Wochenende. Pause von der Bootsarbeit. Zeit für ein paar weitere neuseeländische Besonderheiten. Wir machen einen Ausflug zu den „Waipu Glowworm Caves“.
Wer (wie wir beide) das Glück hatte, im heimischen Mitteleuropa schon einmal Glühwürmchen gesehen zu haben, kommt aber möglicherweise mit falschen Erwartungen. Die in Mitteleuropa heimischen Glühwürmchen sind nämlich durchgängig Leuchtkäfer, die zumeist im Juni oder Juli nachts blinkende Leuchtsignale aussenden. Leuchtreklame zur Partnerwahl unter Käfern.
Die Glowworms in Neuseeland unterscheiden sich davon deutlich. Guide Ian erklärt uns auf dem kurzen Fußweg vom Parkplatz zur „Milky-Way-Höhle“, das wir es hier zwar wiederum nicht mit Würmern, statt dessen aber mit ganz anderen Insekten zu tun haben. Die „Titiwai“ (so der Maorí-Name der Glowworms) sind nämlich neuseeländische Langhornmücken. Allerdings in ihrem Larvenstadium, in dem sie Würmern immerhin doch etwas ähnlich sehen. Das Leuchten dient bei ihnen nicht der Brautschau, sondern zum Anlocken von Beute, insbesondere kleinen Fluginsekten. Aber wie kann eine träge Larve Fluginsekten fangen? Mit spinnwebähnlichen Klebefäden! Was die Natur sich so alles einfallen lässt. Damit diese Fäden wirklich herabhängen bevorzugen die Glowworms windgeschützte Plätze über Bachläufen, die zugleich gerne feucht und natürlich dunkel sein dürfen. Man findet sie in dichten Wäldern, vor allem eben aber in Höhlen – den Glowworm Caves.
Also ab in die Tropfsteinhöhle. Zunächst noch mit Licht, um auch Stalagmiten und Stalaktiten bewundern zu können und sich etwas einzustimmen und zu orientieren.
Ian zeigt mit einem grünen Laser die Klebefäden.
Nun werden die Lampen gedimmt, erstes Glowworm-Leuchten wird erkennbar.
Dann – in der Milky-Way-Halle – bleiben wir länger mit ausgeschalteten Lichtern stehen. Und wirklich, wie die Milchstraße am Nachthimmel leuchten an der Höhlendecke ganze Cluster blauer Lichtpunkte der vielen Glowworms, bilden über dem durch die Tropfsteinhöhle fließenden Bächlein einen eigenen „Sternenhimmel“.
Ein beeindruckendes Erlebnis.
Auf der Rückfahrt zur Flora fällt uns einmal mehr ins Auge, wie stark viele der grünen Hügel Neuseelands terrassiert sind.
Anders als etwa bei den Reisterrassen Südostasiens sind diese Terrassen aber nicht von Menschenhand angelegt. Mittelbar ist er dennoch verantwortlich, denn die Architekten dieser schmalen und oft unfassbar regelmäßigen Stufen an den Hängen sind die vom Menschen eingeführten Nutztiere, allen voran Kühe und Schafe, aber auch Ziegen.
Die Tiere bewegen sich in steilem Gelände bevorzugt parallel zum Hang, auf Dauer entstehen dadurch diese auffälligen schmalen Ebenen. „Viehgangeln“ gibt es auch andernorts, die intensive Beweidung und die geologischen Besonderheiten sowie die Beschaffenheit der Böden in Neuseeland scheinen die hier „Terracettes“ genannten Strukturen besonders zu begünstigen.
Nach der Bootsarbeit am Samstag beziehen wir unser neues AirBnB, dieses Mal eben nordöstlich von Whangārei etwas abseits auf dem Land gelegen. Der Vermieter bezeichnet es als „Shed“, was wörtlich übersetzt Schuppen oder Stall bedeuten würde. Vielleicht wurde das Gebäude wirklich mal so genutzt, wahrscheinlicher aber scheint die Bezeichnung einfach nur auf der Lage in der Wiese am Hügel hinzudeuten. Es ist zwar einfach gebaut, aber geräumig und gut eingerichtet. Größere Gruppen würden das einzige Schlafzimmer des Gebäudes durch drei zubuchbare 3-Bett-Hütten ergänzen, aber jetzt in der Nebensaison können wir eben auch das Haus allein mieten.
Und so schwelgen wir im Luxus mit Waschmaschine, Trockner, Spülmaschine, Riesenkühlschrank mit Eiswürfelspender …
Das Beste aber ist der Ausblick über das Tal und die dahinter wieder ansteigende Hügellandschaft. Am Morgen hängt kurz noch Nebel über dem Bach, später können wir beobachten, wie ein Schäfer seine Herde zusammentreibt und auf die nächste Weide leitet.
Vögel spazieren über die Wiesen am Haus. Bekannte, wie die von den Europäern eingeführten Lerchen, aber auch farbenfrohe typische neuseeländische Arten wie Maskenkiebitze (von den Maorí Pukekohe genannt) mit ihren gelben Gesichtslappen oder die Pūkekos (Purpurhühner) mit dem kräftigen roten Schnabel und dem eben auch purpurroten Stirnschild sowie dem blauschwarzen Bauchfederkleid.
Den Sonntag nutzen wir diesmal für einen Ausflug nach Pataua an der Ngunguru Bay. Kein Touristenort, eher ein charmant verschlafenes Nest, das inzwischen mehr und mehr mit Ferienhäusern für die Sommerfrische garniert ist.
