Angekommen in Kanada.

Fühlt sich schon seltsam an, VON NORDEN HER nach Kanada eingereist zu sein. 😊

Andererseits: schon bei der Anfahrt nach Prince Rupert kommen auch Heimaterinnerungen auf. Die wie Legosteine doppelstöckig auf Eisenbahnwaggons aufgereihten Container säumen das Ufer an Steuerbord, darunter einige von Hamburg-Süd und Hapag-Lloyd. Und auch die großen, weithin sichtbaren Containerbrücken erinnern ein kleines bisschen an unsere Heimatstadt an der Elbe.

Und vielleicht hätte sich Prince Rupert tatsächlich zu einem ähnlich großen Handelsplatz entwickelt. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts standen die Zeichen jedenfalls gut dafür. Der Hafen von Prince Rupert ist tief, im Fahrwasser durchgängig fast 40 m! Das ist nicht nur wesentlich tiefer als die Elbe in Hamburg selbst nach der Elbvertiefung sondern auch ziemlich konkurrenzlos an der Westküste Amerikas. Zum Vergleich: Los Angeles bietet gut 16 m, Seattle nur knapp 11m. Zudem ist die Strecke von und nach China wesentlich kürzer. Das brachte Charles Hays, den Vorstandsvorsitzenden der “Grand Trunk Pacific Railway” auf die Idee, neben der bestehenden Eisenbahnlinie nach Vancouver eine transkontinentalen Strecke nach Prince Rupert zu bauen (das 1907 extra dafür gegründet wurde) und den Ort zum “Metropolis des Nordens” und dominanten nordpazifischen Warenumschlagplatz auszubauen. Hays trieb das Projekt vehement voran. Aber: er starb beim Untergang der Titanic 1912 auf der Rückreise von einem Fundraising-Trip für diese von ihm als “Neue Seidenstraße” vorgestellte Infrastruktur. Mit dem Tod Hays fehlte der visionäre Antreiber, dazu kam der erste Weltkrieg, das Projekt wurde nicht mehr mit voller Kraft vorangetrieben und endete 1916 in einer Pleite.

Heute hat Prince Rupert 12.000 Einwohner, ist per Eisenbahn und Straße angebunden und hat einen Flughafen. Der Tiefwasserhafen ist nicht unbedeutend, bietet Containerbrücken und große Verladestellen für Getreide und Kohle, ist aber weit von der Vision des Charles Hays entfernt.

Das Einklarieren ist entgegen der Bedenken und Vorkehrungen (z.B. keine Eier etc. einführen) völlig unkompliziert. In der ArriveCan-App kann 72 Stunden vor der Einreise der Ort und ungefähre Zeitpunkt der Ankunft eingetragen werden, Pass- und Impfdaten können schon vorher hochgeladen und gespeichert werden. Haben wir gemacht. Nach dem Festmachen am Steg in Prince Rupert dann ein Anruf bei “Customs”, ein paar Fragen beantworten. Dann gibt der Officer uns eine Nummer durch, die wir aufschreiben und hinter die Cockpitscheibe legen sollen. “Falls Sie kontrolliert werden, das ist Ihre Report-Nummer. Damit weisen Sie nach, dass Sie korrekt eingereist sind.” Das war’s. O.k, dann kriegen wir wohl keinen Stempel im Pass.

Der Hafen ist rappelvoll, wir quetschen uns längsseits in eine Lücke, in die wir nach Abmontieren des Bugspriets gerade so eben hineinpassen, wenn wir mit dem Bug nah am Schwimmsteg festmachen und mit dem Heck etwas weiter weg und damit leicht schräg vor dem Päckchen hinter uns liegen. Na ja, immerhin klappt das Manöver auf Anhieb. Freizeitboote sind übrigens klar in der Minderzahl gegenüber den Fischern.

Über sechseinhalb Meter beträgt der Tidenhub, da wird der Aufgang vom Schwimmsteg schon ziemlich steil.

Der vordere (leere) Teil des Hafens darf nur zum Be- und Entladen angefahren werden

Da müssen wir aber hoch, schließlich wollen wir die Stadt nochmal nutzen.

Wir gehen ins Kino (Top Gun), kaufen eine kanadische SIM-Karte fürs Handy, außerdem die in Kanada für das Lachsangeln vorgeschrieben Angelhaken ohne Widerhaken. Machen einen tollen Spaziergang auf einer stillgelegten alten Bahnstrecke am Wasser entlang nördlich des Hafens aber mit zum Teil spektakulären neuen Brücken. Besuchen die örtliche Mikro-Brauerei.

Außerdem müssen wir Lebensmittel bunkern, die nächsten Wochen wird es dazu wohl nicht allzu viel Gelegenheit geben. Der nördliche Teil der Küstenregion von British Columbia weist noch weniger Ortschaften auf als das südliche Alaska, es warten einsame Ankerbuchten.

Und dahin segeln wir jetzt. Heute sogar mal unter Gennaker.

😎

Alaska – Eindrücke aus zwei Monaten

Was war unsere Erwartung an Alaska?

Richtig konkret war es nicht, eher ein diffuses Gefühl von Abenteuer in einer vom Mensch noch nicht völlig veränderten, „zivilisierten“ Welt, am Rande der gewöhnlichen Komfortzone, abseits der kleinen Ortschaften „out in the wild“. Vielleicht: Kalt. Natur pur. Hoffentlich: Bären. Wale. Eis.

Kalt stimmt nur bedingt. Wir hatten fast durchgehend zweistellige Temperaturen auch nachts, tagsüber meist so um 15 Grad Celsius. Nur in Gletschernähe war es dann doch kälter. Was wir gar nicht so richtig auf dem Schirm hatten: die trotzdem oft herrlich klare „Winterluft“, der intensive Nadelwaldgeruch, die krasse Gebirgslandschaft, die unzähligen Wasserfälle.

Und die Menschen: wundervolle Begegnungen mit den wenigen anderen Cruisern, freundliche, offene und hilfsbereite Alaskaner (wo immer wir welche trafen).

Die heißen Quellen, die Beeren, das Angeln und Krebsfischen. Navigatorisch die Narrows und die starken Tidenströme, die großen trockenfallenden Bereiche vieler Ankerbuchten, das mystisch leuchtende Eis bei den kalbenden Gletschern.

Die Naturerlebnisse waren traumhaft. Bären, Wale, so nah und so beeindruckend. Der tägliche Weißkopfseeadler, Seeotter, Lachse. Die Wanderungen durch den von Moosen überwucherten Regenwald, ja, auch Regen und Nebel. Die Freude über blauen Himmel, der sich eben nicht jeden Morgen wie selbstverständlich beim ersten Blick durch das Decksluk zeigt. Die unfassbare Stille am Ankerplatz, wenn kein Windhauch auch nur Katzenpfötchen auf die Spiegelungen im Wasser malt.

Klitzekleiner Wermutstropfen: segeln war nur selten möglich, wir haben einige Motorstunden angesammelt. Aber wie zur Versöhnung gab es heute auf dem Törn von unserem Ankerplatz in der Foggy Bay über den Dixon Entrance ins kanadische Prince Rupert den ganzen Tag Segelwetter vom Feinsten.

Alaska hat uns beschenkt auch mit ein bisschen Zurückgeworfensein auf uns selbst, wie wir es sonst eher von längeren Passagen kennen. Kombiniert mit ganz vielen „zum ersten Mal“-Erlebnissen und wunderbaren Begegnungen. Eine Quintessenz dessen, was uns am Reisen so gefällt.

😊

Ketchikan und der Lachs in Alaska

Es ist soweit. Nach ungefähr zwei Monaten in Alaska laufen wir Ketchikan an, die südlichste Stadt in Alaska und damit der Ort, in dem wir aus den USA ausklarieren werden.

Ketchikan leitet sich her von Kichxáan oder auch Keech Ka Xa haan, dem ursprünglichen Namen des Ortes in Tlingit-Sprache, es bedeutet etwa “Flügel ausgebreitet darüber“.

Die monumentale Zedernholz-Schnitzerei “Thundering Wings” erinnert an die Herkunft des Ortsnamens.

Heute breitet sich eher der Kreuzfahrt-Tourismus über dem Ort aus als die Adlerflügel, drei größere Kreuzfahrtschiffe liegen gleichzeitig am Kai und die Zahl ihrer Passagiere reicht wohl an die der 8.000 Einwohner heran.

Das führt neben unzähligen “Jewelry“-Geschäften und Souvenirshops auch zu einer lebendigen Café-, Restaurant- und Kneipenlandschaft in dem Städtchen. Und es hat auch dazu bewirkt, dass diverse historische Häuser im alten Stadtkern erhalten und – je nach Lage – mehr oder weniger restauriert wurden, so wie hier im ehemaligen Rotlichtviertel mit seinen Boardwalks über dem Wasser …

oder etwas weniger zentral gelegen entlang der Promenade und den Hang hinauf:

Und natürlich machen es auch erst die vielen Touristen möglich, mehrere Museen zu unterhalten, wie etwa das sehr sehenswerte Totem Heritage Center, in dem anschaulich der kulturelle Hintergrund dieser für Alaskas Ureinwohner so ikonischen geschnitzten Pfähle und auch das strukturell sehr unterschiedliche Design der Totems in den verschiedenen Regionen erklärt wird.

Gleich neben dem Totem Heritage Center befindet sich die Deer Mountain Hatchery. Eine schöne Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Grüßt vor dem Eingang des Heritage Center doch ein Totem, das “Raven and Fog Woman” darstellt und an die Legende erinnert, wie der für die Ureinwohner und auch die Entwicklung Alaskas so wichtige Lachs in die Welt kam. Die Hatchery (eine von 29 in Alaska) ist eine Art Geburtsklinik und Kindergarten für (Wild-)Lachse. Anders als in Lachsfarmen wird hier nicht der Fisch für kommerzielle Zwecke gezüchtet, sondern ein Teil der Eier der lokalen Lachspopulation werden für die kritische erste Lebensphase in einem geschützten Habitat aufgezogen und dann in die Freiheit entlassen. Die erwachsenen Lachse kehren dann zum Laichen aus dem Meer den Fluss hinauf zur Hatchery zurück und sorgen für Nachschub.

Mitte der 70er Jahre wurden die ersten Hatcheries eingerichtet, seit 2010 machen die erwachsenen Lachse aus diesen Aufzuchtstationen zwischen 30 und knapp 50 Prozent der alaskaweit gefangenen Wildlachse aus.

Lachsfarmen sind in Alaska verboten 🚫.

Wenn man es nicht selbst erlebt hat, kann man sich die schiere Menge der Wildlachse in den Flüssen und Bächen Alaskas nicht vorstellen. Ohne Superlative geht’s ja in Amerika nicht: Ketchikan nennt sich selbst nicht nur “Alaska’s 1st City” (weil von Süden kommend erste Stadt), sondern auch “Salmon Capital of the World”.

