Abschied von Fulaga

Pilzinsel, die über dem Wasser zu schweben scheint.

Wir haben beschlossen, zum Wochenende auf die nächste Insel weiterzufahren. Bevor wir uns aber zum Nachbar-Atoll Ogea aufmachen, wechseln wir in Fulaga noch ein letztes Mal den Ankerplatz. Ziemlich genau im Herzen der Lagune, um Rooster Island herum, gibt es eine Gruppe von malerischen kleinen Pilz-Inseln mit mehreren wunderschönen Sandstränden. Ein weiterer idealer Ort, um noch einmal unser aufblasbares Doppelkayak zum Einsatz zu bringen.

Das Verholen beginnt allerdings mit einer unschönen Überraschung. Wie üblich hatten wir unseren Anker abgeschnorchelt, er lag wunderbar tief eingegraben im Sandgrund. Als wir die Kette einholen, kommt sie steif, aber der Anker bricht nicht aus. Na gut, dann hilft leichte Fahrt voraus. Tatsächlich, der Anker kommt sofort frei. Aber er sieht jetzt so aus:

Das ist blöd und für uns auch ziemlich unerklärlich. Wir müssen vom extra größer gewählten 30 kg Spade-Anker auf unseren Zweitanker wechseln, den 25 kg Delta. Aber immerhin ist das eigentlich Flora‘s Originalanker, nur dass wir ihn eben seit Griechenland zu unserem Ersatzanker degradiert hatten. Der Wechsel muss natürlich unterwegs passieren, wir lassen Flora treiben und bugsieren die beiden schweren Anker mit Hilfe des Spi-Falls aus bzw. in die Halterung vorn am Bug. Das klappt immerhin auf Anhieb.

Der neue Ankerplatz ist dann wie erwartet einfach traumhaft. Bei Flut sind die Strände schmal und viele Sandbänke zwischen einzelnen Pilzinseln gerade so eben überspült. Bei Ebbe werden die feinen Strände breit, die Sandbänke tauchen dann auf und fallen trocken.

Von diesem Ankerplatz aus fahren wir mit dem Dinghy ein letztes Mal zum Hauptdorf Muaninuku , um uns von unserer Gastfamilie zu verabschieden. Wir treffen sie nicht bei ihrer Hütte an, sondern geraten direkt in eine Festivität auf dem zentralen Dorfplatz. Der Cricket-Pitch in der Mitte des Platzes war uns bereits aufgefallen, jetzt wir er bespielt. Das ganze Dorf ist gekommen und bejubelt entweder das Team Muaninuku oder das Team Vulaga (die alte Schreibweise von Fulaga) . Mehrere kleine Zelt-Pavillions sind am Rand aufgebaut und spenden den Zuschauern Schatten, in ihnen wird außerdem Kava getrunken. Wir finden Lina in einem der Zelte und werden gleich eingeladen. Das koloniale Erbe Britanniens wird deutlich: Cricket ist (neben Rugby) eine der Nationalsportarten in Fiji und wird selbst auf so abgelegenen kleinen Inseln wie Fulaga begeistert gespielt. Einfach auf dem Dorfplatz zwischen Wellblechhütten und Kirche, zugleich mit Blick aufs Meer und unter Palmen.

(Wie immer: für bessere Auflösung auf eines der kleinen Fotos klicken)

Später auf dem Rückweg sehen wir dann erstmals in Fiji Flughunde. In großer Zahl konnten wir diese faszinierenden fruchtfressenden Flederttiere mit einer Spannweite von über einem Meter ja schon in Tonga bewundern, nun also auch hier.

Am nächsten Morgen machen wir dann eine ausgedehnte Kayaktour durch das Insellabyrinth um Flora herum. Die Kalksteinpilze bergen zum Teil Höhlen und das Wasser hat nicht nur die Basis der Inseln erodiert, sondern an mehreren Stellen Torbögen oder regelrechte Brücken gestaltet.

Herrlich! Aber wir haben gehört, dass unser nächstes Ziel Ogea ähnlich beeindruckende Felsformationen bieten soll. Also geht’s nach über vier Wochen Fulaga jetzt weiter zur nächsten Insel der südlichen Lau-Gruppe. Ogea, wir kommen. Tschüß, Fulaga. Du und Deine so herzlich gastfreundlichen Menschen werden uns unvergesslich bleiben.

Update aus Fulaga und unerwartete Begegnungen

Wir sind immer noch Fulaga, haben es uns hier so richtig gemütlich gemacht, unseren eigenen Rhythmus gefunden.

Morgens gehen Wiebke und Barbara gemeinsam Strecke schwimmen, jeweils rund anderthalb Kilometer legen sie dabei zurück.

Ralph und ich beginnen zu dieser Zeit dann unsere erste Wingfoil-Einheit des Tages, nachmittags folgt dann meist eine zweite.

