Malerisches BC

British Columbia verwöhnt uns weiter mit einigen richtig schönen, sonnigen Spätsommertagen. Fast immer sind wir das einzige Boot in der Ankerbucht. So auch in der Fancy Cove, obwohl sie recht nah an New Bella Bella liegt, der einzigen Ortschaft in diesem Abschnitt der Inside Passage südlich von Klemtu.

Am nächsten Tag ist es dann nur ein kleiner Hüpfer von 5 Meilen durch die Lama Passage und quer über den Fisher Channel bis zur Lagoon Bay. So können wir die Ankunft dort gut timen und darauf kommt es uns an. Wie der Name andeutet liegt hier eine größere Bucht, die nur über eine enge und flache Einfahrt zugänglich ist. Das bedeutet eben auch, dass das Wasser der gesamten Bucht bei Ebbe und Flut durch den Flaschenhals des schmalen Zu- und Abflusses muss und entsprechende Strömung aufweisen kann, also am besten um Stillwasser herum zu passieren ist. Die Codville Lagoon wartet zwar nicht mit dem Türkisblau auf, was man vielleicht mit Lagunen verbindet, wohl aber mit einem wunderschönen Ankerplatz auf für hiesige Verhältnisse flachen 15 Metern Wassertiefe in einer der vielen kleinen Buchten der Lagune. Der Clou: ein ausgeschilderter Wanderweg hier mitten in der Wildnis, der zu einem Süßwassersee oberhalb der Lagune führt. Einmal mehr leistet unser “Anchor Buddy” gute Dienste und zieht unser Dinghy nach dem An-Land-Gehen aus der Tidenzone heraus in das tiefere Wasser.

Der Trail führt herrlich über buchstäblich Stock und Stein durch den Regenwald. Zum ersten Mal kommen unsere noch in Alaska gekauften Teleskop-Wanderstöcke zum Einsatz (und bewähren sich). Der See überrascht dann mit einem langen hellen Sandstrand, für diese Gegend eigentlich völlig ungewöhnlich.

Unsere Segelfreunde Tereza und Jakub hatten uns berichtet, dass sie in dem See schwimmen waren. Etwas ungläubig haben wir vorsichtshalber unsere Badesachen eingepackt und – tatsächlich – die Temperatur in dem recht klaren, aber durch die Holzteile im Wasser und am Grund rotbraunen Wasser ist nach den sonnigen Tagen annehmbar, wir baden hier wirklich. Windstill und sonnig wie es ist, schließen wir noch einen ausgiebigen Strandspaziergang an. Barfuß im Sand hatten wir zuletzt länger nicht mehr.

Einiges an verwittertem Schwemmholz liegt hoch auf dem Sandstrand, darunter auch der massige Rest einer riesigen Zeder einschließlich Wurzelstumpf. Die Maserungen und Holzverläufe der Wurzel sind ein einziges die Phantasie anregendes Kunstwerk. Nach Wolkentieren im Passat und Eisskulpturen in Alaska finden wir jetzt hier im schon grau gewordenen Holz Figuren oder gar Abbildungen von Wasserstrudeln. Dann wieder scheint es, als könnten sich Edvard Munch oder Vincent van Gogh hier die Anregung für ihre Pinselführung abgeholt haben.

Die nächsten Tage wird wohl mal wieder eine Front durchziehen, das sonnige Wetter macht also dann Pause, aber bisher können wir uns echt nicht beklagen. Und bevor das Grau kommt, legt Mutter Natur mit der Abendsonne noch mal ordentlich Farbe auf:

Klemtu: von Geister-Bären und Klassiker-Gänsen

(Einen) Schwarzbären haben wir ja jetzt gesehen, aber Klemtu bietet uns die Chance auf eine extrem seltene Unterart: den Spirit Bear, also Geister-Bär. Genau genommen ist Klemtu nicht der einzige Ort, an dem diese Tiere gesichtet werden können, die Chance ist ohnehin nicht gut, allerdings besser als anderswo.

Denn der Spirit Bear ist ein weißer Schwarzbär. Hört sich seltsam an und ist es auch, denn diese Unterart des amerikanischen Schwarzbären gibt es tatsächlich mit weißem oder cremefarbenem Fell. Keine Albinos, sondern eine natürliche Genmutation, die diese nur hier vorkommende Unterart (Kermodebär) von den anderen Schwarzbären unterscheidet. Selbst innerhalb der Unterart sind zumeist 90 Prozent der Bären schwarz. Auf einigen wenigen Inseln aber sind fast ein Drittel der Kermodebären hell, so auf Gribbel Island und eben auf Swindle Island, wo Klemtu liegt. Der Ort ist eine First Nation Gemeinde, eine der größeren. Etwa 500 Kitasoo und Xai’xais leben hier. In ihrer Mythologie hat der Schöpfer einen von zehn Schwarzbären weiß gemacht, um an die (gar nicht so weit zurück liegende) Zeit zu erinnern, in der Gletscher das Land bedeckten. Die Menschen sollen dankbar dafür sein, es nicht als selbstverständlich hinnehmen, dass stattdessen nunmehr Bäume und andere Pflanzen das Land bedecken und die dazwischen liegenden Wasser befahrbar und fischreich sind.

Am öffentlichen Steg in Klemtu können wir kostenlos festmachen. Die “bull rail”, an der auch hier statt Klampen die Leinen festgemacht werden, hat zwar schon bessere Tage gesehen, aber der Steg selbst ist in Ordnung. Ein Obmann der Gemeinde spricht uns beim Landgang an, erklärt uns, wie die Bewohner versuchen, selbstständig zu bleiben und gleichzeitig nachhaltig zu wirtschaften, in der Forstwirtschaft, mit den gemeindeeigenen Lachsfarmen ebenso wie der Hatchery (Wildlachsaufzuchtstation) und auch besonderen Regeln beim Fischen. Für uns bedeutet das, keinen Krebskorb ausbringen zu dürfen, angeln ist aber erlaubt. Wir erfahren auch, dass auf UKW-Kanal 6 der allgemeine Dorffunk läuft und wir dort George Robinson anfunken sollen, wenn wir das Long House von innen besichtigen möchten. Probieren wir, erreichen ihn aber leider nicht. Von außen ist es schon mal imposant:

Das Wasserflugzeug ist übrigens eine Grumman Goose G21A, ein Flugboot, das auf dem Wasser und auch auf normalen Landebahnen aufsetzen und auch starten kann. Von 1937 bis 1944 insgesamt 345 mal gebaut ist es ein echter Klassiker und hier immer noch im normalen Betrieb, wie Wasserflugzeuge überhaupt ein ganz übliches und auch notwendiges Verkehrsmittel in BC (und auch in Alaska) sind.

