller: im Gespäch mit einem der Gendarmen war zu erfahren, dass auch auf den so idyllisch wirkenden Gambier weder häusliche Gewalt noch Drogen- oder Gewaltdelikte unbekannt sind.

Das Paradies ist jedenfalls für uns ganz sicher kein irdischer Ort, den es zu finden gilt, wenn man über die Weltmeere segelt oder durch die Kontinente streift. Wenn überhaupt, dann ist das Paradies in diesem Leben wohl eher ein Gefühl, ein Bewusstsein, eine Geisteshaltung, die Schönheit in dem zu erkennen, was um uns herum ist.

Mit oder ohne Wolken.

Nach dem Sturm

Es ist eigentlich erstaunlich. Wir hatten schlicht überhaupt nichts auszustehen und trotzdem merken wir, dass jetzt ein Druck, eine Anspannung von uns abfällt.

Das Sturmtief hat sich in den letzten vier Tagen wie vorhergesagt weiter im Südosten bei Pitcairn ausgetobt. Wir haben in unserer geschützten Ankerbucht nur einige Böen von knapp über 40 Knoten abbekommen. Kein Problem, da eben fast überhaupt kein Schwell seinen Weg in die Bucht fand.

Auf den Wind hatten wir Flora vorbereitet, indem wir das Bimini abgebaut und auch sonst den Winddruck vermindert haben. So wanderte der sonst am Seezaun gelaschte Segelsack des Code0 ebenso ins Vorschiff wie der Rettungskragen, diverse Leinen und auch die meisten Solarpanel (allerdings nicht die auf den Davits). So abgespeckt sieht Flora dann natürlich wieder richtig schnieke aus.

Tja, und der Wind hat sich eben an die Vorhersage gehalten und uns – außer einer im Laufe der Vorhersagen um einen weiteren Tag verlängerten Dauer – keine zusätzlichen Überraschungen beschert.

Die kurze Dinghyfahrt hinüber zur Adiona zum Oster-Essen mit Maggie und Scott ist ein bisschen nass, weil die Böen selbst die kleinsten Wellen gleich aufwirbeln. Aber ansonsten lässt sich das Wetter in der wunderschönen Baie Anganui ganz angenehm aussitzen.

Wiebke kann in aller Ruhe ihren Cardigan fertig stricken.

Und ich kann wenigstens die Knöpfe aus Strandfunden dazu basteln:

Langweilig wird es uns auch sonst nicht. Trotzdem, ein bisschen Veränderung darf es dann nach dem Abzug des Starkwindes doch sein. Wir verholen zwei Buchten weiter hinter die Île Agakauitai.

Hier gehen wir auch wieder schnorcheln. Trotz eher mäßiger Sicht lohnt es:

Und der Ankerplatz hinter dem hell-türkis leuchtenden Flach zwischen Taravai und Agakauitai ist auch wieder traumhaft.

Gambier. ❤️

Verstecken zu Ostern

Fast drei Wochen sind wir nun schon auf den Gambier und fast die ganze Zeit hatten wir schönes und ruhiges Wetter. Pünktlich zum Osterfest zieht allerdings im Südosten von uns ein Tiefdruckgebiet auf, das auch unser Feiertagswetter beeinflusst. Für die nächsten Tage ist Wind aus Südost mit kräftigen Böen angekündigt.

Der Ankerplatz vor Rikitea auf Mangareva ist zwar durch die vorgelagerten Riffe geschützt, aber aus Südost können Wind und Welle doch einigen Anlauf nehmen. Für die Lagune bei Taravai gilt das Gleiche. Wir beschließen deswegen, uns auf der anderen Seite von Taravai in einer geschützten Nordwestbucht zu verstecken (blauer Punkt).

Die Nordwestseite von Mangareva bietet sich nur scheinbar ebenfalls an, sie ist aber ziemlich dicht an dicht mit Perlfarmen belegt.

Macht aber nichts: hier in der Baie Anganui liegen wir nicht nur wunderbar geschützt, sondern zudem auch ausnehmend schön.

Inzwischen hat sich noch die Adiona zu uns in diese schöne Bucht verholt. So können wir mit unseren kanadischen Segelfreunden Maggie und Scott Ostern feiern. Die beiden haben uns gleich schon mal bei der Kokosnuss-Ernte geholfen und dann zu Erdbeer-Margaritas auf ihren Kat eingeladen.

