Hochs und Tiefs

Nee. Nicht meteorologisch. Das Wetter ist weiterhin fein, überwiegend sonnig, tagsüber um die 30 Grad Celsius (mit den hier verkündeten Grad Fahrenheit stehen wir noch auf Kriegsfuß). Derzeit auch ab und zu mal heißer, gestern hatten wir bis 34 Grad. Nachts so 23 oder 24 Grad, das kann man gut aushalten, zumal wir bisher weitestgehend von Mückenalarm verschont geblieben sind.

Von den Orten her gibt’s schon eher Hochs und Tiefs. Die Einsamkeit im Smith Creek war auf alle Fälle ein Hoch, dagegen konnte uns Solomon am Patuxent River nicht so recht begeistern. Vom Cruising Guide als „one of the Chesapeake’s top destinations for cruising boaters“ beschrieben, statten wir dem für uns auch günstig nahe der Flußmündung gelegenen Ort einen Besuch ab. Und tatsächlich finden sich hier acht (8!) Marinas und auch sonst Unmengen von Booten, in welchen Arm des verzweigten Creeksystems man auch einbiegt. Wir ankern in einem kleinen Nebenarm dicht bei einer Marina. Dann geht’s mit dem Dinghy hinüber zum – tja, wohin eigentlich? Ein Zentrum scheint es nicht zu geben, auch vielen moderneren amerikanischen Orten ist dieses Strukturprinzip ja eher fremd. Und wie sich dort Supermarkt, Tankstelle, Diner, Restaurant und Geschäfte irgendwo entlang der Durchgangsstraße verteilen, so gibt es auch hier keine zentrale Hafenpromenade, an der sich etwa die Restaurants finden ließen und auf der man entlang bummeln könnte. Statt dessen: Stückwerk, überwiegend Privatgrundstücke am Wasser. Auch ein ausgewiesenes Dinghydock gibt es nicht, lediglich bei einzelnen Restaurants oder Bars kann man anlegen. Das spricht uns nicht an. Eine Anlandemöglichkeit für das Beiboot gibt es am Museum, aber das ist geschlossen. Vom Wasser her kann man es erreichen, aber die Tore zur Straße sind mit Schlössern verriegelt. Bierchen im Cockpit ist aber auch schön 😋.

Kreuzend und motorend (der wenige Wind kommt von Norden) geht es für uns gleich am nächsten Tag weiter nach Saint Michaels. Auch das liegt in Maryland, aber auf der anderen, östlichen Seite der Chesapeake Bay. Diesmal müssen wir um einiges tiefer in das Labyrinth der Buchten und Creeks hineinfahren. Aber wir sehen viele andere Segler auf dem Weg, vielleicht nicht das schlechteste Omen. Und es kommt noch besser: als wir um die letzte Ecke biegen, liegen rund 50 Boote auf dem weiten Ankerplatz vor dem Ort. Und etwas entfernt eine Schute, auf der ein großes Schild prangt: „Fireworks. Danger. Stay away.“

Na, da werden wir den amerikanischen Nationalfeiertag ja gebührend begehen können. Anders als etwa zu Silvester nämlich wird hier am Independence Day der Nachthimmel künstlich und laut böllernd in Farben getaucht. Vorher werden wir noch beim Ankermanöver von Delfinen begrüßt und die Wartezeit bis zum Beginn der Pyrotechnik wird uns durch einen tollen Sonnenuntergang und einen mindestens ebenso beeindruckenden Aufgang des Vollmondes verkürzt.

Immer mehr Boote finden sich ein, als es dunkel wird irrlichtern diverse kleine und größere Motorboote aus den Creeks heran. Roten, grünen und weißen Glühwürmchen ähnlich tanzen sie aus verschiedenen Richtungen auf uns zu, am Ende sind geschätzt rund hundert zusätzliche angekommen. Manche mit Festbeleuchtung, die meisten beflaggt, Musik zieht über das Wasser. Feierstimmung mit bestem physical distancing. Und dann geht’s los: July 4th 🇺🇸 in Saint Michaels: für uns Hamburger wie das Kirschblütenfest auf der Außenalster in groß 😁.

Aber die Hochs und Tiefs beschränken sich natürlich nicht of die besuchten Orte. Auch die Technik an Bord sorgt für Abwechslung 🥺.

Kein allzu gutes Zeichen, dass die Fock (mal wieder) abgeschlagen und am Seezaun angelascht ist. Nach mehreren problemlosen Tagen lässt sie sich mal wieder nicht einrollen und kann deshalb nur so geborgen werden. Gestern Abend wollten wir uns da nicht mehr drum kümmern, aber heute morgen muss ich dann natürlich doch dran. Ich baue die Leinentrommel ab (da hab ich inzwischen schon Übung drin). Diesmal schraube ich aber auch die Furlex noch weiter auseinander, um besser an die Kugellager heranzukommen. Die werden ausgiebig mit Süßwasser gespült, auch das obere, trocknen jetzt erstmal und kriegen dann ihr (seewasserfestes) Fett. Hoffentlich hilft es, ich kann nämlich immer noch keinen wirklichen Grund für die gelegentliche Fehlfunktion finden.

Zum Trost gibt es ein herrliches Sonntagsfrühstück mit Pfannkuchen, Ahornsirup, Zaft und Apfelmus.

Ankern auf dem Waldsee

Für unseren ersten Ankerplatz in Maryland haben wir uns zur Abwechslung einen etwas abgelegeneren Creek ausgesucht. Verwinkelte, aber gut betonnte Einfahrt vom Potomac aus, vorbei an ein paar am Ufer stehenden Wohnwagen bei der Point Lookout Marina. Wir biegen nicht in den Jutland Creek ab, sondern zirkeln um zwei Flachs herum in eine etwas größere und aufgefächerte Bucht des Smith Creek hinein. Hier fühlt es sich an, als wäre die bewohnte Welt außen vor geblieben, als hätten wir hinter einem Paravent von Bäumen den Anker in einem stillen Waldsee fallen lassen. Keinerlei Dünung findet herein, keine Jetskis oder Motorboote sausen von und zu den Stegen am Ufer gibt es keine Häuser. Und bei dem geringen Abstand der Ufer und den schützenden Bäumen wirklich rundherum baut sich selbst in Böen keine nennenswerte Windwelle auf, allenfalls kräuselt sich die Oberfläche mal etwas mehr, wenn ein ein Fisch springt oder einer der auch hier zahlreichen Fischadler sich seine Beute holt.

Schaut man genauer hin, lässt sich ein kleinen Tidensaum am Ufer erkennen. Aber erst mit der Drohne sieht man, dass sich hinter den Bäumen doch Felder und vereinzelt Häuser finden.

Quallen gibt’s leider reichlich. Faszinierend anzusehen, wie sie gespenstergleich dicht unter der Wasseroberfläche dahinschweben, den Schleier ihrer Nesselfäden hinter sich herziehend. Aber das abendliche Bad muss eben ausfallen und die Paddleboard-Runde erfolgt auch nur mit besonderer Vorsicht.

Der wunderbaren Abendstimmung tut das keinen Abbruch.

Reedville und Cruising Licence

Deltaville gefällt uns gut. Schöne geschützte Bucht, die auch zu Ankerliegern freundliche Marina, vor allem aber: nette Langfahrercommunity. Wir treffen drei Boote wieder, mit denen wir vorher schon Kontakt hatten (Arcadia 🇩🇪 , Worlddancer II 🇩🇪 und Alisara 🇬🇧 ), wir lernen natürlich auch neue kennen, hören interessante Geschichten, bekommen Tips, können ab und zu sogar selbst einen Tip geben, obwohl wir mit „nur“ einem Jahr Leben an Bord meist die Frischlinge sind.

Aber nach ein paar Tagen zieht es uns trotzdem weiter, schließlich wollen in Annapolis unsere Freunde Greg und Michael an Bord kommen und wir möchten auf der Strecke dort hinauf verschiedene Ecken der Chesapeake Bay kennenlernen und nicht hetzen.

Als nächsten Ankerplatz haben wir uns Reedville ausgesucht. Ein kleines Stück den Great Wicomico River hinauf und dann am Nordufer in den Cockrell Creek hinein. Das historische Fischerörtchen ist laut Törnführer ein „Must-visit-Port“ und bietet auch mehrere gute Ankerplätze.

Flora vor dem kleinen Creek, der zum Museumshafen führt. Die Main Street läuft einmal quer durch das Bild und ja, sie ist auch kaum länger.

