Auch das ist BC

Bei zunächst noch weiter wechselhaftem Wetter erkunden wir mit dem Briggs Inlet einen weiteren Fjord. Fast 1.000 m hoch steigen die felsigen Wände vom Wasser auf, die Bergspitzen sind von Wolken umhüllt. Und es ist erstaunlich zu sehen, wie sich der Nadelwald in die steilen Hänge krallt.

Die Briggs Inlet Narrows nehmen wir bei Stillwasser, ein Stück dahinter liegt unser Tagesziel, Emily Bay.

Ausgesucht haben wir uns diesen Ankerplatz, weil hier laut Törnführer ein Hiking-Trail zum nahe gelegenen Süßwassersee Emily Lake lockt. Eine etwas abenteuerliche Brücke führt über das Flüsschen, dass vom See herunter in die Bucht rauscht. Wir können mehrere Wasserfälle hören, aber der Pfad verläuft in einiger Entfernung. Sehen können wir sie nur mit der Drohne, einen direkten Blick verhindert das dichte Unterholz. Das hat aber auch seine Vorteile, denn zum ersten Mal in diesem Jahr pflücken wir wilde Himbeeren, Salmonberries und auch Waldblaubeeren. Lecker!

Drohnenblick über den See hinunter zur Bucht

Dann aber wenden wir Floras Bug wirklich Richtung Süden. Zuerst einmal treffen wir uns mit Melanie und Chris in Shearwater zum Feiern: der erste Juli ist „Canada Day“, nationaler Geburtstag oder eben Nationalfeiertag. Entsprechend sollen wir uns möglichst in Weiß und Rot kleiden.

Spaßig, dass wir dazu im improvisierten „Biergarten“ deutsches Bier bekommen.

Für mich gibts noch eine sehr ausgiebige Schnorchelsession (im Neoprenanzug, trotz gut 18 Grad Wassertemperatur jedenfalls an der Oberfläche), bei der ich Floras Bewuchs zu Leibe rücke. Insbesondere das grasähnliche Zeug nahe der Wasserlinie scheint gegen Coppercoat immun zu sein. Außerdem hat sich im Spalt vor dem Ruder ein Miesmuschel-Riff gebildet, dass die Taucherin in Campbell River wohl auch nicht angegangen war.

Gemeinsam mit der SolarCoaster geht es dann weiter Richtung Süden. Unterwegs legen wir an einer viel versprechenden Stelle (20 Meter Plateau mit rundherum deutlich tieferen Wasser) einen Angelstop ein. Erst ein kleiner Rockfisch, den wir zurück setzen, dann ein deutlich kräftigerer Biss. Die Hoffnung auf einen Heilbutt keimt auf, aber – das hatten wir noch nie – es ist ein ziemlich großer Tintenfisch am Haken. Natürlich wäre der essbar und ein ziemlich guter Fang, aber einen Octopus könnte ich einfach nicht töten.

Wir manövrieren ihn zur Badeplattform und ich operiere ihm den Haken heraus. Zum Glück spritzt er mich nicht mit Tinte voll, sondern bleibt ganz ruhig und verschwindet dann wieder in der Tiefe. Und auch für uns gehts erst einmal weiter.

(Foto Credit: Chris & Melanie)

Unseren nächsten Zwischenstop legen wir dann gemeinsam mit der SolarCoaster bei der Mc Mullin Inselgruppe ein. Dicht gesprenkelt liegen hier am Südausgang der Raymond Passage kleine Felseninseln in einem Flachwassergebiet, wie ein Wellenbrecher noch vor den anderen Inseln. Der einzige einigermaßen vernünftige Ankerplatz hat eine felsige Grundbeschaffenheit, definitiv nichts für die Nacht, aber bei dem jetzt ruhigen Wetter für einen Tagesstop durchaus geeignet.

Mit dem Dinghy erkunden wir die flachen, kelpdurchsetzten Gewässer und legen dann mitten in der felsigen Inselgruppe an einem unerwarteten Sandstrand an. Auf einmal haben wir karibische Wasserfarben hier in BC oder ist das ein Vorgeschmack auf die Südsee?

Für die Nacht ankern wir dann bei den etwas größeren Goose Islands. Ein bisschen geschützter, obwohl der Schwell dann doch einen Weg um die Inseln herum findet. Und wieder etwas typischer für BC hinsichtlich der Wasserfarben und der Uferbeschaffenheit:

Diese Bilder von den kelpbesetzten Felsen bei Ebbe sind denn leider auch die letzten aus meiner Mavic Zoom Drohne, die nach einem kapitalen Schnitzer des Bedieners (also mir) bei absolut ruhigen Bedingungen am Ankerplatz ein nasses Grab gefunden hat. Schnief.

Bella Bella und umzu.

Auf der Fahrt nach Bella Bella machen wir noch in der Strom Cove Station. Der Ankerplatz liegt nahe am breiten Seaforth Channel. Zweimal sind wir hier schon vorbei gesegelt, diesmal bleiben wir über Nacht. Wir verziehen uns in die hintere Ecke. Dort liegen wir gut geschützt und mit Blick auf mehrere kleine Wiesen am Waldrand. Solche Ankerplätze haben den Vorteil, dass wir dort oft Wildleben beobachten können. Hier sind es diesmal zwar keine Bären oder Hirsche, dafür zeigen sich zwei Kanada-Kraniche und starten dann mit durchdringenden und so charakteristischen Schreien genau in unsere Richtung.

Und auch auf der Weiterfahrt am nächsten Morgen dauert es nicht lange bis zum ersten Stop. Gleich vor der Bucht liegt im sonst meist über hundert Meter tiefen Seaforth Channel eine Flachstelle. Wir lassen Flora treiben und angeln auf etwa 25 m. Unfassbar, zwei mal werfen wir die Angel aus, beide Male ist ein Kelp-Greenling dran, sobald wir die Leine vom Grund wieder ein bisschen aufgeholt haben.

Dann kann’s ja jetzt in den Hafen gehen. Am Leuchtturm Dryad Point motoren wir vorbei, ein weiteres Beispiel für die selbst an ganz abgelegenen Orten mit Leuchtturmwärtern besetzten, wunderbar in Schuss gehaltenen Leuchttürme hier in BC.

