Tag 23 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Französisch Polynesien. Warum eigentlich Gambier?

Französisch Polynesien. Sinnbild der SÜDSEE. Traumziel für Segler. Spätestens seit den eng mit der Südsee verbundenen Abenteuern der französischen Segelikone Bernard Moitessier. 1965 brach er hier die geplante Weltumsegelung ab, segelte um Kap Horn herum direkt nach Frankreich zurück und schrieb darüber den Segelbestseller „Kap Horn – der logische Weg“. Noch mehr zum Sehnsuchtsort machte er Französisch Polynesien, als er 1968/69 (nach Seetagen am Kap Horn und mit dem schnelleren Schiff als der spätere Gewinner Robin Knox-Johnston) in aussichtsreicher Position liegend das Golden Globe Race abbrach, nachdem er schon fast rund um den Globus gesegelt war. Nach Rundung von Kap Horn richte er den Bug nicht etwa nach Norden zum Ziel, sondern weiter nach Osten, wiederum südlich an Afrika (Kap der Guten Hoffnung) und Australien (Kap Leeuwin) vorbei. Durch eineinhalbfache Weltumsegelung in die Südsee nach Tahiti. „Vielleicht auch, um meine Seele zu retten.“ Er verarbeitete es in seinem Bestseller „Der verschenkte Sieg“.

Beide Moitessier-Bücher hatte Wiebkes Vater in seiner Bibliothek, Wiebke hat sie schon mit 16 verschlungen, ich dann erst einige Jahre später. Mit Sicherheit haben sie einen Keim für unsere eigene Reise gesetzt.

Und natürlich wurde der Mythos der Südsee auch von anderen Seglern und Künstlern befeuert. Robert Louis Stevenson und Jack London als Segler und Schriftsteller, als Maler natürlich allen voran Paul Gaugin.

Aber natürlich ist die Südsee mehr als Französisch Polynesien und Französisch Polynesien viel mehr als nur die wohl bekanntesten Inseln Tahiti und Bora Bora. Ja was denn eigentlich?

Zunächst mal: Französisch Polynesien (kurz FP) ist französisches Überseegebiet. Innenpolitisch in weitem Umfang selbstverwaltet, aber mit von Frankreich bestimmter Außen- und Sicherheitspolitik sowie französischem Justizsystem und Erziehungswesen.

Dieser Status hat für EU-Europäer viele Vorteile, denn obwohl FP weder zur EU noch zum Schengen-Raum zählt, gelten für uns viele Regeln analog, wir dürfen z.B. anders als etwa die US-Amerikaner ohne aufwändiges „Long Stay Visa“ bis zu 18 Monate bleiben. Das ist Klasse, denn das mitten zwischen Südamerika und Australien gelegene FP ist riesengroß und ziemlich vielfältig. Zur groben Orientierung: wir sind ja Europa-zentrierte Karten und einen ebensolchen Blick auf den Globus gewohnt. Aber jetzt ist der Blick auf (aus dieser Perspektive) die Rückseite des Globus gefragt. Da sieht man zunächst fast nur Wasser. Und mittendrin:

FP wird durch fünf Inselgruppen mit 118 größeren Inseln und Atollen und unzähligen kleinen Inselchen (Motu) gebildet.

Ein Größenvergleich, um etwas deutlicher zu machen, auf wie großer Fläche sich die Inseln verteilen: so sieht es aus, wenn FP flächengleich auf Europa liegt: von Dublin bis Rom, nach Rumänien hinein und bis nördlich von Stockholm würde sich die Ausdehnung erstrecken.

(Erstellt mit http://www.thetruesize.com)

Die bekanntestesten und touristisch erschlossensten Inseln Tahiti (wo über 70 % der Bevölkerung lebt) und Bora Bora gehören zur nordwestlichen Inselgruppe der Gesellschaftsinseln. Wegen ihrer Lage laufen von Osten kommende Langfahrtsegler diese Inselgruppe meist als letzte in FP an. Weniger bekannt und (wenn man nicht mit dem eigenen Boot anreist) auch schwieriger zu erreichen sind die vier anderen Inselgruppen von FP:

