Bahía Santa Maria

Der 180 sm Übernacht-Törn von Bahía Asunción nach Bahía Santa Maria ist nicht der angenehmste. Es startet eigentlich recht gut, und die Vorhersage sieht achterlichen Wind vor.

Die Wellen werden zwar 2,5 m erreichen, sollen aber ebenfalls von Achtern auflaufen. Allerdings – hinsichtlich der Wellen bewahrheitet sich die Vorhersage nur bezüglich der Höhe. Die Richtung – na ja – gibts eigentlich nicht, die aufgeworfene See wird zunehmend konfus. Wir werden ordentlich hin und her gerollt, bekommen nur wenig Schlaf. Als wir am nächsten Tag in die Bahía Santa Maria einlaufen, brechen sich die Wellen an der Punta San Lázaro ziemlich spektakulär.

Aber nachdem wir dieses Kap der Baja California mit gehörigem Abstand gerundet haben, finden wir in Lee des Bergrückens und der Isla Magdalena eine wunderbar geschützte Bucht. Die Landschaft ist faszinierend vielseitig: der kahle, schroffe Hügelzug im Westen mit seiner Felsenküste geht nach Norden hin in eine flache, sandige Dünenlandschaft über. In diese wüstenähnliche Ebene ziehen sich aber einzelne Wasserarme mit Mangroven wie grünblaue Lebensadern hinein.

Und man merkt, dass wir uns langsam den Tropen nähern. Das Wasser in der Bucht ist herrlich. Bei 24 bis 25 Grad springen wir endlich wieder gerne vom Boot aus ins Meer.

Es gibt keinen richtigen Ort, nur zwei kleine Fischercamps in den Mangroven und ein etwas größeres an der Mündung. Die Barre vor dem Mangrovenflüsschen fällt bei Ebbe fast trocken, selbst die Fischer mit ihren offenen Pangas kommen dann kaum durch, müssen ihre Boote teils sogar über den Sand ziehen.

Tidenbedingt verhindert am Morgen der gegen die Dünung stehende Ebbstrom unsere geplante Dinghyfahrt in die Mangroven. Auf der Barre steilen sich die Wellen dramatisch auf. Ein Fischer mit seiner Panga kommt zwar durch, springt dabei aber spektakulär in den Wellen. Gemeinsam mit der Crew der Terikah disponieren um und machen statt dessen mit Jen, Chris, Calder und Cora lieber einen Hike über den Bergrücken.

Hinter einigen Felsen der rauhen Küste versteckt sich ein kleiner Sandstrand. Hier landen wir mit den Dinghies an und wandern dann einem kleinen Canyon den Berg hinauf. Manchmal führt der Weg im ausgetrockneten Bachbett entlang, meist aber gibt es einen Trampelpfad an seinen Seiten.

Auf der anderen Seite angelangt sehen wir, mit welcher Kraft die Wellen hier auch heute anrollen, obwohl der Ozean draußen viel weniger aufgewühlt wirkt.

Auf dem Rückweg wählen wir den Pfad auf einen der Hügel hinauf und können im Kontrast unsere Boote am ruhigen Ankerplatz liegen sehen.

Foto Courtesy: Jen, S/V Terikah

Auf der Flora schaffen wir es, die Einroll-Leine des Fock zumindest provisorisch wieder in der Furlex-Trommel zu befestigen und damit die Rollfock wieder nutzbar zu machen. Die Metallklemme im Inneren der Plastiktrommel war herausgebrochen und hatte sich gleich über Bord verabschiedet. Ein Ersatzteil ist bestellt und wahrscheinlich kann es Jan schon aus Hamburg mitbringen, wenn er uns über Weihnachten in Mexiko besucht.

Schön ist auch, dass wir in der Bahía Santa Maria einige Segelfreunde wieder treffen. Wir haben Doris und Wolf von der Nomad zu Kaffee und Kuchen auf der Flora, die beiden österreichischen Seenomaden hatten wir zuletzt in San Diego getroffen. Und beim Sundowner auf der Terikah sind auch Camille und Pat von der Pelican dabei.

Aber für’s erste trennen sich unsere Wege hier wieder. Wir hoffen, die anderen in La Paz wieder zu treffen, oder sonst vielleicht irgendwo anders auf dem Weg.

Seglerleben.

Bahía Asunción

Wer beim Auslaufen aus Bahía Tortugas unseren Kurs auf Noforeignland.com oder AiS verfolgt hat, wird sich vielleicht über eine Extrarunde zurück zum Ankerplatz gewundert haben.
Kurz vor Sonnenaufgang gehen wir fast zeitgleich mit drei anderen Booten ankerauf, um die Strecke nach Bahía Asunción gut bei Tageslicht zu schaffen. Aber schon im Ausgang der Bucht meldet sich das Boot vor uns mit Motorproblemen und bittet um einen Schlepp. Wir ziehen das Boot des amerikanischen Einhandseglers wieder zurück zum Ankerplatz vor dem Ort, wo er sich jetzt in Ruhe um seinen Motor kümmern kann.

Danach sind wieder aber gleich wieder unterwegs und mit dem inzwischen einsetzenden guten Wind wird es ein wunderbarer Segeltag. Fast die ganze Zeit unter Gennaker, wie auch die ursprünglich mit uns ausgelaufenen Boote, die wir sogar wieder einholen.

Die Angel ist auch draußen, aber nur kurz. Erst beißt ein kleiner unechter Bonito, den lassen wir wieder frei. Nur wenig später holen wir einen schönen Großaugen-Thunfisch herein und damit hat die Angel dann gleich wieder Pause.

