San Francisco II: Cable Car, Chinatown, Mission

Die Golden Gate Bridge erscheint nicht immer rot oder gar golden. Der Himmel nicht immer blau. Und auch San Francisco hat im wahrsten Sinne viele Farben und Nuancen zu bieten.

Wir nehmen ein Cable Car und fahren vom Marina District über die steilen Hügel von Russian Hill und Nob Hill. Dort macht unsere Linie einen Haken und führt dann weiter zur Market Street, einer der Haupteinkaufsstraßen in Downtown San Francisco.

Die Cable Cars sind so nostalgisch, wie wir sie aus diversen Filmen kennen. Innen komplett mit Holz ausgekleidet, hölzerne Sitzbänke, und nicht zuletzt offene Trittbretter, auf denen stehend außen an der Cable Car mitgefahren werden kann.

Jeweils zwei Operator fahren den Wagen. Warnweste und feste Handschuhe weisen sie aus, gleichzeitig ist einer von ihnen auch Schaffner. Die Bedienung der Cable Cars sieht nach schwerer Arbeit aus und im kleinen Cable Car Museum (1201 Mason Street) erfahren wir, warum das tatsächlich so ist. Die unter der Straße verlegten Kabel verlaufen für die vier Cable Car Linien in vier riesigen separaten Schleifen. Wie bei Seilbahnen werden sie über entsprechende Räder angetrieben und umgelenkt.

Die Wagons selbst werden dann durch den Operator (oder “Gripman”) an die Kabel angeklemmt und zwar im Wortsinne. Eine große Klemmzange greift um das Kabel und hält den Waggon an ihm fest. Mit gut 15 km/h geht es dann vorwärts. Vom Waggon aus kann der Griff gelockert werden, das Kabel rutscht dann etwas durch (langsame Fahrt) oder ganz gelöst (zum Anhalten, wobei dann vom Bremser auch die mechanische Radbremse angezogen werden muss).

Unterwegs im Cable Car sieht der Platz des Gripman zwischen den Sitzen so aus:

Seit 1863, also seit genau 150 Jahren gibt es die Cable Cars in San Francisco und an ihrer grundsätzlichen Mechanik hat sich nicht viel geändert.

Wir bummeln durch die Innenstadt und den Bereich SoMa (South of Market), wo auch das San Francisco MoMA (Museum of Modern Art) beheimatet ist, Mittwochs aber leider geschlossen hat. Also weiter Richtung der Hochhäuser der Finanzdistricts und dann abbiegen nach Norden.

Unser Ziel ist Chinatown, dass sich in mehreren Straßenzügen vom Financial District bis hinauf nach Little Italy um Telegraph Hill und North Beach hinzieht. Manchmal geht der Blick hinunter zum Wasser, wo mit der San Francisco-Oakland-Bay Bridge die größere Schwester der Golden Gate Bridge grüßt.

Vor allem aber ist Chinatown tatsächlich eine Stadt für sich. Als wir in einer Nebenstraße in einem kleinen Restaurant essen, sehen wir um uns herum ausschließlich Chinesen. Auch die Angestellten des Restaurants sprechen nur chinesisch, für uns wird eigens eine Übersetzerin herangeholt. „Wie haben Sie unser Restaurant gefunden?“ ist die erste übersetzte Frage. Das Essen ist dann übrigens sehr gut und ausgesprochen günstig. Wir lassen uns durch das zwischen Tradition und Moderne, zwischen Tourismus und eigenem Lebensstil changierende Viertel treiben und diese bunte Mischung auf uns wirken.

Am nächsten Tag nehmen wir vom Marina District den Bus der Linie 49. Die Nummer der Linie ist Zufall, aber ein witziger. Schließlich stehen die „San Francisco 49ers“ als NFL American-Football-Team ziemlich weit oben auf der Bekanntheitsliste in diesem Sport. Der Name hebt übrigens nicht auf das Gründungsjahr ab (das war erst 1946) sondern auf 1849 als das Jahr des kalifornischen Goldrausches, dass San Francisco einen kometenhaften Aufstieg bescherte. Und auch uns bringt die 49 zu den Ursprüngen der Stadtentwicklung. Wir fahren in den Stadtdistrikt „Mission“. Benannt ist er nach der ab 1776 erbauten katholischen Mission Dolores. Diese spanische Missionsstation wurde zwar gemeinhin Mission Dolores (nach dem benachbarten Flüsschen) genannt, war offiziell aber nach dem heiligen Franz von Assisi benannt. Und – na klar – sie war der Ursprung der sich in der Folge langsam, ab 1849 dann aber sprunghaft entwickelnden Stadt San Francisco. Das älteste noch existierende Gebäude der Stadt ist denn auch als zweite größere Gebäudestruktur der Mission bereits 1791 eingeweiht. Dieser alten Missionskirche wurde später eine neue zur Seite gestellt, die allerdings anders als das Altgebäude dem Erdbeben von 1906 zum Opfer fiel und 1918 durch eine verspielt dekorierte Basilika ersetzt wurde.

Der Stadtteil „Mission“ ist wohl das Viertel in San Francisco, in dem die lateinamerikanischen Wurzeln auch heute noch am stärksten zu spüren sind. Nicht wie in Chinatown praktisch als geschlossene Stadt, sondern vielmehr offen dynamisch auch für andere Kulturen, aber mit einem klaren Schwerpunkt im mexikanischen oder zumindest spanisch-sprachigen Bereich (diesmal essen wir wunderbar im peruanischen Restaurant „Limón“). Bars, Taquerias und Restaurants finden sich reichlich, aber auch zum Beispiel eine der wenigen wirklich guten Bäckereien.

Eine weitere Attraktion im Viertel sind die vielen Wandmalereien (Murals), allen voran das „Woman`s Building“ und die fast vollständig bemalte Gasse „Clarion Alley“. Letztere geht auf ein vor dreißig Jahren ins Leben gerufenes Kunst- und Community-Projekt zurück, das auch ein Zeichen gegen die „Neuentwicklung“ und Umstrukturierung gewachsener Stadtsteile und die damit einhergehende Gentrifizierung setzten will.

Klares Signal: San Francisco war nicht nur zu Hochzeiten der Hippiebewegung 1967 bis 1969 bunt, sondern will es weiterhin bleiben.

San Francisco: erste Eindrücke

Angekommen am Ankerplatz in Aquatic Parc, lassen wir erst einmal die Umgebung auf uns wirken. Das fast herzförmige Becken wird nach Nordwesten (in Richtung Golden Gate Bridge) durch eine geschwungene Mole gebildet. Die ist allerdings seit dem letzten größeren Erdbeben am 25.10.2022 baufällig und darf nicht mehr betreten werden.

