Nix mehr mit blauem Himmel. Es ist grau. Wir haben das südliche Wolkenband der ITCZ erreicht.
In der Nacht Flaute, wir halten lange durch, aber dann muss doch für drei Stunden der Motor ran. Eine Zeitlang gefälliges Segeln. Der Code0 wird gegen gegen die Fock getauscht, der Kurs ist ziemlich hoch am Wind.
Und dann – wie aus dem Nichts – Wolkenbruch. Regenmassen ergießen sich über uns, der Wind springt um und nimmt stark zu. Fast unmittelbar hat sich auch 3 Meter Welle aufgebaut. Zunächst steuern wir überhoch (also bereits leicht im Wind), um den Druck aus dem Rigg zu nehmen. Aber was wir für eine Böe gehalten haben, steht fast eine Stunde durch. Als der Wind kurzzeitig von 25 kn auf 16 kn nachlässt, gehen wir schnell mit dem Großsegel ins dritte Reff. Und tatsächlich, kurz darauf pfeift es wieder und wir sind dankbar für die jetzt stark verkleinerte Segelfläche. Unbequemes, ruppiges Segel, immer wieder schießt Weißwasser übers Deck.
Nach jetziger Vorhersage benötigen wir wohl noch mindestens einen Tag, um aus diesem Wolken- und Windband hinaus zu kommen.
Etmal 148 sm, gesamt 1.641 sm, rechnerisch 1.659 sm bis Gambier.
Positive Überraschung: wir müssen nicht den ganzen Tag die eiserne Genua bemühen. Schon nach gut 12 Stunden, zum Beginn der ersten abendlichen Wache, schalten wir den Motor wieder aus. Unter Schmetterlingsbesegelung mit ausgebaumtem Code0 gleiten wir langsam in die Nacht.
Und es bleibt zunächst äußerst gemächliches Segeln. Eine dunkle Wolke bereitet dem aber gegen 2.00 Uhr nachts ein Ende. Erst bringt sie Regen, dann frischt der Wind auf, wenig später wechselt er um 80 Grad die Richtung und nachdem der Kurs mehrfach angepasst ist schläft der Wind komplett ein. Die Segel schlagen in der Dünung, das hat keinen Zweck. Also muss ich doch Wiebke wecken. Wir rollen die Segel ein, nehmen den Spi-Baum weg. Von 3.00 Uhr an läuft wieder der Volvo. Zwei Stunden später muss sich Wiebke in ihrer Wache revanchieren und mich wecken. Auch für mich ist es also nichts mit den 3 Stunden durchschlafen. Der Wind ist wieder da, jetzt aus 90 Grad, perfekt für den Code0. Diesmal ohne Baum, die Segel werden wieder ausgerollt und bescheren uns einen herrlichen Segeltag.
Das ist in dieser Gegend alles andere als selbstverständlich, ich hatte den Schwachwindkeil der ITCZ ja schon mehrfach beschrieben. Aber er ist eben kein stabiles Gebilde, sondern verändert permanent seine Form und Ausprägung. Den Wegepunkt, an dem wir von Norden in die derzeitige ITCZ eingefahren sind, hatten wir mit Bedacht gewählt. Hier sollte sich nach der Vorhersage kurzzeitig für ein paar Tage eine kleine „Brücke“ aus Wind bilden, die wollen wir nutzen. Und genau das scheint jetzt zu klappen:
Dabei lassen wir es uns auch kulinarisch gut gehen: der gefangene Skipjack Tuna wird mit karamellisiertem Rosenkohl, Pecannüssen und Orangenkartoffeln zu einem echten Festmahl.
Etmal 123 sm, gesamt auf der Passage damit 1.169 sm, verbleiben rechnerisch noch 2.131 sm bis Gambier.
Heute stellen wir die Bordzeit um eine Stunde zurück, sind also jetzt wieder in der Zeitzone der US-Westküste, 9 Stunden hinter der deutschen Zeit.
