Palmenflash auf Vieques

Was uns hier in den Spanish Virgin Islands besonders auffällt sind die Palmen. An praktisch jedem der vielen Strände stehen auch Palmen. Anders als in den meisten anderen Inseln der kleinen Antillen finden sie sich nicht ganz überwiegend nur vor Hotelstränden oder exquisiten Wohnanlagen oder säumen die Allee-Zufahrten der Rumdestillerien.

Unsere letzte Station auf der Isla de Vieques machen wir am ganz Westende der Insel, an dem Ankerplatz zwischen Punta Arenas und Punta Boca Quebrada.

Vorsichtig brechen wir gemeinsam mit der Easy-One schon morgens um 9.00 in der Sun Bay auf, es ist in dieser eigentlich geschützten Bucht mit zunehmendem Südost-Wind doch etwas rollig geworden. Wir sind uns nicht sicher, ob der Schutz an unserem angedachten Ankerplatz besser sein wird, durch die frühe Abfahrt könnten wir zu Not einfach weiter nach Westen zur Hauptinsel Puerto Rico weitersegeln.

Das müssen wir aber nicht, denn als wir nach einem schönen Vormwindkurs um die Punta Boca Quebrada herumkommen, liegt der Ankerplatz ziemlich ruhig da. Am nördlichen Ende, oben bei Punta Arenas, ankern mehrere Motorboote dicht mit dem Heck am Strand (auf den meist zusätzlich der Heckanker ausgebracht ist), die wenigen Segler und ein paar weitere Motorboote halten sich weiter im Süden.

Und wie schon in der Sun Bay säumen eben wieder reichlich Palmen das Ufer, hier stehen sie sogar noch viel dichter und drängeln sich so auf den Strand, dass einige Wurzeln der vordersten Palmen schon freigespült sind.

Und den Strand haben wir fast für uns. So viele Boote sind ohnehin nicht hier und die Motorbootfahrer scheinen meist an Bord zu bleiben oder im flachen Wasser hinter ihren Schiffen stehend von Schaumstoffgriffen kühl gehaltene Drinks zu genießen. Ich weiß, das hört sich nach Vorurteil an, ist aber hier wirklich typisch und die „Coozies“, also die isolierenden Dosen- und Flaschenüberzieher sind für die meisten Amerikaner ganz selbstverständlich. Wir haben schon mehrfach welche z.B. mit dem jeweiligen Bootsnamen als Gastgeschenk bekommen.

Jedenfalls dürfen wir den karibischen Traum vom Strand unter den Palmen weitgehend allein genießen.

Am (Rosen-)Montagabend wird es dann noch etwas leerer, fast alle Motorboote düsen wieder hinüber nach Mainland Purto Rico. Dahin wollen wir ihnen dann morgen folgen, allerdings an die Südküste, wo uns wohl eher Mangroven als Palmenstrände erwarten. Aber heute genießen wir noch einmal die Abendsonne auf Vieques‘ Weststrand.

Illusion der Superkräfte

Wir wechseln den Ankerplatz hin und her zwischen der Ensenada Sun Bay und dem direkt vor dem Malecón von Esperanza gelegenen Puerto Real (der aber in der Realität kein Hafen, sondern nur ein halbwegs von den Inseln Cayo de Real und Cayo de Tierra geschützter Ankerplatz ist. Halbwegs, weil die Windsee sich hier eben doch deutlich mehr aufbaut als am palmenbestandenen Sandstrand im Osten der Sun Bay.

Der bietet quasi die Fototapete für Langfahrtsegler, als wir mit den Crews der La Rive Nord, der Honu Kai, der Flora und der gerade eingetroffenen Easy-One den Sundowner am Strand genießen, gleichzeitig eine doppelte Vorgeburtstagsfeier (Andrea und Chuck).

Es zieht uns trotzdem immer mal wieder hinüber nach Esperanza, was daran liegt, dass die in der Seekarte noch eingezeichnete frühere Dinghypassage nördlich von Cayo de Tierra versandet und nicht mehr passierbar ist. Außen rum ist es mit dem Dinghy aber zu weit und die Wellen sind mit etwa 1,5 m auch zu hoch.

Und was reizt an Esperanza? Das kleine Örtchen mit gut 1.000 Einwohnern hat drei Supermärktchen, zudem einige gute Restaurants an der Uferpromenadenstraße (die sich ebenso stolz Malecón nennt wie der viel bekanntere Vetter im kubanischen Havanna).