Für die vorbei gebrachten Bananen-Muffins können wir uns dann heute mit einem Guglhupf Elsässer Art revanchieren. Den hat Wiebke quasi als Testlauf für das Backen bei Tetu und Murielle ausprobiert.

😚

Sowieso schon SEHR lecker, aber mit der selbst gemachten Guaven-Marmelade – einfach ein Gedicht!

Wir wünschen Euch allen ein schönes Osterfest.

Nach der Passage

Es ist ganz putzig. Nimmt man die Eingewöhnungsphase der ersten drei Tage mal raus, hatten während der gut drei Wochen unserer Überfahrt nicht das Gefühl, zu wenig Schlaf zu bekommen. Und doch: nach der ersten Euphorie des Ankommens sacken wir ein bisschen durch. Schlafen geschlagene 12 Stunden in der ersten Nacht und wachen trotzdem wie gerädert und mit leichten Kopfschmerzen auf klitschnass geschwitzten Laken auf.

Allzuviel bekommen wir am Tag dann auch nicht mehr erledigt. Immerhin das Nötigste, das Einklarieren. Das geht flott in der Gendarmerie. Vor unserer Abfahrt in Mexiko hatten wir das Internet-Formular für die Einreise in Französisch Polynesien ausgefüllt. Man kann es ausdrucken, aber wir nehmen nur die Vorgangsnummer aus der Bestätigungs-Email mit, das reicht aus. Der freundliche Beamte der Gendarmerie Nationale, Brigade de Rikitea, fragt uns noch, ob wir einen Stempel in den Pass haben möchten, sozusagen als Souvenir. Na klar. Und dann gibt er sich auch ganz besondere Mühe mit den Stempeln.

Wir sind drin. Polynésie francaise.

Als wir die Pässe wieder in der Hand haben fragen wir noch mal nach. Wie lange dürfen wir jetzt bleiben? Der Bürochef antwortet: Das Boot zwei Jahre, danach müsste es importiert werden. Und wir? Als EU-Europäer so lange wir mögen. „No Limit.“ Das ist sehr nett zu wissen, aber eigentlich nicht unser Plan.

😉

Die nächsten Gänge führen zum Geldautomaten an der Post und dann zum Bürgermeisteramt, wo wir die Gebühren für die Müllentsorgung (am Bauhof) bezahlen sollen.

Wir spazieren noch ein bisschen weiter durch das schmucke kleine Dorf und kommen an diesem Schild vorbei:

Der Stützpunkt unseres Segelvereins Trans Ocean aus Cuxhaven! Wir hatten zuvor von anderen Seglern gehört, dass wir einen Besuch hier am Besten am frühen Vormittag machen sollten. Dafür ist es jetzt etwas spät, aber wir gehen trotzdem hinein. Fritz begrüßt uns freudig und auf Deutsch. Er teilt uns auch gleich mit, dass er seit seinem letzten Schlaganfall keinen Alkohol mehr trinkt und auch nicht mehr raucht. Und dann geht ein echter Tropenguss auf das Blechdach der Hütte nieder, währen der 83jährige Fritz uns ganz wunderbar mit seiner wirklich außergewöhnlichen Lebensgeschichte unterhält.

Bis vor kurzem war Fritz auch zugleich die Anlaufstation für Segler, die in den Gambier Wäsche waschen wollten. Einen Waschsalon gibt’s nämlich nicht. Aber leider, seine Waschmaschine gibt den Geist auf und ist so laut geworden, dass er diesen Service inzwischen nicht mehr anbietet. Und da auch Rikitea Yacht Service seinen Betrieb eingestellt hat, bleibt nur die Handwäsche oder – was für ein Luxus – wir nehmen das Angebot unserer Freunde Jeannette und Jeroen an, die Waschmaschine auf Fidelis zu benutzen. Damit nicht genug, bewirten die beiden uns auch noch mit einem fürstlichen Dankesessen. Wir danken Euch, Ihr Lieben.

Die zweite Nacht bringt uns immerhin noch mal 10 Stunden Durchschlafen und dann erleben wir den ganzen Vormittag tropische Regengüsse aus dem Bilderbuch.