Unsere Lieblingsgröße: noch gut zu handhaben und reicht locker für vier Mahlzeiten für uns beide.

Die Bahía Asunción ist wieder eine sehr große Ankerbucht. Sie wird gegen die vorherrschenden Winde geschützt von einer schmalen Landzunge im Nordwesten und einer Insel mit vorgelagerten Felsen im Westen.

Abgesehen von der felsigen schmalen Halbinsel ist das Ufer zumeist ein breiter Sandstrand, der sich scheinbar bis zum Horizont erstreckt.

Der Ort: eine geteerte Hauptstraße mit einigen kleinen Geschäften, ansonsten staubige Sandstraßen und viiiiiel Landschaft:

Freundliche Menschen, anhängliche Straßenhunde. Manchmal skurrile Verarbeitung der Knochen von angespülten Walen.

Und natürlich das inzwischen scheinbar überall dort, wo man auf Tourismus hofft, unvermeidliche Monument mit dem Ortsnamen aus bunten Buchstaben.

Die vorherrschenden Vögel sind in Bahía Asunción diesmal nicht die Pelikane (die es aber natürlich auch gibt) , sondern eindeutig die Truthahngeier. Mit ihren bis zu zwei Metern Flügelspannweite sind sie ja eigentlich schon beeindruckend genug, aber der leuchtend rote federlose Kopf gibt ihnen noch ein ganz besonders markantes Aussehen. Angst brauch man nicht vor ihnen zu haben: die Cherokee nennen sie sogar Peace Eagles (Friedensadler), weil sie anders als andere Geier nicht selbst töten, sondern ihren Fleischkonsum tatsächlich auf Aas beschränken. Straßen in abgelegenen Gegenden kommen ihnen da sehr entgegen.

Sind die roten Köpfe schön? Oder eher … speziell?

Über dem Pazifik jedenfalls zeigen sich einmal mehr wunderbare Sonnenuntergänge, bei denen die Rot-Färbung dann wieder jedem gefällt:

Red sky at night – sailor’s delight.

Bahía Tortugas

Und wieder 50 Seemeilen nach Süden. Schönes Gennakersegeln. Rechtzeitig vorm Dunkelwerden laufen wir in die geschützte Bahía Tortugas ein. Bei den nordwestlichen Winden bietet sich der Ankerplatz vor dem Ort an, der einfach den Namen der Bucht trägt. Nur fünf Boote liegen vor Anker in der großen Bucht, zwei kommen in der Nacht noch dazu. Etwa die Hälfte der Crews sind Bekannte, die anderen lernen wir in den nächsten beiden Tagen kennen.

Das ist kein Kunststück, alle treffen sich am Dinghystrand, dem kleinen Supermarkt oder der Sundowner-Bar an der Pier.

Angekommen in der Provinz der auch für mexikanische Verhältnisse abgelegenen wüstenähnlichen Baja California. In dem entspannten kleinen 2.600 Seelen-Ort ist die Hauptstraße befestigt, fast alle anderen sind Sandwege. Entsprechend viel Staub ist in der Luft und der muss ja irgendwie heruntergepült werden.

😉

Was sofort auffällt ist der offenbare Fischreichtum der Bucht: noch nirgends haben wir so viel Seelöwen und vor allem so viele Pelikane gesehen:

Und auch Fischadler sind erstaunlich zahlreich. Allerdings haben sie in dieser außerhalb des Ortes baumlosen Landschaft Probleme, ihre Nester wie anderswo üblich aus Zweigen zu bauen. Bei genauem Hinschauen wird deutlich, dass dieses Nest auf dem Strommast zu einem großen Teil aus Netz- und Leinenresten besteht, sicher nicht ungefährlich für die Vögel und ihren Nachwuchs.

Auch eine andere ungewöhnliche Zweitverwertung jagt uns einen Schauer über den Rücken. Dieses Garagendach stützt sich auf die Reste eines Segelboot-Mastes:

Allgegenwärtig im Ortsbild sind kleine Fischerboote, viele im Ort leben ganz oder teilweise vom Fischfang.

Die ins Meer hinausgebaute Pier macht mit den fehlenden, weggerosteten und geflickten Stützen keinen allzu Vertrauen erweckenden Eindruck. Aber als wir gerade diskutieren, ob sie noch betreten werden kann, fahren zwei Auto drauf. Hm. Die Locals haben da offenbar andere Vorstellungen als wir.

Der größeren Fischereischiffe können aber an der Pier nicht entladen werden. Stattdessen kommen Amphibienfahrzeuge für die Ausrüstung und Entladung zum Einsatz. Die machen zwar unwahrscheinlich viel Krach, sind aber doch putzig anzusehen:

Und an Bord lassen wir es uns auch gut gehen, putzen schnorchelnd in der 23 Grad warmen Bucht den Wasserpass, schwelgen im Luxus des unterwegs gefangenen Fisches und den restlichen von den Fischern auf San Benito geschenkten Lobstern, backen frisches Sauerteig-Brot und herrlichen Walnuss-Orangen-Schokokuchen.