Landseitig grenzt ein makelloser Sandstrand an die Bucht, dahinter schließt sich der öffentliche “Maritime Garden” an. Bei dem wunderbaren (für San Francisco untypisch warmen) Sommerwetter werden Park und Strand ausgiebig genutzt. Vor allem aber gibt es in der Bucht von frühmorgens bis spätabends viele Schwimmer. Gleich zwei Schwimmclubs haben hier ihre Stege und trotz der kräftigen Strömung trainieren ihre Mitglieder auch noch bei Dunkelheit. Motorboote dürfen daher nicht auf diesen Ankerplatz. Früher mussten die Segelboote auch unter Segeln einlaufen und ankern, heute darf aber der Hilfsmotor genutzt werden. Am Dinghy sind aber Motoren über 5 PS unzulässig. Unser Außenborder bleibt also am Heckkorb, wir rudern an Land.

In die andere Richtung schließen sich erst der Museums- und dann ein Fischereihafen an. Auch zur bekannten Pier 39 ist es zu Fuß nicht weit. Und dann geht’s den Berg hoch nach San Francisco hinein. Und in die Bucht hinaus geht der Blick zur berühmten Gefängnisinsel Alcatraz. Was für ein wunderbarer Ankerplatz!

Ok, also Fisherman’s Wharf und Pier 39. Das scheint als touristisches Pflichtprogramm in San Francisco zu gelten. Kneifen wir uns das? Wir sind versucht, aber dann haken wir es doch einfach mit einem Spaziergang ab. Es ist touristisch, besonders die Pier 39 ähnelt einem einzigen Jahrmarkt, aber es hat auch nette Seiten, zumal es alles andere als überfüllt ist. Wir sind scheinbar schon in der Nachsaison, spätestens ab nächstem Wochenende (Labour Day).

Einzig an der Spitze von Pier 39 drängeln sich die Menschen, um einen Blick auf die Seelöwen zu haben, die sich auf den davor befestigten Pontons sonnen und die Aufmerksamkeit zu genießen scheinen. Die am nächsten liegenden Pontons sind am dichtesten belegt.

Nette Idee auch: das Hard Rock Cafe am Eingang der Rummelmeile hat den Eingangsbereich nebst überdimensionierter Gitarre aus Stahl gebaut und in der Farbe der Golden Gate Bridge gestrichen.

Wir haben uns zwar (über die Munimobile-App) für 41 Dollar eine Wochenkarte für den öffentlichen Nahverkehr in San Francisco gekauft, die sonst 8 Dollar pro Einzelfahrt kostenden Cablecar-Wagons sind dabei eingeschlossen. Aber die Spannung darauf heben wir uns noch ein bisschen auf und erschließen uns die Umgebung erst einmal zu Fuß. Unser Weg führt uns im Zickzack in den Stadtteil North Beach, zurecht auch „Little Italy“ genannt.

Umwege hier her wären eigentlich nicht nötig (machen aber Spaß und sind ein guter Ausgleich nach der Zeit auf dem Boot). Die Stadt ist im Wesentlichen mit Straßen im Schachbrettmuster gebaut. Dies völlig unabhängig davon, dass die steilen Hügel eigentlich eine andere Wegeführung nahelegen würden. Aber dadurch entsteht eben auch der einzigartige Charakter der Stadt. Teilweise führen die Straßen mit 30 Prozent Steigung den Berg hinauf, im 90-Grad-Winkel zu terrassierten Straßen am Hang entlang. Die Verfolgungsjagden in den Krimis “Die Straßen von San Francisco” mit den springenden Autos lassen grüßen, Karl Malden und Michael Douglas auch.

Von North Beach aus haben wir zum Beispiel einen tollen Blick hinüber auf die Lombard Street. Die ist in einem Abschnitt so steil ist, dass auf dem eigentlich geraden Teilstück im Stadtteil Russian Hill Serpentinen hineingebaut wurden:

Da gehen wir auf dem Rückweg zur Flora natürlich auch lang. Von den steilen Passagen aus bieten sich auch immer wieder tolle Blicke:

Den Kaffee nach dem leckeren italienischem Essen nehmen wir denn auch erst, als wir fast schon wieder am Boot sind. Es wird ein besonderer Kaffee. Die Spezialität des “Buena Vista” ist nämlich Irish Coffee, man nimmt für sich in Anspruch, diese besondere Mischung aus (Irish) Whiskey und heißem Kaffee mit einer Schicht kalter flüssiger Sahne obendrauf 1952 in den USA eingeführt zu haben.

Und “Buena Vista” stimmt auf jeden Fall: als wir heraus kommen, sehen wir zwischen zwei Cablecars hindurch unten im Wasser genau …

… unsere Flora!

Am Abend hat dann zunächst die Sonne einen farbenprächtigen Abgang …

… und dann der Mond einen ebenso beeindruckenden Auftritt. Supermoon (wegen Erdnähe auf der elliptischen Umlaufbahn besonders groß) und außerdem noch Blue Moon (der zweite Vollmond in einem Monat), da wird alles gegeben:

Unter der Golden Gate Bridge hindurch nach San Francisco …

… das ist schon ein Träumchen.

Um das zu verwirklichen, ist der nächste Schritt von Crescent City aus ein etwa zwei Tage (und zwei Nächte) dauernder Törn um Kap Mendocino herum zur Drakes Bay. Wir nehmen in Kauf, dass wir eventuell einen größeren Teil davon unter Motor zurücklegen müssen. Aber wir haben Glück mit dem für seine Starkwinde bekannten Kap Mendocino, doppeltes Glück sogar: zunächst einmal begleiten uns bei spiegelglattem Wasser Pazifische Weißstreifendelfine (mit Kussmund-Zeichnung) um das Kap …

… und dann setzt kurze Zeit später segelbarer Wind ein. Eine Zeitlang fahren wir den Gennaker, die “Joy” unserer Segelfreunde Arianne und Michiel lüftet sogar das Besanstagsegel ihrer Contest 38 und fährt damit gleich vier Segel gleichzeitig:

Der Wind wird uns für den Rest des Törns nicht mehr verlassen, sondern entgegen der ursprünglichen Vorhersage weiter zunehmen, die bunte Pracht weicht also schon bald gerefften weißen Tüchern.

In die Ankerbucht der Drakes Bay laufen wir nach dem rund 40 Stunden dauernden Törn fast zeitgleich ein. Ein paar Stunden später gesellt sich die “Fidelis” von Jeanette und Jeroen dazu. Witzig, alle drei Yachten haben zusammen in Campbell River überwintert.