Wir gehen es langsam an. Die sintflutartigen Regenfluten nutzen wir allerdings gleich für eine natur-unterstützte Dusche und um das Schiff von der intensiven Salzkruste zu befreien, die es während der Passage aufgebaut hatte.

Und schließlich:

Wiebke backt gerade einen Kuchen. Ein erster Eindruck von unserem wunderschönen und ruhigen Ankerplatz hier zwischen den Riffen vor Rikitea:

Mangareva: eine Insel mit zwei Bergen …

Abschlepp-Aktion vor der Ankunft: Tag 24 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Landfall mit Hindernissen

Die letzte Nacht vor der Ankunft beginnt mit einem Schock. Allerdings für Jeanette und Jeroen sicher mehr als für uns. Mit Beginn der Dämmerung erhalten wir einen Anruf von unserem Buddyboat. Die etwas hinter uns liegende Fidelis hat einen Getriebeschaden, der Motor ist nicht einsetzbar.

Es sind noch gut 40 sm bis zur Ansteuerung der Riffdurchfahrt, derzeit ist – wenn auch nur leichter – Segelwind. Also vereinbaren wir, dass wir zunächst ein Reff einbinden, damit sie weiter zu uns aufschließen können. Falls möglich, wollen wir die Boote bis kurz dem Pass segeln. Dann soll Flora die Fidelis in Schlepp nehmen. Allerdings ist weiter abnehmender Wind vorhergesagt. Für den Abend unseres Ankunftstages allerdings kündigen sich kräftige Gewitter an, allzu spät sollten wir nicht dort sein.

Bis 4.00 Uhr segeln wir, dann ist völlige Flaute. Noch gut 20 sm bis zum Pass. Fidelis ist jetzt aber nur noch 2 Meilen von uns entfernt. Über Funk vereinbaren wir den Versuch, doch bereits in der Dunkelheit eine Schleppverbindung herzustellen. Eigentlich möchte ich die Zugkraft mit einem Hahnepot auf unsere beiden Heckklampen verteilen, aber von dieser Vorstellung muss ich wieder Abstand nehmen. An Steuerbord würde unmittelbar am Propeller des Außenborders entlanglaufen, zu gefährlich. Und selbst wenn wir den Außenborder hochklappen oder gar (unterwegs im Dunkeln aufwändig) abnehmen, würde die Hahnepot auf Höhe der Unterkante unseres Dinghies verlaufen. Nicht gut. Die See ist ruhig, da sollte die massive durchgebolzte Backbord-Heckklampe unserer Hallberg-Rassy 43 auch mit den Zugkräften der 54 ft Amel klarkommen (hoffen wir).

Wiebke manövriert uns dicht an die Fidelis heran und ich werfe eine dünne Leine hinüber, an deren Ende ich unsere 50 m lange Heckankertrosse geknotet habe. Letztere befestigt Jeroen am Bug der Fidelis und dann beginnt die Schleppfahrt.

Angenehmer ist es natürlich, als es zwei Stunden später langsam hell wird und sich vor uns auch die Gambier-Inseln abzuzeichnen beginnen.

Es ist unmöglich, die Schleppleine permanent unter Last zu halten. Auch wenn die Wellen niedrig sind, zwei Dünungen laufen hier aus verschiedenen Richtungen um die Nordspitze des Gambier-Riffs herum. Laut Windy sind die derzeit zwar nur 1,6 und 1,2 m hoch. Manchmal heben sie sich fast auf, manchmal addieren sich die Höhen. Aber jedenfalls sorgen sie eben doch dafür, dass die Schlepptrosse unregelmäßig Lose bekommt oder sich strafft. Wir müssen aufpassen, dass Fidelis leicht nach Steuerbord versetzt hinter uns bleibt, damit die Trosse beim Hochschnellen nicht unter unsere Rettungsinsel knallt.

Insbesondere beim Einlenken in den Pass und den folgenden scharfen „Linkskurven“ bei der Durchfahrt der inneren Riffe zum Ankerplatz vor Rikitea auf Mangareva ist das wichtig.

Das Fahrwasser ist gut betonnt. Aber Achtung: die Betonnung folgt hier in Französisch Polynesien wieder dem zu Hause in Europa verbreiteten System A (einlaufend rot an Backbord) und nicht wie zuletzt System B (Red Right Return).

