Nach der Passage

Es ist ganz putzig. Nimmt man die Eingewöhnungsphase der ersten drei Tage mal raus, hatten während der gut drei Wochen unserer Überfahrt nicht das Gefühl, zu wenig Schlaf zu bekommen. Und doch: nach der ersten Euphorie des Ankommens sacken wir ein bisschen durch. Schlafen geschlagene 12 Stunden in der ersten Nacht und wachen trotzdem wie gerädert und mit leichten Kopfschmerzen auf klitschnass geschwitzten Laken auf.

Allzuviel bekommen wir am Tag dann auch nicht mehr erledigt. Immerhin das Nötigste, das Einklarieren. Das geht flott in der Gendarmerie. Vor unserer Abfahrt in Mexiko hatten wir das Internet-Formular für die Einreise in Französisch Polynesien ausgefüllt. Man kann es ausdrucken, aber wir nehmen nur die Vorgangsnummer aus der Bestätigungs-Email mit, das reicht aus. Der freundliche Beamte der Gendarmerie Nationale, Brigade de Rikitea, fragt uns noch, ob wir einen Stempel in den Pass haben möchten, sozusagen als Souvenir. Na klar. Und dann gibt er sich auch ganz besondere Mühe mit den Stempeln.

Wir sind drin. Polynésie francaise.

Als wir die Pässe wieder in der Hand haben fragen wir noch mal nach. Wie lange dürfen wir jetzt bleiben? Der Bürochef antwortet: Das Boot zwei Jahre, danach müsste es importiert werden. Und wir? Als EU-Europäer so lange wir mögen. „No Limit.“ Das ist sehr nett zu wissen, aber eigentlich nicht unser Plan.

😉

Die nächsten Gänge führen zum Geldautomaten an der Post und dann zum Bürgermeisteramt, wo wir die Gebühren für die Müllentsorgung (am Bauhof) bezahlen sollen.

Wir spazieren noch ein bisschen weiter durch das schmucke kleine Dorf und kommen an diesem Schild vorbei:

Der Stützpunkt unseres Segelvereins Trans Ocean aus Cuxhaven! Wir hatten zuvor von anderen Seglern gehört, dass wir einen Besuch hier am Besten am frühen Vormittag machen sollten. Dafür ist es jetzt etwas spät, aber wir gehen trotzdem hinein. Fritz begrüßt uns freudig und auf Deutsch. Er teilt uns auch gleich mit, dass er seit seinem letzten Schlaganfall keinen Alkohol mehr trinkt und auch nicht mehr raucht. Und dann geht ein echter Tropenguss auf das Blechdach der Hütte nieder, währen der 83jährige Fritz uns ganz wunderbar mit seiner wirklich außergewöhnlichen Lebensgeschichte unterhält.

Bis vor kurzem war Fritz auch zugleich die Anlaufstation für Segler, die in den Gambier Wäsche waschen wollten. Einen Waschsalon gibt’s nämlich nicht. Aber leider, seine Waschmaschine gibt den Geist auf und ist so laut geworden, dass er diesen Service inzwischen nicht mehr anbietet. Und da auch Rikitea Yacht Service seinen Betrieb eingestellt hat, bleibt nur die Handwäsche oder – was für ein Luxus – wir nehmen das Angebot unserer Freunde Jeannette und Jeroen an, die Waschmaschine auf Fidelis zu benutzen. Damit nicht genug, bewirten die beiden uns auch noch mit einem fürstlichen Dankesessen. Wir danken Euch, Ihr Lieben.

Die zweite Nacht bringt uns immerhin noch mal 10 Stunden Durchschlafen und dann erleben wir den ganzen Vormittag tropische Regengüsse aus dem Bilderbuch.

Wir gehen es langsam an. Die sintflutartigen Regenfluten nutzen wir allerdings gleich für eine natur-unterstützte Dusche und um das Schiff von der intensiven Salzkruste zu befreien, die es während der Passage aufgebaut hatte.

Und schließlich:

Wiebke backt gerade einen Kuchen. Ein erster Eindruck von unserem wunderschönen und ruhigen Ankerplatz hier zwischen den Riffen vor Rikitea:

Mangareva: eine Insel mit zwei Bergen …

Abschlepp-Aktion vor der Ankunft: Tag 24 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Landfall mit Hindernissen

Die letzte Nacht vor der Ankunft beginnt mit einem Schock. Allerdings für Jeanette und Jeroen sicher mehr als für uns. Mit Beginn der Dämmerung erhalten wir einen Anruf von unserem Buddyboat. Die etwas hinter uns liegende Fidelis hat einen Getriebeschaden, der Motor ist nicht einsetzbar.