Wiebke bringt derweil dann ihre verschiedenen Strickprojekte voran, z.B. diesen Schal für Barbara.

Oder wir backen (ich Brot, Wiebke Kuchen oder Muffins), nutzen den Ofen dann auch gleich, um Crunchy-Müsli zu machen.

Spaziergänge am Strand …

… oder in den Ort zu unserer Gastfamilie. Die versorgt uns auch mit Obst und anderen Leckereien wie zum Beispiel einer schon gekochten Kokoskrabbe.

Unsere Gegengeschenke kommen aber umgekehrt auch gut an (diesmal eine 12V-Lampe und zwei Gläser Marmelade aus unseren Bordbeständen, bei unserem letzten Besuch zwei von uns nicht mehr genutzte semiflexible Solarpanele nebst Kabel und Regler).

Eine Wanderung soll uns hinauf zum Aussichtspunkt hoch über dem Dorf führen. Seru lässt es sich nicht nehmen, uns hinaufzuführen. Das ist ganz gut so, denn selbst wenn wir den Pfad vom Dorf aus wohl auch einfach nach Beschreibung gefunden hätten, den Einstieg zum Klettern auf den Felsen hätten wir wohl ohne ihn schlicht verpasst. Es geht fast senkrecht hinauf, ein Weg ist da nicht zu erkennen.

Lohnt sich aber sehr, der Ausblick über das Dorf mit der südlichen Bucht und zur anderen Seite bis hin zum Ankerplatz in der Lagune ist einfach fantastisch.

Zurück im Ort zeigt uns Seru ein traditionelles Einbaum-Ausleger-Segelkanu. Die drei Dörfer dieser Insel und ein Dorf auf einer Nachbarinsel haben für eine Regatta nach Jahrzehnten erstmals wieder jeweils eines davon gebaut. Leider wird es derzeit aber scheinbar nicht mehr viel genutzt, bereits etwas eingewachsen liegt es am Strand.

Alte handwerkliche Bootsbaukunst für das Boot selbst trifft zum Teil auf neue Materialien für das Zubehör. Ein Segel aus einer Plastikplane liegt um den Holzmast gerollt auf dem Einbaum-Rumpf, modernes Tauwerk schmiegt sich neben die kunstvollen Lasching aus Naturfasern. Es wäre toll, diese Boote hier auch wirklich segeln zu sehen.

Nach dem Spaziergang serviert uns Seru Trink-Kokosnüsse, ganz ohne Bewirtung geht es an diesem gastfreundlichen Ort einfach nicht.

An diesem Nachmittag haben wir dann zurück auf der Flora auch selbst Besuch – ziemlich unerwartet. Die USCGC Harriet Lane, ein 82 Meter langes Schiff der US-amerikanischen Küstenwache, patrouilliert seit gestern vor dem Pass in die Lagune. Die Amerikaner unterstützen die Küstenwache Fijis beim Kampf gegen die zunehmend auf dem Wasserweg nach Fiji geschmuggelten Drogen (wohl insbesondere Crystal Meth). Und so wird ein Tochter-Schlauchboot zu Wasser gelassen und kommt an unseren Ankerplatz gebraust. Die gemischte Crew aus Fiji und den USA boarded die Segelboote.

Nachdem erst lediglich ein paar benachbarte Boote ausgesucht wurden ist auch die Flora an der Reihe. Aber es ist ein sehr kurzer Besuch: ein Blick in den Motorraum, einer in die Bilge. Und ansonsten wird vom Officer des Fiji-Zolls lediglich der Papierkram kontrolliert. Haben wir einklariert, beinhaltet unser Cruising-Permit auch die Lau-Gruppe? Stimmen Bootspapiere und Pässe mit den Angaben überein? Alles gut, nach kaum fünf Minuten legt das Schlauchboot wieder von der Flora ab.

Freundlich und unkompliziert, es gibt unangenehmere Begegnungen. Zum Beispiel eine, die ich beim Schwimmen habe. Eine Portugiesische Galeere kreuzt meinen Weg. Kein antikes Kriegsschiff, sondern die nach diesem benannte quallenähnliche Polypenkolonie. Ich mache nur nähere Bekanntschaft mit einem vergleichsweise kleinen Exemplar. Unter 10 cm lang schätze ich die gasgefüllte Schwimmblase, mit der dieses Tier tatsächlich auch segelnd seine Fortbewegungs-Richtung verändert. Ärgerlicherweise sind die knallblauen Nessel-Tentakel unter Wasser trotzdem gut einen Meter lang. Ein Tier fotografiere ich, ein anderes nähert sich leider unerkannt. Als ich das Zweite bemerke, haben sich dessen Tentakel schon an meinem Schnorchel verfangen. Das bringt mir um die Taucherbrille herum ein paar brennende Hautberührungen ein. Ist aber zum Glück nicht so schlimm. Wiebke schabt die Reste der blauen Tentakel mit einer Muschel ab, das Zurückschwimmen zur Flora wirkt als Salzwasserspülung. Essig drauf an Bord und ein in kochendes Wasser getauchter Waschlappen helfen. Letzteren lege ich – sobald er kühl genug zum Aushalten ist – auf die betroffenen Hautstellen. Über 45° sollen die Proteine der Nesselzellen zerstört werden und bei mir hilft es tatsächlich sehr schnell.