Der Stop in Drakes Bay gibt uns Gelegenheit auszuschlafen und den nur knapp 30 sm langen verbleibenden Schlag nach San Francisco mit mitlaufender Tide zu gestalten. Jeder kalkuliert ein bisschen anders: als wir Anker auf gehen, ist die Joy schon 6 sm voraus. Die Fidelis wiederum lässt uns einen ähnlichen Vorsprung.

Wir können segeln, aber zunächst löst sich die tief hängende Wolkendecke nur sehr zögerlich auf.

Am Point Bonita Lighthouse vorbei, der erste Blick auf die Golden Gate Bridge. Die Spitzen der Pfeiler sind noch in den tiefhängenden Wolken (oder ist es Hochnebel) verborgen.

Aber dann reißt der Himmel immer mehr auf, Gänsehaut, wir passieren die Golden Gate Bridge:

Nach der ersten vorsichtigen Durchfahrt unter Motor drehen wir gleich wieder um, nehmen die Segel hoch. Bei dem Wetter, das können wir doch jetzt auch unter Segeln genießen. Wir kreuzen wieder zurück. Wiebke hat pünktlich für San Francisco ihren Sommer-Pullover fertig gestrickt (mit Blumenmuster, wenn wir schon keine Blumen im Haar tragen).

Passt doch!

Und jetzt kommt auch die Fidelis an, wie wir zunächst unter Motor. Sie machen Fotos von der ihnen entgegen segelnden Flora …

…, drehen dann um, nehmen die Tücher hoch und lassen sich von uns vor der Golden Gate Bridge fotografieren:

Nach der Fotosession geht’s gemeinsam zum Ankerplatz im Aquatic Parc, ganz nahe am historischen Zentrum von San Francisco gelegen und mit Blick auf die Gefängnisinsel Alcatraz. Eigentlich eine Badebucht mit Sandstrand und mehreren Schwimmclubs, aber nach Online-Reservierung unter http://www.recreation.gov können wir hier für fünf Nächte direkt in der Stadt ankern.

Danke, San Francisco, für den netten Empfang.

Und was ist bei der mehrfach geänderten Planung nun herausgekommen?

Wir sind wieder unterwegs in Richtung San Francisco. Drei Stops haben wir nach Verlassen der kanadischen Gewässer unterwegs bereits eingelegt.

Da war zunächst Neah Bay in Washington State. Nach einem abgebrochenen Versuch klappt es beim zweiten Mal. Wir runden Cape Flattery im ersten Sonnenlicht.

An der schönen aber auch rauen Küste von Washington und Oregon mit ihren prägnanten Felsen geht es hinunter bis zu unserem Etappenziel Newport. Kein wirklich angenehmer Törn, obwohl wir nur selten die vorhergesagten 30 kn in Böen haben, wobei der Wind und die Wellen achterlich kommen. Aber es sind gut 200 Seemeilen, also ein Übernachttörn. Und ich bin seekrank. Kann zwar meine Wachen gehen, behalte aber nichts bei mir, füttere mehrmals die Fische. Nicht ungewöhnlich für die erste längere Offshore-Passage nach den kurzen Hüpfern an der Küste, da muss ich jetzt durch und hoffen, dass die See-Beine sich schnell wieder einstellen.

Die Einfahrt nach Newport klappt gut, Wind und Welle haben wie vorhergesagt nachgelassen. Wir passieren die Barre ohne Probleme und motoren unter der in den 1930er Jahren gebauten imposanten Bay Bridge hindurch den Yaquina River hinauf.

Der Ankerplatz liegt gleich hinter dem Zentrum von Newport in einer Flussbiegung. Abgesehen davon, dass direkt hinter der Flora die Verbände auf Schleppverband (seewärts) oder Schubverband (flussaufwärts) umgestellt werden ist es ziemlich ruhig.

Eben noch hinter der Schute schiebend, jetzt als Schlepper im Einsatz. Der fahrende Leuchtturm 😉

Aber es stinkt. Die Fischverarbeitungsfabrik am Ufer schickt Schwaden von wenig wohlriechender Bestätigung ihrer Aktivitäten herüber. Wir bleiben trotzdem zwei Nächte, denn das Einklarieren in die USA zieht sich etwas hin. Wir haben den Antrag online über die App CBP ROAM gestellt, nachdem wir gegen 16.00 Uhr geankert hatten. Sofort erhalten wir eine Meldung:

“Your request has been submitted and is awaiting review by a CBP officer. Status: Pending”

Am nächsten Morgen hat sich daran nichts geändert. Gegen 9.00 Uhr bekommen wir immerhin schon mal die Bestätigung, dass unsere Cruising License erteilt wurde. Gut, damit ist Flora drin. Aber wir sind halt noch nicht offiziell eingereist. Kurz darauf eine neue Meldung:

“Your request is being processed by a CBP Officer. Please stand by for a video interview or confirmation. Status: Processing”

Und dabei bleibt es dann den Tag über. Am Nachmittag werden wir langsam unruhig. Newport in Oregon ist “Port of Entry”, aber die CBP ist hier offenbar nicht mehr vor Ort. Die angegebene Telefonnummer führt nur zur Auskunft: ist nicht mehr vergeben. Die nächstgelegene CBP-Station ist Coos Bay. Dort landen wir auf dem Anrufbeantworter, unsere Telefonate brechen aber bereits vor dem Piepton immer an der selben Stelle ab. Die allgemeine Nummer der CBP probieren wir auch, aber an der Ostküste der USA ist schon Büroschluss. Hm.

Und dann plötzlich: Pling. “Approved”. Kurz danach auch die Email-Bestätigung. “Enjoy your stay”. Wir sind eingereist und dürften an Land gehen. Fein. Aber lieber bereiten wir Flora auf die Weiterreise am nächsten Morgen vor. Das Wetterfenster passt für eine weitere Übernachtfahrt nach Crescent City im nördlichen Kalifornien.

Die vielen Seelöwen fühlen sich von dem Geruch der Fischfabrik eher angezogen. Und riechen selbst auch ziemlich intensiv.

Es wird ein ziemlich flotter Ritt, diesmal aber zum Glück ohne Seekrankheit. Der Wind nimmt wie vorhergesagt kräftig zu, die Welle bleibt aber noch mäßig. Mit Reffs im Großsegel und in der ausgebauten Fock rauschen wir gen Kalifornien.