Wir freuen uns mächtig, dass es Andrea und Ingo mit der Easy-One es noch rechtzeitig von Curaçao hier her geschafft haben, damit wir wie im letzten Jahr (damals auf Guadeloupe) gemeinsam den Geburtstag von Andrea feiern können.

Erstmal geht’s in eins der Restaurants am Malecón. Man hat Platz für uns vier, wir bekommen einen Sechsertisch zugewiesen. Der ist zwar voll bestuhlt, aber wir werden ein paar mal am Tisch zum Umsetzen aufgefordert, bis die Abstände zu den Nachbarn stimmen. Typisch karibisch laufen Hühner im Restaurant zwischen unseren Füßen herum, auch noch nachdem das bestellte Chicken Mofongo auf dem Tisch steht. Mofongo ist das Nationalgericht in Puerto Rico, ein Püree aus frittierten und dann gestampften grünen Kochbananen mit Knoblauch und Öl und Chicharrón (gebratene Schweineschwarte oder Grieben). Und es ist LECKER 😋.

Der eigentliche Kracher des Geburtstags aber kommt danach. Wir haben eine Tour mit Glasboden-Kajaks in der Mosquito Bay gebucht. Am Ende des Malecón werden wir in der Dämmerung eingesammelt, mit einem Kleinbus mit Plastikplanen zwischen den Sitzreihen geht’s über holperige Feldwege zu der flachen Mangrovenbucht.

Es ist Neumond und die Mosquito Bay hält den Weltrekord in der Lichttintensität bioluminiszenter Buchten. Als wir in die Kajaks steigen ist es fast ganz dunkel und mit jedem Paddelschlag hinaus in die Bucht wird das Leuchten intensiver. Das eintauchende Paddel, das unter dem Glasboden dahinziehende Wasser, das Kielwasser der anderen Kajaks, vorbeiziehende oder gar springende Fische, alles leuchtet zunehmend heller.

Die ins Wasser gehaltene Hand scheint Lichtblitze zu versprühen, wie im Comic gehen von ihrem dunklen Umriss gleißende Reflexe aus, hebt man sie wassergefüllt vor die Augen blinken mit dem herausrinnenden Nass immer noch sternengleiche Punkte in ihr.

Wir kennen Bioluminiszenz von einigen Ozeanpassagen. Das Wasser der Bugwelle funkelt dann an der Bordwand entlang, manchmal blitzt es selbst im Spülwasser des WC im Dunkeln. Aber in dieser Intensität haben wir es noch nie gesehen, nicht mal annähernd.

Wow. Und – na klar – eigentlich leuchten weder die Wellen noch meine Hand. Plankton, mikroskopisch kleine Einzeller (Dinoflagellate) sorgen mit einem biochemischen Prozess für unsere Lightshow. Sie fühlen sich am wohlsten in flachen, warmen, von Mangroven gesäumten Salzwasserbuchten ohne großen Wasseraustausch.

Keine Heldenkräfte in meiner Hand. Aber was die Natur Einzeller so alles schaffen lässt ist dann doch super.

Mosquito Bay zieht sich mittig fast bis zum linken Bildrand und hat nur einen schmalen Durchfluss ins offene Meer. Im Vordergrund Flora und Easy-One.

Schneeflocken?

Selbst wenn es in Deutschland WIRKLICH RICHTIG WINTER ist, natürlich gibt’s hier in der Karibik keine Schneeflocken, oder?

Na gut, es sieht nur ähnlich aus. Aber es ist genau so spannend in der manchmal ausgeprägten Symmetrie und zugleich intensiven Formenvielfalt wie bei den sternförmigen Eiskristallen. Vielleicht sogar noch interessanter.

Denn das was wir am zumeist sandigen Boden der engen bachähnlichen gewundenen Wasserwege durch das Mangrovendickicht am Ufer der Ensenada Honda sehen, sind eigentlich Quallen. Nur das diese Nesseltiere ganz artuntypisch nicht mit der Strömung herumtreiben, sondern sich ziemlich dauerhaft am Boden dieser Meer- oder Brackwasserarme festsetzen. Noch dazu mit den Tentakeln nach oben, sozusagen verkehrt herum.

