Der 20. November ist in Mexiko Feiertag: “Aniversario de la Revolución Mexicana”. Erinnerung an den 20.11.1910, an dem der Bürgerkrieg mit dem Aufstand gegen den Diktator Porfirio Díaz begann und sich auch nach dessen erzwungenem Exil mit politischen Wirren bis in die 1930er Jahre fortsetzte.
Das der Tag nationale Bedeutung hat ist leicht zu erkennen: erstmals seit wir in Ensenada sind weht am überdimensionalen Mast auf dem Malecon (der Uferpromenade) die mexikanische Nationalflagge. Überdimensional? Der Flaggenmast ist riesig, tatsächlich 100 Meter hoch, die Nationale soll 50 m x 28 m messen.
Da wirkt dann selbst das große Kreuzfahrtschiff am Kai nicht mehr ganz so gigantisch, Häuser und Yachten dagegen sehen wie Spielzeuge aus.
Hm. Lässt vielleicht Rückschlüsse auf den mexikanischen Nationalstolz zu. Jedenfalls wird ordentlich gefeiert. Schon am Morgen dröhnen Polizeisirenen, die Hauptstraße wird komplett gesperrt für die Festtagsumzüge.
Folklore- und Trachtengruppen, natürlich Musikkapellen, aber auch Seenotrettungskreuzer auf dem Trailer, Sportgruppen, alt und jung, alles ist dabei.
Teilnehmer und Besucher kommen dabei gut ins Schwitzen. Hatten wir in den letzten Tagen eigentlich immer so um die 20 Grad Celsius, ist es heute doch deutlich wärmer. die Luft ist dabei sehr trocken, denn wieder einmal sind die Santa Ana Winds verantwortlich, die von der Mojave Wüste her über das Land und aufs Meer hinaus wehen. Um diese Jahreszeit ein doch ziemlich regelmäßiges Wetterphänomen.
Bei uns an Bord sieht’s dann so aus:
Temperatur oberhalb, Luftfeuchtigkeit unterhalb der ausgewiesenen Komfortzone. Aber nichts zum Meckern, bei blauem Himmel und Sonnenschein ist das doch feinstes Novemberwetter. Die Shades am Bimini werden aufgehängt und wir schaffen sogar ein bisschen Bootsarbeit. Ein Schutzbezug für den Spinnakerbaum wird genäht (Wiebke) und der Warmwasserboiler wieder funktionsfähig gemacht (Ralf).
Kaum am Festland angekommen, ploppt auf dem Handy eine Extremwetter-Warnung auf. Starkwind bis 40 mph für Samstag Abend in Newport Beach.
Als die Harbor Patrol vorbeikommt, um uns eine Färbetablette ins WC zu werfen, sprechen wir sie darauf an. Ja, “Santa Ana Winds” sind angekündigt. Wenn wir deshalb länger als die eigentlich zulässigen fünf Tage bleiben müssen, sei das kein Problem.
Auch auf den Channel Islands waren wir schon vor dieser Wetterlage gewarnt worden: “Wenn die Berge am Festland glasklar erkennbar werden, solltet ihr schnell auf die Südseite der Inseln oder besser gleich ans Festland wechseln.“
Immerhin: noch liegen die Berge ziemlich im Dunst. Und tatsächlich, die Vorhersage auf Windy verschiebt die Ankunft der starken Winde ein paar Mal, nach jetzigem Stand beim Vorhersagemodell ECMWF sollen sie erst am Sonntag Vormittag unseren Ankerplatz in Newport Beach erreichen.
Aber was sind eigentlich die Santa Ana Winds?
Ganz ähnlich wie der Mistral im Löwengolf oder die Bora an der Adria sind die Santa Ana Winds starke bis stürmische Fallwinde. Wie bei ihren Kollegen ist dafür eine Großwetterlage erforderlich, bei der einem Hochdruckgebiet im Gebirge ein Tiefdruckgebiet über dem Meer gegenüber steht. Für die Santa Anna Winds bedarf es hohen Luftdrucks im Great Basin nördlich der Mojave Wüste, zusätzlich dazu eines (relativ) niederigeren Luftdrucks (10 Millibar Differenz reichen) in der Bucht vor Los Angeles. Gerade im Herbst blasen dann die Fallwinde aus dem Great Basin über die Majavewüste. Sie werden dabei heiß und trocken, daher auch die mit ihnen oft verbundene gute Fernsicht. Die relative Luftfeuchtigkeit fällt manchmal unter 10 % (sic!). Das bedeutet auch eine extreme Waldbrandgefahr. Auf dem Weg zur Küste beschleunigen die Winde durch einige der großen Gebirgstäler (etwa das namensgebenden Santa Ana Valley). Im Dezember 2011 erreichten die Santa Ana Winde nicht nur Orkanstärke, sondern brachten Böen bis zu 269 km/h.