Ganz schön lecker und ganz schön kaputt: Kulinarik- und Leuchtturm-Special San Benito Oeste

Wir wandern noch einmal quer über die Insel. San Benito Oeste gefällt uns richtig gut. Wahrscheinlich hat das auch mit dem Regen von vor einer Woche zu tun, der für die unerwartete Pracht an kleinen Blüten auf diesem aus der Ferne so braun und fast unbewachsen scheinenden Eiland verantwortlich ist. So erklärt es uns Enrique, mit dem wir uns bei unseren Landgängen angefreundet haben. Er zeigt uns auch, dass der Nektar der Quiote-Agaven direkt aus den Blütenkelchen getrunken werden kann:

Und Enrique ermuntert uns auch, zum alten Leuchtturm auf der anderen Inselseite zu wandern. Den hatten wir gestern nur aus der Ferne vom höher liegenden neuen Leuchtturm in der Inselmitte gesehen.

Heute also wieder über 10.000 Schritte. Es lohnt sich. Ja, der Leuchtturm ist schon länger außer Betrieb, nur noch eine Ruine. Aber was für eine:

Die Scheiben des Leuchtturmwärterhauses sind zerschlagen, ebenso die aufgesetzte Laterne. Als wir näher kommen liegt viel Glas herum. Bei Sturm möchte ich nicht in der Nähe sein, weil es vermutlich weitere Glasteile regnen könnte.

Und auch das Gebäude selbst hat bessere Zeiten gesehen.

Der Turm kann aber trotzdem noch bestiegen werden, die Wendeltreppe aus Beton ist wahrscheinlich das Bauteil, das noch im besten Zustand ist. Und der Aufstieg bietet tolle Ausblicke durch die kreisrunden Turmfenster:

Der eigentliche Kracher aber ist das Lampenhaus mit der Optik, bzw. was davon noch übrig ist.

Tatsächlich können wir innen bis zu den Relikten der großen Fresnel-Linsen und den Überbleibseln der Drehmechanik hinaufsteigen.

Und was für eine Aussicht:

Zurück an Bord verarbeiten wir die Geschenke der Fischer: drei Lobsterschwänze wandern mit Limetten-Butter in den Backofen. Die ebenfalls geschenkte Abalone (auch Seeohr, Meerohr oder Haliotis genannt) macht uns mehr Kopfzerbrechen. Diese mehr als Handteller große Meeresschnecke haben wir noch nie zubereitet. Erstmal müssen wir sie aus ihrem wunderschönen Perlmutt-Gehäuse lösen, dabei leistet ein Holzlöffel gute Dienste. Nach der aufwändigen Säuberung und dem Wegschneiden der Lederhaut zerteilen wir sie in feine Scheiben. Danach werden die Scheiben mit einem Löffel zart geklopft. Ein Teil wird in Limettensaft, Salz und Pfeffer zu Ceviche verarbeitet, die übrigen Scheiben in Butter kurz angebraten. Beides ist super lecker, die Lobsterschwänze natürlich auch. Noch Salat dazu, fertig. Was für ein Festessen.

Muchas Gracias!

Von Santa Catalina nach Newport Beach

Eine ganze Woche verbringen wir in Avalon auf Santa Catalina, so gut gefällt es uns in dem kleinen Urlaubsörtchen.

Wir haben Sundowner bei unseren Nachbarn Lynn und Hugh auf ihrer Moody 43 DS “Happy” und umgekehrt Nachmittagskaffee und Kuchen auf der Flora, wandern mit Heather und Jim von der “Kavenga” zum Botanischen Garten und machen auf dem Rückweg regen Gebrauch von der Happy Hour beim Mexikaner. Spielen Minigolf, nutzen die Laundry und die guten Einkaufsmöglichkeiten in Avalon.

Mit der Kavenga-Crew auf der Flora

Ein bisschen Arbeit streuen wir auch ein. Der komplette Stauraum im Vorschiff wird neu sortiert, außerdem die Lebensmittel durchgesehen. Während Wiebke Flora innen putzt, kümmere ich mich um Floras Bart. Über die Zeit hat sich auf dem weißen Rumpf mal wieder ein gelblich-brauner Film angesammelt, vor allem am Bug. Schon vor längerer Zeit hatte ich “On & Off – Hull & Bottom Cleaner” gekauft, jetzt probiere ich ihn erstmals aus. Wird mit einem Schwamm aufgetragen und verrieben, nach kurzer Einwirkung dann mit Wasser abgespült.

Heute lösen wir dann aber doch die Mooringleine und segeln bei herrlichem Wetter hinüber ans Festland.

Unser Ziel ist Newport Beach, zwischen Los Angeles und San Diego gelegen. Viel wissen wir nicht über die Stadt, nur, dass sie einen gut geschützten Ankerplatz bietet und man mit dem Dinghy gut die vielen Häuser mit Bootsstegen davor bewundern kann. Das machen wir dann auch. Und sind ziemlich beeindruckt. Ganze Stadtteile im Mündungsgebiet des San Diego Creek sind Inseln, etwa Balboa Island und Lido Isle, daneben gibt es eine Vielzahl weiterer kleiner Inseln und Halbinseln. Es ist unfassbar, wie viele Boote hier liegen. An den Stegen vor den Häusern und Villen, in mehreren Häfen und vor allem in riesigen Bojenfeldern. Und mittendrin: unser Ankerplatz.

Kleine Strände finden sich auch an der Innenseite, aber vor allem ist die Pazifikseite der Stadt ein einziger, beeindruckend breiter, wunderbarer Sandstrand.

Hier werden wir wohl ein paar Tage bleiben.

San Francisco II: Cable Car, Chinatown, Mission

Die Golden Gate Bridge erscheint nicht immer rot oder gar golden. Der Himmel nicht immer blau. Und auch San Francisco hat im wahrsten Sinne viele Farben und Nuancen zu bieten.