Die Hauptstraße verläuft auf einem Landrücken zwischen den Creekausläufern „East Fork“ und „North Fork“, so dass sich auf beiden Seiten Wassergrundstücke befinden. Bebaut sind sie mit überwiegend historischen Wohnhäusern, die die verschiedenen Stilepochen der letzten anderthalb Jahrhunderte wie in einem Prospekt aufblättern, große Villen ebenso wie einfache Landhäuser. Dazwischen eine kleine, noch in Betrieb befindliche Holzbootwerft. Unübersehbar steht der 4. Juli und damit der Nationalfeiertag bevor, Flaggen und Girlanden finden sich fast überall zuhauf.

Die beiden Restaurants und auch das Eiscafé sind wohl covidbedingt nur am Wochenende geöffnet, also bleibt es bei einem Bummel durch den Ort. Auch das Fischereimuseum, dessen Steg auch als Dinghydock dient, ist leider geschlossen.

Steg des Fischereimuseums

Fischerei und Fischverarbeitung prägen aber den Ort noch heute. Eine große Flotte von Menhaden-Fischkuttern liegt rund um die „Omega-Protein“-Fischfabrik am Eingang des Creeks. Das sind sehr spezielle Fischereischiffe, die zwei kleinere Tochterboote am Heck transportieren. Mit denen wird ein Ringnetz um die Schwarmfische herum ausgebracht und dann auf den Großen Kutter gehievt. Der Name Omega-Protein verrät schon viel. Dem kleinen, mit dem Hering verwandte Menhaden-Fisch wird nämlich nicht wegen Schmackhaftigkeit nachgestellt, er ist fettig und sehr grätenreich. Statt als Speisefisch wird er zu Omega-3-Fischöl oder noch profaner zu Fischmehl verarbeitet. Das funktioniert offenbar nicht ganz geruchsfrei, aber wegen der Windrichtung ziehen nur selten Schwaden mit Fischmehl-Odor über unseren Ankerplatz und den Ort.

Das Morgenbad am Ankerplatz allerdings breche ich schon ab, bevor die Fußspitze das Wasser berührt, eine Vielzahl kleiner Quallen zieht rund ums Boot. Rippenquallen und Löwenmähnenquallen (=gelbe Feuerquallen), bäh. Dabei ist es sonst so schön hier.

Dann doch lieber los, schließlich ist Segelwind (allerdings aus Nord) und wir wollen heute Virginia verlassen und eine Ankerbucht auf der nördlichen Seite des Potomac, also in Maryland suchen. Der Wechsel des Bundesstaates bedeutet aber auch, dass wir die CBP (Coast and Border Protection) in Maryland einmalig über unseren Törnfortschritt und den Eintritt in ihr Zuständigkeitsgebiet informieren müssen. Also Anruf bei der Zentrale in Baltimore, durchstellenlassen zum Officer on Duty. Der muss erst ein paar Kollegen fragen, holt dann ein paar Daten zu Boot, Kapitän und Cruising Licence ein, fertig. Er ermahnt uns aber, das Procedere in jedem anderen Bundesstaat zu wiederholen. Ja, wissen wir. Auch, dass die Strafgebühren sonst heftig wären. Aber wir haben ja jetzt auch erfahren, wie problemlos das System zu funktionieren scheint.

Fein ist, dass wir bisher an jedem Segeltag hier in der Chesapeake Bay Delfine gesehen haben. Meist nur in einiger Entfernung, aber immerhin, damit hatten wir so gar nicht gerechnet. Schon jetzt sind es jedenfalls mehr, als wir in der Karibik beobachten konnten (o.k., dafür hatten wir da ein paar Mal Wale).

Und überhaupt, wer wollte sich beschweren, wenn er so den breiten Potomac hinaufsegeln darf.

Deltaville

Rund 30 sm ums Eck vom East River in der Mobjack Bay, mal herrliches (wenn auch langsames) Schwachwindsegeln unter unserem blauen Gennaker, mal dann doch unter Motor.

Dann noch um zwei Flachs herum in den Piankatank River hinein, hinter der langgezogenen Halbinsel „Stove Point Neck“ nach Deltaville abbiegen, => Ententeichfeeling.

Ja, die Chesapeake Bay ist eine Bucht des eher rauhen Nordatlantik und ja, sie ist etwa 12.000 Quadratkilometer groß, RIESIG!

Aber durch ihre Verzweigungen bietet sie viele geschützte Ankerplätze. Unter anderem die Fishing Bay, hier bei Deltaville. Und die zeigt sich uns so, wie man sich einen Ankerplatz wünscht: recht gleichmäßige Tiefe, kein bisschen Ozeanschwell, gegen die vorherrschenden Windrichtungen gut geschützt. Einziger Wermutstropfen: klares Wasser geht anders (aber immerhin können wir hier etwa einen halben Meter weit ins Wasser spähen, doppelt so tief wie auf unserem letzten Ankerplatz).

Aber in dem brackigen Wasser fühlen sich neben anderen Muscheln auch Austern richtig wohl, zudem ist es ein Paradies für Krebse. Kein Wunder also, dass das „Ernten“ der Meeresfrüchte hier eine lange Tradition hat, ebenso wie der Bau der dazu notwendigen Arbeitsboote. Lange Zeit war das Zentrum des (Holz-)Bootsbaus dieser zumeist kleinen Working-Boats genau hier bei Deltaville und die maritime Prägung sorgt noch heute für eine kaum zu übertreffende die Dichte an Liegeplätzen und Häfen auf der von Creeks durchzogenen Halbinsel zwischen Piankatank River und dem viel größeren, sich fast 300 km von den Blue Ridge Mountains hierher schlängelnden Rappahannok River.

In der Marina vor der wir Ankern gibt es ein Dinghydock. Für 5 US$ können wir unsere Florecita dort anbinden. Hört sich erstmal gar nicht so günstig an. Ist es aber, denn diverse Zusatzleistungen sind enthalten. So können wir dort unseren Müll entsorgen und – damit hatten wir nicht gerechnet – sogar kostenlos Fahrräder ausleihen. Die Chance ergreifen wir und statt zu Fuß zum Supermarkt in den langgestreckten Ort zu gehen machen wir eine herrliche Fahrradtour. Sprichwörtlich durch Wald und Feld.

Wobei der Wald sich als lockere Mischung von Laub- und Nadelbäumen erweist, obwohl wir aus der Entfernung meinten, ganz überwiegend Laubbäume zu sehen und doch Nadelbäume zu riechen. Kein Wunder, wenn sich die Kiefern so tarnen:

Es riecht nach Sommer und wir erkunden auf unserer Fahrradtour einen größeren Teil der Landspitze mit ihren verschiedenen Häfen. In der Stingray Point Marina stoßen wir auf einen kompletten 1:1 Nachbau des alten Leuchtturms von 1853, der damals das ausgedehnte Flach vor dieser Halbinsel zwischen den Flüssen markierte und der sich so deutlich von den klassischen europäischen Leuchttürmen unterscheidet, Ähnliche Leuchtürme fanden – und finden – sich in der Chesapeake Bay aber noch mehrere.

Im Regatta Point Yachting Center lockt uns die mit Schaukelstühlen und sich gemächlich drehenden Ventilatoren bestückte Club-Terrasse mit Blick über den Hafen.

Was in allen Marinas auffällt sind die überdachten, manchmal Hallen, manchmal Hütten ähnelnden Garagen für Motorboote. Für uns ungewohnt, hier aber absolut üblich und auch an den Privatstegen mancher Häuser am Creek zu finden.

Am Ende landen wir aber doch noch beim Supermarkt, Milch und Küchenrollen sind an Bord ausgegangen. Regionaltypisches zeigt sich auch hier: in dem wirklich kleinen Haushatswarensortiment findet sich eingekeilt von Salatmesser und Grillzange tatsächlich der Muschelöffner zwischen Austernmesser und Hummergabeln.

Letztere haben wir dank Catalina sogar in der edlen Silberausführung an Bord und sie kommen heute auch noch zum Einsatz, leckere Snow-Crab-Legs werden unser Abend(fest)essen auf Flora:

Genau ein Jahr …

… leben wir jetzt auf dem Boot. Unfassbar viele Erfahrungen und Begegnungen, bei weitem übertroffene Erwartungen, Überraschungen, Aha-Erlebnisse und Genussmomente.

8.846 sm haben wir zurückgelegt, von Griechenland 🇬🇷 über Italien 🇮🇹, Spanien 🇪🇸, Gibraltar 🇬🇮, Portugal (Madeira) 🇵🇹, die zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln 🇮🇨, Kapverden 🇨🇻, von dort aus die Atlantiküberquerung nach St. Vincent und die Grenadinen 🇻🇨, Grenada 🇬🇩, Saint Lucia 🇱🇨, Martinique 🇲🇶, Dominica 🇩🇲, Guadeloupe 🇬🇵, Antigua und Barbuda 🇦🇬, US Virgin Islands 🇻🇮, Bahamas 🇧🇸 und dann in die USA 🇺🇸.

Was waren unsere absoluten Highlights? Das ist gaaanz schwer zu beantworten. Spontan:

Ankommen in der Karibik,

default

fast jeden Tag Schnorcheln und Schwimmen,

Regenwaldwanderungen,

Ankern vor unbewohnten Inseln,

sternenklare Nächte,

Kennenlernen von und Gemeinschaft mit Menschen so vieler Nationen,

Tierbegegnungen,

Zweisamkeit,

Segeln, Segeln, Segeln

American Eagle?

Wir ankern ein kleines Stück vor dem Ende des für uns schiffbaren Teils des East River. Gegenüber zweigt der Put In Creek (manchmal auch Puddin´s Creek geschrieben) ab und schlängelt sich etwa 1,5 sm weit ins Land bis zum Örtchen Mathews. Obwohl Mathews selbst nur gut 550 Einwohner zählt, ist es doch Hauptort und Verwaltungssitz des Landkreises Mathews County. Mit 650 Quadratkilometern entspricht das County von der Größe in etwa dem Landkreis München, hat allerdings insgesamt nur knapp 9.000 Einwohner.

Der Put In Creek wird nach dem ersten Drittel ziemlich flach, das letzte Drittel ist auch mit dem Dinghy nur um Hochwasser herum zu befahren. Aber die Tour lohnt sich. Der immer schmaler werdende Creek mit seinen vielen kleinen Seitenarmen und Buchten vermittelt den Eindruck, durch eine gepflegte Parklandschaft zu fahren, nur dass eben auf den fast immer ziemlich großen Ufergrundstücken Privathäuser stehen, durch deren Hinterhof (und an deren Bootsstegen vorbei) wir mit unserem Beiboot tuckern.

Aber wir sind etwas zu früh, die Tide ist noch zu weit vom Hochwasser entfernt. Noch vor dem engen bachähnlichen Schlussstück wirbelt unser Außenbordmotor Modder auf, höchste Zeit ihn hochzuklappen und den Rest zu rudern. Aber auch das hilft nur bedingt, wir bleiben tatsächlich mit dem Dinghy stecken, rutschen ein bisschen über den Schlamm und kommen letztlich doch zum Ziel. An einem kleinen Anleger für Kanus machen wir Florecita fest und schlendern in den Ort.

Mathews scheint ein wenig aus der Zeit gefallen. Oder vielleicht ist es eher so, dass der Ort in der Zeit zurückbleiben möchte, die Sprüche an den Wänden über einigen Geschäften legen es jedenfalls nahe. Das wirkt mal charmant, mal leicht hinterwäldlerisch, je nach Gusto.

Heute am Samstag ist „Famers Market“ und wir schlendern hindurch, aber statt Obst und Gemüse wird wie in einigen Antiquitätengeschäften des Ortes überwiegend Kram verkauft, das Ganze erinnert mehr an einen Flohmarkt. Einige hausgemachte Marmeladen gibt es dann doch auch. Brauchen wir derzeit allerdings nicht, und das was wir benötigen kriegen wir im gut sortierten Supermarkt Food Lion.

Als wir zum Dinghy zurückkommen ist Hochwasser. Perfektes Timing jedenfalls für die Rückfahrt, diesmal müssen wir nur durch den Bachlauf rudern, danach kann der Motor an.

Langsam pöttern wir durch die Parklandschaft zurück, wie auf der Hinfahrt sehen wir mehrfach Fischadler. Die majestätischen Vögel sind mit einer Flügelspannweite von etwa 1,7 m zwar etwas kleiner als die Weißkopfseeadler (bis 2,3 m und amerikanische Wappentiere), aber dafür brüten die Fischadler gerne auf den Seezeichen hier und präsentieren sich uns damit ganz aus der Nähe.

Mit dem Fotografieren der Adler hab ich mir besondere Mühe gegeben, weil mich Annemarie von der Escape in einer Mail darauf „angesetzt“ hat, was ja irgendwie Ansporn und Verpflichtung zugleich ist ;-).

Chesapeake Bay

Vielleicht erst mal zur groben Orientierung:

Na gut, erkennen kann man da von der Chesapeake Bay nicht sehr viel. Die Bucht selbst ist etwa 180 sm (330 km) lang in Nord-Süd-Richtung und ist bis zu 30 sm (55km) breit. Eigentlich ist sie ein riesiges Mündungsgebiet, aber eben nicht nur eines Flusses sondern das von grob geschätzt etwa 150 Flüssen und Bächen, Wasser aus 6 US-Bundesstaaten findet den Weg hierher. Es gibt im Normalfall gut einen halben Meter Tidenhub und so mischen sich hier Süßwasser und salziges Meerwasser in unterschiedlichen Konzentrationen.

Auf dem Kartenausschnitt kann man es schon erahnen, die Küstenlinie der Chesapeake Bay ist stark zerklüftet. Wie stark? SEHR! Eigentlich scheint sie eher einer marinen Nachbildung von Lungenkapillaren zu ähneln. Das wurde uns heute verdeutlicht, als wir von Hampton aus etwa 20 sm nach Norden in die Mobjack Bay und dort in den East River gefahren sind.

Hier wird dann klar, warum die Chesapeake unfassbare rund 11.000 Meilen Uferlinie aufweisen soll. Und die ist – zumindest hier – wunderschön. Die flache Landschaft ist zumeist bis zum Ufer hin dicht bewaldet. Die Häuser an den Flussufern und Creeks (wie die kleineren zumeist schmalen Buchten und die sie speisenden Bäche genannt werden) verstecken sich gerne etwas hinter den Bäumen. Allerdings weisen unzählige in das flache Uferwasser hinausgebaute Bootsstege dann doch auf sie hin. Wir fahren den East River etwa 2 sm hinauf und finden einen schönen und gut geschützten Ankerplatz mit etwa 3,5 m Wassertiefe und ohne Minibojen von Krebsfallen in unserem Schwoibereich, die ansonsten außerhalb des Hauptfahrwassers ausgesprochen großzügig verteilt sind und einige Aufmerksamkeit erfordern.

Ein kurzes Panoramavideo gibt es HIER.

Sonnenuntergangsblick gab es gratis dazu:

Landurlaub

Seit fast genau zwölf Monaten haben wir jede Nacht auf dem Boot verbracht. Mal mehr, mal weniger schaukelnd. Und jetzt – machen wir das erste Mal eine „Pause“ vom Bootsleben. Nicht, weil wir eine Abwechslung oder Unterbrechung brauchen, sondern weil wir uns sehr auf unsere Freunde in Washington D.C. freuen. Wir haben aber angesichts der unsicheren Flugsituation nach Europa (und vor allem zurück) beschlossen, entgegen unserer ursprünglichen Planung nicht schon zum 01.07. aus dem Wasser zu gehen sondern doch die Segelsaison für uns noch weiter zu verlängern, vielleicht sogar doch noch weiter die US-Ostküste hoch zu segeln. Als Konsequenz ziehen wir schon mal ein erstes Treffen mit unseren Freunden Greg und Michael vor, legen Flora in Hampton in eine Marina, mieten ein Auto und fahren nach Washington D.C.

Es ist gut getimt, auf der Fahrt durch die überraschend grüne Landschaft haben wir ziemlich regnerisches Wetter, sogar einige echte Wolkenbrüche, in Washington dagegen erstmal wieder richtig schönes Wetter.

Bei Greg und Michael erwartet uns ein kleines Weihnachten zu Sommerbeginn: jede Menge Päckchen dürfen ausgepackt werden. Wir durften die Adresse der beiden als Bestelladresse nutzen und haben von dieser Gelegenheit reichlich Gebrauch gemacht. Ersatzteile für Flora finden sich ebenso wie einige Elektronik- und Fotoartikel, die hier in den USA einfach viel billiger sind. Darunter auch die dringend benötigten neuen Akkus für unsere MavicAir-Drohne, die alten waren eigentlich um einiges über den Status „vertretbar nutzbar“ hinaus (aber bei Hogsty Reef musste ich sie einfach noch einmal einsetzen).

Wir werden in vielerlei Hinsicht verwöhnt: zunächst einmal (und immer wieder) kulinarisch, aber auch mit tollen Ausflügen. In die Umgebung, zu den Great Falls, wo der in Washington so ruhig, breit und träge dahin fließende Potomac River ein ganz anderes, wildes und urspüngliches Gesicht zeigt.

Der C&O-Canal Towpath (Chesapeake-Ohio Treidelpfad) führt an den Stromschnellen des Potomac vorbei, auf dem rund 300 km langen Kanal mit seinen 74 Schleusen wurde zwischen 1834 und 1926 vor allem Kohle aus West Virginia nach Washington gebracht und der begleitende Leinpfad ist heute zum Rad- und Wanderweg ausgebaut. Die Schleusen sind derzeit außer Betrieb, aber eine Teilstrecke wird derzeit renoviert, einige neue Schleusentore sind schon zu sehen. Wir machen einen wunderschönen Spaziergang.

Wie schon auf der Herfahrt sind wir überwältigt von dem vielen frischen Grün. Das ist besonders beeindruckend, wenn man sich die Zahlen der weiter schnell wachsenden Metropolregion Washington mit über sechs Millionen Einwohnern vor Augen führt. Aber über waldgesäumte Straßen fahren wir bis hinein nach Georgetown in Washington D.C.

Der Plan, hinunter ans Wasser zu fahren und sich dort das neue Viertel an der South-West-Waterfront anzusehen erweist sich als nicht ganz einfach umzusetzen. Überall weiträumig um das weiße Haus herum sind die Straßen mit Militärfahrzeugen abgeriegelt.

Die starken Proteste nach dem Tod von George Floyd zeigen sich aber nicht nur darin, sondern auch in vielen mit Holzverschalungen versehenen Schaufenstern in großen Teilen der Innenstadt und dem omnipräsenten Motto „BLACK LIFES MATTER“.

Am Kapitol vorbei gelangen wir am Ende aber dann doch hinunter zum Flussufer. Das moderne Viertel in der früheren No-Go-Area hat eine schöne Promenade vor den neuen Gebäuden am Anacostia River (der kurz darauf in den Potomac mündet) und mehrere weit in den Fluss hinausgebaute Flanierbrücken. Bis hinüber zum alten, denkmalgeschützten Fischmarkt ziehen sich die modernen Fassaden.

Auf dem Fischmarkt waren wir vor ein paar Jahren schon einmal, im Winter, gleichwohl war es rappelvoll. Heute sieht er ganz anders aus, Absperrungen dominieren das Bild, die Verkaufstresen scheinen fast leer. Doch das Bild trügt: ein ganzes Stück die Straße rauf zieht sich eine lange Schlange von Wartenden, die eben nur einzeln oder stoßweise hinunter auf den Fischmarkt gelassen werden. Corona zeigt sich doch nicht nur in den Masken und geschlossenen Geschäften.

Und so ist nicht ganz klar, worauf sich der hoffnungsvoll zukunftsgewandte Spruch der Leuchtreklame vorrangig bezieht, es bieten sich verschiedene Interpretationen an.

Hampton

Wir sind in Hampton. Bereits 1610 gegründet, eine der ältesten Städte des Landes und mit knapp 140.000 Einwohnern auch nicht klein. Aber, wie viele amerikanische Städte, eher weitläufig und eigentlich auf Autoverkehr zugeschnitten. Trotzdem können wir vom Dinghysteg aus zu Fuß eine kleine durchaus etwas belebte Straße zum Supermarkt hinauflaufen. Einige Geschäfte und auch Restaurants sind wieder geöffnet, Virginias Covid-Einstufung in “Phase 2” bedeutet, dass Restaurants jetzt mit 50 % ihrer Kapazität auch die Innensitzplätze wieder nutzen dürfen und praktisch alle Läden bei Einhaltung des “physical distancing” betrieben werden können.

Wir nutzen das noch nicht so recht, freuen uns aber trotzdem darüber.

Der Supermarkt verdient diese Bezeichnung, das Angebot ist groß und auch die Frischeabteilungen vielfältig bestückt. Außerdem kommen uns die (mit Deutschland verglichen hohen) amerikanischen Lebensmittelpreise traumhaft günstig vor, weil wir noch die karibischen Preise im Kopf haben.

Amerikanisch (und für uns irritierend) ist dann aber doch auch der ein oder andere Laden auf dem Rückweg:

Auch das Wetter schlägt ein bisschen Kapriolen: vorgestern und gestern ist eine Front durchgezogen und hat uns kalte, nasse und stürmische Tage beschert. Vorgestern ging dabei ein kleines Segelboot auf Drift, schrappte knapp an Flora entlang und konnte nur mit einer gemeinsamen Aktion von Florecita und dem Dinghy der Amalia eingefangen werden. Der fast apathisch wirkende ältere Mann an Bord musste von uns dazu überredet werden, mehr Kette bzw. Leine zu stecken, kam dem aber nur zögerlich nach. Das Angebot, ihn an den Ponton zu schleppen und dort erstmal sicher festzumachen lehnte er auch ab. Leider fand sich das Boot am nächsten Morgen dann am Ufer.

Und noch ein zweites, größeres Boot ging dann hinter uns auf Drift ohne es zu merken. Es hat dann aber nach unserer Warnung (Steve ist mit dem Dinghy rübergefahren) umgeankert und scheint jetzt sicher zu liegen.

Wir haben dann doch lieber mal unsere elektronische Ankerwache reaktiviert 😉.

Historischer Boden

Flora hat ihren ersten Ankerplatz hier in den USA noch immer nicht verlassen, wir liegen weiter im Mill Creek bei Hampton in der Südwestecke der Chesapeake Bay. Direkt neben unserem Ankerplatz (auf der anderen Seite der lärmenden Brücke 😉) liegt die Mündung des James River. Und hier, genauer gesagt auf einer Halbinsel ein Stück flussaufwärts, liegt die Keimzelle der englischen Kolonialisierung Nordamerikas und – weil dies die erste britische Kolonie überhaupt war – des sich in der Folge entwickelnden britischen Weltreiches. Ab 1607 wurde hier James Fort (später Jamestown) gegründet, die erste dauerhafte englische Siedlung in Nordamerika nach einigen Fehlschlägen im letzten Viertel des vorangegangenen Jahrhunderts. Die Besiedlung und Gründung erfolgte nicht direkt durch die Krone, sondern durch eine eigens gegründete Aktiengesellschaft, die Virginia Company. Und – es gab sie wirklich – hier in Jamestown heiratete 1614 der Tabakfarmer John Rolfe seine Pocahontas, die Tochter des Powhatan-Häuptlings. Das verschaffte der Siedlung für einige Zeit Frieden (tatsächlich aber nur für weniger als 8 Jahre).


Blick Richtung James River

Auf der anderen Seite unseres Ankerplatzes liegt auf der durch den Mill Creek abgetrennten Halbinsel “Old Point Comfort” das Nationaldenkmal “Fort Monroe”. Schon 1609 wurde hier ein Fort errichtet, um die Kolonie zu schützen. Etwa 200 Jahre später wurde es nach dem britisch-amerikanischen Krieg von 1812 (also rund 30 Jahre nach der Unabhängigkeit der USA) in seiner jetzigen Form eines von einem Graben und Wällen umgebenen Fünfecks mit Bastionen ausgebaut. Als erstes und größtes Fort sollte es eine neue Art des Schutzes der Küste einleiten.

Schön ist, dass man in das Fort einfach hineinspazieren und oben auf den Befestigungswällen einen Rundgang machen kann. Mit dem Dinghy fahren wir in den flachen Teil des Mill Creek hinein, machen an einem verfallenen Steg in der Nähe der Festung fest und nutzen diese Gelegenheit.

Blick vom Fort Monroe auf den Mill Creek

Klar, es gibt militärisches zu sehen wie etwa die alten Geschützlafetten, aber im Wesentlichen lässt sich der Blick über den Strand der Chesapeake Bay bis hinüber nach Norfolk und die kleinen Häuser um den Leuchtturm Old Point Comfort genießen.

Und auch im Inneren des Fünfecks wirkt ein größerer Teil der Bebauung eher unmilitärisch, manchmal parkähnlich wie hier bei dem halb hinter einem riesigen Magnolienbaum mit fußballgroßen Blüten verborgenen Südstaatenhaus:

Und ja, Virginia gehörte ja auch zu den “Südstaaten” im amerikanischen Bürgerkrieg. Das Fort Monroe dagegen, obwohl in diesem Bundesstaat gelegen, wurde durchgängig von den Unionstruppen der USA gehalten und nicht von den Truppen der Konföderierten erobert. Es wurde auch “Fort Freedom” genannt, zumal sich der dort kommandierende Brigadegeneral Butler mit einem geschickten Schachzug über das auch im Bürgerkrieg geltende Gesetz hinwegsetzte, nachdem geflohene Sklaven auch in den Staaten, in denen die Sklaverei abgeschafft war an ihre dies verlangenden “Besitzer” herausgegeben werden mussten (Fugitive Slave Act): er erklärte alle in sein Befehlsgebiet gelangten Sklaven für nach Kriegsrecht beschlagnahmt zugunsten der Union. Freiheit durch Beschlagnahme!