So schlimm ist es jetzt bei weitem nicht angekündigt, aber bis zu 54 Knoten (Windstärke 10) könnten durch die Täler blasen. Für unseren geschützten Ankerplatz sagen die verschiedenen Vorhersagemodelle total unterschiedliche Windstärken voraus. Das lässt zwar viel Platz für Hoffnung, ist aber eigentlich kein gutes Zeichen. Gegenüber den 36 kn des europäischen Modells ECMWF prognostiziert das amerikanische GFS nur 22 kn, ICON sogar nur 18 kn. Allerdings fällt umgekehrt die Vorhersage bei den beiden amerikanischen Regionalmodellen um so heftiger aus. Im Modell HRRR sind es 46 kn, das wird aber vom Modell NAM mit 49 kn sogar noch übertroffen. Immerhin sind sich alle Modelle einig, dass der Wind nur eine kurze Phase von wenigen Stunden so stark sein soll. Zudem auch nur am Vormittag, obwohl länger anhaltende Santa Ana Winde zumeist nachts am stärksten sind.
Unser Ankerplatz ist rundum von Land umgeben und somit vergleichsweise gut vor sich durch den Wind aufbauenden Wellen geschützt. Außerdem scheint der sandige Ankergrund gut zu halten.
Wir bauen das Bimini ab, sichern die Rollreffleine der Fock zusätzlich zur Klemme noch auf der Achterklampe und binden noch einen Zeising um die Fock. Alles was wegfliegen könnte und unnötige Windangriffsfläche bietet (wie etwa der Rettungskragen) kommt ins Schiff. Der Anker wird nochmal gecheckt, der Ankeralarm gesetzt. Den Windgenerator schalten wir an, das sollte uns wecken, wenn der Wind (entgegen der Vorhersagen) vorzeitig mitten in der Nacht stark auffrischen sollte.
Und jetzt warten wir ab, was da morgen früh auf uns und die Flora zukommt. Drückt uns die Daumen.
Von Morro Bay gehen wir nur einmal kurz um die Ecke. Aber trotzdem begleiten uns bei diesem kleinen Hüpfer Delfine, wenn auch in einiger Entfernung. Der Ankerplatz hinter Point San Luis am Avila Beach liegt zwischen zwei weit ins Meer hinaus gebauten Piers. Eine dritte Pier etwas weiter westlich hinter dem riesigen Mooringfeld ist die einzige, die derzeit betreten werden darf.
Landgang muss aber für uns hier gar nicht sein. Erstens ist nur ein Stop für die Nacht geplant, vor allem aber wird uns direkt am Ankerplatz eine Wal-Show geboten. Einige Buckelwale jagen unweit der östlichen Pier nach Nahrung und versetzen damit auch die örtliche Vogelwelt in Aufruhr.
Der nächste Tagestörn ist dann etwas länger, es soll an der Küste entlang weiter nach Süden und um das Cape Conception herum gehen.
Wie so viele Kaps genießt auch Conception einen eher zweifelhaften Ruf. insofern sind wir nicht böse, dass wenig Wind angesagt ist. Zunächst müssen wir auch tatsächlich motoren und haben bei dem glatten Wasser das Glück, abermals Delfine zu sichten. Wir schalten in den Leerlauf und beobachten, wie sie offenbar einen Fischschwarm zusammentreiben. Es folgt eine Festmal für sie und für die scheinbar aus dem Nichts herbei geeilten Vögel.
Und danach spritzen die Delfine mit Freudensprüngen weiter:
Kurz darauf setzt dann Wind ein, erstaunlicherweise aus Südwest, aber wir können segeln. Ein paar Kreuzschläge sind erforderlich, o.k.
Aber dass wir zwischenzeitlich weit vor dem Kap ins zweite Reff wechseln müssen, lässt dunkle Vorahnungen aufkommen. Unberechtigt, denn kurz nachdem wir die Rakentenabschussrampen der Vandenberg Space Force Base am etwas nördlicher gelegenen Point Arguello erreichen, flaut der Wind so weit ab, dass wir wieder Vollzeug setzen. Übrigens finden auch hier SpaceX-Starts statt, wir hatten ja in Cape Canaveral einen solchen Start beobachtet und nutzen jetzt mit unserem Starlink wahrscheinlich die damals in die Umlaufbahn gebrachten Satelliten.
Als die Ölbohrinseln vor dem Kap näher kommen, nimmt der Wind weiter ab und so ziehen wir an dem weiterhin gerefft parallel segelnden Kanadier flott vorbei.
Am Leuchtturm Point Conception ist der Wind dann ganz eingeschlafen, unter Motor runden wir das Kap. Ziemlich abwechslungsreiche Bedingungen heute.
Der Ankerplatz in der Cojo Bay ist relativ offen, das ruhigere Wetter kommt uns also sehr entgegen.
Licht und Wolken geben dann zum Sonnenuntergang noch einmal alles:
Diesmal also schnappen wir uns das “tiefe” Bojenpaar. Bei Zero-Tide reicht es gerade so eben, dass Floras Kiel nicht auf dem Grund herumkratzt. Die versprochenen 8 Fuß sind das sicher nicht, aber egal.
Jedenfalls können wir in aller Ruhe eine weitere wunderschönen Wanderung auf Angel Island unternehmen. Diesmal geht’s um die Ostseite der Insel herum, mit Blicken Richtung San Pablo Bay, Richmond und später Berkeley.
Auch wenn das Immigration-Museum auch an diesem Tag geschlossen ist, unser Weg führt daran vorbei und so werden wir an die lebensrettende Zuflucht für die einen (in diesem Fall Deutschen) und ebenso an die wirksame Ausgrenzung anderer (in diesem Fall von Asiaten) erinnert.