Im kleinen Resort-Hafen Shearwater tanken wir Diesel, waschen in der Hafen-Münzwäscherei unsere Wäsche, kaufen im überschaubaren Supermarkt schon etwas ein. Aber dann nehmen wir doch das Wassertaxi hinüber nach Bella Bella. Nördlich von Port Hardy gibt es in der Küstenregion auf den nächsten etwa 400 Kilometern (Luftlinie) bis Prince Rupert nur ganz wenige kleine Ortschaften. Sieht man von Bella Coola ab, das etwa 100 km den Fjord hinauf auf dem Festland von BC liegt und als einziger der kleinen Orte Straßenanbindung hat, bleiben nennenswert eigentlich nur Hartley Bay (knapp 200 Einwohner), Klemtu (etwa 500 Einwohner) und eben Bella Bella mit etwa 1.000 Einwohnern.

Der Empfang dort ist allerdings wenig herzlich.

Das Schild ist zwar nicht mehr gültig, aber offenbar hat es niemand für nötig befunden, es von der Anlegebrücke des Taxibootes zu entfernen. Und der Ort selbst wirkt dann auch trotz einiger Totems, eines bemalten Langhauses (mit Schild “closed”) und einiger weniger kleiner Läden nicht wirklich wie das “buzzing center”, als das es der Törnführer beschreibt. Immerhin, der Supermarkt in diesem “Hauptort” ist ordentlich sortiert, wir freuen uns, unsere Frische-Vorräte aufstocken zu können.

Sogar Rhabarber bekommen wir, daraus zaubert mir Wiebke Rhabarber-Baiser-Kuchen. 😋

Zurück nach Shearwater brauchen wir nicht mit dem Taxi-Boot zu fahren, Irene und Cress nehmen uns auf ihrer ChitChat mit. Die beiden sind Bekannte von unseren Segelfreunden Melanie und Chris (die ja noch etwas länger auf Haida Gwaii geblieben sind). Eileen und Cris holen uns später auch noch zum Sundowner auf der “Go Halainn” von Sharon und Blair ab, es wird ein netter Abend. Der Gegenbesuch am nächsten Morgen auf der Flora führt dann dazu, dass ich doch tatsächlich ein vielstimmiges “Happy Birthday” gesungen bekomme.

Unser nächster Ankerplatz ist Discovery Cove, nur einen Katzensprung weiter nördlich. Und trotzdem: er vermittelt das Gefühl völliger Abgeschiedenheit. Hinter der schmalen Einfahrt öffnet sich die Bucht wie zu einem Binnensee mit einer Vielzahl idyllischer, gut geschützter Ankerplätze. Wir sind trotzdem allein dort. Obwohl so nah bei Bella Bella, es ist doch ein bisschen abseits der ausgetretenen Wege. Nördlich nehmen die meisten Boote entweder die (innere) Passage durch den Finlayson Channel oder den (etwas offeneren) Weg durch den Laredo Sound. Nur wenige erkunden die Sackgassen der diversen Fjorde östlich dieser beiden Routen. Und das Wetter mit Nieselregen trägt sicher zusätzlich dazu bei, dass derzeit der ein oder andere Umweg vermieden wird.

Uns gefällt es hier. Und auch der folgende, gleich hinter den Troop Narrows gelegene Ankerplatz ist trotz des eher grauen Wetters wieder richtig schön, …

… besonders wenn bei dramatisch wolkenverhangenem dunklem Himmel der weit und breit einzige Sonnenstrahl genau den Weg zur Flora findet:

😊

Ikeda Cove

Es ist einfach zu schön hier, wir bleiben noch ein paar Tage in der Ikeda Cove. Wir genießen die Gesellschaft von von Melanie und Chris. Mit ihnen erkunden wir die Bucht, wandern durch die mit Mischwald bestandenen weniger steilen Bereiche um das große Mudflat im Westen des Naturhafens herum. Gemeinsam suchen wir nach den spärlichen Überresten der alten Bergwerkssiedlung. Die Gebäude existieren nicht mehr, aber einige verrostete Metallteile und Ziegelreste können wir aufspüren, zumeist dort, wo lichtere Stellen im Wald den Standort ehemaliger Häuser verraten. Das Rad einer alten Lore findet sich direkt am Ufer, aber die ehemaligen Schienen suchen wir zunächst vergeblich.

Vor allem aber macht die Wanderung selbst Spaß. Es ist gar nicht so häufig, dass man in BC einfach durch das Gehölz streunern kann, oft ist das Unterholz zu dicht oder das Gelände zu steil. Hier aber passt es. Der Wald ist einfach zauberhaft. Und er beherbergt phantastische (und die Phantasie anregende) Geschöpfe. Oder was schaut da aus dem Baumstumpf heraus?

Das Mudflat geht in eine von dem Ikeda Creek durchzogene Salzwiese über, wir suchen und finden eine Furt.

Als wir uns wieder in Richtung unserer Schlauchboote wenden, kommt zu den Phantasiewesen auch noch die Begegnung mit ganz realen Waldbewohnern hinzu: eine Bärenmutter mit ihrem noch ganz jungen Nachwuchs schaut gerade nach, ob sich darin Fressbares finden lässt. Tut es natürlich nicht, da sind wir vorsichtig genug. Aber der Fischgeruch vom Krabbenköder könnte sich schon finden, schließlich bringen wir den Krabbenkorb regelmäßig mit dem Dinghy aus. Normalerweise hält unser Anchor-Buddy ja das Dinghy im tieferen Wasser, aber hier ist es doch mit dem Bug ans Ufer gelangt. Das viel leichtere Dinghy der Solar Coaster haben Melanie und Chris ohnehin gleich hoch auf die Steine gehoben. Wie auch immer, die Bärenmutter entscheidet sich zum Glück gegen das Durchwühlen der Schlauchboote und verlängert damit maßgeblich deren Leben. Aufgeblasene Gummiwülste gegen Krallen von Schwarzbären ist ein ziemlich ungleicher Kampf.

