Wir segeln weiter an der kalifornischen Küste entlang nach Süden.
Der Wind steht leider nicht ganz durch, wir wechseln zwischen Motorfahrt und Gennakersegeln. Aber immerhin, einige Male zeigen sich Delfine. Einen Übernachtungsstop legen wir in Oceanside ein. Wir überlegen, im Vorhafen zu ankern, aber trotz des geringen Windes steht doch ein ziemlicher Schwell herein. Also fragen wir kurzentschlossen doch in der Marina nach einem Platz, mit einem Dollar pro Fuß ist sie für amerikanische Verhältnisse ohnehin sehr günstig. Praktisch: direkt neben uns legt die “Sari Timur” von Pauline und Mark an. Mit Pauline hatten wir uns in Sitka mehrfach unterhalten. Tatsächlich haben die beiden ihr Boot von Singapur über Japan und die Aleuten nach Alaska SE gesegelt und dann dort einige Jahre verbracht. Es ist wunderbar, sie jetzt hier unten wieder zu treffen.
Während die beiden noch im Hafen bleiben, geht’s für uns am nächsten Morgen weiter. Wieder ist es eine Mischung aus Segeln (diesmal Code0) und motoren und wieder sehen wir Delfine. Diesmal allerdings so viele wie nie zuvor. Deutlich über 100 von ihnen kommen uns entgegen und ziehen in einer akrobatischen Prozession mit etwas Abstand an der Flora vorbei. Es ist, als würden wir die Parade der Kunstspringer abnehmen.
Auch bei unserem nächsten Stop in Mission Bay können wir zwischen Marina und Ankerplatz wählen, diesmal entscheiden wir uns für das Ankern.
Ein Dinghyausflug in die Marina zeigt, dass zumindest die Dauerlieger an den Bojen dort ein Sch…-Problem mit Pelikanen und Kormoranen haben, zumal der lange Fischerdock in der Mitte des Hafens die Vögel geradezu magisch anzuziehen scheint.
Bei uns am Ankerplatz gibts ebenfalls Dauerlieger an Bojen, aber ganz so schlimme scheint es dort nicht zu sein. Vögel im Rigg gibts auch hier, aber der Belted Kingfischer (Gürtelfischer, ein gut 30 cm großer amerikanischer Eisvogel) macht dann doch nicht ganz so viel Dreck.
Dafür hat sich an Floras Unterwasserschiff ein bisschen was angesammelt. Wasserpass abschrubben lieber im Neoprenanzug, das Wasser hat hier nur knapp über 18 Grad. Und den Prop von aufgesammelten Algen und Seegras freimachen.
Zur Belohnung: was für ein Sonnenuntergang. California Dreaming!
Eine ganze Woche verbringen wir in Avalon auf Santa Catalina, so gut gefällt es uns in dem kleinen Urlaubsörtchen.
Wir haben Sundowner bei unseren Nachbarn Lynn und Hugh auf ihrer Moody 43 DS “Happy” und umgekehrt Nachmittagskaffee und Kuchen auf der Flora, wandern mit Heather und Jim von der “Kavenga” zum Botanischen Garten und machen auf dem Rückweg regen Gebrauch von der Happy Hour beim Mexikaner. Spielen Minigolf, nutzen die Laundry und die guten Einkaufsmöglichkeiten in Avalon.
Mit der Kavenga-Crew auf der Flora
Ein bisschen Arbeit streuen wir auch ein. Der komplette Stauraum im Vorschiff wird neu sortiert, außerdem die Lebensmittel durchgesehen. Während Wiebke Flora innen putzt, kümmere ich mich um Floras Bart. Über die Zeit hat sich auf dem weißen Rumpf mal wieder ein gelblich-brauner Film angesammelt, vor allem am Bug. Schon vor längerer Zeit hatte ich “On & Off – Hull & Bottom Cleaner” gekauft, jetzt probiere ich ihn erstmals aus. Wird mit einem Schwamm aufgetragen und verrieben, nach kurzer Einwirkung dann mit Wasser abgespült.
Heute lösen wir dann aber doch die Mooringleine und segeln bei herrlichem Wetter hinüber ans Festland.
Unser Ziel ist Newport Beach, zwischen Los Angeles und San Diego gelegen. Viel wissen wir nicht über die Stadt, nur, dass sie einen gut geschützten Ankerplatz bietet und man mit dem Dinghy gut die vielen Häuser mit Bootsstegen davor bewundern kann. Das machen wir dann auch. Und sind ziemlich beeindruckt. Ganze Stadtteile im Mündungsgebiet des San Diego Creek sind Inseln, etwa Balboa Island und Lido Isle, daneben gibt es eine Vielzahl weiterer kleiner Inseln und Halbinseln. Es ist unfassbar, wie viele Boote hier liegen. An den Stegen vor den Häusern und Villen, in mehreren Häfen und vor allem in riesigen Bojenfeldern. Und mittendrin: unser Ankerplatz.
Kleine Strände finden sich auch an der Innenseite, aber vor allem ist die Pazifikseite der Stadt ein einziger, beeindruckend breiter, wunderbarer Sandstrand.
Wir ankern vor Santa Barbara. Erstmal. Die Nacht ist dann etwas unruhig, die nächsten Tage soll die See noch bewegter sein, der nationale Wetterdienst hat sogar eine „Small Craft Advisory“ herausgegeben. Die Wind- und Wellenwarnung ist zwar nicht dramatisch, aber unangenehm würde es am Ankerplatz wohl schon werden. Deshalb möchten wir in den Hafen gleich nebenan verholen. Über Funk und Telefon bekommen wir allerdings jeweils Absagen: kein Platz, vielleicht später noch mal probieren. Also erkunden wir erst einmal zu Fuß die Stadt, sie gefällt uns auf Anhieb richtig gut.