An der vormals miltärisch genutzten Südspitze der Insel sehen wir vor San Francisco Downtown als Kulisse ein wohl auf Grund gelaufenes Schiff. Ein Schlepper drückt es ganz langsam seitlich von der Untiefe und nach einer halben Stunde kommt es trotz ablaufender Tide frei.
Unsere Wanderung führt uns auf dem Northern Ridge Trail zum höchsten Punkt der Insel, dem Mount Livermore. Beim Abstieg auf der anderen Seite können wir dann unser nächstes Ziel sehen. Die Richardson Bay mit Sausalito. Typisch, über den hinter dem Ort liegenden Bergrücken wälzen sich die Wolken hinüber und lösen sich dabei langsam auf.
Sausalito ist ein nur 7.500 Einwohner zählender Ort, der aber mit seinem schmucken Ortskern und den Villen am Hang sowie seiner großen Hausbootsiedlung zahlreiche Touristen anlockt. Hilfreich dafür ist auch, dass man es gut mit dem (Leih-)Fahrrad von San Francisco aus erreichen kann. Dabei führt die Strecke über die Golden Gate Bridge, die die beiden Städte verbindet. Zurück kann die regelmäßig verkehrende Fähre genommen werden.
Fähre von Sausalito nach San Francisco, da klingelt doch was? Genau, Jack Londons “Der Seewolf” von 1904 beginnt damit, dass der Protagonist Humphrey Van Weyden diese Fähre nimmt (damals gabs die Golden Gate Bridge auch noch nicht). Im dichten Nebel wird die Fähre von einem Dampfer gerammt und versenkt. Van Weyden wird vom Robbenschoner “Ghost” gerettet. Dessen intelligenter und zugleich brutaler Kapitän Wolf Larsen (der Seewolf, in der deutschen Fersehfassung von 1972 gespielt vom Kartoffel-zerdrückenden Raimund Harmstorf) ist der sozialdarwinistische Gegenpol zum humanistischen Schöngeist Van Weyden.
Auch wenn wir vor zweifelhaften Charakteren auf teilweise ziemlich herunter gekommenen Ankerliegern im hinteren Teil der Bucht gewarnt werden, bei uns geht’s zum Glück weniger dramatisch zu und der Nebel hält sich auch in Grenzen.
Wir treffen uns mit Raffi und dessen Freundin Kristin, die uns ihren schönen Ort mit seinen vielen steilen Treppen zeigen.
Raffi holt uns ein weiteres Mal mit seinem Auto ab und fährt uns aus dem sonnigen Sausalito zur Rodeo Cove westlich der Golden Gate Bridge. Das Wetter dort ist – wie so oft am Nachmittag im Brückenbereich – eher abweisend grau in grau. Trotzdem lassen sich die Surfer nicht abschrecken.
Gemeinsam mit Raffi wandern wir auf der beeindruckend hohen und schroffen Steilküste weiter.
Ein klasse Ausflug, den wir noch mit einem Besuch in der Horseshoe Bay am Fuß der Golden Gate Bridge abschließen:
Unsere Flora haben wir inzwischen an eine Boje des Sausalito Yacht Club verholt. Dort können wir die Einrichtungen des Clubs nutzen, vor allem aber können wir dort einfach und zentral mit dem Dinghy anlegen.
Interessantes Detail: Weniger als die Hälfte der Clubmitglieder hat tatsächlich ein Boot. Der Club (mit Bar und Restaurant) wird eher als erweiterte Familie, als sozialer Treffpunkt mit schöner edler Wasserlage, denn als aktiver Sportverein gesehen. Selbst die (vorhandenen) Jollen werden augenscheinlich kaum genutzt.
😉
Gibt’s doch Boote im Yachtclub?
Das geht natürlich auch anders, die Sportsegler-Szene in der San Francisco Bay ist ziemlich aktiv. Als wir von Sausalito mal wieder an den Ankerplatz bei Treasure Island verholen, zeigt der Blick zurück auf Sausalito ein Regattafeld beim Kampf um die Tonnen. Die Rolex Big Boat Series sind im St. Francis Yacht Club zu Gast:
Und auch vor Downtown gehen jetzt am Wochenspende vermehrt die Segel hoch.
Verwöhn-Segeln, Flauten-Motoren, 2. Reff im Nebel. Die Küste mal schroff, mal lieblich, mal mit Sandstrand, mal mit skurriler Felsen-Landschaft. Grün und Grau. Inselwirrwarr, schnuckelige kleine Orte oder jetzt gerade die Großstadt Victoria.
Gemeinsam mit Floras Buddyboat, der SolarCoaster, machen wir die Runde um Vancouver Island komplett. Auf Noforeignland sieht unser (engerer) Track um die große Insel jetzt so aus:
Seit wir Ende April in Campbell River wieder losgefahren sind, haben wir 1.688 weitere Seemeilen in British Columbia geloggt. So langsam naht der Abschied aus Kanada, aber ein paar Wochen sind es noch. In der ersten Augustwoche ist noch ein kurzer Werftaufenthalt geplant. Ein paar Seeventile sollen getauscht und das Unterwasserschiff fit für die Fahrt nach Süden gemacht werden.