Irgendwie auch ganz schön, dass uns dadurch das Zurückschwimmen zum Boot erspart bleibt. 😬

Nach zwei Tagen segelt die Solar Coaster weiter, Melanie und Chris möchten noch die Inseln ganz im Süden von Gwai Haanas erkunden. Wir dagegen warten auf ein Wetterfenster für die Passage zurück über die Hecate Strait. Verkehrte Welt: in der für ihren häufigen Starkwind bekannten Meerenge ist derzeit ziemlich viel Flaute angesagt.

Aber in der Ikeda Cove gibt es für uns noch einiges zu sehen. Wir bekommen Besuch von Seelöwen, die um Flora herum zu spielen scheinen,

machen weitere Ausflüge in den Wald, wobei wir diesmal auch die Schienenreste der Bergwerksbahn und den Standort der alten Werft entdecken. Nach längerer Suche finden wir auch die im Cruising Guide erwähnten Gräber von drei japanischen Bergarbeitern:

Besonders beeindruckend sind aber immer wieder die Baumriesen …

… selbst oder vielleicht gerade besonders dann, wenn es nur das Wurzelwerk eines Giganten ist, der im Sturm auf die Seite gelegt wurde und – jedes kleinste Fitzelchen der dünnen Humusschicht festklammernd – nur blanken Stein an seinem alten Standort zurücklässt:

Nebenbei sammeln wir auch noch etwas fürs Abendessen auf, denn auf den Salzwiesen am Waldrand finden sich große Flächen von Queller (wird hier „Sea Asparagus“, also „See-Spargel“ genannt).

Unser Zuschauer nimmt die Grünfutter-Nahrungskonkurrenz ziemlich gelassen und scheint sich ohnehin lieber an das Gras zu halten:

P.S.: The making of …

😁

Cruising Haida Gwaii

Die Haida Nation gilt als kämpferisch. 1985 stellten sie das einmal mehr unter Beweis, wenn auch diesmal auf friedliche Weise. Mit Sitzblockaden erkämpften sie einen Stop des intensiven Holzeinschlags auf Lyell Island und weiteren Teilen von Haida Gwaii durch die großen Logging-Gesellschaften. Die hatten zwar von der kanadischen Regierung ausgestellte Einschlag-Lizenzen, aber die Haida betrachten das gesamte Gebiet als ihr eigenes Territorium. Die Blockierer wurden verhaftet, aber die Aktionen brachten Aufmerksamkeit: der Fokus der Öffentlichkeit richtete sich auf drohende Vernichtung wesentlicher Kulturgüter der Haida sowie des uralten Baumbestandes durch eine nicht wirklich als nachhaltig zu bezeichnende Holzwirtschaft. Letztlich war der friedliche Protest erfolgreich. Fast das gesamte südliche Haida Gwaii wurde 1988 zum „Gwaii Haanas National Park Reserve and Haida Heritage Site“ erklärt. 1.470 Quadratkilometer groß und mit einigen Besonderheiten. So verweist das „Reserve“ auf die Nutzungsrechte der lokalen indigenen Völker, außerdem erfolgt die Verwaltung wegen der noch immer umstrittenen Besitzrechte gemeinsam durch die kanadische Regierung und den „Council of the Haida Nation“. Straßen gibt’s in Gwaii-Haanas übrigens keine. 😊

Mit dem Protest einher oder von diesem jedenfalls verstärkt ging auch eine Wiederbelebung der auch nach außen getragenen indigenen Kultur. Beispielhaft dafür steht das traditionelle Langhaus, das 1985 im Protestcamp errichtet wurde. An seiner Seite wurde zur Würdigung der Proteste und der erfolgreichen Zusammenarbeit 2013 der seit Jahrzehnten erste monumentale, neu geschnitzte „Legacy Pole“ aufgestellt.

Wir melden uns über Funk bei den Haida-Watchman an und besuchen von Murchison Island aus kommend diesen historischen Ort an der Windy Bay / Hlk‘yah GawGa.

Eine andere Besuchergruppe ist gerade dort. Da nur maximal 12 Besucher vor Ort sein sollen werden wir gebeten, zunächst auf der anderen Seite der Bucht die Jahrhunderte alte Spruce (Fichte) zu besichtigen. Das passt gut, denn dort können wir uns einer geführten kleineren Gruppe anschließen, sehr informativ für uns, zumal Guide James spannend und unterhaltsam auch über die Geschichte des Protests berichtet.

Danach lösen wir uns von der Gruppe und machen einen wunderbaren Spaziergang um die Bucht herum durch den Urwald hin zum von den Protestlern errichteten Langhaus, genannt “Looking Around and Blinking”.

Legacy Pole voller Symbolik, z.B. die untergehakt sitzenden Protestler (in Gummistiefeln) mit einem barfüßigen Ahnen in ihrer Mitte.

Den nur bei gutem Wetter geeigneten Tagesankerplatz der Windy Bay (sic!) verlassen wir dann wieder und segeln – unseren alten Kurs kreuzend – herrlich unter Gennaker bis in die Sac Bay. Hier treffen wir Melanie und Chris mit ihrer “Solar Coaster” wieder. Die beiden Kanadier hatten wir schon im Crescent Inlet und in Murchinson Cove jeweils kurz gesprochen, hier verbringen wir erstmals mehr Zeit miteinander, verstehen uns richtig gut und werden auch die nächsten Tage jeweils die gleichen Ankerplätze wählen (und uns unterwegs gegenseitig fotografieren).

Flora, Foto Courtesy: Melanie & Chris

In der Sac Bay können wir neben den Sitka-Hirschen erstmals auch Kanada-Kraniche am Ufer beobachten (und ihren charakteristischen Schrei hören).

Am nächsten Tag gehts weiter zum Matheson Inlet.

Solar Coaster, eine Bavaria 32
Flora in der Abendsonne im Matheson Inlet

Der Weg um Burnaby Island herum zu unserem nächsten Ankerplatz Bag Harbour hält eine Überraschung bereit: überwiegend segeln wir zwar bei bestem Wetter, aber von See her schiebt sich eine Nebelbank heran.

So dicht, der Blick auf die Solar Coaster wird glatt verschluckt:

Oder eben, aus der Perspektive von Melanie und Chris, die Flora:

Aber zum Glück können wir den Nebel nach Rundung des Kaps hinter uns lassen, das Radar wieder aus machen und zudem von der Fock auf den Code0 wechseln.