Es sind noch gut 40 sm bis zur Ansteuerung der Riffdurchfahrt, derzeit ist – wenn auch nur leichter – Segelwind. Also vereinbaren wir, dass wir zunächst ein Reff einbinden, damit sie weiter zu uns aufschließen können. Falls möglich, wollen wir die Boote bis kurz dem Pass segeln. Dann soll Flora die Fidelis in Schlepp nehmen. Allerdings ist weiter abnehmender Wind vorhergesagt. Für den Abend unseres Ankunftstages allerdings kündigen sich kräftige Gewitter an, allzu spät sollten wir nicht dort sein.

Bis 4.00 Uhr segeln wir, dann ist völlige Flaute. Noch gut 20 sm bis zum Pass. Fidelis ist jetzt aber nur noch 2 Meilen von uns entfernt. Über Funk vereinbaren wir den Versuch, doch bereits in der Dunkelheit eine Schleppverbindung herzustellen. Eigentlich möchte ich die Zugkraft mit einem Hahnepot auf unsere beiden Heckklampen verteilen, aber von dieser Vorstellung muss ich wieder Abstand nehmen. An Steuerbord würde unmittelbar am Propeller des Außenborders entlanglaufen, zu gefährlich. Und selbst wenn wir den Außenborder hochklappen oder gar (unterwegs im Dunkeln aufwändig) abnehmen, würde die Hahnepot auf Höhe der Unterkante unseres Dinghies verlaufen. Nicht gut. Die See ist ruhig, da sollte die massive durchgebolzte Backbord-Heckklampe unserer Hallberg-Rassy 43 auch mit den Zugkräften der 54 ft Amel klarkommen (hoffen wir).

Wiebke manövriert uns dicht an die Fidelis heran und ich werfe eine dünne Leine hinüber, an deren Ende ich unsere 50 m lange Heckankertrosse geknotet habe. Letztere befestigt Jeroen am Bug der Fidelis und dann beginnt die Schleppfahrt.

Angenehmer ist es natürlich, als es zwei Stunden später langsam hell wird und sich vor uns auch die Gambier-Inseln abzuzeichnen beginnen.

Es ist unmöglich, die Schleppleine permanent unter Last zu halten. Auch wenn die Wellen niedrig sind, zwei Dünungen laufen hier aus verschiedenen Richtungen um die Nordspitze des Gambier-Riffs herum. Laut Windy sind die derzeit zwar nur 1,6 und 1,2 m hoch. Manchmal heben sie sich fast auf, manchmal addieren sich die Höhen. Aber jedenfalls sorgen sie eben doch dafür, dass die Schlepptrosse unregelmäßig Lose bekommt oder sich strafft. Wir müssen aufpassen, dass Fidelis leicht nach Steuerbord versetzt hinter uns bleibt, damit die Trosse beim Hochschnellen nicht unter unsere Rettungsinsel knallt.

Insbesondere beim Einlenken in den Pass und den folgenden scharfen „Linkskurven“ bei der Durchfahrt der inneren Riffe zum Ankerplatz vor Rikitea auf Mangareva ist das wichtig.

Das Fahrwasser ist gut betonnt. Aber Achtung: die Betonnung folgt hier in Französisch Polynesien wieder dem zu Hause in Europa verbreiteten System A (einlaufend rot an Backbord) und nicht wie zuletzt System B (Red Right Return).

Es ist anstrengend, keine Frage. Das Abschleppen reibt an den so kurz vor dem Ende der Passage ohnehin überstrapazierten Nerven, aber es ist eben auch Teil der gelebten Seemannschaft und des Abenteuers, das mit einer solchen Ozeanpassage einher geht. Und: alles klappt gut, wir kommen sicher am Ankerplatz vor Rikitea an.

Das dann unsere Ankerwinsch mitten im Manöver in Streik geht und die Sicherung durchbrennen lässt hätte jetzt eigentlich nicht sein müssen, aber wir finden einen Workaround und bringen das Manöver zu Ende, ersetzen dann die Sicherung und werden uns vielleicht morgen um den Fußschalter kümmern, den wir als eigentliche Ursache verdächtigen.