Aber noch ist es nicht ganz so weit.
Seit Hot Spring Cove haben wir noch einmal die ganze Vielfalt der wilden Westküste genießen können. Erst einmal zieht es uns wieder tief hinein in die Insel. Wir segeln in das Shelter Inlet. Dieser Fjord führt hinter Flores Island herum und versteckt ganz an seinem Nordende die schmale und erst aus der Nähe überhaupt erkennbare Einfahrt in die Bacchante Bay. Spektakulär mit ihren steilen Gebirgsflanken und den vom Logging verschonten Wälder (Strathcona Provincial Park).
Das ausgedehnte Flach im Scheitel der Bucht ist das Delta des Watta Creek. Wir erkunden ihn ein ganzes Stück mit dem Dinghy, bis das steinige Bachbett einfach zu flach wird.
Am nächsten Morgen gehts mal wieder früh raus. Wir wollen durch die Sulphur Passage östlich an Obstruction Island vorbei, das geht nur um Stillwasser herum. Wie so oft herrscht am frühen Morgen absolute Flaute. Landschaft und Wolken verdoppeln sich im Spiegel des Wassers.
Die Passage selbst ist tief, es macht also nichts aus, dass es Niedrigwasser-Still ist, sondern bietet eher den Vorteil, die sonst überspülten Felsen rechts und links des Fahrwassers erkennen zu können und durch das aufschwimmende Kelp die schmale Rinne gut sichtbar markiert zu finden.
Nachdem die Engstellen passiert sind, geht es 10 Meilen den Millar Channel hinunter, bevor wir uns bei Vargas Island um Flachstellen und Felseninseln herum in den offenen Pazifik manövrieren können. Hier wechseln sich schroffen Steinküste und ausgedehnte Sandstrände ab, während im Hintergrund schneebedeckte Berge das Panorama bilden.
Unter Gennaker segeln wir an der Küste hinunter – traumhaft der Blick auf den Gebirgszug.
Wir lassen Tofino, dass wir ja schon von Land aus besucht hatten, an Backbord liegen. Ebenso den berühmten Ganzjahres-Kaltwasser-Surferstrand Long Beach. Unser Ziel ist das etwas südlicher gelegene und weniger touristische Ucluelet.
Der tägliche Weißkopfseeadler. In Ucluelet einer von ziemlich vielen.
Genau richtig, um im Supermarkt mal wieder die Frisch-Vorräte aufzustocken und am nächsten Tag vor der Abfahrt noch einen schönen Hike auf einem Teil des West Pacific Trail zu unternehmen.
Fischotterweibchen mit Jungtier
Danach dann aber flott los: der Nebel hat sich aufgelöst. Wind ist allerdings fast keiner, unter Motor fahren wir in Richtung der Broken Island Group.
Die Broken Islands bieten reichlich geschützte Ankerplätze, allerdings auch ein Gewirr von einigen passierbaren und vielen nur für Kayaks geeigneten Passagen. Wirklich ein Labyrinth.
Am Ankerplatz treffen wir auf die „New Era“, Freunde von Melanie und Steve, die aus Port Alberni mit ihrem kleinen Motorboot hier her gekommen sind. Gemeinsam verbringen wir den Abend auf der SolarCoaster und verabreden uns für den nächsten Tag im nur wenige Meilen entfernten Bamfield. Sehr gut: bevor wir hineinkommen, angeln wir uns einmal mehr Lachs: zwei (allerdings etwas kleinere) Spring-Salmon gehen an den Haken. In Bamfield macht dann die Crew der New Era den Tourguide, Liz und Darren nehmen uns mit auf den Hike durch den schmucken Ort, weiter zum Brady Beach mit seinen imposanten Felsformationen und dem herrlichen Sandstränden. Danach ist ein Tisch im einzigen Restaurant am Ort reserviert und zum Abschluss gibts Cocktails und „Nanaimo-Bar“ Nachtisch bei Liz und Darren. Wir werden rundum verwöhnt.
Dann folgt wieder einmal Nebel-Segeln. Mal licht, mal dichter. Aber immerhin müssen wir auf dem Weg nach Port Renfrew die Maschine ganz überwiegend nicht einsetzen.
Port Renfrew ist hauptsächlich auf kleine Motorboote ausgerichtet, aber für uns Segler findet sich am äußeren Steg auch noch ein Plätzchen. Das Bild des leeren Hafens täuscht, als wir zu unserer Wanderung aufbrechen wollen, sind die Angelboote alle schon ausgelaufen.
Wir haben Glück, Hafenmeister Simon fährt uns mit seinem Auto die 4 km zum Juan de Fuca Park und holt uns sogar wieder ab. So können wir die geologischen Besonderheiten dort in aller Ruhe erwandern. Im Tidenbereich finden sich unzählige Pools, die wie Aquarien in der Felslandschaft wirken. Bei Abfahrt vom Hafen scheint die Sonne, hier aber sorgt Nebel für eine ganz besondere Stimmung.
Als wir gegen Mittag zurück im Hafen ankommen, hat auch hier der Nebel Einzug gehalten. Unter Radar segeln wir aus der Bucht heraus, denn trotz Nebel weht es ordentlich.
Ziel ist die Becher Bay an der Südspitze von Vancouver Island, rund 40 Meilen weiter im Westen, wir können also den Wind ganz gut gebrauchen, denn wegen der Tide in der Streit of Juan de Fuca können wir erst am frühen Nachmittag aufbrechen. Zum Glück lichtet sich der Nebel nach ein paar Stunden, vor dem Wind rauschen wir dahin.
Am Abend erwartet uns am Ankerplatz eine Überraschung: Melanie hat an unseren 24. Hochzeitstag gedacht und verwöhnt uns mit einer Apple Pie.
Bei der Weiterfahrt nach Victoria bleiben wir heute von dem hier so häufigen Nebel sogar ganz verschont. Nur drüben auf der amerikanischen Seite der Strait zeigt sich etwas Hochnebel.
Und jetzt: zur Abwechslung mal Großstadt. Wir sind gespannt auf Victoria.
Die Westküste von Vancouver hat den Ruf, besonders schön und wild zu sein. Die von uns bereits besegelten anderen Küstenstreifen von BC haben ja bereits mit diesen Reizen nicht gerade gegeizt. Wenn es also stimmt, dass insbesondere der Norden von Vancouver Islands Westküste dem noch ein i-Tüpfelchen aufsetzen kann, dann müssen wir da wohl hin.
Allerdings gilt hier – mehr noch als ohnehin sonst in BC – der Vorbehalt: wenn das Wetter es zulässt! Den der Weg führt um die Nordwestspitze von Vancouver Island, das berüchtigte Cape Scott.
Zunächst einmal gilt es, überhaupt in dessen Nähe zu kommen. Ruhiges Wetter ist angesagt, das ist gut. Wir tasten uns heran, indem wir vom Maze Inlet aus über das breite Rivers Inlet und Kelp Head herum erst einmal nach Millbrook Cove im Smith Sound segeln. Und trotz der Vorhersage können wir tatsächlich segeln – wenn auch zwischenzeitlich sehr gemächlich. Aber in dem sich nur langsam auflösenden Nebel ist das nicht das Schlechteste.
Beim nächsten Schlag gilt es dann, die Queen Charlotte Strait zu queren und unseren Absprungort auf Hope Island zu erreichen. Dort – in Bull Harbour – können wir das Timing für die Passage der Nahwitti Bar anpassen. Wieder können wir einen größeren Teil der Strecke segeln, weil erneut etwas mehr Wind ist als vorhergesagt.
Steintroll in der Einfahrt zum Naturhafen Bull HarbourStrand mit reichlich Treibholz und von der Brandung rund geschliffenen Steinen. Das klackernde Geräusch der rollenden zumeist mindestens Hühnerei-großen Kiesel in den zurück weichenden Wellen bleibt uns im Ohr, es ist bis zum Ankerplatz zu hören.Strand und Wellen von oben
Seekarten und Törnführer sparen nicht mit Warnhinweisen für diese flache Barre, über die das Wasser mit bis zu 5 kn strömt. Da man den nach Westen setzenden Ebbstrom in Richtung Cape Scott benötigt, allerdings praktisch immer von Westen her die Pazifikdünung anrollt, sollte die Nahwitti Bar bei Slack Tide / Stillschweigen überquert werden.
Für uns und unser Buddyboat SolarCoaster heißt das: früh um 5:30 Anker auf. Dankenswerterweise ist diesmal wirklich kein Wind. So kommen wir gut über die Barre und können im spiegelglatten Wasser trotz morgendlichem Dunst neben vielen Wasservögeln (darunter Nashornalke) und Seeottern auch zahlreiche Buckelwale beobachten.
Nashornalke / Rhinoceros AukletsBuckelwal–FlukeBuckelwale um SolarCoaster herum
Auf der Fahrt nach Bella Bella machen wir noch in der Strom Cove Station. Der Ankerplatz liegt nahe am breiten Seaforth Channel. Zweimal sind wir hier schon vorbei gesegelt, diesmal bleiben wir über Nacht. Wir verziehen uns in die hintere Ecke. Dort liegen wir gut geschützt und mit Blick auf mehrere kleine Wiesen am Waldrand. Solche Ankerplätze haben den Vorteil, dass wir dort oft Wildleben beobachten können. Hier sind es diesmal zwar keine Bären oder Hirsche, dafür zeigen sich zwei Kanada-Kraniche und starten dann mit durchdringenden und so charakteristischen Schreien genau in unsere Richtung.
Und auch auf der Weiterfahrt am nächsten Morgen dauert es nicht lange bis zum ersten Stop. Gleich vor der Bucht liegt im sonst meist über hundert Meter tiefen Seaforth Channel eine Flachstelle. Wir lassen Flora treiben und angeln auf etwa 25 m. Unfassbar, zwei mal werfen wir die Angel aus, beide Male ist ein Kelp-Greenling dran, sobald wir die Leine vom Grund wieder ein bisschen aufgeholt haben.
Dann kann’s ja jetzt in den Hafen gehen. Am Leuchtturm Dryad Point motoren wir vorbei, ein weiteres Beispiel für die selbst an ganz abgelegenen Orten mit Leuchtturmwärtern besetzten, wunderbar in Schuss gehaltenen Leuchttürme hier in BC.