Beim Schwimmen auf der anderen Seite der Sandbank, offen zum Wassergürtel in Windrichtung, werden wir jetzt deutlich vorsichtiger sein.

Der Ankerplatz der Flora ist zum Glück bei der jetzt herrschenden Windrichtung deutlich weniger gefährdet.

So wird Kokosöl auf Fulaga gemacht

Bei einem Besuch im Dorf erwähnt Lina, dass sie in dieser Woche Kokosöl machen wird und wir uns das gerne anschauen können. Lassen wir uns natürlich nicht entgehen.

Eins vorweg: Kokosöl und Palmöl sind zwei verschiedene Dinge. Palmöl wird aus dem Fruchtfleisch der dichten Büschel rötlicher Fruchtstände der Ölpalme hergestellt. Kokosöl dagegen: tja, aus dem weißen Fruchtfleisch der Kokosnüsse.

Seru zeigt uns, welchen Reifegrad der Kokosnüsse sie dazu hier auf Fulaga bevorzugen. Nicht die grünen Trinknüsse, na klar. In den braunen ist weniger Wasser, mehr Fruchtfleisch. Zu unserer Überraschung nimmt Seru aber am liebsten die bereits angekeimten Kokosnüsse, die schon etwa zwei Wochen am Boden gelegen haben. Praktisch kein Kokoswasser mehr, dafür ganz viel Fruchtfleisch und gerne schon etwas schaumartiger „Kokosapfel“ im Inneren. Der wird wird für das Öl zwar gar nicht verwendet, zeigt aber den richtigen Reifegrad an.

Der Schaum kann einzeln gegessen werden. Das feste weiße Fruchtfleisch wird dann aus der Nuss gelöst, zerkleinert und ausgepresst. Jetzt könnte eigentlich mit dem Kochen begonnen werden, aber dann müsste man sehr lange kochen, um das ganze Wasser zu verdampfen. Die Brennstoff sparendere Methode: den offenen Topf ein paar Tage in die Sonne stellen. So trennen sich Wasser und Öl-Rohstoff schon einmal grob. Nach dem Abgießen wird dann nur der Öl-Rohstoff in einem Topf aufs Herdfeuer in der Hütte gesetzt.

Als Brennstoff dienen neben etwas Holz die Kokosnuss-Schalen und die „Barawa“ (die hinter dem Herdfeuer in der Ecke stehenden trockenen Palmblattansätze. Wie eine Fackel brennen sie vom oberen Ansatz und werden nach und nach ins Feuer geschoben.

Jetzt kochen und dabei kontinuierlich rühren. Mit der Zeit wird der Kokosgeruch immer deutlicher. Aber erst wenn die festen Reste des weißen Kokosfruchtfleisches bräunlich werden und zuckerartig kristallisieren ist es soweit. Die süßlich schmeckenden Brösel werden abgesiebt und zurück bleibt das reine Kokosöl.

Insbesondere wenn das Kokosöl zur Pflege von Haut oder Haar verwendet werden soll, werden auch Blüten oder Blätter (z.B. Hibiskus oder Frangipani) beim Kochprozess hinzugefügt.

Lina mag das Kokosöl aber am liebsten pur und findet, dass es dann für die Zubereitung von Speisen auch am universellsten verwendet werden kann.

Wir bekommen gleich eine Kostprobe: Seru bereitet aus Mehl, Wasser und etwas Zucker Teig für „Saparaki“ vor. Diese Pfannkuchen werden dann von Lina in heißem Kokosöl ausgebacken. Anders als klassische Doughnuts werden sie aber nicht mit Eiern (dann wären es in Fiji „Parile“) und auch nicht mit Hefe (sonst „Babakau“) gemacht.

Lecker (auf fijianisch: maleka)!

Aber wir werden noch weiter verwöhnt. Lina hat aus Mehl und heißem Wasser noch einen anderen Teig vorbereitet. Aus den abgekühlten Kugeln rollt sie mit einem Nudelholz auf einer runden Holzplatte Roti-Fladen, der indische Einfluss in Fiji reicht kulinarisch bis auf die Lau-Inseln.