Bag Harbour liegt am Südausgang der Dolomite Narrows, die Burnaby Island mit ihrem schmalen Durchfluss zur Insel machen. Oder jedenfalls zur Teilzeit-Insel, den die Narrows fallen bei starker Ebbe trocken. Wir bleiben einen Tag und erkunden die Narrows mit dem Dinghy. Danach sind wir sehr froh, die Durchfahrt nicht mit Flora versucht zu haben. Zwar würde die Wassertiefe bei Hochwasser wohl gerade so eben ausreichen, aber eben nur in der Fahrrinne. Die aber windet sich zwischen scharfkantigen Felsen hindurch und wird nur durch wenige Peilmarken an Land gekennzeichnet.

Bei mittlerem Wasserstand lassen wir uns mit Florecita von der auflaufenden Tide hindurch treiben, wobei wir zwischzeitig den Außenbordmotor schon hoch klappen und mit den Paddeln die Richtung halten müssen. Zurück geht es gegen die Strömung bei etwas mehr Wasser dann schon unter Motor.

Besonders schön ist, dass wir bei der Anfahrt einen kurzen Blick auf zwei große Rundkopfdelfine erhaschen (leider kein Foto) und zudem direkt an der Durchfahrt einen Adlerhorst entdecken.

Eine lange Leichtwindkreuz gegen die auflaufende Tide führt uns heute bei herrlichem Wetter in die Ikeda Cove, unserer vielleicht letzten Station hier auf Haida Gwaii. Wir werden wohl irgendwann in den nächsten Tagen – passenden Wind vorausgesetzt – den Sprung zurück über die Hecate Strait machen.

Wegen der ganzen Ortsbezeichnungen hier nochmal unsere Buchten-Bummel-Route durch Gwaii-Haanas bei Noforeignland:



Wenn der Fisch zu schwer ist … Haswell Bay, Kelp und Hot Spring Island.

Von Echo Harbour geht es in dem Namen nach heimatliche Gefilde. Wir fahren durch die Hoya Passage. In Hoya (an der Weser) ist Wiebke aufgewachsen, und 1998 hatte dort unser erstes Segelboot “Wat Nu” seinen Liegeplatz. Segeln auf der Mittelweser hieß gefühlt alle 30 Sekunden eine Wende.

In der Hoya Passage gibt es eine Bucht mit einem Schwimmsteg, an dem man allerdings nicht über Nacht festmachen darf. Seine Besonderheit: hier, mitten im unbewohnten Nirgendwo, liegen auf dem Steg zwei Wasserschläuche. Ohne Hahn, das aus dem hinter dem Steg einmündenden Bach abgezweigte Frischwasser läuft unentwegt und steht kostenlos zur Verfügung.

Wir bestaunen es nur, unser Wassermacher sollte ohnehin alle paar Tage laufen, an Frischwasser mangelt es uns nicht. Aber der Service ist trotzdem klasse.

Für die Nacht ankern wir ein Stückchen weiter in der Haswell Bay, wobei wir uns um die kleine Insel herum in die hinterste, gut geschützte Ecke schlängeln. Das ist insoweit spannend, als die schmale Zufahrt und auch der Ankerplatz bei Flut beruhigend groß wirken, lediglich einige Kelpbüschel verraten die Untiefen. Reichte das Hochwasser direkt bis an den Wald heran, sieht es bei Ebbe um Flora herum so aus:

Kelp nennt man Großalgen, die sich mit ihrem Haftorgan insbesondere auf felsigem Grund festkrallen, mit einem oft Ast-dicken biegsamen Stengel nach oben ragen und an der Oberfläche Blattstrukturen wie bei einer Baumkrone ausbilden. Es gibt diverse Arten mit völlig verschiedenen Blättern, von dünnen Fäden bis hin zu großflächigem “Zeitungspapier”. Nicht immer zeigt Kelp im Wasser felsige Flachstellen an, oft bilden sich gerade an Strömung- oder Tidenkanten auch größere Felder von losgerissenem, treibenden Kelp. Vorsicht ist aber trotzdem angebracht, gelegentlich verstecken sich in diesen Feldern auch Holzstücke bis hin zu ganzen Baumstämmen. Unsere Faustregel: treibt das Kelp längs in Wind- oder Strömungsrichtung, ist es festgewachsen (Achtung: Untiefe). Treibt es quer zur Wind- oder Strömungsrichtung, ist es vom Untergrund abgerissenes Kelp. Und auch beim Ankern macht man immer mal wieder Bekanntschaft mit diesen Pflanzen:

Mit dem Brotmesser säbeln wir den Anker frei. 😊

Aber auch andere haben schwer zu heben. Der tägliche Weißkopfseeadler zeigt uns heute einmal, dass er nicht nur majestätisch fliegen, sondern auch erstaunlich weit schwimmen kann – wenn auch deutlich weniger elegant. Wir sehen, wie er sich die Krallen voraus sich ins Wasser stürzt und offenbar Beute greift. Aber der Wasserstart funktioniert diesmal nicht. Er startet nicht wieder, sondern macht mit den Flügeln Schwimmbewegungen und zieht das tatsächlich bis ans über 100 m entfernte Ufer durch.

An Land geklettert, schlägt er das Wasser aus seinem Gefieder und widmet sich dann dem Fisch in seiner Kralle.

Und dann klappt’s auch mit dem Abheben.

Vermutlich bräuchte der Adler jetzt eigentlich eine Wellness-Kur, aber jedenfalls gönnen wir uns eine. Nur ein paar Meilen sind es von Haswell Bay hinüber nach Hotspring Island. Wie vorgeschrieben melden wir uns über Funk beim dortigen Haida-Watchman an und bekommen die Erlaubnis, an Land zu kommen. Wir ankern zwischen Hotspring Island und House Island. Die per Funk angebotene Boje liegt doch arg nah an Land und sieht auch nicht allzu Vertrauen erweckend aus. Mit Florecita setzen wir über und gehen dann auf einem mit weißen Muscheln markierten Pfad durch den Wald mit seinem wunderschönen alten Baumbestand.

Ziel sind die von heißen Quellen gespeisten Badebecken an der Südseite der Insel. Der Watchman erwartet uns, zeigt uns Dusch- sowie Umkleidehäuschen und erklärt die Regeln. Andere Gäste sind keine da, wir haben die Becken ganz für uns allein. 😃

Herrlich!

Daajing Giids (ehemals Queen Charlotte City) auf Haida Gwaii mit ein paar Tierbildern

Was hat Mecklenburg-Strelitz mit Haida Gwaii zu tun? Unmittelbar nichts. Aber mittelbar in Form der kolonialen Namensgeschichte der Inselgruppe dann doch eine ganze Menge.

Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz heiratete 1761 mit 17 Jahren König George III und wurde Königin von England und Irland. (Trivia: sie hat die Tradition des Weihnachtsbaums in England eingeführt). Nach ihr wurde nicht nur die Paradiesvogelblume “Strelitzia” benannt, sondern auch das Schiff HMS Queen Charlotte, mit dem Kapitän George Dixon in den Jahren 1786 und 1787 die Küsten Nordwestamerikas erkundete, Pelzhandel betrieb (er verkaufte die Felle später in China) und eben auch für die Europäer die Inselgruppe Haida Gwaii (Inseln des Haida Volkes) sowie die Durchfahrt zwischen diesem Archipel und dem zu Alaska gehörenden Prince of Wales Island entdeckte. Die Passage heißt nach ihm Dixon Entrance, Haida Gwaii benannte er nach seinem Schiff: Queen Charlotte Islands. Erst seit Dezember 2009 lautet der offizielle Name (wieder) Haida Gwaii.

Gut die Hälfte der insgesamt nur etwa 4.500 Einwohner dieser 300 km langen Inselgruppe sind Haida First Nation, wobei die vier Hauptorte relativ gleichmäßig jeweils etwa um die 1.000 Einwohner haben. Verwaltungssitz ist das in der Inselmitte gelegene Daajing Giids, ehemals eben Queen Charlotte City.

Das ist auch der Grund, warum wir den deutlich längeren Weg nach Daajing Giids gesegelt sind, statt den kürzesten Weg über die berüchtigte Hecate Strait zu nehmen. Denn nur hier können wir das notwendige Permit, die Genehmigung für das Besuchen des Gwaii Haanas National Park Reserve and Haida Heritage Site bekommen. Dieser Nationalpark umfasst 1.500 Quadratkilometer Fläche im heute praktisch unbesiedelten Süden der Inselgruppe. Dort befinden sich neben Rückzugsgebieten für viele Tierarten auch wichtige historische und kulturelle Stätten der Haida. Teilweise können sie besichtigt werden, wenn man sich zuvor per UKW-Funk bei dem dortigen Haida-Watchman anmeldet.

Die Stimmung in Daajing Giids gefällt uns ausgesprochen gut, die Leute sind freundlich und überaus aufgeschlossen. Die Dame vom Informationszentrum gleich am Hafen bietet uns freundlicherweise an, uns die 7 km zum Haida Heritage Centrum zu fahren.

Dort, im Haida Heritage Centrum erhalten wir eine “Orientation”, eine vorgeschriebene Einführung zum Nationalpark mit seinen Geboten und Verboten, die auch z.B. Kanuten und Wanderer und selbst Teilnehmer geführter Touren zu absolvieren haben. Wir müssen für das abgelegene Gebiet einen Törnplan einreichen und sollen auch unsere Satelliten-Telefonnummer sowie eine Notfall-Kontaktadresse angeben. Sicherheit wird beim Besuch dieses entlegenen Gebietes groß geschrieben. Aber auch die Geschichte der Inseln und des Haida-Volkes sowie deren Werte und Verhaltenserwartungen werden bei der “Orientation” vermittelt. Außerdem ist ein gutes und spannendes Museum angeschlossen (in dem aber drinnen nicht fotografiert werden darf).

Der Ort Daajing Giids ist klein, hat aber Charme und bietet einen Supermarkt zum Aufstocken von Frischwaren. Relikte der früheren Holzverarbeitung liegen an der Bucht. Die Tide von bis zu über 7 Metern bietet zudem die Möglichkeit, sein Schiff an einem „Tidal Grid“ trockenfallen zu lassen, etwa um am Propeller zu arbeiten oder das Echolot zu wechseln. Das schauen wir uns allerdings nur bei einem anderen Boot an.

Bootsarbeit bei uns bleibt aber auch nicht aus: die Ankerwinsch hatte sich leider doch nicht mit einem Hammerschlag repariert. Also bauen wir den Elektromotor der Ankerwinsch aus, was trotz der relativ guten Zugänglichkeit im Vorschiff bei dem schweren Ding doch mit etwas Bootsyoga verbunden ist, drei Arme gleichzeitig lassen sich nicht gut in den Hängeschrank quetschen. Dann wird der Elektromotor geöffnet und vom Staub der Kohlebürsten gereinigt. Nachdem der schwere Klotz wieder an Ort und Stelle gewuchtet und angeschlossen wurde, läuft die Ankerwinsch wieder. Wunderbar.

Tierbegegnungen müssen nicht auf die Weiterfahrt in den Nationalpark warten, schon im Hafen hier in Daajing Giids werden sie uns beschert. Zum einen sind da natürlich die auf Haida Gwaii sehr häufigen Weißkopf-Seeadler, aber auch die von ebenfalls schwarz-weißen Taubenteisten, die dicht an der Flora nach kleinen Fischen jagen und mit ihren knallroten Füßen und Rachen auch einen farblichen Akzent setzen.

Eine besondere Freude bereitet uns ein Fischotterweibchen. Nachdem wir sie schon ein paar mal durch den Hafen schwimmen sahen, wo sie dann unter den Stegen lautstark Muscheln abknusperte, ruht sie sich direkt neben der Flora auf unserem Schwimmsteg aus:

Außerdem machen wir noch einen herrlichen Hike in den Wald am Ortsrand.

Wiebke begutachtet einen Einschnitt für ein „Springboard“, auf dem die Holzfäller für standen, um mit Axt und Säge gut oberhalb des Wurzelbereichs ansetzen zu können.

Heute ein (Zaun-)König … (Pacific Wren)

ein Haarspecht-Weibchen (Hairy woodpecker) …

und mehrere Feuerkopf-Saftschlecker (Red-breasted sapsucker) 😁

…, eine Spechtart des Pacific Northwest, die tatsächlich in Ringen Saftlöcher in die Rinde von Bäumen hackt. Neben anderer Nahrung wie Insekten und Beeren schleckt er mit seiner Zunge eben auch den Saft aus der Borke. Zur Fütterung seiner Jungen taucht er sogar gefangene Insekten vorher kurz in den Saft ein. Ein echter Feinschmecker.

Aber bevor wir noch im wirklich guten Restaurant gleich am Hafen ebenfalls schlemmen (wieder nimmt uns ein freundlicher Autofahrer mit, dieses Mal Archie, der in den 50er Jahren aus Deutschland hierher ausgewandert ist und eine Haida geheiratet hat), flitzt uns noch etwas über den Weg und vor die Linse: ein Douglas-Hörnchen:

😍

Geisterstadt und Kryptowährung

Ocean Falls, am Ende des Cousins Inlet gelegen, ist eine Geisterstadt. Der Törnführer Wagooner empfiehlt sie trotzdem als “favorite destination”, es sei eine “busy ghost town”. Mal sehen.

Die Fahrt den Fisher Channel hinauf nach Norden ist jedenfalls wunderschön, zumal uns anfangs auch günstiger Segelwind beschert wird.

Unter Gennaker zieht Flora den halben Tag lang den Fjord hinauf, dann allerdings lässt der Wind immer mehr nach, dafür nehmen die Wolken zu.

Die Einfahrt in das viel schmalere Cousins Inlet mit seinen steilen Bergwänden wirkt dann schon ein bisschen wie der Seeweg nach Mordor, als wollten wir zum Schicksalsberg im Herrn der Ringe.

Aber nicht die Ring-Geister Nazgûl erwarten uns, sondern ein gut gepflegtes Public Dock und ein versöhnlich stimmender Regenbogen.

Der abendliche Gang führt uns durch die Geisterstadt Ocean Falls und am Staudamm (mit Überlauf-Wasserfall) vorbei zum oberhalb der Ruinenstadt gelegenen großen Süßwassersee.

Geisterstadt und Staudamm zur Stromerzeugung, wie passt das überhaupt zusammen?

Ocean Falls steht exemplarisch für viele Ortschaften in abgelegen Küstenabschnitten der Region Pacific Northwest. Sie entwickelten sich um Arbeit gebende Fabriken herum, oft Lachsverarbeitungsanlagen / Canneries, Minen oder – wie hier – Holzverarbeitung. Solange, wie diese eben existieren. Ocean Falls war sogar eine echte “Company Town”. Von 1906 bis 1912 wurde hier eine Papier- und Zellstoff-Fabrik errichtet, lange Jahre die größte in ganz British Columbia. Der Grund für die Ansiedlung war neben den scheinbar unerschöpflichen Holzvorräten der Gegend das Potential an durch Wasserkraft zu gewinnendem elektronischem Strom für die energieintensive Produktion. In der Abgeschiedenheit errichtete die Firma gleich eine ganze Stadt einschließlich der Arbeitersiedlung, Schulen, Krankenhaus und später sogar einem 400-Zimmer-Hotel, bis zu 3.900 Menschen lebten hier.

1973 aber schloss das Unternehmen die inzwischen unrentabel gewordene Fabrik. Die Provinzverwaltung kaufte der Firma Crown-Zellerbach die Stadt für einen symbolischen Preis ab und betrieb die Fabrik noch bis 1980 weiter, aber das hielt den Niedergang zur Geisterstadt nur kurzfristig auf.

Der Staudamm und mit ihm die Stromproduktion durch Turbinen aber existiert noch. Zwar ist die Anlage nicht an das große kanadische Stromnetz angeschlossen, aber neben Ocean Falls werden auch die beiden etwa 35 km Luftlinie entfernt liegenden Ortschaften Bella Bella und Shearwater mit zusammen gut 1.000 Einwohnern nur mit Strom aus dieser Anlage versorgt.

Welche Kapriolen es nach sich zieht, wenn derartig überschießende Produktionskapazitäten für Strom vorhanden sind, aber keine Einspeisung in ein überregionales Netz erfolgen kann: in Ocean Falls hat sich ein Bitcoin-Mining-Unternehmen angesiedelt, das mit dem aus der Überkapazität günstig erhältlichen Strom auf ihrer Rechnerfarm Blöcke zur Blockchain hinzufügt und so Kryptowährung “schürft”.

Trotzdem: knapp über 20 Einwohner hat Ocean Falls heute und sieht dabei so aus, wie eine Geisterstadt aus dem letzten Jahrhundert wohl aussehen muss:

Fast noch intakt und eher wildromantisch wirken da die historischen Holzhäuser am Hafen:

Damals wie heute: die Einwohner von Ocean Falls bezeichnen sich selbst als „Rain People“, was wohl ein ziemlich bezeichnendes Licht auf die Niederschlagshäufigkeit vor Ort wirft, die Wolken bleiben an den umgebenden hohen Bergen schlichtweg hängen.

Das gilt auch für den etwas abseits liegenden Nebenort Martin Valley, in dem noch mehrere Einfamilienhäuser bewohnt sind und in Schuss gehalten werden. Wir wandern in einer Regenpause dort hin (der versprochene Pub ist allerdings derzeit nach Eigentümerwechsel geschlossen). Und auf dem Rückweg erwischt uns natürlich der wieder einsetzende Regen.

Aber da hinten, am Eingang des Fjords, da wird es doch etwas heller. Ob da die Lichtelben wohnen?Jedenfalls fahren wir morgen in diese Richtung.

Auf in die Broughtons.

Etwas westlich von Port Neville können wir die breite, offene und bei Nordwest eben auch ziemlich ungemütliche Johnstone Strait wieder verlassen. Flora biegt in den Havannah Channel ein und damit in eine geschützte Welt von kleinen felsigen Inseln und verschlungenen Wasserwegen. Unzählige Ankerplätze, einige wenige kleine familienbetriebene Marinas, praktisch keine Ortschaften mehr, allenfalls kleine Siedlungen der First Nation mit wenigen Häusern, schneebedeckte Bergspitzen im Hintergrund.

Der Cruising-Guide beschreibt es kurz und treffend so: rustic, remote and majestic.

Die Narrows des Chatham Channel passieren wir bei Niedrigwasser, laufen dann die Lagoon Cove an. Hier können wir tanken, bleiben aber auch gleich zwei Nächte. Dan und Kelley haben die kleine Marina vor ein paar Jahren übernommen und betreiben sie mit viel Herzblut.

Für die Cruiser gibt’s jeden Nachmittag um 5 eine “Happy Hour“ auf der Terrasse vor dem mit Standern geschmückten Workshop oben auf dem Steg. Die Getränke bringt jeder selbst mit, dazu Appetizer, die wie bei einem Potluck ein Buffet für alle bilden. Dan und Kelley steuern jeweils eine große Schüssel Shrimps zu dem täglichen Festschmaus bei.

Kleine Hiketrails führen durch den Wald hinter der Marina, es gibt ein bisschen Stegschnack mit den Crews der vier anderen Boote. Alles sehr entspannt hier und der ausgebrachte Krebskorb beschert uns wieder einmal eine schöne Dungeness Crab.

Und dann gehts wieder in die Einsamkeit der Ankerplätze. Als erstes haben wir uns Mound Island Anchorage ausgesucht und damit die ein bisschen einschüchternd benannte “Beware Passage” für die Anfahrt. “Caution Rock”, “Beware Rock“ und “Dead Point” wollen auf verschlungenen Pfaden umschifft werden, aber bei Niedrigwasser sind die Hindernisse überwiegend ganz gut zu erkennen und die überspülten anderen felsigen Flachstellen werden durch das aufschwimmende Kelp angezeigt. Wir motoren langsam und im Zickzack durch die unbetonnte aber gut kartierte Passage und haben keine Probleme, trotz des an diesem Tag etwas trüben Wetters mit tief hängenden Wolken.

Heute machen wir zunächst einen Abstecher ins Tsatsisnukwomi Dorf auf Harbledown Island. Die kleine Ansiedlung der Da’Naxda’Xw First Nation wird auch (für uns leichter aussprechbar) New Vancouver genannt, sie hat nur 10 ganzjährig hier lebende Bewohner. Wir werden von Amy begrüsst, die uns auch eine geführte Tour durch das Dorf und in das traditionelle fensterlose Big House (den gesellschaftlichen und zeremoniellen Mittelpunkt jeder First Nation Gemeinde) anbietet.

Das lassen wir uns nicht entgehen und Amy erläutert uns auf dem Rundgang nicht nur Hintergrund und Bedeutung der aufgestellten Totems, sondern sie bringt uns die Geschichte der Da’Naxda’Xw und auch die persönliche Geschichte ihrer Familie nahe. Im Big House erklärt sie uns die verschiedenen kunstvollen bemalten Holzmasken, die auch heute noch bei den festlichen Zusammenkünften für unterschiedliche Tänze Verwendung finden und gibt uns einen kleinen Einblick in die Figuren der Mythologie und die heute noch gepflegten Traditionen und Rituale wie etwa die jährliche Herstellung eines besonderen Fischöls, die im April aufwändig am ursprünglichen Siedlungsort im Knight Inlet erfolgt.

Im traditionell fensterlosen Big House (in dem nicht fotografiert werden darf) finden sich um die im Zentrum angeordnete und in den Sandboden eingelassene Feuerstelle außerdem weitere kunstvoll geschnitzte und bemalte Totems, daneben bemalte rituelle Paddel und Festumhänge, deren Herstellung und Bedeutung uns Amy ebenfalls erklärt.

Am Beispiel von Amys Familiengeschichte wird auch deutlich, welche tiefen Wunden das zwangsweise Herausreißen der Kinder aus den First Nation Familien und deren Verteilung auf entfernte „Residential Schools“, verbunden mit der bewussten Unterdrückung der Muttersprache und der Kultur gerissen hat. Und auch, wie diese bis in die 1990er Jahre geübte Praxis das Leben und auch die Wohnsitzwahl der First-Nation-Familien verändert hat. Auch das Dorf Tsatsisnukwomi wurde komplett verlassen, die Familien zogen mit den verbliebenen Kindern nach Vancouver Island oder auf das Festland, damit diese Kinder auf normale staatliche Schulen gehen konnten und nicht aus aus den Familien gerissen würden. Nur der Hartnäckigkeit von Amys Großeltern ist es zu verdanken, dass der Ort wieder besiedelt und (immerhin mit staatlicher Hilfe) am gleichen Platz neu aufgebaut wurde.

Für uns geht es nach diesem Besuch weiter hinein in die Inselwelt der Broughtons. Unser nächster Ankerplatz ist Goat Island Anchorage. Wie gemalt, quasi archetypisch für dieses Revier. Eben „rustic, remote and majestic“, oder?

Lurchi in der Shoal Bay

Frühe Prägung: als Kind der 60er und 70er habe ich auch heute immer noch Lurchi vor Augen, den Feuersalamander, dessen Comic-Hefte es beim Schuhe kaufen dazu gab. Leider konnte ich aber bisher keine Salamander oder Lurche in freier Wildbahn beobachten.

Unser zweiter, diesmal etwas kürzerer Hike in der Shoal Bay ändert das. Wir wandern zu einem für die Frischwasserversorgung genutzten kleinen Teich den Berg hinauf. Sieht ziemlich unspektakulär aus, klares Wasser über braun-grünem Waldboden, ein paar Äste liegen darin. Fische können wir nicht entdecken. Aber da bewegt sich doch was? Ein Frosch? Nein, sondern eben …

… ein rauhhäutiger Gelbbauchlurch 😃.

Als wir sie erstmal gesehen haben, entdecken wir gleich eine gute Handvoll dieser zur Familie der Salamander zählenden Lurche. Ich gehe sogar extra noch mal zum Boot zurück und hole die GoPro:

So possierlich diese Amphibien auch aussehen, streicheln sollte man sie lieber nicht. Sie produzieren auf ihrer Haut das Nervengift TTX, das auch in Kugelfischen vorkommt. Es soll sie vor Fressfeinden schützen und mit einer Ausnahme klappt das auch ganz gut. Die Strumpfbandnatter (die wir ja in Prideaux Haven gesehen haben) hat zum Leidwesen der Lurche eine Resistenz gegen das TTX entwickelt, und nicht nur das, sondern sie bezieht sogar einen Teil ihre eigenen Giftigkeit aus diesen Beutetieren.

Wie hieß es zum Ende der Comics doch immer: Lange schallt’s im Walde noch: Salamander lebe hoch! 😉 Wir drücken ihm jedenfalls die Daumen.

Wiebke erntet noch einmal Salat und Rhabarber im Garten von Cynthia und Mark. Wir backen einen Rhabarber-Baiser-Hefekuchen und bringen den beiden zum Dank auch welchen hinüber. Für uns gibts außerdem an Bord auch leckeren Rhabarber-Fenchel-Salat (Danke an Catalina für den Tip).

Aber nach jetzt doch einigen Tagen in der wunderbar entspannten Atmosphäre der Shoal Bay verabschieden wir uns. Früh morgens um halb sechs geht es bereits los, damit wir bei Slack-Tide durch die Greene Point Rapids kommen. Danach saugt uns die ablaufende Tide in die Johnstone Strait und durch die “Current Passage”. Leider findet der Nordwestwind früher als angesagt wieder zu über 20 kn Stärke, das beschert uns nördlich von Helmcken Island eine ziemlich unangenehme See.

Die Wellen auf der elektronischen Seekarte deuten aber schon an, dass die Seegangsverhältnisse hier häufiger ziemlich kabbelig sind. 10 sm weiter haben wir ohnehin unser Tagesziel erreicht. Wir machen am Public Dock in Port Neville (kostenlos) fest.

Port Neville, das hört sich nach einem Ort mit Hafen an. Aber tatsächlich ist dieser Anlegesteg nur ein Relikt der Zeit, als die Familie Hansen hier eine kleine Poststation betrieb. Das Haus immerhin steht noch, dazu ein paar kleine Nebengebäude, die von der Familie noch als Sommerresidenz genutzt werden. ansonsten: Landschaft. Heute mal mit mehr Grau, aber trotzdem schön.

Shoal Bay

Die drei kurz aufeinander folgenden Rapids bringen wir ganz gut hinter uns. Entsprechend der Angaben im Revierführer sind wir eine Stunde vor Stillwasser an den Yuculta Rapids. Es strömt uns ordentlich entgegen, aber als wir uns ab Harbott Point eng am Ufer von Stuart Island halten, können wir vom dortigen Neerstrom profitieren, der uns bis Kellsey Point schiebt. Hier wechseln wir hinüber auf die andere Seite und versuchen dabei die uns fast 40 Grad hin und her drehenden Whirlpools einfach zu ignorieren. Dicht am anderen Ufer gibt’s wieder eine Zeit lang nordsetzenden Neerstrom, dann müssen wir wegen der Felsen ins Fahrwasser wechseln und uns noch eine Dreiviertel Meile mit zwei bis drei Knoten Gegenstrom in die Big Bay kämpfen. Auch in der kurzen Gillard Passage haben wir noch Gegenstrom, aber danach ist Stillwasser und das gilt auch noch, als wir 2 Meilen weiter die Dent Rapids passieren. Alles in allem ganz gut getimt, 10 Minuten später wäre vielleicht noch besser gewesen, aber: wer weiß? Wir sind jedenfalls problemlos durchgekommen.

Kurz nach den Dent Rapids springt genau zwischen der Flora und dem ein Stück vor ihr fahrenden Segelboot mehrfach ein Buckelwal. Immer wieder ein tolles Erlebnis, wenn sich diese riesigen Meeressäuger aus dem Wasser wuchten und zurück in das Meer klatschen.

6 Seemeilen weiter biegen wir dann schon ab zu unserem Ziel, dem Public Dock in der Shoal Bay.

Hier liegen wir sehr geschützt (die nächsten Tage soll es nämlich ordentlich aus Nordwest blasen) und haben zugleich ein wunderbaren Ausblick in den gegenüber liegenden Phillips Arm und die dahinter aufragenden hohen Berge.

Bei dem vorhergesagten Nordwest von 25 bis 35 kn macht es keinen Sinn, weiter in Richtung Johnstone Strait zu fahren. Statt dessen genießen wir die ruhige Shoal Bay, fahren wieder Paddelboard und wandern den Trail in Richtung der stillgelegten Goldmine oben in den Bergen hinter der Bucht. Den Pfad müssen wir mehrfach suchen, entdecken dabei aber zum Beispiel auch eine Wild-Kamera und Reste einer eisenummantelten hölzernen Wasserleitung aus den Zeiten der Goldmine.

Cynthia und Mark betreiben ein kleines Airbnb mit drei liebevoll eingerichteten Hütten an der Shoal Bay und ihre Gastfreundschaft schließt die Boater vom Public Dock mit ein. So treffen sich die Gäste des Airbnb und die im Laufe der windigen Tage zahlreicher werdenden Besatzungen der Boote zum Sundowner auf der Terrasse, am Samstag werfen die beiden dort sogar ihren holzbefeuerten Pizza-Ofen an und stellen den selbstgemachten Teig, wir bringen nur den jeweils gewünschten Belag mit. Es wird ein wunderschöner Abend, wie überhaupt die Stimmung hier einfach wunderbar entspannt ist.

Wir dürfen sogar im Gemüsegarten von Cynthia und Mark Salat und Rhabarber ernten 😁.

Auch die Bootsarbeit kommt nicht zu kurz. Wo wir mal wieder am Steg liegen, nehmen wir uns den blauen Streifen auf der Steuerbordseite vor (Backbord hatten wir ja in Campbell River schon bearbeitet). Mit der Poliermaschine und per Hand wird das ausgekreidete Blau wieder auf Hochglanz gebracht – war auch mal wieder Zeit.

Außerdem wird gebacken. Lecker. Und was zu schauen gibts auch: mehrfach fahren riesige Logging-Flöße an der Shoal Bay vorbei in Richtung der Rapids. Jeweils gleich zwei Schlepper mühen sich mit ihnen ab, einer zieht, einer ist hinten wohl eher für das sichere Manövrieren in den engen Stromschnellen zusätzlich dabei. Das Floß selber (ohne Schlepper und Schleppleine) ist alleine schon gut 250 m lang. Wir sind froh, dem nicht in den Rapids begegnet zu sein.

Ein beeindruckender Anblick ist es aber trotzdem.