Wir nehmen ein Cable Car und fahren vom Marina District über die steilen Hügel von Russian Hill und Nob Hill. Dort macht unsere Linie einen Haken und führt dann weiter zur Market Street, einer der Haupteinkaufsstraßen in Downtown San Francisco.

Die Cable Cars sind so nostalgisch, wie wir sie aus diversen Filmen kennen. Innen komplett mit Holz ausgekleidet, hölzerne Sitzbänke, und nicht zuletzt offene Trittbretter, auf denen stehend außen an der Cable Car mitgefahren werden kann.

Jeweils zwei Operator fahren den Wagen. Warnweste und feste Handschuhe weisen sie aus, gleichzeitig ist einer von ihnen auch Schaffner. Die Bedienung der Cable Cars sieht nach schwerer Arbeit aus und im kleinen Cable Car Museum (1201 Mason Street) erfahren wir, warum das tatsächlich so ist. Die unter der Straße verlegten Kabel verlaufen für die vier Cable Car Linien in vier riesigen separaten Schleifen. Wie bei Seilbahnen werden sie über entsprechende Räder angetrieben und umgelenkt.

Die Wagons selbst werden dann durch den Operator (oder “Gripman”) an die Kabel angeklemmt und zwar im Wortsinne. Eine große Klemmzange greift um das Kabel und hält den Waggon an ihm fest. Mit gut 15 km/h geht es dann vorwärts. Vom Waggon aus kann der Griff gelockert werden, das Kabel rutscht dann etwas durch (langsame Fahrt) oder ganz gelöst (zum Anhalten, wobei dann vom Bremser auch die mechanische Radbremse angezogen werden muss).

Unterwegs im Cable Car sieht der Platz des Gripman zwischen den Sitzen so aus:

Seit 1863, also seit genau 150 Jahren gibt es die Cable Cars in San Francisco und an ihrer grundsätzlichen Mechanik hat sich nicht viel geändert.

Wir bummeln durch die Innenstadt und den Bereich SoMa (South of Market), wo auch das San Francisco MoMA (Museum of Modern Art) beheimatet ist, Mittwochs aber leider geschlossen hat. Also weiter Richtung der Hochhäuser der Finanzdistricts und dann abbiegen nach Norden.

Unser Ziel ist Chinatown, dass sich in mehreren Straßenzügen vom Financial District bis hinauf nach Little Italy um Telegraph Hill und North Beach hinzieht. Manchmal geht der Blick hinunter zum Wasser, wo mit der San Francisco-Oakland-Bay Bridge die größere Schwester der Golden Gate Bridge grüßt.

Vor allem aber ist Chinatown tatsächlich eine Stadt für sich. Als wir in einer Nebenstraße in einem kleinen Restaurant essen, sehen wir um uns herum ausschließlich Chinesen. Auch die Angestellten des Restaurants sprechen nur chinesisch, für uns wird eigens eine Übersetzerin herangeholt. „Wie haben Sie unser Restaurant gefunden?“ ist die erste übersetzte Frage. Das Essen ist dann übrigens sehr gut und ausgesprochen günstig. Wir lassen uns durch das zwischen Tradition und Moderne, zwischen Tourismus und eigenem Lebensstil changierende Viertel treiben und diese bunte Mischung auf uns wirken.

Am nächsten Tag nehmen wir vom Marina District den Bus der Linie 49. Die Nummer der Linie ist Zufall, aber ein witziger. Schließlich stehen die „San Francisco 49ers“ als NFL American-Football-Team ziemlich weit oben auf der Bekanntheitsliste in diesem Sport. Der Name hebt übrigens nicht auf das Gründungsjahr ab (das war erst 1946) sondern auf 1849 als das Jahr des kalifornischen Goldrausches, dass San Francisco einen kometenhaften Aufstieg bescherte. Und auch uns bringt die 49 zu den Ursprüngen der Stadtentwicklung. Wir fahren in den Stadtdistrikt „Mission“. Benannt ist er nach der ab 1776 erbauten katholischen Mission Dolores. Diese spanische Missionsstation wurde zwar gemeinhin Mission Dolores (nach dem benachbarten Flüsschen) genannt, war offiziell aber nach dem heiligen Franz von Assisi benannt. Und – na klar – sie war der Ursprung der sich in der Folge langsam, ab 1849 dann aber sprunghaft entwickelnden Stadt San Francisco. Das älteste noch existierende Gebäude der Stadt ist denn auch als zweite größere Gebäudestruktur der Mission bereits 1791 eingeweiht. Dieser alten Missionskirche wurde später eine neue zur Seite gestellt, die allerdings anders als das Altgebäude dem Erdbeben von 1906 zum Opfer fiel und 1918 durch eine verspielt dekorierte Basilika ersetzt wurde.

Der Stadtteil „Mission“ ist wohl das Viertel in San Francisco, in dem die lateinamerikanischen Wurzeln auch heute noch am stärksten zu spüren sind. Nicht wie in Chinatown praktisch als geschlossene Stadt, sondern vielmehr offen dynamisch auch für andere Kulturen, aber mit einem klaren Schwerpunkt im mexikanischen oder zumindest spanisch-sprachigen Bereich (diesmal essen wir wunderbar im peruanischen Restaurant „Limón“). Bars, Taquerias und Restaurants finden sich reichlich, aber auch zum Beispiel eine der wenigen wirklich guten Bäckereien.

