Seattle: quirlig und bunt

Wir verlassen Vancouver in strömendem Regen. Das Wetter wird sich den ganzen Tag nicht ändern und so verzichten wir darauf, noch ein längeres Stück den Fraser River entlang zu fahren, obwohl die Anbaugebiete für Wein und viele andere landwirtschaftliche Produkte an seinen Ufern bei schönem Wetter tolle Herbstbilder abgegeben hätten. So aber macht es keinen Sinn, länger als nötig durch die Gegend zu kutschieren. Wir biegen ab Richtung US-Grenze und können sie ziemlich problemlos passieren, werden lediglich gefragt, ob wir die Eigentümer dieses Autos (mit kanadischen Kennzeichen) sind. Und wenn wir das Formular i94 zuvor online ausgefüllt hätten, hätten wir vielleicht nicht einmal mehr ins Grenzgebäude gemusst, aber egal, es ging auch so schnell und problemlos.

Auch auf der weiteren Fahrt bleibt es regnerisch, aber kurz vor Seattle hört der Niederschlag auf und wir können unsere Sachen trocken in unsere nächste Airbnb-Unterkunft bringen. Statt Hochhaus Downtown wie in Vancouver haben wir diesmal eine gemütliche kleine Altbauwohnung im Stadtteil Capitol Hill ausgesucht.

Der Name des Viertels deutet es schon an, Seattle ist ziemlich hügelig. Die Stadt zieht sich vom Pazifikwasser des Puget Sound über einen Gebirgsrücken bis hinüber zum von Gletschern geformten 20 km langen Lake Washington, ist also quasi von Wasser eingerahmt. Als wäre das nicht genug, gibt es im Stadtgebiet auch noch mehrere Seen. Allen voran den zentralen Lake Union, etwas größer als die Alster in Hamburg und wie diese nur über Schleusen zu erreichen, aber auch von größeren Yachten und sogar Frachtern befahrbar. Trotzdem, die Parallele ist beim Blick von der “Space Needle”, dem Wahrzeichen Seattles, schon frappierend.

Was uns an Seattle sofort begeistert ist, dass wir zwar auf ein gutes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgreifen könnten, dies jedoch nicht brauchen. Die Stadt ist fußgängerfreundlich und die Entfernungen sind machbar. Und so laufen wir dann auch am nächsten Tag hinunter Richtung Downtown, wechseln zwischen den quirlig urbanen Pike und Pine Street hin und her und lassen uns auch in die Nachbarstrassen treiben, etwa um dem von außen unscheinbaren, innen aber zum Stöbern einladenden Elliot Bay Buchladen einen Besuch abzustatten…

… bei “Salt & Straw” ein (richtig leckeres) Eis zu kaufen (hier Roasted Peach & Sage Cornbread aus der Limited Thanksgiving Edition)

… die Statue des in Seattle geborenen Jimi Hendrix anzusehen

… und auch auch die stylische “Starbucks Reserve Roastery and Tasting Room” schauen wir uns an, schließlich wurde die Kaffee-Kette in Seattle gegründet.

Durch Downtown hindurch …

… kommen wir unten am Public Market Center am Ufer des Puget Sound an, lassen uns mit anderen Touristen und Einheimischen durch die Markthallen und vorbei an der (hoffnungslos überfüllten) ersten Starbucks-Filiale treiben.

Das bunte Gemisch wird vielleicht auf diesem Bild etwas deutlicher, die Menschen stehen vor der Hochhauskulisse an einem kleinen Laden an, der vor Ort (und durch die Schaufensters heilen sichtbar) handwerklich Käse produziert:

Unser ausgedehnter Spaziergang führt uns dann weiter zur Space Needle. Wir beißen in den sauren Apfel des ziemlich teueren Eintrittspreises und sausen mit dem gläsernen Außenfahrstuhl hoch zur Aussichtsplattform in 150 m Höhe. Allerdings: die Aussicht ist wirklich beeindruckend, sowohl seitlich

als auch durch den gläsernen, langsam um die Achse des Turms rotierenden Glasfußboden nach unten.

Und der happige Eintrittspreis von über 50 $ erklärt sich auch durch ein Kombiticket: inbegriffen ist nämlich auch die Ausstellung „Chihuly Garden and Glass“ gleich neben der Space Needle.

Und diese Ausstellung begeistert uns. Das Werk des Glaskünstlers Dale Chihuly wird hier sowohl in den Innenräumen als auch im Garten umfangreich präsentiert, zudem zeigen Filme im Multimediaraum beieindruckende Perfomances etwa in Finnland, in Venedig und in Jerusalem sowie den Prozess zur Herstellung der zum Teil riesigen Glas-Skulpturen.

Vancouver II

Vancouver hat aufgrund seiner geographischen Lage ein ganz besonderes Mikroklima. So ist es hier im Winter deutlich milder (bis zu 4 Grad) als im Inland Kanadas auf gleichem Breitengrad und Tage mit bitterkaltem Dauerfrost sind sehr selten.

Keine Rose ohne Dornen: das Mikroklima sorgt auch für reichlich „liquid sunshine“ – an durchschnittlich 166 Tagen im Jahr regnet es hier.