Strecke bis zur Ankunft: 86 sm, damit gesamt auf dieser Passage: 3.048 sm, unsere zweitlängste Passage bisher auf der gesamten Reise.

Ankunft war um 13.00 Gambierzeit (wir sind jetzt 10 Stunden hinter der deutschen Zeit). Einschließlich der durch die beiden Zeitzonen gewonnenen zwei Stunden waren wir also 24 Tage und 4 Stunden (=580 Stunden) unterwegs. Das macht 5,25 kn Durchschnittsgeschwindig-keit. Wohl der niedrigste Wert unserer bisherigen Hochseepassagen, und doch sind wir damit sehr zufrieden. Denn zum einen haben wir es damit geschafft, praktisch die kompletten Tropen von Nord nach Süd mit nur 43,4 Motorstunden zu durchfahren, wovon ja auch noch gut 8 Stunden auf das Schleppen entfallen. Vor allem aber haben wir es mit dem teilweise bewusst langsamen Segeln geschafft, alle Gewittergebiete auf dem Weg zu umschiffen.

Ankommenschluck mit der Crew der Fidelis

Wir sind ein bisschen erschöpft, glücklich und wir freuen uns darauf, mal wieder eine ganz Nacht durchzuschlafen.

🥱😴💤

Na ja, mal schauen ob das inzwischen für den frühen Morgen vorhergesagte Gewitter das zulässt, aber deutlich lieber hier als unterwegs.

Tag 22 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Ein Kessel Buntes.

Wind- und wettermäßig bekommen wir heute einiges geboten. Schwachwindsegeln, kurze Motorpassagen, kräftige Böen, aber auch zeitweise herrliches Segeln, alles ist dabei. Außer – dreimal auf Holz geklopft – Gewitter. Wir scheinen es ganz gut abgepasst zu haben.

An die Screenshots von http://www.windy.com habt Ihr Euch ja inzwischen gewöhnt. Hier der von gestern Nachmittag in der Einstellung Gewitter:

Und so sieht’s im Satellitenbild aus:

Und von Bord aus:

Das Schöne daran: die Vorhersage der Meteorologen tritt ein, das Band löst sich bei unserer Annäherung ganz langsam vor uns auf, die Reste ziehen ab. Sehr schön. Was bleibt, sind natürlich einige Schauer, Winddreher und auch ein bisschen Kabbelsee, vor allem in der Nacht. Und heute können wir entgegen der Erwartung eines ausgeprägten Schwachwindgebietes wiederum (jedenfalls bisher) auch immer wieder längere Abschnitte segeln, bei babyblauem Himmel vor uns und tiefblauem Ozean (und einer dunkelgrauen Wolke hinter uns).

Das Sahnehäubchen: Angelglück. Wiederum schlagen beide Ruten gleichzeitig an, wir sind offenbar durch einen Fischschwarm gesegelt. Ein Fisch geht uns vom Haken, aber direkt darauf schlägt die gleiche Rute wieder an während ich jetzt mit der anderen Angel beschäftigt bin. Interessanterweise scheint es ein gemischter Schwarm zu sein. Zunächst holen wir einen Rainbow-Runner an Bord …

… der zweite Fang ist ein Großaugen-Thunfisch:

Und am nassen Deck kann man erkennen, dass während des Filetierens ein Schauer einsetzt. das lässt sich aber bei diesen Temperaturen gut verkraften.

😊

Etmal 105 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.855 sm, noch 194 sm bis zur Ansteuerung der Gambier.

Essen: Thai-Curry mit Süßkartoffeln, Möhren und unserem eingekochten Hähnchenfleisch. Damit haben wir von allen unseren ersten Einkochversuchen aus La Paz jetzt mindestens einmal probiert und es jeweils für gut befunden. Es kann also weiter eingekocht werden.

Tag 21 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Drei Wochen auf hoher See.

Die ganze Nacht durch und bis jetzt weiter mit Passatbesegelung unterwegs. Zeitweise wieder sehr langsam, aber inzwischen hat der Wind auf 10-13 kn zugenommen und es ist „Champagnersegeln“. Allerdings muss der Alkohol noch ein paar Tage warten.