Es ist anstrengend, keine Frage. Das Abschleppen reibt an den so kurz vor dem Ende der Passage ohnehin überstrapazierten Nerven, aber es ist eben auch Teil der gelebten Seemannschaft und des Abenteuers, das mit einer solchen Ozeanpassage einher geht. Und: alles klappt gut, wir kommen sicher am Ankerplatz vor Rikitea an.

Das dann unsere Ankerwinsch mitten im Manöver in Streik geht und die Sicherung durchbrennen lässt hätte jetzt eigentlich nicht sein müssen, aber wir finden einen Workaround und bringen das Manöver zu Ende, ersetzen dann die Sicherung und werden uns vielleicht morgen um den Fußschalter kümmern, den wir als eigentliche Ursache verdächtigen.

Strecke bis zur Ankunft: 86 sm, damit gesamt auf dieser Passage: 3.048 sm, unsere zweitlängste Passage bisher auf der gesamten Reise.

Ankunft war um 13.00 Gambierzeit (wir sind jetzt 10 Stunden hinter der deutschen Zeit). Einschließlich der durch die beiden Zeitzonen gewonnenen zwei Stunden waren wir also 24 Tage und 4 Stunden (=580 Stunden) unterwegs. Das macht 5,25 kn Durchschnittsgeschwindig-keit. Wohl der niedrigste Wert unserer bisherigen Hochseepassagen, und doch sind wir damit sehr zufrieden. Denn zum einen haben wir es damit geschafft, praktisch die kompletten Tropen von Nord nach Süd mit nur 43,4 Motorstunden zu durchfahren, wovon ja auch noch gut 8 Stunden auf das Schleppen entfallen. Vor allem aber haben wir es mit dem teilweise bewusst langsamen Segeln geschafft, alle Gewittergebiete auf dem Weg zu umschiffen.

Ankommenschluck mit der Crew der Fidelis

Wir sind ein bisschen erschöpft, glücklich und wir freuen uns darauf, mal wieder eine ganz Nacht durchzuschlafen.

🥱😴💤

Na ja, mal schauen ob das inzwischen für den frühen Morgen vorhergesagte Gewitter das zulässt, aber deutlich lieber hier als unterwegs.

Tag 22 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Ein Kessel Buntes.

Wind- und wettermäßig bekommen wir heute einiges geboten. Schwachwindsegeln, kurze Motorpassagen, kräftige Böen, aber auch zeitweise herrliches Segeln, alles ist dabei. Außer – dreimal auf Holz geklopft – Gewitter. Wir scheinen es ganz gut abgepasst zu haben.

An die Screenshots von http://www.windy.com habt Ihr Euch ja inzwischen gewöhnt. Hier der von gestern Nachmittag in der Einstellung Gewitter:

Und so sieht’s im Satellitenbild aus:

Und von Bord aus:

Das Schöne daran: die Vorhersage der Meteorologen tritt ein, das Band löst sich bei unserer Annäherung ganz langsam vor uns auf, die Reste ziehen ab. Sehr schön. Was bleibt, sind natürlich einige Schauer, Winddreher und auch ein bisschen Kabbelsee, vor allem in der Nacht. Und heute können wir entgegen der Erwartung eines ausgeprägten Schwachwindgebietes wiederum (jedenfalls bisher) auch immer wieder längere Abschnitte segeln, bei babyblauem Himmel vor uns und tiefblauem Ozean (und einer dunkelgrauen Wolke hinter uns).

Das Sahnehäubchen: Angelglück. Wiederum schlagen beide Ruten gleichzeitig an, wir sind offenbar durch einen Fischschwarm gesegelt. Ein Fisch geht uns vom Haken, aber direkt darauf schlägt die gleiche Rute wieder an während ich jetzt mit der anderen Angel beschäftigt bin. Interessanterweise scheint es ein gemischter Schwarm zu sein. Zunächst holen wir einen Rainbow-Runner an Bord …

… der zweite Fang ist ein Großaugen-Thunfisch:

Und am nassen Deck kann man erkennen, dass während des Filetierens ein Schauer einsetzt. das lässt sich aber bei diesen Temperaturen gut verkraften.

😊

Etmal 105 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.855 sm, noch 194 sm bis zur Ansteuerung der Gambier.

Essen: Thai-Curry mit Süßkartoffeln, Möhren und unserem eingekochten Hähnchenfleisch. Damit haben wir von allen unseren ersten Einkochversuchen aus La Paz jetzt mindestens einmal probiert und es jeweils für gut befunden. Es kann also weiter eingekocht werden.

Tag 21 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Drei Wochen auf hoher See.

Die ganze Nacht durch und bis jetzt weiter mit Passatbesegelung unterwegs. Zeitweise wieder sehr langsam, aber inzwischen hat der Wind auf 10-13 kn zugenommen und es ist „Champagnersegeln“. Allerdings muss der Alkohol noch ein paar Tage warten.

Das dicke Gewitterband scheint sich vorhersagegemäß zu entwickeln, also endlich aus dem Weg zu ziehen. Im Ernst, 350 km breit, das wäre falls unvermeidbar beim Durchsegeln eine ziemliche Nervenanspannung gewesen. So schön dieses Wetterphänomen aus der Entfernung auch anzuschauen ist, unmittelbar drin zu sein ist selten angenehm. Auf See schon erst recht nicht, wenn der Mast des eigenen Bootes weit und breit die höchste Erhebung ist und sich den Blitzen entgegenzustrecken scheint.

Neben den Französisch-Lektionen ist jetzt auch das Üben des Hantierens mit dem Sextanten angesagt. Da ich ja kein Nautisches Jahrbuch dabei habe, hat das Spielkind in mir nach anderen Lösungen gesucht und tatsächlich eine wunderbare App gefunden: „Circle of Position Navigation“. Dort kann ich meine Sextant-Messungen eingeben. Die sekundengenaue Uhrzeit dazu muss natürlich ebenfalls eingetragen werden, Wiebke ist also ebenfalls eingebunden. Wenn ich bei der Sextant-Messung „jetzt“ rufe, macht sie ein Bildschirmfoto der UTC-Zeit auf der „AtomUhr“-App.

😊

Hört sich albern an? Ist es wohl auch. Aber die sekundengenaue Zeit vom GPS-Plotter abzulesen ist wäre vielleicht noch sinnfreier, wenn der Sextant als Backup für den Fall eines gestörten GPS-Systems dient.

Wie auch immer, die Messungen mit dem altertümlich anmutenden mechanischen Sextant machen Spaß und die digitale (offline-)Auswertung zeigt, dass bei diesen vergleichsweise ruhigen Bedingungen selbst ein Anfänger doch ganz beachtliche Positionsbestimmungen hinbekommt.

Der für den Sextanten ermittelte Indexfehler wird noch korrigiert, die Höhe der Betrachtung eingegeben (2m über Wasserspiegel).

Jede Messung des Winkels der Sonne zum Horizont wird in eine Standline in Form eines Kreises umgerechnet. die zwischen den Messungen versegelte Strecke und Richtung wird ebenfalls eingegeben und einer der Schnittpunkte der beiden Kreise ist der ermittelte Standort. Da wir wissen dass wir auf der Südhalbkugel sind, kommt nur dieser in Frage. Das Programm bereitet es auch optisch sehr nett auf:

Und der so ermittelte Schiffsort liegt tatsächlich nur 14 Seemeilen von unserer tatsächlichen Position laut GPS entfernt. Das reicht nicht, um ein flaches Korallenatoll anzulaufen. Aber eine höhere Insel wie unser Ziel Mangareva im Gambier Archipel, mit dem über 400 m hohen Mont Duff, könnten wir damit vielleicht schon mal finden.

Gar nicht schlecht für den ersten Versuch, vielleicht aber auch nur Anfängerglück. Also weiter üben und damit hoffentlich die Genauigkeit noch verbessern. Jedenfalls Dankeschön Jan, dass Du uns den Sextanten mitgegeben hast.

Etmal 93 sm, gesamt auf der Passage bisher 2.750 sm, verbleiben bis zur Ansteuerung von Gambier noch 310 sm.

Essen: wir probieren unser in La Paz eingekochtes Rindfleisch. Das hat gut funktioniert, sehr lecker mit Nudeln, getrockneten Paprika und frischem Weißkohl (beides ebenfalls aus La Paz). Lecker.

Tag 20 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Unter weißen Flügeln

Mit Passatbesegelung lassen wir uns vor dem Wind weiter in Richtung Gambier schieben. Mit anderen Worten: das Großsegel macht Pause, wir haben sowohl die Fock als auch den Code0 jeweils mit einem Spinnakerbaum jeweils zu einer Schiffsseite hin „ausgebaumt“.

Gerade bei wenig Wind ist das nicht die „schnellste“ Besegelung, aber dafür eine sehr gemütliche. Auf Flora müssen wir dann Winddreher bis zu etwa 60 Grad zu einer Seite nicht ausgleichen, können also einen Windwinkel von 120 Grad abdecken, ohne die Segelstellung oder das Ruder anpassen zu müssen.

Wie wir die Bäume mit Niederholern, Topnanten und Schoten riggen, hatten wir hier schon einmal ausführlich (und sehr technisch) beschrieben.

Gerade bei wenig Wind stellt sich aber vor allem das Gefühl ein, von den ausgebreiteten weißen Flügeln des Bootes geradewegs und ohne großes Geschaukel zum Ziel gezogen zu werden. Wunderschön. 🤩

Und höhere Geschwindigkeit wäre im Moment ohnehin nicht hilfreich. Wir warten immer noch darauf, dass das 200 sm (über 350 km) breite Gewitterband zwischen uns und den Gambier (mit seinem Hauptort Rikitea) verzieht. Es ist bereits schwächer geworden, nicht mehr so viel Rot (=starke Gewitter), mehr Gelb und Grün (=Gewitter) wie ursprünglich befürchtet. Aber erst Freitag früh wird es so weit nach Südosten gewandert sein, dass wir (wenn die Vorhersage stimmt) hinter ihm durchsegeln können.

Für Samstag gibt es derzeit folgende Prognose:

Das sieht doch vielversprechend aus!

Essen: Pfannen-Pizzadilla (wie Pizza gefüllte Tortilla-Fladen zusammengeklappt in der Bratpfanne bereitet), übrigens als Snack auch super einfach mit Pesto oder als Nachtisch mit Nutella.

Etmal 64 sm, unser neuer Rekord im Langsam-Segeln. Das ist aber noch nicht den Passatsegeln geschuldet, vielmehr waren wir in der fast windlosen Nacht noch mit Großsegel unterwegs. Gesamt auf dieser Passage 2.657 sm, noch 414 sm bis zur Ansteuerung am Westpass Gambier.

Übrigens: Wassertemperatur 29,8 Grad Celsius.

Tropisch. 😊

Tag 17 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Rätsel der Seefahrt

Ein Blick in die Schüssel. 🚽 Die Erde ist kaputt. Oder zumindest das Meer. Die Schwerkraft? Die Corioliskraft? das Wasser fließt in einem rechtsdrehenden Strudel ab. Darf das das? Wir sind doch jetzt auf der Südhalbkugel. Der Einfluss auf den Abfluss: das muss doch andersrum! Wir alle haben in Erdkunde irgendwann in grauer Vorzeit gelernt, dass sich Wirbel auf der Nordhalbkugel rechtsdrehend bilden, auf der Südhalbkugel linksdrehend. Eben wegen der Corioliskraft! Denn durch die Eigendrehung der Erdkugel dreht sie sich unter einem fluiden Medium wie Wasser oder Luft weg. Da sich die unser Planet nach Osten dreht, werden Hochdruckgebiete und Wasserwirbel in der nördlichen Hemisphäre rechtsdrehend abgelenkt, auf der Südhalbkugel dagegen linksdrehend. Tiefdruckgebiete entsprechend umgekehrt. Und doch: nicht in Floras Schüssel. Zur Sicherheit noch mal im Waschbecken ausprobiert: nein, auch das macht, was es will. Die Corioliskraft ist trotzdem nicht kaputt. Vielmehr sind die Wirbel in Floras Becken und Schüsseln einfach viel zu klein, um von dieser Kraft maßgeblich beeinflusst zu werden. Andere Faktoren, wie etwa die Schiffsbewegung oder auch Unregelmäßigkeiten der Form und der Oberfläche haben einen größeren Einfluss auf den Abfluss und sorgen für eher zufällige Wirbelrichtung.