Bei unserem Landgang sehen wir dann zwar Spirit Bears, aber leider nur auf den Abbildungen, die in dem Örtchen die (bärensicheren) Mülleimer zieren. Die Erinnerung an Bewusstheit und Nachhaltigkeit findet also ihre Fortsetzung.

Selbst auf unserem ausgedehnten Hike hinauf durch das Hochmoor und den Wald bis hin zum weit über Klemtu liegenden Süßwassersee sehen wir keine Bären. Ist aber auch kein Wunder, wir machen vor unübersichtlichen Stellen absichtlich ordentlich Lärm und rufen den Bären zu, dass wir gleich um die Ecke kommen.

😊

Trotz der wenigen Touristen (es gibt nach unserer Kenntnis nur eine Lodge und wir sind das einzige Gastboot im Hafen) sind die Trails aufwändig angelegt. Bohlen, Holzscheite und Baumscheiben machen das Hochmoor gut begehbar, auch wenn die Baumscheiben beim Schwereren von uns beiden mit schmatzendem Geräusch bis fast zum Rand einsinken, obwohl es daneben fast trocken aussieht.

Der weitere Weg durch den Regenwald zum See ist dann noch deutlich rutschiger, manchmal im Bachbett verlaufend und zwischendurch auch abenteuerlich, an den steilen Stellen ist das Halteseil unerlässlich. Aber es lohnt sich:

Im Ort finden wir (wenn auch nur durch Nachfragen) einen gut ausgestatteten Supermarkt, wobei wir das Glück haben, dass am Tag unserer Ankunft die große BC-Fähre am örtlichen Terminal angelegt und die neue Lieferung mitgebracht hat.

Supermarkt in Klemtu. Das Tor rechts ist der Eingang 🤔

Nach zwei Nächten am Steg verholen wir eine knappe Meile weiter in die herrliche Ankerbucht eben südlich des Ortes.

Liegt nicht nur wunderbar idyllisch, sondern beschert uns auch gleich Angelglück, ein stattlicher Coho-Lachs geht uns an den (widerhakenlosen) Haken. Für das Abendessen ist also gesorgt und wer weiß, vielleicht zeigt sich am Waldrand im Lachsbach ja noch ein echter Geister-Bär.

Ganz viel Landschaft

Es klappt mit dem Tankstop in Hartley Bay. Zwingend notwendig wäre es nicht, der Tank ist erst etwa halb leer. Aber vor uns liegt einiges an Strecke durch die wild verzweigten Fjorde um den nördlichen Teil der Inside Passage in British Columbia. Zwischen Hartley Bay und Port Hardy auf Vancouver Island liegen zwar noch zwei weitere Tankmöglichkeiten (Klemtu und New Bella Bella), aber bei beiden warnt der Törnführer, dass eine vorherige Anfrage hinsichtlich der tatsächlichen Verfügbarkeit angeraten sei. Zudem wissen wir nicht, wie viel wir in den zum Teil engen Fjorden segeln können bzw. motoren müssen.

Und außerdem wollen wir auch noch ein paar Umwege oder Abstecher machen, den ersten gleich im Anschluss. Statt Whale Channel und MC Kay Reach Richtung Südosten schwenken wir im Zickzack erst einmal in die Verney Passage 13 Seemeilen wieder nach Norden, dann den Ursula Channel (liebe Grüße, Uschi) wieder nach Süden und kurz darauf wieder nördlich in die Bishop Bay. Der Grund dafür: die Bishop Bay Hot Springs. Zweimal haben wir ja in Alaska bereits die heißen Quellen zum Baden benutzt (White Sulphur Springs und Warm Springs Baranof). An der Küste British Columbias sind neun Standorte zugänglicher heißer Quellen verzeichnet. Mal mit, mal ohne Badehaus und mit Temperaturen zwischen 39 und 59 Grad Celsius. Die Quelle in Hot Spring Island auf Haida Gwai erreichte sogar 60 Grad, war aber nach dem Erdbeben 2012 zeitweise versiegt und ist seitdem kühler.

In den Bishop Bay Hot Springs sind es angenehme 40 Grad. ☺️

Der Ankerplatz in Bishop Bay ist etwas tricky, der Fjord ist bis 400 m tief und steigt zum Ufer hin entsprechend sehr steil an. Ankern mit Heckleine zum Land ist angeraten, es gibt aber auch eine öffentliche Mooring und einen kleinen Schwimmsteg. Wir haben doppelt Glück, die Mooring ist frei und als wir näher kommen, verholt das kleine Motorboot am Steg ein Stück nach vorn, damit wir hinter ihm anlegen können.

Hier, irgendwo im nirgendwo, mit ein paar Hundert Quadratkilometern drumherum ohne menschliche Siedlung, steht ein Badehaus. Zu erreichen vom eigens angelegten Steg über einen kurzen Bohlenweg. Jippie!

Wir nutzen das Bad gleich zweimal. Einmal am ersten Abend und ein zweites Mal am nächsten Morgen, nachdem wir gelesen haben, dass im äußeren Becken Shampoo benutzt werden darf. Ganz nebenbei: während wir uns im warmen Wasser aalen, können wir nicht nur unser Boot am Steg sehen, sondern auch einige Buckelwalen in der Bucht beobachten.

Auch als wir später den Ankerplatz verlassen, sehen wir dicht am Ufer ihren Blas und ihre Fluken.

Unser nächstes Ziel ist Butedale, gut 20 sm den Fraser Reach hinunter. Die ehemalige Cannery soll einen Anlegesteg haben. Die Angaben im Törnführer und in den Community Edits auf Navionics sind nicht sehr vielversprechend, aber Michelle hatte uns in Hoonah den Stop hier empfohlen. Tatsächlich haben wir den Ponton, an dem mindestens vier Schiffe Platz fänden, ganz für uns allein.

Obwohl an Land alles völlig verfallen ist, zieht uns die Location sofort in ihren Bann. Schon bei der Anfahrt passieren wir einen beeindruckenden Wasserfall. Die Bucht mit ihrem sanft ansteigenden Gelände und den dahinter liegenden hohen bewaldeten Bergen sieht malerisch aus. Wir träumen uns zurecht, wie idyllisch Butedale aussehen würde, wenn jemand (mit allerdings gewaltigem Aufwand) die maroden Gebäude in Schuss bringen und den angehäuften Schrott beseitigen würde. Da sind wir sicher nicht die einzigen, aber der Investor, der das Ensemble vor einigen Jahren erwarb, hat bisher jedenfalls nicht allzu viel seiner ambitionierten Pläne umgesetzt und der zwischenzeitlich wohl dort lebende “Caretaker” scheint nicht mehr dort zu sein. Trotzdem, was für ein wundervolles Stückchen Erde.

Immerhin, vom Boot am Steg aus fange ich eine Scholle, eine weitere hatten wir schon unterwegs bei einem kurzen Angelstop an Bord gezogen. Es gibt Schollenfilets in Maismehlkruste mit Backofenkartoffeln und Orangen-Krautsalat.

Heute Morgen fahren wir zeitig weiter, gut 40 sm sind es bis nach Klemtu. Der zunächst noch bedeckte Himmel reißt auf und beschert uns einen traumhaften Segeltag. Ja, SEGEL-Tag. Der achterliche Wind variiert zwar in der Stärke, aber er bleibt uns den ganzen Tag treu und schiebt uns – durch die Fjorde kanalisiert – immer hübsch voran.

Und so gleiten wir heute ohne Motorengedröhn durch eine Landschaft, die vor Hunderten von Jahren wohl auch nicht anders ausgesehen hat. Steile Hänge, dicht bewaldet mit Tannen und Zedern, blanker grauer Granit oberhalb der Baumgrenze. Die gestaffelten Bergrücken changieren von einem satten dunklen Grün in der Nähe zu dunstig hellerem und immer bläulicherem Ton in der Ferne.

Immer wieder freuen wir uns an einem Blas, dem Rücken oder der Fluke von Walen. Fast den ganzen Tag sehen wir tatsächlich nicht ein einziges Haus, keine Stromleitungen, keine Straßen, keine Mobilfunknasten. Erst kurz vor Klemtu zwei Hütten, die auf Flößen montiert eine Lachsfarm markieren. Unsere erste überhaupt, denn in Alaska sind Lachsfarmen ja verboten, anders als hier in Kanada.

Das erste “echte” Haus dann kurz darauf, der 1907 eingeweihte und gut erhaltene Leuchtturm “Boat Bluff” an der Südspitze von Sarah Island mit seinen Nebengebäuden, der noch heute mit Leuchtturmwärter bemannt ist.

Das gibt’s noch, genauso wie die scheinbar unberührte Naturlandschaft auf den 40 sm davor!

Angekommen in Kanada.

Fühlt sich schon seltsam an, VON NORDEN HER nach Kanada eingereist zu sein. 😊

Andererseits: schon bei der Anfahrt nach Prince Rupert kommen auch Heimaterinnerungen auf. Die wie Legosteine doppelstöckig auf Eisenbahnwaggons aufgereihten Container säumen das Ufer an Steuerbord, darunter einige von Hamburg-Süd und Hapag-Lloyd. Und auch die großen, weithin sichtbaren Containerbrücken erinnern ein kleines bisschen an unsere Heimatstadt an der Elbe.

Und vielleicht hätte sich Prince Rupert tatsächlich zu einem ähnlich großen Handelsplatz entwickelt. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts standen die Zeichen jedenfalls gut dafür. Der Hafen von Prince Rupert ist tief, im Fahrwasser durchgängig fast 40 m! Das ist nicht nur wesentlich tiefer als die Elbe in Hamburg selbst nach der Elbvertiefung sondern auch ziemlich konkurrenzlos an der Westküste Amerikas. Zum Vergleich: Los Angeles bietet gut 16 m, Seattle nur knapp 11m. Zudem ist die Strecke von und nach China wesentlich kürzer. Das brachte Charles Hays, den Vorstandsvorsitzenden der “Grand Trunk Pacific Railway” auf die Idee, neben der bestehenden Eisenbahnlinie nach Vancouver eine transkontinentalen Strecke nach Prince Rupert zu bauen (das 1907 extra dafür gegründet wurde) und den Ort zum “Metropolis des Nordens” und dominanten nordpazifischen Warenumschlagplatz auszubauen. Hays trieb das Projekt vehement voran. Aber: er starb beim Untergang der Titanic 1912 auf der Rückreise von einem Fundraising-Trip für diese von ihm als “Neue Seidenstraße” vorgestellte Infrastruktur. Mit dem Tod Hays fehlte der visionäre Antreiber, dazu kam der erste Weltkrieg, das Projekt wurde nicht mehr mit voller Kraft vorangetrieben und endete 1916 in einer Pleite.

Heute hat Prince Rupert 12.000 Einwohner, ist per Eisenbahn und Straße angebunden und hat einen Flughafen. Der Tiefwasserhafen ist nicht unbedeutend, bietet Containerbrücken und große Verladestellen für Getreide und Kohle, ist aber weit von der Vision des Charles Hays entfernt.

Das Einklarieren ist entgegen der Bedenken und Vorkehrungen (z.B. keine Eier etc. einführen) völlig unkompliziert. In der ArriveCan-App kann 72 Stunden vor der Einreise der Ort und ungefähre Zeitpunkt der Ankunft eingetragen werden, Pass- und Impfdaten können schon vorher hochgeladen und gespeichert werden. Haben wir gemacht. Nach dem Festmachen am Steg in Prince Rupert dann ein Anruf bei “Customs”, ein paar Fragen beantworten. Dann gibt der Officer uns eine Nummer durch, die wir aufschreiben und hinter die Cockpitscheibe legen sollen. “Falls Sie kontrolliert werden, das ist Ihre Report-Nummer. Damit weisen Sie nach, dass Sie korrekt eingereist sind.” Das war’s. O.k, dann kriegen wir wohl keinen Stempel im Pass.

Der Hafen ist rappelvoll, wir quetschen uns längsseits in eine Lücke, in die wir nach Abmontieren des Bugspriets gerade so eben hineinpassen, wenn wir mit dem Bug nah am Schwimmsteg festmachen und mit dem Heck etwas weiter weg und damit leicht schräg vor dem Päckchen hinter uns liegen. Na ja, immerhin klappt das Manöver auf Anhieb. Freizeitboote sind übrigens klar in der Minderzahl gegenüber den Fischern.

Über sechseinhalb Meter beträgt der Tidenhub, da wird der Aufgang vom Schwimmsteg schon ziemlich steil.

Der vordere (leere) Teil des Hafens darf nur zum Be- und Entladen angefahren werden

Da müssen wir aber hoch, schließlich wollen wir die Stadt nochmal nutzen.

Wir gehen ins Kino (Top Gun), kaufen eine kanadische SIM-Karte fürs Handy, außerdem die in Kanada für das Lachsangeln vorgeschrieben Angelhaken ohne Widerhaken. Machen einen tollen Spaziergang auf einer stillgelegten alten Bahnstrecke am Wasser entlang nördlich des Hafens aber mit zum Teil spektakulären neuen Brücken. Besuchen die örtliche Mikro-Brauerei.

Außerdem müssen wir Lebensmittel bunkern, die nächsten Wochen wird es dazu wohl nicht allzu viel Gelegenheit geben. Der nördliche Teil der Küstenregion von British Columbia weist noch weniger Ortschaften auf als das südliche Alaska, es warten einsame Ankerbuchten.

Und dahin segeln wir jetzt. Heute sogar mal unter Gennaker.

😎

Alaska – Eindrücke aus zwei Monaten

Was war unsere Erwartung an Alaska?

Richtig konkret war es nicht, eher ein diffuses Gefühl von Abenteuer in einer vom Mensch noch nicht völlig veränderten, „zivilisierten“ Welt, am Rande der gewöhnlichen Komfortzone, abseits der kleinen Ortschaften „out in the wild“. Vielleicht: Kalt. Natur pur. Hoffentlich: Bären. Wale. Eis.

Kalt stimmt nur bedingt. Wir hatten fast durchgehend zweistellige Temperaturen auch nachts, tagsüber meist so um 15 Grad Celsius. Nur in Gletschernähe war es dann doch kälter. Was wir gar nicht so richtig auf dem Schirm hatten: die trotzdem oft herrlich klare „Winterluft“, der intensive Nadelwaldgeruch, die krasse Gebirgslandschaft, die unzähligen Wasserfälle.

Und die Menschen: wundervolle Begegnungen mit den wenigen anderen Cruisern, freundliche, offene und hilfsbereite Alaskaner (wo immer wir welche trafen).

Die heißen Quellen, die Beeren, das Angeln und Krebsfischen. Navigatorisch die Narrows und die starken Tidenströme, die großen trockenfallenden Bereiche vieler Ankerbuchten, das mystisch leuchtende Eis bei den kalbenden Gletschern.

Die Naturerlebnisse waren traumhaft. Bären, Wale, so nah und so beeindruckend. Der tägliche Weißkopfseeadler, Seeotter, Lachse. Die Wanderungen durch den von Moosen überwucherten Regenwald, ja, auch Regen und Nebel. Die Freude über blauen Himmel, der sich eben nicht jeden Morgen wie selbstverständlich beim ersten Blick durch das Decksluk zeigt. Die unfassbare Stille am Ankerplatz, wenn kein Windhauch auch nur Katzenpfötchen auf die Spiegelungen im Wasser malt.

Klitzekleiner Wermutstropfen: segeln war nur selten möglich, wir haben einige Motorstunden angesammelt. Aber wie zur Versöhnung gab es heute auf dem Törn von unserem Ankerplatz in der Foggy Bay über den Dixon Entrance ins kanadische Prince Rupert den ganzen Tag Segelwetter vom Feinsten.

Alaska hat uns beschenkt auch mit ein bisschen Zurückgeworfensein auf uns selbst, wie wir es sonst eher von längeren Passagen kennen. Kombiniert mit ganz vielen „zum ersten Mal“-Erlebnissen und wunderbaren Begegnungen. Eine Quintessenz dessen, was uns am Reisen so gefällt.

😊

Ketchikan und der Lachs in Alaska

Es ist soweit. Nach ungefähr zwei Monaten in Alaska laufen wir Ketchikan an, die südlichste Stadt in Alaska und damit der Ort, in dem wir aus den USA ausklarieren werden.

Ketchikan leitet sich her von Kichxáan oder auch Keech Ka Xa haan, dem ursprünglichen Namen des Ortes in Tlingit-Sprache, es bedeutet etwa “Flügel ausgebreitet darüber“.

Die monumentale Zedernholz-Schnitzerei “Thundering Wings” erinnert an die Herkunft des Ortsnamens.

Heute breitet sich eher der Kreuzfahrt-Tourismus über dem Ort aus als die Adlerflügel, drei größere Kreuzfahrtschiffe liegen gleichzeitig am Kai und die Zahl ihrer Passagiere reicht wohl an die der 8.000 Einwohner heran.

Das führt neben unzähligen “Jewelry“-Geschäften und Souvenirshops auch zu einer lebendigen Café-, Restaurant- und Kneipenlandschaft in dem Städtchen. Und es hat auch dazu bewirkt, dass diverse historische Häuser im alten Stadtkern erhalten und – je nach Lage – mehr oder weniger restauriert wurden, so wie hier im ehemaligen Rotlichtviertel mit seinen Boardwalks über dem Wasser …

oder etwas weniger zentral gelegen entlang der Promenade und den Hang hinauf:

Und natürlich machen es auch erst die vielen Touristen möglich, mehrere Museen zu unterhalten, wie etwa das sehr sehenswerte Totem Heritage Center, in dem anschaulich der kulturelle Hintergrund dieser für Alaskas Ureinwohner so ikonischen geschnitzten Pfähle und auch das strukturell sehr unterschiedliche Design der Totems in den verschiedenen Regionen erklärt wird.

Gleich neben dem Totem Heritage Center befindet sich die Deer Mountain Hatchery. Eine schöne Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Grüßt vor dem Eingang des Heritage Center doch ein Totem, das “Raven and Fog Woman” darstellt und an die Legende erinnert, wie der für die Ureinwohner und auch die Entwicklung Alaskas so wichtige Lachs in die Welt kam. Die Hatchery (eine von 29 in Alaska) ist eine Art Geburtsklinik und Kindergarten für (Wild-)Lachse. Anders als in Lachsfarmen wird hier nicht der Fisch für kommerzielle Zwecke gezüchtet, sondern ein Teil der Eier der lokalen Lachspopulation werden für die kritische erste Lebensphase in einem geschützten Habitat aufgezogen und dann in die Freiheit entlassen. Die erwachsenen Lachse kehren dann zum Laichen aus dem Meer den Fluss hinauf zur Hatchery zurück und sorgen für Nachschub.

Mitte der 70er Jahre wurden die ersten Hatcheries eingerichtet, seit 2010 machen die erwachsenen Lachse aus diesen Aufzuchtstationen zwischen 30 und knapp 50 Prozent der alaskaweit gefangenen Wildlachse aus.

Lachsfarmen sind in Alaska verboten 🚫.

Wenn man es nicht selbst erlebt hat, kann man sich die schiere Menge der Wildlachse in den Flüssen und Bächen Alaskas nicht vorstellen. Ohne Superlative geht’s ja in Amerika nicht: Ketchikan nennt sich selbst nicht nur “Alaska’s 1st City” (weil von Süden kommend erste Stadt), sondern auch “Salmon Capital of the World”.

Und jetzt zur Wanderzeit der Lachse sieht der Ketchikan Creek so aus:

Das ist eine etwas ruhigere, flussaufwärts gelegene Stelle, an der sich die Lachse für die weitere Reise ausruhen. Warum? Um hierher zu gelangen, müssen die Lachse erst einmal die Stromschnellen überwinden. Nicht ganz einfach:

Das irgendwie romantische Bild der Lachse bekommt aber einen ziemlichen Dämpfer, wenn man sich die Lachse kurz vor ihrem Ziel ansieht, den Laichgründen auf den zumeist höher gelegenen Kieselsteinbetten der Flüsse.

Die anstrengende Reise hat Spuren hinterlassen, die Fische wirken ziemlich ramponiert. Außerdem hat die Natur für die pazifischen Lachse (anders als die atlantischen) vorgesehen, dass sie diese Reise nur einmal antreten. Sobald sie das Salzwasser verlassen und die Flüsse hinaufziehen, hören sie auf zu fressen. Ihr Körper verändert sich massiv, wechselt die Farbe. Die vormals silbrigen Fische bekommen teils grünliche Köpfe und teils leuchtend rote oder Flanken (Sockeye und Coho), werden oliv (King/Chinook und Chum/Keta) oder stumpf grau mit cremefarbenem Bauch (Pink Salmon/Humpy). Der Kopf verändert die Form, das Maul bekommt einen verbogenen Oberkiefer mit Überbiss und herausstehenden Zähnen. Die Humpy-Männchen entwickeln zudem den namensgebenden auffälligen Buckel. Selbst die Schuppen werden zurückgebildet und weichen einer eher ledrigen Haut, der Lachs verzehrt sich buchstäblich selbst. Und nach Eiablage bzw. Besamung stirbt er. Alles in allem sehen die Lachse aus der Nähe betrachtet in diesem letzten Abschnitt ihres Lebens schon ein bisschen wie Fisch-Zombies aus:

Hier ein kurzes Video dazu, aufgenommen mit der GoPro in einem Bach direkt an unserem Hafen. Gefangen werden die Lachse in diesem Stadium nicht mehr (außer von den Bären), Geschmack und Textur des Fleisches haben sich nämlich auch verändert. Die leckeren Lachsfilets stammen also nicht von den “Zombies”.

😉

Regentag in Meyer‘s Chuck

Der Durchzug einer Front ist angekündigt, deshalb suchen wir Schutz im Naturhafen Meyer‘s Chuck. Wir haben Glück, am (kostenlosen) Floating Dock, zugleich Anlegepunkt für das Post-Wasserflugzeug, dass den abgelegenen Ort regelmäßig einmal pro Woche anfliegt, ist noch reichlich Platz frei. Ankern wäre auch möglich, aber bei dem vorhergesagten Wind von bis zu 40 kn ziehen wir den Platz am Schwimmsteg vor.

Tatsächlich bekommen wir dann von dem Wind nicht allzu viel mit und nur wenig Schwell findet den Weg in die Bucht. Der Regen allerdings ist wie angekündigt ziemlich kräftig. Das hält uns aber nicht davon ab, die Trails um die wenigen Häuser des kleinen Ortes zu erkunden.

Besonders beeindruckt uns das angeschwemmte Treibholz am westlich des Ortes gelegenen felsigen Strand.

Schön als natürliche Skulptur …

… aber leider auch gewaltig.

Wir hatten schon gehört, dass hier im Süden Alaskas und auch im kanadischen British Columbia mehr „Driftwood“ unterwegs ist und dass wird uns hier eindrücklich vor Augen geführt.

Da müssen wir künftig ganz sicher intensiv drauf achten.

Wrangell

Schon wieder ein Ort, groß für hiesige Verhältnisse mit 2.500 Einwohnern. Und doch so ganz anders als das skandinavisch anmutende Petersburg.

Wrangell präsentiert sich eher klassisch amerikanisch, insbesondere auf seiner Main Street, die hier Front Street heißt:

Scheint sehr übersichtlich, bietet dann aber auch versteckte Ecken zum besonderen Genießen:

Überhaupt: auch andere Sehenswürdigkeiten liegen ein bisschen verborgen. So findet sich etwas nördlich außerhalb des Ortes gelegen der Petroglyph Beach. Auf unserer Wanderung dorthin statten wir auch dem auf einer kleinen Insel im Ortskern gelegenen Chief Shakes Longhouse einen Besuch ab. Die 1940 gebaute und 2013 restaurierte Replika des sich ursprünglich an gleicher Stelle befindlichen Clan-Longhouses beinhaltet Tlingit Kunst. Leider können wir es nur von außen besichtigen, obwohl wir eigentlich während der ausgeschriebenen Öffnungszeit da sind. Das Saisonende ist offensichtlich. Immerhin können wir einige auf dem Gelände gelagerte Totempfähle anschauen, in überdachten Unterständen vor dem weiteren (natürlichen) Verfall geschützt.

Das massive große Holzhaus steht in Widerspruch zu der in Europa verbreitete Vorstellung, die Ureinwohner Amerikas hätten alle in Zelten oder Tipis gelebt. Tatsächlich trafen schon die ersten russischen und westlichen Eroberer hier die Tlingit in am Ufer gebauten Siedlungen aus Holzhäusern an. Gebaut allerdings im wahrsten Wort-Sinne in der Steinzeit, denn Metallwerkzeuge waren den Tlingit bis dahin nicht bekannt (eine Parallele zu den Polynesiern). Metallwerkzeuge und Nägel waren deshalb auch die begehrtesten Tauschgegenstände für die Felle der heimischen Tierwelt (allen voran Seeotter).

Steinzeit dann auch am Petroglyph Beach: Petroglyphen sind in Stein gearbeitete Felsbilder aus prähistorischer Zeit, also aus einer Zeit, aus der keine schriftlichen Überlieferungen vorliegen, was regional somit ziemlich unterschiedlich definiert ist.

Das genaue Alter der hiesigen Artefakte ist nicht bekannt und lässt sich auch nur schwer bestimmen, da sie in der Gezeitenzone liegend nicht anhand klassischer Ablagerungen (wie etwa den Resten von Flechtenbewuchs) eingeordnet werden können. Die unterschiedlich starken Verwitterungen lassen aber auf die Entstehung über verschiedene Perioden schließen.

Auch heute noch liegen die rund 40 Originale verstreut am Strand zumeist in der Spülzone der Tide und sind frei zugänglich. Wobei “Strand” vielleicht eine falsche Vorstellung weckt:

Hierzu noch einmal ein Orca-Detail von den Totems:

Zum Anfassen sind auf einer Plattform über dem Strand zudem erläuterte Modelle ausgestellt.

Einmal umgedreht und vom Strand in die bewaldeten Berge: am Ortsrand führt ein Pfad mit vielen Stufen steil den Hausberg hinauf.

Schon John Muir (der “Vater der amerikanischen Nationalparks” und Autor der wunderbaren “Wilderness Essays”) bestieg diesen Berg 1879 auf seiner Alaskareise. Im Regen, er musste unterwegs zum Aufwärmen ein Lagerfeuer machen. Wir haben mehr Glück mit dem Wetter, können auf dem damals natürlich auch noch nicht vorhandenen Bohlen-Weg bequem entlang der Steilhänge durch den wunderschönen Wald hoch zum Aussichtspunkt weit oberhalb von Hafen und Ort.

Jetzt warten wir noch den Durchzug einer Front ab, heute bei reichlich Regen gemütlich im Boot, und dann gehts weiter Richtung Süden. Die Saison hier neigt sich spürbar ihrem Ende entgegen, die Tiefdruckgebiete kommen in schnellerer Frequenz und werden heftiger, die Wetterfenster für Passagen über offene Strecken kleiner. Aber den Großteil der Strecken können wir auf der geschützteren Inside Passage durchführen, sowohl hier in Alaska als auch dann im weiteren Verlauf im kanadischen British Columbia.

Aber ein bisschen Alaska bleibt uns ja noch 😊

Juneau, Alaskas Hauptstadt

Anna, eine unserer Gastgeberinnen in der Crab Bay, stammt aus Juneau. Ihr ambivalentes Verhältnis zu Alaska und ihrer Heimatstadt hat sie uns gegenüber so beschrieben: „For 18 years I tried hard to get out of Alaska and than another 18 years to get back!” damit steht sie nicht allein. Die kleinstädtische Enge der gut 30.000 Einwohner zählenden Hauptstadt Alaskas und noch mehr der sie umgebenden Fischerdörfer, die Abgeschiedenheit vom Rest der Welt wird wohl von vielen (insbesondere von Jugendlichen) eher als Bürde denn als Privileg empfunden. Und doch, die enge soziale Verbundenheit und die phantastische Natur fehlen umgekehrt in der Anonymität ferner Großstädte.

Sehr schön beschreibt das eine Freundin von Anna, die Musikerin Erin Heist, in ihrer Musik. Etwa im Song “Out of town” (Album: From the land of rusted dreams) mit der Textzeile “Ain’t no boat to take, ain’t no road for free, I gotta get out of town.” Kommt sofort auf unsere Reise-Playlist.

Aber warum eigentlich gibt es keine Straße nach Juneau? Na klar, Alaska ist abgelegen. Trotzdem haben die Amerikaner im zweiten Weltkrieg in nur zwei Jahren mit Genehmigung der Kanadier einen Highway quer durch Kanada gebaut, um die bisher abgelegenen Flugplätze und Orte, insbesondere Anchorage, zu erreichen. Die Hauptstadt Juneau wurde trotzdem nicht an das Straßennetz angeschlossen. Der Grund wird auf diesem Schaubild im Alaska State Museum deutlich:

Das Juneau Icefield, eine riesige, 3.900 Quadratkilometer messende zusammenhängende Fläche von Gletschern, zieht sich im Osten Juneaus auf der Grenze zwischen Kanada und Alaska entlang.

Teile dieser Eisfläche sehen wir schon bei der Anfahrt auf Juneau. Der Mendenhall Gletscher, quasi der Hausgletscher der Stadt, begrüßt uns mit leuchtendem Hellblau bereits aus der Ferne und bevor wir die Häuser der Stadt ausmachen können.

Aber selbst für uns präsentiert sich Juneau zwiespältig. Zum einen ist da der sehr geschützte Hafen und die pittoreske Lage unmittelbar vor den hohen Bergen.

Andererseits ist das alte Stadtzentrum schon ausgesprochen touristisch geprägt. Überteuert, mit vielen Schmuck und Souvenirshops. Kein Wunder bei den im Verhältnis zur Bevölkerungszahl überwältigenden Zahl der großen Kreuzfahrtschiffe und ihrer Passagiere.

Schlangen vor dem Imbissbuden am Hafen, wo man für nur 20 US$ lokales Fastfood erstehen kann, Wartezeiten von einer Dreiviertelstunde im Food-Truck-Dorf, wo es das Ganze bei schönerer Kulisse etwas teurer gibt. Geschiebe in den Läden um die Franklin Street, wo dann z.B. original Bärenzähne zu kaufen sind.

Wandbild in der Innenstadt

Toll aber das innenstadtnah gelegene Alaska State Museum.

Kajak einschließlich Jagdgerätschaften sehr anschaulich erläutert
Sonnen- bzw. Schneebrillen
Verzierte Heilbutt-Angelhaken

Die verschiedenen Nationen der in Alaska lebenden Ureinwohner, ihre besonderen Kulturen und Jagdtechniken, Alltags- und Kunstgegenstände werden ebenso dargestellt wie die Kolonialisierungsgeschichte mit russischer und US-amerikanischer Station und der industriellen Fischerei.

Die Natur Alaskas wird zwar behandelt, kommt aber vielleicht ein bisschen kurz. Wir kompensieren das am nächsten Tag durch einen ausgesprochen langen Hike vor den Toren der Stadt. Mit dem Bus gelangen wir zum Startpunkt in der Nähe des Mendenhall Gletschers. Das Bussystem funktioniert gut, jede Fahrt kostet (unabhängig von der Fahrtstrecke) 2 $, von unserem Hafen in der nördlich gelegenen Auke Bay aus sind so große Supermärkte und auch das Stadtzentrum gut erreichbar. Der Hike beginnt einfach durch eher flaches Regenwald-Gebiet ein bisschen abseits der Straße.

Aber dann wählen wir den „East Glacier Loop Trail“, der abseits des von von den Kreuzfahrtbussen angefahrenen Besucherzentrums durch die Berge oberhalb des am Ufer des Gletschersees entlang führenden gut ausgebauten Fußweges zu den imposanten Nugget Falls führt.

Unser Wanderweg ist da einsamer. Wir begegnen auf dem mehrere Stunden dauernden Weg nur ein paar Handvoll andere Wanderer.

Mal mit gut ausgebauten Stufen oder Treppen …
… mal rustikaler …
aber immer mit beeindruckender Natur.

Am Ende schließt dann wieder ein flacheres Stück durch moorige Seenlandschaft an.

Hier treffen wir auf Mary, die gerade „High Bush Cranberries“ pflückt, nicht Huckleberries (Johannisbeeren) , wie wir fälschlich annehmen. Die Biologin ist vor über 30 Jahren nach Alaska gekommen und hier geblieben. Sie erklärt uns anschaulich, wie wir die Sitka Spruce (piksig, gerade Spitze) von der Hemlock-Tanne (weiche, flache Nadeln, gebogene Hexenhut-Spitze) unterscheiden können. Unsere bisherigen Versuche über die Borke („Potato Chips bzw. Bacon“) waren nicht so recht eindeutig. Während wir uns unterhalten, fliegt eine große blaue Libelle zu uns und lässt sich abwechseln auf jedem von uns nieder. Von Wiebkes Rücken kann ich sie auf meinen Finger locken und an Mary weiterreichen. Ungewöhnlich, aber sehr schön.

Mary berichtet uns, dass über diese blauschwarzen Libellen gesagt wird, sie würden die Lippen von schlechte Dinge sagenden Menschen zusammennähen. 😜

Und noch eine andere tierische Begegnung haben wir auf dieser Wanderung: erstmals sehen wir Lachse in ihrer Laichfärbung ein stark strömendes Bachbett hinaufwandern. Für den Rotlachs (Sockeye) hat die Saison begonnen, sein dunkelblauer Rücken und die silbrigen Seiten haben sich leuchtend rot verfärbt, der Kopf grünlich. Das Maul macht eine Formveränderung durch, wird deutlich länger und bekommt in Ober- und Unterkiefer einen Haken. Die laichfähigen Tiere in diesem Stadium fressen nicht mehr, sondern kämpfen sich die Bäche hoch zu ihrem Geburtsort, laichen und sterben dann.

Jetzt beginnt die Festmahlzeit für die Bären. Wir sind gespannt, ob wir das noch zu sehen bekommen.

Zurück am Hafen treffen wir auf die gerade angekommenen Crews der Pitou und der (ebenfalls holländischen) Fidelis. Spontan drehen wir nochmal um und begleiten die anderen zur örtlichen Brauerei oberhalb der Marina.

Die Kombination aus großem Wagen und Nordstern ziert die Flagge Alaskas

Ach ja, der tägliche Seeadler. Heute mal „Marina-Style“. Hoffentlich verzeiht der B&G-Windmesser im Masttop des Nachbarbootes die funktionsfremde Nutzung.

Heute haben wir übrigens Ruhetag, die 13 km von gestern stecken uns noch in den Beinen. Passt aber, um es mit einem anderen Alaska-Song von Erin Heist auszudrücken: „Another rainy day“. Wir verwöhnen uns mit Selbstgebackenem: Apfel-Pekanuss-Kuchen und Hafer-Cashew-Karamell-Keksen.

😁

Was das Reisen ausmacht …

… sind vor allem anderen die Begegnungen.

Wir fahren bei mäßigem Wetter von Hoonah aus die Icy Strait hinauf und ein kleines Stück den Lynn Canal (der große Verbindungsfjord, der nach Skagway hinauf führt). Dann biegen wir aber gleich wieder ab in die Funter Bay.

Ein schöner, unspektakulärer Ankerplatz. Nicht völlig einsam, im Süden der Funter Bay ist vor den langsam verfallenden Ruinen der alten Fischkonsenvenfabrik ein öffentlicher Ponton verankert, an dem man kostenlos festmachen darf. So etwas gibt es hier häufiger mal. Wir entscheiden uns aber für den nordöstlichen Arm, die Crab Cove. Im Scheitel der Bucht stehen mehrere Häuser am Waldrand. Ein deutlich kleinerer Ponton ist außerhalb der trockenfallenden Zone verankert, er scheint privat zu sein, ein Aluboot mit Außenborder ist offenbar schon länger daran festgemacht. Wir ankern noch einmal um, nachdem wir unseren Schwoikreis kontrolliert haben. Bei gut 4 m Tidenhub kämen wir bei Ebbe doch sehr nah an den Flachwasserbereich, etwas mehr Abstand sorgt für besseren Schlaf. Ein paar Bojen von Krebsfallen sprenkeln die Wasseroberfläche, kein Wunder beim Namen der Bucht. Vielleicht haben wir hier ja mal Erfolg beim “Crabbing”, also bringen wir gleich unseren Krebskorb aus.

Am nächsten Morgen wundern wir uns über eine kleine Versammlung auf dem Ponton. 6 Leute stehen im Regen und unterhalten sich. Beim ersten flüchtigen Hinsehen halte ich sie für Fischer. Als ich nach dem Kaffee aus dem Fenster sehe, kommt gerade eine Frau mit einem Hund im Kajak dazu. Hm, doch keine Fischer. Drei Männer und drei Frauen stehen auf dem kleinen Floß, außerdem können wir jetzt auch Gepäckstücke erkennen.

Wir fragen doch mal nach, ob sie ein Shuttle brauchen, ich fahre mit dem Dinghy rüber und werde sehr freudig empfangen. Sie wollen zum Haus und der Cabin von Joan (der Frau mit dem Hund). Das Taxiboot aus Juneau konnte bei dem niedrigen Wasserstand nicht nahe genug an den Strand fahren und das Boot von Joan liegt noch für ein paar Stunden hoch und trocken. Also bringe ich sie mit ein paar Fuhren hinüber. Joan nimmt mir das Versprechen ab, dass wir auf jeden Fall noch vorbeikommen müssen.

Wiebke und ich frühstücken gemütlich und fahren dann beide hinüber. Kurz, wie wir denken, eigentlich wollen wir ja gleich Anker auf gehen. Aber es kommt anders. Das Haus ist super gemütlich. Wir bekommen eine Tasse Tee mit Blick auf unser Schiff und schnacken uns gleich fest.

Es ist nur mit dem Boot oder per Wasserflugzeug erreichbar, eine Straße führt nicht einmal in die Nähe. Stromanschluss gibts ebenfalls nicht, Solarpanels und ein Dieselgenerator versorgen die 12-Volt-Batterien, wie auf unserem Boot. Wasser wird aus dem oberhalb des Hauses angestauten Bach gezapft und von da per Fallrohr zum Haus geleitet. Gasflaschen, Diesel, Lebensmittel, das muss alles per Boot mitgebracht werden.

Als die Flut das Boot von Joan wieder flott gemacht hat, holen wir das Gepäck, Wiebke shuttelt die Koffer und Lebensmittel mit Joans Quad.

Dann wollen die Jungs aus Texas fischen gehen. Sie haben Angelruten und Krebskörbe mitgebracht, Greg macht auch mir gleich eine Angel fertig und erklärt, wie das Setup für Heilbuttfischen am besten funktioniert. Als Köder befestigt er mitgebrachte Heringe auf den Doppelhaken hinter dem Gewicht. Zwischen den vorgelagerten Inselchen lassen wir das Boot langsam driften, die Köder knapp über dem Grund werden durch Auf- und Abwippen mit der Angel immer wieder in die Höhe gezogen und heruntergelassen. Jig-Fischen (oder Pilken beim Dorschfischen in der Ostsee, danke an Michael von der Samai für den Hinweis).

Erfolgreich. Nach weniger als 5 Minuten habe ich den schönen Heilbutt im Boot. Auch die anderen haben Angelglück, innerhalb einer halben Stunde fangen wir vier Heilbutte (die Schollen und Rockfische gehen gleich wieder ins Wasser zurück).

Das wird ein Festessen, zumal wir aus Joans Krebsfallen auch noch fünf fette Dungeness-Krebse holen (unsere ist natürlich leer, war aber auch nicht so lange drin).

Die Krebse werden gekocht, die Heilbuttfilets zünftig über auf einem Bett aus Skunk-Cabbage-Blättern auf Zwiebeln und Knoblauch gegrillt.

Es wird ein wunderschöner, sehr langer Abend mit tollen Gesprächen. Danke an Joan, an Anna und Greg, Jennifer und Alex, Lissette und Pedro für Eure Gastfreundschaft.