Im kleinen Resort-Hafen Shearwater tanken wir Diesel, waschen in der Hafen-Münzwäscherei unsere Wäsche, kaufen im überschaubaren Supermarkt schon etwas ein. Aber dann nehmen wir doch das Wassertaxi hinüber nach Bella Bella. Nördlich von Port Hardy gibt es in der Küstenregion auf den nächsten etwa 400 Kilometern (Luftlinie) bis Prince Rupert nur ganz wenige kleine Ortschaften. Sieht man von Bella Coola ab, das etwa 100 km den Fjord hinauf auf dem Festland von BC liegt und als einziger der kleinen Orte Straßenanbindung hat, bleiben nennenswert eigentlich nur Hartley Bay (knapp 200 Einwohner), Klemtu (etwa 500 Einwohner) und eben Bella Bella mit etwa 1.000 Einwohnern.
Der Empfang dort ist allerdings wenig herzlich.
Das Schild ist zwar nicht mehr gültig, aber offenbar hat es niemand für nötig befunden, es von der Anlegebrücke des Taxibootes zu entfernen. Und der Ort selbst wirkt dann auch trotz einiger Totems, eines bemalten Langhauses (mit Schild “closed”) und einiger weniger kleiner Läden nicht wirklich wie das “buzzing center”, als das es der Törnführer beschreibt. Immerhin, der Supermarkt in diesem “Hauptort” ist ordentlich sortiert, wir freuen uns, unsere Frische-Vorräte aufstocken zu können.
Sogar Rhabarber bekommen wir, daraus zaubert mir Wiebke Rhabarber-Baiser-Kuchen. 😋
Zurück nach Shearwater brauchen wir nicht mit dem Taxi-Boot zu fahren, Irene und Cress nehmen uns auf ihrer ChitChat mit. Die beiden sind Bekannte von unseren Segelfreunden Melanie und Chris (die ja noch etwas länger auf Haida Gwaii geblieben sind). Eileen und Cris holen uns später auch noch zum Sundowner auf der “Go Halainn” von Sharon und Blair ab, es wird ein netter Abend. Der Gegenbesuch am nächsten Morgen auf der Flora führt dann dazu, dass ich doch tatsächlich ein vielstimmiges “Happy Birthday” gesungen bekomme.
Unser nächster Ankerplatz ist Discovery Cove, nur einen Katzensprung weiter nördlich. Und trotzdem: er vermittelt das Gefühl völliger Abgeschiedenheit. Hinter der schmalen Einfahrt öffnet sich die Bucht wie zu einem Binnensee mit einer Vielzahl idyllischer, gut geschützter Ankerplätze. Wir sind trotzdem allein dort. Obwohl so nah bei Bella Bella, es ist doch ein bisschen abseits der ausgetretenen Wege. Nördlich nehmen die meisten Boote entweder die (innere) Passage durch den Finlayson Channel oder den (etwas offeneren) Weg durch den Laredo Sound. Nur wenige erkunden die Sackgassen der diversen Fjorde östlich dieser beiden Routen. Und das Wetter mit Nieselregen trägt sicher zusätzlich dazu bei, dass derzeit der ein oder andere Umweg vermieden wird.
Uns gefällt es hier. Und auch der folgende, gleich hinter den Troop Narrows gelegene Ankerplatz ist trotz des eher grauen Wetters wieder richtig schön, …
… besonders wenn bei dramatisch wolkenverhangenem dunklem Himmel der weit und breit einzige Sonnenstrahl genau den Weg zur Flora findet:
Nebel. Als wir um 5 Uhr morgens den Anker hochnehmen, bescheint das morgenwarme Licht der Sonne die Spitzen der Berge um die Ikeda Cove. Aber kaum streckt Flora ihre Bugnase aus der Bucht, wird die Sicht auf die Sonne von Nebel fast verschluckt, durch diffuses Licht hindurch ist sie kaum mehr als zu erahnen. Na gut, „patches of fog“ hatte der kanadische Wetterbericht angesagt. Also Radar an und durch. Immerhin ist genügend Wind für den Gennaker und so setzen wir die blaue Blase.
Der Gennaker soll uns helfen, die gut 100 sm über die Hecate Strait einigermaßen flott zu bewältigen, obwohl der Wind zumindest für die erste Hälfte eher schwach vorhergesagt ist.
Zunächst scheint sich die Sonne doch langsam durch das schwammige Grau zu brennen …
… aber: zu früh gefreut. Die Nebelsuppe wird wieder dichter und bleibt uns leider auch den ganzen Tag erhalten. Klamme feuchtkalte Luft auf der ganzen Passage.
Wenigstens stimmt die Windvorhersage. Abgesehen von einer guten Stunde Motorfahrt am Nachmittag reicht es durchgehend zum Segeln, gegen Abend frischt die Brise dann sogar etwas auf. Trotzdem, unseren Ankerplatz erreichen wir erst nach Mitternacht. Dass wir uns im Dunkel hinein tasten spielt eigentlich keine Rolle, der Nebel ist nämlich auch jetzt noch ziemlich dick. Sicht null, das Radar ist gefragt. Aber die Einfahrt in den schmalen Day Island Ankerplatz ist schnurgerade und damit kein großes Problem.