Ein anderes Rätsel: warum sind wir eigentlich so langsam? Wir haben allerbeste Segelbedingungen, Traumwetter, ruhige See. Und trotzdem dödeln wir bei 9 kn Wind mit der Fock und zwei Reffs im Groß herum, laufen derzeit nur noch zwischen vier und fünf Knoten bei 60 Grad am Wind. Ist der Code0 schuld? Das wäre doch eigentlich sein Kurs?

Liegt irgendwie nahe und tatsächlich habe ich heute Vormittag auf dem Vorschiff noch einmal versucht, die Lasching zu optimieren. Aber nur, weil das Segel jetzt etwas schwieriger aufzurollen ist und manchmal durchrutscht. Kein Grund, es nicht zu setzen. Und außerdem würde das auch nicht die beiden nicht zur Windstärke passenden Reffs im Großsegel erklären. Wer uns auf Noforeignland folgt und auf der Bootsansicht in die allgemeine wechselt, sieht dass unser Buddyboat Fidelis neben uns genauso schleicht. Aber nein, zum Glück hat keins der Boote technische Probleme (dreimal auf Holz geklopft). In diesem Fall liegt des Rätsels Lösung in der Zukunft: wären wir schneller unterwegs, würden wir kurz vor den Gambier am Mittwoch/Donnerstag in ein ziemlich großes Gewittergebiet hineinlaufen. Also lieber die Handbremse anziehen und bewusst langsam segeln. Sutje, wie wir in Norddeutschland sagen. Das ist derzeit hier bei diesen Bedingungen leicht zu machen und (für Nicht-Regatta-Segler) auch ganz angenehm. Leider ist aber wohl trotzdem ein unangenehmer Preis dafür zu zahlen: das Gewitterband gehört zu einem kräftigen Tiefdrucksystem, das nach der Vorhersage südlich der Gambier durchziehen wird.

Wenn wir entsprechend unserer Strategie dessen Durchzug abwarten, schaufelt das (auf der Südhalbkugel ja rechtsdrehende) Tiefdruckgebiet auf seiner Rückseite Südwind zu uns hoch. Wir werden also vermutlich die letzten beiden Tage unserer Passage Wind und Wellen gegenan haben. Aber immerhin: die Corioliskraft funktioniert.

🤓

Etmal 142 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.425 sm, rechnerisch bis Gambier noch 875 sm.

Essen: Linseneintopf (eins von meinen Lieblingsgerichten) mit mexikanischer Chorizo, lecker!

Und nach dem ganzen theoretischen Kram noch etwas Versöhnliches: so sah heute Morgen um sechs unser Sonnenaufgang aus:

Tag 13 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Auch das südliche Wolkenband der ITCZ liegt hinter uns. Wo wir gestern noch waren, bilden sich jetzt gewittrige Squalls. So weit, so gut. Der Preis dafür ist allerdings ein Kurs hoch am Wind, nicht angenehm bei weiterhin meist zwischen 20 und 25 kn Wind (AWS) und rund 3 Meter hohem konfusem Seegang. Bild insoweit fast wie gestern, nur mit mehr blau:

Am Himmel und auch am Körper, denn blaue Flecken bleiben bei diesen Bedingungen nicht aus. Das Boot stampft durch die See, wird von den einschlagenden Wellen abgestoppt und herumgeworfen, kämpft sich aber wunderbar da durch. Und der Autopilot hat sich sowieso ein Sonderlob verdient. Immer wieder spült auch eine der chaotisch quer laufenden Wellen über Deck bis zur festen Scheibe vor dem Cockpit, das will bei unserer eigentlich sehr trocken segelnden Flora schon einiges heißen.

Leben in Schräglage. Für ein paar Stunden ist das sicher ein abenteuerlicher Spaß, nach ein paar Tagen aber einfach nur anstrengend.

Immerhin, die Sonne setzt sich immer mehr durch.

Essen: Nudeln mit Pesto und der letzten frischen Tomate.

Etmal 163 sm, gesamt 1.804 sm, rechnerisch noch 1.496 sm bis Gambier, Bergfest war also schon. Auf dem aktuell direkteren Kurs wären es sogar etwa 150 sm weniger als die kalkulierten 3.300 sm.