Seeotter. Tragik und Erfolgsgeschichte.

Wir laufen das kleine Archipel der Bunsby Islands am Ausgang des Ououkinish Inlets an und ankern dort in der Scow Bay. Die Wolken haben sich komplett verzogen, jenseits der recht flachen Inselgruppe sind die weit höheren Berge von Vancouver Island sichtbar.

Bei dem Traumwetter erkunden wir mit unserem Dinghy ausführlich einige der zahlreichen geschützten aber zum Teil flachen Buchten und fahren auch ans Südende der Inselgruppe, wo ein Gewirr von Felsen vorgelagert ist.

Jetzt, bei eher niedrigem Wasserstand, kann man um die auftauchenden wie auch die überspült bleibenden Felsen herum jede Menge Kelp sehen. Zwischen dessen langen Stengeln und Blättern fahren wir Slalom.

Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn die Kelpwälder erholen sich immer noch, wachsen erst langsam wieder zu alter Größe heran. Dabei sind sie nicht nur eine praktische Segler-Warnung vor Unterwasserfelsen, sondern auch eine wichtige Kinderstube für viele Fischarten und sie tragen zum Küstenschutz bei.

Wir hatten gehofft, den Grund für ihre Rückkehr auf unserer Dinghytour zu sehen, aber nein, erst zurück am Ankerplatz zeigt sich uns der erste Seeotter. Der lässt sich dafür in aller Ruhe ganz in der Nähe auf dem Rücken treiben, taucht gelegentlich ab und kommt dann mit einer Muschel, einem Krebs oder einem Seeigel zurück an die Oberfläche, wo er sein Mahl – wieder auf dem Rücken treibend – verspeist. Auch Seeotter sind keine Selbstverständlichkeit hier, sie waren in Kanada jahrzehntelang ausgestorben. Ursprünglich zahlreich, wurden sie in der Folge von Vitus Berings Expedition nach Alaska ab 1741 wegen ihres dichten weichen Pelzes für die nächsten 150 Jahre gnadenlos bejagt und bis auf wenige Rückzugsgebiete fast vollständig ausgerottet. 1911 gab es weltweit geschätzt nur noch 1.000 bis 2.000 Exemplare – zum Vergleich: allein in Alaska sollen bis dahin über 800.000 dieser Tiere getötet worden sein. Dann aber unterzeichneten Russland, die USA und Großbritannien (als Kolonialmacht für Kanada) ein Schutzabkommen. In der Folge erholten sich die Bestände langsam.

In Kanada blieben die Otter jedoch praktisch ausgestorben, bis ab 1969 insgesamt 89 Seeotter in Alaska gefangen und hier auf den Bunsby Islands freigelassen wurden. Sie vermehrten sich prächtig und dezimierten dabei die völlig aus dem Ruder gelaufene Zahl der Seeigel, die wiederum zuvor die Kelpwälder fast kahl gefressen hatten. Die im Bunsby-Archipel freigesetzten Seeotter haben sich im weiteren Verlauf zur Keimzelle für die Erholung des Seeotterbestandes in ganz British Columbia entwickelt.

Und so können wir zum Glück wieder häufiger die putzigen und intelligenten Rückenschwimmer bewundern:

Vancouver Islands wilder Westen von seiner ruhigen Seite. Lachs, Loonies und “Pinguine des Nordens”.

Der Ort Winter Harbour mit seinen 17 ganzjährigen Bewohnern bietet uns Gelegenheit, mal wieder den Dieseltank zu füllen, in der kleinen Hafen-Laundry Waschmaschine und Trockner zu nutzen und uns beim Spaziergang auf dem schönen Boardwalk am Ufer entlang die Beine zu vertreten.

Außer für die paar “verirrten“ Segler ist Winter Harbour aber vor allem ein Anlaufpunkt für viele Angler. Der Ort ist – wenn auch nur über Schotterstraßen und anschließende “Dirt-Tracks” mit dem ausgebauten Straßennetz an der Ostküste von Vancouver Island verbunden, Leidensfähige können ihr Angelboote also nach Winter Harbour trailern. Oder aber die Straßenanbindung von Port Alice und den tief ins Landesinnere einschneidenden Quatsino Sound nutzen, um rund dreißig Seemeilen mit dem Motorboot hier her zu flitzen. Oder einfach in einer der Angel-Lodges ein Boot mieten. Wie dem auch sei: Angeln wird hier sehr groß geschrieben, speziell jetzt zur Lachs-Saison.

Das motiviert uns in dieser Gegend ebenfalls “auf Lachs zu gehen”, also gaaaanz langsam mit nur 2 bis 3 kn Fahrt zu trollen und dabei die Leine mit Blei oder “sinker”auf Tiefe zu bringen.