Und jetzt zur Wanderzeit der Lachse sieht der Ketchikan Creek so aus:

Das ist eine etwas ruhigere, flussaufwärts gelegene Stelle, an der sich die Lachse für die weitere Reise ausruhen. Warum? Um hierher zu gelangen, müssen die Lachse erst einmal die Stromschnellen überwinden. Nicht ganz einfach:

Das irgendwie romantische Bild der Lachse bekommt aber einen ziemlichen Dämpfer, wenn man sich die Lachse kurz vor ihrem Ziel ansieht, den Laichgründen auf den zumeist höher gelegenen Kieselsteinbetten der Flüsse.

Die anstrengende Reise hat Spuren hinterlassen, die Fische wirken ziemlich ramponiert. Außerdem hat die Natur für die pazifischen Lachse (anders als die atlantischen) vorgesehen, dass sie diese Reise nur einmal antreten. Sobald sie das Salzwasser verlassen und die Flüsse hinaufziehen, hören sie auf zu fressen. Ihr Körper verändert sich massiv, wechselt die Farbe. Die vormals silbrigen Fische bekommen teils grünliche Köpfe und teils leuchtend rote oder Flanken (Sockeye und Coho), werden oliv (King/Chinook und Chum/Keta) oder stumpf grau mit cremefarbenem Bauch (Pink Salmon/Humpy). Der Kopf verändert die Form, das Maul bekommt einen verbogenen Oberkiefer mit Überbiss und herausstehenden Zähnen. Die Humpy-Männchen entwickeln zudem den namensgebenden auffälligen Buckel. Selbst die Schuppen werden zurückgebildet und weichen einer eher ledrigen Haut, der Lachs verzehrt sich buchstäblich selbst. Und nach Eiablage bzw. Besamung stirbt er. Alles in allem sehen die Lachse aus der Nähe betrachtet in diesem letzten Abschnitt ihres Lebens schon ein bisschen wie Fisch-Zombies aus:

Hier ein kurzes Video dazu, aufgenommen mit der GoPro in einem Bach direkt an unserem Hafen. Gefangen werden die Lachse in diesem Stadium nicht mehr (außer von den Bären), Geschmack und Textur des Fleisches haben sich nämlich auch verändert. Die leckeren Lachsfilets stammen also nicht von den “Zombies”.

😉

Regentag in Meyer‘s Chuck

Der Durchzug einer Front ist angekündigt, deshalb suchen wir Schutz im Naturhafen Meyer‘s Chuck. Wir haben Glück, am (kostenlosen) Floating Dock, zugleich Anlegepunkt für das Post-Wasserflugzeug, dass den abgelegenen Ort regelmäßig einmal pro Woche anfliegt, ist noch reichlich Platz frei. Ankern wäre auch möglich, aber bei dem vorhergesagten Wind von bis zu 40 kn ziehen wir den Platz am Schwimmsteg vor.

Tatsächlich bekommen wir dann von dem Wind nicht allzu viel mit und nur wenig Schwell findet den Weg in die Bucht. Der Regen allerdings ist wie angekündigt ziemlich kräftig. Das hält uns aber nicht davon ab, die Trails um die wenigen Häuser des kleinen Ortes zu erkunden.

Besonders beeindruckt uns das angeschwemmte Treibholz am westlich des Ortes gelegenen felsigen Strand.

Schön als natürliche Skulptur …

… aber leider auch gewaltig.

Wir hatten schon gehört, dass hier im Süden Alaskas und auch im kanadischen British Columbia mehr „Driftwood“ unterwegs ist und dass wird uns hier eindrücklich vor Augen geführt.

Da müssen wir künftig ganz sicher intensiv drauf achten.

Wrangell

Schon wieder ein Ort, groß für hiesige Verhältnisse mit 2.500 Einwohnern. Und doch so ganz anders als das skandinavisch anmutende Petersburg.

Wrangell präsentiert sich eher klassisch amerikanisch, insbesondere auf seiner Main Street, die hier Front Street heißt:

Scheint sehr übersichtlich, bietet dann aber auch versteckte Ecken zum besonderen Genießen:

Überhaupt: auch andere Sehenswürdigkeiten liegen ein bisschen verborgen. So findet sich etwas nördlich außerhalb des Ortes gelegen der Petroglyph Beach. Auf unserer Wanderung dorthin statten wir auch dem auf einer kleinen Insel im Ortskern gelegenen Chief Shakes Longhouse einen Besuch ab. Die 1940 gebaute und 2013 restaurierte Replika des sich ursprünglich an gleicher Stelle befindlichen Clan-Longhouses beinhaltet Tlingit Kunst. Leider können wir es nur von außen besichtigen, obwohl wir eigentlich während der ausgeschriebenen Öffnungszeit da sind. Das Saisonende ist offensichtlich. Immerhin können wir einige auf dem Gelände gelagerte Totempfähle anschauen, in überdachten Unterständen vor dem weiteren (natürlichen) Verfall geschützt.

Das massive große Holzhaus steht in Widerspruch zu der in Europa verbreitete Vorstellung, die Ureinwohner Amerikas hätten alle in Zelten oder Tipis gelebt. Tatsächlich trafen schon die ersten russischen und westlichen Eroberer hier die Tlingit in am Ufer gebauten Siedlungen aus Holzhäusern an. Gebaut allerdings im wahrsten Wort-Sinne in der Steinzeit, denn Metallwerkzeuge waren den Tlingit bis dahin nicht bekannt (eine Parallele zu den Polynesiern). Metallwerkzeuge und Nägel waren deshalb auch die begehrtesten Tauschgegenstände für die Felle der heimischen Tierwelt (allen voran Seeotter).