Die Marquesas liegen rund 1.400 km nordöstlich von Tahiti, relativ nahe am Äquator. Auf der Blauwasserroute wird diese Gruppe meist als Erste in FP angelaufen, weil sie von Panama, den Galapagosinseln oder auch Mexiko aus am einfachsten zu erreichen ist. Inseln im Marquesas-Archipel sind zum Beispiel das durch Paul Gaugin bekannt gemachte Hiva Oa oder auch Nuku Hiva. Wie fast alle Inseln in FP sind die Marquesas vulkanischen Usprungs. Hier ragen tatsächlich noch die Vulkanberge direkt aus dem Ozean. Anders als auf den Gesellschaftsinseln sind die steilen grün bewachsenen Berge noch nicht wieder abgesunken und somit auch nicht durch an den Rändern durch beim langsamen Absinken wachsende Korallenriffe geschützt. Die spektakuläre Landschaft mit den oft in Wolken gehüllten hohen Bergspitzen wird der Segler daher häufig von eher schaukeligen Ankerplätzen aus betrachten, das Anlanden mit dem Dinghy ist wegen des Schwells oft eine knifflige Sache. Dafür bieten sich aber tolle Wanderungen an den fruchtbaren Hängen, wo die Einwohner auch im Überfluss Obst und Gemüse anbauen.

Zwischen Gesellschaftsinseln und Marquesas liegen die Tuamotus. Obwohl ebenfalls vulkanischen Ursprungs, präsentiert sich diese Inselgruppe völlig anders. Keine Berge, die Vulkane selbst sind im Laufe der Erdgeschichte schon längst wieder versunken. Statt dessen: Atolle. Die am Rand der langsam versinkenden Vulkankegel emporwachsenden Korallen haben um den ehemaligen Vulkan jeweils einen Kranz von einem Riff gelegt. Die höchste Erhebung misst oft nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. 76 dieser Atolle bilden das Tuamotu-Archipel. Manche haben einen befahrbaren Pass, manche gleich mehrere, manche gar keinen. Durch den Pass zwängen sich auch die Wassermassen, es gibt also häufig in dieser Enge eine starke Strömung. Kommt man aber dort hindurch mit dem Segelboot in die flache Lagune, warten dort (je nach Wind) ruhige Ankerplätze im Inneren des Ringriffs. Palmenbestandene Sandinselchen machen hier das Idyll aus.

Die Austral-Inseln, manchmal auch Tubai-Inseln genannt, bilden das vierte Archipel in FP. Diese südlichste Inselgruppe wird von Seglern selten angelaufen, schlicht und ergreifend weil sie eben fernab der typischen Route liegt. Sie liegt über einem immer noch aktiven Hotspot und bietet 6 Eilande, darunter sowohl ungeschützte Vulkaninseln als auch Atolle, je nach Alter des Vulkans.

Tja, und dann bleiben noch die Gambier. Im Südosten von FP gelegen, aber nicht ganz soweit südlich wie etwa Rapa in den Austral-Inseln. 1.800 km ostsüdöstlich von Tahiti, etwa 1.600 km südsüdöstlich der Marquesas. Ein bisschen abseits der typischen Blauwasser-Route, aber mit etwas Aufwand eben doch noch ganz gut erreichbar. Jedenfalls dann, wenn man diese Inselgruppe als Einstieg wählt. Bedingt durch die in FP vorherrschenden Südost-Passatwinde wird es nämlich deutlich schwieriger, wenn man die Gambier von einer der anderen Inselgruppen aus anlaufen möchte. Und was macht die Gambier aus? 26 Inseln umfasst diese diamantförmige Inselgruppe. Zum Teil liegen sie als flache Erhebungen auf dem schützenden Riff, zum Teil liegen sie innerhalb der Lagune und ragen als Teile des ehemaligen Kraterrandes bis 440 m hoch hinauf in die Höhe. Das verspricht die verlockende Kombination aus geschützten Ankerplätzen, Riffen zum Schnorcheln und Bergen zum Wandern. Zudem soll hier die Heimat der schönsten dunklen Südseeperlen sein und – weil seltener besucht – gelten die Bewohner als besonders freundlich und aufgeschlossen.

Schön ist natürlich auch, das von hier aus der Besuch der Tuamotus, der Marquesas und am Ende auch der Gesellschaftsinseln seglerisch ganz gut machbar sein sollte.

Und deshalb haben wir uns trotz der etwas weiteren Anreise mit einem gegenüber den Marquesas etwas höher am Wind gelegenen Kurs (von Mexiko) für die Gambier-Inseln als unser erstes Ziel in FP entschieden.

So sieht Google Earth die Gambier:

Und jetzt sind wir gespannt. 🤩

Noch eine Nacht, morgen früh sollten wir ankommen. Wir haben durch ein Reff die Fahrt etwas verlangsamt, damit wir nicht bei Dunkelheit am Pass ankommen.

Etmal: 107 sm, gesamt bisher auf dieser Passage 2.962 sm, es verbleiben noch 83 sm bis zur Ansteuerung des Westpasses durch das Riff der Gambier, dann weiter zwischen Taravai und Mangareva hindurch bis zum Ankerplatz vor dem Hauptort Rikitea auf Mangareva.