Mit Erfolg: ein schöner Coho geht uns an den Haken, unser erster in Kanada:

Gemeinsam mit der Crew der SolarCoaster speisen wir also auf Flora fangfrischen Lachs (mit Zitronenrisotto und frisch gepflücktem Queller/Sea Asparagus). Die beiden überraschen uns dazu mit einer eigens gefertigten “Angeltrophäe”, noch dazu einer, die perfekt zum Lachs getrunken werden kann.

Und wir erkunden einige weitere schöne Ankerbuchten, machen einen wunderschönen Hike von der Columbia Cove hinüber zum langen Sandstrand, schlängeln uns mit unseren Booten durch die schmale Zufahrt mit steil aufragenden Klippen in das Klaskish Basin:

Foto courtesy Chris, S/V SolarCoaster

Hier treffen wir auch zum ersten Mal auf den Vogel, dessen Namen wir schon so oft gehört haben: den Loon. Sein Abbild ziert nämlich die kanadische 1$-Münze, die deshalb gemeinhin als “Loonie” bezeichnet wird (und die wir z.B. für die Wäscherei brauchen). Jetzt, zur Balzzeit, schwimmt der auf deutsch als Eistaucher bezeichnete Vogel uns im Prachtkleid vor die Linse:

Das freut uns, sehr sogar. Aber sogar noch mehr begeistert uns ein anderer Vogel. Als wir nämlich bei ungewöhnlich ruhigen Bedingungen das berüchtigte Cape Cook an der Spitze der Brooks Peninsula umfahren, können wir an der vorgelagerten Seelöwen- und Vogelinsel Solander Island erstmals Puffins bewundern. Unsere Hoffnung auf Puffin-Sichtungen auf Haida Gwaii hatte sich leider nicht erfüllt, jetzt aber fliegen einige dieser “Papageitaucher” um uns herum.

Und neben anderen Seevögeln sehen wir hier wieder Nashornalke und auch Trottellummen:

Papageitaucher, Nashornalke und Trottellummen gehören zu den (nur auf der Nordhalbkugel vorkommenden) Alkenvögeln. Anders als die (mit Ausnahme von Galápagos) nur auf der Südhalbkugel vorkommenden Pinguine sind alle heute noch vorkommenden Alkenvogelarten flugfähig (der von den Menschen ausgerottete Riesenalk war es nicht). Mit ihren kurzen schmalen Flügeln wirken sie nicht wie elegante Flieger. Dafür aber können sie ihre Flügel unter Wasser beim Tauchen nach Fischen ungemein effektiv einsetzen. Auch ansonsten verbindet sie eine Menge mit den Pinguinen, obwohl sie eigentlich nicht sehr nahe miteinander verwandt sind. Das zumeist schwarz-weiße Erscheinungsbild, vor allem aber das an Land sehr aufrechte Stehen durch die weit hinten ansetzenden Beine und damit zusammenhängend der clownesk watschelnd oder fast torkelnd wirkende Gang. “Pinguine des Nordens”.

Die großen Stellersche Seelöwen sind auf diesen exponierten Felsen auch zahlreich vertreten, der prächtige Bulle in der Bildmitte ist wohl um die drei Meter lang und rund eine Tonne (sic!) schwer.

Beeindruckend.

Buddyboating und der springende Buckelwal

Die Begegnungen, der Austausch mit anderen, das ist etwas, was wir am Langfahrtsegeln ganz besonders schätzen. Mit ganz viel Glück, wenn die Chemie stimmt und die Reiseroute auch, tun sich zwei Boote für eine Zeit zusammen: Buddyboating.

Es gibt viele nette Aspekte beim Buddyboating. Die gemeinsamen Sundowner, die Gespräche, na klar. Gemeinsam planen.

Gemeinsam lachen, gemeinsam genießen.

Gemeinsame Wanderungen.

Und durch das parallele Segeln eben auch gegenseitige Fotos, damit also auch Bilder von uns auf der Flora …

… , von der Flora unterwegs …

… und zwar auch in Situationen, die wir sonst nie und nimmer hätten einfangen können. Etwa im Morgennebel mit Seeotter am Schiff …

… oder bei der Fahrt von Sea Otter Cove nach Winter Harbour mit einem Buckelwal, der sich ganz in Floras Nähe hoch aus dem Wasser wuchtet und klatschend auf seinen Rücken fallen lässt:

Alle Bilder: Foto Courtesy Melanie und Chris, S/V SolarCoaster.

Ein riesengroßes Dankeschön an Euch beide. Und das nicht nur für die wunderbaren Fotos. Ihr seid klasse!