Dass die Sonne wieder so außerordentlich rot ist, liegt an den vielen Staubpartikeln in der Atmosphäre. Die stammen von den verbreiteten Waldbränden. Leider hat das auch Auswirkungen auf unseren Aufenthalt in Crescent City. Das ansonsten nicht sonderlich attraktive (und 1964 und 2011 jeweils von verheerenden Tsunamis heimgesuchte) Städtchen bietet sich für einen Ausflug in den Redwood Nationalpark ganz in der Nähe an. Hätten wir sehr gerne gemacht, ist aber zur Zeit nicht möglich. Die Waldbrände sind zwar außerhalb des Parks, aber unzählige Feuerwehrleute versuchen das Übergreifen auf die uralten Baumriesen zu verhindern. Die Motels in Crescent City sind mit Rettungskräften belegt, Feuerwehrfahrzeuge überall.

Also wieder eine Planänderung: gemeinsam mit der Joy laufen wir schon am Tag nach unserer Ankunft wieder aus. Damit können wir es (hoffentlich) noch vor dem nächsten von Süden heranziehenden Starkwindfeld um das berüchtigte Kap Mendocino herum zur Drakes Bay eben nördlich von San Francisco schaffen. Zwei Tage und zwei Nächte werden wir dafür wohl unterwegs sein. Drückt uns die Daumen.

Warten und die Planung ändern.

Seglers Pläne sind in den Sand geschrieben. Bei Niedrigwasser!

So auch diesmal. Eigentlich wollten wir von Kanada aus direkt nach San Francisco segeln. Aber ein dafür geeignetes Wetterfenster zeigt sich derzeit nicht. Im Gegenteil: ein Hurrikan vor der Baja California macht gerade auch den äußersten Südwesten der USA um San Diego unsicher.

Auf der Seite des amerikanischen Wetterdienstes NOAA sieht die voraussichtliche Zugbahn des Kategorie IV Hurrikans Hilary heute so aus:

Bei Windy präsentiert sich Hilary so:

Das ist (auch von San Francisco aus) noch weit weg und ja auch der Grund, warum wir vor Ende der Hurrikansaison nicht nach Mexiko segeln wollen.

Aber: Auch wenn Hilary’s Wind uns nicht erreicht, die von dem Hurrikan aufgeworfenen Wellen wandern weit über den Pazifik und sorgen gemeinsam mit der an der Küste herunterlaufenden nördlichen (derzeit sowieso schon hohen) Windsee dafür, das sich uns auf dem direkten Kurs wohl ein chaotisches und äußerst unangenehmes Wellenbild bieten würde.

Also planen wir neu: erst einmal um das Cape Flattery herum und auf einem küstennahen Kurs ein Stück nach Süden. Das Problem in diesem Küstenabschnitt ist allerdings, dass die möglichen Häfen und Ankerplätze in Washington und Oregon praktisch alle in Flussmündungen hinter einer Barre liegen. Bei hoher See und/oder auflandigem Wind ist das problematisch.

Auch hierfür bietet NOAA eine Hilfestellung und fasst auf einer im Internet abrufbaren Seite zusammen, welche dieser Barren derzeit befahrbar sind und welche Einschränkungen laut Coast Guard derzeit gelten.

Wir lassen zig mal unsere Abfahrtsplanung mit verschiedenen Varianten bei Predictwind durchlaufen, dem Planungstool, dass wir abonniert haben und bei Passagen gerne verwenden. Unterwegs lässt sich “Predictwind Offshore“ auch über IridiumGo abrufen, so haben wir das bisher immer gemacht. Jetzt mit Starlink können wir aber ganz bequem und schnell auch größere Datenmengen (und damit großräumige Passageplanungen mit präzisen Vorhersagerastern) laden. Klasse, nur am Wetter selbst ändert es natürlich nichts.

Wir entscheiden uns für Newport in Oregon (Yaquina Bay) als nächstes Ziel. Durch die dortigen langen Molen ist diese Barre selten von Schließungen betroffen. Etwa 36 Stunden sollten wir bis dort brauchen. Um im Hellen anzukommen klingelt der Wecker heute um 4:30, um 5:15 fahren wir los.

“Red sky in the morning, sailor’s warning.” Vielleicht ist es aber auch der Rauch der vielen Waldbrände in British Columbia, der für diese Morgenröte sorgt. Tatsächlich ruft die Regierung im Laufe des Tages den Notstand für BC aus.

Wie dem auch sei, wir drehen nach einer halben Stunde um, zurück in die Neah Bay. Keine leichte Entscheidung. Laut neuer Vorhersage hätten wir etwa drei Meter Welle, wenn wir dort ankommen. Von Achtern unterwegs durchaus machbar, wenn auch vielleicht nicht super angenehm. Aber an der Barre? Bei einer Weiterfahrt zum Ausweichhafen Crescent Bay (ohne Barre!) würden die Wellen auf 4 m zunehmen.

Gehe zurück auf Los!

Und was machen wir mit dem geschwenkten Tag?

Erstmal zurück ins Bett, ausschlafen. Und dann? An Land dürfen wir nicht, wir haben in den USA noch nicht einklariert, das geht in Neah Bay auch nicht (aber in Newport). Karen und Steve hatten uns bei unserem Road-trip in Denver ein Puzzle geschenkt, in Erinnerung an unseren Puzzle-Tausch beim Lockdown in Antigua in der Carlisle Bay. Jetzt ist die Gelegenheit dafür:

Wir beobachten am Ankerplatz eine im Norden Nordamerikas heimische, von uns aber bisher nicht gesehene Meerente, die Brillenente (Surf Scoter).

Riggen schon mal beide Spinnakerbäume mit Topnant, vorderem und achteten Niederholer und durch die Nock geführter Schot für die zu erwartenden achterlichen Winde der Passage. Ready to go.

Außerdem: neu planen, neu planen, neu planen 😉.

Orcas zum Abschied

Die Chance in British Columbia Orcas zu sehen, ist eigentlich ziemlich groß. Vier verschiedene Populationen gibt es hier. Erstaunlicherweise mischen sie sich nicht, obwohl sich ihre Verbreitungsgebiete überlagern. Sie haben unterschiedliche Verhaltens- und Ernährungsweisen, Forscher haben zudem für die jeweilige Population unterschiedliche Laute und Kommunikationsfolgen bei diesen intelligenten Tieren erkannt und gehen von regelrecht verschiedenen Sprachen aus.

Da sind zum einen die Offshore-Population am Kontinentalschelf vor der Westküste, die sich ausschließlich von Fisch ernährt (unter ihrer Beute finden sich selbst Haie). Die zweite Gruppe bilden die sogenannten „Transients“. Sie ziehen in Küstennähe herum und jagen ganz überwiegend maritime Säugetiere, vor allem Seehunde und Seelöwen, aber auch Delfine und sogar andere Walarten wie zum Beispiel Schweinswale (daher auch die oft reißerisch verwendete Bezeichnung „Killerwal“).