Eine weitere Attraktion im Viertel sind die vielen Wandmalereien (Murals), allen voran das „Woman`s Building“ und die fast vollständig bemalte Gasse „Clarion Alley“. Letztere geht auf ein vor dreißig Jahren ins Leben gerufenes Kunst- und Community-Projekt zurück, das auch ein Zeichen gegen die „Neuentwicklung“ und Umstrukturierung gewachsener Stadtsteile und die damit einhergehende Gentrifizierung setzten will.

Klares Signal: San Francisco war nicht nur zu Hochzeiten der Hippiebewegung 1967 bis 1969 bunt, sondern will es weiterhin bleiben.

Sidney. Per Luftkissen an Land. Erschreckendes Seeventil. Und wunderbare Gastfreundschaft.

Eine Woche sind wir schon in Sidney. Von Victoria aus gleich um die Ecke im Südosten von Vancouver Island und damit in unmittelbarer Nähe der Gulf Islands gelegen, ist Sidney so etwas wie das Segler-Mekka auf Vancouver Island. Ein knappes Dutzend Yacht Clubs und Marinas gibt es hier, dazu die entsprechende Infrastruktur von Segelmachern bis zu Motor-Mechanikern und Elektronik-Spezialisten.

Für uns eine gute Gelegenheit, Flora für den nächsten langen Schlag nach San Francisco fit zu machen. Wir entschließen uns, unser Boot für ein paar Tage aus dem Wasser zu nehmen und ein paar kleinere Wartungsarbeiten durchzuführen.

Aber erst einmal ankern wir in der Roberts Bay, direkt am Haus unserer Freunde Melanie und Chris. Na ja, fast. Ein bisschen Vorsicht ist geboten, der innere Teil der Bucht fällt bei Ebbe trocken, man sollte also nicht bis zu den (ohnehin als privat gekennzeichneten) Bojen fahren. Aber die Seekarten sind akkurat und wir sind ohnehin gewarnt.

Es ist schon klasse, im Garten zu sitzen und das eigene Boot vor Anker beobachten zu können.

Oder aber bei Sonnenaufgang aus dem Fenster.

Das Foto hat Chris gemacht, aber es hätte auch von uns sein können. Denn schon am zweiten Abend paddeln wir nicht mehr zur Flora, sondern beziehen das Gästezimmer im Haus unserer Freunde.

Wir machen gemeinsame Ausflüge und Fahrradtouren, besuchen den privaten Blumenpark Butchart Gardens mit Karussellfahrt, anschließendem Picknick und großem Feuerwerk, machen eine Einkaufstour (Wolle und Kamera) nach Victoria, werden bekocht, gehen Essen und besuchen Freunde der beiden, feiern Chris’ Geburtstag, kurz: wir werden so richtig verwöhnt.

Orca ganz nah (und ganz freundlich)

Aber na klar, auch etwas Arbeit auf Flora steht an. Die neue Armatur in der Pantry installieren wir noch vor Anker. Hört sich einfach an, erfordert aber doch einiges an Boots-Yoga und ein paar Anpassungen an den Anschlüssen. Ein wenig Blut und einige Flüche gehören nun mal zu jeder anständigen Bootsarbeit …

So siehts aus, endlich tropft der Wasserhahn nicht mehr (und deshalb müssen wir auch nicht mehr nachts die sonst regelmäßig anspringende Frischwasserpumpe ausstellen).

Aber die anderen Arbeiten heben wir uns für Floras Landaufenthalt auf. Insbesondere zwei Seeventile sehen nicht mehr sehr Vertrauen erweckend aus, sie und die dazu gehörenden Borddurchlässe sollen getauscht werden. Der Log/Lot/Temperatur-Geber kommt ebenfalls neu. Außerdem hat unser Unterwasserschiff hier im kalten aber an Nährstoffen reichen Wasser des Nordpazifiks etwas Pelz angelegt.

Bei Philbrooks an der Van Isle Marina gehen wir aus dem Wasser. Diesmal nicht wie sonst per Travellift (also per fahrbarem Kran, der Flora mit Schlingen unter dem Bauch hochhebt). Statt dessen bringt ein “45 t haul out self propelling trailer” unser Schiff aufs Trockene.

Und das geht so: Flora liegt am Steg vor der Rampe. Wie von einem überdimensionierten Unter-Wasser-Gabelstapler wird Flora auf die Hörner genommen, links und rechts vom Kiel werden per Fernsteuerung die langen Metallarme (mit großen Luftschläuchen darauf) unter Floras Rumpf platziert. Dann wird das Ganze hydraulisch hoch gepumpt (bzw. die darunter liegenden Räder nach unten gegen die Rampe gepresst. Das alles ohne irgendwelche Abspannung des Bootes, ganz schön aufregend für uns. Flora bleibt waagerecht und wird auf dem jetzt schrägen Gefährt die Rampe hoch gezogen und an Land gesetzt.

Das Coppercoat des Unterwasserschiffs wird nach dem Hochdruck-Reinigen mit 320er Papier angeschliffen. Decken, Vorhänge und Teppiche kommen raus, Waschmaschine und Teppichreiniger unserer Freunde laufen im Hochbetrieb. Was für ein Luxus, wir können bequem in ein paar Minuten von der Marina zum Haus unserer Freunde laufen. Und für die Teppichladung werden wir von Melanie und Chris sogar im Auto chauffiert.

Bootsteppich trocknet mit Aussicht hinterm Haus
Gardinen im Vorgarten

Die Opferanoden hat die Taucherin in Campbell River vor zwei Monaten kontrolliert: “sind noch gut”. Wohl eher nicht, gut dass wir sie jetzt checken und tauschen können.

Opferanode der Antriebswelle alt/neu
Opferanode Propeller alt/neu

Und die Borddurchlässe/Seeventile? Eins überlebt den (allerdings verschärft durchgeführten) Rütteltest nicht und bricht im Verbindungsstück zwischen Seeventil und Seewasserfilter ab:

Die rote Bruchstelle sieht schwer nach galvanischer Korrosion/Entzinkung aus. Das betroffene Fitting wurde bei der nachträglichen Installation des Wassermachers in Griechenland eingebaut. Möglicherweise war es Messing statt gegen Seewasser beständigerer Bronze, aber wir haben ab jetzt ein besonders wachsames Auge auf unsere Borddurchlässe. Alle werden noch einmal gecheckt, drei lassen wir von Philbrooks tauschen.

Aber jetzt ist erst einmal langes Wochenende: Montag ist “British Columbia Day” und damit arbeitsfrei. Mittwoch soll Flora zurück ins Wasser.

Zeit, erstmal bei “Tim’s“ Kaffee und Croissants zu holen. Melanie: “Ihr wart noch überhaupt nicht bei Tim Hortons? Dann lassen Euch die Zöllner bestimmt nicht aus Kanada ausreisen!” Die von der kanadischen Eishockey-Legende Tim Horton gegründete Kaffeehaus-Kette ist wohl eine kanadische Institution.

😇

Vancouver Islands wilder Westen von seiner ruhigen Seite. Lachs, Loonies und “Pinguine des Nordens”.

Der Ort Winter Harbour mit seinen 17 ganzjährigen Bewohnern bietet uns Gelegenheit, mal wieder den Dieseltank zu füllen, in der kleinen Hafen-Laundry Waschmaschine und Trockner zu nutzen und uns beim Spaziergang auf dem schönen Boardwalk am Ufer entlang die Beine zu vertreten.

Außer für die paar “verirrten“ Segler ist Winter Harbour aber vor allem ein Anlaufpunkt für viele Angler. Der Ort ist – wenn auch nur über Schotterstraßen und anschließende “Dirt-Tracks” mit dem ausgebauten Straßennetz an der Ostküste von Vancouver Island verbunden, Leidensfähige können ihr Angelboote also nach Winter Harbour trailern. Oder aber die Straßenanbindung von Port Alice und den tief ins Landesinnere einschneidenden Quatsino Sound nutzen, um rund dreißig Seemeilen mit dem Motorboot hier her zu flitzen. Oder einfach in einer der Angel-Lodges ein Boot mieten. Wie dem auch sei: Angeln wird hier sehr groß geschrieben, speziell jetzt zur Lachs-Saison.

Das motiviert uns in dieser Gegend ebenfalls “auf Lachs zu gehen”, also gaaaanz langsam mit nur 2 bis 3 kn Fahrt zu trollen und dabei die Leine mit Blei oder “sinker”auf Tiefe zu bringen.

Mit Erfolg: ein schöner Coho geht uns an den Haken, unser erster in Kanada:

Gemeinsam mit der Crew der SolarCoaster speisen wir also auf Flora fangfrischen Lachs (mit Zitronenrisotto und frisch gepflücktem Queller/Sea Asparagus). Die beiden überraschen uns dazu mit einer eigens gefertigten “Angeltrophäe”, noch dazu einer, die perfekt zum Lachs getrunken werden kann.

Und wir erkunden einige weitere schöne Ankerbuchten, machen einen wunderschönen Hike von der Columbia Cove hinüber zum langen Sandstrand, schlängeln uns mit unseren Booten durch die schmale Zufahrt mit steil aufragenden Klippen in das Klaskish Basin:

Foto courtesy Chris, S/V SolarCoaster

Hier treffen wir auch zum ersten Mal auf den Vogel, dessen Namen wir schon so oft gehört haben: den Loon. Sein Abbild ziert nämlich die kanadische 1$-Münze, die deshalb gemeinhin als “Loonie” bezeichnet wird (und die wir z.B. für die Wäscherei brauchen). Jetzt, zur Balzzeit, schwimmt der auf deutsch als Eistaucher bezeichnete Vogel uns im Prachtkleid vor die Linse:

Das freut uns, sehr sogar. Aber sogar noch mehr begeistert uns ein anderer Vogel. Als wir nämlich bei ungewöhnlich ruhigen Bedingungen das berüchtigte Cape Cook an der Spitze der Brooks Peninsula umfahren, können wir an der vorgelagerten Seelöwen- und Vogelinsel Solander Island erstmals Puffins bewundern. Unsere Hoffnung auf Puffin-Sichtungen auf Haida Gwaii hatte sich leider nicht erfüllt, jetzt aber fliegen einige dieser “Papageitaucher” um uns herum.

Und neben anderen Seevögeln sehen wir hier wieder Nashornalke und auch Trottellummen:

Papageitaucher, Nashornalke und Trottellummen gehören zu den (nur auf der Nordhalbkugel vorkommenden) Alkenvögeln. Anders als die (mit Ausnahme von Galápagos) nur auf der Südhalbkugel vorkommenden Pinguine sind alle heute noch vorkommenden Alkenvogelarten flugfähig (der von den Menschen ausgerottete Riesenalk war es nicht). Mit ihren kurzen schmalen Flügeln wirken sie nicht wie elegante Flieger. Dafür aber können sie ihre Flügel unter Wasser beim Tauchen nach Fischen ungemein effektiv einsetzen. Auch ansonsten verbindet sie eine Menge mit den Pinguinen, obwohl sie eigentlich nicht sehr nahe miteinander verwandt sind. Das zumeist schwarz-weiße Erscheinungsbild, vor allem aber das an Land sehr aufrechte Stehen durch die weit hinten ansetzenden Beine und damit zusammenhängend der clownesk watschelnd oder fast torkelnd wirkende Gang. “Pinguine des Nordens”.

Die großen Stellersche Seelöwen sind auf diesen exponierten Felsen auch zahlreich vertreten, der prächtige Bulle in der Bildmitte ist wohl um die drei Meter lang und rund eine Tonne (sic!) schwer.

Beeindruckend.

Auch das ist BC

Bei zunächst noch weiter wechselhaftem Wetter erkunden wir mit dem Briggs Inlet einen weiteren Fjord. Fast 1.000 m hoch steigen die felsigen Wände vom Wasser auf, die Bergspitzen sind von Wolken umhüllt. Und es ist erstaunlich zu sehen, wie sich der Nadelwald in die steilen Hänge krallt.

Die Briggs Inlet Narrows nehmen wir bei Stillwasser, ein Stück dahinter liegt unser Tagesziel, Emily Bay.

Ausgesucht haben wir uns diesen Ankerplatz, weil hier laut Törnführer ein Hiking-Trail zum nahe gelegenen Süßwassersee Emily Lake lockt. Eine etwas abenteuerliche Brücke führt über das Flüsschen, dass vom See herunter in die Bucht rauscht. Wir können mehrere Wasserfälle hören, aber der Pfad verläuft in einiger Entfernung. Sehen können wir sie nur mit der Drohne, einen direkten Blick verhindert das dichte Unterholz. Das hat aber auch seine Vorteile, denn zum ersten Mal in diesem Jahr pflücken wir wilde Himbeeren, Salmonberries und auch Waldblaubeeren. Lecker!

Drohnenblick über den See hinunter zur Bucht

Dann aber wenden wir Floras Bug wirklich Richtung Süden. Zuerst einmal treffen wir uns mit Melanie und Chris in Shearwater zum Feiern: der erste Juli ist „Canada Day“, nationaler Geburtstag oder eben Nationalfeiertag. Entsprechend sollen wir uns möglichst in Weiß und Rot kleiden.

Spaßig, dass wir dazu im improvisierten „Biergarten“ deutsches Bier bekommen.

Für mich gibts noch eine sehr ausgiebige Schnorchelsession (im Neoprenanzug, trotz gut 18 Grad Wassertemperatur jedenfalls an der Oberfläche), bei der ich Floras Bewuchs zu Leibe rücke. Insbesondere das grasähnliche Zeug nahe der Wasserlinie scheint gegen Coppercoat immun zu sein. Außerdem hat sich im Spalt vor dem Ruder ein Miesmuschel-Riff gebildet, dass die Taucherin in Campbell River wohl auch nicht angegangen war.

Gemeinsam mit der SolarCoaster geht es dann weiter Richtung Süden. Unterwegs legen wir an einer viel versprechenden Stelle (20 Meter Plateau mit rundherum deutlich tieferen Wasser) einen Angelstop ein. Erst ein kleiner Rockfisch, den wir zurück setzen, dann ein deutlich kräftigerer Biss. Die Hoffnung auf einen Heilbutt keimt auf, aber – das hatten wir noch nie – es ist ein ziemlich großer Tintenfisch am Haken. Natürlich wäre der essbar und ein ziemlich guter Fang, aber einen Octopus könnte ich einfach nicht töten.

Wir manövrieren ihn zur Badeplattform und ich operiere ihm den Haken heraus. Zum Glück spritzt er mich nicht mit Tinte voll, sondern bleibt ganz ruhig und verschwindet dann wieder in der Tiefe. Und auch für uns gehts erst einmal weiter.

(Foto Credit: Chris & Melanie)

Unseren nächsten Zwischenstop legen wir dann gemeinsam mit der SolarCoaster bei der Mc Mullin Inselgruppe ein. Dicht gesprenkelt liegen hier am Südausgang der Raymond Passage kleine Felseninseln in einem Flachwassergebiet, wie ein Wellenbrecher noch vor den anderen Inseln. Der einzige einigermaßen vernünftige Ankerplatz hat eine felsige Grundbeschaffenheit, definitiv nichts für die Nacht, aber bei dem jetzt ruhigen Wetter für einen Tagesstop durchaus geeignet.

Mit dem Dinghy erkunden wir die flachen, kelpdurchsetzten Gewässer und legen dann mitten in der felsigen Inselgruppe an einem unerwarteten Sandstrand an. Auf einmal haben wir karibische Wasserfarben hier in BC oder ist das ein Vorgeschmack auf die Südsee?

Für die Nacht ankern wir dann bei den etwas größeren Goose Islands. Ein bisschen geschützter, obwohl der Schwell dann doch einen Weg um die Inseln herum findet. Und wieder etwas typischer für BC hinsichtlich der Wasserfarben und der Uferbeschaffenheit:

Diese Bilder von den kelpbesetzten Felsen bei Ebbe sind denn leider auch die letzten aus meiner Mavic Zoom Drohne, die nach einem kapitalen Schnitzer des Bedieners (also mir) bei absolut ruhigen Bedingungen am Ankerplatz ein nasses Grab gefunden hat. Schnief.

Auf in die Broughtons.

Etwas westlich von Port Neville können wir die breite, offene und bei Nordwest eben auch ziemlich ungemütliche Johnstone Strait wieder verlassen. Flora biegt in den Havannah Channel ein und damit in eine geschützte Welt von kleinen felsigen Inseln und verschlungenen Wasserwegen. Unzählige Ankerplätze, einige wenige kleine familienbetriebene Marinas, praktisch keine Ortschaften mehr, allenfalls kleine Siedlungen der First Nation mit wenigen Häusern, schneebedeckte Bergspitzen im Hintergrund.

Der Cruising-Guide beschreibt es kurz und treffend so: rustic, remote and majestic.

Die Narrows des Chatham Channel passieren wir bei Niedrigwasser, laufen dann die Lagoon Cove an. Hier können wir tanken, bleiben aber auch gleich zwei Nächte. Dan und Kelley haben die kleine Marina vor ein paar Jahren übernommen und betreiben sie mit viel Herzblut.

Für die Cruiser gibt’s jeden Nachmittag um 5 eine “Happy Hour“ auf der Terrasse vor dem mit Standern geschmückten Workshop oben auf dem Steg. Die Getränke bringt jeder selbst mit, dazu Appetizer, die wie bei einem Potluck ein Buffet für alle bilden. Dan und Kelley steuern jeweils eine große Schüssel Shrimps zu dem täglichen Festschmaus bei.

Kleine Hiketrails führen durch den Wald hinter der Marina, es gibt ein bisschen Stegschnack mit den Crews der vier anderen Boote. Alles sehr entspannt hier und der ausgebrachte Krebskorb beschert uns wieder einmal eine schöne Dungeness Crab.

Und dann gehts wieder in die Einsamkeit der Ankerplätze. Als erstes haben wir uns Mound Island Anchorage ausgesucht und damit die ein bisschen einschüchternd benannte “Beware Passage” für die Anfahrt. “Caution Rock”, “Beware Rock“ und “Dead Point” wollen auf verschlungenen Pfaden umschifft werden, aber bei Niedrigwasser sind die Hindernisse überwiegend ganz gut zu erkennen und die überspülten anderen felsigen Flachstellen werden durch das aufschwimmende Kelp angezeigt. Wir motoren langsam und im Zickzack durch die unbetonnte aber gut kartierte Passage und haben keine Probleme, trotz des an diesem Tag etwas trüben Wetters mit tief hängenden Wolken.

Heute machen wir zunächst einen Abstecher ins Tsatsisnukwomi Dorf auf Harbledown Island. Die kleine Ansiedlung der Da’Naxda’Xw First Nation wird auch (für uns leichter aussprechbar) New Vancouver genannt, sie hat nur 10 ganzjährig hier lebende Bewohner. Wir werden von Amy begrüsst, die uns auch eine geführte Tour durch das Dorf und in das traditionelle fensterlose Big House (den gesellschaftlichen und zeremoniellen Mittelpunkt jeder First Nation Gemeinde) anbietet.

Das lassen wir uns nicht entgehen und Amy erläutert uns auf dem Rundgang nicht nur Hintergrund und Bedeutung der aufgestellten Totems, sondern sie bringt uns die Geschichte der Da’Naxda’Xw und auch die persönliche Geschichte ihrer Familie nahe. Im Big House erklärt sie uns die verschiedenen kunstvollen bemalten Holzmasken, die auch heute noch bei den festlichen Zusammenkünften für unterschiedliche Tänze Verwendung finden und gibt uns einen kleinen Einblick in die Figuren der Mythologie und die heute noch gepflegten Traditionen und Rituale wie etwa die jährliche Herstellung eines besonderen Fischöls, die im April aufwändig am ursprünglichen Siedlungsort im Knight Inlet erfolgt.

Im traditionell fensterlosen Big House (in dem nicht fotografiert werden darf) finden sich um die im Zentrum angeordnete und in den Sandboden eingelassene Feuerstelle außerdem weitere kunstvoll geschnitzte und bemalte Totems, daneben bemalte rituelle Paddel und Festumhänge, deren Herstellung und Bedeutung uns Amy ebenfalls erklärt.

Am Beispiel von Amys Familiengeschichte wird auch deutlich, welche tiefen Wunden das zwangsweise Herausreißen der Kinder aus den First Nation Familien und deren Verteilung auf entfernte „Residential Schools“, verbunden mit der bewussten Unterdrückung der Muttersprache und der Kultur gerissen hat. Und auch, wie diese bis in die 1990er Jahre geübte Praxis das Leben und auch die Wohnsitzwahl der First-Nation-Familien verändert hat. Auch das Dorf Tsatsisnukwomi wurde komplett verlassen, die Familien zogen mit den verbliebenen Kindern nach Vancouver Island oder auf das Festland, damit diese Kinder auf normale staatliche Schulen gehen konnten und nicht aus aus den Familien gerissen würden. Nur der Hartnäckigkeit von Amys Großeltern ist es zu verdanken, dass der Ort wieder besiedelt und (immerhin mit staatlicher Hilfe) am gleichen Platz neu aufgebaut wurde.

Für uns geht es nach diesem Besuch weiter hinein in die Inselwelt der Broughtons. Unser nächster Ankerplatz ist Goat Island Anchorage. Wie gemalt, quasi archetypisch für dieses Revier. Eben „rustic, remote and majestic“, oder?