Um Cape Scott zur Westküste von Vancouver Island

Die Westküste von Vancouver hat den Ruf, besonders schön und wild zu sein. Die von uns bereits besegelten anderen Küstenstreifen von BC haben ja bereits mit diesen Reizen nicht gerade gegeizt. Wenn es also stimmt, dass insbesondere der Norden von Vancouver Islands Westküste dem noch ein i-Tüpfelchen aufsetzen kann, dann müssen wir da wohl hin.

Allerdings gilt hier – mehr noch als ohnehin sonst in BC – der Vorbehalt: wenn das Wetter es zulässt! Den der Weg führt um die Nordwestspitze von Vancouver Island, das berüchtigte Cape Scott.

Zunächst einmal gilt es, überhaupt in dessen Nähe zu kommen. Ruhiges Wetter ist angesagt, das ist gut. Wir tasten uns heran, indem wir vom Maze Inlet aus über das breite Rivers Inlet und Kelp Head herum erst einmal nach Millbrook Cove im Smith Sound segeln. Und trotz der Vorhersage können wir tatsächlich segeln – wenn auch zwischenzeitlich sehr gemächlich. Aber in dem sich nur langsam auflösenden Nebel ist das nicht das Schlechteste.

Beim nächsten Schlag gilt es dann, die Queen Charlotte Strait zu queren und unseren Absprungort auf Hope Island zu erreichen. Dort – in Bull Harbour – können wir das Timing für die Passage der Nahwitti Bar anpassen. Wieder können wir einen größeren Teil der Strecke segeln, weil erneut etwas mehr Wind ist als vorhergesagt.

Steintroll in der Einfahrt zum Naturhafen Bull Harbour
Strand mit reichlich Treibholz und von der Brandung rund geschliffenen Steinen. Das klackernde Geräusch der rollenden zumeist mindestens Hühnerei-großen Kiesel in den zurück weichenden Wellen bleibt uns im Ohr, es ist bis zum Ankerplatz zu hören.
Strand und Wellen von oben

Seekarten und Törnführer sparen nicht mit Warnhinweisen für diese flache Barre, über die das Wasser mit bis zu 5 kn strömt. Da man den nach Westen setzenden Ebbstrom in Richtung Cape Scott benötigt, allerdings praktisch immer von Westen her die Pazifikdünung anrollt, sollte die Nahwitti Bar bei Slack Tide / Stillschweigen überquert werden.

Für uns und unser Buddyboat SolarCoaster heißt das: früh um 5:30 Anker auf. Dankenswerterweise ist diesmal wirklich kein Wind. So kommen wir gut über die Barre und können im spiegelglatten Wasser trotz morgendlichem Dunst neben vielen Wasservögeln (darunter Nashornalke) und Seeottern auch zahlreiche Buckelwale beobachten.

Nashornalke / Rhinoceros Auklets
BuckelwalFluke
Buckelwale um SolarCoaster herum

Spider und Kalmare

Spider Island Group. Auch wenn die Namensgebung vielleicht anders erfolgte, es braucht nicht viel Phantasie, um das Spinnennetz von Wasserwegen dieser Inselgruppe mit der Benennung in Verbindung zu bringen.

Allerdings: vieles, was wie eine Durchfahrt aussieht, ist viel zu flach und mit Unterwasserfelsen gespickt. Die Seekarte warnt: “entire area bottom irregular- many rocks”. Gut für das Rockfish-Angeln. Dennoch, manchmal scheinbar Spinnweb-dünn ziehen sich auch ausreichend tiefe, befahrbare Rinnen zwischen der Vielzahl von Inseln hindurch. Mal fast schnurgerade wie der Spitfire-Channel, meist aber gewunden wie der Braydon-Channel, den wir für die Durchfahrt nutzen. Und einige schöne Ankerplätze verbergen sich in dem Gewirr. Gemeinsam mit der Solar Coaster wählen wir den Hurricane Anchorage im Süden von Hurricane Island. Für die Drohnenaufnahmen musste jetzt unsere kleine Magic Mini II ran, die wir sonst hauptsächlich für Bilder unter Segeln und auf Wanderungen verwendet haben. Bin ziemlich froh über dieses Backup.

Das Kelp in der “Durchfahrt” im Vordergrund zeigt an: zu flach!
Flora unterm Sternenzelt. Foto courtesy: Chris, S/V SolarCoaster

Nach der klaren Nacht warten wir erst einmal ab, bis sich der Morgennebel etwas hebt. Dann gehts aus der Spider Island Group heraus und unsere beiden Boote segeln weiter Richtung Süden nach Calvert Island.

Foto: Melanie & Chris, S/V SolarCoaster

Der Ankerplatz vor dem Hakai-Institut ist mit 15 Booten recht gut gefüllt, letzten Herbst hatte die Flora hier noch alleine gelegen.