Das Gewitterband liegt hinter uns, die Flaute vor uns, wir sind schon mittendrin, haben die die Innertropische Konvergenzzone ITCZ erreicht. Dankeschön für Euer Daumendrücken, es hat scheinbar geholfen. Wir kommen ohne Blitzlichtstakkato richtig gut durch. Das Gewitterband hat sich abgeschwächt, wir kriegen nur ein paar kräftige Regenschauer ab. Ansonsten können wir den Weg perfekt durch die Lücke in den Wolkentürmen steuern. Und bekommen sogar noch einen Skipjack an den Haken, der erste Angelerfolg seit Mexiko.
Die Nacht hindurch haben wir dann auch noch etwas Wind, gerade ausreichend zum Segeln. Seit heute Morgen um 6:30 läuft der Motor. Flaute.
Zeit, mal wieder etwas klar Schiff zu machen. Vom Schräglagen/Kirmes-Schaukel-Modus in den “nur sanft gewiegt”-Modus zu wechseln, die vom dauernden Abstützen gestressten Muskeln zu entspannen. Frisches Granola zu machen, Kuchen zu backen.
Nach der Vorhersage werden wir wohl rund einen Tag motoren, bevor wir dann hoffentlich wieder Segelwind finden. Für etwa 5 Tage durchgängiger gemäßigter Motorfahrt ist unser Dieselvorrat ausgelegt, das sollte also kein Problem sein.
Etmal 113 sm, gesamt auf dieser Passage 1.046 sm (damit die ersten 1.000 geknackt), rechnerisch noch 2.254 sm bis Gambier.
Die Sprayhood weggeklappt, die Mittelscheibe aufgestellt, das Groß nur als Stützsegel, so motoren wir heute durch die tropische Flaute.
Unter gerefften Segeln geht es in die Nacht. Wind ist genug – noch -. Manchmal auch mehr als genug, die dunklen Wolken bringen teils kräftige Böen und Schauer mit sich. Das soll sich im Laufe des Freitags dann allerdings rapide ändern. Dieser Schwachwindkeil der Innertropischen Konvergenzzone (international: ITCZ) liegt vor uns.
Und direkt davor, am nördlichen Rand der ITCZ, befindet sich ein Gewitterband in ständiger Veränderung. Da müssen wir nächste Nacht den besten Weg hindurch finden.
So zeigt sich das auf dem Satellitenfoto bzw. der Gewittervorschau mit unserer geplanten Route.
Alles in allem sieht es gar nicht so schlecht aus, wenn unsere Routen-Knobelei denn so hinkommen sollte. Wir rufen Windy und PredictWind immer aufs Neue auf und wägen die verschiedenen Vorhersagemodelle gegeneinander ab. Drückt uns bitte vor allem für die Gewittervermeidung die Daumen.
Dahinter wartet dann allerdings gleich eine weitere Naturgewalt, der Südäquatorialstrom. Ein mächtiger, schnell von Ost nach West fließender Fluss mitten im Ozean, zusätzlich mit vielen kleinen Eddies links und rechts des Hauptstroms.
Wie mächtig?
Ganz spannend ist der vergleichende Blick auf den Golfstrom, oben rechts an der US-Ostküste. Der berüchtigte Golfstrom nimmt sich dagegen als ziemlich schmales Band aus. Vorteil im Pazifik: Wind und Hauptstrom gehen normalerweise in die gleiche Richtung. Der blaue Punkt unter der Strömungsangabe 0.8 ist übrigens unsere aktuelle Position.
Wir wollen den Südäquatorialstrom in Südwestrichtung queren, er wird uns dabei also beschleunigen und auch ein ganzes Stück in Richtung Westen versetzen. Zu weit sollte es aber möglichst nicht sein, weil sonst der Windwinkel für die weitere Fahrt nach Gambier immer spitzer wird (der Wind also ungünstig von vorn käme).
