Bruch im Rigg. Vorbereitung ist kein Wunschkonzert.

Seit dreieinhalb Wochen sind wir auf Hawai‘i, immerhin eine Woche schon in Honolulu. Unser vorgesehener Abfahrtstermin Richtung Alaska rückt näher. Mitte Juni, so hatten wir uns das gedacht. Zum einen, um Zeit genug für Hawai‘i zu haben und trotzdem nach der mit etwa drei Wochen auf See kalkulierten Passage die (relativ kurze) Saison in Alaska auch vernünftig nutzen zu können. Zum anderen, weil sich ab Mitte Juni das nordpazifische Hochdruckgebiet stabilisiert haben sollte. So empfiehlt es auch Jimmy Cornell in dem Standardwerk „Segelrouten der Welt“.

Da ist es jetzt an der Zeit, den Riggcheck vorzunehmen, den wir regelmäßig vor längeren Passagen machen. Den kleinen Takelbeutel mit Leatherman, Tape, Lupe, Lesebrille und Handy füllen. Die Ausholer-Leine des Großsegels aus der Umlenkung nehmen, dafür dort die Dirk einscheren. So kann Wiebke mich mit der großen Genuawinsch in den Mast ziehen. Rein in das Klettergurt-Geschirr, die Dirk vorne am Brustbeschlag einknoten und mit dem Softschäkel zusätzlich sichern, im Rücken wird das Spinnakerfall als zweite Sicherungsleine befestigt. Machiel von der Pitou übernimmt dessen Führung über die Mastwinsch, so muss Wiebke nicht dauernd hin und her laufen.

Bis dahin ist alles Routine und ein bisschen freue ich mich auch schon auf den Ausblick aus von der Mastspitze. Die gute Laune kriegt allerdings einen erheblichen Dämpfer, als ich die erste Saling erreiche. Das 12 mm dicke Hauptwant an Steuerbord weist an der Pressung zwei gebrochene Drähte auf! Nicht das, was man sehen will. Aber einer der Gründe, warum man guckt!

Nicht gut, gar nicht gut! Das Rigg fällt jetzt nicht gleich um, das defekte stehende Gut muss aber vor dem Törn nach Alaska auf alle Fälle getauscht werden. Zwar finde ich bei der weiteren Kontrolle des Riggs keine weiteren Unregelmäßigkeiten, aber das beruhigt natürlich nur wenig. Die anderen Wanten und Stagen haben schließlich das gleiche Alter und eine ähnliche Belastung.

Den Blick aus dem Masttop kann ich dieses Mal irgendwie nur eingeschränkt genießen.

Immerhin, wir haben den Bruch im Rigg rechtzeitig festgestellt und wir sind in Honolulu, da sollte ein professioneller Rigger aufzutreiben sein, der Flora wieder seeklar machen kann. Zeitschiene? Mal sehen. Jetzt ist natürlich erstmal Pfingsten, außerdem sitzt das Want in der Saling in einem Spezialbeschlag (Seldén Stemball and Ballcup System), es könnte also sein, dass der Rigger auch noch Teile besorgen muss. Drückt uns die Daumen, dass sich das alles einigermaßen zeitnah erledigen lässt.

Andererseits, wir scheinen ohnehin noch etwas Zeit zu haben. Das Nordpazifikhoch, ein ähnlich dem Azorenhoch im Atlantik relativ stabiles Hochdruckgebiet, liegt im Sommer einigermaßen regelmäßig zwischen Hawai‘i und der Westküste der USA. Ist es stabil, hält es die durchziehenden Tiefdruckgebiete auf Abstand. Es würde dann einen im Uhrzeigersinn bogenmäßigen Segelkurs um das Hochdruckgebiet nach Alaska vorgeben. Derzeit kann davon aber noch keine Rede sein.

Das Hoch scheint zwar zu beginnen, sich auszuformen, liegt aber eher noch in der Winterposition näher am Äquator und ist insgesamt sehr instabil. Flauten und Starkwind wechseln sich nördlich von Hawai‘i ab, die Windy-Vorhersage zeigt gleich drei durchziehende Tiefs in schneller Folge. Nichts dramatisches (erst ab einem Kerndruck von unter 980 hPa würde man von einem Sturmtief sprechen), aber eben auch nicht angenehm mit den schnell wechselnden Fronten der Wettersysteme.

Ist zwar eigentlich kein Anlass für ein Freudenfeuerwerk, aber es scheint so, als dürften wir Honolulu noch etwas länger genießen.

Aloha.

9 Gedanken zu „Bruch im Rigg. Vorbereitung ist kein Wunschkonzert.

  1. Hoi Ralf, weiss nicht, ob das Wort hier angebracht ist, aber finde es witzig. War gestern auch im Rigg und habe bei der gleichen Wante wie du einen Draht gerissen. Unser Rigg ist gerade mal 4 Jahre alt. Habe GR Spare Parts angefragt, ob ich Ersatz über HR bestellen kann.
    Lieber Gruss, Köbi (SY Lupina)

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  2. Moin Köbi,
    das ist allerdings eine witzige Koinzidenz. Am selben Tag beim gleichen Schiff das gleiche Want. Irre!
    Wir probieren es morgen hier beim Rigger, immerhin ist auf Hawai‘i Pfingstmontag kein Feiertag (dafür aber der 10.6., King Kamehameha I. Day).
    Ganz liebe Grüße zurück

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  3. Hey ihr Lieben, wir drücken Euch die Daumen und hoffen das Beste für Euch. Wir hatten das selbe Problem in Suriname hat damals knapp 4 Wochen gedauert bis die neue Want von SVB angekommen ist…
    Vielleicht mag ja Jan Euch besuchen kommen und bringt Euch ne neue Want mit 👍👏🤗🤗
    Gut, dass ihr es zeitig gemerkt habt , wir wünschen Euch viel Glück 🍀

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  4. Moin liebe Flora Crew, thank god, ihr habt es rechtzeitig erkannt! Ein regelmäßiger Check ist also notwendig aber es ist ja bei Langzeitseglern auch ein bisschen mehr Belastung drauf als bei uns Ostseeskippern. Toi toi toi von der SY Frisia ( neuer Name) und besonders von Janna, die kurz vor Stichtag noch mit auf Pfingsttörn in Dänemark war ( wir bekommen einen Nachwuchsskipper). Sail wise, Tina und Dirk mit Janna und “ Murmel „

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  5. Hi Ralf,
    wenn es wider dei und auch mein Erwarten der Tat doch schwierig sein sollte, die originalen Seldén Beschläge am anderen Ende der Welt zu erhalten, bin ich sehr sicher, dass ich von Hamburg aus, einen fertig konfektionierten Draht liefern könnte. Ich bräuchte dann eigentlich nur die Mastnummer.
    Viele Grüße, heute Regentag in Kappeln
    Uwe

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  6. We have been enjoying your very well written updates of your sailing journey, Flora! What an exciting trip. Your exact route is something we might do someday to bring our boat home to Victoria BC.
    Just curious how old is your rigging? And will you need to replace the whole set, or just the problem one?

    Ben & Eliza, SY Three Rivers (still in SB)

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  7. Hi Ben, thanks for complementing us.
    The rigging is the original one from 2011 (when Flora was built), so 11 years old only. But to be fair, it has seen well over 25.000 nm, no racing, but some ocean crossings.
    It’s not yet totally clear whether we change all standing rigging or just the damaged part right away here in Honolulu. We’ll meet the rigger tomorrow and discuss this, as it’s also a question of when parts would be available.

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