Die dritte und vierte Gruppe bilden die nördlichen und die südlichen „Residents“. Beide Gruppen ernähren sich fast ausschließlich von Lachs. Die beiden Gruppen lassen sich nicht nur geografisch sondern auch genetisch unterscheiden, scheinen sich gegenseitig zu meiden und paaren sich auch nicht miteinander.

Trotz der vier Gruppen: nur insgesamt drei Mal haben wir bisher Orcas gesehen, allerdings jeweils ziemlich kurz und aus großer Entfernung. Es waren vermutlich jeweils Northern Residents.

Jetzt in den Gulf Islands hatten wir ein bisschen auf Southern Residents gehofft, die sich hier häufiger aufhalten sollen. Aber bisher: Fehlanzeige.

Von Saturna Island aus segeln wir nach Portland Island. Als wir ankommen, ist der im Törnführer empfohlene aber ohnehin ziemlich flache Ankerplatz in der Princess Bay bereits gut belegt.

Ist aber kein Problem: nur 500 m weiter um die Ecke herum sieht es laut Seekarte ebenso geschützt aus, sogar etwas tiefer und weiter vom Schwell der vorbei fahrenden Fähren entfernt. Wir probieren es, der Ankergrund ist gut und hier sind wir ganz allein.

Das Beste: zum Dinghydock in der Princess Bay ist es nur ein kurzer Weg, so können wir trotzdem einen schönen Hike auf der unbewohnten Insel machen und uns an den dort wild wachsenden Brombeeren gütlich tun.

Am nächsten Tag motoren wir bei Windstille aus den Gulf Islands hinaus, passieren die kargen Chatham Islands bei mitsetzender Tide …

… und sind damit in der Strait of Juan de Fuca, quasi der südlichen Ausfahrt von BC. Abschiedstour. Hm. Als die Tide kentert biegen wir nach Victoria ab.

Sommer in der Stadt: zwei Tage genießen wir strahlenden Sonnenschein, blauen Himmel und warme 28 Grad. Verglichen mit der Westküste von Vancouver Island ist es hier tatsächlich regelmäßig um einige Grade wärmer.

Wir treffen noch einmal Eliza und Ben. Ben fährt „als Rentnerjob“ im Sommer eines der knuffigen und für Victoria so typischen Hafentaxis. Er macht uns ein wunderbares Abschiedsgeschenk: eine Privattour mit einer der elektrischen Hafenfähren.

Die Route führt vom Liegeplatz an der ikonischen Klappbrücke durch die „Gorge Waters“ mit ihrer bunten Mischung aus Industriehafen, neuem modernen Stadtviertel, Naturbadeanstalten und – weiter den eigentlich nicht wirklich einer Schlucht ähnelnden sondern eher lieblich gewundenen Wasserweg hinauf – auch mit elegant edlen Wassergrundstücken mit Einzelhäusern und Bootsstegen.

Es ist ein herrlicher Einblick in Teile von British Columbias Hauptstadt, die wir bisher noch überhaupt nicht kannten.

Und dann: ist das jetzt ein Wetterfenster? Jedenfalls nutzen wir vorsichtshalber am nächsten Morgen wieder die Tide und fahren die Juan de Fuca weiter hinaus. Mit bis zu 5,5 kn werden wir zwischenzeitlich (zusätzlich zur etwa gleichen Geschwindigkeit durchs Wasser) geschoben, die „Race Passage“ mit dem markanten Leuchtturm auf dem „Great Race Rock“ wird ihrem Namen gerecht.

Auch das ein Geschenk, und die Serie reißt noch nicht ab. Einige Meilen weiter – da hat die Strömung längst wieder auf „nur noch“ zwei Knoten nachgelassen, treffen wir auf einen Clan „Southern Residents“. In mehreren Gruppen ziehen uns die Orcas entgegen. Zunächst sehen wir eine Familie in Ufernähe auftauchen. Wir nehmen den Gang heraus und lassen uns von der Strömung vorbei treiben, aber da kommen uns bereits rechts und links von der Flora weitere Gruppen von Orcas entgegen geschwommen.

Wegen ihrer charakteristischen Rückenflossen, die bei den Männchen schmaler und gerader sind und bis zu 2 m lang werden können, werden sie auch als Schwertwale bezeichnet. In Europa können Segler die Begegnung mit den Orcas leider nicht mehr uneingeschränkt genießen, da es – zunächst vor Spanien, jetzt aber auch an anderen Orten – zu einer Vielzahl von zerstörerischen Angriffen der Orcas auf die Ruder von Segelyachten gekommen ist, mehrere Segelboote sind sogar gesunken. Hatten zunächst auch dort nur wenige Mitglieder einer einzelne Orcafamilie dieses Verhalten gezeigt, hat es sich inzwischen dort weiter verbreitet. Hier in BC und an anderen Orten der Welt (Orcas kommen in allen Weltmeeren vor) zeigen die Schwertwale dieses Verhalten aber (bisher) nicht. Es ist also um so schöner, hier jetzt ohne derartige Befürchtungen so viele dieser wunderschönen Tiere sehen zu können.

Wir sind total geflasht. Was für ein Erlebnis.

Zurück im Wasser, Saturna Island, Rettungsaktion und der Blick in die Sterne

Vor Anker mit Blick auf den 90 km entfernten Mount Baker

Flora schwimmt wieder. Der Wellness-Aufenthalt an Land hat ihr gut getan, das Coppercoat-Unterwasserschiff ist wieder sauber und glatt, der Propeller ist gereinigt und gefettet, die Anoden sind neu, das Ruderlager geschmiert und sogar das von uns selten genutzte Bugstrahlruder quirlt nicht mehr nur das Wasser, sondern schiebt Floras Bug bei Bedarf zur Seite, nachdem die Muschelzucht im Inneren des Tunnels entfernt wurde.

Mit dem “haul out self propelling trailer” wird Flora abgeholt und wieder in ihr eigentliches Bestimmungs-Element gesetzt.

Einen Tag später als ursprünglich geplant, weil zwar die ersetzten drei Borddurchlässe und Seeventile rechtzeitig drin waren, aber auch noch ein Seewasserfilter gewechselt werden musste. Das gestaltete sich tricky: die originalen (europäischen) Seewasserfilter sitzen direkt auf den Seeventilen. Das ist sehr kompakt, bewirkt aber auch einen relativ großen Hebel etwa beim Öffnen eines festsitzenden Deckels. Angeblich aus diesem Grund ist das nordamerikanische System anders: vom Seeventil führt ein Schlauch zu dem senkrecht an einer Wand montierten Seewasserfilter. Der Filter selbst ist zudem auch um einiges größer. Es wird deutlich mehr Platz benötigt. Ein europäischer Filter ist natürlich nicht vorrätig oder kurzfristig zu beschaffen. Den Vorschlag der Montage des großen amerikanischen Filters am Schott zwischen Motorraum und Salon muss ich ablehnen, dort würde er mich beim Wechsel des Impellers zu sehr behindern. Wir einigen uns auf eine Montage an einer Halterung auf einem Stringer, die muss aber erst gebaut werden.

Größenvergleich. Der nordamerikanische Filter steht hier noch verkehrt herum.
Eingebaut. Ganz schön eng, aber es geht.

Nach den Verprovierungseinkäufen (im Costco Großmarkt, frisch vom Feld an einem Straßenstand mit Geldeinwürfen wie in Dänemark und im normalen Supermarkt) sind wir startklar. Wir ziehen wieder aufs Boot. Von Melanie und Chris müssen wir uns trotzdem noch nicht gleich verabschieden, SolarCoaster und Flora laufen zu einem gemeinsamen Wochenende in den Gulf Islands aus. Wochenende zur Hauptsaison, da sind die meisten schönen Ankerbuchten der direkt an die US-amerikanischen San Juan Islands angrenzenden Inselgruppe gut besucht. Aber unsere Gastgeber wissen in ihrem Heimatrevier Abhilfe: der Anker fällt im äußersten Osten des Archipels, in der Narvaez Bay auf Saturna Island.

Den Ankerplatz mit Blick auf den von Gletschern bedeckten und weit drüben am Festland gelegenen Vulkanberg haben wir zunächst ganz für uns allein, erst kurz vor Sonnenuntergang kommen noch zwei kleine Motorboote dazu.

Es ist die Nacht mit dem Höhepunkt des Perseiden-Schauers. Chris als begeisterter Nacht-Fotograf kann sich das natürlich nicht entgehen lassen. Das ist klasse, denn so bekomme ich eine Einweisung in die Grundlagen und kann meine neue Kamera (eine Sony RX 10 IV) entsprechend voreinstellen, um unsere Ankerlieger und den Sternenhimmel abzulichten.

Melanie nimmt Chris und mich auf und fängt damit die Stimmung wunderbar ein:

Und hier ein Ergebnis von Chris:

Die Mehrzahl der Meteoriten zeigt sich aber erst am frühen Morgen. Dass Wiebke und ich auch zu dieser Zeit wieder einige Sternschnuppen zu sehen bekommen, liegt an unserem Motorboot-Nachbar. Kurz vor drei Uhr nachts frischt der Wind kräftig auf. Wiebke schaut nach, ob alles in Ordnung ist und ruft mich dann nach draußen. Unser Nachbar driftet in 20 m Entfernung an uns vorbei Richtung offenes Meer. Sein Anker hält nicht.

Wiebke gibt Schallsignale und ich springe ins Dinghy, fahre hinüber und klopfe am Rumpf, bis der Eigner aufwacht und ein neues Ankermanöver fährt.

Danach sind wir erstmal hellwach, außerdem wollen wir schauen, ob sein ziemlich kleiner Anker (mit kurzem Kettenvorlauf und dann Leine) jetzt besser hält. Also legen wir uns aufs Vorschiff und beobachten in der wunderbar lauen Sommernacht noch einmal den Sternenhimmel.

Die Milchstraße direkt über dem Masttop

Am nächsten Tag (Sonntag) machen wir einen größeren Hike. Saturna bietet mehrere schöne Trails, wir entscheiden uns für die Wanderung hoch auf den Bergrücken und am westlichen Cliff entlang zum rund 400 Meter hohen Mount Warburton Pike. Das sind zwar rund 15 km, aber die Ausblicke auf dieser Strecke sind fantastisch. Nachdem der Aufstieg geschafft ist geht’s hoch über dem Meer auf Ziegenpfaden mal durch den Wald, mal am steilen Abhang entlang. Gulf Islands und San Juan Islands liegen uns zu Füßen, der Blick geht hinüber bis Vancouver Island und Mount Olympia. Nebenbei können wir auch gut erkennen, wie lokal die Wind- und Strömungsfelder in der Inselgruppe sind, die das Segeln hier trotz der kurzen Entfernungen so spannend und anspruchsvoll machen.

Zurück bei den Booten (etwa 24.000 Schritte Training für die Seglerbeine) heißt es dann wirklich Abschied nehmen von unseren Freunden. Chris und Melanie segeln nach Hause, wir dagegen bleiben noch etwas in den Gulf Islands und bereiten uns auf den langen Schlag nach San Francisco vor.

Danke für alles, Ihr Lieben.

It’s not always hard on the hard.

Flora steht an Land, das bedeutet Arbeit. Aber: Wir wohnen ja im Gästezimmer von Melanie und Chris, müssen also schon mal nicht nächtens die Leiter hinunterklettern, wenn ein Gang angesagt ist. Außerdem dürfen wir am Wochenende nicht am Schiff arbeiten. Am Montag ist Feiertag, da also auch nicht. Wir können also das verlängerte Wochenende urlaubsmäßig genießen.

Mit Melanie und Chris bummeln wir durch Sidney. Eine Oldtimershow (TorqueMasters – Sidney Summer Car Show) zeigt eine Vielzahl privater, wunderbar gepflegter Autos aller Altersklassen. Die Show ist riesig, an den meisten Straßen der Innenstadt parken aufgemotzte Showcars oder Dragster meist amerikanischer Herkunft, liebevoll im Originalzustand gepflegte (oder zurückversetzte) echte Oldtimer aus der ganzen Welt und auch einige „Youngtimer“. Fast alle mit hochgeklappter Motorhaube, damit auch der Pflegezustand des Antriebs – oder dessen Tuning-Aufwand – ausreichen gewürdigt werden kann. Dazwischen flaniert auf den kurzzeitig zu Fußgängerzonen umgewandelten Straßen das mal mehr, mal (wie in unseren Fall) minder fachkundige Publikum, diskutiert, schwelgt in Erinnerungen und Jugendträumen, oder erfreut sich einfach an der wunderschönen Formensprache, den Heckflossen, analogen Instrumenten, Brezelfenstern, figurativen Elementen oder den Details wie den geprägten Pferden in den Sitzen des Mustangs, Speichenrädern oder Weißwandreifen.

Außerdem besuchen wir auch unsere Segelfreunde Eliza und Ben in Victoria. Wir hatten die beiden in Panama kennen gelernt, ihre Nauticat 37 liegt in der Shelter Bay Marina und von dort aus segeln sie auch regelmäßig im Winterhalbjahr. Jetzt im Sommer aber sind sie in ihrer Wohnung in British Columbia. Wir sind die ganze Zeit in Kontakt geblieben, hatten uns im letzten Herbst kurz vor ihrem Flug nach Panama auch schon in Sidney getroffen. Jetzt verabreden uns zum Lunch und besuchen gemeinsam ein klassisches Konzert im Beacon Hill Park. Ein Potpourri des Victoria Symphony Orchestra und der Pacific Opera Victoria mit jeweils sehr launigen und lockeren Einführungen des Dirigenten, einfach klasse. Und das auch noch bei freiem Eintritt und in dieser tollen Freiluftkulisse.

Am Montag dann erst eine wunderbare Paddeltour mit unseren Gastgebern und danach ein schöner gemeinsamer Abend mit Segelfreunden von Melanie und Chris: Rose und Robert sind bereits einige Male die Strecke von BC nach Mexiko gesegelt, haben ihr Schiff inzwischen dauerhaft dort (in San Carlos/Guaymas) liegen. Sie versorgen uns mit vielen guten Tips.

Dienstag und Mittwoch dann wieder Arbeit am aufgebockten Boot (sometimes it is hard on the hard) und schon kann Flora zurück ins Wasser.

😎

Sidney. Per Luftkissen an Land. Erschreckendes Seeventil. Und wunderbare Gastfreundschaft.

Eine Woche sind wir schon in Sidney. Von Victoria aus gleich um die Ecke im Südosten von Vancouver Island und damit in unmittelbarer Nähe der Gulf Islands gelegen, ist Sidney so etwas wie das Segler-Mekka auf Vancouver Island. Ein knappes Dutzend Yacht Clubs und Marinas gibt es hier, dazu die entsprechende Infrastruktur von Segelmachern bis zu Motor-Mechanikern und Elektronik-Spezialisten.

Für uns eine gute Gelegenheit, Flora für den nächsten langen Schlag nach San Francisco fit zu machen. Wir entschließen uns, unser Boot für ein paar Tage aus dem Wasser zu nehmen und ein paar kleinere Wartungsarbeiten durchzuführen.

Aber erst einmal ankern wir in der Roberts Bay, direkt am Haus unserer Freunde Melanie und Chris. Na ja, fast. Ein bisschen Vorsicht ist geboten, der innere Teil der Bucht fällt bei Ebbe trocken, man sollte also nicht bis zu den (ohnehin als privat gekennzeichneten) Bojen fahren. Aber die Seekarten sind akkurat und wir sind ohnehin gewarnt.

Es ist schon klasse, im Garten zu sitzen und das eigene Boot vor Anker beobachten zu können.

Oder aber bei Sonnenaufgang aus dem Fenster.

Das Foto hat Chris gemacht, aber es hätte auch von uns sein können. Denn schon am zweiten Abend paddeln wir nicht mehr zur Flora, sondern beziehen das Gästezimmer im Haus unserer Freunde.

Wir machen gemeinsame Ausflüge und Fahrradtouren, besuchen den privaten Blumenpark Butchart Gardens mit Karussellfahrt, anschließendem Picknick und großem Feuerwerk, machen eine Einkaufstour (Wolle und Kamera) nach Victoria, werden bekocht, gehen Essen und besuchen Freunde der beiden, feiern Chris’ Geburtstag, kurz: wir werden so richtig verwöhnt.

Orca ganz nah (und ganz freundlich)

Aber na klar, auch etwas Arbeit auf Flora steht an. Die neue Armatur in der Pantry installieren wir noch vor Anker. Hört sich einfach an, erfordert aber doch einiges an Boots-Yoga und ein paar Anpassungen an den Anschlüssen. Ein wenig Blut und einige Flüche gehören nun mal zu jeder anständigen Bootsarbeit …

So siehts aus, endlich tropft der Wasserhahn nicht mehr (und deshalb müssen wir auch nicht mehr nachts die sonst regelmäßig anspringende Frischwasserpumpe ausstellen).

Aber die anderen Arbeiten heben wir uns für Floras Landaufenthalt auf. Insbesondere zwei Seeventile sehen nicht mehr sehr Vertrauen erweckend aus, sie und die dazu gehörenden Borddurchlässe sollen getauscht werden. Der Log/Lot/Temperatur-Geber kommt ebenfalls neu. Außerdem hat unser Unterwasserschiff hier im kalten aber an Nährstoffen reichen Wasser des Nordpazifiks etwas Pelz angelegt.

Bei Philbrooks an der Van Isle Marina gehen wir aus dem Wasser. Diesmal nicht wie sonst per Travellift (also per fahrbarem Kran, der Flora mit Schlingen unter dem Bauch hochhebt). Statt dessen bringt ein “45 t haul out self propelling trailer” unser Schiff aufs Trockene.

Und das geht so: Flora liegt am Steg vor der Rampe. Wie von einem überdimensionierten Unter-Wasser-Gabelstapler wird Flora auf die Hörner genommen, links und rechts vom Kiel werden per Fernsteuerung die langen Metallarme (mit großen Luftschläuchen darauf) unter Floras Rumpf platziert. Dann wird das Ganze hydraulisch hoch gepumpt (bzw. die darunter liegenden Räder nach unten gegen die Rampe gepresst. Das alles ohne irgendwelche Abspannung des Bootes, ganz schön aufregend für uns. Flora bleibt waagerecht und wird auf dem jetzt schrägen Gefährt die Rampe hoch gezogen und an Land gesetzt.

Das Coppercoat des Unterwasserschiffs wird nach dem Hochdruck-Reinigen mit 320er Papier angeschliffen. Decken, Vorhänge und Teppiche kommen raus, Waschmaschine und Teppichreiniger unserer Freunde laufen im Hochbetrieb. Was für ein Luxus, wir können bequem in ein paar Minuten von der Marina zum Haus unserer Freunde laufen. Und für die Teppichladung werden wir von Melanie und Chris sogar im Auto chauffiert.

Bootsteppich trocknet mit Aussicht hinterm Haus
Gardinen im Vorgarten

Die Opferanoden hat die Taucherin in Campbell River vor zwei Monaten kontrolliert: “sind noch gut”. Wohl eher nicht, gut dass wir sie jetzt checken und tauschen können.

Opferanode der Antriebswelle alt/neu
Opferanode Propeller alt/neu

Und die Borddurchlässe/Seeventile? Eins überlebt den (allerdings verschärft durchgeführten) Rütteltest nicht und bricht im Verbindungsstück zwischen Seeventil und Seewasserfilter ab:

Die rote Bruchstelle sieht schwer nach galvanischer Korrosion/Entzinkung aus. Das betroffene Fitting wurde bei der nachträglichen Installation des Wassermachers in Griechenland eingebaut. Möglicherweise war es Messing statt gegen Seewasser beständigerer Bronze, aber wir haben ab jetzt ein besonders wachsames Auge auf unsere Borddurchlässe. Alle werden noch einmal gecheckt, drei lassen wir von Philbrooks tauschen.

Aber jetzt ist erst einmal langes Wochenende: Montag ist “British Columbia Day” und damit arbeitsfrei. Mittwoch soll Flora zurück ins Wasser.

Zeit, erstmal bei “Tim’s“ Kaffee und Croissants zu holen. Melanie: “Ihr wart noch überhaupt nicht bei Tim Hortons? Dann lassen Euch die Zöllner bestimmt nicht aus Kanada ausreisen!” Die von der kanadischen Eishockey-Legende Tim Horton gegründete Kaffeehaus-Kette ist wohl eine kanadische Institution.

😇

Victoria, Vancouver Island.

Nun also Großstadt. Nach gut einem Jahr Segeln durch die größtenteils nur spärlich besiedelten Gebiete von Alaska und British Columbia laufen wir mit der Flora in Victoria ein. Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia, Sitz des Parlaments, internationaler Fährhafen und Kreuzfahrt-Terminal.

Und doch: Großstadt ist schon ein bisschen geschummelt. Victoria selbst hat nur rund 80.000 Einwohner im eigentlichen Stadtgebiet, die Metropolregion Greater Victoria kommt aber auf fast 400.000.

Für uns fast ein Kulturschock: mehr Einwohner als Seeotter! 😊

Die Einfahrt mit Flora erfordert denn auch eine andere Art von umsichtiger Navigation. Statt Kelpfeldern auszuweichen sind Fahrwassertonnen zu beachten, wie wir sie bisher noch überhaupt nicht hatten: gelbe Bojen markieren den Trennstreifen für ein- bzw. ausfahrende Yachten, sie sind eng an Backbord zu lassen. Dahinter ist zwar reichlich Platz, aber das ist die Start- und Landebahn für die vielen Wasserflugzeuge, die sich ihre Runway zudem mit den Fähren teilen müssen. Die “Coho” pendelt zwischen dem US-Amerikanischen Port Angeles und Victoria, sie macht im inneren Hafen jenseits der Engstelle fest und muss zu Ausfahrt in diesem Becken auch noch drehen. Als wäre das alles noch nicht genug, flitzen noch reichlich kleine Hafenfähren wie Busse zwischen den verschiedenen Anlegern hin und her, Whalewatchingschiffe und Whalewatching-Zodiacs, außerdem eine Vielzahl von knuffigen Wassertaxis.

Der Revierführer Waggoner warnt: “HEAVY TRAFFIC”, “USE CAUTION”.

Aber da müssen wir durch, denn wir haben einen Platz in der Causeway Marina, ganz drinnen im inneren Hafen.

Und was für ein Platz. In der ersten Reihe, direkt vor dem “Empress”, dem wie ein Loire-Schloss gestalteten Grand Hotel im Stadtzentrum.

Vom Cockpit aus beobachten wir die Menschen (gefühlt: -massen), die zwischen uns und dem Hotel auf der Promenade bummeln, sich von Gauklern, Predigern und Souvenirsverkäufern unterhalten lassen und dann am Ufer weiter zum um die Ecke liegenden Parlament schlendern.

Erstaunlich: vor dem Parlament der einzige von einem Loon gekrönte Totempfahl, den wir bisher gesehen haben. Loon, der Seetaucher, der auch die 1$-Münze (=Loonie) ziert. Loon bedeutet im englischen allerdings auch “Blödmann”. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Auch erstaunlich: das Parlament ist nachts so beleuchtet, dass wir das bei unserem landseitigen Besuch im Winter fälschlich für Weihnachtsillumination gehalten hatten.

Aus dem Bootsfenster. Nachts darf es regnen.

Die schöne Innenstadt erscheint englisch, gar “viktorianisch” (konnte nicht widerstehen). Downtown steht unter Denkmalschutz. Schon früh wurden die Geschäftsgebäude in Stein errichtet, Wohnhäuser dagegen in Holz. Aber was heißt früh? Das älteste noch am ursprünglichen Errichtungsort stehende Gebäude der Region ist das Wohnhaus des deutschstämmigen Arztes John Sebastian Helmcken, dessen ältester Teil 1853 errichtet wurde. Helmcken erlangte Bekanntheit vor allem dadurch, dass er die Bedingungen für den Beitritt British Columbias zu Kanada sehr geschickt verhandelte und dabei auch den Bau einer transkontinentalen Eisenbahnlinie zur Voraussetzung machte.

Sein Wohnhaus ist heute Teil des “Royal British Columbia Museum”. Von dem sind wir allerdings etwas enttäuscht. Naturkunde mit überwiegendem Dinosaurier-Anteil, der “Human”-Teil derzeit geschlossen. In einem Schaufenster diverse Totems. Draußen ein Langhans und weitere Totems verschiedener First Nations, leider ohne sinnvolle Beschriftungen oder Erläuterungen. Schade. Da war das sehr gute Museum in Campbell River deutlich aufschlussreicher.

Sprachlos.

Was wir in Helmckens Haus nicht erzählt bekommen, aber später nachlesen: der Mediziner hat einen wesentlichen Anteil daran, dass die verheerende Pocken-Epidemie von 1862 die in Victoria heimische Songhee-Nation weit weniger heimsuchte als andere Nationen. Mehrere hundert Songhee ließen sich von Helmcken impfen.

Teil des touristischen Pflichtprogramms in Victoria ist “Fisherman’s Warf”. Ein paar Fischerboote liegen tatsächlich noch an den Stegen, aber deshalb kommt kaum jemand hierher. Anziehungskraft haben eher die vielen bunten Hausboote und die – wie Food Trucks, nur eben zu Wasser – schwimmenden Imbissbuden am Rand. Einige der Hausboote sind auf Airbnb verfügbar, die Bewohner werden von den vielen Wassertaxis aber ordentlich durchgeschüttelt.

Wir bleiben noch in Victoria, verlegen uns aber in einen Außenbezirk und ankern außerhalb des Bojenfeldes in der von Villen gesäumten Cadboro Bay vor dem Royal Victoria Yachtclub. Auch belebt, aber ganz anders. Die Mittwochsregatta des Clubs findet draußen vor der Bucht statt und die Ausbildungsabteilung ist ebenfalls ziemlich aktiv: Optis, 420er, 470er und einige andere segeln um uns Ankerlieger herum, ein Feld der 2.4-Klasse ist mit ihren Foliensegeln unterwegs.

Und wir haben einen Logenplatz.