Auf den Wanderwegen, die durch den Wald und an den Seen vorbei zu den verschiedenen Stränden führen ist aber von Andrang nichts zu spüren. Den großen Nordstrand haben wir vier sogar ganz für uns allein.

Und auch hier gibt’s wieder tierische Überraschungen: erst zeigt sich ein Flussotter …

… ein Diademhäher …

… und dann, zurückgekehrt zum Dinghydock, wimmelt es im Wasser plötzlich nur so von Kalmaren. Die etwa 15 cm langen Kopffüßer wuseln direkt am Steg herum.

Foto: Chris, S/V SolarCoaster

Melanie ist geistesgegenwärtig genug, ihre GoPro ins Wasser zu halten. Das Ergebnis: magisch!

Video courtesy: Melanie, S/V SolarCoaster

Heute dann ein knackiger Kreuzkurs den Fitz Hugh Sound hinunter bis zum Secure Anchorage bei den Maze Islets (Labyrinth-Inselchen). Passend benannt.

Auch das ist BC

Bei zunächst noch weiter wechselhaftem Wetter erkunden wir mit dem Briggs Inlet einen weiteren Fjord. Fast 1.000 m hoch steigen die felsigen Wände vom Wasser auf, die Bergspitzen sind von Wolken umhüllt. Und es ist erstaunlich zu sehen, wie sich der Nadelwald in die steilen Hänge krallt.

Die Briggs Inlet Narrows nehmen wir bei Stillwasser, ein Stück dahinter liegt unser Tagesziel, Emily Bay.

Ausgesucht haben wir uns diesen Ankerplatz, weil hier laut Törnführer ein Hiking-Trail zum nahe gelegenen Süßwassersee Emily Lake lockt. Eine etwas abenteuerliche Brücke führt über das Flüsschen, dass vom See herunter in die Bucht rauscht. Wir können mehrere Wasserfälle hören, aber der Pfad verläuft in einiger Entfernung. Sehen können wir sie nur mit der Drohne, einen direkten Blick verhindert das dichte Unterholz. Das hat aber auch seine Vorteile, denn zum ersten Mal in diesem Jahr pflücken wir wilde Himbeeren, Salmonberries und auch Waldblaubeeren. Lecker!

Drohnenblick über den See hinunter zur Bucht

Dann aber wenden wir Floras Bug wirklich Richtung Süden. Zuerst einmal treffen wir uns mit Melanie und Chris in Shearwater zum Feiern: der erste Juli ist „Canada Day“, nationaler Geburtstag oder eben Nationalfeiertag. Entsprechend sollen wir uns möglichst in Weiß und Rot kleiden.

Spaßig, dass wir dazu im improvisierten „Biergarten“ deutsches Bier bekommen.

Für mich gibts noch eine sehr ausgiebige Schnorchelsession (im Neoprenanzug, trotz gut 18 Grad Wassertemperatur jedenfalls an der Oberfläche), bei der ich Floras Bewuchs zu Leibe rücke. Insbesondere das grasähnliche Zeug nahe der Wasserlinie scheint gegen Coppercoat immun zu sein. Außerdem hat sich im Spalt vor dem Ruder ein Miesmuschel-Riff gebildet, dass die Taucherin in Campbell River wohl auch nicht angegangen war.

Gemeinsam mit der SolarCoaster geht es dann weiter Richtung Süden. Unterwegs legen wir an einer viel versprechenden Stelle (20 Meter Plateau mit rundherum deutlich tieferen Wasser) einen Angelstop ein. Erst ein kleiner Rockfisch, den wir zurück setzen, dann ein deutlich kräftigerer Biss. Die Hoffnung auf einen Heilbutt keimt auf, aber – das hatten wir noch nie – es ist ein ziemlich großer Tintenfisch am Haken. Natürlich wäre der essbar und ein ziemlich guter Fang, aber einen Octopus könnte ich einfach nicht töten.

Wir manövrieren ihn zur Badeplattform und ich operiere ihm den Haken heraus. Zum Glück spritzt er mich nicht mit Tinte voll, sondern bleibt ganz ruhig und verschwindet dann wieder in der Tiefe. Und auch für uns gehts erst einmal weiter.

(Foto Credit: Chris & Melanie)

Unseren nächsten Zwischenstop legen wir dann gemeinsam mit der SolarCoaster bei der Mc Mullin Inselgruppe ein. Dicht gesprenkelt liegen hier am Südausgang der Raymond Passage kleine Felseninseln in einem Flachwassergebiet, wie ein Wellenbrecher noch vor den anderen Inseln. Der einzige einigermaßen vernünftige Ankerplatz hat eine felsige Grundbeschaffenheit, definitiv nichts für die Nacht, aber bei dem jetzt ruhigen Wetter für einen Tagesstop durchaus geeignet.