Seru schabt derweil aus (diesmal ungekeimten) Kokosnüssen wiederum das Fruchtfleisch heraus.

Er presst es mit den Händen aus. Die so gewonnene sahnige Kokosmilch wird dann über die von Lina in der heißen Pfanne gebackenen (nicht frittierten) und dann aufgerollten Roti gegossen.

Und natürlich lassen es sich die beiden nicht nehmen, uns nach dem leckeren Essen auch noch eine Flasche von dem frisch gemachten Kokosöl mitzugeben.

Leere Glasflaschen (Weinflaschen mit Schraubverschluss) sind im Dorf übrigens für das Abfüllen des Öls sehr begehrt. Wir haben Lina ein paar mitgebracht, neben kleinen Gastgeschenken wie Tüchern, Sonnenbrillen, Lesebrille, Schnorchelbrille, und Verbandszeug für Linas maladen Daumen.

Lebensmittel anbauen, ernten, verarbeiten, zubereiten. Für die Inselbewohner hier auf Fulaga macht das einen großen Teil ihres Alltags aus.

Was für ein Privileg, dass uns Lina und Seru an diesem Leben so unmittelbar teilhaben lassen.

Angekommen auf Fulaga in Fiji’s Lau Gruppe

Es ist der zweite Versuch, Fulaga (gesprochen Fulanga) zu erreichen. Dieses Mal müssen wir zunächst nicht mit Gegenwind kämpfen. Es ist Flaute. Wir motoren über eine fast spiegelglatte See. Den ganzen Tag.

In der Nacht haben wir dann ein paar Stunden segelbaren Wind und nutzen das natürlich auch. Aber eben leider nur kurz, dann muss der Diesel wieder ran. Erst gegen Mittag am zweiten Tag kommt wieder Wind auf. Er soll im Tagesverlauf deutlich zulegen, kommt aber genau von vorn. Wenn wir kreuzen, schaffen wir es nicht bei Tageslicht zum Pass, also bleiben die Segel verstaut und der Motor an. Mit der Einfahrt in die Lagune von Fulaga ist nämlich nicht zu spaßen, der Pass ist schmal kann sehr viel Strömung aufweisen. Aber wir kommen rechtzeitig zum Nachmittagshochwasser dort an und können unproblematisch in dieses Juwel der südlichen Lau-Gruppe einfahren.

Fulaga selbst ist dann schon etwas ganz Besonderes. Die Kalkstein-Insel bietet gleich doppelten Schutz: wie Wassergraben und Burgmauer findet sich innerhalb des äußeren Riffs zunächst ein Streifen Lagune und dann ein fast die ganze innere Lagune umfassenderes Land. In dem seeartigen inneren Bassin formen unzählige Inselchen und Sandbänke ein wahres Anker-Paradies.

Am späten Nachmittag können wir keinen Antrittsbesuch mehr machen. Das formelle Sevusevu beim Chief des Dorfes erledigen wir also am nächsten Tag. Mit dem Dinghy geht es zunächst durch das Gewirr der Felsen und Inselchen bis zu einer Bucht, von der aus ein Weg über den Landstreifen zur Südseite der Insel führt. Dort liegt der Hauptort (es gibt drei Dörfer mit jeweils etwa 100 Einwohnern). Auch Ralph von der Lille Venn sowie Aagje und Jeroen von der My Motu sind zum Sevusevu unterwegs. Wir sind für diese Zeremonie richtig gekleidet: alle mit bedeckten Schultern, die Männer zudem mit Herrenrock (Sulu), die Frauen mit Sulu Jaba oder einem um die Hüfte geschlungenen Tuch.

Mikai begrüßt uns am Ortseingang und führt uns zum Chief des Dorfes. Dabei machen wir mehrfach Halt bei verschiedenen Holzschnitzern. Die Schnitzerei ist eine der wenigen externen Einkunftsmöglichkeiten der Inselbewohner.

Der Chief erklärt uns die Wichtigkeit der Gast-Zeremonie: er nimmt unsere als rituelles Gastgeschenk mitgebrachten Kawa-Wurzeln formell an und teilt uns mit, dass wir damit in die Dorfgemeinschaft aufgenommen und Teil der Insel-Familie sind. Jedem Boot wird denn auch eine eigene Gastfamilie zugeordnet.

Nach dem Sevusevu führt uns Mikai noch zur Schule, wo die 45 Schüler (1. bis 8. Klasse, weiterführende Schule wäre dann in Suva auf der Hauptinsel Viti Levu) gerade eine Art Sportfest veranstalten: mit Kokosnuss-Wettöffnen, Zielwerfen, aber auch Palmblatt-Flechten.

Und wir werden unserer Gastfamilie vorgestellt, die uns für Sonntag (nach der Kirche) zum Essen einladen.

Ein ganz besonderer Empfang auf Fulaga.