Das dicke Gewitterband scheint sich vorhersagegemäß zu entwickeln, also endlich aus dem Weg zu ziehen. Im Ernst, 350 km breit, das wäre falls unvermeidbar beim Durchsegeln eine ziemliche Nervenanspannung gewesen. So schön dieses Wetterphänomen aus der Entfernung auch anzuschauen ist, unmittelbar drin zu sein ist selten angenehm. Auf See schon erst recht nicht, wenn der Mast des eigenen Bootes weit und breit die höchste Erhebung ist und sich den Blitzen entgegenzustrecken scheint.

Neben den Französisch-Lektionen ist jetzt auch das Üben des Hantierens mit dem Sextanten angesagt. Da ich ja kein Nautisches Jahrbuch dabei habe, hat das Spielkind in mir nach anderen Lösungen gesucht und tatsächlich eine wunderbare App gefunden: „Circle of Position Navigation“. Dort kann ich meine Sextant-Messungen eingeben. Die sekundengenaue Uhrzeit dazu muss natürlich ebenfalls eingetragen werden, Wiebke ist also ebenfalls eingebunden. Wenn ich bei der Sextant-Messung „jetzt“ rufe, macht sie ein Bildschirmfoto der UTC-Zeit auf der „AtomUhr“-App.

😊

Hört sich albern an? Ist es wohl auch. Aber die sekundengenaue Zeit vom GPS-Plotter abzulesen ist wäre vielleicht noch sinnfreier, wenn der Sextant als Backup für den Fall eines gestörten GPS-Systems dient.

Wie auch immer, die Messungen mit dem altertümlich anmutenden mechanischen Sextant machen Spaß und die digitale (offline-)Auswertung zeigt, dass bei diesen vergleichsweise ruhigen Bedingungen selbst ein Anfänger doch ganz beachtliche Positionsbestimmungen hinbekommt.

Der für den Sextanten ermittelte Indexfehler wird noch korrigiert, die Höhe der Betrachtung eingegeben (2m über Wasserspiegel).

Jede Messung des Winkels der Sonne zum Horizont wird in eine Standline in Form eines Kreises umgerechnet. die zwischen den Messungen versegelte Strecke und Richtung wird ebenfalls eingegeben und einer der Schnittpunkte der beiden Kreise ist der ermittelte Standort. Da wir wissen dass wir auf der Südhalbkugel sind, kommt nur dieser in Frage. Das Programm bereitet es auch optisch sehr nett auf:

Und der so ermittelte Schiffsort liegt tatsächlich nur 14 Seemeilen von unserer tatsächlichen Position laut GPS entfernt. Das reicht nicht, um ein flaches Korallenatoll anzulaufen. Aber eine höhere Insel wie unser Ziel Mangareva im Gambier Archipel, mit dem über 400 m hohen Mont Duff, könnten wir damit vielleicht schon mal finden.

Gar nicht schlecht für den ersten Versuch, vielleicht aber auch nur Anfängerglück. Also weiter üben und damit hoffentlich die Genauigkeit noch verbessern. Jedenfalls Dankeschön Jan, dass Du uns den Sextanten mitgegeben hast.

Etmal 93 sm, gesamt auf der Passage bisher 2.750 sm, verbleiben bis zur Ansteuerung von Gambier noch 310 sm.

Essen: wir probieren unser in La Paz eingekochtes Rindfleisch. Das hat gut funktioniert, sehr lecker mit Nudeln, getrockneten Paprika und frischem Weißkohl (beides ebenfalls aus La Paz). Lecker.

Tag 20 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Unter weißen Flügeln

Mit Passatbesegelung lassen wir uns vor dem Wind weiter in Richtung Gambier schieben. Mit anderen Worten: das Großsegel macht Pause, wir haben sowohl die Fock als auch den Code0 jeweils mit einem Spinnakerbaum jeweils zu einer Schiffsseite hin „ausgebaumt“.

Gerade bei wenig Wind ist das nicht die „schnellste“ Besegelung, aber dafür eine sehr gemütliche. Auf Flora müssen wir dann Winddreher bis zu etwa 60 Grad zu einer Seite nicht ausgleichen, können also einen Windwinkel von 120 Grad abdecken, ohne die Segelstellung oder das Ruder anpassen zu müssen.

Wie wir die Bäume mit Niederholern, Topnanten und Schoten riggen, hatten wir hier schon einmal ausführlich (und sehr technisch) beschrieben.