Tja, darum kreisen unsere Gedanken im Moment, wie segeln wir am besten mit und am wenigsten gegen die Elemente? Fein ist, dass wir uns dazu mit der Fidelis austauschen können, sie segeln immer noch ganz in unserer Nähe.
Und außerdem? Passen wir uns immer noch an die Tropen an. Obwohl die relative Luftfeuchtigkeit mit 60 Prozent noch im völlig normalen Bereich ist, bei Temperaturen von 32 Grad im Boot und 29 Grad im Cockpit fühlen wir uns ein bisschen wie Sauerteig: klebrig und stinkend. Na klar, bei uns hilft die Dusche … für ungefähr zweieinhalb Minuten …
😅😳🥵
Im Windzug des Cockpits lässt es sich aushalten, aber … Alaska war auch schön. 😚
Etmal 149 sm, gesamt 933 sm, rechnerisch noch bis Gambier 2.367 sm (was etwa einer Atlantiküberquerung entspricht).
Gestern hatten wir uns noch über die nur mäßig bewegte See gefreut, heute sieht das etwas anders aus. In die Nacht geht es mit zunehmendem Wind, vorsichtshalber schon mal mit 1. Reff im Großsegel.
Und das ist gut so, es frischt während der Nacht weiter auf und auch die See nimmt zu. Nichts dramatisches, der Wetterbericht spricht von 3 m Wellen, aber in 15 Sekunden Frequenz. Also eher lange, nicht sonderlich steile Wellen. Wir schätzen sie in der Höhe sogar eher niedriger, aber leider laufen sie mit der Windsee (also den vor Ort durch den hier herrschenden Wind aufgeworfenen Wellen) ein bisschen durcheinander. Das sorgt für ein eher chaotisches Wellenmuster mit reichlich Hin- und Her-Schwanken der Flora. Auch im Boot will jede Bewegung durch gutes Festhalten abgesichert sein. Es ist anstrengend, gerade weil die Bootsbewegungen so wenig vorhersagbar sind.
Decksdusche dieses Mal daher auf den Heckkorb-Sitzen.
Wir kommen flott voran, derzeit mit der Fock an Steuerbord (und nicht mehr Schmetterling), das Großsegel ist weiter im 1. Reff.
Immer wieder spritzen große Schwärme von fliegenden Fischen vor Floras Bug zur Seite davon. Oft segeln die Fische dabei 50, manchmal 100 m weit. Manchmal schlagen sie mit ihrem Schwanz auf eine Wellenkamm und holen so noch ein paar weitere Meter Gleitphase heraus. In den letzten Tagen mussten wir allerdings auch morgens zumeist getrocknete Fliegende Fische und getrocknete Squids einsammeln, die sich in der Nacht auf Floras Deck verirrt hatten.
Jetzt, zum Mittag, wird vor uns der Himmel grau, es bauen sich Regenwolken auf, erste Vorboten des Übergangs in den Kalmengürtel, den wir vermutlich zum Wochenende erreichen.
Etmal 157 sm, gesamt 784, rechnerisch 2.516 sm bis Gambier.
Es ist warm geworden. Man merkt deutlich, dass wir wieder in den Tropen sind. Von gut 23 Grad Celsius in Mexiko ist die Wassertemperatur in diesen vier Tagen auf jetzt 28 Grad angestiegen, die Lufttemperatur entsprechend auch.
Zeit für eine Eimerdusche auf dem Achterschiff 😁
Delfinbesuch gab es übrigens auch heute wieder.
Der Wind ist noch immer nicht sonderlich stark, aber mit einer kräftigeren Phase in der Nacht hat es für ein Etmal von 135 sm gereicht, gesamt gesegelt auf dieser Passage somit 488 sm, bis zu den Gambier sind es noch 2.812 sm.