Mit dem Dinghy erkunden wir die flachen, kelpdurchsetzten Gewässer und legen dann mitten in der felsigen Inselgruppe an einem unerwarteten Sandstrand an. Auf einmal haben wir karibische Wasserfarben hier in BC oder ist das ein Vorgeschmack auf die Südsee?

Für die Nacht ankern wir dann bei den etwas größeren Goose Islands. Ein bisschen geschützter, obwohl der Schwell dann doch einen Weg um die Inseln herum findet. Und wieder etwas typischer für BC hinsichtlich der Wasserfarben und der Uferbeschaffenheit:

Diese Bilder von den kelpbesetzten Felsen bei Ebbe sind denn leider auch die letzten aus meiner Mavic Zoom Drohne, die nach einem kapitalen Schnitzer des Bedieners (also mir) bei absolut ruhigen Bedingungen am Ankerplatz ein nasses Grab gefunden hat. Schnief.

Bella Bella und umzu.

Auf der Fahrt nach Bella Bella machen wir noch in der Strom Cove Station. Der Ankerplatz liegt nahe am breiten Seaforth Channel. Zweimal sind wir hier schon vorbei gesegelt, diesmal bleiben wir über Nacht. Wir verziehen uns in die hintere Ecke. Dort liegen wir gut geschützt und mit Blick auf mehrere kleine Wiesen am Waldrand. Solche Ankerplätze haben den Vorteil, dass wir dort oft Wildleben beobachten können. Hier sind es diesmal zwar keine Bären oder Hirsche, dafür zeigen sich zwei Kanada-Kraniche und starten dann mit durchdringenden und so charakteristischen Schreien genau in unsere Richtung.

Und auch auf der Weiterfahrt am nächsten Morgen dauert es nicht lange bis zum ersten Stop. Gleich vor der Bucht liegt im sonst meist über hundert Meter tiefen Seaforth Channel eine Flachstelle. Wir lassen Flora treiben und angeln auf etwa 25 m. Unfassbar, zwei mal werfen wir die Angel aus, beide Male ist ein Kelp-Greenling dran, sobald wir die Leine vom Grund wieder ein bisschen aufgeholt haben.

Dann kann’s ja jetzt in den Hafen gehen. Am Leuchtturm Dryad Point motoren wir vorbei, ein weiteres Beispiel für die selbst an ganz abgelegenen Orten mit Leuchtturmwärtern besetzten, wunderbar in Schuss gehaltenen Leuchttürme hier in BC.

Im kleinen Resort-Hafen Shearwater tanken wir Diesel, waschen in der Hafen-Münzwäscherei unsere Wäsche, kaufen im überschaubaren Supermarkt schon etwas ein. Aber dann nehmen wir doch das Wassertaxi hinüber nach Bella Bella. Nördlich von Port Hardy gibt es in der Küstenregion auf den nächsten etwa 400 Kilometern (Luftlinie) bis Prince Rupert nur ganz wenige kleine Ortschaften. Sieht man von Bella Coola ab, das etwa 100 km den Fjord hinauf auf dem Festland von BC liegt und als einziger der kleinen Orte Straßenanbindung hat, bleiben nennenswert eigentlich nur Hartley Bay (knapp 200 Einwohner), Klemtu (etwa 500 Einwohner) und eben Bella Bella mit etwa 1.000 Einwohnern.

Der Empfang dort ist allerdings wenig herzlich.

Das Schild ist zwar nicht mehr gültig, aber offenbar hat es niemand für nötig befunden, es von der Anlegebrücke des Taxibootes zu entfernen. Und der Ort selbst wirkt dann auch trotz einiger Totems, eines bemalten Langhauses (mit Schild “closed”) und einiger weniger kleiner Läden nicht wirklich wie das “buzzing center”, als das es der Törnführer beschreibt. Immerhin, der Supermarkt in diesem “Hauptort” ist ordentlich sortiert, wir freuen uns, unsere Frische-Vorräte aufstocken zu können.

Sogar Rhabarber bekommen wir, daraus zaubert mir Wiebke Rhabarber-Baiser-Kuchen. 😋

Zurück nach Shearwater brauchen wir nicht mit dem Taxi-Boot zu fahren, Irene und Cress nehmen uns auf ihrer ChitChat mit. Die beiden sind Bekannte von unseren Segelfreunden Melanie und Chris (die ja noch etwas länger auf Haida Gwaii geblieben sind). Eileen und Cris holen uns später auch noch zum Sundowner auf der “Go Halainn” von Sharon und Blair ab, es wird ein netter Abend. Der Gegenbesuch am nächsten Morgen auf der Flora führt dann dazu, dass ich doch tatsächlich ein vielstimmiges “Happy Birthday” gesungen bekomme.

Unser nächster Ankerplatz ist Discovery Cove, nur einen Katzensprung weiter nördlich. Und trotzdem: er vermittelt das Gefühl völliger Abgeschiedenheit. Hinter der schmalen Einfahrt öffnet sich die Bucht wie zu einem Binnensee mit einer Vielzahl idyllischer, gut geschützter Ankerplätze. Wir sind trotzdem allein dort. Obwohl so nah bei Bella Bella, es ist doch ein bisschen abseits der ausgetretenen Wege. Nördlich nehmen die meisten Boote entweder die (innere) Passage durch den Finlayson Channel oder den (etwas offeneren) Weg durch den Laredo Sound. Nur wenige erkunden die Sackgassen der diversen Fjorde östlich dieser beiden Routen. Und das Wetter mit Nieselregen trägt sicher zusätzlich dazu bei, dass derzeit der ein oder andere Umweg vermieden wird.

Uns gefällt es hier. Und auch der folgende, gleich hinter den Troop Narrows gelegene Ankerplatz ist trotz des eher grauen Wetters wieder richtig schön, …

… besonders wenn bei dramatisch wolkenverhangenem dunklem Himmel der weit und breit einzige Sonnenstrahl genau den Weg zur Flora findet:

😊

Blau in Grau.

Nebel. Als wir um 5 Uhr morgens den Anker hochnehmen, bescheint das morgenwarme Licht der Sonne die Spitzen der Berge um die Ikeda Cove. Aber kaum streckt Flora ihre Bugnase aus der Bucht, wird die Sicht auf die Sonne von Nebel fast verschluckt, durch diffuses Licht hindurch ist sie kaum mehr als zu erahnen. Na gut, „patches of fog“ hatte der kanadische Wetterbericht angesagt. Also Radar an und durch. Immerhin ist genügend Wind für den Gennaker und so setzen wir die blaue Blase.

Der Gennaker soll uns helfen, die gut 100 sm über die Hecate Strait einigermaßen flott zu bewältigen, obwohl der Wind zumindest für die erste Hälfte eher schwach vorhergesagt ist.

Zunächst scheint sich die Sonne doch langsam durch das schwammige Grau zu brennen …

… aber: zu früh gefreut. Die Nebelsuppe wird wieder dichter und bleibt uns leider auch den ganzen Tag erhalten. Klamme feuchtkalte Luft auf der ganzen Passage.

Wenigstens stimmt die Windvorhersage. Abgesehen von einer guten Stunde Motorfahrt am Nachmittag reicht es durchgehend zum Segeln, gegen Abend frischt die Brise dann sogar etwas auf. Trotzdem, unseren Ankerplatz erreichen wir erst nach Mitternacht. Dass wir uns im Dunkel hinein tasten spielt eigentlich keine Rolle, der Nebel ist nämlich auch jetzt noch ziemlich dick. Sicht null, das Radar ist gefragt. Aber die Einfahrt in den schmalen Day Island Ankerplatz ist schnurgerade und damit kein großes Problem.

Heute empfängt uns auch nach langem Ausschlafen erst mal gleich wieder dunstiges Grau:

Aber anders als gestern setzt sich die Sonne dann durch. Als wir aus der Ankerbucht fahren, liegen (außer der direkt hinter uns) nur weit voraus auf unserem Weg noch eine Nebelbank, die sich als wir auf sie zu segeln immer weiter zurück zieht und schließlich ganz auflöst.

Blau in Blau.

😊

Ikeda Cove

Es ist einfach zu schön hier, wir bleiben noch ein paar Tage in der Ikeda Cove. Wir genießen die Gesellschaft von von Melanie und Chris. Mit ihnen erkunden wir die Bucht, wandern durch die mit Mischwald bestandenen weniger steilen Bereiche um das große Mudflat im Westen des Naturhafens herum. Gemeinsam suchen wir nach den spärlichen Überresten der alten Bergwerkssiedlung. Die Gebäude existieren nicht mehr, aber einige verrostete Metallteile und Ziegelreste können wir aufspüren, zumeist dort, wo lichtere Stellen im Wald den Standort ehemaliger Häuser verraten. Das Rad einer alten Lore findet sich direkt am Ufer, aber die ehemaligen Schienen suchen wir zunächst vergeblich.

Vor allem aber macht die Wanderung selbst Spaß. Es ist gar nicht so häufig, dass man in BC einfach durch das Gehölz streunern kann, oft ist das Unterholz zu dicht oder das Gelände zu steil. Hier aber passt es. Der Wald ist einfach zauberhaft. Und er beherbergt phantastische (und die Phantasie anregende) Geschöpfe. Oder was schaut da aus dem Baumstumpf heraus?

Das Mudflat geht in eine von dem Ikeda Creek durchzogene Salzwiese über, wir suchen und finden eine Furt.

Als wir uns wieder in Richtung unserer Schlauchboote wenden, kommt zu den Phantasiewesen auch noch die Begegnung mit ganz realen Waldbewohnern hinzu: eine Bärenmutter mit ihrem noch ganz jungen Nachwuchs schaut gerade nach, ob sich darin Fressbares finden lässt. Tut es natürlich nicht, da sind wir vorsichtig genug. Aber der Fischgeruch vom Krabbenköder könnte sich schon finden, schließlich bringen wir den Krabbenkorb regelmäßig mit dem Dinghy aus. Normalerweise hält unser Anchor-Buddy ja das Dinghy im tieferen Wasser, aber hier ist es doch mit dem Bug ans Ufer gelangt. Das viel leichtere Dinghy der Solar Coaster haben Melanie und Chris ohnehin gleich hoch auf die Steine gehoben. Wie auch immer, die Bärenmutter entscheidet sich zum Glück gegen das Durchwühlen der Schlauchboote und verlängert damit maßgeblich deren Leben. Aufgeblasene Gummiwülste gegen Krallen von Schwarzbären ist ein ziemlich ungleicher Kampf.

Irgendwie auch ganz schön, dass uns dadurch das Zurückschwimmen zum Boot erspart bleibt. 😬

Nach zwei Tagen segelt die Solar Coaster weiter, Melanie und Chris möchten noch die Inseln ganz im Süden von Gwai Haanas erkunden. Wir dagegen warten auf ein Wetterfenster für die Passage zurück über die Hecate Strait. Verkehrte Welt: in der für ihren häufigen Starkwind bekannten Meerenge ist derzeit ziemlich viel Flaute angesagt.

Aber in der Ikeda Cove gibt es für uns noch einiges zu sehen. Wir bekommen Besuch von Seelöwen, die um Flora herum zu spielen scheinen,

machen weitere Ausflüge in den Wald, wobei wir diesmal auch die Schienenreste der Bergwerksbahn und den Standort der alten Werft entdecken. Nach längerer Suche finden wir auch die im Cruising Guide erwähnten Gräber von drei japanischen Bergarbeitern:

Besonders beeindruckend sind aber immer wieder die Baumriesen …

… selbst oder vielleicht gerade besonders dann, wenn es nur das Wurzelwerk eines Giganten ist, der im Sturm auf die Seite gelegt wurde und – jedes kleinste Fitzelchen der dünnen Humusschicht festklammernd – nur blanken Stein an seinem alten Standort zurücklässt:

Nebenbei sammeln wir auch noch etwas fürs Abendessen auf, denn auf den Salzwiesen am Waldrand finden sich große Flächen von Queller (wird hier „Sea Asparagus“, also „See-Spargel“ genannt).

Unser Zuschauer nimmt die Grünfutter-Nahrungskonkurrenz ziemlich gelassen und scheint sich ohnehin lieber an das Gras zu halten:

P.S.: The making of …

😁

Cruising Haida Gwaii

Die Haida Nation gilt als kämpferisch. 1985 stellten sie das einmal mehr unter Beweis, wenn auch diesmal auf friedliche Weise. Mit Sitzblockaden erkämpften sie einen Stop des intensiven Holzeinschlags auf Lyell Island und weiteren Teilen von Haida Gwaii durch die großen Logging-Gesellschaften. Die hatten zwar von der kanadischen Regierung ausgestellte Einschlag-Lizenzen, aber die Haida betrachten das gesamte Gebiet als ihr eigenes Territorium. Die Blockierer wurden verhaftet, aber die Aktionen brachten Aufmerksamkeit: der Fokus der Öffentlichkeit richtete sich auf drohende Vernichtung wesentlicher Kulturgüter der Haida sowie des uralten Baumbestandes durch eine nicht wirklich als nachhaltig zu bezeichnende Holzwirtschaft. Letztlich war der friedliche Protest erfolgreich. Fast das gesamte südliche Haida Gwaii wurde 1988 zum „Gwaii Haanas National Park Reserve and Haida Heritage Site“ erklärt. 1.470 Quadratkilometer groß und mit einigen Besonderheiten. So verweist das „Reserve“ auf die Nutzungsrechte der lokalen indigenen Völker, außerdem erfolgt die Verwaltung wegen der noch immer umstrittenen Besitzrechte gemeinsam durch die kanadische Regierung und den „Council of the Haida Nation“. Straßen gibt’s in Gwaii-Haanas übrigens keine. 😊

Mit dem Protest einher oder von diesem jedenfalls verstärkt ging auch eine Wiederbelebung der auch nach außen getragenen indigenen Kultur. Beispielhaft dafür steht das traditionelle Langhaus, das 1985 im Protestcamp errichtet wurde. An seiner Seite wurde zur Würdigung der Proteste und der erfolgreichen Zusammenarbeit 2013 der seit Jahrzehnten erste monumentale, neu geschnitzte „Legacy Pole“ aufgestellt.

Wir melden uns über Funk bei den Haida-Watchman an und besuchen von Murchison Island aus kommend diesen historischen Ort an der Windy Bay / Hlk‘yah GawGa.

Eine andere Besuchergruppe ist gerade dort. Da nur maximal 12 Besucher vor Ort sein sollen werden wir gebeten, zunächst auf der anderen Seite der Bucht die Jahrhunderte alte Spruce (Fichte) zu besichtigen. Das passt gut, denn dort können wir uns einer geführten kleineren Gruppe anschließen, sehr informativ für uns, zumal Guide James spannend und unterhaltsam auch über die Geschichte des Protests berichtet.

Danach lösen wir uns von der Gruppe und machen einen wunderbaren Spaziergang um die Bucht herum durch den Urwald hin zum von den Protestlern errichteten Langhaus, genannt “Looking Around and Blinking”.

Legacy Pole voller Symbolik, z.B. die untergehakt sitzenden Protestler (in Gummistiefeln) mit einem barfüßigen Ahnen in ihrer Mitte.

Den nur bei gutem Wetter geeigneten Tagesankerplatz der Windy Bay (sic!) verlassen wir dann wieder und segeln – unseren alten Kurs kreuzend – herrlich unter Gennaker bis in die Sac Bay. Hier treffen wir Melanie und Chris mit ihrer “Solar Coaster” wieder. Die beiden Kanadier hatten wir schon im Crescent Inlet und in Murchinson Cove jeweils kurz gesprochen, hier verbringen wir erstmals mehr Zeit miteinander, verstehen uns richtig gut und werden auch die nächsten Tage jeweils die gleichen Ankerplätze wählen (und uns unterwegs gegenseitig fotografieren).

Flora, Foto Courtesy: Melanie & Chris

In der Sac Bay können wir neben den Sitka-Hirschen erstmals auch Kanada-Kraniche am Ufer beobachten (und ihren charakteristischen Schrei hören).

Am nächsten Tag gehts weiter zum Matheson Inlet.

Solar Coaster, eine Bavaria 32
Flora in der Abendsonne im Matheson Inlet

Der Weg um Burnaby Island herum zu unserem nächsten Ankerplatz Bag Harbour hält eine Überraschung bereit: überwiegend segeln wir zwar bei bestem Wetter, aber von See her schiebt sich eine Nebelbank heran.

So dicht, der Blick auf die Solar Coaster wird glatt verschluckt:

Oder eben, aus der Perspektive von Melanie und Chris, die Flora:

Aber zum Glück können wir den Nebel nach Rundung des Kaps hinter uns lassen, das Radar wieder aus machen und zudem von der Fock auf den Code0 wechseln.

Bag Harbour liegt am Südausgang der Dolomite Narrows, die Burnaby Island mit ihrem schmalen Durchfluss zur Insel machen. Oder jedenfalls zur Teilzeit-Insel, den die Narrows fallen bei starker Ebbe trocken. Wir bleiben einen Tag und erkunden die Narrows mit dem Dinghy. Danach sind wir sehr froh, die Durchfahrt nicht mit Flora versucht zu haben. Zwar würde die Wassertiefe bei Hochwasser wohl gerade so eben ausreichen, aber eben nur in der Fahrrinne. Die aber windet sich zwischen scharfkantigen Felsen hindurch und wird nur durch wenige Peilmarken an Land gekennzeichnet.

Bei mittlerem Wasserstand lassen wir uns mit Florecita von der auflaufenden Tide hindurch treiben, wobei wir zwischzeitig den Außenbordmotor schon hoch klappen und mit den Paddeln die Richtung halten müssen. Zurück geht es gegen die Strömung bei etwas mehr Wasser dann schon unter Motor.

Besonders schön ist, dass wir bei der Anfahrt einen kurzen Blick auf zwei große Rundkopfdelfine erhaschen (leider kein Foto) und zudem direkt an der Durchfahrt einen Adlerhorst entdecken.

Eine lange Leichtwindkreuz gegen die auflaufende Tide führt uns heute bei herrlichem Wetter in die Ikeda Cove, unserer vielleicht letzten Station hier auf Haida Gwaii. Wir werden wohl irgendwann in den nächsten Tagen – passenden Wind vorausgesetzt – den Sprung zurück über die Hecate Strait machen.

Wegen der ganzen Ortsbezeichnungen hier nochmal unsere Buchten-Bummel-Route durch Gwaii-Haanas bei Noforeignland: