Tag 7 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Leicht angespannt.

Unter gerefften Segeln geht es in die Nacht. Wind ist genug – noch -. Manchmal auch mehr als genug, die dunklen Wolken bringen teils kräftige Böen und Schauer mit sich. Das soll sich im Laufe des Freitags dann allerdings rapide ändern. Dieser Schwachwindkeil der Innertropischen Konvergenzzone (international: ITCZ) liegt vor uns.

Und direkt davor, am nördlichen Rand der ITCZ, befindet sich ein Gewitterband in ständiger Veränderung. Da müssen wir nächste Nacht den besten Weg hindurch finden.

So zeigt sich das auf dem Satellitenfoto bzw. der Gewittervorschau mit unserer geplanten Route.

Alles in allem sieht es gar nicht so schlecht aus, wenn unsere Routen-Knobelei denn so hinkommen sollte. Wir rufen Windy und PredictWind immer aufs Neue auf und wägen die verschiedenen Vorhersagemodelle gegeneinander ab. Drückt uns bitte vor allem für die Gewittervermeidung die Daumen.

Dahinter wartet dann allerdings gleich eine weitere Naturgewalt, der Südäquatorialstrom. Ein mächtiger, schnell von Ost nach West fließender Fluss mitten im Ozean, zusätzlich mit vielen kleinen Eddies links und rechts des Hauptstroms.

Wie mächtig?

Ganz spannend ist der vergleichende Blick auf den Golfstrom, oben rechts an der US-Ostküste. Der berüchtigte Golfstrom nimmt sich dagegen als ziemlich schmales Band aus. Vorteil im Pazifik: Wind und Hauptstrom gehen normalerweise in die gleiche Richtung. Der blaue Punkt unter der Strömungsangabe 0.8 ist übrigens unsere aktuelle Position.

Wir wollen den Südäquatorialstrom in Südwestrichtung queren, er wird uns dabei also beschleunigen und auch ein ganzes Stück in Richtung Westen versetzen. Zu weit sollte es aber möglichst nicht sein, weil sonst der Windwinkel für die weitere Fahrt nach Gambier immer spitzer wird (der Wind also ungünstig von vorn käme).

Tja, darum kreisen unsere Gedanken im Moment, wie segeln wir am besten mit und am wenigsten gegen die Elemente? Fein ist, dass wir uns dazu mit der Fidelis austauschen können, sie segeln immer noch ganz in unserer Nähe.

Und außerdem? Passen wir uns immer noch an die Tropen an. Obwohl die relative Luftfeuchtigkeit mit 60 Prozent noch im völlig normalen Bereich ist, bei Temperaturen von 32 Grad im Boot und 29 Grad im Cockpit fühlen wir uns ein bisschen wie Sauerteig: klebrig und stinkend. Na klar, bei uns hilft die Dusche … für ungefähr zweieinhalb Minuten …

😅😳🥵

Im Windzug des Cockpits lässt es sich aushalten, aber … Alaska war auch schön. 😚

Etmal 149 sm, gesamt 933 sm, rechnerisch noch bis Gambier 2.367 sm (was etwa einer Atlantiküberquerung entspricht).

Tag 6 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Gestern hatten wir uns noch über die nur mäßig bewegte See gefreut, heute sieht das etwas anders aus. In die Nacht geht es mit zunehmendem Wind, vorsichtshalber schon mal mit 1. Reff im Großsegel.

Und das ist gut so, es frischt während der Nacht weiter auf und auch die See nimmt zu. Nichts dramatisches, der Wetterbericht spricht von 3 m Wellen, aber in 15 Sekunden Frequenz. Also eher lange, nicht sonderlich steile Wellen. Wir schätzen sie in der Höhe sogar eher niedriger, aber leider laufen sie mit der Windsee (also den vor Ort durch den hier herrschenden Wind aufgeworfenen Wellen) ein bisschen durcheinander. Das sorgt für ein eher chaotisches Wellenmuster mit reichlich Hin- und Her-Schwanken der Flora. Auch im Boot will jede Bewegung durch gutes Festhalten abgesichert sein. Es ist anstrengend, gerade weil die Bootsbewegungen so wenig vorhersagbar sind.

Decksdusche dieses Mal daher auf den Heckkorb-Sitzen.

Wir kommen flott voran, derzeit mit der Fock an Steuerbord (und nicht mehr Schmetterling), das Großsegel ist weiter im 1. Reff.

Immer wieder spritzen große Schwärme von fliegenden Fischen vor Floras Bug zur Seite davon. Oft segeln die Fische dabei 50, manchmal 100 m weit. Manchmal schlagen sie mit ihrem Schwanz auf eine Wellenkamm und holen so noch ein paar weitere Meter Gleitphase heraus. In den letzten Tagen mussten wir allerdings auch morgens zumeist getrocknete Fliegende Fische und getrocknete Squids einsammeln, die sich in der Nacht auf Floras Deck verirrt hatten.

Jetzt, zum Mittag, wird vor uns der Himmel grau, es bauen sich Regenwolken auf, erste Vorboten des Übergangs in den Kalmengürtel, den wir vermutlich zum Wochenende erreichen.

Etmal 157 sm, gesamt 784, rechnerisch 2.516 sm bis Gambier.

Tag 5 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

5 Tage sind wir unterwegs. Echt, fünf Tage schon? Eine ganze Arbeitswoche?

Herrliches Passage-Wetter. Wir laufen bei blauem Himmel durch eine nur mäßig bewegte See. Haben angefangen, uns “The Cruise of the Snark” von Jack London vorzulesen. Zum einen, weil Jack London so ein begnadeter Erzähler ist, zum zweiten, weil der autobiografisch geprägte Törnbericht seiner 1907 gestarteten Segelreise auf seinem eigens dafür gebauten Segelboot ohnehin spannend ist und zum dritten, weil der Törn dann auch noch von San Francisco (über Hawai’i) in die Südsee führt. Ist also Bildungs-Lektüre in mehrfacher Hinsicht und zugleich auch eine tolle Erinnerung an bereits besuchte Orte.

Thema Besuch: auch heute gibt’s wieder mehrfach Delfinvisite. Dieses Mal sind es die auffällig gefleckten Schlankdelfine, die besonders ausgiebig um Floras Bug spielen. Oft kommen sie rasend schnell von der Seite her angeschossen, um dann vor dem Bug abzubremsen und sich mit Bugströmung eher gemächlich treiben zu lassen.

Und wir? Akklimatisieren uns weiter an die steigenden Temperaturen, die im Boot inzwischen locker die 30 Grad übersteigen. Das Brotbacken habe ich deshalb schon auf die Nachtschicht verlegt, so gibt es heute morgen herrlich frisches Roggenvollkornbrot.

Schön ist auch, dass die Fidelis in ziemlich gleichem Tempo wie die Flora unterwegs ist, so bleiben wir in UKW-Funkreichweite. Das lässt sich auch auf Noforeignland gut verfolgen.

Etmal heute 139 sm, gesamt auf dieser Passage 627 sm, rechnerisch verbleiben bis Gambier 2.673 sm.

Tag 4 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Es ist warm geworden. Man merkt deutlich, dass wir wieder in den Tropen sind. Von gut 23 Grad Celsius in Mexiko ist die Wassertemperatur in diesen vier Tagen auf jetzt 28 Grad angestiegen, die Lufttemperatur entsprechend auch.

Zeit für eine Eimerdusche auf dem Achterschiff 😁

Delfinbesuch gab es übrigens auch heute wieder.

Der Wind ist noch immer nicht sonderlich stark, aber mit einer kräftigeren Phase in der Nacht hat es für ein Etmal von 135 sm gereicht, gesamt gesegelt auf dieser Passage somit 488 sm, bis zu den Gambier sind es noch 2.812 sm.

Wir halten allerdings gegenüber der direkten Strecke ein ganzes Stück nach Osten vor, so dass die Strecke insgesamt länger als die kalkulierten 3.300 sm werden dürfte. Derzeit sieht es so aus, als könnte sich am Wochenende eine Durchsegelmöglichkeit durch den Kalmengürtel auftun, das wäre natürlich ideal. Es ist wohl noch zu früh, um das sicher vorhersagen zu können. Ein weit östlicher Startpunkt würde uns aber ermöglichen, zur Not nördlich parallel zu den Kalmen zu segeln und ein Stück weit auf ein passendes Fenster zu warten. Außerdem wird uns der Südäquatorialstrom später noch weiter nach Westen versetzen. Kommen wir zu weit nach Westen, wird es schwierig, die Gambier anzulegen, Plan B wäre dann ein Landfall auf den Marquesas.

So, Schluss für heute mit den taktischen Überlegungen, aus der Pantry weht der Geruch von warmem Senfkartoffeln mit Salat und (unserem letzten frischen) Fisch hoch. Die Angel ist draußen.

Tag 3 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Blinde Passagiere und andere Begleiter.

Es ist weiter langsames, aber ausgesprochen angenehmes Segeln. Achterlicher Wind zwischen (meist) 8 kn und in Böen (gelegentlich) mal 14 kn, dazu eine nicht allzu hohe Dünung.

Gestern Mittag haben wir in einigem Abstand die Isla San Benedicto und die Isla Socorro passiert. Diese Felseneilande weit draußen im Meer gehören noch zu Mexiko und sollen echte Tauchparadise sein. Der Aufenthalt erfordert allerdings eine vorherige und mit über 100 Dollar am Tag ziemlich teure Genehmigung. Ein Notstop an den Inseln etwa wegen erforderlicher Reparaturen wäre zwar sicher möglich, aber an Bord ist alles klar und das Wetterfenster für die Weiterfahrt derzeit auch ganz vielversprechend. Jedenfalls holen wir jetzt die mexikanische Gastlandsflagge endgültig ein.

Im Versuch, dem wenigen Wind einigermaßen Bootsgeschwindigkeit zu entlocken, lüften wir die gesamte Segelgarderobe einmal durch. Vom Schmetterling mit ausgebaumtem Code0 wechseln wir auf den Gennaker und das Groß, dann den Gennaker alleine, wieder Schmetterling. Dann Passatbesegelung mit ausgebaumter Fock an Backbord und ausgebaumtem Code0 an Steuerbord. Das bedeutet, dass wir uns zugleich ein Sportprogramm verordnen, denn der Umbau der Bäume und das Einholen und Setzen der Segel sorgt eben auch für körperliche Anstrengung.

Interessanterweise haben wir dabei Zuschauer. Mehrere Boobies fliegen die Flora an und versuchen auf ihr ein Plätzchen zu ergattern. Nachdem uns kürzlich einige Vögel von der Saling aus das ganze Deck und das Bimini samt Solarpanelen zugekotet haben (im wahrsten Sinne des Wortes ätzend), sind wir darüber allerdings nur mäßig erfreut.

Einer landet auf dem Bimini . Äußerst unwillig lässt er sich von dort vertreiben und nimmt dann auf dem äußersten Ende des Dinghies hinten in den Davits Platz. Na gut, da dürfte der Großteil seiner Hinterlassenschaften über Bord gehen. Er bleibt dann auch die ganze Nacht dort sitzen.

Uneingeschränkt gern gesehen ist dagegen der Delfinbesuch an der Flora. Mehrere große Schulen lassen sich sehen, eine spielt eine ganze Zeit am Bug der Flora.

Einen riesengroßes Dankeschön möchten wir Euch aussprechen, wir haben uns über die vielen guten Wünsche zu dem Start unserer Passage sehr gefreut, die uns über die verschiedenen Social-Media-Kanäle erreicht haben. Es ist toll zu sehen, dass Familie, alte und neue Freunde, Kollegen und in alle Welt verstreute Segelfreunde in Gedanken bei uns sind.

Möglich wird das Kontakthalten derzeit auf hoher See über Starlink. Wir schalten das Satelliten-Internet auf dieser Passage bisher zwei- bis dreimal am Tag ein, rufen die neuesten Wetterberichte ab, machen unsere Französisch-Lektionen. Und bleiben eben auch über Email, Facebook, WhatsApp und Instagram mehr oder weniger verbunden. Bisher hat der Verbindungsaufbau zu Starlink auch auf See unproblematisch geklappt, wir hoffen mal, dass das so bleibt.

Etmal 107 sm, bisher auf dieser Passage somit 353 sm, verbleiben rechnerisch bis zu den Gambier noch 2.947 sm.

Tag 2 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

In der Aufbruchstimmung vergessen:

Am Ankerplatz der Bahía San José del Cabo gab es zum Abschied von Mexiko noch ein neues „erstes Mal“ für uns. Den ganzen Tag über hatten wir viele Buckelwale gesehen. Aber dann, am stillen Ankerplatz unter Deck, konnten wir sie SINGEN HÖREN. Was für ein Erlebnis.

Nicht minder schön: das Wetter hat sich deutlich gebessert, aus den kleinen blauen Flecken zwischen all dem Grau ist ein blauer Himmel mit weißen Tupfern geworden.

Die Stimmung an Bord ist gut, der vergleichsweise ruhige Start mit glatter See hat uns gute Gelegenheit gegeben uns langsam einzugewöhnen. Auch wenn die Wellen inzwischen etwas zunehmen, wir beide haben in der zweiten Nacht auf unseren jeweiligen Freiwachen schon viel besser geschlafen.

Die jeweilige Wache hatte dafür das Vergnügen, an Backbord voraus das Kreuz des Südens am Sternenhimmel bewundern zu können, denn der Halbmond sorgt jetzt in der Nacht für genug Licht zur Orientierung und lässt doch gleichzeitig den Himmel dunkel genug für die Sternenbeobachtung.

Etmal: 123 sm, also noch etwa 3.054 sm bis nach Rikitea (wir behalten also die Gambier als Wunschziel bei).

Tag 1 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Es sieht ein bisschen so aus, als wolle Mexiko uns den Abschied leicht machen. Grauer Himmel, Nieselregen. Wir bauen noch die Kuchenbude auf, dann lichten wir den Anker und machen uns gemeinsam mit der Fidelis auf den Weg.

(Foto-Credit: Jeannette / Fidelis)

Wir versuchen, auf kürzestem Weg aus dem Schwachwindgebiet am Cabo San Lucas heraus zu motoren, deshalb geht es erst einmal nach Südosten. Tatsächlich können wir nach einer knappen Stunde dann segeln. Nach drei Stunden müssen wir noch einmal 90 Minuten durch eine kleine Flaute motoren und ab da bleibt es beim Segeln, auch die Nacht hindurch. Oft mit schwachen und wechselhaften Winden, aber immerhin. Unser Code0 leistet gute Dienste. Bei der glatten See ist es trotz wenig Wind überwiegend angenehmes Segeln.

In der Nacht nehmen die Wellen etwas zu, der Großbaum ruckelt und knatscht auf diesem für den Bullenstander etwas zu spitzen Kurs. Wir rollen das Groß ein und fahren nur unter Code0, jetzt ist es ruhiger und die Freiwache kann besser schlafen. Und morgens um fünf setzt sich dann wie vorhergesagt kräftigerer Wind durch. Wir ändern den Kurs auf jetzt 200 Grad und wechseln auf Schmetterlingsbesegelung.

Kurz darauf eine Schrecksekunde: der Code0 ist auf seinem Antitorsionskabel nach oben gerutscht und steht nicht mehr richtig.

Die ziemlich dünne Lasching, mit der der Segelhals an der Rolle verzurrt war, ist gerissen. So können wir das 80 Quadratmeter große Segel nicht einrollen und natürlich lassen ein paar dunkle Wolken punktgenau den Wind auffrischen.

Mit einer Leine sichere ich das Segel gegen weiteres Hochrutschen. Dann riggen wir eine Talje, ziehen das Segel auf dem Antitorsionskabel ein Stück wieder herunter und erneuern die Lasching provisorisch mit einem kräftigeren Stropp.

Jetzt lässt sich der Code0 einrollen, wir nehmen ihn herunter und erneuern nochmals die Lasching. So sollte es gehen.

Heute Mittag haben wir 123 sm zurückgelegt. Kein besonders hohes Etmal, aber in Anbetracht der Verhältnisse sind wir mehr als zufrieden.

Ein guter Start und jetzt zeigen sich auch erste Wolkenlücken.

Der Stimmungsmix vor dem Start zur Ozeanpassage

Es scheint sich nicht zu ändern. Vor einer längeren Passage stellt sich bei uns Unruhe ein. Eigentlich sind die Einkäufe längst erledigt, die Vorrats-Schapps sind prall gefüllt. Diesel- und Wassertank randvoll. Aber man könnte doch noch …

Das Boot nochmal durchgecheckt.

Die verschiedenen Wetterberichte werden ein ums andere Mal hin und her abgewogen. Für die Abfahrt sieht es gut aus, aber was kommt da in ein paar Tagen? Oder umgekehrt: erst durch das Schwachwindfeld hinter dem Kap hindurch motoren und dann aber den guten Wind haben? Das Beste aus beiden Welten scheint es jedenfalls in nächster Zeit nicht zu geben.

Es ist ja nun nicht unsere erste Ozeanpassage. Aber die Entfernung ist deutlich länger als auf der Atlantiküberquerung von den Kapverden in die Karibik (2.200 sm) oder auf der Passage von den USA zurück nach Antigua (1.700 sm, unserem bisher härtesten Törn). Auch die 1.000 Seemeilen von Panama nach Galapagos wird sie locker knacken, sogar die 2.600 Meilen von Hawai’i nach Alaska, unseren bislang zweitlängsten Törn. Die 4.300 Seemeilen von Galapagos nach Hawai‘i sollten allerdings mit etwa 1.000 sm Abstand unser Rekord bleiben.

Aber ganz schlicht: wir sind nervös. Zugleich voller Vorfreude und Erwartung, aber auch mit Schüben von Unsicherheit und Bedenken. Das Herz puckert.

Was kommt auf uns zu? Ozeansegeln. Tage und Nächte in der scheinbar unendlichen Weite. Mal so, mal so, mal noch ganz anders.

Traumhafte Sternenhimmel, demnächst auch wieder mit dem Kreuz des Südens. Aber auch: sicher drei bis vier Wochen auf der Dauerschaukel und im Drei-Stunden-Takt. Kein gemeinsames Einschlafen, kein gemeinsames Aufwachen. Die ersten Tage mit diesem Wache/Freiwache-Rhythmus sind immer ziemlich anstrengend, danach wird es besser. Und sonst? Es geht wieder über den Äquator, also durch die Kalmenzone mit ihren Flauten und Gewitterzellen. Und die Route quert den derzeit drei Knoten schnell fließenden und dabei zum Teil über 800 km breiten Süd-Äquatorialstrom. Flora wird also auf über 400 Meilen mit drei Knoten nach Westen versetzt. Aber es heißt auch wieder segeln durch den Nordostpassat und den Südostpassat in der anderen Hemisphäre, so uns denn trotz El Niño Passatwinde beschert sein sollten. Taktisch wird es jedenfalls unsere bisher anspruchsvollste Passage und die Anspannung dazu macht sich eben auch schon breit.

Aber es geht ja auch nicht irgendwo hin. Die SÜDSEE lockt und wir freuen uns darauf, ihrem Ruf zu folgen. Allein der Klang des Wortes sorgt doch für Entspannung der Gesichtsmuskeln und zaubert ein Lächeln aufs Gesicht.

Morgen geht’s los.

😊

Und was ist bei der mehrfach geänderten Planung nun herausgekommen?

Wir sind wieder unterwegs in Richtung San Francisco. Drei Stops haben wir nach Verlassen der kanadischen Gewässer unterwegs bereits eingelegt.

Da war zunächst Neah Bay in Washington State. Nach einem abgebrochenen Versuch klappt es beim zweiten Mal. Wir runden Cape Flattery im ersten Sonnenlicht.

An der schönen aber auch rauen Küste von Washington und Oregon mit ihren prägnanten Felsen geht es hinunter bis zu unserem Etappenziel Newport. Kein wirklich angenehmer Törn, obwohl wir nur selten die vorhergesagten 30 kn in Böen haben, wobei der Wind und die Wellen achterlich kommen. Aber es sind gut 200 Seemeilen, also ein Übernachttörn. Und ich bin seekrank. Kann zwar meine Wachen gehen, behalte aber nichts bei mir, füttere mehrmals die Fische. Nicht ungewöhnlich für die erste längere Offshore-Passage nach den kurzen Hüpfern an der Küste, da muss ich jetzt durch und hoffen, dass die See-Beine sich schnell wieder einstellen.

Die Einfahrt nach Newport klappt gut, Wind und Welle haben wie vorhergesagt nachgelassen. Wir passieren die Barre ohne Probleme und motoren unter der in den 1930er Jahren gebauten imposanten Bay Bridge hindurch den Yaquina River hinauf.

Der Ankerplatz liegt gleich hinter dem Zentrum von Newport in einer Flussbiegung. Abgesehen davon, dass direkt hinter der Flora die Verbände auf Schleppverband (seewärts) oder Schubverband (flussaufwärts) umgestellt werden ist es ziemlich ruhig.

Eben noch hinter der Schute schiebend, jetzt als Schlepper im Einsatz. Der fahrende Leuchtturm 😉

Aber es stinkt. Die Fischverarbeitungsfabrik am Ufer schickt Schwaden von wenig wohlriechender Bestätigung ihrer Aktivitäten herüber. Wir bleiben trotzdem zwei Nächte, denn das Einklarieren in die USA zieht sich etwas hin. Wir haben den Antrag online über die App CBP ROAM gestellt, nachdem wir gegen 16.00 Uhr geankert hatten. Sofort erhalten wir eine Meldung:

“Your request has been submitted and is awaiting review by a CBP officer. Status: Pending”

Am nächsten Morgen hat sich daran nichts geändert. Gegen 9.00 Uhr bekommen wir immerhin schon mal die Bestätigung, dass unsere Cruising License erteilt wurde. Gut, damit ist Flora drin. Aber wir sind halt noch nicht offiziell eingereist. Kurz darauf eine neue Meldung:

“Your request is being processed by a CBP Officer. Please stand by for a video interview or confirmation. Status: Processing”

Und dabei bleibt es dann den Tag über. Am Nachmittag werden wir langsam unruhig. Newport in Oregon ist “Port of Entry”, aber die CBP ist hier offenbar nicht mehr vor Ort. Die angegebene Telefonnummer führt nur zur Auskunft: ist nicht mehr vergeben. Die nächstgelegene CBP-Station ist Coos Bay. Dort landen wir auf dem Anrufbeantworter, unsere Telefonate brechen aber bereits vor dem Piepton immer an der selben Stelle ab. Die allgemeine Nummer der CBP probieren wir auch, aber an der Ostküste der USA ist schon Büroschluss. Hm.

Und dann plötzlich: Pling. “Approved”. Kurz danach auch die Email-Bestätigung. “Enjoy your stay”. Wir sind eingereist und dürften an Land gehen. Fein. Aber lieber bereiten wir Flora auf die Weiterreise am nächsten Morgen vor. Das Wetterfenster passt für eine weitere Übernachtfahrt nach Crescent City im nördlichen Kalifornien.

Die vielen Seelöwen fühlen sich von dem Geruch der Fischfabrik eher angezogen. Und riechen selbst auch ziemlich intensiv.

Es wird ein ziemlich flotter Ritt, diesmal aber zum Glück ohne Seekrankheit. Der Wind nimmt wie vorhergesagt kräftig zu, die Welle bleibt aber noch mäßig. Mit Reffs im Großsegel und in der ausgebauten Fock rauschen wir gen Kalifornien.

Dass die Sonne wieder so außerordentlich rot ist, liegt an den vielen Staubpartikeln in der Atmosphäre. Die stammen von den verbreiteten Waldbränden. Leider hat das auch Auswirkungen auf unseren Aufenthalt in Crescent City. Das ansonsten nicht sonderlich attraktive (und 1964 und 2011 jeweils von verheerenden Tsunamis heimgesuchte) Städtchen bietet sich für einen Ausflug in den Redwood Nationalpark ganz in der Nähe an. Hätten wir sehr gerne gemacht, ist aber zur Zeit nicht möglich. Die Waldbrände sind zwar außerhalb des Parks, aber unzählige Feuerwehrleute versuchen das Übergreifen auf die uralten Baumriesen zu verhindern. Die Motels in Crescent City sind mit Rettungskräften belegt, Feuerwehrfahrzeuge überall.

Also wieder eine Planänderung: gemeinsam mit der Joy laufen wir schon am Tag nach unserer Ankunft wieder aus. Damit können wir es (hoffentlich) noch vor dem nächsten von Süden heranziehenden Starkwindfeld um das berüchtigte Kap Mendocino herum zur Drakes Bay eben nördlich von San Francisco schaffen. Zwei Tage und zwei Nächte werden wir dafür wohl unterwegs sein. Drückt uns die Daumen.

Warten und die Planung ändern.

Seglers Pläne sind in den Sand geschrieben. Bei Niedrigwasser!