Auf dem Rückweg gehen wir beim Hafenmeister vorbei, schildern die Situation. Die Antwort ist gleich: kein Platz. Aaaaber: als wir ins Spiel bringen, dass wir auch ins Päckchen gehen würden (was in Nordamerika nicht so üblich ist wie in Deutschland oder Dänemark) fällt dem Hafenmeister ein, dass ja die Small Kraft Advisory im Raum steht und der Hafen ein „Safe Harbor“ (also ein Schutzhafen) ist. Er weist uns einen Platz an einer (der vier!) Absaugstationen des Hafens zu. Zuerst sollen wir aber am Ankunftspier anlegen und mit unseren Papieren ins Büro kommen. Machen wir prompt. In der Zwischenzeit hat er dann doch eine Box für unser Schiff gefunden. Wir berichten Heather und Jim auf der draußen vor Anker liegenden „Kavenga“ davon, die darauf hin auch herein an die Ankunftspier kommen und für die der Hafenmeister nach Hinweis auf die Small Craft Advisory ebenfalls eine Box findet.
Mit dem Anlegen an der Ankunftspier hat es in Santa Barbara übrigens eine besondere Bewandtnis. Bei allen Booten mit WC an Bord kommt nämlich ein Offizieller an die Pier und platziert eine Färbe-Tablette im WC. So soll verhindert werden, dass heimlich (und illegal) die Fäkalien in das Hafenbecken entleert werden. Eigentlich gut, nur wären die Bemühungen zum Umweltschutz deutlich überzeugender, wenn die Bohrinseln vor der Küste nicht dafür sorgen würden, dass wir auf der Anfahrt zum Hafen mehrfach durch riesige, stinkende Ölteppiche fahren müssen. Beim ersten Mal haste ich ins Boot, reiße die Tür zum Motorraum auf. Aber nein, der Gestank kommt von draußen und wir fahren durch regenbogenfarbig schillernde Lachen auf dem Wasser. Ob die aktiven Bohrinseln wirklich die Verursacher sind, können wir nicht mit Sicherheit sagen, die Seekarte weist an diesen Stellen auch mehrere „Sub Surface Well ; Heads Covered“ aus, also abgedeckte ehemalige Quellen.
Die Stadt Santa Barbara allerdings nimmt uns sofort für sich ein. Palmenalleen am Strand entlang, dann wunderschöne Gebäude den gemächlich ansteigenden Hang hinauf bis die Berge dann mit Steilhängen in die Höhe zu schießen scheinen.
Sehr schön lässt das vom Uhrenturm des Gerichtsgebäudes aus anschauen, wobei man in der Ferne auch die Bohrinseln ausmachen kann:
Das Gerichtsgebäude ist aber auch sonst einen Besuch wert. Obwohl es in Betrieb ist (während unseres Besuchs fanden auch Verhandlungen statt, wenn auch nicht im Mural-Gerichtssaal) kann es kostenfrei besichtigt werden.
Und die Stadt: einfach WOW!!!
Vor allem in der zentralen Fußgängerzone, aber nicht nur dort, stehen bunt bemalte Klaviere. Sie werden genutzt. Manchmal klimpern Kinder, häufig aber setzt sich für kurze Zeit ein Passant ans Klavier und lässt die vorbei Spazierenden meist erfreut aufhorchen. Auch Wiebke gibt ein kurzes – längst verschollen geglaubtes – Musikstück aus ihrer Jugend-Klavierlern-Phase zum Besten. Klappt.
Im gesamten Innenstadtbereich finden sich alte Gebäude im Adobe-Stil, aber auch viele neuere Bauten, die Optik dieses Lehmziegelstiles aufnehmen, manchmal auch neu interpretieren.
Wir sind begeistert. Was wir aber leider nicht finden: der örtliche REI (Outdoor-Spezialist) hat leider das aufblasbare Doppelkanu nicht vorrätig, mit dem wir schon einige Zeit liebäugeln. Der Versand hierher würde zu lange dauern.
Wenn das Kanu nicht zu uns kommt, wie kommen wir zu ihm? Wiebke googelt, der REI in Burbank bei Los Angeles hat noch eins. Wir sichern es uns telefonisch und mieten ein Auto. Der nächste Landausflug steht also fest.
In Burbank holen wir das Kanu ab, und wo wir schon in der Nähe sind, reicht es auch für Hollywood und einen Blick auf L.A.
Die Rückfahrt über führt dann über Beverly Hills, das letzte Stück der Route 66 nach Santa Monica ans Meer und dann wieder auf dem Highway 1 am Pazifik entlang nach Santa Barbara. Eine Teilstrecke geht es auf dem “El Camino Real” (dem Königsweg), der die spanischen Missionsstationen zwischen Santa Bruno auf der Baja California und dann San Diego und San Francisco verbindet. 21 Missionen waren es ursprünglich, jeweils etwa 50 km bzw. einen Tagesritt voneinander entfernt. Mit diesen verleibten die Spanier ab 1684 nach und nach diese Region ihrem damaligen Weltreich ein. Geblieben sind die spanischen Namen der katholischen Heiligen, nach denen die Missionen benannt wurden. Oft sind es noch heute die Namen der Städte, deren Keimzelle die entsprechende Mission bildete. So wie in San Diego, in San Francisco und eben auch in Santa Barbara.
Heute machen wir – neben einem weiteren langen Gang durch die wunderschöne Stadt – auch gleich eine kleine Probefahrt mit unserem neuen Zweit-Dinghy, dass sich dann auch besser den Strand hinauf tragen lässt. Das Paddeln klappt ganz gut und macht uns richtig Spaß.
Nach dem Rückweg aus der schönen Sackgasse folgen wir weiter dem Highway 1, passieren Monterey diesmal und fahren um die große Monterey Bay herum bis nach Santa Cruz.
Santa Cruz entwickelte sich früh zu einem Surf Hotspot auf dem amerikanischen Festland, seit 1895 wird hier dem Wellenreiten gefrönt. Diverse internationale Surfwettbewerbe finden an Santa Cruz’ West Cliff Drive statt. Der Ort schmückt sich mit dem inoffiziellen Titel “Surf City USA”, wobei das auf Hawai’i sicher anders gesehen wird.
Eine weitere Attraktion ist der Beach Boardwalk. Direkt zwischen Stadt und Strand gelegen ist er der älteste kalifornische Vergnügungspark und bietet auch heute noch überwiegend historische Jahrmarktgeschäfte wie das Kettenkarussell, die Holzachterbahn “Big Dipper” von 1924 oder die Gondelfahrt über der Strandpromenade mit Blick auf die Ankerlieger.
Die Stadt selbst gefällt mit vielen viktorianischen Holzhäusern wie auch unser Bed & Breakfast eines ist:
Auf der Weiterfahrt sehen wir entlang der Straße noch einigen Obst- und vor allem Gemüseanbau. Nicht mehr so extrem flächengreifend wie entlang des Salinas River sondern eher in der Hand von familiengeführten Farmen. So kurz vor San Francisco können wir nicht widerstehen und decken uns in einem der Hofläden mit Frischwaren für die Flora ein. Erdbeeren, Feigen, Tomaten, Möhren, Nektarinen, Avocados, Zwiebeln, Zucchini und einiges mehr. Erstmals kaufen wir auch einen ganzen Stängel Rosenkohl.
Am Abend fahren wir von San Francisco aus (noch haben wir ja das Auto) nach Sausalito und greifen auf das Angebot von Kristen und Raffi zurück, bei ihnen Waschmaschine und Trockner zu nutzen.
Am nächsten Morgen geben wir den Mietwagen ab, machen ein bisschen Bootsarbeit und dann geht’s mit der U-Bahn in den Stadtteil Haight Ashbury. Hier war das Epizentrum der Hippy-Flower-Power-Bewegung. Hier prägten Janis Joplin, The Grateful Dead und Jefferson Airplane in den 1960ern die Musikszene.
Und hier finden sich auch die “Painted Ladies”. Ein wenig sind auch sie ein Ergebnis der 60er, auch wenn sie viel älter sind. Viktorianische Bauten (streng genommen also aus der Zeit von Queen Victoria bis 1901, aber die Edwardianischen bis 1915 werden meist einfach dazu gezählt) sind häufig in San Francisco. Auch, weil nach dem verheerenden Erdbeben und Brand von 1906 vieles in diesem Stil wieder aufgebaut wurde. Aber in Haight Asbury blieben tatsächlich auch viele viktorianische Gebäude von der Katastrophe verschont.
Ursprünglich waren die reich verzierten Gebäude in leuchtenden Farben bemalt. Eine Zeitung kritisierte 1885: “… red, yellow, chocolate, orange, everything that is loud is in fashion … if the upper stories are not of red or blue … they are painted up into uncouth panels of yellow and brown …”. Aber bis zu den 1960er Jahren hatte sich das offenbar geändert. Grau war der vorherrschende Anstrich. Manch ein Hausbesitzer ging auch dazu über, die Verzierungen zu entfernen oder jedenfalls nicht mehr zu reparieren. Das monochrome Grau passt nicht zu unserem Bild von der Hippy-Bewegung, oder? Und tatsächlich, schon 1963 begann der Künstler Butch Kardum, sein viktorianisches Haus in intensivem Blau und Grün neu zu bemalen. Er erntete zunächst heftige Kritik, dann aber begann man ihn nach und nach in der Nachbarschaft zu kopieren. Und so wurde es wieder bunt in Haight Ashbury, in San Francisco und in vielen anderen Gebieten mit viktorianischer Bebauung.
1978 fand erstmals der Begriff “Painted Ladies” für mehrfarbig bemalte viktorianische Häuser in San Francisco Verwendung. Seitdem hat sich der Ausdruck, jedenfalls in der amerikanischen Architektur, für diese Häuser auch außerhalb von San Francisco durchgesetzt.
Die vielleicht bekanntesten sind die “Seven Sisters” in der Steiner Street am Alamo Square, die auch “Postcard Row” genannt werden und in diversen Filmen, Fernseh- und Netflix-Serien vorkommen:
Klar, mit der Skyline von San Francisco im Hintergrund wirken sie um so mehr. Aber hey, es gibt so unglaublich viele “Painted Ladies” hier in Haight Ashbury:
Nur eine kleine Auswahl. Und nur aus Haight Ashbury. San Francisco ist wirklich eine wunderschöne Stadt.
Wir freuen uns, einen Teil unserer “American Family” zu treffen. Denise (Schwester von Greg aus Washington D.C.) ist beruflich in San Francisco. Gemeinsam nehmen wir die Fähre und besichtigen die berühmt berüchtigte Gefängnisinsel Alcatraz.
Zur Tour gehört ein gut gemachter Audioguide, in dem sowohl Gefängnisinsassen als auch Aufseher über ihre Zeit auf “The Rock” berichten, jeweils passend zu dem gerade besichtigten Punkt. Außerdem sind Gimmicks wie das Geräusch der hinter uns ins Schloss fallenden Zellentür oder dem Scheppern der Metalltassen an den Gitterstäben integriert. Die Effekte verlieren allerdings durch den Besucherandrang manchmal etwas an Wirkung. Trotzdem: beeindruckend!
Ebenfalls zum Nachdenken anregend ist die Ausstellung über das amerikanische Gefängnissystem und dessen schier unfassbaren Umfang. Nach einem sprunghaften Anstieg ab den 70er Jahren gibt es in den USA inzwischen etwa 700 Gefängnisinsassen je 100.000 erwachsene Einwohner. Zum Vergleich: in Deutschland sind es 76. Auch auf den vergleichsweise geringen Anteil von Gewaltkriminalität als Grund für die Einweisung und auf die auffällig rassistische Verteilung sowie die immense Rückfallquote wird in der Ausstellung eingegangen.
Am nächsten Tag dann etwas ganz anderes: wir holen unseren Mietwagen ab und diesmal geht es zur Abwechslung mal ÜBER die Golden Gate Bridge.
Die Fahrt führt uns im Norden um die San Francisco Bay herum und durch einen Teil des “Delta”, des Feuchtgebietes im Einmündungsbereich der Flüsse Petaluma, Napa und vor allem Sacramento River. Am Napa River entlang fahren wir ins Napa Valley, nehmen darin nicht die Hauptstraße sondern den parallel verlaufenden durch die Weinberge führenden Silverado Trail.
Und so machen wir an unserem Tagesziel im schönen Healdsburg natürlich auch eine anständige Weinprobe 🍷 😊.
Gefällt uns gut. Wie auch unsere Unterkunft in einem viktorianischen Bed&Breakfast.
Eine gute Einstimmung, denn morgen soll der Roadtrip dann in das viktorianische Musterstädtchen Mendocino führen und das auch noch über eine der “Traumstraßen der Welt“, den kalifornischen Highway 1 direkt an der Pazifikküste entlang. Wir freuen uns darauf!
Diesmal also schnappen wir uns das “tiefe” Bojenpaar. Bei Zero-Tide reicht es gerade so eben, dass Floras Kiel nicht auf dem Grund herumkratzt. Die versprochenen 8 Fuß sind das sicher nicht, aber egal.
Jedenfalls können wir in aller Ruhe eine weitere wunderschönen Wanderung auf Angel Island unternehmen. Diesmal geht’s um die Ostseite der Insel herum, mit Blicken Richtung San Pablo Bay, Richmond und später Berkeley.
Auch wenn das Immigration-Museum auch an diesem Tag geschlossen ist, unser Weg führt daran vorbei und so werden wir an die lebensrettende Zuflucht für die einen (in diesem Fall Deutschen) und ebenso an die wirksame Ausgrenzung anderer (in diesem Fall von Asiaten) erinnert.
An der vormals miltärisch genutzten Südspitze der Insel sehen wir vor San Francisco Downtown als Kulisse ein wohl auf Grund gelaufenes Schiff. Ein Schlepper drückt es ganz langsam seitlich von der Untiefe und nach einer halben Stunde kommt es trotz ablaufender Tide frei.
Unsere Wanderung führt uns auf dem Northern Ridge Trail zum höchsten Punkt der Insel, dem Mount Livermore. Beim Abstieg auf der anderen Seite können wir dann unser nächstes Ziel sehen. Die Richardson Bay mit Sausalito. Typisch, über den hinter dem Ort liegenden Bergrücken wälzen sich die Wolken hinüber und lösen sich dabei langsam auf.
Sausalito ist ein nur 7.500 Einwohner zählender Ort, der aber mit seinem schmucken Ortskern und den Villen am Hang sowie seiner großen Hausbootsiedlung zahlreiche Touristen anlockt. Hilfreich dafür ist auch, dass man es gut mit dem (Leih-)Fahrrad von San Francisco aus erreichen kann. Dabei führt die Strecke über die Golden Gate Bridge, die die beiden Städte verbindet. Zurück kann die regelmäßig verkehrende Fähre genommen werden.
Fähre von Sausalito nach San Francisco, da klingelt doch was? Genau, Jack Londons “Der Seewolf” von 1904 beginnt damit, dass der Protagonist Humphrey Van Weyden diese Fähre nimmt (damals gabs die Golden Gate Bridge auch noch nicht). Im dichten Nebel wird die Fähre von einem Dampfer gerammt und versenkt. Van Weyden wird vom Robbenschoner “Ghost” gerettet. Dessen intelligenter und zugleich brutaler Kapitän Wolf Larsen (der Seewolf, in der deutschen Fersehfassung von 1972 gespielt vom Kartoffel-zerdrückenden Raimund Harmstorf) ist der sozialdarwinistische Gegenpol zum humanistischen Schöngeist Van Weyden.
Auch wenn wir vor zweifelhaften Charakteren auf teilweise ziemlich herunter gekommenen Ankerliegern im hinteren Teil der Bucht gewarnt werden, bei uns geht’s zum Glück weniger dramatisch zu und der Nebel hält sich auch in Grenzen.
Wir treffen uns mit Raffi und dessen Freundin Kristin, die uns ihren schönen Ort mit seinen vielen steilen Treppen zeigen.
Raffi holt uns ein weiteres Mal mit seinem Auto ab und fährt uns aus dem sonnigen Sausalito zur Rodeo Cove westlich der Golden Gate Bridge. Das Wetter dort ist – wie so oft am Nachmittag im Brückenbereich – eher abweisend grau in grau. Trotzdem lassen sich die Surfer nicht abschrecken.
Gemeinsam mit Raffi wandern wir auf der beeindruckend hohen und schroffen Steilküste weiter.
Ein klasse Ausflug, den wir noch mit einem Besuch in der Horseshoe Bay am Fuß der Golden Gate Bridge abschließen:
Unsere Flora haben wir inzwischen an eine Boje des Sausalito Yacht Club verholt. Dort können wir die Einrichtungen des Clubs nutzen, vor allem aber können wir dort einfach und zentral mit dem Dinghy anlegen.
Interessantes Detail: Weniger als die Hälfte der Clubmitglieder hat tatsächlich ein Boot. Der Club (mit Bar und Restaurant) wird eher als erweiterte Familie, als sozialer Treffpunkt mit schöner edler Wasserlage, denn als aktiver Sportverein gesehen. Selbst die (vorhandenen) Jollen werden augenscheinlich kaum genutzt.
😉
Gibt’s doch Boote im Yachtclub?
Das geht natürlich auch anders, die Sportsegler-Szene in der San Francisco Bay ist ziemlich aktiv. Als wir von Sausalito mal wieder an den Ankerplatz bei Treasure Island verholen, zeigt der Blick zurück auf Sausalito ein Regattafeld beim Kampf um die Tonnen. Die Rolex Big Boat Series sind im St. Francis Yacht Club zu Gast:
Und auch vor Downtown gehen jetzt am Wochenspende vermehrt die Segel hoch.
Der Ankerplatz bei Treasure Island hat es in sich. Die Zufahrt ist etwas knifflig, da eine flache Barre die nach Osten scheinbar so offene Bucht fast unzugänglich macht. Nur bei Hochwasser und nur ziemlich dicht an der Mole ganz im Nordosten der Bucht sollen wir uns mit unseren 2 m Tiefgang hinein tasten. Machen wir, und es klappt auch. Dafür liegen wir dann auch schön geschützt zwischen Yerba Buena und Treasure Island. Letztere ist eigentlich gar keine eigene Insel, sondern ein künstlich aufgeschütteter Inselteil, ein Damm verbindet sie mit Yerba Buena.
Der Legende nach geschaffen für die Weltausstellung 1939, auf der hier auch die gerade eröffnete Golden Gate Bridge gefeiert werden sollte. Nur – es war eigentlich keine echte Weltausstellung (die fand zeitgleich in New York statt), eher eine pazifisch-regional abgespeckte Variante unter dem offiziellen Namen “Golden Gate International Exposition“. Trotz allem, die (fast-)Insel Treasure Island wurde eigens dafür geschaffen. Ebenso wurden drei monumentale Gebäude, die als Nachnutzung einem Flughafen als Haupthalle bzw. als Hangar dienen sollten. Das hat nicht so recht geklappt, nur kurz nutzte Pan Am Treasure Island und das auch nur für die Flugboote, die in der Clipper Cove – unserem Ankerplatz – starteten und landeten. Danach nutzte die US Navy die Insel lange Jahre.
Das alles erfahren wir im “Gebäude #1”, dem halbrunden Kollossalbau, der heute auch ein kleines Museum beinhaltet.
Heute ist Treasure Island eher ein Schatz für Grundstücksspekulanten. Die Soldaten sind schon vor Jahrzehnten abgezogen, Sozialwohnungen hielten Einzug. Nachdem inzwischen allerdings die festgestellten Kontaminationen weitgehend beseitigt wurden, wird die zentrumsnahe Lage von Treasure Island wirklich zum Schätzchen: inzwischen ist ein Bauboom für exquisite Wohnungen ausgebrochen. Und die Benennung der neuen Straßen trägt sowohl den Träumen als auch der maritimen Lage Rechnung.
Und ein wahrer Schatz, wo wir ihn am wenigsten erwarten: irgendwo hinter dem Container-Wohnpark findet sich in einem Wohngebiet ein Restaurant, aber was für eines. Mit phantasievollen, frisch zubereiteten, modern internationalen Gerichten und wunderbarer Atmosphäre.
Superlecker. Wir lassen den Abend an Bord ausklingen, mit Blick auf die illuminierte Brücke, die von Yerba Buena nach Oakland hinüber führt.
Dahin fahren wir dann auch am nächsten Morgen. Die Containerterminals von Oakland bleiben an Backbord, einmal mehr werden wir an das heimatliche Hamburg erinnert.
Aber der Blick zurück zeigt dann doch eine ganz andere Skyline 😉.
Und während auf der Weiterfahrt zum Inner Harbour auch Oakland mit höherer Bebauung daher kommt, …
… zeigt uns das gegenüber liegende Alameda erst einmal bunte Hausboote und später eine schöne niedrig bebaute Innenstadt mit vielen viktorianischen Gebäuden.
Davon gibt’s leider ebenso wie von Raffi’s Besuch keine Bilder. Raffi’s Wind River ist ein Schwesterschiff der Flora, ebenfalls eine Hallberg-Rassy 43. Wir tauschen uns intensiv über die Boote aus und fahren gemeinsam zum “Candy Shop” – dem großen und gut ausgestatteten Schiffsausrüster “Svendsen” im Industriegebiet von Alameda. Einige Einkäufe erledigen wir dort. Da wir aber die speziellen Pumpen nicht bekommen, die wir gerne als Ersatzteile an Bord hätten, werden wir sie an Raffi’s Adresse liefern lassen. Wir werden ihn also sicher auch noch in Sausalito wieder treffen. Und hoffentlich auch auf dem Weg hinunter nach Mexiko, denn er möchte die Wind River ebenfalls in diesem Winter dorthin segeln.
Und am darauf folgenden Tag gibt’s gleich die nächsten HR-Community-Begegnung. Holly und Curt haben eine HR 42E, sie wohnen in Alameda und besuchen uns auf der Flora. Auch diesmal wird es ein schöner Nachmittag mit viel “Boat-Talk” und einem weiteren Ausflug durch Alamedas Innenstadt und in die Randgebiete, diesmal zu einer Brauerei auf dem ehemals von der Navy genutzten Gelände und zum jetzt musealen Flugzeugträger USS Hornet.
Aus dem Kanal zwischen Alameda und Oakland hinaus geht’s wieder an den Containerriesen vorbei, danach können wir schön segeln.
Kreuz und quer durch die San Francisco Bay führt uns der Kurs wieder unter der Bay Bridge hindurch, diesmal nach Angel Island. Auch hier waren früher US-Streitkräfte stationiert, haben sich aber längst von der Insel zurück gezogen. Die zweite Funktion von Angel Island war es, erst Quarantänestation und dann zentrale Anlaufstelle für die Immigration an der Westküste zu sein, quasi das Pendant zu Ellis Island in New York an der Ostküste. Auch das ist längst Geschichte, an die nur noch das in den Gebäuden untergebrachte Museum erinnert.
Heute ist Angel Island vor allem ein wunderbares Wanderrevier. Ein Netz von Wegen und Pfaden zieht sich über die vergleichsweise steil aufragende Insel, die dadurch wunderbare Ausblicke über die San Francisco Bay und hinüber zur Stadt und zur Golden Gate Bridge bietet.
Skyline von San Francisco mit der Gefängnisinsel Alcatraz davorBlick hinüber nach Sausalito mit der Richardson BayBlick zur Golden Gate BridgeBlick nach Tiburon und Belvedere
Wilde California Fuchsie
Schwarzwedelhirsch
Die meisten Besucher erreichen Angel Island mit der Fähre, einige auch per Kayak. Für Bootsbesucher wie uns gibt es zwei Möglichkeiten: wir können an den Steg der kleinen Hafenanlage gehen oder zwischen zweien der davor ausliegenden Mooringtonnen festmachen. Am Steg darf man nur tagsüber liegen, an den Bojen auch über Nacht. Fast alles ist jetzt in der Nachsaison frei. Nur leider ist das Bojenfeld in einem so flachen Bereich eingerichtet, dass nur ein einziges Tonnenpaar eine Solltiefe von 2,4 m bietet. Und genau das ist natürlich belegt.
Wir machen also für unsere erste Wanderung am Steg fest, fahren dann abends hinüber und ankern an der Halbinsel Tiburon in der Paradise Cove. Nur um am nächsten Morgen wieder zu kommen und uns das jetzt freie Bojenpaar im Tiefen zu schnappen.
Ein Magen-Darm-Infekt hat mich einige Zeit aus dem Verkehr gezogen, aber jetzt bin ich wieder ok. Zum Glück haben wir ja reichlich Zeit, das wunderschöne San Francisco zu erkunden, da können wir uns auch solche ungeplanten Ruhezeiten nehmen.
Direkt am Ankerplatz im Aquatic Park liegt das Maritime Museum. Das beinhaltet zum einen den Hyde Street Pier. Mehrere historische Schiffe am Steg im Osten der Bucht, neben Segelschiffen auch Raritäten wie einem Dampf- und einem Schaufelrad-Schlepper sowie einer Schaufelrad-Fähre. Das heben wir uns aber für unseren nächsten Besuch an diesem Ankerplatz auf. Zum anderen ist da das Aquatic Park Bathhouse Building, auch bekannt als “Palace for the Public”. 1939 erbaut, war es konzipiert als öffentliches Badehaus mit Umkleiden und Schließfächern für Hunderte von Schwimmern sowie öffentlichen Duschen, die durch Lichtschranken aktiviert wurden, aber auch einem Restaurant und sogar einem Notfall-Krankenhausbereich.
Tatsächlich waren es die auch heute noch zahlreichen Schwimmer selbst, die mit jahrzehntelanger Hartnäckigkeit, Anträgen und Petitionen dafür sorgten, dass die ihren Sandstrand zunehmend bedrängende industrielle Nutzung von diesem innerstädtischen Badeplatz fern gehalten und der Aquatic Park geschaffen wurde.
Das Gebäude war 1939 eine der Speerspitzen der Moderne in der Stadt San Francisco. Das zeigt sich im runde Schiffsaufbauten interpretierenden Äußeren …
… aber ebenso im Inneren mit den farbenfrohen Wandmalereien der Eingangshalle, die phantastische nautische Welten zwischen Realismus und Abstraktion changieren lässt.
Hier ist heute eine kleine, aber durchaus interessante Ausstellung des maritimen Museums untergebracht.
Ein Schwerpunkt sind die transpazifischen Einhand-Segelreisen des Japaners Kenichi Horie. 1962 erreichte der damals 23jährige mit seiner nur 5,83 m langen “Mermaid” nach einem 94tägigen Nonstop-Törn von Osaka aus San Francisco. Ebenso beeindruckend: 2022, also 60 Jahre später (!) legte der inzwischen 83jährige Japaner die gleiche Strecke in umgekehrter Richtung wiederum allein segelnd in seiner 6,05 m kurzen “Suntury Mermaid III” in 69 Tagen zurück.
Ein zweiter Schwerpunkt ist einer historischen städtebaulichen und auch maritimen Kuriosität San Franciscos gewidmet. Sie beginnt – wie so vieles in San Francisco – wieder einmal mit dem kalifornischen Goldrausch 1849. Noch zwei Jahre zuvor hatte das Städtchen nur etwa 500 Einwohner gehabt. Nachdem sich die Kunde von einem 1848 gemachten Goldfund in Kalifornien verbreitete, fluteten allein 1849 etwa 40.000 Menschen in den Ort, um den Sacramento River hinauf in die Sierra Nevada Goldfields zu gelangen. Die Stadt boomte, bereits ein paar Jahre später Anfang der 1850er Jahre hatte sie knapp 40.000 feste Einwohner. Dabei ist zu beachten, dass das Gebiet der heutigen US-Bundesstaaten Kalifornien, Nevada, Arizona, Utah sowie Teilen von New Mexico, Colorado und Wyoming erst mit dem Friedensvertrag vom 2. Februar 1848 von Mexiko an die USA übergegangen war. In dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg von 1846-1848 hatte Mexiko dadurch fast die Hälfte seines bisherigen Staatsgebietes verloren. Die Benennung des Krieges ist allerdings ziemlich irreführend, da er maßgeblich von der amerikanischen Seite gewollt war und vorangetrieben wurde.
Wie auch immer, der Goldrausch und die dadurch angezogenen Menschenmassen führten unter anderem dazu, dass Kalifornien bereits 1850 als 31. Staat in die USA aufgenommen wurde.
In San Francisco führte der Goldrausch zu einem maritimen Kuriusom: buchstäblich hunderte von Schiffen, die mit Lieferungen von Waren oder mit Goldsuchern als Passagieren die Stadt angelaufen hatten, kamen hier nicht wieder weg. Grund war, das schlicht jegliche Besatzung fehlte. Die hatte nämlich sofort abgemustert oder war desertiert, um ebenfalls ihr Glück auf den Goldfeldern zu suchen.
Aus der Not machten andere eine Tugend. In gelb und rot sind auf diesem Stadtplan rund 50 Schiffe markiert, die bei der Bebauung von (heute) Downtown San Francisco ausgegraben wurden oder deren Standorte bekannt waren:
Wie kam es dazu? Die nutzlos gewordenen Schiffe wurden in der damaligen feuchten Niederung schlicht mit dem eigenen Ankergeschirr an Land gezogen, die Masten für die Abstützung verwendet und der Rumpf anderweitig genutzt, z.B. als Hotel, Lagerhalle oder als Ladengeschäfte.
Aus der (eigentlich gar nicht so) grauen Vorzeit in die regenbogenbunte Gegenwart: unser nächster Ausflug führt uns in den Stadtteil “The Castro”. Mehr Regenbogen geht eigentlich kaum.
The Castro nimmt für sich in Anspruch, eines der ersten “Gay Villages” bzw.. eine der erste “LGBT Neighborhoods” der USA zu sein. Parallel ist auch die Kunst-Scene sehr aktiv. Dieses Wochenende haben sich “Art Walk SF” und “Castro Art Mart” zusammengetan, diverse Bands spielen, es gibt Performances, Ausstellungen, Straßenverkaufsstände für Kunst und vieles mehr.
Und natürlich darf auch die Freude an der Provokation in der Stadt des „Summer of Love“ nicht fehlen. Kein „love-in“ wie von Scott Mckenzie für San Francisco besungen, aber ein ein bisschen öffentliche Nacktheit muss es dann scheinbar doch sein, vielleicht ist es auch eine Statement der besonderen Freiheit in San Francisco und besonders in The Castro.
Was einmal mehr auffällt ist die ungeheure Vielzahl an guterhaltenen Altbauten auch in diesem und den umliegenden Vierteln. Etwas, das wir bisher auf allen unseren Spaziergängen durch die Stadt gesehen haben und das für uns einen ganz besonderen Charme San Franciscos ausmacht.
Zurück am Boot im Aquatic Park: Ein weiterer phantastischer Sonnenuntergang mit der Golden Gate Bridge im Hintergrund, allerdings der vorerst letzte mit der Fidelis von Jeanette und Jeroen im Vordergrund: die beiden zieht es schneller als uns weiter nach Süden Richtung Mexiko.
Wir dagegen lassen Alcatraz links liegen, den Coit Tower rechts, und fahren unter der Bay Bridge (eigentlich: San Francisco -Oakland Bay Bridge) hindurch.
Die Bay Bridge spannt sich mit vier Stützen bis hinüber nach Yerba Buena Island, wobei die Autos auf dem oberen Brückendeck stadteinwärts und auf der darunter liegenden zweiten Ebene stadtauswärts fahren. Auf Yerba Buena gehts dann durch einen Tunnel und dann schließt sich der östliche Teil der Bay Bridge mit einem weiteren, allerdings deutlich moderneren stahlseiltragenden Pylon an.
Wir aber bleiben am westlichen Ufer, biegen gleich hinter der Brücke in den South Beach Harbour ein. Die maximalen Liegezeit im Aquatic Park von 5 Tagen am Stück ist abgelaufen, aber wir wollen noch etwas in der Stadt bleiben.
Die Seelöwen auf den Stegen geben zwar Tag und Nacht lautstarke Bell- und Rülps-Konzerte, aber ansonsten gefällt uns der Hafen ganz gut. Wir erledigen in der Laundry die Wäsche, füllen Wasser auf (in der Bay möchten wir den Wassermacher nicht lange laufen lassen). Und mit der direkt vor der Marina abfahrenden U-Bahn machen wir einen Ausflug in den Stadtteil Sunset zum botanischen Garten. Statt weiteren Bildern von schönen alten Häusern (die es auch in Sunset reichlich gibt), hab ich aus dem botanischen Garten mal wieder Fotos von Kolibris mitgebracht. Von vorne so unscheinbar, zeigt sich in der Seitenansicht der metallische Glanz des grünen Gefieders.
Und heute? Ging’s dann entlang der westlichen Bay Bridge (unter der man in der Ferne wieder die Golden Gate Bridge sehen kann) und um Yerba Buena herum zum Ankerplatz bei Treasure Island.
Mal sehen, welche Schätze sich dort finden lassen.
Um das zu verwirklichen, ist der nächste Schritt von Crescent City aus ein etwa zwei Tage (und zwei Nächte) dauernder Törn um Kap Mendocino herum zur Drakes Bay. Wir nehmen in Kauf, dass wir eventuell einen größeren Teil davon unter Motor zurücklegen müssen. Aber wir haben Glück mit dem für seine Starkwinde bekannten Kap Mendocino, doppeltes Glück sogar: zunächst einmal begleiten uns bei spiegelglattem Wasser Pazifische Weißstreifendelfine (mit Kussmund-Zeichnung) um das Kap …
… und dann setzt kurze Zeit später segelbarer Wind ein. Eine Zeitlang fahren wir den Gennaker, die “Joy” unserer Segelfreunde Arianne und Michiel lüftet sogar das Besanstagsegel ihrer Contest 38 und fährt damit gleich vier Segel gleichzeitig:
Der Wind wird uns für den Rest des Törns nicht mehr verlassen, sondern entgegen der ursprünglichen Vorhersage weiter zunehmen, die bunte Pracht weicht also schon bald gerefften weißen Tüchern.
In die Ankerbucht der Drakes Bay laufen wir nach dem rund 40 Stunden dauernden Törn fast zeitgleich ein. Ein paar Stunden später gesellt sich die “Fidelis” von Jeanette und Jeroen dazu. Witzig, alle drei Yachten haben zusammen in Campbell River überwintert.
Der Stop in Drakes Bay gibt uns Gelegenheit auszuschlafen und den nur knapp 30 sm langen verbleibenden Schlag nach San Francisco mit mitlaufender Tide zu gestalten. Jeder kalkuliert ein bisschen anders: als wir Anker auf gehen, ist die Joy schon 6 sm voraus. Die Fidelis wiederum lässt uns einen ähnlichen Vorsprung.
Wir können segeln, aber zunächst löst sich die tief hängende Wolkendecke nur sehr zögerlich auf.
Am Point Bonita Lighthouse vorbei, der erste Blick auf die Golden Gate Bridge. Die Spitzen der Pfeiler sind noch in den tiefhängenden Wolken (oder ist es Hochnebel) verborgen.
Aber dann reißt der Himmel immer mehr auf, Gänsehaut, wir passieren die Golden Gate Bridge:
Nach der ersten vorsichtigen Durchfahrt unter Motor drehen wir gleich wieder um, nehmen die Segel hoch. Bei dem Wetter, das können wir doch jetzt auch unter Segeln genießen. Wir kreuzen wieder zurück. Wiebke hat pünktlich für San Francisco ihren Sommer-Pullover fertig gestrickt (mit Blumenmuster, wenn wir schon keine Blumen im Haar tragen).
Passt doch!
Und jetzt kommt auch die Fidelis an, wie wir zunächst unter Motor. Sie machen Fotos von der ihnen entgegen segelnden Flora …
…, drehen dann um, nehmen die Tücher hoch und lassen sich von uns vor der Golden Gate Bridge fotografieren:
Nach der Fotosession geht’s gemeinsam zum Ankerplatz im Aquatic Parc, ganz nahe am historischen Zentrum von San Francisco gelegen und mit Blick auf die Gefängnisinsel Alcatraz. Eigentlich eine Badebucht mit Sandstrand und mehreren Schwimmclubs, aber nach Online-Reservierung unter http://www.recreation.gov können wir hier für fünf Nächte direkt in der Stadt ankern.
Seglers Pläne sind in den Sand geschrieben. Bei Niedrigwasser!
So auch diesmal. Eigentlich wollten wir von Kanada aus direkt nach San Francisco segeln. Aber ein dafür geeignetes Wetterfenster zeigt sich derzeit nicht. Im Gegenteil: ein Hurrikan vor der Baja California macht gerade auch den äußersten Südwesten der USA um San Diego unsicher.
Das ist (auch von San Francisco aus) noch weit weg und ja auch der Grund, warum wir vor Ende der Hurrikansaison nicht nach Mexiko segeln wollen.
Aber: Auch wenn Hilary’s Wind uns nicht erreicht, die von dem Hurrikan aufgeworfenen Wellen wandern weit über den Pazifik und sorgen gemeinsam mit der an der Küste herunterlaufenden nördlichen (derzeit sowieso schon hohen) Windsee dafür, das sich uns auf dem direkten Kurs wohl ein chaotisches und äußerst unangenehmes Wellenbild bieten würde.
Also planen wir neu: erst einmal um das Cape Flattery herum und auf einem küstennahen Kurs ein Stück nach Süden. Das Problem in diesem Küstenabschnitt ist allerdings, dass die möglichen Häfen und Ankerplätze in Washington und Oregon praktisch alle in Flussmündungen hinter einer Barre liegen. Bei hoher See und/oder auflandigem Wind ist das problematisch.
Auch hierfür bietet NOAA eine Hilfestellung und fasst auf einer im Internet abrufbaren Seite zusammen, welche dieser Barren derzeit befahrbar sind und welche Einschränkungen laut Coast Guard derzeit gelten.
Wir lassen zig mal unsere Abfahrtsplanung mit verschiedenen Varianten bei Predictwind durchlaufen, dem Planungstool, dass wir abonniert haben und bei Passagen gerne verwenden. Unterwegs lässt sich “Predictwind Offshore“ auch über IridiumGo abrufen, so haben wir das bisher immer gemacht. Jetzt mit Starlink können wir aber ganz bequem und schnell auch größere Datenmengen (und damit großräumige Passageplanungen mit präzisen Vorhersagerastern) laden. Klasse, nur am Wetter selbst ändert es natürlich nichts.
Wir entscheiden uns für Newport in Oregon (Yaquina Bay) als nächstes Ziel. Durch die dortigen langen Molen ist diese Barre selten von Schließungen betroffen. Etwa 36 Stunden sollten wir bis dort brauchen. Um im Hellen anzukommen klingelt der Wecker heute um 4:30, um 5:15 fahren wir los.
“Red sky in the morning, sailor’s warning.” Vielleicht ist es aber auch der Rauch der vielen Waldbrände in British Columbia, der für diese Morgenröte sorgt. Tatsächlich ruft die Regierung im Laufe des Tages den Notstand für BC aus.
Wie dem auch sei, wir drehen nach einer halben Stunde um, zurück in die Neah Bay. Keine leichte Entscheidung. Laut neuer Vorhersage hätten wir etwa drei Meter Welle, wenn wir dort ankommen. Von Achtern unterwegs durchaus machbar, wenn auch vielleicht nicht super angenehm. Aber an der Barre? Bei einer Weiterfahrt zum Ausweichhafen Crescent Bay (ohne Barre!) würden die Wellen auf 4 m zunehmen.
Gehe zurück auf Los!
Und was machen wir mit dem geschwenkten Tag?
Erstmal zurück ins Bett, ausschlafen. Und dann? An Land dürfen wir nicht, wir haben in den USA noch nicht einklariert, das geht in Neah Bay auch nicht (aber in Newport). Karen und Steve hatten uns bei unserem Road-trip in Denver ein Puzzle geschenkt, in Erinnerung an unseren Puzzle-Tausch beim Lockdown in Antigua in der Carlisle Bay. Jetzt ist die Gelegenheit dafür:
Wir beobachten am Ankerplatz eine im Norden Nordamerikas heimische, von uns aber bisher nicht gesehene Meerente, die Brillenente (Surf Scoter).
Riggen schon mal beide Spinnakerbäume mit Topnant, vorderem und achteten Niederholer und durch die Nock geführter Schot für die zu erwartenden achterlichen Winde der Passage. Ready to go.