Gerade bei wenig Wind stellt sich aber vor allem das Gefühl ein, von den ausgebreiteten weißen Flügeln des Bootes geradewegs und ohne großes Geschaukel zum Ziel gezogen zu werden. Wunderschön. 🤩

Und höhere Geschwindigkeit wäre im Moment ohnehin nicht hilfreich. Wir warten immer noch darauf, dass das 200 sm (über 350 km) breite Gewitterband zwischen uns und den Gambier (mit seinem Hauptort Rikitea) verzieht. Es ist bereits schwächer geworden, nicht mehr so viel Rot (=starke Gewitter), mehr Gelb und Grün (=Gewitter) wie ursprünglich befürchtet. Aber erst Freitag früh wird es so weit nach Südosten gewandert sein, dass wir (wenn die Vorhersage stimmt) hinter ihm durchsegeln können.

Für Samstag gibt es derzeit folgende Prognose:

Das sieht doch vielversprechend aus!

Essen: Pfannen-Pizzadilla (wie Pizza gefüllte Tortilla-Fladen zusammengeklappt in der Bratpfanne bereitet), übrigens als Snack auch super einfach mit Pesto oder als Nachtisch mit Nutella.

Etmal 64 sm, unser neuer Rekord im Langsam-Segeln. Das ist aber noch nicht den Passatsegeln geschuldet, vielmehr waren wir in der fast windlosen Nacht noch mit Großsegel unterwegs. Gesamt auf dieser Passage 2.657 sm, noch 414 sm bis zur Ansteuerung am Westpass Gambier.

Übrigens: Wassertemperatur 29,8 Grad Celsius.

Tropisch. 😊

Tag 17 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Rätsel der Seefahrt

Ein Blick in die Schüssel. 🚽 Die Erde ist kaputt. Oder zumindest das Meer. Die Schwerkraft? Die Corioliskraft? das Wasser fließt in einem rechtsdrehenden Strudel ab. Darf das das? Wir sind doch jetzt auf der Südhalbkugel. Der Einfluss auf den Abfluss: das muss doch andersrum! Wir alle haben in Erdkunde irgendwann in grauer Vorzeit gelernt, dass sich Wirbel auf der Nordhalbkugel rechtsdrehend bilden, auf der Südhalbkugel linksdrehend. Eben wegen der Corioliskraft! Denn durch die Eigendrehung der Erdkugel dreht sie sich unter einem fluiden Medium wie Wasser oder Luft weg. Da sich die unser Planet nach Osten dreht, werden Hochdruckgebiete und Wasserwirbel in der nördlichen Hemisphäre rechtsdrehend abgelenkt, auf der Südhalbkugel dagegen linksdrehend. Tiefdruckgebiete entsprechend umgekehrt. Und doch: nicht in Floras Schüssel. Zur Sicherheit noch mal im Waschbecken ausprobiert: nein, auch das macht, was es will. Die Corioliskraft ist trotzdem nicht kaputt. Vielmehr sind die Wirbel in Floras Becken und Schüsseln einfach viel zu klein, um von dieser Kraft maßgeblich beeinflusst zu werden. Andere Faktoren, wie etwa die Schiffsbewegung oder auch Unregelmäßigkeiten der Form und der Oberfläche haben einen größeren Einfluss auf den Abfluss und sorgen für eher zufällige Wirbelrichtung.

Ein anderes Rätsel: warum sind wir eigentlich so langsam? Wir haben allerbeste Segelbedingungen, Traumwetter, ruhige See. Und trotzdem dödeln wir bei 9 kn Wind mit der Fock und zwei Reffs im Groß herum, laufen derzeit nur noch zwischen vier und fünf Knoten bei 60 Grad am Wind. Ist der Code0 schuld? Das wäre doch eigentlich sein Kurs?

Liegt irgendwie nahe und tatsächlich habe ich heute Vormittag auf dem Vorschiff noch einmal versucht, die Lasching zu optimieren. Aber nur, weil das Segel jetzt etwas schwieriger aufzurollen ist und manchmal durchrutscht. Kein Grund, es nicht zu setzen. Und außerdem würde das auch nicht die beiden nicht zur Windstärke passenden Reffs im Großsegel erklären. Wer uns auf Noforeignland folgt und auf der Bootsansicht in die allgemeine wechselt, sieht dass unser Buddyboat Fidelis neben uns genauso schleicht. Aber nein, zum Glück hat keins der Boote technische Probleme (dreimal auf Holz geklopft). In diesem Fall liegt des Rätsels Lösung in der Zukunft: wären wir schneller unterwegs, würden wir kurz vor den Gambier am Mittwoch/Donnerstag in ein ziemlich großes Gewittergebiet hineinlaufen. Also lieber die Handbremse anziehen und bewusst langsam segeln. Sutje, wie wir in Norddeutschland sagen. Das ist derzeit hier bei diesen Bedingungen leicht zu machen und (für Nicht-Regatta-Segler) auch ganz angenehm. Leider ist aber wohl trotzdem ein unangenehmer Preis dafür zu zahlen: das Gewitterband gehört zu einem kräftigen Tiefdrucksystem, das nach der Vorhersage südlich der Gambier durchziehen wird.

Wenn wir entsprechend unserer Strategie dessen Durchzug abwarten, schaufelt das (auf der Südhalbkugel ja rechtsdrehende) Tiefdruckgebiet auf seiner Rückseite Südwind zu uns hoch. Wir werden also vermutlich die letzten beiden Tage unserer Passage Wind und Wellen gegenan haben. Aber immerhin: die Corioliskraft funktioniert.

🤓

Etmal 142 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.425 sm, rechnerisch bis Gambier noch 875 sm.

Essen: Linseneintopf (eins von meinen Lieblingsgerichten) mit mexikanischer Chorizo, lecker!

Und nach dem ganzen theoretischen Kram noch etwas Versöhnliches: so sah heute Morgen um sechs unser Sonnenaufgang aus:

Tag 13 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Auch das südliche Wolkenband der ITCZ liegt hinter uns. Wo wir gestern noch waren, bilden sich jetzt gewittrige Squalls. So weit, so gut. Der Preis dafür ist allerdings ein Kurs hoch am Wind, nicht angenehm bei weiterhin meist zwischen 20 und 25 kn Wind (AWS) und rund 3 Meter hohem konfusem Seegang. Bild insoweit fast wie gestern, nur mit mehr blau:

Am Himmel und auch am Körper, denn blaue Flecken bleiben bei diesen Bedingungen nicht aus. Das Boot stampft durch die See, wird von den einschlagenden Wellen abgestoppt und herumgeworfen, kämpft sich aber wunderbar da durch. Und der Autopilot hat sich sowieso ein Sonderlob verdient. Immer wieder spült auch eine der chaotisch quer laufenden Wellen über Deck bis zur festen Scheibe vor dem Cockpit, das will bei unserer eigentlich sehr trocken segelnden Flora schon einiges heißen.

Leben in Schräglage. Für ein paar Stunden ist das sicher ein abenteuerlicher Spaß, nach ein paar Tagen aber einfach nur anstrengend.

Immerhin, die Sonne setzt sich immer mehr durch.

Essen: Nudeln mit Pesto und der letzten frischen Tomate.

Etmal 163 sm, gesamt 1.804 sm, rechnerisch noch 1.496 sm bis Gambier, Bergfest war also schon. Auf dem aktuell direkteren Kurs wären es sogar etwa 150 sm weniger als die kalkulierten 3.300 sm.

Tag 12 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Wetterwechsel.

Nix mehr mit blauem Himmel. Es ist grau. Wir haben das südliche Wolkenband der ITCZ erreicht.

In der Nacht Flaute, wir halten lange durch, aber dann muss doch für drei Stunden der Motor ran. Eine Zeitlang gefälliges Segeln. Der Code0 wird gegen gegen die Fock getauscht, der Kurs ist ziemlich hoch am Wind.

Und dann – wie aus dem Nichts – Wolkenbruch. Regenmassen ergießen sich über uns, der Wind springt um und nimmt stark zu. Fast unmittelbar hat sich auch 3 Meter Welle aufgebaut. Zunächst steuern wir überhoch (also bereits leicht im Wind), um den Druck aus dem Rigg zu nehmen. Aber was wir für eine Böe gehalten haben, steht fast eine Stunde durch. Als der Wind kurzzeitig von 25 kn auf 16 kn nachlässt, gehen wir schnell mit dem Großsegel ins dritte Reff. Und tatsächlich, kurz darauf pfeift es wieder und wir sind dankbar für die jetzt stark verkleinerte Segelfläche. Unbequemes, ruppiges Segel, immer wieder schießt Weißwasser übers Deck.

Nach jetziger Vorhersage benötigen wir wohl noch mindestens einen Tag, um aus diesem Wolken- und Windband hinaus zu kommen.

Etmal 148 sm, gesamt 1.641 sm, rechnerisch 1.659 sm bis Gambier.

Tag 9 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Positive Überraschung: wir müssen nicht den ganzen Tag die eiserne Genua bemühen. Schon nach gut 12 Stunden, zum Beginn der ersten abendlichen Wache, schalten wir den Motor wieder aus. Unter Schmetterlingsbesegelung mit ausgebaumtem Code0 gleiten wir langsam in die Nacht.

Und es bleibt zunächst äußerst gemächliches Segeln. Eine dunkle Wolke bereitet dem aber gegen 2.00 Uhr nachts ein Ende. Erst bringt sie Regen, dann frischt der Wind auf, wenig später wechselt er um 80 Grad die Richtung und nachdem der Kurs mehrfach angepasst ist schläft der Wind komplett ein. Die Segel schlagen in der Dünung, das hat keinen Zweck. Also muss ich doch Wiebke wecken. Wir rollen die Segel ein, nehmen den Spi-Baum weg. Von 3.00 Uhr an läuft wieder der Volvo. Zwei Stunden später muss sich Wiebke in ihrer Wache revanchieren und mich wecken. Auch für mich ist es also nichts mit den 3 Stunden durchschlafen. Der Wind ist wieder da, jetzt aus 90 Grad, perfekt für den Code0. Diesmal ohne Baum, die Segel werden wieder ausgerollt und bescheren uns einen herrlichen Segeltag.

Das ist in dieser Gegend alles andere als selbstverständlich, ich hatte den Schwachwindkeil der ITCZ ja schon mehrfach beschrieben. Aber er ist eben kein stabiles Gebilde, sondern verändert permanent seine Form und Ausprägung. Den Wegepunkt, an dem wir von Norden in die derzeitige ITCZ eingefahren sind, hatten wir mit Bedacht gewählt. Hier sollte sich nach der Vorhersage kurzzeitig für ein paar Tage eine kleine „Brücke“ aus Wind bilden, die wollen wir nutzen. Und genau das scheint jetzt zu klappen:

Dabei lassen wir es uns auch kulinarisch gut gehen: der gefangene Skipjack Tuna wird mit karamellisiertem Rosenkohl, Pecannüssen und Orangenkartoffeln zu einem echten Festmahl.

Etmal 123 sm, gesamt auf der Passage damit 1.169 sm, verbleiben rechnerisch noch 2.131 sm bis Gambier.

Heute stellen wir die Bordzeit um eine Stunde zurück, sind also jetzt wieder in der Zeitzone der US-Westküste, 9 Stunden hinter der deutschen Zeit.

Tag 8 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Das Gewitterband liegt hinter uns, die Flaute vor uns, wir sind schon mittendrin, haben die die Innertropische Konvergenzzone ITCZ erreicht. Dankeschön für Euer Daumendrücken, es hat scheinbar geholfen. Wir kommen ohne Blitzlichtstakkato richtig gut durch. Das Gewitterband hat sich abgeschwächt, wir kriegen nur ein paar kräftige Regenschauer ab. Ansonsten können wir den Weg perfekt durch die Lücke in den Wolkentürmen steuern. Und bekommen sogar noch einen Skipjack an den Haken, der erste Angelerfolg seit Mexiko.

Die Nacht hindurch haben wir dann auch noch etwas Wind, gerade ausreichend zum Segeln. Seit heute Morgen um 6:30 läuft der Motor. Flaute.

Zeit, mal wieder etwas klar Schiff zu machen. Vom Schräglagen/Kirmes-Schaukel-Modus in den “nur sanft gewiegt”-Modus zu wechseln, die vom dauernden Abstützen gestressten Muskeln zu entspannen. Frisches Granola zu machen, Kuchen zu backen.

Nach der Vorhersage werden wir wohl rund einen Tag motoren, bevor wir dann hoffentlich wieder Segelwind finden. Für etwa 5 Tage durchgängiger gemäßigter Motorfahrt ist unser Dieselvorrat ausgelegt, das sollte also kein Problem sein.

Etmal 113 sm, gesamt auf dieser Passage 1.046 sm (damit die ersten 1.000 geknackt), rechnerisch noch 2.254 sm bis Gambier.

Die Sprayhood weggeklappt, die Mittelscheibe aufgestellt, das Groß nur als Stützsegel, so motoren wir heute durch die tropische Flaute.