So auch diesmal. Eigentlich wollten wir von Kanada aus direkt nach San Francisco segeln. Aber ein dafür geeignetes Wetterfenster zeigt sich derzeit nicht. Im Gegenteil: ein Hurrikan vor der Baja California macht gerade auch den äußersten Südwesten der USA um San Diego unsicher.

Auf der Seite des amerikanischen Wetterdienstes NOAA sieht die voraussichtliche Zugbahn des Kategorie IV Hurrikans Hilary heute so aus:

Bei Windy präsentiert sich Hilary so:

Das ist (auch von San Francisco aus) noch weit weg und ja auch der Grund, warum wir vor Ende der Hurrikansaison nicht nach Mexiko segeln wollen.

Aber: Auch wenn Hilary’s Wind uns nicht erreicht, die von dem Hurrikan aufgeworfenen Wellen wandern weit über den Pazifik und sorgen gemeinsam mit der an der Küste herunterlaufenden nördlichen (derzeit sowieso schon hohen) Windsee dafür, das sich uns auf dem direkten Kurs wohl ein chaotisches und äußerst unangenehmes Wellenbild bieten würde.

Also planen wir neu: erst einmal um das Cape Flattery herum und auf einem küstennahen Kurs ein Stück nach Süden. Das Problem in diesem Küstenabschnitt ist allerdings, dass die möglichen Häfen und Ankerplätze in Washington und Oregon praktisch alle in Flussmündungen hinter einer Barre liegen. Bei hoher See und/oder auflandigem Wind ist das problematisch.

Auch hierfür bietet NOAA eine Hilfestellung und fasst auf einer im Internet abrufbaren Seite zusammen, welche dieser Barren derzeit befahrbar sind und welche Einschränkungen laut Coast Guard derzeit gelten.

Wir lassen zig mal unsere Abfahrtsplanung mit verschiedenen Varianten bei Predictwind durchlaufen, dem Planungstool, dass wir abonniert haben und bei Passagen gerne verwenden. Unterwegs lässt sich “Predictwind Offshore“ auch über IridiumGo abrufen, so haben wir das bisher immer gemacht. Jetzt mit Starlink können wir aber ganz bequem und schnell auch größere Datenmengen (und damit großräumige Passageplanungen mit präzisen Vorhersagerastern) laden. Klasse, nur am Wetter selbst ändert es natürlich nichts.

Wir entscheiden uns für Newport in Oregon (Yaquina Bay) als nächstes Ziel. Durch die dortigen langen Molen ist diese Barre selten von Schließungen betroffen. Etwa 36 Stunden sollten wir bis dort brauchen. Um im Hellen anzukommen klingelt der Wecker heute um 4:30, um 5:15 fahren wir los.

“Red sky in the morning, sailor’s warning.” Vielleicht ist es aber auch der Rauch der vielen Waldbrände in British Columbia, der für diese Morgenröte sorgt. Tatsächlich ruft die Regierung im Laufe des Tages den Notstand für BC aus.

Wie dem auch sei, wir drehen nach einer halben Stunde um, zurück in die Neah Bay. Keine leichte Entscheidung. Laut neuer Vorhersage hätten wir etwa drei Meter Welle, wenn wir dort ankommen. Von Achtern unterwegs durchaus machbar, wenn auch vielleicht nicht super angenehm. Aber an der Barre? Bei einer Weiterfahrt zum Ausweichhafen Crescent Bay (ohne Barre!) würden die Wellen auf 4 m zunehmen.

Gehe zurück auf Los!

Und was machen wir mit dem geschwenkten Tag?

Erstmal zurück ins Bett, ausschlafen. Und dann? An Land dürfen wir nicht, wir haben in den USA noch nicht einklariert, das geht in Neah Bay auch nicht (aber in Newport). Karen und Steve hatten uns bei unserem Road-trip in Denver ein Puzzle geschenkt, in Erinnerung an unseren Puzzle-Tausch beim Lockdown in Antigua in der Carlisle Bay. Jetzt ist die Gelegenheit dafür:

Wir beobachten am Ankerplatz eine im Norden Nordamerikas heimische, von uns aber bisher nicht gesehene Meerente, die Brillenente (Surf Scoter).

Riggen schon mal beide Spinnakerbäume mit Topnant, vorderem und achteten Niederholer und durch die Nock geführter Schot für die zu erwartenden achterlichen Winde der Passage. Ready to go.

Außerdem: neu planen, neu planen, neu planen 😉.