Da müssen wir uns als Hamburger in Vancouver doch wohlfühlen, oder? 😊 Im Ernst, die Stadt gefällt uns richtig gut. Heute patschen wir bei Schmuddelwetter durch die Pfützen in Yaletown hinunter zum False Creek. Es finden sich viele Backsteinhäuser, die früher zumeist industrielles Gewerbe beheimatet haben oder als Lagergebäude dienten, denn dieser Stadtteil wurde von der „Canadian Pacific Railway“ gebaut. Erst nach der Expo 86 wurde der damals heruntergekommene und kontaminierte Stadtteil neu entwickelt, mit einem Mix aus strengen Erhaltungsauflagen und großzügiger Genehmigung von Hochhäusern in den Randgebiet drumherum. Heute ist Yaletown eines der am dichtesten besiedelten Viertel, zugleich aber mit sehr lebendiger lokaler Wirtschaft, einigen der besten Restaurants Vancouvers, Boutiquen, Bars, lokalen Dienstleistungensbetrieben und zu Lofts und Büros umgewandelten Etagen der alten Backsteinhäuser.

Hier in der Mainland Street ist der Bürgersteig auf einer Straßenseite „hoch“ gelegt, er verläuft auf den alten Laderampen. Ein spannender Stadtteil, selbst jetzt im Regen. Mit belebter Außengastronomie bei Sonnenschein sicher um so mehr.

Yaletown zieht sich bis an den Meeresarm False Creek, der den alten Stadtkern Vancouvers nach Süden begrenzt. Im False Creek liegen mehrere Marinas und Yachtclubs, er dient aber auch als recht gut geschützter ganzjähriger Ankerplatz. Offiziell darf man hier nur maximal zwei Wochen am Stück am Grundeisen liegen, aber der Zustand einiger der Ankerlieger legt nahe, dass dies nicht durchgängig kontrolliert wird. Es ist jedenfalls ein toller (im Sommer wohl auch ein voller) Ankerplatz mitten in der Stadt.

Kanadagänse, größere Verwandte der Nonnengänse

Unten am Ufer finden sich zwei Skulpturen des Künstlers und Landschaftsarchitekten Ron Vaughan. Da ist zunächst „Waiting for Low Tide“, ein durchbrochener Kreis aus Grannitfelsen im Tidenbereich. Die zweite Skulptur „Marking High Tide“ fasziniert uns besonders.

„THE MOON CIRCLES THE EARTH …

… AND THE OCEAN RESPONDS WITH THE RYTHM OF THE TIDES“ ist in den Ring geschrieben. Die ihn tragenden Säulen stehen bei Ebbe an Land, scheinen bei Flut aber einen Tempel im Ozean zu bilden. Was für eine wunderschöne Hommage an die Tide.

Wir springen in eine der knuffigen kleinen Fähren, sie bringt uns unter den beiden hohen Brücken hindurch und hinüber auf die andere Creekseite.

Dort, auf der Halbinsel Granville Island, wurde eine weitere ehemalige Industriebrache revitalisiert, in diesem Fall ohne Wohnbebauung. Eine große Markthalle, eine Brauerei, diverse Kunsthandwerksbetriebe vom Geigenbauer bis zur Glashütte, die Emily Carr University of Art and Design und einiges mehr gruppiert sich um die noch bestehende Zementfabrik. Wir bummeln herum, essen eine Kleinigkeit in der Markthalle und nehmen dann wieder die Fähre bis zur Endstation am Ausgang des False Creek.

Das Vanvouver Maritime Museum bietet einen kleinen Museumshafen, beherbergt aber vor allem in seinem Inneren die „St. Roch“, um die herum das Museum errichtet wurde. Der ehemalige Schoner war das erste Schiff, dass die Nordwestpassage in beiden Richtungen durchfuhr, von Vancouver nach Halifax und zurück (wobei sie auf der 28 Monate dauernden Hinreise von West nach Ost zwei Winter im Eis eingefroren verbrachte, die Rückreise des inzwischen zur Ketch umgebauten Schiffes dauerte dann im Sommer 1944 nur 86 Tage und machte die St. Roch zum ersten Schiff, dass die Nordwestpassage in einer einzigen Saison bewältigte).

Da wird es dann fast schon zur Randnote, dass die St. Roch 1950 nochmals nach Halifax fuhr, diesmal durch den Panamakanal, was sie zum ersten Schiff machte, das den Kontinent Nordamerika umrundete.

Nachdem wir vor Jahren das norwegische Polarexpeditionsschiff „Fram“ im eigens für sie gebauten Museum in Oslo angeschaut haben, können wir uns die St. Roch natürlich nicht entgehen lassen.

Die St. Roch kann betreten werden, man erhält einen tollen Einblick in die (engen) Quartiere und das Leben an Bord. Auch das kleine Zelt, in dem auf der zweiten Tour durch die Nordwestpassage eine komplette siebenköpfige Inuit-Familie an Deck lebte (17 Schlittenhunde hatten sie auch dabei) ist auf der Ladeluke unter dem Großmast aufgebaut. Die Hinfahrt hatte gezeigt, dass ein einheimischer Führer, Übersetzer und Jäger sehr nützlich sein könnte.

😉

Szenenwechsel. Und jetzt Vancouver

Flora ist eingewintert. Auf dem Bild noch “Work in Progress“, alleine die (erschreckend) vielen Borddurchlässe erfordern da ein planvolles Vorgehen. Zudem dürfen natürlich nicht einfach alle Seeventile geschlossen werden, so laufen zum Beispiel die großen Cockpitlenzer durch den Motorraum und können dort mit Seeventilen verschlossen werden – das wäre für den Winteraufenthalt im Wasser allerdings ebenso wenig praktisch wie das Verschließen der von Hallberg-Rassy zum Glück vorbildlich beschrifteten Decksabläufe (Deck Scupper) wie hier unter dem Waschbecken im achteren Bad.

Außerdem haben wir diesen Plan für Lynn und Wulf offen im Schiff liegen lassen, denn die beiden schauen in unserer Abwesenheit nach Flora, dafür sind wir sehr dankbar.

Dann noch das Frischwassersystem frostsicher machen und es ist geschafft. Wir beladen das Auto, bringen Lynn und Wulf den Bootsschlüssel vorbei und los geht’s: “Landurlaub”. Obwohl, der beginnt eigentlich gleich wieder mit einer Schiffsreise. Denn schon in Nanaimo steuern wir unseren Kia auf eine Fähre und so schippern wir unserem ersten Ziel entgegen: Vancouver.

Die Fähre legt ein bisschen außerhalb der Stadt in der Horseshoe Bay an, so müssen wir uns zwar noch etwas durch den Feierabendverkehr mühen, kommen dafür über die beeindruckende und tolle Ausblicke bietende Lions Gate Bridge nach Vancouver hinein.

Am nächsten Tag statten wir dieser Brücke und dem Stanley Park an ihrem südlichen (stadtseitigen) Ende nochmal einen ausgedehnten Besuch ab. Die Brücke ist eines der Wahrzeichen Vancouvers. Wie die (längere, aber mit etwa gleicher Durchfahrtshöhe aufwartende) Golden Gate Bridge von San Francisco wurde sie Ende der 1930er Jahre als Hängebrücke mit zwei Hauptstützpfeilern über einer Meerenge errichtet. Hier in Vancouver allerdings privat, nämlich von der Brauerei-Familie Guiness, die erheblichen Landbesitz nördlich der Enge erworben hatte und diesen an die Stadt anbinden wollte. Wiebke merkt an, dass sich daraus auch die Farbe der Brücke erklärt:

Irisch Grün 😉

Was in Vancouver sofort auffällt ist die große Anzahl von Bäumen. Der Stanley Park als geschlossener Stadtwald trägt dazu bei, aber auch die Straßen selbst zwischen den Hochhäusern Downtown sind gesäumt von jetzt gerade herbstlich bunten Laubbäumen.

Und nicht nur das. Ein Besuch auf der Aussichtsplattform im Bürogebäude „Vanouver Lookout“ macht deutlich, dass sich die Laubfärbung markant durch das ganze Stadtgebiet zieht. Sogar auf den Wolkenkratzern finden sich zum Teil große Bäume.

Aber Vancouver hat noch viel mehr zu bieten. Nicht ohne Grund belegt die mit nur gut 700.000 Einwohnern (2.500.000 in der Metropolregion) gar nicht mal so riesige Stadt regelmäßig einen der vorderen Plätze bei den weltweit nach Lebensqualität beliebtesten Großstädten. Das Meer liegt vor der Haustür, ebenso die Berge. Die nahen Skigebiete der Northshore Mountains sind sind von Downtown nur etwa eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernt, das berühmte Whistler ist in zwei Stunden erreichbar.

Und natürlich gibt’s nicht nur Hochhäuser. Unser Airbnb liegt auf der Grenze zum historischen Gastown mit seiner zumeist aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts stammenden Bebauung (Vancouver wurde erst 1867 gegründet, brannte 1886 ab, entwickelte sich danach aber rasant).

Gastown ist heute eine Szenestadtteil mit vielen Kneipen, sonstiger Gastronomie und auch einer Vielzahl kleiner Geschäfte.

Außerdem mit dem „Canada Place“, dem an Segel erinnernden Gebäude unten am Hafen. Auch dies eins der Wahrzeichen, es ist der vom Architekten Eberhard Heinrich Zeidler als kanadischer Pavillon entworfene Bau aus der Weltausstellung EXPO 86 in Vancouver.

Und natürlich mit der berühmten dampfbetriebenen Uhr, einem weiteren Wahrzeichen der Stadt.

Zum Brunch treffen wir uns am zweiten Tag mit Debora und Rob, die wir aus Panama kennen, bei einem wunderbaren kantonesischen Dim Sum Restaurant weiter im Süden der ausgesprochen multikulturellen Stadt. Herrlich.

Und zurück in unserem Airbnb ist das hier der Ausblick vom Balkon: das Meer und die Schneekappen auf den Bergen blitzen durch. Tagsüber jedenfalls.

😎

Kleine Welt und Vorbereitungen

Wir haben Wayne (S/V Leilani) auf Hawai’i kennengelernt. Ein Treffen mit seiner Schwester in deren Haus auf den San Juan Islands (vor Seattle) hat leider bisher noch nicht geklappt, hoffentlich kriegen wir das im Frühjahr hin. Aber: eine alte Bekannte von Wayne liegt bei uns am Steg genau gegenüber. Die Weltumseglerin Alice haben wir tatsächlich sogar schon kennengelernt, auch sie kennt Wayne aus der La Mariana Marina in Honolulu, die Welt ist ein Dorf.

Wie zur Bestätigung klopfen Lynn und Wulf an der Flora. Auch sie liegen mit ihrer Sea Bear am gleichen Steg wie wir, diesmal hat Rob von der S/V Avant den Kontakt hergestellt. Wir kennen ihn aus Panama, die Avant liegt dort derzeit auch und wartet auf ihn. Denn Rob wohnt in Vancouver, wo wir ihn hoffentlich demnächst (nächste Woche?) noch treffen werden und wo Wulf und Rob früher Stegnachbarn waren.

Und nicht nur die Erkenntnis der kleinen Welt haut uns mal wieder um, sondern auch die uns entgegengebrachte Gastfreundschaft. Lynn und Wulf nehmen uns am Abend zu einem kleinen Charity-Essen mit, geben uns Tips für das Einwintern der Flora bei den hiesigen Wetterverhältnissen, bringen uns einen 115V Heizlüfter vorbei und bieten uns gleich noch an, Sachen bei ihnen einzulagern. Und selbstverständlich können wir uns das noch beim Rigger in Hawai‘i lagernde Paket an ihre Adresse nachsenden lassen.

Wow 🤩.

Überhaupt, was machen denn unsere Vorbereitungen? Wir kommen voran. Die Stauräume unter den Kojen sind durchsortiert, die dort von Schwitzwasser und damit leichtem Spak betroffenen Behältnisse gereinigt oder ausgemustert, das Dinghy umgedreht auf dem Vorschiff verzurrt, der Außenborder mit Frischwasser durchgespült und eingewintert, Frostschutzmittel besorgt, die Batterie an Fendern aufgeblasen

damit sie auch in der Kälte ihren Job verrichten können, mit der Elektrik herumgehühnert, um auch 115 V unter Deck zu haben, die Lebensmittelfächer durchsortiert und gereinigt, und, und, und… Vor allem: alle Segel einschließlich Rollgroß sind abgeschlagen zur Durchsicht zum Segelmacher gebracht. Der ist in Sidney!

Und das heißt: wir haben ein Auto gekauft.

Mit Allradantrieb für unsere bevorstehende Winter-Reise über die Rocky Mountains und mit genug Platz, um hinten eine Matratze für eine Zwischen-Rast hineinzulegen – oder eben um vier große Segelsäcke durch die Gegend zu fahren. Mal eben runter nach Sidney im Süden von Vancouver Island. Unser Hafen in Campbell River liegt etwa in der Mitte der Insel, trotzdem sind es fast 300 km einfache Strecke bis dort. Hin und zurück (und mit ein bisschen Sightseeingtour im außerhalb des Wollgeschäftes verregneten und trotzdem schönen Victoria) dauert es also einen ganzen Tag und stimmt uns schon mal etwas ein auf die Entfernungen, die wir auf unserem geplanten „Landurlaub“ zu bewältigen haben.

Ganz ohne Überraschung gehen die Vorbereitungen übrigens nicht ab: eine der automatischen Rettungswesten hat sich im wasserdichten Sack im Stauraum des Dinghies offenbar aufzublasen versucht. Hm. Offenbar hat die Salztablette aufgegeben und den Auslösemechanismus aktiviert. Den wahrscheinlichen Grund dafür erkennen wir, als sich am Abend die andere unserer Ersatzwesten aus dem Dinghy im Salon plötzlich ebenfalls mit einem Knall aufbläst:

Jetzt im Warmen hat sich einiges Kondenswasser an der Patrone gebildet, das hat wohl auch hier die (ohnehin recht alte) Salztablette aufgelöst.

Können wir also die Weste über Nacht mal aufgeblasen liegen lassen und so den bei der ohnehin fälligen Wartung den vorgesehenen Dichtigkeitstest machen.

😉

Winterplatz für Flora

Zuerst gute Verhältnisse, ein Übernachtungsstop in der Richardson Cove auf Lasqueti Island, am Ende dann doch noch ein bisschen Bolzen gegen die Welle, aber es ist geschafft. Wir sind wieder in Campbell River in der Discovery Marina.

Hier im gut geschützten Hafen wird Flora über den Winter bleiben, in Gesellschaft einiger anderer Boote der ziemlich aktiven Winter-Community hier im Hafen. Die Crews von mehreren anderen Winterliegern kennen wir, die Pitou bereits aus Hawai’i, die Fidelis aus Alaska, weitere Crews haben wir hier schon kennengelernt. Das gibt uns ein gutes Gefühl. Insbesondere, weil wir nicht planen, die ganze Zeit hier zu sein, sondern statt dessen noch etwas weiter reisen wollen. Über Land durch Kanada und die USA, dann zu Weihnachten nach Deutschland fliegen.

Erst einmal aber müssen wir hier noch ein paar Vorbereitungen treffen. Zunächst mal Flora von der Salzkruste befreien, Segel abschlagen, so etwas. Natürlich können wir nicht wie früher in Deutschland bei unseren Booten fast alles von Bord nehmen, statt dessen heißt es durchsortieren. Auch die Vorräte, zudem zur Schimmelvermeidung Oberflächen im Boot mit Essig abwischen. Luftentfeuchter besorgen und elektrischen Anschluss dafür herstellen (Landstrom in Kanada hat 110 V 60 Hz, unser Bordsystem 230 V 50 Hz bzw. 12 V Gleichstrom). Aber wir wollen ohnehin nicht das Ladegerät bei Abwesenheit an Landstrom angeschlossen lassen, die Solarpanel werden für die Erhaltungsladung dicke reichen. Klamotten umsortieren und zum Teil vakuumieren. Bordsysteme winterfest machen, wobei das nicht so dramatisch ist, da Flora ja im Wasser bleibt und der Pazifik hier nicht gefriert. Wir überlegen, ob wir trotzdem einen Radiator mit Frostwächter-Schaltung ins Boot stellen. Und noch zig andere Sachen sind zu berücksichtigen und zu erledigen, aber wir lassen uns Zeit.

Die nächste größere Aufgabe (und Ausgabe) ist der Kauf eines Autos, dass wir dann nach dem Winter wieder verkaufen wollen. Die Zulassung (auch auf uns Ausländer) scheint hier in Kanada recht unproblematisch zu sein, aber die Auswahl des passenden Gefährts ist nicht ganz einfach. Wir wollen im Winter über die Rocky Mountains, da wäre Allradantrieb nicht schlecht, aber die damit ausgestatteten Wagen sind hier zumeist recht groß, nicht nur vom Innenraum, sondern auch von der Motorisierung. Für unsere Landausflüge werden einige Kilometer zusammenkommen und großer Motor heißt auch mehr Verbrauch. Ideal wäre aber, wenn wir unsere Matratzenauflage als Notlager hinter im Auto ausbreiten könnten, dafür wäre ein größeres Auto wieder gut. Hm. Die Auswahl ist durchaus eingeschränkt, obwohl wir schon ziemlich lange Märsche durch die Automeilen von Campbell River unternommen haben (heute 12 km). Mal sehen.

Entscheidung und Treffen

Aus Nanaimo raus und einmal um die Ecke gibt’s mal wieder einen Erkenntnisgewinn. Dafür also das “Logging”, der Holzeinschlag, dessen Auswirkungen wir mit einigen kahl geschlagenen Hängen zuletzt häufiger gesehen haben. Die Fahrt führt vorbei an einer Zellstoff-Produktionsanlage, Unmengen an Holzstämmen werden angeliefert, zu Zellstoff verarbeitet und verschifft, nach Aussage der unternehmenseigenen Website hauptsächlich nach Asien. Gleich hinter der Fabrik wird es dann für die Navigation der Flora spanned, hier liegen die nächsten Narrows, deren Durchfahrt das richtige Timing erfordert.

Die Dodd Narrows trennen Vancouver Island von der kleinen Insel Mudge und der größeren Insel Gabriola. Die gehören bereits zu den Gulf Islands, einem beliebten Ziel für Segler und andere Wassersportler aus Vancouver und Victoria, quasi dem kanadischen Pendant zu den San Juan Islands vor Seattle, die beiden Inselgruppen gehen praktisch ineinander über.

Bis zu 9 kn kann die Strömung der Dodd Narrows erreichen, also am besten bei Stillwasser passieren. Das klappt diesmal nicht ganz, obwohl wir sogar etwas vor der Zeit da sind, gurgelt das Wasser bereits mit rund zwei Knoten in unsere Richtung. Das ist zwar kein Problem, aber die bereits deutlichen Wirbel zeigen uns, dass wir nicht allzu viel später hätten kommen dürfen.

Ein Stück hinter den Dodd Narrows setzen wir den Gennaker, aber es wird ein kurzes Vergnügen, der Wind schläft bald darauf wieder ein.

Unser Tagesziel diesmal ist Saltspring Island, die größte der Gulf Islands. Wir laufen deren Hauptort Ganges an, mit sehr gutem Grund: hier macht das jüngste unserer sechs Patenkinder gerade ein Highschool-Jahr. Jasper ist 15 und statt in Montabaur jetzt also für 10 Monate in Ganges. Wir freuen uns wie Bolle, dass es mit diesem Treffen klappt. Gemeinsam mit ihm holen uns seine Gasteltern am Hafen ab, zeigen uns ihr Haus und die Insel.

Nach zwei Tagen auf Saltspring Island verabschieden wir uns und fahren weiter nach Sydney auf Vancouver Island. Das gibt uns die Möglichkeit Eliza und Ben zu treffen, bevor Ben am nächsten Tag nach Panama zu ihrem Boot fliegt. Wir hatten die beiden Anfang des Jahres in der Shelter Bay Marina auf Panamas Atlantikseite kennengelernt, wo ihre Nauticat 37 jetzt “on the hard” lagert. Die beiden wohnen in Victoria und besuchen uns, es wird ein schöner Nachmittag, erst mit selbstgebackenem “Flora-Butterkuchen” und dann mit einem netten Abendessen in der Stadt und ganz viel Klönen.

Am nächsten Tag lösen wir eine Tageskarte und fahren mit dem Bus hinaus zu den anderen Marinas nördlich von Sydney. Wir klappern sie alle ab, aber die Aussage ist überall die gleiche wie auch schon bei zwei Häfen auf Saltspring Island und mehreren anderen Marinas, die wir nur angerufen haben: ein Winterplatz, egal ob im Wasser oder an Land ist nicht frei. Allenfalls ein Platz auf der Warteliste. Hm.

Am Abend dann ein Vortrag im Royal Victoria Yachtclub: Tony Gibb and Connie McCann berichten über zwei sehr verschiedene Langfahrten. Eine siebenjährige Pazifikumrundung über Japan und die Aleuten in ihrer selbst ausgebauten Vancouver 27 “Hejira” von 1983 bis 1990 ohne Kühlschrank, ohne eingebaute Toilette und vor allem ohne elektronische Navigationsgeräte. Und eine Weltumsegelung mit ihrer modern ausgestatteten und geräumigeren Wauquiez 38 “Sage” ab 2010. Gerade im direkten Nebeneinander der beiden Reisen sehr spannend, zumal von den beiden auch klasse bebildert und vorgetragen. Eingeladen hat uns Daragh, der Port Officer des OCC (Ocean Cruising Club, das britisch/internationale Pendant zu unserem deutschen Verein Trans Ocean). Ich hatte ihn angeschrieben wegen möglicher Winterplätze. Weil wir den Yachtclub nur schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen können organisiert uns Daragh auch noch den Transport dorthin und zurück: Clubkammerad Don holt uns aus Sydney ab und bringt uns nach dem Vortag und einer anschließenden privaten Stadtrundfahrt auch wieder zurück. Kanadische Gastfreundschaft.

Und was den Winterplatz der Flora angeht, treffen wir mit Blick auf das sich ab Freitag wohl deutlich (und vermutlich auch eher dauerhaft) in Richtung kälter und regnerischer verschlechternde Wetter eine Entscheidung: wir werden wieder ein Stück zurück nach Norden segeln. In Campbell River können wir Flora über den Winter parken, nach Bedarf auch auf ihr wohnen (letzteres leider nicht selbstverständlich bei den Winterplätzen hier). Es gibt dort sogar eine aktive Winter-Community, einige der Boote kennen wir, darunter die “Pitou”, mit der wir in Honolulu, Sitka und Juneau zusammen waren.

Mit dem in Deutschland eher unüblichen Überwintern des Bootes im Wasser haben wir in Griechenland gute Erfahrungen gemacht und der Pazifik ist hier in BC frostfrei, warum also nicht?

Segeln in BC: über Lasqueti Island nach Nanaimo

Nachdem wir zuletzt ja hier in British Columbia mangels Wind reichlich Motorstunden angesammelt haben, können wir auf dem weiteren Weg nach Süden endlich wieder segeln. Hier trennt die etwa 15 Seemeilen (25-30 km) breite und über 100 sm lange Strait of Georgia die südliche Hälfte Vancouver Islands vom kanadischen Festland. Nicht als durchgängige Wasserfläche, diverse Inseln und auch einige weitere Narrows warten noch auf uns, aber zunächst mal eben doch auch mehr offene Wasserflächen.

Als erstes Ziel haben wir uns Boho Bay ausgesucht, gut 50 sm von Campbell River entfernt. Da aber in der Discovery Passage vor der Hafenausfahrt von Campbell River bis zu 6 kn Strömung setzen, müssen wir ohnehin schon um 7.30 los, das sollte passen. Tut es, und es gibt uns auch die Zeit, bei nur leichten Winden und traumhaftem T-Shirt-Wetter herrlich unter Gennaker langsam dahin zu segeln.

Sogar ein kurzer Angelstopp ist drin und wird mit zwei Grünlingen belohnt, über Funk laden wir Ben und George zu „Fisch asiatisch“ zum Dinner auf die Flora ein, die beiden sind kurz nach uns gestartet und parallel mit gleichem Ziel unterwegs.

Die Ankerplatz zwischen Lasqueti und Boho Island entpuppt sich als imposanter als erwartet, die Küste von Lasqueti formt hier eine hohe Steilwand, die dramatisch zur Bucht hin abfällt und schon früh die Abendsonne abschirmt.

Schön auch, dass wir endlich wieder einmal Erfolg mit unserem Krebskorb verzeichnen können, gleich fünf Krebse hole ich am nächsten Morgen mit ihm hoch. Wobei, der größte Krebs sitzt nicht einmal im Kasten, sondern oben auf dem Korb, will aber trotzdem nicht vom Köder lassen und landet erst im Dinghy (und dann im Kochtopf). Alle fünf sind Männchen, die beiden Kleinsten lassen wir trotzdem wieder frei, die anderen drei sind „Keeper“.

Auch am nächsten Tag können wir segeln, diesmal unter weißen Segeln bei auffrischendem Wind hinüber nach Nanaimo. Dazu müssen wir einen kleinen Bogen um die „Firing Practice and Exercise Area Canadian Forces Maritime Experimental and Test Ranges Whiskey Golf“ machen. Das ziemlich große Schießgebiet ist heute zwar gar nicht aktiv, aber einige Schiffe sind trotzdem dort stationiert und zu denen ist ein Mindestabstand von einer Meile einzuhalten. Ist egal, wir können herrlich segeln und begegnen auf unserem Umweg sogar einigen Walen.

Nanaimo ist für uns die erste größere Stadt seit Honolulu auf Hawai‘i. Mit immerhin rund 90.000 Einwohnern die ganz knapp zweitgrößte Gemeinde auf Vancouver Island (nach Victoria, der Hauptstadt der Provinz BC). Einige wenige Hochhäuser verkünden das schon aus der Ferne, für uns Segler spannender ist da die Vielzahl der Häfen und Marinas, die sich im Naturhafen und der schmalen Passage hinter dem vorgelagerten Newcastle Island finden. Die dicht bebauten Hänge schon vor dem eigentlichen Stadtgebiet zeigen zudem an, dass wir uns aus der Wildnis des nördlichen BC jetzt in den Einzugsbereich der Metropole Vancouver bewegen. Von Nanaimo dorthin gibt es mehrere Fährverbindungen, Wasserflugzeuge fliegen im Linienverkehr und auch der „normale“ örtliche Flughafen ist dorthin angebunden. Ursprünglich aus einem Handelsposten der Hudson Bay Company hervorgegangen, nahm Nanaimo durch die nahen Kohleminen einen kräftigen Entwicklungsschub. Der Entdecker der dortigen Kohle hatte praktischerweise 1869 eine Gesellschaft zur Erschließung gegründet und als Mitgesellschafter den Oberbefehlshaber der Pazifikflotte aufgenommen. Die Flotte war dann (neben der Stadt San Francisco) der Hauptabnehmer der Kohle. Konsequenterweise gibts also hier keine Spirit-Bären auf den Kästen wie in Klemtu, statt dessen …

Und es ist so städtisch, dass es auch einen (sogar zwei) ausgewiesene Woll-Geschäfte gibt. Hatte ich schon erwähnt, dass auf Flora in den ruhigen Gewässern von BC intensiv gestrickt wird?

😁

Campbell River

In Campbell River bleiben wir ein paar Tage. Der Ort bietet fußläufig gute Einkaufsmöglichkeiten, außerdem auch ein gut gemachtes Museum. Die Abteilungen über die First Nation Ureinwohner (hier sind es Wei Wai Kum, die in Gemeinwirtschaft sehr erfolgreich große Teile des Ortes verwalten, darunter auch die Marina), über die Entwicklung von Logging (Holzwirtschaft) und Fischerei sind jeweils spannend und modern und multimedial präsentiert. Daneben fasziniert uns im Museum auch ein dokumentarischer Film über die Sprengung des „Ripple Rock“. Die Spitze dieses Unterwasserfelsens in den von uns gerade durchfahrenen Seymour Narrows wurde 1958 in die Luft gejagt – eigentlich mehr ins Wasser -. Vorher ragten seine beiden Gipfel mitten in der Passage bei Ebbe bis etwa drei Meter unter die Wasseroberfläche und verwirbelten das Wasser um einiges mehr, als es heute noch der Fall ist (immer noch schlimm genug). Jetzt ist die Durchfahrt immerhin mindestens 14 m tief. Bis zu der Sprengung waren weit über 100 Schiffe auf der Untiefe verunglückt, mindestens 114 Menschen dabei ums Leben gekommen. Nachdem andere Versuche zuvor gescheitert waren, wurden in über zweijähriger Minen-Arbeit Stollen vom Festland unter der Meerenge hindurch bis in die Felsen getrieben und mit 1.375.000 kg (1.375 to !!!) Sprengstoff gefüllt. Schon logistisch eine immense Herausforderung. Die bis dahin weltweit größte absichtliche menschengemachte nichtnukleare Sprengung war dann erfolgreich und verlief plangemäß.

Bei weiterhin herrlichem Wetter nehmen wir gemeinsam mit Ben und George von der „Island Time“ ein Taxi und lassen uns hinaus zu den Elk Falls* kutschieren. Schon wieder Wasserfälle? Ja, aber auch die hier haben etwas ganz besonderes: eine 60 m lange stählerne Hängebrücke führt in 64 m Höhe dicht an den Fällen über die tiefe Schlucht des für die Stadt namensgebenden Flusses. Mitten im Wald, man muss von der Straße aus ein Stückchen dahin wandern. Interessanterweise kostet es keinen Eintritt, keine Souvenirshops stehen daneben, allzuviel Betrieb ist auch nicht.

Und danach führt ein wunderschöner Wanderweg, der Canyon View Trail, durch den Wald zurück Richtung Stadt.

Die erste Herbstfärbung im Ahorn ist auch schon da und macht unseren Waldspaziergang noch stimmungsvoller.

Immer wieder gibt es auch Ausblicke auf den Campbell River, an ruhigen Stellen können wir in Nebenarmen Lachse beobachten, im schnell fließenden Hauptarm sind Kanuten unterwegs und am Ufer schwingen Fliegenfischer elegant ihre Angelruten.

😎

(*) birgt mal wieder Tücken in der Übersetzung: ein kleines Stück weiter flussaufwärts der Elk Falls liegen im Campbell River tatsächlich die Moose Falls => die Elch-Wasserfälle. Im amerikanischen Englisch bezeichnet „Elk“ zwar auch eine Hirschart, jedoch den Wapitihirsch, einen großen Rothirsch. Im britischen Englisch meint Elk allerdings den Elch.

Gut angekommen in Campbell River

Lieben Dank für’s Daumendrücken, es hat geholfen. Die Passage durch die Seymour Narrows war aufregend, aber unproblematisch.

Den Gegenstrom auf dem Weg zur Engstelle hatten wir gut kalkuliert und so waren wir nach drei Stunden Fahrt zum perfekten Zeitpunkt an der Einfahrt der Narrows. Auf der Strecke allerdings hatten wir reichlich Rückenwind, gut 20 kn. In Verbindung mit dem Gegenstrom von bis zu drei Knoten gab das eine kurze steile Welle.

Für uns nur leicht unangenehm, in Gegenrichtung aber wirklich hässlich. Der Entgegenkommen hatte sich die Fahrt mit mitsetzender Strömung sicher anders vorgestellt:

Für Flora spielte die Tide dann ab der Enge mit, die Strömung kippte auf die Minute genau zum vorhergesagten Zeitpunkt. Stillwasser gab es aber praktisch nicht, zwei Seemeilen später hatten wir schon wieder 3 kn Strömung, jetzt aber mit uns.

Ein bisschen aufregend wurde es nochmal bei der Einfahrt in die Discovery Marina im Ort Campbell River. Der Strom von mittlerweile 4 kn setzte quer zu der schmalen Einfahrt. Von querab mit unfassbarem Vorhaltewinkel fuhren wir also fast seitlich auf die Marina zu, der Vorauspfeil auf dem Plotter war dabei eine große Hilfe. Auch das hat gut geklappt.

Und dann relaxen und das sommerliche Wetter genießen.

☀️ 😎

Re. Oder: Die verflixte Strömung

Der Chatham Channel kann bis zu 8 kn Strömung erreichen. Das hört sich toll an, nach dem Motto: da muss man ja nur auf den richtigen Zeitpunkt warten und dann wird man bei 5 kn Fahrt mit 13 kn seinem Ziel entgegen geschoben. Schön wärs.

Aber so einfach klappt das leider nicht. Technisch gesehen liegt das an einer physikalischen Kennzahl, der Reynolds-Zahl (Formelzeichen Re). Sie ist in der Strömungslehre von besonderer Bedeutung und ermöglicht zum Beispiel Modellversuche im Windkanal, Berechnungen zum Turbulenzverhalten von Flugzeugtragflächen oder von potentiellem Strömungsabrissen, sei es am Flügel von Windkraftanlagen oder am Steuerruder eines Bootes.

Oder eben Aussagen dazu, wann fließendes Wasser nicht mehr (laminar) dahinströmt, sondern chaotisch wird, Eddies und Wirbel, stehende Wellen und Strudel bildet. Das passiert selbst in einem glatten Rohr bei entsprechender Fließgeschwindigkeit, wird aber durch Verengungen, Felsen und Flachstellen deutlich begünstigt, der kritische Re-Zahlenwert wird dann schneller erreicht.

Und dann würde das Wasser unsere Flora eben nicht mehr durch den Chatham Channel schieben, sondern uns steuerlos herumwirbeln. Um das zu vermeiden, stellen wir den Wecker und fahren mit nur langsam schiebenden Strom durch die Enge. Bis zu drei Knoten erreicht die Strömung, das passt gut und wir kommen völlig problemlos durch. Selbst der Nebel hat ein Einsehen, habt sich ein wenig und erlaubt uns etwas Sicht, bevor er kurz nach der Passage wieder pottendick wird. Unter Radar tasten wir uns weiter bis zu unserem Tagesziel, Port Neville.

Wir machen am Schwimmsteg vor der alten Poststation fest. Die ist zwar heute ein Privathaus und nicht mehr ganzjährig bewohnt, der Steg ist aber immer noch kommunal und wird von den Behörden gut in Schuss gehalten. Wir dürfen kostenlos dort anlegen und auch das Gelände betreten. Am Strand finden wir frische Bärenspuren, es lässt sich aber keiner sehen.

Die nächste Tagesetappe führt uns die Johnstone Strait hinunter und wir können hier – bei reichlich Platz – mit den Verwirbelungen der schiebenden Tide weitere Erfahrungen sammeln. An Helmcken Island führt nördlich die “Currant Passage” südlich die “Race Passage” vorbei. Als Verkehrstrennungsgebiet ausgeführt, ist es für uns die Race Passage. Obwohl dem Fahrwasser folgend, müssen wir bei 4 Knoten Schiebeströmung teilweise bis zu 45 Grad vorhalten (also den Bug in die “falsche” Richtung steuern) und werden immer mal wieder 20 Grad nach rechts oder links gedrückt. Beeindruckend.

Tagesziel ist der Ankerplatz hinter Turn Island.

Der nämlich liegt nur 13 Seemeilen vor den Seymour Narrows. Und für genau die war das Ganze der Aufgalopp zum Üben. Bis zu 15 Knoten können die Strömungen hier erreichen, es ist DIE berühmt berüchtigte Passage in British Columbia. Selbst Wikipedia fabuliert von einer astronomischen Reynolds-Zahl für diese zentrale Enge. Die offiziellen kanadischen Sailing Directions empfehlen allen kleinen Booten (unter 20 m !!!) nachdrücklich, sie nur um Stillwasser herum zu befahren.

Stillwasser ist in den Seymour Narrows maximal 15 Minuten, oft weniger. Das reicht nicht für die Strecke, also soll die erste leicht mitlaufende Tide helfen.

Und das wollen wir morgen versuchen. Uns also bei Gegenstrom etwa drei Stunden lang heranarbeiten, um dann zum genau richtigen Zeitpunkt (morgen um 11.00 Uhr Ortszeit herum) hindurch zu fahren. Drückt uns die Daumen, dass wir richtig gerechnet haben. Wenn nicht, sollten wir es auf den 13 Meilen schon merken und können dann (Plan B) umdrehen oder (Plan C) in die Brown Marina direkt vor den Narrows einlaufen.