Steinzeit dann auch am Petroglyph Beach: Petroglyphen sind in Stein gearbeitete Felsbilder aus prähistorischer Zeit, also aus einer Zeit, aus der keine schriftlichen Überlieferungen vorliegen, was regional somit ziemlich unterschiedlich definiert ist.

Das genaue Alter der hiesigen Artefakte ist nicht bekannt und lässt sich auch nur schwer bestimmen, da sie in der Gezeitenzone liegend nicht anhand klassischer Ablagerungen (wie etwa den Resten von Flechtenbewuchs) eingeordnet werden können. Die unterschiedlich starken Verwitterungen lassen aber auf die Entstehung über verschiedene Perioden schließen.

Auch heute noch liegen die rund 40 Originale verstreut am Strand zumeist in der Spülzone der Tide und sind frei zugänglich. Wobei “Strand” vielleicht eine falsche Vorstellung weckt:

Hierzu noch einmal ein Orca-Detail von den Totems:

Zum Anfassen sind auf einer Plattform über dem Strand zudem erläuterte Modelle ausgestellt.

Einmal umgedreht und vom Strand in die bewaldeten Berge: am Ortsrand führt ein Pfad mit vielen Stufen steil den Hausberg hinauf.

Schon John Muir (der “Vater der amerikanischen Nationalparks” und Autor der wunderbaren “Wilderness Essays”) bestieg diesen Berg 1879 auf seiner Alaskareise. Im Regen, er musste unterwegs zum Aufwärmen ein Lagerfeuer machen. Wir haben mehr Glück mit dem Wetter, können auf dem damals natürlich auch noch nicht vorhandenen Bohlen-Weg bequem entlang der Steilhänge durch den wunderschönen Wald hoch zum Aussichtspunkt weit oberhalb von Hafen und Ort.

Jetzt warten wir noch den Durchzug einer Front ab, heute bei reichlich Regen gemütlich im Boot, und dann gehts weiter Richtung Süden. Die Saison hier neigt sich spürbar ihrem Ende entgegen, die Tiefdruckgebiete kommen in schnellerer Frequenz und werden heftiger, die Wetterfenster für Passagen über offene Strecken kleiner. Aber den Großteil der Strecken können wir auf der geschützteren Inside Passage durchführen, sowohl hier in Alaska als auch dann im weiteren Verlauf im kanadischen British Columbia.

Aber ein bisschen Alaska bleibt uns ja noch 😊

Juneau, Alaskas Hauptstadt

Anna, eine unserer Gastgeberinnen in der Crab Bay, stammt aus Juneau. Ihr ambivalentes Verhältnis zu Alaska und ihrer Heimatstadt hat sie uns gegenüber so beschrieben: „For 18 years I tried hard to get out of Alaska and than another 18 years to get back!” damit steht sie nicht allein. Die kleinstädtische Enge der gut 30.000 Einwohner zählenden Hauptstadt Alaskas und noch mehr der sie umgebenden Fischerdörfer, die Abgeschiedenheit vom Rest der Welt wird wohl von vielen (insbesondere von Jugendlichen) eher als Bürde denn als Privileg empfunden. Und doch, die enge soziale Verbundenheit und die phantastische Natur fehlen umgekehrt in der Anonymität ferner Großstädte.

Sehr schön beschreibt das eine Freundin von Anna, die Musikerin Erin Heist, in ihrer Musik. Etwa im Song “Out of town” (Album: From the land of rusted dreams) mit der Textzeile “Ain’t no boat to take, ain’t no road for free, I gotta get out of town.” Kommt sofort auf unsere Reise-Playlist.

Aber warum eigentlich gibt es keine Straße nach Juneau? Na klar, Alaska ist abgelegen. Trotzdem haben die Amerikaner im zweiten Weltkrieg in nur zwei Jahren mit Genehmigung der Kanadier einen Highway quer durch Kanada gebaut, um die bisher abgelegenen Flugplätze und Orte, insbesondere Anchorage, zu erreichen. Die Hauptstadt Juneau wurde trotzdem nicht an das Straßennetz angeschlossen. Der Grund wird auf diesem Schaubild im Alaska State Museum deutlich:

Das Juneau Icefield, eine riesige, 3.900 Quadratkilometer messende zusammenhängende Fläche von Gletschern, zieht sich im Osten Juneaus auf der Grenze zwischen Kanada und Alaska entlang.

Teile dieser Eisfläche sehen wir schon bei der Anfahrt auf Juneau. Der Mendenhall Gletscher, quasi der Hausgletscher der Stadt, begrüßt uns mit leuchtendem Hellblau bereits aus der Ferne und bevor wir die Häuser der Stadt ausmachen können.

Aber selbst für uns präsentiert sich Juneau zwiespältig. Zum einen ist da der sehr geschützte Hafen und die pittoreske Lage unmittelbar vor den hohen Bergen.

Andererseits ist das alte Stadtzentrum schon ausgesprochen touristisch geprägt. Überteuert, mit vielen Schmuck und Souvenirshops. Kein Wunder bei den im Verhältnis zur Bevölkerungszahl überwältigenden Zahl der großen Kreuzfahrtschiffe und ihrer Passagiere.

Schlangen vor dem Imbissbuden am Hafen, wo man für nur 20 US$ lokales Fastfood erstehen kann, Wartezeiten von einer Dreiviertelstunde im Food-Truck-Dorf, wo es das Ganze bei schönerer Kulisse etwas teurer gibt. Geschiebe in den Läden um die Franklin Street, wo dann z.B. original Bärenzähne zu kaufen sind.

Wandbild in der Innenstadt

Toll aber das innenstadtnah gelegene Alaska State Museum.

Kajak einschließlich Jagdgerätschaften sehr anschaulich erläutert
Sonnen- bzw. Schneebrillen
Verzierte Heilbutt-Angelhaken

Die verschiedenen Nationen der in Alaska lebenden Ureinwohner, ihre besonderen Kulturen und Jagdtechniken, Alltags- und Kunstgegenstände werden ebenso dargestellt wie die Kolonialisierungsgeschichte mit russischer und US-amerikanischer Station und der industriellen Fischerei.

Die Natur Alaskas wird zwar behandelt, kommt aber vielleicht ein bisschen kurz. Wir kompensieren das am nächsten Tag durch einen ausgesprochen langen Hike vor den Toren der Stadt. Mit dem Bus gelangen wir zum Startpunkt in der Nähe des Mendenhall Gletschers. Das Bussystem funktioniert gut, jede Fahrt kostet (unabhängig von der Fahrtstrecke) 2 $, von unserem Hafen in der nördlich gelegenen Auke Bay aus sind so große Supermärkte und auch das Stadtzentrum gut erreichbar. Der Hike beginnt einfach durch eher flaches Regenwald-Gebiet ein bisschen abseits der Straße.

Aber dann wählen wir den „East Glacier Loop Trail“, der abseits des von von den Kreuzfahrtbussen angefahrenen Besucherzentrums durch die Berge oberhalb des am Ufer des Gletschersees entlang führenden gut ausgebauten Fußweges zu den imposanten Nugget Falls führt.

Unser Wanderweg ist da einsamer. Wir begegnen auf dem mehrere Stunden dauernden Weg nur ein paar Handvoll andere Wanderer.

Mal mit gut ausgebauten Stufen oder Treppen …
… mal rustikaler …
aber immer mit beeindruckender Natur.

Am Ende schließt dann wieder ein flacheres Stück durch moorige Seenlandschaft an.

Hier treffen wir auf Mary, die gerade „High Bush Cranberries“ pflückt, nicht Huckleberries (Johannisbeeren) , wie wir fälschlich annehmen. Die Biologin ist vor über 30 Jahren nach Alaska gekommen und hier geblieben. Sie erklärt uns anschaulich, wie wir die Sitka Spruce (piksig, gerade Spitze) von der Hemlock-Tanne (weiche, flache Nadeln, gebogene Hexenhut-Spitze) unterscheiden können. Unsere bisherigen Versuche über die Borke („Potato Chips bzw. Bacon“) waren nicht so recht eindeutig. Während wir uns unterhalten, fliegt eine große blaue Libelle zu uns und lässt sich abwechseln auf jedem von uns nieder. Von Wiebkes Rücken kann ich sie auf meinen Finger locken und an Mary weiterreichen. Ungewöhnlich, aber sehr schön.

Mary berichtet uns, dass über diese blauschwarzen Libellen gesagt wird, sie würden die Lippen von schlechte Dinge sagenden Menschen zusammennähen. 😜

Und noch eine andere tierische Begegnung haben wir auf dieser Wanderung: erstmals sehen wir Lachse in ihrer Laichfärbung ein stark strömendes Bachbett hinaufwandern. Für den Rotlachs (Sockeye) hat die Saison begonnen, sein dunkelblauer Rücken und die silbrigen Seiten haben sich leuchtend rot verfärbt, der Kopf grünlich. Das Maul macht eine Formveränderung durch, wird deutlich länger und bekommt in Ober- und Unterkiefer einen Haken. Die laichfähigen Tiere in diesem Stadium fressen nicht mehr, sondern kämpfen sich die Bäche hoch zu ihrem Geburtsort, laichen und sterben dann.

Jetzt beginnt die Festmahlzeit für die Bären. Wir sind gespannt, ob wir das noch zu sehen bekommen.

Zurück am Hafen treffen wir auf die gerade angekommenen Crews der Pitou und der (ebenfalls holländischen) Fidelis. Spontan drehen wir nochmal um und begleiten die anderen zur örtlichen Brauerei oberhalb der Marina.

Die Kombination aus großem Wagen und Nordstern ziert die Flagge Alaskas

Ach ja, der tägliche Seeadler. Heute mal „Marina-Style“. Hoffentlich verzeiht der B&G-Windmesser im Masttop des Nachbarbootes die funktionsfremde Nutzung.

Heute haben wir übrigens Ruhetag, die 13 km von gestern stecken uns noch in den Beinen. Passt aber, um es mit einem anderen Alaska-Song von Erin Heist auszudrücken: „Another rainy day“. Wir verwöhnen uns mit Selbstgebackenem: Apfel-Pekanuss-Kuchen und Hafer-Cashew-Karamell-Keksen.

😁

Was das Reisen ausmacht …

… sind vor allem anderen die Begegnungen.

Wir fahren bei mäßigem Wetter von Hoonah aus die Icy Strait hinauf und ein kleines Stück den Lynn Canal (der große Verbindungsfjord, der nach Skagway hinauf führt). Dann biegen wir aber gleich wieder ab in die Funter Bay.

Ein schöner, unspektakulärer Ankerplatz. Nicht völlig einsam, im Süden der Funter Bay ist vor den langsam verfallenden Ruinen der alten Fischkonsenvenfabrik ein öffentlicher Ponton verankert, an dem man kostenlos festmachen darf. So etwas gibt es hier häufiger mal. Wir entscheiden uns aber für den nordöstlichen Arm, die Crab Cove. Im Scheitel der Bucht stehen mehrere Häuser am Waldrand. Ein deutlich kleinerer Ponton ist außerhalb der trockenfallenden Zone verankert, er scheint privat zu sein, ein Aluboot mit Außenborder ist offenbar schon länger daran festgemacht. Wir ankern noch einmal um, nachdem wir unseren Schwoikreis kontrolliert haben. Bei gut 4 m Tidenhub kämen wir bei Ebbe doch sehr nah an den Flachwasserbereich, etwas mehr Abstand sorgt für besseren Schlaf. Ein paar Bojen von Krebsfallen sprenkeln die Wasseroberfläche, kein Wunder beim Namen der Bucht. Vielleicht haben wir hier ja mal Erfolg beim “Crabbing”, also bringen wir gleich unseren Krebskorb aus.

Am nächsten Morgen wundern wir uns über eine kleine Versammlung auf dem Ponton. 6 Leute stehen im Regen und unterhalten sich. Beim ersten flüchtigen Hinsehen halte ich sie für Fischer. Als ich nach dem Kaffee aus dem Fenster sehe, kommt gerade eine Frau mit einem Hund im Kajak dazu. Hm, doch keine Fischer. Drei Männer und drei Frauen stehen auf dem kleinen Floß, außerdem können wir jetzt auch Gepäckstücke erkennen.

Wir fragen doch mal nach, ob sie ein Shuttle brauchen, ich fahre mit dem Dinghy rüber und werde sehr freudig empfangen. Sie wollen zum Haus und der Cabin von Joan (der Frau mit dem Hund). Das Taxiboot aus Juneau konnte bei dem niedrigen Wasserstand nicht nahe genug an den Strand fahren und das Boot von Joan liegt noch für ein paar Stunden hoch und trocken. Also bringe ich sie mit ein paar Fuhren hinüber. Joan nimmt mir das Versprechen ab, dass wir auf jeden Fall noch vorbeikommen müssen.

Wiebke und ich frühstücken gemütlich und fahren dann beide hinüber. Kurz, wie wir denken, eigentlich wollen wir ja gleich Anker auf gehen. Aber es kommt anders. Das Haus ist super gemütlich. Wir bekommen eine Tasse Tee mit Blick auf unser Schiff und schnacken uns gleich fest.

Es ist nur mit dem Boot oder per Wasserflugzeug erreichbar, eine Straße führt nicht einmal in die Nähe. Stromanschluss gibts ebenfalls nicht, Solarpanels und ein Dieselgenerator versorgen die 12-Volt-Batterien, wie auf unserem Boot. Wasser wird aus dem oberhalb des Hauses angestauten Bach gezapft und von da per Fallrohr zum Haus geleitet. Gasflaschen, Diesel, Lebensmittel, das muss alles per Boot mitgebracht werden.

Als die Flut das Boot von Joan wieder flott gemacht hat, holen wir das Gepäck, Wiebke shuttelt die Koffer und Lebensmittel mit Joans Quad.

Dann wollen die Jungs aus Texas fischen gehen. Sie haben Angelruten und Krebskörbe mitgebracht, Greg macht auch mir gleich eine Angel fertig und erklärt, wie das Setup für Heilbuttfischen am besten funktioniert. Als Köder befestigt er mitgebrachte Heringe auf den Doppelhaken hinter dem Gewicht. Zwischen den vorgelagerten Inselchen lassen wir das Boot langsam driften, die Köder knapp über dem Grund werden durch Auf- und Abwippen mit der Angel immer wieder in die Höhe gezogen und heruntergelassen. Jig-Fischen (oder Pilken beim Dorschfischen in der Ostsee, danke an Michael von der Samai für den Hinweis).

Erfolgreich. Nach weniger als 5 Minuten habe ich den schönen Heilbutt im Boot. Auch die anderen haben Angelglück, innerhalb einer halben Stunde fangen wir vier Heilbutte (die Schollen und Rockfische gehen gleich wieder ins Wasser zurück).

Das wird ein Festessen, zumal wir aus Joans Krebsfallen auch noch fünf fette Dungeness-Krebse holen (unsere ist natürlich leer, war aber auch nicht so lange drin).

Die Krebse werden gekocht, die Heilbuttfilets zünftig über auf einem Bett aus Skunk-Cabbage-Blättern auf Zwiebeln und Knoblauch gegrillt.

Es wird ein wunderschöner, sehr langer Abend mit tollen Gesprächen. Danke an Joan, an Anna und Greg, Jennifer und Alex, Lissette und Pedro für Eure Gastfreundschaft.

Buckelwale, Zauberwald in Bartlett Cove und über die Icy Strait hinüber nach Hoonah

Bevor wir die Glacier Bay verlassen ankern wir noch einmal in der Bartlett Cove.

Mehrere Buckelwale haben sich diese mit rund 40 m und im Ankerbereich nur 17 m vergleichsweise flache Bucht als ihren heutigen Mittagstisch ausgesucht. Sie ziehen ihre Runden zumeist im Uferbereich und so können wir sie von Bord der Flora bei der gemächlichen Jagd beobachten. Dazu ausnahmsweise mal ein kurzes Video:

Wir beschließen, dass wir dann ja vielleicht drüben in der Lodge essen gehen könnten (klappt nicht, nur für Übernachtungsgäste). Macht aber nichts, dann können wir jedenfalls noch einen Spaziergang auf dem ausgeschilderten ”Forest Trail” unternehmen. Der wiederum entpuppt sich als Glücksgriff.

Unser Pflanzenführer “Plants of the Pacific Northwest Coast” enthält nur 20 Seiten über Bäume (genau so viele wie zu den Flechten), aber mehr als doppelt so viele Seiten zu Moos. Tatsächlich erkennen wir nur Sitka-Tanne, Hemlock-Tanne und Roterle, aber die verschiedenen Moose verwandeln diesen “Temperate Rainforest” in einen Zauberwald wie aus dem Märchen entsprungen. Am Eingang warnt ein Schild, wir müssen uns vor Elchen und Bären in Acht nehmen, aber auftauchende Elfen, Trolle oder Zwerge würden uns wahrscheinlich kaum mehr überraschen.

Der Wald ist zwar “Urwald”, wird hier also nicht bewirtschaftet, aber besonders alt ist er nicht. Vor 250 Jahren bedeckte Gletschereis diesen Bereich, das sich in der “Kleinen Eiszeit” bis etwa im Jahr 1750 schnell hierher ausgebreitet hatte. Die damals hier lebenden verschiedenen Clans der Tlingit wurden von dem vorrückenden Eis vertrieben und siedelten sich 1754 außerhalb der Glacier Bay in einem gegenüber liegenden Arm der Icy Strait an. Der Ort Hoonah (ursprünglich Xunijaa = geschützt vor dem Nordwind) ist heute mit 800 Einwohner die größte Gemeinde der Tlingit.

Und die ist unser nächstes Ziel. Auf dem Weg dorthin begrüßen uns an der Einfahrt zur Bucht Port Frederic schon mal Stellersche Seelöwen (benannt nach Georg Wilhelm Steller, der als Arzt und Wissenschaftler in russischen Diensten 1741 mit Kapitän Vitus Bering Alaska erreichte (und anders als Bering von dieser Reise auch nach Russland zurückkam).

Dass Hoonah durch einen Großbrand in den 1940er Jahren fast vollständig abgebrannt ist und mit zum Teil heute noch genutzten Not- oder Weltkriegs-Häusern vor dem Auseinanderbrechen der Gemeinde gerettet wurde zeigt sich auch heute noch im Ortsbild. Ebenso sichtbar ist aber das aktive Fördern von Klingit-Traditionen. So wird die Sprache in allen Schulformen unterrichtet und die typischen Totem-Schnitzereien und Bilder prägen ebenso das Ortsbild.

Vor allem aber ist die aktive Fischerei offensichtlich das Hauptgewerbe in und um Hoonah.

Unsere eigenen Angelkünste dagegen …

Naja. Aber in Hoonah treffen wir Michelle und Tom von der SY Paraiso, verbringen einen schönen gemeinsamen Abend auf der Flora und bekommen dabei viele Tips zum Revier und auch zum Fischen hier.

😁

Pelican, Alaska

Von der wunderschönen Wasserfall-Bucht Porcupine lösen wir uns im zweiten Versuch dann doch. Die Seegangsverhältnisse draußen sind jetzt deutlich besser, die Sicht ist es nicht. Wir fahren durch die tiefhängende Wolke.

Nachdem wir uns durch das Labyrinth der Felsen hinein getastet haben, führt das in dem jetzt völlig glatten Wasser der Lisianski Strait zu einer regelrecht mystischen Stimmung.

Nach fast 10 sm, kurz bevor die Lisianski Strait auf den Lisianski Inlet trifft, gibt es “irgendwo im nirgendwo” einen massiven Schwimmsteg, an dem wir die Flora festmachen.

An Land gibt es eine Schutzhütte, Bohemia Shelter. An drei Seiten geschlossen, zum Wasser hin kann eine Plane als Regenschutz heruntergelassen werden. Drinnen Pritschen aus Holz, ein Ofen und Brennholz, natürlich auch eine Axt zum Spalten.

Von der Hütte aus soll es einen Trail in den Wald geben.

Wir suchen erst vergebens, finden dann aber doch einen Trampelpfad, der die Wahl der Gummistiefel als Schuhwerk mal wieder bestätigt. Bärenspray am Gürtel natürlich auch dabei.

Was die Marschverpflegung angeht, machen sich Himbeeren und Lachsbeeren diesmal rar, dafür finden wir aber Mengen von Blaubeeren. Pilze auch (auch größere als diese niedlich kleinen), aber die lassen wir stehen, damit kennen wir uns schlicht nicht genügend aus. Aber echte Pilzsammler hätten hier sicher ihre Freude.

Der Pfad endet an einem Fluss, jedenfalls für uns. Die Regenfälle machen ein Durchwaten derzeit nicht möglich, mindestens mal heute ist hier Feierabend. Wir wandern zurück zur Flora und motoren das letzte Stück durch den Fjord bis nach Pelican. Schneefelder finden sich links und rechts auf den hohen Bergen, Wasserfälle rauschen herunter. Dann taucht eine Stadt am Ostufer auf: Pelican.

Da wollen wir hin. “Stadt” ist zwar zutreffend, seit 1974 ist Pelican Alaskas kleinste “first class city”, aber bei nur 60 festen Einwohnern doch irgendwie auch etwas irreführend.

Es gibt eine “Hauptstraße”, den Boardwalk über dem Ufer des Fjords. Auf Stelzen gebaut und aus Holzbohlen. Die meisten Holzhäuser reihen sich bergseitig daran, einige Stelzenhäuser auch fjordseitig.

Eine Anbindung an ein Straßennetz gibt es nicht, aber das ist hier keine Besonderheit. Auch Sitka und selbst die Hauptstadt Alaskas, das 15.000-Einwohner-Städtchen Juneau, sind schließlich nicht an ein Straßennetz angebunden. Außer natürlich über den “maritime highway”, aka das Fährschiff. Die größte Stadt Alaskas, das weiter nördlich gelegene Anchorage, ist dagegen über das kanadische Straßennetz mit dem Auto erreichbar.

Der Boardwalk endet im “Stadtteil Tidal Flats”. Ziemlich deskriptiver Name.

Zurück zum Hafen.

Bleibt noch die Frage, wie der Ort zu seinem für Alaska ja doch eher ungewöhnlichen Namen gekommen ist. So ein Vogel bemoost hier ja doch recht schnell. Der Fischer Kalle “Charlie” Kaatainen (ob der wohl Finnischer Abstammung war?) gründete ihn 1938 und benannte ihn nach seinem Boot. 😁

Was man in Alaska braucht, Teil II 😉

Neben dem Bärenspray gibt es noch ein Accessoire, ohne das hier in Alaska kaum jemand unterwegs zu sein scheint. Um nicht sofort als Touristen erkannt zu werden, mussten wir es uns UNBEDINGT sofort anschaffen: Gummistiefel! Aber nicht etwa irgendwelche. Braun müssen sie offenbar sein, mit beigefarbener Sohlenkante. Xtra Tuf. Abgesehen davon sind alle Varianten erlaubt: kurz, halblang oder hoch geschnitten, gefüttert oder einfach, mit eingearbeiteter Stahlkappe als Arbeitsschuh, Neopreneinsatz oder buntem Innendruck, der beim Umkrempeln zu sehen ist. Bootsausrüster, Angelladen oder Schuhgeschäft, jeder führt sie. Wie auf unserer bisherigen Reise vom Dinghy aus barfuß auf den Strand oder ins knietiefe Wasser zu springen dürfte sich hier in Alaska wohl verbieten und unsere kurzen Seestiefel sind da auch nicht die erste Wahl, insofern fällt die Kaufentscheidung leicht.

Wie weit dieser Stiefel verbreitet, wie eng er mit Alaska verbunden ist, das zeigt sich zum Beispiel auch an den immer noch verbreiteten COVID-Abstandsanzeigern auf dem Fußboden etwa an der Museumskasse oder in der Brauereikneipe und Pizzeria:

Als wir mit Liselotte und Machiel in der von außen ziemlich unscheinbaren „Pioneer Bar“ auf ein Bier einkehren, finden wir den Tresen fast durchgängig von Leuten mit eben dieser Fußbekleidung besetzt. Mit John kommen wir gleich ins Gespräch, na klar, das muss so, ist Arbeitsbekleidung, jetzt nach der Arbeit ist der Stiefelschaft umgekrempelt, so geht es sich leichter. John ist Langleinenfischer mit eigenem Boot, macht den Job seit 23 Jahren, die Hälfte seines Lebens. Er erzählt uns viel über die Fischerei hier, die verschiedenen Fangmethoden, den unterschiedlich ausgerüsteten Fangschiffen, mit deren Bildern die Wände der Bar dicht an dicht bedeckt sind.

Er liebt seinen Beruf, die Landschaft, die Natur. Nur auf die Pottwale ist er nicht gut zu sprechen, sie klauen ihm die Fische von seinen Leinen. Er kann das auf dem Fischfinder-Echolot verfolgen, aber machen kann er nichts dagegen. Wenn die Pottwale kommen, kann er den gefangenen Heilbutt und Black Cod (Kohlenfisch) gleich wieder abschreiben.

Bei unserer heutigen Wanderung auf dem „Sitka Cross Trail“ kommen unsere neuen Gummistiefel dann auch gleich zum Einsatz und bewähren sich mit ihrem Fußbett und der festen Sohle richtig gut. Dazu passend trägt der Wanderer in Alaska heute Ölzeug, der nordische Regenwald hält, was der Name verspricht. Da sieht sogar der tägliche Weißkopfseeadler ziemlich bedröppelt aus:

Der Wald aber ist wieder einmal beeindruckend. Unser Wanderweg führt parallel zum Ort ein bisschen hügelauf und hügelab, ohne sich in größere Höhen zu winden. Das ist gut so, denn gleich über uns hängen die Wolken so dicht, dass es sonst eine Nebelwanderung würde.

So aber können wir bei leichtem Tröpfeln neben dem intensiven Waldgeruch auch die Schönheit des bemoosten Urwalds bewundern und sogar ein paar herrliche Ausblicke genießen.

An vielen Stellen ist der Weg von Himbeer- und Lachsbeerbüschen gesäumt und so wird es eine ziemlich langsame Schlemmerwanderung. Lachsbeeren (Salmonberry) sind eng mit den Himbeeren verwandt, aber farblich variantenreicher von Gelb über Orange bis Rot, etwas größer und wasserreicher, schmecken auch etwas anders. Wir finden sie lecker.

Sie sind an der ganzen Westküste von Südalaska bis Kalifornien verbreitet, ihren Namen haben sie übrigens davon, dass die Ureinwohner sie gerne mit Lachs essen.

Müssen wir dringend mal ausprobieren.