Das Stranddörfchen Pataua ist zweigeteilt. Der gleichnamige Fluss schneidet tief ins Land ein, für Autos gibt’s weder eine Brücke noch eine Fähre, also Sackgasse von beiden Seiten. Wir entscheiden uns für die Anfahrt nach Pataua Süd und parken dort. Eine schmale Fußgängerbrücke führt hinüber nach Norden. Sie bildet nicht nur einen Verbindungsweg zum Nachbarn, sie ist auch Treffpunkt, Spielplatz, Badestelle, Sprungturm, Kulisse für das Picknick. Kurz: das eigentliche Zentrum des Dorfes. Eben nördlich und südlich der Brücke finden sich öffentliche Bootsrampen, über die Angelboote ein- und ausgewassert werden. Jetzt am Sonntag ist ordentlich Betrieb.
Über die Fußgängerbrücke spazieren wir nach Pataua Nord und weiter zum wunderschönen Strand.
Hier erschließt sich mir erstmals der ganze Charme eines Elektrofoils: mühelos hinausfahren (Motor ist unter Wasser) und dann in den Wellen hoch aufs Foil zum Surfen (Motor ist über Wasser).
😁
Auf der Rückfahrt machen Wiebke und ich noch einen Abstecher zu den Taheke Waterfalls, nahe bei unserem AirBnB.
Ein schöner Wanderweg führt durch Kauri-Wald und unter den typisch neuseeländischen Baumfarnen hindurch zum Wasserfall. Direkt zu unseren Füßen rauscht der Fluß weit in die Tiefe.
Beeindruckend ist auch, wie hervorragend der Wanderweg angelegt (eher: ausgebaut) ist. Es sind nicht viele Wanderer unterwegs, wir begegnen nur einem anderen Pärchen. Trotzdem winden sich ewig lange Treppen den Berg hinauf und machen den Hike durch den Wald eher zu einem ausgedehnten Spaziergang.
Und unter der Woche?
Ein Tiefdruckwirbel mit Böen in Orkanstärke (65 kn) in seinem Zentrum zieht nördlich von Neuseeland durch. Das bringt auch hier starken Wind (bis 40 kn) und intensive Regenfälle.
Der Spätsommer (März hier entspricht September in Europa) macht Pause und zeigt, dass der Herbst nicht mehr weit ist.
Für nächste Woche ist aber wieder sommerliches Wetter angekündigt.
Wunderschöne, scheinbar unendliche Strände? Keine Frage, die hat Neuseeland zu bieten.
Vor allem hoch im Norden der Nordinsel mit dem legendären „Ninety Mile Beach“.
Aber um da hin zu kommen, braucht es etwas Geduld. Etwa vier Stunden würde die rund 280 Kilometer lange Fahrt von Whangārei bis zum Cape Reinga an der Nordwestspitze Neuseelands mindestens dauern. Etwas mehr, wenn man wie wir statt der recht gut ausgebauten Landstraße „Highway #1“ zunächst den kleineren „Highway #15“ nimmt. Letzterer führt – typisch für die kleineren Straßen in Neuseeland – mit zumeist nur einspurigen Brücken über die Flußläufe und ist eher landschaftsangepasst angelegt, dadurch äußerst kurvenreich.
Da wir am Freitagnachmittag erst nach der Bootsarbeit losfahren, haben wir uns als Unterkunft für das Wochenende ein AirBnB auf einer Farm bei Ngataki an der Henderson Bay gewählt.
Kurz bevor wir dort ankommen, lockt uns ein Schild am Straßenrand noch auf einen weiteren kleinen Umweg.
„Gumdiggers Park“ ist ein kleines Museum, welches das Leben und Arbeit der „Gumdigger“ zeigt, im wesentlichen im Freiluftbereich auf einem authentischen, im ursprünglichen Zustand belassenen „Gumfield“. Hinter dieser ominösen Bezeichnung verbirgt sich einer der zwischen 1850 und 1950 wesentlichsten Wirtschaftszweige Neuseelands. Heute fast vollständig vergessen, wurden in dieser Zeit etwa 450.000 Tonnen (sic!) „Kauri-Gum“ exportiert. Der Exportwert betrug insgesamt rund 25 Millionen Britische Pfund, in der Spitzenzeit um 1900 herum überstieg er den der landwirtschaftlichen Produkte.
Und was ist Kauri-Gum? Bernstein aus dem Harz fossiler Kauri-Bäume. Kauri, die größte neuseeländische Baumart, sind immergrüne Laubbäume aus der Familie der Koniferen. Sie können über 50 m hoch werden und überragen regelmäßig das Kronendach des Waldes. Wegen des hochwertigen Holzes wurden sie von der holzverarbeitenden Industrie früher intensiv gefällt, heute stehen sie unter Naturschutz. Bei Verletzungen bilden Kauri ein besonderes Harz aus. Schon vor der Ankunft der Europäer nutzten die Maorí den Bernstein aus diesem Harz als Schmuck und zum Feuermachen. Zum Teil konnte er oberflächlich gefunden werden. Die größeren Reservoire aber fanden sich dort, wo komplette Kauri-Wälder durch Naturkatastrophen wie etwa Tsunamis oder Vulkanausbrüche vernichtet und in sumpfige Flächen gestürzt waren. Das Holz wurde dabei in Teilen konserviert, das Harz aber versteinerte im Laufe der Jahrtausende zu Berstein. Die Gumdigger suchten in mühsamer Handarbeit mit speziellen eisernen Suchstangen nach dem Kauri-Gum und gruben dann mit Spaten Löcher in den sumpfigen Grund, um es zu bergen. Besonders schöne Stücke wurden für Schmuck verkauft, der weitaus größte Teil aber wurde nach dem Export in Englnd und den USA kleingemahlen und für die Produktion von Lack und Firnis verwendet.
Radiokarbon-Analysen haben ergeben, dass die Kauri-Bäume im Gumfield des Museumsgeländes etwa 45.000 bis 150.000 Jahre alt sind, der Ort wurde offenbar von mehreren katastrophalen Ereignissen getroffen.