Heute empfängt uns auch nach langem Ausschlafen erst mal gleich wieder dunstiges Grau:
Aber anders als gestern setzt sich die Sonne dann durch. Als wir aus der Ankerbucht fahren, liegen (außer der direkt hinter uns) nur weit voraus auf unserem Weg noch eine Nebelbank, die sich als wir auf sie zu segeln immer weiter zurück zieht und schließlich ganz auflöst.
Die Haida Nation gilt als kämpferisch. 1985 stellten sie das einmal mehr unter Beweis, wenn auch diesmal auf friedliche Weise. Mit Sitzblockaden erkämpften sie einen Stop des intensiven Holzeinschlags auf Lyell Island und weiteren Teilen von Haida Gwaii durch die großen Logging-Gesellschaften. Die hatten zwar von der kanadischen Regierung ausgestellte Einschlag-Lizenzen, aber die Haida betrachten das gesamte Gebiet als ihr eigenes Territorium. Die Blockierer wurden verhaftet, aber die Aktionen brachten Aufmerksamkeit: der Fokus der Öffentlichkeit richtete sich auf drohende Vernichtung wesentlicher Kulturgüter der Haida sowie des uralten Baumbestandes durch eine nicht wirklich als nachhaltig zu bezeichnende Holzwirtschaft. Letztlich war der friedliche Protest erfolgreich. Fast das gesamte südliche Haida Gwaii wurde 1988 zum „Gwaii Haanas National Park Reserve and Haida Heritage Site“ erklärt. 1.470 Quadratkilometer groß und mit einigen Besonderheiten. So verweist das „Reserve“ auf die Nutzungsrechte der lokalen indigenen Völker, außerdem erfolgt die Verwaltung wegen der noch immer umstrittenen Besitzrechte gemeinsam durch die kanadische Regierung und den „Council of the Haida Nation“. Straßen gibt’s in Gwaii-Haanas übrigens keine. 😊
Mit dem Protest einher oder von diesem jedenfalls verstärkt ging auch eine Wiederbelebung der auch nach außen getragenen indigenen Kultur. Beispielhaft dafür steht das traditionelle Langhaus, das 1985 im Protestcamp errichtet wurde. An seiner Seite wurde zur Würdigung der Proteste und der erfolgreichen Zusammenarbeit 2013 der seit Jahrzehnten erste monumentale, neu geschnitzte „Legacy Pole“ aufgestellt.
Wir melden uns über Funk bei den Haida-Watchman an und besuchen von Murchison Island aus kommend diesen historischen Ort an der Windy Bay / Hlk‘yah GawGa.
Eine andere Besuchergruppe ist gerade dort. Da nur maximal 12 Besucher vor Ort sein sollen werden wir gebeten, zunächst auf der anderen Seite der Bucht die Jahrhunderte alte Spruce (Fichte) zu besichtigen. Das passt gut, denn dort können wir uns einer geführten kleineren Gruppe anschließen, sehr informativ für uns, zumal Guide James spannend und unterhaltsam auch über die Geschichte des Protests berichtet.
Danach lösen wir uns von der Gruppe und machen einen wunderbaren Spaziergang um die Bucht herum durch den Urwald hin zum von den Protestlern errichteten Langhaus, genannt “Looking Around and Blinking”.
Legacy Pole voller Symbolik, z.B. die untergehakt sitzenden Protestler (in Gummistiefeln) mit einem barfüßigen Ahnen in ihrer Mitte.
Den nur bei gutem Wetter geeigneten Tagesankerplatz der Windy Bay (sic!) verlassen wir dann wieder und segeln – unseren alten Kurs kreuzend – herrlich unter Gennaker bis in die Sac Bay. Hier treffen wir Melanie und Chris mit ihrer “Solar Coaster” wieder. Die beiden Kanadier hatten wir schon im Crescent Inlet und in Murchinson Cove jeweils kurz gesprochen, hier verbringen wir erstmals mehr Zeit miteinander, verstehen uns richtig gut und werden auch die nächsten Tage jeweils die gleichen Ankerplätze wählen (und uns unterwegs gegenseitig fotografieren).
Flora, Foto Courtesy: Melanie & Chris
In der Sac Bay können wir neben den Sitka-Hirschen erstmals auch Kanada-Kraniche am Ufer beobachten (und ihren charakteristischen Schrei hören).
Am nächsten Tag gehts weiter zum Matheson Inlet.
Solar Coaster, eine Bavaria 32Flora in der Abendsonne im Matheson Inlet
Der Weg um Burnaby Island herum zu unserem nächsten Ankerplatz Bag Harbour hält eine Überraschung bereit: überwiegend segeln wir zwar bei bestem Wetter, aber von See her schiebt sich eine Nebelbank heran.
So dicht, der Blick auf die Solar Coaster wird glatt verschluckt:
Oder eben, aus der Perspektive von Melanie und Chris, die Flora:
Aber zum Glück können wir den Nebel nach Rundung des Kaps hinter uns lassen, das Radar wieder aus machen und zudem von der Fock auf den Code0 wechseln.