Essen: Gebratener Rainbow-Runner mit Kartoffeln und Salat (ja, der Eisberg-Salat ist immer noch gut!).

Tag 22 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Ein Kessel Buntes.

Wind- und wettermäßig bekommen wir heute einiges geboten. Schwachwindsegeln, kurze Motorpassagen, kräftige Böen, aber auch zeitweise herrliches Segeln, alles ist dabei. Außer – dreimal auf Holz geklopft – Gewitter. Wir scheinen es ganz gut abgepasst zu haben.

An die Screenshots von http://www.windy.com habt Ihr Euch ja inzwischen gewöhnt. Hier der von gestern Nachmittag in der Einstellung Gewitter:

Und so sieht’s im Satellitenbild aus:

Und von Bord aus:

Das Schöne daran: die Vorhersage der Meteorologen tritt ein, das Band löst sich bei unserer Annäherung ganz langsam vor uns auf, die Reste ziehen ab. Sehr schön. Was bleibt, sind natürlich einige Schauer, Winddreher und auch ein bisschen Kabbelsee, vor allem in der Nacht. Und heute können wir entgegen der Erwartung eines ausgeprägten Schwachwindgebietes wiederum (jedenfalls bisher) auch immer wieder längere Abschnitte segeln, bei babyblauem Himmel vor uns und tiefblauem Ozean (und einer dunkelgrauen Wolke hinter uns).

Das Sahnehäubchen: Angelglück. Wiederum schlagen beide Ruten gleichzeitig an, wir sind offenbar durch einen Fischschwarm gesegelt. Ein Fisch geht uns vom Haken, aber direkt darauf schlägt die gleiche Rute wieder an während ich jetzt mit der anderen Angel beschäftigt bin. Interessanterweise scheint es ein gemischter Schwarm zu sein. Zunächst holen wir einen Rainbow-Runner an Bord …

… der zweite Fang ist ein Großaugen-Thunfisch:

Und am nassen Deck kann man erkennen, dass während des Filetierens ein Schauer einsetzt. das lässt sich aber bei diesen Temperaturen gut verkraften.

😊

Etmal 105 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.855 sm, noch 194 sm bis zur Ansteuerung der Gambier.

Essen: Thai-Curry mit Süßkartoffeln, Möhren und unserem eingekochten Hähnchenfleisch. Damit haben wir von allen unseren ersten Einkochversuchen aus La Paz jetzt mindestens einmal probiert und es jeweils für gut befunden. Es kann also weiter eingekocht werden.

Tag 19 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Alles Blau, aber nicht blau machen.

Rekord Etmal (so wenig hatten wir noch nie): 80 sm, gesamt auf der Passage bisher 2.593 sm, noch knapp 500 sm bis zur Ansteuerung des Westpasses zum Gambier Archipel.

Gestern mussten wir noch extra Reffs einbinden, um langsam unterwegs zu sein. Heute erledigt die Natur die Drosselung der Geschwindigkeit: der Wind ist fast komplett weg. Flora dümpelt unter Vollzeug durch die blaue Blase. Und weil wir ja gar nicht schneller sein wollen, genießen wir das Bummel-Segeln mit selten mehr als 3 kn.

Ein Tag zum „blau machen“ ist es aber trotzdem nicht. Die Flaute will schließlich genutzt sein, um sich das Unterwasserschiff mal anzusehen, zumal am Heckspiegel vom Deck aus erste Entenmuscheln sichtbar sind.

Also Segel weg, Taucherbrille und Flossen her. Mitten auf dem Ozean hinein in das ein paar tausend Meter tiefe unendliche Blau. Unser Freund Uwe vergleicht es mit einem Weltraumspaziergang von der Raumkapsel aus und ein bisschen abenteuerlich fühlt es sich tatsächlich an, raus aus der gewohnten Welt. Allerdings ist ja auch ein Weltraumspaziergang für die Astronauten zumeist ein Arbeitseinsatz mit erschwerten Bedingungen in der Schwerelosigkeit.

Und schon auf der Badeleiter gibt’s den Schock. Da sind nicht nur ein paar Entenmuscheln im Spülbereich um den Wasserpass, eher sieht es aus wie eine Aufzuchtstation:

Und dann der Entenmuschelwald darunter:

Vielleicht ist unser Coppercoat am Ende seiner Wirkzeit angelangt. Es wurde immerhin schon vor neun Jahren aufgebracht, vor nun 5 Jahren haben wir es aufarbeiten und vier weitere Schichten auftragen lassen. Oder aber die Entenmuscheln sind bei ihrem Haftgrund komplett unempfindlich. Eventuell ist auch eine Kombination von beidem. Das Unterwasserschiff klettert auf Floras Projektliste jedenfalls nach oben.

Wie auch immer, ich rücke Floras unerwünschten Unterwasser-Mitseglern mit einem Schaber (Eiskratzer aus dem Autozubehör) auf die Pelle. An einem mittschiffs befestigten Seil halte ich mich fest, schäle die Biester ab. Lediglich Reste der Kalkfüßchen bleiben noch kleben, um die kann ich mich dann aber irgendwo am Anker mal kümmern.

Der kleine Schwarm Fische scheint ein bisschen traurig, als nach einer Dreiviertelstunde sein Versteck weitgehend verschwunden ist, aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Das soll ein Unterwasserschiff sein und kein Unterwasserriff.

Wiebke hüpft auch noch mal in das weite Blau:

Dann nehmen wir die Segel wieder hoch und dümpeln weiter Richtung Gambier.

Ach ja, das ruhige Wetter hat natürlich noch weitere Vorteile. Ich komme tatsächlich dazu, mit dem Sextant etwas zu üben – das Gerät wie empfohlen hin und her schwenkend – die Sonne auf die Kimm zu setzen und einen Wert abzulesen.

Eigentlich wäre der nächste Schritt jetzt der Versuch der Ermittlung einer Mittagsbreite und dann der Versuch der Bestimmung der Mittagslänge aus zwei gleichen Höhen. Weil ich aber kein nautisches Jahrbuch dabei habe, muss ich das wohl noch auf später verschieben und erstmal weiter die Handhabung üben.

Essen: super leckere Fisch-Tacos (die absolut besten hier vor Ort!) unter Verwendung der letzten grünen Paprika.

Heute Morgen außerdem Rührei mit Chorizo und Schinken zum Frühstück.

Tag 18 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Noch mehr Rätsel der Seefahrt

Im Klassenraum meiner Grundschule (auf dem platten Land im mittleren Niedersachsen) war eine Kompassrose an die Zimmerdecke gemalt. und entsprechend war eines der ersten Gedichte, das wir Kinder auswendig lernen sollten:

Im Osten geht die Sonne auf,

im Süden nimmt sie Mittags Lauf,

im Westen wird sie untergehen,

im Norden ist sie nie zu sehen.

Quasi Astronavigation für Sechsjährige. Und fortan meine maßgebliche Hilfe bei Wanderungen oder eben sonst unterwegs, wenn man nicht gerade wie auf dem Boot einen Kompass im Blickfeld hat. Einfach, verlässlich. Ein Grundpfeiler der Orientierung. Bis heute.

Und dann das: wir segeln in südliche Richtung. Die Sonne geht zwar weiter pflichtbewusst im Osten auf und im Westen unter. Aber am Mittag wandert sie hoch stehend im Norden hinter Floras Heck durch. Im Süden ist sie nie zu sehen.

Dieser Äquator kennt doch Narreteien, die es locker mit Till Eulenspiegel aufnehmen können. Kaum überquerst Du die Linie, ist irgendwie alles verdreht.

Wobei, direkt am Äquator war eigentlich noch alles gut.

Jetzt ist Winter auf der Nordhalbkugel, mithin Sommer in der südlichen Hemisphäre. Da steht die Sonne ja nicht senkrecht über dem Äquator, sondern weiter südlich zwischen der Linie und dem Wendekreis des Steinbocks (Tropic of Capricorn) auf etwa 23,4 Grad südlicher Breite.

Wir sind inzwischen auf 15 Grad südlicher Breite angekommen und dass die Sonne trotzdem nördlich von uns durchgeht bedeutet, dass sie sich seit ihrem südlichsten Stand am 21. Dezember schon wieder ganz schön weit Richtung Äquator hochbewegt hat, wo sie dann zur Tag- und Nachtgleiche am 21. März senkrecht über der Linie stehen wird.

Hm. Vielleicht sollten wir uns doch mal intensiver mit echter Astronomischer Navigation (und dem an Bord befindlichen Sextanten) beschäftigen. Die ist uns nämlich noch immer ein echtes Rätsel. Aber das Buch für den Einstieg dazu hab ich schon mal rausgesucht.

Etmal wegen der bewussten „Handbremse“ lediglich 88 sm, gesamt auf dieser Passage 2.513 sm, verbleiben rechnerisch noch bis Gambier 787 sm. Allerdings: unser Plotter weist bis zum Wegepunkt der Ansteuerung des Südwestpasses in die Gambier „nur“ noch 579 sm aus, wir haben also mit unserer Route bisher doch deutlich weniger Umweg gefahren als zunächst kalkuliert.

Essen: Hawaiianische Poke-Bowl mit Quinoa, mit Wasabi angemachtem Jicama (mexikanischer Rettich), Rotkohl in Sojasauce und Sweet Chili Möhren. Den Skipjack-Tuna hat Wiebke in Ingwer-Sesam-Sojasauce mariniert.

Die ruhige und extra langsam durchsegelte Nacht habe ich dazu genutzt, mal wieder ein Roggen-Vollkornbrot mit Sonnenblumenkernen (hatte Wiebke sich gewünscht) zu backen.

Tag 16 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Erste Aktion am Morgen: Code0 neu an den Furler laschen. Das hört sich einfach an und ist es eigentlich auch. Nur der Standort vor dem Bugkorb auf dem über den Anker hinausragenden Edelstahlrüssel macht das Arbeiten dort auf hoher See dann eben doch etwas aufwändiger. So haben wir es auch zunächst anders versucht und den Code0 aufs Vorschiff heruntergelassen, aber ohne die Spannung bekommen wir die Kausch des Torsionskabels einfach nicht in die richtige Position. Also wieder hoch und in verkrampfter Haltung vorm Bugkorb arbeiten. Aber nach einer Stunde ist es geschafft und wir können den Code0 wieder setzen.

Jetzt ist der Morgenkaffee aber wirklich verdient.

Alles außen am Boot klebt vor Salz. Wir kleben auch. Salz und Schweiß, die tropischen Temperaturen machen sich bemerkbar. Nächste Aktion ist also etwas Süßwasserspülung für Scheiben, Persenninge, Griffe und Edelstahlteile. Und dann für uns selbst auf dem Achterdeck.

Frühstück.

Internetrecherche über die Lasching bzw. den Furler, telefonieren und chatten mit Segelfreunden. Wetterdiskussion mit unserem Buddyboat Fidelis, die im Moment etwa 20 sm vor uns segeln.

Endlich ist die See nicht mehr so ruppig, bei diesen Bedingungen kann man doch mal wieder die Angeln ausbringen. Eine Viertelstunde später rauschen sie schon aus. Beide gleichzeitig. Zwei schöne Skipjack-Tuna sind dran, einen lassen wir aber wieder frei, der andere, etwa 56 cm lang, wird gleich filetiert. Das reicht für drei bis vier Tage.

Der Wind nimmt zu, Segelwechsel auf die Fock.

Beim Starten des Wassermacher gibt’s eine Schrecksekunde. Wahrscheinlich eine kleine Blockage (Muschel?) im Seeventil, nach Filtercheck und mehrfachem Öffnen und Schließen des Seeventils der Ansaugleitung läuft er dann doch wieder ganz normal. Ich fülle den Tank ein bisschen auf und dann auch die leer gewordenen Trinkwasserflaschen.

Wiebke backt in der Zwischenzeit Muffins (Mandel/Weiße Schokolade/Himbeer bzw. Pfirsich) und weicht außerdem schon mal Linsen für das Abendessen ein. Gestern gabs asiatische Mie-Nudeln mit Möhren und Weißkohl.

Nebenbei: Backen ist auf der Flora definitiv ein Indikator für gute Stimmung an Bord!

Ein Regenschauer kommt vorbei und klaut den Wind. Eine halbe Stunde dümpeln mit rund 3 kn. Sonnenschutz aufbauen. Dann kommt der Wind mit 10 kn zurück. Schön, jetzt können wir wieder auf den Code0 wechseln. Jetzt 13 kn, das ist mit diesem Segel schon wieder ganz schön schräg (aber schnell).

Und schon ist wieder ein Tag um.

Etmal 156 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.283 sm, rechnerisch bis Gambier noch 1.017 sm.

Tag 15 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Murmeltiertag.

Gutes (aber durch die permanente Schräglage auf die Dauer auch anstrengendes) Segeln, schönes Wetter, Lesen, Musik hören, Stricken, Duolingo-Französischlektionen, ein weiterer herrlicher Sonnenuntergang.

Essen: Lauch-Nudeltopf mit frischem Lauch (der hat sich gut gehalten) und mit Hackbällchen (die hatten wir in La Paz mit unserem Schnellkochtopf eingekocht) und mit Sahnesauce. Lecker.

Und dann der Murmeltier-Effekt: der Code0 rutscht wieder auf dem Antitorsionskabel hoch, die Lasching ist gerissen, mein Provisorium von vor drei Tagen war wohl doch nicht gut genug. So können wir das Segel nicht einrollen, was aber bei dem auffrischenden Wind jetzt nötig wäre. Außerdem ist es schon dunkel.

Also mit Kopflampe auf dem tanzenden Vorschiff erst mal wieder eine Hilfskonstruktion riggen, mit der wir den flappenden 80 qm großen Code0 etwa einen Meter herunterziehen können. Dann eine neue, kräftigere Lasching zum Code0-Furler auf dem Bugspriet herstellen. Immerhin sind die Arbeitsschritte ja schon bekannt, das gleicht den Nachteil der Dunkelheit etwas aus.

Einrollen – klappt! Pfff, Erleichterung. Jetzt die Fock ausrollen und erstmal durchatmen. Da muss ich bei Tageslicht und ruhigerem Wetter auf alle Fälle noch mal ran, aber für jetzt ist die Situation immerhin bereinigt.

Die Fidelis ist in der Nacht an uns vorbeigegangen, liegt jetzt ein bisschen vor uns, wir segeln nur sieben Meilen voneinander versetzt. Es war eigentlich bei so unterschiedlichen Booten (Hallberg-Rassy 43 / Amel 54) nicht zu erwarten, dass wir lange quasi immer in Funkreichweite von einander unterwegs sein würden. Aber das ist jetzt schon über zwei Wochen und über 2.000 Seemeilen so! Mal schauen, ob sie uns jetzt davonziehen oder ob wir weiter den Kontakt halten können.

Etmal 167 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.127 sm, verbleiben bis Gambier rechnerisch noch 1.173 sm

Tag 14 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Beidrehen und weiter. Starlink und Strom an Bord.

What a difference a day makes, 24 little hours …

Es lebt sich immer noch schräg und trotzdem doch so viel angenehmer. 20 Grad Winddreher, statt 40 grad hoch am Wind jetzt 60 Grad voll und bei. Dazu haben Wind und Wellen etwas abgenommen. Ab und zu kommt noch eine See an Deck, aber das ist zum Glück selten geworden.

Der strahlend blaue Himmel tut ein übriges, wir sind raus aus dem “da müssen wir jetzt durch”-Modus und können wieder genießen.

Gestern Abend dagegen sah das noch ganz anders aus. Um wenigstens in Ruhe Abendbrot essen zu können, haben wir tatsächlich einfach beigedreht. Das Groß war eh im zweiten Reff und dichtgesetzt, die Fock stand voll. Durch den Wind wenden, ohne die Schoten zu fieren, danach gegenlenken und das Steuerrad (bei backstehender Fock) festsetzen. Erfolg: statt wildem Gebolze und durch die Wellen springender Flora kehrt urplötzlich eine kaum fassbare Ruhe und Stabilität ein. Keine überkommende See mehr, nur noch leichtes Rollen des Bootes in der Welle. Wir können uns an Bord unverkrampft bewegen und eben auch in Ruhe essen. Driften halt langsam ein bisschen in die falsche Richtung, das ist hier auf dem freien Ozean ja völlig unerheblich.

Nicht zu unterschätzen ist auch der psychologische Effekt dieser Erfahrung: wenn wir so einfach die Situation beruhigen können, kann es allzu schlimm ja doch nicht sein! Und dann kann es weiter gehen mit dem wilden Ritt.

Weil zu unserer Kommunikation per Starlink immer mal wieder Fragen kommen: bisher funktioniert es einwandfrei, selbst bei dem Gebolze der letzten Tage. Tarif Mobile Global, Priority Data toggle auf “on”.

Wir schalten es weiterhin zumindest über Nacht aus, indem wir es vom Strom nehmen. Manchmal auch zwischendurch am Tag. Der Grund dafür ist simpel: Starlink zieht etwa 65 Watt Strom, etwa 5 Amp pro Stunde bei 12 Volt. Hinzu kommt, dass er über den 230 Volt Inverter betrieben wird, was zusätzlich Strom verbraucht. Damit ist es unser größter Einzelverbraucher an Bord, benötigt (wenn eingesteckt) mehr Strom als etwa unser Kühlschrank oder unser unermüdlicher elektrischer Autopilot. Wir wissen von anderen Booten, dass sie ihr Starlink auf Passage trotzdem durchlaufen lassen aus der Befürchtung heraus, es würde bei Wiedereinschalten eventuell keine Verbindung herstellen können. Wir haben bisher allerdings damit keine Probleme gehabt. Es dauert nur manchmal länger, bis eine stabile Verbindung steht:

Bis zu 15 Minuten müssen wir uns schon mal gedulden. Nicht so wild. Dafür gibt’s unterwegs flottes Internet (entsprechend gute Wetterinfos), Telefonate mit der Familie und und und.

Wir haben unsere bisherigen Starlink-Erfahrungen unter diesem Link zusammengefasst und werden das dort nach der Passage sicher noch ergänzen.

Noch etwas zur Stromproduktion auf Flora: eigentlich übernehmen unsere Solarpanele die Hauptlast dieser Aufgabe. Panele von 630 WP sind fest installiert, weite 200 WP hängen wir bei Bedarf und Möglichkeit mit günstiger Ausrichtung zum Beispiel am Seezaun auf. In den zurückliegenden bewölkten und regnerischen Tagen bringen die Solarzellen allerdings nicht sehr viel. Wir mussten trotzdem nicht auf den 5 KW Dieselgenerator zurückgreifen (was bei so viel Schräglage auch nicht völlig unproblematisch wäre), weil der Silentwind Windgenerator a Floras Heck quasi Idealbedingungen hatte und gut produzierte. Oft ungeliebt wegen der Geräuschentwicklung älterer Anlagen am Ankerplatz, ist der Windgenerator auf Seepassagen für uns eine hervorragende Ergänzung.

Etmal 156 sm, gesamt auf dieser Passage 1.960 sm, rechnerisch bis Gambier noch 1.340 sm.

Tag 10 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Tölpel an der Angel.

Die Angel rauscht aus. Das charakteristische Rattern der Rolle lässt den Adrenalinspiegel nach oben schießen, der Jagdtrieb ist geweckt. Aber der Blick übers Heck wandelt das Ganze in einen Schrecken um: ein noch nicht ganz ausgewachsener Blue Footed Booby (Blaufußtölpel) hat sich auf den Köder gestürzt und wird jetzt an der Wasseroberfläche hinter Flora her gezogen. Ein zweiter Booby bleibt immer ganz in seiner Nähe.

Vorsichtig, um den gänsegroßen Vogel nicht zu ertränken, ziehe ich ihn heran. Wiebke hat mir derweil einen dicken Lederhandschuh herausgesucht, mit dem kräftigen Schnabel dieser Vögel ist nicht zu spaßen.

Und dann wird der Haken herausoperiert:

Dankenswerterweise hält der Booby dabei still, zappelt überhaupt nicht herum.

Als ich ihn freilasse, setzt er sich zunächst aufs Wasser, probiert die Flügel aus, sammelt sich. Und fliegt dann wieder los. Sieht gut aus.

Leider entschließt sich just in diesem Moment der zweite Booby, den Köder unserer anderen Leine auszuprobieren, mit dem gleichen Ergebnis. „Tölpel“. Das gibt’s doch wohl nicht, wir exerzieren das Ganze noch einmal durch und beide Leinen bleiben erstmal an Bord. Wir haben jetzt schon so lange dauernd Boobies und andere Seevögel um uns, an den Haken gegangen ist bisher noch keiner. In der ganzen Zeit hatten es allerdings zwei Vögel geschafft, sich in der Angelleine zu verheddern, ohne sich aber den Haken ins Fleisch zu rammen.

Früher hätten derartig gefangene Seevögel sicher meistens für Abwechslung auf dem Speiseplan gesorgt (sie sind essbar und sollen sogar schmecken). Aber abgesehen davon, dass wir keinen Blue Footed Booby schlachten könnten, wäre das heute auch nur in Notfällen anzuraten. Eine gute Beschreibung dazu gibt es (auf Englisch) hier.

Ebenfalls nicht auf unserer Menükarte: obwohl sich die Crew der Snark sich morgens zum Frühstück immer über die auf Deck eingesammelten Fliegenden Fische hermacht (und Jack London sich auch über deren Geschmack wohlwollend äußert) werfen wir auf der Flora allmorgendlich die stark riechenden und schleimig-schuppigen Unglücksflieger mit spitzen Fingern über Bord.

Statt dessen gibts Filet vom Skipjack Tuna mit Rigatoni und selbstgemachtem Pesto marokkanisch (mit Kardamon, Datteln, Walnüssen, getrockneten Tomaten und Feta).

Schon wieder Festessen und wir haben auch etwas zu feiern. Heute Nacht haben wir das Band unserer Nordpazifik-Runde zur Schleife komplettiert:

(Floras bisherige Reise in der Noforeignland-App)

Wahnsinn, fast zwei Jahre (seit April 2022) waren wir jetzt in diesem von europäischen Segelbooten eher selten besuchten nordpazifischen Ozean unterwegs. Hawai‘i, Alaska, ausgiebig das kanadische British Columbia, dann die US-Westküste mit San Francisco, Mexikos Baja California und Sea of Cortez. Nichts davon möchten wir missen. Und jetzt kreuzen wir auf dem Weg nach Französisch Polynesien unseren damaligen Kurs von Galapagos nach Hawai‘i.

Die Nacht war ziemlich ruppig (aber schnelles Segeln). Wir waren im zweiten Reff sehr hoch am Wind unterwegs. Heute Morgen sind wir dann 20 Grad abgefallen, jetzt also eher voll und bei mit 60° scheinbarem Windeinfall, Flora hat „einen Knochen im Maul“, weiße Gischt stiebt am Bug.

Etmal 157 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 1.326 sm, rechnerisch verbleiben 1.974 sm bis Gambier.

Tag 9 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Positive Überraschung: wir müssen nicht den ganzen Tag die eiserne Genua bemühen. Schon nach gut 12 Stunden, zum Beginn der ersten abendlichen Wache, schalten wir den Motor wieder aus. Unter Schmetterlingsbesegelung mit ausgebaumtem Code0 gleiten wir langsam in die Nacht.

Und es bleibt zunächst äußerst gemächliches Segeln. Eine dunkle Wolke bereitet dem aber gegen 2.00 Uhr nachts ein Ende. Erst bringt sie Regen, dann frischt der Wind auf, wenig später wechselt er um 80 Grad die Richtung und nachdem der Kurs mehrfach angepasst ist schläft der Wind komplett ein. Die Segel schlagen in der Dünung, das hat keinen Zweck. Also muss ich doch Wiebke wecken. Wir rollen die Segel ein, nehmen den Spi-Baum weg. Von 3.00 Uhr an läuft wieder der Volvo. Zwei Stunden später muss sich Wiebke in ihrer Wache revanchieren und mich wecken. Auch für mich ist es also nichts mit den 3 Stunden durchschlafen. Der Wind ist wieder da, jetzt aus 90 Grad, perfekt für den Code0. Diesmal ohne Baum, die Segel werden wieder ausgerollt und bescheren uns einen herrlichen Segeltag.

Das ist in dieser Gegend alles andere als selbstverständlich, ich hatte den Schwachwindkeil der ITCZ ja schon mehrfach beschrieben. Aber er ist eben kein stabiles Gebilde, sondern verändert permanent seine Form und Ausprägung. Den Wegepunkt, an dem wir von Norden in die derzeitige ITCZ eingefahren sind, hatten wir mit Bedacht gewählt. Hier sollte sich nach der Vorhersage kurzzeitig für ein paar Tage eine kleine „Brücke“ aus Wind bilden, die wollen wir nutzen. Und genau das scheint jetzt zu klappen:

Dabei lassen wir es uns auch kulinarisch gut gehen: der gefangene Skipjack Tuna wird mit karamellisiertem Rosenkohl, Pecannüssen und Orangenkartoffeln zu einem echten Festmahl.

Etmal 123 sm, gesamt auf der Passage damit 1.169 sm, verbleiben rechnerisch noch 2.131 sm bis Gambier.

Heute stellen wir die Bordzeit um eine Stunde zurück, sind also jetzt wieder in der Zeitzone der US-Westküste, 9 Stunden hinter der deutschen Zeit.

Tag 5 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

5 Tage sind wir unterwegs. Echt, fünf Tage schon? Eine ganze Arbeitswoche?

Herrliches Passage-Wetter. Wir laufen bei blauem Himmel durch eine nur mäßig bewegte See. Haben angefangen, uns “The Cruise of the Snark” von Jack London vorzulesen. Zum einen, weil Jack London so ein begnadeter Erzähler ist, zum zweiten, weil der autobiografisch geprägte Törnbericht seiner 1907 gestarteten Segelreise auf seinem eigens dafür gebauten Segelboot ohnehin spannend ist und zum dritten, weil der Törn dann auch noch von San Francisco (über Hawai’i) in die Südsee führt. Ist also Bildungs-Lektüre in mehrfacher Hinsicht und zugleich auch eine tolle Erinnerung an bereits besuchte Orte.

Thema Besuch: auch heute gibt’s wieder mehrfach Delfinvisite. Dieses Mal sind es die auffällig gefleckten Schlankdelfine, die besonders ausgiebig um Floras Bug spielen. Oft kommen sie rasend schnell von der Seite her angeschossen, um dann vor dem Bug abzubremsen und sich mit Bugströmung eher gemächlich treiben zu lassen.

Und wir? Akklimatisieren uns weiter an die steigenden Temperaturen, die im Boot inzwischen locker die 30 Grad übersteigen. Das Brotbacken habe ich deshalb schon auf die Nachtschicht verlegt, so gibt es heute morgen herrlich frisches Roggenvollkornbrot.

Schön ist auch, dass die Fidelis in ziemlich gleichem Tempo wie die Flora unterwegs ist, so bleiben wir in UKW-Funkreichweite. Das lässt sich auch auf Noforeignland gut verfolgen.

Etmal heute 139 sm, gesamt auf dieser Passage 627 sm, rechnerisch verbleiben bis Gambier 2.673 sm.