Wiebke an einem 120.000 Jahre alten Kauri-Stamm
Der Wanderweg über das Gelände ist auch mit vielen Hinweisen zur Tier- und Pflanzenwelt versehen. So erfahren wir zum Beispiel, dass diese gewundenen schmalen Stämme zu Hanuka-Pflanzen gehören, aus deren Blüten die Bienen den Nektar für den berühmten Hanuka-Honig sammeln.
Und natürlich hören wir beim Spaziergang die allgegenwärtigen Chor-Zikaden. Diese typisch neuseeländische Zikadenart bekomme ich dann tatsächlich auch vor die Kamera-Linse:
Nach dieser unerwarteten Geschichts- und Naturkundestunde geht’s dann aber tatsächlich zu unserem AirBnB.
Die ehemalige Scheune der Farm ist zu einem großen Einraum-AirBnB umgestaltet worden. Gut ausgestattet, vor allem aber gefällt uns das Drumherum. Im Kühlschrank findet sich ein Liter Milch, im Eisfach Toastbrot. Auf der Arbeitsfläche:
Der Hausherr ist bei unserer Ankunft zu einem Angelwettbewerb unterwegs, bei seiner Rückkehr schenkt er uns ein vier Finger dickes Stück Gelbflossen-Thunfisch. Wird natürlich gleich verarbeitet:
Außerdem besonders an dieser Unterkunft: morgens weiden Pferde auf der Wiese vor unserem Fenster und wilde Truthähne (bzw. Truthühner) laufen auch vorbei.
Oh, und ein etwa 40 cm großer Flötenvogel unterhält uns musikalisch und lässt sich dabei auch noch ablichten.
Die Henderson Bay schauen wir uns natürlich auch an:
Am Samstag fahren wir dann hoch zum Cape Reinga. Anfangs passieren wir noch häufig Avocado-Plantagen, die sich zum Schutz hinter dicht gepflanzten hohen Koniferenhecken verstecken.
Die weitere Fahrt führt dann aber durch eine fast menschenleere Gegend mit vielen Weideflächen, jetzt auch mit mehr Schafen, zumeist aber doch Kühen. Nach Westen hin blitzen vereinzelt Sandünen durch, die schon am Rande des Ninety Mile Beaches stehen.
Erst einmal aber fahren wir ganz hinauf zum Cape Reinga mit seinem markanten kleinen Leuchtturm.
Hier an der Nordwestspitze Neuseelands treffen die unterschiedlichen Strömungen der Tasmansee und des Pazifiks aufeinander und sorgen selbst bei ruhigem Wetter für eine aufgewühlte See.
Wunderschön ist der Hike oben am Rande des Cliffs entlang. Wir kehren irgendwann trotzdem um Richtung Parkplatz, aber tief unter uns können wir am Strand Wanderer beobachten, die sich schwer bepackt mit ihren Rücksäcken zur tage-, wochen- oder monatelangen Wanderung auf dem Te Araroa Trail aufmachen, dem längsten Fernwanderweg Neuseelands (insgesamt 3.030 km in etwa 300 Sektionen).
Unsere nächste Station führt uns an die Ostküste der Halbinsel, der Kokota Sandspit hat unser Interesse geweckt. Auf der Fahrt hoch zum Cape Reinga blitzte es auf der Ostseite an der Küste manchmal weiß auf. Brandung? Nein, zu regelmäßig. Es sieht eher wie Dünen aus. Aber so blendend weiß?
Google Earth hilft uns weiter. Es ist der Kokota Sandspit. Selbst auf den Satellitenbildern sieht er viel heller aus, als die bekannten riesigen Sanddünen an der Westküste südlich von Cape Reinga.
Das müssen wir uns doch mal näher ansehen. Direkt auf den Kokoa kommt (und darf) man zwar nicht, aber einer der für Nebenstraßen hier typischen Schotterwege führt über 6 km staubige Waschbrettpiste zu einem in der Bucht genau gegenüber liegenden Campingplatz. Ein Katamaran hat sich in die Bucht hineingewagt und scheint dort zu ankern.
Die Szenerie mutet ein wenig unwirklich an, aber die Farbe des Kokota Sandspit ist aus der Nähe eher noch beeindruckender. So, als wäre die gesamte Düne mit Meersalz überzogen. Aber das ist nicht der wahre Grund. Des Rätsels Lösung nach Internet-Recherche: der Kokota Sandspit besteht aus ungewöhnlich reinem Siliziumquarzsand mit einem Reinheitsgrad von bis zu 97,7 % SiO₂. Früher wurde der Siliziumsand hier auch abgebaut, insbesondere zur Glasproduktion. Zum Beispiel für die Glasfassade des Skytowers in Auckland. Inzwischen aber ist der Sandspit Teil des weit größeren und ökologisch vielfältigen Naturschutzgebietes „Te Paki Reserve“.
Ganz andere Dünen in diesem Schutzgebiet besuchen wir danach. Die „Te Paki Giant Sand Dunes“ bestehen ebenfalls aus feinem Sand, nur eben aus goldbraunem (mit deutlich weniger Siliziumanteil). Sie sind eine ziemlich bekannte Touristenattraktion, denn auf ihnen kann gesurft werden. Sand-Boarding! Bretter dafür werden direkt vor Ort vermietet. Vorwiegend wird das Angebot von jungen Leuten angenommen. Mit dem gemieteten Brett stapfen sie die Dünen hinauf, um sie dann bäuchlings auf dem Brett liegend wieder herunter zu sausen.