Bag Harbour liegt am Südausgang der Dolomite Narrows, die Burnaby Island mit ihrem schmalen Durchfluss zur Insel machen. Oder jedenfalls zur Teilzeit-Insel, den die Narrows fallen bei starker Ebbe trocken. Wir bleiben einen Tag und erkunden die Narrows mit dem Dinghy. Danach sind wir sehr froh, die Durchfahrt nicht mit Flora versucht zu haben. Zwar würde die Wassertiefe bei Hochwasser wohl gerade so eben ausreichen, aber eben nur in der Fahrrinne. Die aber windet sich zwischen scharfkantigen Felsen hindurch und wird nur durch wenige Peilmarken an Land gekennzeichnet.
Bei mittlerem Wasserstand lassen wir uns mit Florecita von der auflaufenden Tide hindurch treiben, wobei wir zwischzeitig den Außenbordmotor schon hoch klappen und mit den Paddeln die Richtung halten müssen. Zurück geht es gegen die Strömung bei etwas mehr Wasser dann schon unter Motor.
Besonders schön ist, dass wir bei der Anfahrt einen kurzen Blick auf zwei große Rundkopfdelfine erhaschen (leider kein Foto) und zudem direkt an der Durchfahrt einen Adlerhorst entdecken.
Eine lange Leichtwindkreuz gegen die auflaufende Tide führt uns heute bei herrlichem Wetter in die Ikeda Cove, unserer vielleicht letzten Station hier auf Haida Gwaii. Wir werden wohl irgendwann in den nächsten Tagen – passenden Wind vorausgesetzt – den Sprung zurück über die Hecate Strait machen.
Wegen der ganzen Ortsbezeichnungen hier nochmal unsere Buchten-Bummel-Route durch Gwaii-Haanas bei Noforeignland:
Wir machen uns auf in Richtung Gwaii Haanas, legen aber noch zwei Zwischenstationen ein. Wegen des für Dienstag vorhergesagten Starkwindes segeln wir am Sonntag erst einmal gut 50 sm hinunter nach Thurston Harbour und am nächsten Tag dann weiter in das sehr gut geschützte Crescent Inlet.
Wie man auf unserem Noforeignland-Track sehr schön sehen kann, nehmen wir dafür nicht den kürzesten Weg, sondern genießen mit dem Umweg durch die schmale Dana Passage das herrliche Segelwetter auf diversen Kursen durch die wunderschöne Landschaft. Am Ende werden es immerhin 28 sm.
Der zwischen den Fjorden liegende Gebirgsrücken zieht sich hier bis auf rund 1.000 m Höhe.
Es geht also zumeist vom Wasser aus ziemlich steil nach oben. Kein Wunder, dass wir immer mal wieder die Spuren zum Teil äußerst heftiger Erdrutsche an den Hängen erkennen. Zuletzt im Jahr 2012 hat unter Haida Gwaii zudem die Erde heftig gebebt (Stärke 7,7 auf der Richter-Skala).
Aber nicht überall sind die Ufer so steil. Im Scheitel des Crescent Inlet liegt ein immenses „Mud flat“, dass sich fast einen Kilometer lang in den Fjord hineinschiebt. Vom Ankerplatz aus steigt der Grund schnell von etwa 10 m an und zieht sich auf nur noch etwa einem Meter einige Hundert Meter weiter bis zu dem Bereich, der dann bei Ebbe ganz trocken fällt und in eine sumpfige Salzwiese übergeht.
Toll ist, dass wir in diesem Uferbereich – wenn auch leider aus einiger Entfernung – häufig einen Schwarzbären sehen können. Er grast gemächlich die Wiese ab oder scheint manchmal auch im Ufersaum nach Krebsen und Muscheln zu suchen. Die Schwarzbären auf Haida Gwaii stellen eine besondere Unterart dar, die sich von anderen Schwarzbären unterscheidet. So ist der „Haida Gwaii black bear“ nicht nur besonders groß, sondern hat vor allem längere und noch kräftigere Kiefer. Jetzt, bevor die Beeren reif sind, ernähren sie sich von Gras, Kräutern, Farnen und ähnlichem Grünzeugs, aufgelockert wird die Diät eben durch Muscheln und Krebse. Im Herbst folgt dann das Festmahl: Lachs.
In Thurston Harbour hatten wir auch „Bären“, allerdings die bekanntesten Vertreter aus der Familie der Kleinbären. Unsere kanadischen und amerikanischen Freunde mögen jetzt stöhnen, aber obwohl die eigentlich nur in Nordamerika heimischen Waschbären inzwischen auch in Deutschland als invasive Spezies unterwegs sind und auch dort in Städten Mülltonnen nach Essbarem durchwühlen, wir hatten die dämmerungsaktiven Tiere bisher noch nicht vor die Kamera bekommen. Die Freude wird durch das Wissen gedämpft, dass Waschbären auch auf Haida Gwaii ursprünglich nicht vorkamen und erst in den 1940er Jahren eingeführt wurden, der Pelze wegen. Seitdem haben sie sich – insbesondere für die brütenden Vögel – zu einer auf manchen Inseln für einige Vogelarten bestandsgefährdenden Plage entwickelt.
Aber wenn ein Waschbär in der Gezeitenzone Steine umdreht und sich dabei auch von dem Fotografen im Dinghy nicht stören lässt, sieht er zumindest doch ganz possierlich aus.