“Upside down jellyfish“ werden sie deshalb auf Englisch genannt, Mangrovenquallen wegen ihres Hauptverbreitungsgebietes auf deutsch. Richtig dramatisch ist diese Art der Schirmquallen für die Menschen nicht, normalerweise lösen sie höchstens ein leichtes Hautjucken aus. Egal, wir gehen angesichts der Vielzahl dieser Tiere hier in Ufernähe lieber nicht ins Wasser, schließlich soll die Cassiopea (so heißt diese Quallenart mit wissenschaflichem Namen) ihre nesselnden Zellen auch ins freie Wasser entlassen können, ohne Verbindung zu den Nesselfäden. Wunderschön anzusehen sind sie aber trotzdem.

Wir finden sie auf unserem Dinghyausflug auch überall am Ufer der Mangrovenbuchten und besonders weit verbreitet in dem runden, fast vollständig von Mangroven eingeschlossenen “Teich” mit dem moorig dunklen Boden. So häufig und in so großen Gruppen, dass man sie mit ihren hellen nach oben zeigenden Seiten leicht für Sandflecken halten könnte.

Für uns heißt es jetzt aber Abschied nehmen von der super geschützten Ensenada Honda, wir wollen weiter nach Westen in Richtung des Ortes Esperanza, in die Sun Bay. Hoffentlich trägt sie ihren Namen zu recht, den auf dem Weg dorthin werden wir von einigen regenintensiven Squalls begleitet.

Aber: heute wollen Andrea und Ingo mit ihrer „Easy-One“ dort eintreffen, die von Curaçao hier hinauf nach Puerto Rico gesegelt sind. Wir freuen uns riesig, die beiden endlich wieder zu sehen.

Isla de Vieques

Wir steuern die nächste und mit 33 km Länge zugleich größte der Spanish Virgin Islands an, die Isla de Vieques. Auch sie hat (wie praktisch alle Inseln der Karibik) eine bewegte Geschichte, war am Ende des 17. Jahrhunderts sogar einmal vier Jahre unter Brandenburgischer Anexion. Die jüngere Geschichte ist aber vor allem dadurch geprägt, dass die US-Navy bis zu 70 % der Insel als Manövergebiet und Zielgebiet für Kriegsschiffe und Marineflieger nutzte. Erst 2003 wurde das eingestellt. Dies führt dazu, dass noch immer weite Teile der Insel (insbesondere im Osten) unbebaut sind. Diesem Umstand soll aber mit luxuriöser Bebauung begegnet werden, die verlangten Grundstückspreise jedenfalls sind schon mal ziemlich hoch. Und das, obwohl die langjährige militärische Nutzung einiges an Altlasten hinterlassen hat.

Während wir uns Vieques nähern, bekommen wir davon aber nichts mit. Teilweise können wir kaum die nahe Insel erkennen, denn das durchwachsene Wetter schickt uns ein paar respektable Squalls, denen wir mit umso mehr Vorsicht begegnen als ein vor uns fahrendes Boot von 35kn-Böen berichtet. Wir segeln am Wind, da reffen wir das Groß doch lieber durch ins dritte Reff, messen dann aber selbst nur bis 27 kn.

Auf der Südseite der Insel begegnen uns dann erstaunlich viele Fischerbojen, bis wir in die große Ensenada Honda einbiegen. Hinter den Riffen tasten wir uns fast zwei Seemeilen zurück Richtung Osten, liegen dann aber wunderbar geschützt in der größten der sich verzweigenden Mangrovenbuchten. Als einziges weiteres Schiff ankert die La Rive Nord ein Stückchen vor uns, Kim und Chuck kommen auf einen von frisch gebackenem Brot begleiteten Sundowner herüber.

Die beiden zeigen uns, dass es hier in der Bucht ebenso Bioluminiszenz gibt wie in der dafür berühmten Mosquito Bay etwas weiter westlich. Nicht so stark wie dort, aber auch hier löst Bewegung im Wasser, egal ob von Fischen, Paddeln oder Wellen ein blaues Leuchten aus. Chuck rät zu einem Sprung ins dunkle Nass, aber Nachtschwimmen in Hai-Gewässern ist nicht so unseres. Vom Paddelboard aus mit Taucherbrille ins Wasser schauen und mit der Hand vor dem Gesicht herumwedeln ist immerhin auch schon ganz beeindruckend, die „Explosion“ direkt vor den Augen ist viel intensiver als der Blick von oben ins Wasser.

Leider lässt sich das Phänomen (jedenfalls mit meinen Mitteln) von Bord aus kaum filmen oder fotografieren. Versucht habe ich’s natürlich trotzdem. Allerdings, das noch am wenigsten enttäuschende Ergebnis ist jenes hier, es zeigt in Langzeitaufnahme das Leuchten an der im dunklen Wasser auf und ab bewegten Badeleiter.