Und auch die nächste Attraktion hat mit Sand zu tun, denn eben südlich beginnt der berühmte „Ninety Mile Beach“. Der Name ist zwar irreführend, denn der ununterbrochene Strand ist tatsächlich „nur“ knapp 90 Kilometer (und damit etwa 55 Meilen) lang. Dafür weist er aber neben seiner wirklich imposanten Länge eine weitere Besonderheit auf. Er ist nicht nur Teil des Te Araroa Trails, sondern darf auch mit Autos befahren werden. Er ist sogar offiziell als Highway anerkannt. Hauptsächlich wird der Strand zwar von Touristen und Anglern befahren, er dient aber auch als Alternative zum nördlichen Teil des State Highway #1, wenn dieser wegen Erdrutschen oder Überflutungen gesperrt werden muss. Der superbreite Strand ist zumeist fest und wirklich gut befahrbar, allerdings ist es unerlässlich, die Tide fest im Blick zu behalten.
Wir erweitern ein wenig unsere Komfortzone. 😚
Auf der Rückfahrt nach Whangārei machen wir nochmal einen Stop und schließen ein bisschen den Kreis zu den Gumdiggern von der Hinfahrt.
In der „Kā Uri Art Gallery“ mit Café und Holzwerkstatt geht es um Maorí-Kunst und insbesondere deren Beziehung zu den Kauri-Bäumen. Neben anderen Maorí-Kunstwerken sind diverse in Kauri-Holz ausgeführte Schnitzereien zu sehen. Verwendet wird dafür regelmäßig „unearthed Kauri“, also das in Sümpfen erhaltene uralte Holz versunkener Bäume. Wie riesig diese Kauri-Bäume waren, zeigt eine Wendeltreppe, die komplett in einen etwa 50.000 Jahre alten ausgegrabenen Kauri-Stamm hineingearbeitet wurde:
Die letzten Tage hier nutzen wir, um auch die Umgebung von Whangārei im Bezirk Northland noch etwas zu erkunden.
Ein Ausflug führt uns hinauf zur Bay of Islands, die wir nächstes Jahr unbedingt mit dem Boot besuchen möchten. Die Nebenstraße über Helena Bay auf der Strecke von Whangārei nach Russel lässt mein altes Motorradfahrer-Herz höher schlagen, obwohl wir mitten Auto unterwegs sind. Etwa 100 km lang finden sich kaum mal 200 m gerade Strecke. Dabei geht es bergauf und bergab, durch Wälder, Wiesen und an der schroffen Küste mit eingestreuten kleinen Stränden entlang.
Ein bisschen Viehwirtschaft, wenige kleine Ortschaften, kaum Verkehr. Eine halbe Stunde lang zählen wir den Gegenverkehr und die plattgefahrenen Possums auf der zumeist schmalen, gewundenen Straße. Es sind weniger entgegenkommende Autos als totgefahrene Possums. Diese nachtaktiven Beutelsäuger sind extrem unbeliebt in Neuseeland. Die Fuchskusus (so der deutsche Name) sind etwas größer als eine Hauskatze. Um 1850 herum wurden sie aus Australien zum Aufbau eines Pelzhandels eingeführt. In Australien sind diese Beuteltiere inzwischen geschützt. In Neuseeland aber haben sie keine natürlichen Feinde. Insofern vermehrten sie sich explosionsartig. Viele Neuseeländer überfahren sie deshalb lieber absichtlich, als ihnen auszuweichen, denn Possums haben sich zu einer heute bekämpften Plage für die originäre neuseeländische Planzen- und Vogelwelt entwickelt.
Wo ich schon bei der neuseeländischen Vogelwelt bin 😉:
Wir beobachten unter anderem die typisch neuseeländischen schwarzblauen Tui (-Honigvögel) mit ihrem auffälligen hellen Federbüscheln am Hals und die kaum golfballgroßen Neuseeland-Fächerschwänze (Pīwakawaka oder Fantail) sowie die etwa sperlingsgroßen Graumantel-Brillenvögel. Letztere kamen (wie die Possums) erst im 19. Jahrhundert nach Neuseeland. Da sie aber nicht vom Mensch eingeführt wurden, sondern vermutlich ein Schwarm durch einen Zyklons auf natürlichem Weg von Australien hierher abgetrieben wurde, gelten sie nicht als invasive, sondern als heimische Art. Die Pflanzen- und Tierwelt Neuseelands hat halt so ihre Eigenarten. Es ist kompliziert.
Russel selbst ist ein kleiner Touristenort auf einer langgezogenen und buchtenreichen Halbinsel in der Bay of Islands.
Insbesondere an der Uferpromenade finden sich einige viktorianische Holzbauten, die heute zumeist als Cafés und Restaurants genutzt werden.
Von Russel aus nehmen wir die Fähre hinüber nach Opua. Hier klarieren die meisten Segler nach Neuseeland ein, so wie wir das ja ursprünglich auch geplant hatten. Gerade am Vortag ist die Terikah angekommen. Wir hatten Jen und Cris mit ihren Kindern Calder und Cora in Mexiko kennengelernt und zuletzt in Französisch Polynesien getroffen, die Wiedersehensfreude ist groß und wir schnacken längere Zeit auf ihrem Katamaran.
In Opua machen wir außerdem noch einen herrlichen Waldspaziergang auf dem Opua Kauri Walk.
Zwischen hohen Baumfarnen und vielen Kauri-Bäumen hindurch geht es zu einer Aussichtsplattform nahe einem etwa zwei Meter im Durchmesser aufweisendem jahrhundertealten Exemplar dieser den Maorí als heilig geltenden Bäume.
Auf der Rückfahrt nach Whangārei machen wir einen kurzen Zwischenstopp in Kawakawa. Die Hauptattraktion (vielleicht auch die einzige) in dieser kleinen Ortschaft ist die öffentliche Toilette. Was zunächst skurril anmutet, geht auf den bekanntesten Bewohner des Ortes zurück: der Allrounder-Künstler Friedensreich Hunderwasser wohnte hier ganz in der Nähe von 1975 bis zu seinem Tod im Jahr 2000. Direkt hinter der von ihm gestalteten Toilette gibt es auch einen kleinen Hundertwasser-Park mit einer Bibliothek.
Wir waren zwar in Wien (Hundertwasserhaus), Uelzen (Hundertwasserbahnhof) und Hamburg (Hundertwassercafé) und zuletzt eben Whangārei schon mehrfach auch mit dem architektonischen Werk Hundertwassers in Berührung gekommen, wussten bisher aber nicht, dass er in seinen späten Jahren Neuseeland als Wahlheimat ausgesucht hatte.
Dazu können wir dann bei einem Besuch der Dauerausstellung im Hundertwasserhaus in Whangārei noch mehr spannendes erfahren. Etwa, dass Hundertwasser selbst Segler war und sein Schiff, die REGENTAG, auf Teilstrecken auch eigenhändig vom Mittelmeer nach Neuseeland gebracht hat.
Und zum Beispiel, dass er eine so enge Beziehung zu seinem Schiff hatte, dass er seinen Künstlernamen (bürgerlich hieß er Friedrich Stowasser) erweiterte auf Friedensreich Hundertwasser Regentag Dunkelbunt.
Ein wenig dunkel und ziemlich bunt wird es dann auch noch bei unserer allerletzten Aufgabe in Whangārei: Wolle abholen. Der skurril und ein bisschen dunkel anmutende Teil: in Neuseeland gibt es eine besondere Wolle: neben 80% heimischer Merino-Schafwolle wird 20% Possum eingesponnen. Das weiche Fell der zum Schutz der heimischen Natur gejagten Possums besteht nämlich aus hohlen Haarfasern, die sich nicht nur gut anfühlen, sondern dadurch auch besonders isolierende und Feuchtigkeit transportierende Eigenschaften aufweisen. Der bunte: Helene mit ihrer Garagenfirma HappyGoKnitty färbt diese besondere Wolle in Handarbeit ein und versendet sie dann auf Bestellung in die ganze Welt. Wir haben aber den Luxus, sie direkt bei ihr abholen zu können und uns dabei die Wolle und den Prozess ihrer Entstehung von ihr erklären zu lassen.
Oh, und da wir jetzt ja aus dem neuseeländischen Frühsommer direkt in die ersten deutschen Wintertage fliegen (wir haben Schneebilder gesehen!), hat Wiebke sich zu ihrem Tuch rechtzeitig noch eine passende Mütze fertig gestrickt. Noch nicht aus Possumwolle, aber damit kann ja dann das nächste Strick-Projekt starten.
Die Stadt Whangārei liegt etwa 20 km von der eigentlichen Ostküste Neuseelands entfernt im Landesinneren. Und doch liegt sie direkt am Wasser, denn der Hātea River verbreitert sich gleich hinter der Stadt fast seeartig. Jedenfalls bei Hochwasser, obwohl selbst dann die Mangroven schon einen Teil des Überflutungsgebietes bedecken. Bis es dann an den Felsformationen der Whangārei Heads wieder eine schmale Flussmündung wird, ergibt sich eine weitläufige Wasserfläche mit vielen Buchten, eben der Naturhafen Whangārei Harbour.
Bei Ebbe allerdings zeigt sich ein ganz anderes Bild. Etwa zwei Meter beträgt der Tidenhub, aber das reicht aus, um die Landschaft völlig zu verändern. Sandbänke und Inselchen tauchen bei Ebbe auch im äußeren Teil des Whangārei Harbour auf, der innere Teil fällt sogar auf etwa Dreiviertel seine Fläche trocken. Ein schmales, gut betonntes Fahrwasser führt unter einer auf Anforderung öffnenden Klappbrücke hindurch bis zum Ort, aber selbst das ist für Kielboote wie unsere Flora nur um Hochwasser herum sicher zu befahren.
Da ankern wir doch lieber erst einmal im äußeren Whangārei Harbour, gleich hinter den Whangārei Heads.
Ein wunderschöner Ankerplatz, wobei die lokalen Boote an Bojen in Wassertiefen liegen, die für Flora bei Ebbe schon grenzwertig flach sind. Der Blick in die andere Richtung zeigt die Wattbereiche am Ufer noch deutlicher und lässt auch ein paar der bei Ebbe auftauchenden Sände erkennen.
Vom Ankerplatz setzen wir mit dem Dinghy zu einem öffentlichen Landesteg am Ufer über. Mehrere Wanderwege führen am Wasser entlang und auch hinauf zu den verschiedenen „Heads“. Wir entscheiden uns mit Rücksicht auf unsere untertrainierten Beine für den Weg auf den nur 210 m hohen Mt. Aubrey. „Moderately challenging“. Wir schnaufen trotzdem ganz ordentlich, denn der abwechslungsreiche Pfad führt teils auf Schotter, teils als gemähte Schneise durch Wiesen, größtenteils aber treppauf – treppab am steilen Mt. Aubrey entlang und durch den Wald auf seinen Felsengrat hinauf. 91 Stockwerke erkennt die Bewegungsapp im Handy daraus.
Spannend dabei ist für uns auch die bunte Mischung der Flora und Fauna zwischen heimatbekannt und exotisch. Wir sehen Amseln, Schwalben und Spatzen und wir hören zu unserer Überraschung tatsächlich einen Kiwi ausdauernd rufen (sehr charakteristisch irgendwo zwischen Schrei und Pfiff), zu sehen bekommen wir den eigentlich überwiegend nachtaktiven flugunfähigen Nationalvogel Neuseelands leider nicht.
Auch die Pflanzenwelt überrascht mit dem Nebeneinander von aus unserer Heimat bekanntem Hahnenfuß, Schafgarbe und Jungfer im Grünen neben exotischen Gewächsen, von denen allerdings viele (wie das weißblühende und für Pferde tödliche Crofton Weed) keineswegs heimisch in Neuseeland und eben manchmal auch gefährlich sind. Aber auch der wegen seiner Farbe und Blütezeit so benannte „Neuseeländische Weihnachtsbaum“ Pōhutukawa ist dabei.
Vielleicht ist es auch diese Melange aus heimatlich Vertrautem und Neuem die dazu beiträgt, dass wir uns hier in Neuseeland auf Anhieb richtig wohl fühlen.
Wenn das so ist, will das Wetter jedenfalls auch nicht zurückstehen. Während ich das schreibe, prasselt der Regen auf die Flora, die Kuchenbude ist aufgebaut, es ist kalt geworden. Heimatliches Hamburger November-Schmuddelwetter im Süd-Frühling in Whangārei.
Es bleibt durchwachsen. Erstmal segeln wir weiter unter der dicken grauen Wolke von gestern und so geht es auch in die Nacht. Der Wind dreht allerdings, zum Wachwechsel um 22.00 Uhr beschließen wir, den Spibaum zu setzen um vor dem Wind Schmetterling segeln zu können. Das hält dann auch bis zum Morgen durch, wenn auch bei leider abnehmendem Wind. Um 07.00 nehmen wir den Motor dazu. Eine Neuheit für uns, Motorsegeln vor dem Wind, aber nur so können wir eine Ankunft in Marsden Cove bei Tageslicht sicherstellen.
Zwischendurch können wir nochmal eine Zeitlang segeln, dann wird es doch wieder motorsegeln. Immerhin, wir sind inzwischen südlich der grauen Wolkenfront.
Und dann zeichnen sich langsam Umrisse am Horizont ab. Neue Wolken? Auch, aber: Nein. Land in Sicht! NEUSEELAND.
Am Nachmittag laufen wir an den Klippen der Whangārei Heads in den Hãtea River ein. Ein Orca zeigt kurz seine markante Rückenflosse, will sich aber leider nicht fotografieren lassen. Und wir sehen erstmals Austral-Tölpel, nahe Verwandte der für Helgoland so typischen Basstölpel, denen sie auch sehr ähnlich sehen.
Ein kleines Stück geht es flussaufwärts, links Industriekaianlagen, rechts aber wunderschöne Landschaft.
Wir biegen ab in den schmalen Kanal, der zur Marsden Cove Marina führt. Der Hafenmeister weist uns einen Platz im Quarantänebereich zu. Die Abfertigung wird heute nicht mehr erfolgen, MPI und Zoll kommen dann morgen früh an Bord.
Macht überhaupt nichts. Wir sind superglücklich, hier zu sein.
Essen: unterwegs Rührei mit einigem von dem, was das MPI uns morgen sonst wegnehmen würde, z.B. Datteln und Speck. Und heute Abend Nudeln mit Pilz-Sahne-Soße. Wie ein Kessel Buntes eben, passt doch ganz gut zu dieser ziemlich abwechslungsreichen Passage.
Strecke seit gestern 202 sm (in 31 Std), gesamt 761 Seemeilen.
Dankbarkeit. Ehrfurcht. Glückseligkeit. Schwer in Worte zu fassen, was die ruhigen Tage hier im Minerva Riff uns so fühlen lassen.
Wir sind wie aus der Zeit gefallen, oder mehr noch: wie aus dem Raum, aus unserer an besonderen Orten ja schon nicht eben armen Welt. Hinein in diese Blase eines ganz eigenen Mikrokosmos.
Als stets präsentes Hintergrundgeräusch rauscht leise die Brandung auf dem Riff, sonst ist es einfach still. Der Wind hat deutlich abgeflaut. Keine Vögel, kein Zivilisationslärm, Allenfalls fährt ab und zu ein Dinghy vorbei oder eine befreundete Crew kommt auf einen Schnack herüber.
Denn ja, wir sind natürlich nicht alleine hier. Es ist Hauptsaison für den Schwarm der seglerischen Zugvögel nach Neuseeland. Das schmälert aber keineswegs das Gefühl, an einem einmaligen Ort sein zu dürfen. Eher im Gegenteil, diesen besonderen Ort gemeinsam mit Freunden erleben zu dürfen fühlt sich eher noch intensiver an, ein bisschen „wirklicher“.
Alle scheinen die „Pause“ bei wirklich idealen Bedingen hier auf Minerva zu genießen, ein Wetterfenster für die Weiterfahrt nach Neuseeland zeichnet sich nicht vor Mittwoch ab.
Mit Ralf und David von der Barbarella fahren Wiebke und ich zum Schnorcheln an den Pass. Spektaläre Drop-Offs machen deutlich, wie steil das Minerva-Riff aus der Tiefe des Pazifiks emporsteigt. Einmal mehr ändert sich die Fischwelt ein wenig, so sehen wir erstmals die weiß-gelb-schwarzen Diamant-Falterfische.
Am Nachmittag fahre ich dann mit Ralf, David, Phil und Jean-Luc hinüber ans Riff. Das Riffdach ist rund um Minerva ziemlich breit und bei Ebbe überwiegend gut begehbar. Es bietet gute Chancen, Lobster zu fangen, dieses Mal ist allerdings nur Jean-Luc erfolgreich, Phil fängt ein eiertragendes Weibchen, das er gleich wieder frei lässt (einer der Gründe, warum wir nicht mit Harpunen auf Lobsterfang gehen).
Abends dann Potluck auf der französischen Inajeen bei Soize und Ben gemeinsam mit den Crews der Naida, der Clair de Gouêt und der Skylark.
Heute gibt’s dann für Wiebke und mich Sonntags-Schnorcheln vom Feinsten. Nahe bei unserem Ankerplatz liegen im Flachwasser die Überreste des kleinen Stahlfrachters Commonderry der hier im Jahr 1969 und damit 83 Jahre nach seinem Stapellauf verunglückte. Wer sich für die wirklich ereignisreiche Geschichte der Commonderry interessiert, findet hier nähere Angaben.
Bug und Heck des auseinander gebrochenen Rumpfes liegen ein ganzes Stück voneinander entfernt. Bei unserem ersten Besuch finden wir nur den Bug, einige Metallteile davon ragen auch bei Hochwasser an die Oberfläche.
Spannend, dass nach so vielen Jahren doch noch Details der Schiffstechnik auf dem Vorschiff erkennbar sind, obwohl sich eben auch farbenfrohe Korallen angesiedelt haben.
Das kleine Wrackteil des Schiffsbugs beherbergt eher wenige Fische. Ganz anders ist das bei den anderen Überbleibseln der Commonderry, die wir am Nachmittag bei etwas niedrigerem Wasserstand näher am Riffdach ausfindig machen.
Vor allem Schwärme von Gelbstreifen-Meerbarben und auch viele große Harlekin-Süßlippen mit ihren auffälligen schwarz-weißen Punktmustern halten sich mit unzähligen anderen Meeresbewohnern im und am Wrack auf. Und sie sind wenig scheu, das macht diesen Schnorchelgang im sonnendurchfluteten, glasklaren und damit farbenfrohen Flachwasser regelrecht magisch für uns.
Das passt sich wunderbar ein in unsere Minerva-Stimmung.
Wir genießen die Tage am Ankerplatz #30 vor der Insel Kenutu. Das Anlanden auf der unbewohnten Insel ist einfach, zum Ankerplatz hin ist Kenutu von einem Sandstrand gesäumt. Von dort führt ein langsam ansteigender Pfad durch den Wald hinüber zur Ostseite.
Die dem Passatwind zugewandte Ostseite präsentiert sich dann ganz anders. Steile Klippen fallen vielleicht 15 m hoch ins Meer ab, das mit einer am ruhigen Ankerplatz kaum zu spürenden Wucht gegen die Felsen brandet. Noddies, Boobies und die mit ihren langen weißen Schwanzfedern so auffälligen Tropikvögel nutzen die Aufwinde der Klippen und segeln über der spritzenden Gischt durch die Bucht.
Oben am Klippenrand geht der Pfad in beide Richtungen noch etwas weiter zu den nächsten Felsenbuchten. Ab und zu führt er ein kleines bisschen weiter ins Inselinnere und sofort ändert sich die Vegetation. Knorrige Kiefern wechseln sich ab mit Hainen von Pandanus-Palmen. Die rotbraunen Ringe am Stamm lassen ahnen, warum sie auch Schraubenbäume genannt werden. Sowohl die aufgefächerten Stelzenwurzeln als auch die „Baströckchen“ alter Blätter sind typisch und ziemlich unverwechselbar. Der in Größe und Form an eine Ananas erinnernde Fruchtstand lädt aber nicht zum Naschen ein, denn diese Scheinfrüchte setzen sich aus etwa 100 kleinen Steinfrüchten zusammen. Sie sind zwar essbar, es ist aber sehr mühselig, sie aus dem umgebenden, faserigen Pflanzenstoff herauszulösen. Verwendet werden vor allem die Blätter, sie eignen sich gut zum Flechten, etwa von Matten und Körben.
Oberhalb der Steilküste finden sich auch erodierte Flächen, die den hier auffällig roten, lehmigen Boden zeigen.
Und immer wieder gibt es auf unserer kleinen Wanderung auch Ausblicke auf die felsigen Buchten.
Wie unterschiedlich sich der Ankerplatz im Westen und die Felsküste im Osten präsentieren kann vielleicht dieses kurze Video etwas besser illustrieren:
Die Ankerbucht lädt zum Wingfoilen ein und gemeinsam mit Volker von der Tomorrow und James von der Scout wird also fleißig geübt. Und der Absprung nach Neuseeland rückt langsam aber sicher näher, einige unserer Segelfreunde sind sogar schon unterwegs. Die Formalitäten und insbesondere die strengen Anforderungen der Biosecurity nehmen in den Gesprächen zwischen den Seglern immer mehr Raum ein. Die Unterwasserschiffe werden ausgiebig geputzt. Auch bei uns.
Ein willkommener Ausgleich: das gemeinsame Grillen und Feiern am Strand, dass an so einem herrlichen Ort natürlich nicht fehlen darf.
Was für ein wunderbares Revier. Auch wenn wir gerne länger an einem einmal gewählten Ankerplatz bleiben, wollen wir unseren Gästen doch auch etwas Abwechslung bieten. Hier in der Vava‘u-Gruppe fällt das leicht. Die traumhaften Ankerplätze liegen nahe beieinander und selbst zum Hauptort ist es meist nur ein kurzer Schlag.
Für eine Nacht stoppen wir am Ankerplatz #6 (Mala). Wir sind begeistert vom Schnorcheln an den kleinen Felsinselchen, viel bunter Korallenfisch, Moränen, Anemonen und damit auch Clownfische, das alles in kristallklarem Wasser.
#6
Beim Abduschen nach dem Schnorcheln gibt’s allerdings eine unangenehme Überraschung: nur ganz kurz kommt noch Wasser. Hm. Die Tankanzeige steht auf voll, die Pumpe macht allerdings ein seltsames Geräusch. Also dann muss wohl eine Ersatzpumpe ran, die hatten wir allerdings auch wegen viel zu häufigem Anspringen ausgetauscht und eigentlich nur als Teileträger behalten. Jetzt macht sie kurzfristig mehr Druck und bringt den Wasserhahn zum Sprötzeln, mehr aber auch nicht. Sollte die Tankanzeige klemmen und der Tank leer sein?
Wir stellen den Wassermacher an und motoren zum Ort. Wir holen unsere gefüllte Gasflasche ab, außerdem die neuen Crew-Shirts. Und wir füllen die Vorräte auf. Außerdem finden wir beim Schiffsausrüster noch eine neue 12V Druckwasserpumpe – super, zumindest ein funktionierendes Backup. Einbauen brauchen wir sie noch nicht, mit dem jetzt wieder gefüllten Frischwassertank funktionieren Dusche und Wasserhähne wieder. Das bedeutet allerdings, dass wir den Salontisch ausbauen und die Bodenbretter losschrauben müssen. Nur so kommen wir an die Inspektionsluke für den Wassertank und können die klemmende Tankanzeige wieder gängig machen. Emma und Claas werden natürlich zur Bootsarbeit mit eingespannt.
Zur Belohnung gibt es Abends im „Basque“ ein Abschiedsessen mit Bonnie und Bob von der Scout. Die beiden wollen weiter nach Fiji und werden wohl das nächste passende Wetterfenster nehmen. Da sie in Fiji aber länger bleiben werden, treffen wir sie hoffentlich dort im Frühsommer 2026 wieder.
Wir verholen am nächsten Morgen ein weiteres Mal, jetzt zum Ankerplatz #16 an der Insel Vaka‘eitu. Auf dieser privaten Insel lebt nur eine zehnköpfige Familie. Am Strand treffen wir Dorothy mit zwei ihrer drei Kinder. Sie begrüßt uns freundlich und erlaubt uns bereitwillig, auf ihrer Insel herum zu wandern. Wir melden uns auch gleich für das „Tongan Feast“ an, das hier am Ende der Woche stattfinden soll.
Zurück am Dinghy erwartet uns eine Überraschung: direkt am Strand schlängelt sie sich schwarz weiß geringelt im flachen Wasser: das sieht nach einer hochgiftigen gebänderten Seeschlange aus.
Wäre allerdings nicht sehr gefährlich für uns, denn diese gut einen Meter langen Schlangen haben ein so kleines Maul, dass sie Menschen eigentlich kaum beißen könnten. Und – wichtiger – das Tier sieht wirklich nur sehr ähnlich aus. Tatsächlich bedient sich hier ein gebänderter Schlangenaal der Mimikry. Er imitiert in seiner Erscheinung weitgehend die Seeschlange, ist aber komplett harmlos. Erkennbar ist er vor allem an der Zeichnung am Kopf (Auge im weißen Bereich) und an den gelegentlich vorkommenden schwarzen Punkten in den weißen Bereichen. Das musste ich allerdings erst mal nachschlagen. Diese Schlangenaale lieben flache sandige Flächen in Lagunen und Riffen, aber es ist trotzdem der erste seiner Art, den wir sehen.
Auch der heutige Morgen bringt uns Tiere direkt ans Schiff. Als wir wach werden, hören wir rund um die Flora herum in kurzen Abständen ziemlich heftiges Plantschen. Ein Schwarm kleiner Fische sucht unter unserem Boot Schutz. Diverse Raubfische versuchen sie vom Rumpf weg an die Oberfläche zu treiben, wo sie sich leichter jagen lassen. Die ins Wasser gehaltene GoPro enthüllt, dass neben Dicklippen-Makrelen einige Blauflossenmakrelen und auch mehrere kleine Thunfische (Wavyback-Skipjacks) zu den Jägern gehören.
Einige Noddie-Seeschwalben, vor allem aber eine Menge an Schwarznacken-Seeschwalben nutzen die Gelegenheit, um die aus ihrem Versteck getriebenen kleinen Fische von oben anzugreifen.
Es ist insgesamt ein langanhaltendes ordentliches Spektakel. Die uns als Zuschauern gebotene Unterhaltung passt ja eigentlich auch gut zu einen Ankerplatz, der ein wenig an ein natürliches Amphitheater erinnert.
Nummer 7 gefällt uns richtig gut. Die besten Ankerplätze der Vava‘u-Gruppe sind (von 1 bis 42) durchnummeriert und bei den schwer aussprechbaren Namen hat sich diese Nummerierung tatsächlich als Bezeichnung durchgesetzt. Unser Platz hier an der Westseite von Kapa Island trägt die #7. Das hat den Vorteil, dass wir morgen früh von hier aus abgeholt werden können. Das Whale-Watching-Boot fährt zwar vom Hauptort Neiafu ab, sammelt aber bei Bedarf auch von den Ankerplätzen 5 bis 8 ein. Wir können also eine halbe Stunde länger schlafen.
Aber nicht nur das macht die #7 attraktiv. Der Sandstrand im Scheitel der Bucht bietet sich für das Anlanden mit dem Dinghy an. Und gleich hinter dem Strand beginnt ein Weg, wir können uns also die Beine vertreten und die Insel erkunden.
Blüten am Wegesrand werden dabei nicht nur bewundert, sondern auch gleich als Verzierung von Emmas Hut platziert.
Und auch die Tierwelt bietet neben Bekanntem (und immer wieder aufs Neue faszinierendem) wie den Flughunden und der Tonga-Taube …
… auch Neues und bisher nicht vor die Linse bekommenes wie die Schwarznacken-Seeschwalben …
… und die herrlich blau schillernden Pazifischen Eisvögel:
Aber auch zu Wasser bietet sich #7 für Exkursionen an. Wiebke und ich machen eine ausgiebige Paddeltour mit dem Kajak. Etwa drei Seemeilen weit geht es am Ufer der Bucht und pilzförmigen Inselchen entlang zur „Swallows Cave“ und zurück. Ein bisschen ungewohnt für unsere untrainierten Schultern, aber trotzdem herrlich.
So beeindruckend, dass wir am frühen Nachmittag mit Emma und Claas im Dinghy noch einmal dorthin fahren. Diesmal haben wir Schnorchelsachen dabei, die hochstehende Sonne fällt durch ein Deckenloch im Eingangsbereich, beleuchtet das Felsentor und schickt durchs Blätterdach gefilterte Strahlen durchs klarblaue Wasser bis zum Grund der Höhle, während das Wasser drumherum fast unheimlich dunkel bleibt.
Übrigens, auch ohne weitere Action lässt es sich in #7 aushalten.