Wir halten allerdings gegenüber der direkten Strecke ein ganzes Stück nach Osten vor, so dass die Strecke insgesamt länger als die kalkulierten 3.300 sm werden dürfte. Derzeit sieht es so aus, als könnte sich am Wochenende eine Durchsegelmöglichkeit durch den Kalmengürtel auftun, das wäre natürlich ideal. Es ist wohl noch zu früh, um das sicher vorhersagen zu können. Ein weit östlicher Startpunkt würde uns aber ermöglichen, zur Not nördlich parallel zu den Kalmen zu segeln und ein Stück weit auf ein passendes Fenster zu warten. Außerdem wird uns der Südäquatorialstrom später noch weiter nach Westen versetzen. Kommen wir zu weit nach Westen, wird es schwierig, die Gambier anzulegen, Plan B wäre dann ein Landfall auf den Marquesas.
So, Schluss für heute mit den taktischen Überlegungen, aus der Pantry weht der Geruch von warmem Senfkartoffeln mit Salat und (unserem letzten frischen) Fisch hoch. Die Angel ist draußen.
Es scheint sich nicht zu ändern. Vor einer längeren Passage stellt sich bei uns Unruhe ein. Eigentlich sind die Einkäufe längst erledigt, die Vorrats-Schapps sind prall gefüllt. Diesel- und Wassertank randvoll. Aber man könnte doch noch …
Das Boot nochmal durchgecheckt.
Die verschiedenen Wetterberichte werden ein ums andere Mal hin und her abgewogen. Für die Abfahrt sieht es gut aus, aber was kommt da in ein paar Tagen? Oder umgekehrt: erst durch das Schwachwindfeld hinter dem Kap hindurch motoren und dann aber den guten Wind haben? Das Beste aus beiden Welten scheint es jedenfalls in nächster Zeit nicht zu geben.
Es ist ja nun nicht unsere erste Ozeanpassage. Aber die Entfernung ist deutlich länger als auf der Atlantiküberquerung von den Kapverden in die Karibik (2.200 sm) oder auf der Passage von den USA zurück nach Antigua (1.700 sm, unserem bisher härtesten Törn). Auch die 1.000 Seemeilen von Panama nach Galapagos wird sie locker knacken, sogar die 2.600 Meilen von Hawai’i nach Alaska, unseren bislang zweitlängsten Törn. Die 4.300 Seemeilen von Galapagos nach Hawai‘i sollten allerdings mit etwa 1.000 sm Abstand unser Rekord bleiben.
Aber ganz schlicht: wir sind nervös. Zugleich voller Vorfreude und Erwartung, aber auch mit Schüben von Unsicherheit und Bedenken. Das Herz puckert.
Was kommt auf uns zu? Ozeansegeln. Tage und Nächte in der scheinbar unendlichen Weite. Mal so, mal so, mal noch ganz anders.
Traumhafte Sternenhimmel, demnächst auch wieder mit dem Kreuz des Südens. Aber auch: sicher drei bis vier Wochen auf der Dauerschaukel und im Drei-Stunden-Takt. Kein gemeinsames Einschlafen, kein gemeinsames Aufwachen. Die ersten Tage mit diesem Wache/Freiwache-Rhythmus sind immer ziemlich anstrengend, danach wird es besser. Und sonst? Es geht wieder über den Äquator, also durch die Kalmenzone mit ihren Flauten und Gewitterzellen. Und die Route quert den derzeit drei Knoten schnell fließenden und dabei zum Teil über 800 km breiten Süd-Äquatorialstrom. Flora wird also auf über 400 Meilen mit drei Knoten nach Westen versetzt. Aber es heißt auch wieder segeln durch den Nordostpassat und den Südostpassat in der anderen Hemisphäre, so uns denn trotz El Niño Passatwinde beschert sein sollten. Taktisch wird es jedenfalls unsere bisher anspruchsvollste Passage und die Anspannung dazu macht sich eben auch schon breit.
Aber es geht ja auch nicht irgendwo hin. Die SÜDSEE lockt und wir freuen uns darauf, ihrem Ruf zu folgen. Allein der Klang des Wortes sorgt doch für Entspannung der Gesichtsmuskeln und zaubert ein Lächeln aufs Gesicht.
Raus aus der Bahía de La Paz, um die Ecke und Floras Bug nach Süden gerichtet. Geht wirklich gut los, wir fangen den bisher größten Fisch unserer Reise, eine 1,25 m lange Gelbschwanz-Bernsteinmakrele (Yellowtail-Amberjack). Passt nicht in unsere Filetier-Schale auf dem Achterschiff,
aber wir bekommen trotzdem rund 4 kg schönes Filet. Auf dem weiteren Weg dann wieder springende Rochen und auch einige Buckelwale .
Und dann Stop!
Geplant war der Halt in der Bahía de Los Muertos sowieso, aber eigentlich nur als letzte Übernachtung, letztes Ausruhen vor dem großen Schlag. Jetzt werden wir aber wohl doch noch etwas länger bleiben müssen, das Wetter lässt uns kaum eine andere Chance. Laut den neuesten Wetterberichten wird sich in den nächsten Tagen ein ausgeprägtes Schwachwindgebiet südlich der Baja California entwickeln. Dem können wir nicht mehr rechtzeitig entwischen, zumal sich an seiner Südgrenze ein fettes Gewitterband anschließt. Wo zuletzt noch schönster Segelwind aus Nordost herrschte, sorgt jetzt ein kräftiger Trog für wilde Verhältnisse genau auf der Route zwischen unserem Standort und den ohnehin gewitterträchtigen Kalmen nördlich des Äquators. So sieht das auf Windy aus:
Regen und Gewitter
Blau=Flaute
Durch eine kleinere Flaute könnten wir hindurch motoren, aber bei der aktuellen Prognose wären unsere 440 Liter Diesel bereits aufgebraucht, bevor wir den notorisch windarmen Kalmengürtel überhaupt erreicht hätten. Also lieber erstmal hier bleiben und abwarten, Wetterberichte wälzen. Auch an unserem Zielort in Französisch Polynesien spielt das Wetter nicht so recht mit. Die Marquesas kommen noch ganz gut davon, aber die Gambier und auch die Tuamotus bekommen einiges ab. Von den Gesellschaftsinseln rauscht ein Tiefdruckgebiet nach dem anderen heran, in Papeete auf Tahiti bläst es gerade mit 8 Beaufort. Die Tiefs sorgen dann auch für reichlich Unruhe auf den sonst gegen den Südost-Passat geschützten Ankerplätzen Französisch Polynesiens.
Na klar, es ist Hochsommer auf der Südhalbkugel, aber das Wetter scheint extremer als sonst. Sind das Auswirkungen von „El Niño“? Und was ist El Niño überhaupt für ein Wetterphänomen?
El Niño bezeichnet das Auftreten ungewöhnlicher Temperaturen des Oberflächenwassers (besonders warm vor der peruanischen Küste, aber eben nicht nur dort) im Zusammenhang mit veränderten Meeresströmungen im Südpazifik. Vor allem in besonders intensiven El Niño Jahren kann dadurch das Wetter weltweit beeinflusst werden. Eine sehr gute Erklärung dazu gibt es hier bei NOAA Climate Gov.
Zum Jahreswechsel 2023/2024 (und bis jetzt andauernd) ist ein intensiver El Niño zu beobachten. Besonders gut lassen sich diese Temperaturanomalien hier erkennen (genannte Quelle):
Und unsere geplante Route von der Südspitze der Baja California in Mexiko nach Französisch Polynesien geht halt durch einen besonders ausgeprägten Teil dieser Anomalie mitten hindurch:
Im Extremfall führt El Niño dazu, dass die Passatwinde sich nicht nur abschwächen, sondern sogar (in manchen Regionen) umkehren können, also aus westlichen Richtungen wehen. Das ist allerdings bisher zumeist nur im westlichen Pazifik beobachtet worden. Trotzdem ist bei derartigen Temperaturveränderungen klar, dass in den roten Gebieten mehr Energie in der Luft ist, und damit eben auch das Risiko von Gewittern steigt. Ein Grund mehr, bei der Wettervorhersage für unsere Route besonders auf den CAPE-Wert (CAPE = Convective Available Potential Energy) zu achten und Gebiete mit vorhergesagten Gewittern nach Möglichkeit zu meiden.
Das wird nicht immer klappen, insbesondere in den Kalmen am Äquator. Aber hier oben in Mexiko, da können wir z.B. einfach unsere Abfahrt verschieben. Bleiben wir halt noch ein bisschen länger in der Bahía de Los Muertos.
Und es ist ja auch nicht immer alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Die „Bucht der toten Männer“, das hört ja ziemlich morbide an. Vielleicht sogar geschäftsschädigend, ein Hotel am Strand hat deshalb versucht, die Bucht in „Ensenada de Los Sueños“ (Bucht der Träume) umzubenennen, aber das hat sich nicht durchgesetzt. Der Ursprung des Namens hat eigentlich auch gar nichts mit Todesfällen zu tun. Vielmehr hat eine (inzwischen längst aufgegebene) Mine für den Abtransport der Erze Haltemöglichkeiten gebraucht. Deshalb wurden Moorings mit sogenannten „Totmann-Ankern“ befestigt und die gaben der Bucht ihren Namen. Eigentlich erstaunlich, dass die Namen dieser Anker im Spanischen, Deutschen und auch im Englischen jeweils ganz entsprechend ist.
Die Teile für die Reparatur des Watermakers und ein Ersatzteil für die Windmessanlage sind bestellt, aber es wird wohl einige Zeit dauern, bis sie hier in La Paz eintrudeln. Was machen wir in der Zwischenzeit?
Wir schwärmen ja ohnehin von der Natur über und unter Wasser hier in der Sea of Cortez. Die zauberhafte Landschaft, na klar, aber eben auch die Tierwelt, seien es nun die Blue Footed Boobies, die verspielten Seelöwen oder die springenden Mobula-Mantas oder, oder, oder. Und es gibt noch eine ganz besondere Tierart, die hier in der Sea of Cortez eines ihrer nördlichsten Verbreitungsgebiete hat, die wir aber bisher nicht zu Gesicht bekommen haben.
Walhaie.
Diese größte Haiart der Gegenwart ist regelmäßig ganz nahe bei La Paz anzutreffen. Allerdings kann das für sie eingerichtete Schutzgebiet nicht mit dem eigenen Boot oder Dinghy befahren werden, nur lizensierte Tourboote dürfen hinein.
Wir schwanken zwischen “Hm, ist das Touristen-Nepp?” und “Schutz ist gut und es unterstützt die lokale Wirtschaft”. Am Ende siegt die Neugier auf die sanften Riesen.
Die Preise für die Walhai-Touren sind bei den einzelnen Anbietern sehr unterschiedlich, wir sehen zwischen 125 US$ direkt an der Marina und sehr viel moderateren 75 US$ in einer kleinen Hütte direkt an der Uferpromenade Malecon. Außerdem bekommen die Tour-Veranstalter “Slots”, also Zeitfenster zugeteilt. An der Walhai-Staue vorbei schlendern wir über den Malecon und vergleichen.
Schlussendlich wählen wir den Guide, der uns zu einem vernünftigen Preis eine Tour früh am nächsten Morgen anbieten kann, denn da verspricht das Wetter (und die Wasseroberfläche) besonders ruhig zu sein. Gut für die Beobachtung der dicht unter der Oberfläche schwimmenden Tiburón Ballena / Whale Sharks.
Mit dem nur von einem Bimini überdeckten und ansonsten offenen Boot geht’s hinaus. Nicht sehr weit, nur direkt vor die etwa 10 km lange Halbinsel, hinter der unsere Flora vor Anker liegt. Auf dem Weg entdeckt das geschulte Auge unseres Guides schon einige Walhaie, die wir ohne seinen Hinweis trotz des fast glatten Wasser wahrscheinlich übersehen hätten. Na klar, es gibt keinen verräterischen Blas wie bei Walen. Und nur manchmal ragen die eher runde Rückenflosse oder die Spitze der Schwanzflosse aus dem Wasser. Oft sieht man nur ein Verwirbelung im Wasser, manchmal auch die Stirn ein wenig herauskommen. Nur dann oder bei sehr klarem Wasser bzw. aus unmittelbarer Nähe kann man auch vom Boot aus die charakteristische Zeichnung auf der dicken Haut des Fisches erkennen. Das wunderschöne Muster von in Streifen angeordneten hellen Punkten auf dunklem Grund erinnert ein bisschen an einen Sternenhimmel.
Und dann hält das Boot an, wir dürfen ins Wasser. Maximal fünf Personen gleichzeitig (plus Guide), wir wechseln uns in drei Gruppen a vier Leute ab, wobei jeder mehrfach ins Wasser darf und wir zwischendurch öfter eine kurze Strecke zu einem anderen Walhai gefahren werden. Jedesmal allerdings haben wir den Walhai “für uns”, kein anderes Tourboot ist in der Nähe. Wir haben von Freunden gehört, dass das bei ihrer Tour ganz anders war.
Walhaie werden bis zu 14 m lang und können über 12 Tonnen wiegen (das entspricht beides in etwa unserer Flora). Manche Quellen gehen von sogar noch größeren Walhaien bis zu 18 m Länge aus. Biologisch gehören sie zu den Haien, sind also Fische. Mit den Walen verbindet sie aber nicht nur die schiere Größe. Anders als viele andere Haiarten ernähren sie sich nämlich wie die großen Bartenwale durch Filtrieren des eingesaugten Wasser. Mehrere Hundert Kubikmeter Wasser seiht ein Walhai dabei pro Stunde durch. Mit geöffnetem Maul schwimmt er ganz langsam durch das Meer und lässt das Wasser durch die riesigen Kiemenschlitze wieder ausströmen. Vor allem Plankton, außerdem ganz kleine Fische oder Krebstiere und auch Algen wie etwa Sargassum stehen auf dem Speiseplan. Größere Lebewesen (und insbesondere Menschen) sind dagegen völlig ungefährdet, als Nahrung der Walhaie zu enden. Wir können den Schnorchelgang also genießen, Respekt insbesondere vor der riesigen kraftvollen Schwanzflosse ist aber geboten.
Wie elegant der Walhai bei seinem gemächlichen Schwimmen wirkt, zeigen die beiden Videos vielleicht am Besten (auch wenn ich sie für den Blog etwas komprimiert habe):
Das kleine Symbol unten links im zweiten Video zeigt übrigens, dass ich die Videos mit der kostenlosen App “Dive+” farblich korrigiert habe, um den Farbfehler de4 Unterwasseraufnahmen auszugleichen.
Und ja, das Wasser ist hier nicht super klar. Viele der Schwebstoffe sind aber ja gerade die Nahrung, die den Walhai hierher in die Sea of Cortez locken.
Das Auge ist ganz links vom Maul zu sehen, der helle Punkt weiter oben ist ein Nasenloch (mit Bartel) 😉.Fünf riesige Kiemenspalten auf jeder Seite des Kopfes.Remora Schiffshalterfisch auf dem gepunkteten Walhai-Rücken. Die Schnorchlerin zeigt, wie klein wir Menschen daneben wirken.Der obere Teil der Schwanzflosse schaut gelegentlich aus dem Wasser.
Es ist noch nicht der Aufbruch nach Französisch Polynesien, aber wir müssen doch mal wieder raus aus La Paz, raus aus der Stadt. Irgendwo hin, wo das Wasser klar ist. Dann kann der Wassermacher wieder laufen und den Tank füllen. Außerdem braucht das Unterwasserschiff nochmal Zuwendung: das Schaufelrad der Logge dreht sich nicht mehr, ein ziemlich sicheres Zeichen dass sich da doch schon wieder einiges angesetzt hat.
Allerdings sind für die nächste Nacht relativ kräftige Coromuel-Winde angesagt. Das ist ein lokales Wetterphänomen in der Bahía de la Paz, das sich immer wieder zwischen die um diese Jahreszeit eigentlich vorherrschenden Norder schiebt. Frische, zumeist nächtliche Winde aus westlichen Richtungen blasen dann über die Bucht vor La Paz. Sie lassen die Bedingungen an vielen Ankerplätzen ungemütlich werden, weil die Buchten zumeist eben nach Westen offen sind.
Wir entscheiden uns deswegen für die Bahía Bonanza an der Ostseite der Isla Espíritu Santo. Zwar hält sich der Wind nicht ganz an die Vorhersage und bläst in der Nacht aus Süd-Südwest, aber die große Bucht bietet trotzdem einen einigermaßen akzeptablen Schutz. Nach einer ersten intensiven Schrupp-Aktion am Unterwasserschiff machen wir einen ausgiebigen Strandspaziergang. Bonanza bietet nämlich nicht nur Schutz vor Coromuel, sondern wartet auch mit dem formidablen “2-Mile-Beach” auf. Ein wunderbarer Sandstrand, der sich eben über fast 4 Kilometer an der weiten Bucht entlangzieht. Jeanette und Jeroen ankern mit ihrer Fidelis neben uns und holen uns mit dem Dinghy ab.
Es ist allerbestes Beachcombing: die Füße werden vom feinen Sandstrand verwöhnt, aber an der Hochwasserlinie haben sich in einem breiten Streifen Muscheln, See-Schnecken und Korallenreste abgelagert und laden zur Schatzsuche ein:
Aber auch im Sand finden wir Interessantes. Etwa dieses Kugelfisch-Skelett. Auch wenn es optisch an ein Glücksschweinchen erinnert, hatte der Fisch wahrscheinlich eher Pech und wurde von Brandung auf den Strand gespült.
Ebenfalls bedrückend, aber auch das ist Natur: die Überreste einer Lederschildkröte, der heute größten Schildkrötenart. Diese Tiere nutzen diesen abgelegenen Strand während der Saison zwischen Oktober und Februar auch zur Eiablage. Wir sehen ein eingezäuntes Gelege. Von November bis März können die Kleinen schlüpfen.
Zwischendurch beobachten wir die Braunpelikane in der Brandungszone, mal scheinbar mühelos gerade so eben über dem Wasser dahingleitend (wo ihre Flügel durch den Bodeneffekt eine deutlich höhere Tragkraft entfalten), mal wie ein Pfeil hinabtauchend, dann wieder friedlich ausruhend.
Sie beeindrucken durch ihre fliegerische Eleganz, aber auch durch ihre schiere Größe. Rund zwei Meter Flügelspannweite, aber auch die Fußspuren am Strand neben meinen machen ihre Dimension deutlich:
Also wir wieder bei Fidelis’ Dinghy ankommen, sind inzwischen auch die Nomad und die Joy in der Bahía Bonanza vor Anker gegangen, wir freuen uns über das Wiedersehen.
Trotzdem segeln wir am nächsten Tag gemeinsam mit der Fidelis weiter, diesmal an der Ostseite der Isla Espíritu Santo hinauf und um die Nordspitze der Isla Partida herum.
Es ist faszinierend, wie die von West nach Ost ansteigenden Inseln hier fast senkrecht zum Teil mehrere hundert Meter hoch ins Meer abfallen.
Nachdem für heute kein Coromuel-Wind, dafür aber zunehmender Nordwind angekündigt ist, gehen die Flora und die Fidelis an der Westseite von Partida vor Anker. Diese Idee hatten offenbar auch andere, einige Boote sind schon da und weitere kommen noch dazu. Aber die Ensenada de la Partida bietet viel Platz und auch hier treffen wir Bekannte: Lynn und Hugh von der Happy kommen gleich vorbei und laden uns zum Cruiser-Treffen am Strand ein: