Mit dem Boot zu reisen bedeutet langsam zu reisen. Über drei Wochen von Mexiko nach Französisch Polynesien, fast fünf Jahre von Korfu bis Gambier. Es heißt, einer der Vorteile dieses gemäßigten Tempos sei, dass die Seele mithalten kann.
Und trotzdem: gerade hier in der Südsee brauchen wir Zeit, um wirklich anzukommen. Wir lassen die Seele baumeln, basteln ein bisschen am Boot, besuchen die Nachbarn, gewöhnen uns an die Temperaturen, springen ins Wasser, machen kurze Spaziergänge durch den Ort. Schwupp, schon wieder ein Tag rum.
Hauptstraße in Rikitea, mitten im Ort
Andere sind aktiver. Jeannette und Jeroen haben schon früh am Morgen einen Besuch bei “der Obst- und Schmuckfrau” Taina gemacht. Sie bringen uns frische Bananen und riesige Avocados mit.
Jeanette hat außerdem unsere Wäsche in ihrer Bordwaschmaschine gewaschen, wir können sie jetzt auf Floras Vorschiff trocken flattern lassen.
De und John von der GoBabyGo laden zum Sundowner ein:
Und Judy und Todd von der Galileo haben für den nächsten Tag eine Tour zu einer Perlfarm organisiert, an der wir gerne teilnehmen.
Mit dem Pickup holt uns Mohaire ab, die seit acht Jahren mit ihrem Mann eine Perlfarm in der Bucht auf der anderen Seite von Mangareva betreibt. Drüben steigen wir in das flachgehende Aluboot ihres Mannes.
Zwischen unzähligen Perlfarm-Bojen hindurch geht es dann hinaus zur Farm, einer auf Stelzen mitten auf dem Wasser gebauten Arbeitshütte.
Etwa 100 dieser in privater (lokaler) Hand befindlichen Perlfarmen gibt es in den Gambier. Sie produzieren in aufwendiger Handarbeit die berühmten schwarzen (jedenfalls dunklen) “Tahitiperlen”. Und auf unserer Tour bekommen einen Einblick in den gesamten Ablauf, von dem Einfangen der wilden Austernlarven über die Aufzucht, Hege und Pflege der Muscheln, das Einpflanzen des Nukleus in die präparierte Tasche der Auster und auch die Ernte und das Sortieren der Perlen.
Und die Tour ist durchaus handfest: wir dürfen anpacken und zum Beispiel die Auster für das Einsetzen des Nukleus ein Stück weit öffnen. Gar nicht so leicht.
Wesentlich schwieriger allerdings ist das Einpflanzen des Nukleus (um den die Auster dann hoffentlich das Perlmutt bildet) und eines kleinen Stückchens “Black Lipp” von einer bereits geernteten Auster (welches zusammen mit dem Standort und der Wasserqualität maßgeblich die Farbe der Perle beeinflusst). Diese filigrane Arbeit wird von zumeist chinesischen Zeitarbeitern im Accord verrichtet, mehrere Hundert dieser Operationen am lebenden Objekt führt eine Arbeiterin am Tag durch:
Und – mindestens 18 Monate später – zeigt sich dann erst, ob die Arbeit erfolgreich war. In etwa 65 Prozent der Austern ist eine Perle herangereift. Ist es eine Perle guter Qualität, wird dieselbe Auster erneut “geimpft” und darf weiter produzieren, bis zu drei mal.
Jeder von uns darf eine Auster wählen und die darin befindliche Perle behalten.
Mohaire operiert sie heraus:
Und am Ende dürfen wir auch noch die Klassifizierung unserer Perlen vornehmen und schauen, ob wir aus dem Fundus der vor Ort produzierten Perlen noch Erinnerungsstücke kaufen wollen.
Hm.
Eine Südseeperle aus Gambier, unzweifelhaft einer Perle der Südsee?
Es ist ganz putzig. Nimmt man die Eingewöhnungsphase der ersten drei Tage mal raus, hatten während der gut drei Wochen unserer Überfahrt nicht das Gefühl, zu wenig Schlaf zu bekommen. Und doch: nach der ersten Euphorie des Ankommens sacken wir ein bisschen durch. Schlafen geschlagene 12 Stunden in der ersten Nacht und wachen trotzdem wie gerädert und mit leichten Kopfschmerzen auf klitschnass geschwitzten Laken auf.
Allzuviel bekommen wir am Tag dann auch nicht mehr erledigt. Immerhin das Nötigste, das Einklarieren. Das geht flott in der Gendarmerie. Vor unserer Abfahrt in Mexiko hatten wir das Internet-Formular für die Einreise in Französisch Polynesien ausgefüllt. Man kann es ausdrucken, aber wir nehmen nur die Vorgangsnummer aus der Bestätigungs-Email mit, das reicht aus. Der freundliche Beamte der Gendarmerie Nationale, Brigade de Rikitea, fragt uns noch, ob wir einen Stempel in den Pass haben möchten, sozusagen als Souvenir. Na klar. Und dann gibt er sich auch ganz besondere Mühe mit den Stempeln.
Wir sind drin. Polynésie francaise.
Als wir die Pässe wieder in der Hand haben fragen wir noch mal nach. Wie lange dürfen wir jetzt bleiben? Der Bürochef antwortet: Das Boot zwei Jahre, danach müsste es importiert werden. Und wir? Als EU-Europäer so lange wir mögen. „No Limit.“ Das ist sehr nett zu wissen, aber eigentlich nicht unser Plan.
😉
Die nächsten Gänge führen zum Geldautomaten an der Post und dann zum Bürgermeisteramt, wo wir die Gebühren für die Müllentsorgung (am Bauhof) bezahlen sollen.
Wir spazieren noch ein bisschen weiter durch das schmucke kleine Dorf und kommen an diesem Schild vorbei:
Der Stützpunkt unseres Segelvereins Trans Ocean aus Cuxhaven! Wir hatten zuvor von anderen Seglern gehört, dass wir einen Besuch hier am Besten am frühen Vormittag machen sollten. Dafür ist es jetzt etwas spät, aber wir gehen trotzdem hinein. Fritz begrüßt uns freudig und auf Deutsch. Er teilt uns auch gleich mit, dass er seit seinem letzten Schlaganfall keinen Alkohol mehr trinkt und auch nicht mehr raucht. Und dann geht ein echter Tropenguss auf das Blechdach der Hütte nieder, währen der 83jährige Fritz uns ganz wunderbar mit seiner wirklich außergewöhnlichen Lebensgeschichte unterhält.
Bis vor kurzem war Fritz auch zugleich die Anlaufstation für Segler, die in den Gambier Wäsche waschen wollten. Einen Waschsalon gibt’s nämlich nicht. Aber leider, seine Waschmaschine gibt den Geist auf und ist so laut geworden, dass er diesen Service inzwischen nicht mehr anbietet. Und da auch Rikitea Yacht Service seinen Betrieb eingestellt hat, bleibt nur die Handwäsche oder – was für ein Luxus – wir nehmen das Angebot unserer Freunde Jeannette und Jeroen an, die Waschmaschine auf Fidelis zu benutzen. Damit nicht genug, bewirten die beiden uns auch noch mit einem fürstlichen Dankesessen. Wir danken Euch, Ihr Lieben.
Die zweite Nacht bringt uns immerhin noch mal 10 Stunden Durchschlafen und dann erleben wir den ganzen Vormittag tropische Regengüsse aus dem Bilderbuch.
Wir gehen es langsam an. Die sintflutartigen Regenfluten nutzen wir allerdings gleich für eine natur-unterstützte Dusche und um das Schiff von der intensiven Salzkruste zu befreien, die es während der Passage aufgebaut hatte.
Und schließlich:
Wiebke backt gerade einen Kuchen. Ein erster Eindruck von unserem wunderschönen und ruhigen Ankerplatz hier zwischen den Riffen vor Rikitea:
Die letzte Nacht vor der Ankunft beginnt mit einem Schock. Allerdings für Jeanette und Jeroen sicher mehr als für uns. Mit Beginn der Dämmerung erhalten wir einen Anruf von unserem Buddyboat. Die etwas hinter uns liegende Fidelis hat einen Getriebeschaden, der Motor ist nicht einsetzbar.
Es sind noch gut 40 sm bis zur Ansteuerung der Riffdurchfahrt, derzeit ist – wenn auch nur leichter – Segelwind. Also vereinbaren wir, dass wir zunächst ein Reff einbinden, damit sie weiter zu uns aufschließen können. Falls möglich, wollen wir die Boote bis kurz dem Pass segeln. Dann soll Flora die Fidelis in Schlepp nehmen. Allerdings ist weiter abnehmender Wind vorhergesagt. Für den Abend unseres Ankunftstages allerdings kündigen sich kräftige Gewitter an, allzu spät sollten wir nicht dort sein.
Bis 4.00 Uhr segeln wir, dann ist völlige Flaute. Noch gut 20 sm bis zum Pass. Fidelis ist jetzt aber nur noch 2 Meilen von uns entfernt. Über Funk vereinbaren wir den Versuch, doch bereits in der Dunkelheit eine Schleppverbindung herzustellen. Eigentlich möchte ich die Zugkraft mit einem Hahnepot auf unsere beiden Heckklampen verteilen, aber von dieser Vorstellung muss ich wieder Abstand nehmen. An Steuerbord würde unmittelbar am Propeller des Außenborders entlanglaufen, zu gefährlich. Und selbst wenn wir den Außenborder hochklappen oder gar (unterwegs im Dunkeln aufwändig) abnehmen, würde die Hahnepot auf Höhe der Unterkante unseres Dinghies verlaufen. Nicht gut. Die See ist ruhig, da sollte die massive durchgebolzte Backbord-Heckklampe unserer Hallberg-Rassy 43 auch mit den Zugkräften der 54 ft Amel klarkommen (hoffen wir).
Wiebke manövriert uns dicht an die Fidelis heran und ich werfe eine dünne Leine hinüber, an deren Ende ich unsere 50 m lange Heckankertrosse geknotet habe. Letztere befestigt Jeroen am Bug der Fidelis und dann beginnt die Schleppfahrt.
Angenehmer ist es natürlich, als es zwei Stunden später langsam hell wird und sich vor uns auch die Gambier-Inseln abzuzeichnen beginnen.
Es ist unmöglich, die Schleppleine permanent unter Last zu halten. Auch wenn die Wellen niedrig sind, zwei Dünungen laufen hier aus verschiedenen Richtungen um die Nordspitze des Gambier-Riffs herum. Laut Windy sind die derzeit zwar nur 1,6 und 1,2 m hoch. Manchmal heben sie sich fast auf, manchmal addieren sich die Höhen. Aber jedenfalls sorgen sie eben doch dafür, dass die Schlepptrosse unregelmäßig Lose bekommt oder sich strafft. Wir müssen aufpassen, dass Fidelis leicht nach Steuerbord versetzt hinter uns bleibt, damit die Trosse beim Hochschnellen nicht unter unsere Rettungsinsel knallt.
Insbesondere beim Einlenken in den Pass und den folgenden scharfen „Linkskurven“ bei der Durchfahrt der inneren Riffe zum Ankerplatz vor Rikitea auf Mangareva ist das wichtig.
Das Fahrwasser ist gut betonnt. Aber Achtung: die Betonnung folgt hier in Französisch Polynesien wieder dem zu Hause in Europa verbreiteten System A (einlaufend rot an Backbord) und nicht wie zuletzt System B (Red Right Return).
Es ist anstrengend, keine Frage. Das Abschleppen reibt an den so kurz vor dem Ende der Passage ohnehin überstrapazierten Nerven, aber es ist eben auch Teil der gelebten Seemannschaft und des Abenteuers, das mit einer solchen Ozeanpassage einher geht. Und: alles klappt gut, wir kommen sicher am Ankerplatz vor Rikitea an.
Das dann unsere Ankerwinsch mitten im Manöver in Streik geht und die Sicherung durchbrennen lässt hätte jetzt eigentlich nicht sein müssen, aber wir finden einen Workaround und bringen das Manöver zu Ende, ersetzen dann die Sicherung und werden uns vielleicht morgen um den Fußschalter kümmern, den wir als eigentliche Ursache verdächtigen.
Strecke bis zur Ankunft: 86 sm, damit gesamt auf dieser Passage: 3.048 sm, unsere zweitlängste Passage bisher auf der gesamten Reise.
Ankunft war um 13.00 Gambierzeit (wir sind jetzt 10 Stunden hinter der deutschen Zeit). Einschließlich der durch die beiden Zeitzonen gewonnenen zwei Stunden waren wir also 24 Tage und 4 Stunden (=580 Stunden) unterwegs. Das macht 5,25 kn Durchschnittsgeschwindig-keit. Wohl der niedrigste Wert unserer bisherigen Hochseepassagen, und doch sind wir damit sehr zufrieden. Denn zum einen haben wir es damit geschafft, praktisch die kompletten Tropen von Nord nach Süd mit nur 43,4 Motorstunden zu durchfahren, wovon ja auch noch gut 8 Stunden auf das Schleppen entfallen. Vor allem aber haben wir es mit dem teilweise bewusst langsamen Segeln geschafft, alle Gewittergebiete auf dem Weg zu umschiffen.
Ankommenschluck mit der Crew der Fidelis
Wir sind ein bisschen erschöpft, glücklich und wir freuen uns darauf, mal wieder eine ganz Nacht durchzuschlafen.
🥱😴💤
Na ja, mal schauen ob das inzwischen für den frühen Morgen vorhergesagte Gewitter das zulässt, aber deutlich lieber hier als unterwegs.
Französisch Polynesien. Sinnbild der SÜDSEE. Traumziel für Segler. Spätestens seit den eng mit der Südsee verbundenen Abenteuern der französischen Segelikone Bernard Moitessier. 1965 brach er hier die geplante Weltumsegelung ab, segelte um Kap Horn herum direkt nach Frankreich zurück und schrieb darüber den Segelbestseller „Kap Horn – der logische Weg“. Noch mehr zum Sehnsuchtsort machte er Französisch Polynesien, als er 1968/69 (nach Seetagen am Kap Horn und mit dem schnelleren Schiff als der spätere Gewinner Robin Knox-Johnston) in aussichtsreicher Position liegend das Golden Globe Race abbrach, nachdem er schon fast rund um den Globus gesegelt war. Nach Rundung von Kap Horn richte er den Bug nicht etwa nach Norden zum Ziel, sondern weiter nach Osten, wiederum südlich an Afrika (Kap der Guten Hoffnung) und Australien (Kap Leeuwin) vorbei. Durch eineinhalbfache Weltumsegelung in die Südsee nach Tahiti. „Vielleicht auch, um meine Seele zu retten.“ Er verarbeitete es in seinem Bestseller „Der verschenkte Sieg“.
Beide Moitessier-Bücher hatte Wiebkes Vater in seiner Bibliothek, Wiebke hat sie schon mit 16 verschlungen, ich dann erst einige Jahre später. Mit Sicherheit haben sie einen Keim für unsere eigene Reise gesetzt.
Und natürlich wurde der Mythos der Südsee auch von anderen Seglern und Künstlern befeuert. Robert Louis Stevenson und Jack London als Segler und Schriftsteller, als Maler natürlich allen voran Paul Gaugin.
Aber natürlich ist die Südsee mehr als Französisch Polynesien und Französisch Polynesien viel mehr als nur die wohl bekanntesten Inseln Tahiti und Bora Bora. Ja was denn eigentlich?
Zunächst mal: Französisch Polynesien (kurz FP) ist französisches Überseegebiet. Innenpolitisch in weitem Umfang selbstverwaltet, aber mit von Frankreich bestimmter Außen- und Sicherheitspolitik sowie französischem Justizsystem und Erziehungswesen.
Dieser Status hat für EU-Europäer viele Vorteile, denn obwohl FP weder zur EU noch zum Schengen-Raum zählt, gelten für uns viele Regeln analog, wir dürfen z.B. anders als etwa die US-Amerikaner ohne aufwändiges „Long Stay Visa“ bis zu 18 Monate bleiben. Das ist Klasse, denn das mitten zwischen Südamerika und Australien gelegene FP ist riesengroß und ziemlich vielfältig. Zur groben Orientierung: wir sind ja Europa-zentrierte Karten und einen ebensolchen Blick auf den Globus gewohnt. Aber jetzt ist der Blick auf (aus dieser Perspektive) die Rückseite des Globus gefragt. Da sieht man zunächst fast nur Wasser. Und mittendrin:
FP wird durch fünf Inselgruppen mit 118 größeren Inseln und Atollen und unzähligen kleinen Inselchen (Motu) gebildet.
Ein Größenvergleich, um etwas deutlicher zu machen, auf wie großer Fläche sich die Inseln verteilen: so sieht es aus, wenn FP flächengleich auf Europa liegt: von Dublin bis Rom, nach Rumänien hinein und bis nördlich von Stockholm würde sich die Ausdehnung erstrecken.
Die bekanntestesten und touristisch erschlossensten Inseln Tahiti (wo über 70 % der Bevölkerung lebt) und Bora Bora gehören zur nordwestlichen Inselgruppe der Gesellschaftsinseln. Wegen ihrer Lage laufen von Osten kommende Langfahrtsegler diese Inselgruppe meist als letzte in FP an. Weniger bekannt und (wenn man nicht mit dem eigenen Boot anreist) auch schwieriger zu erreichen sind die vier anderen Inselgruppen von FP:
Die Marquesas liegen rund 1.400 km nordöstlich von Tahiti, relativ nahe am Äquator. Auf der Blauwasserroute wird diese Gruppe meist als Erste in FP angelaufen, weil sie von Panama, den Galapagosinseln oder auch Mexiko aus am einfachsten zu erreichen ist. Inseln im Marquesas-Archipel sind zum Beispiel das durch Paul Gaugin bekannt gemachte Hiva Oa oder auch Nuku Hiva. Wie fast alle Inseln in FP sind die Marquesas vulkanischen Usprungs. Hier ragen tatsächlich noch die Vulkanberge direkt aus dem Ozean. Anders als auf den Gesellschaftsinseln sind die steilen grün bewachsenen Berge noch nicht wieder abgesunken und somit auch nicht durch an den Rändern durch beim langsamen Absinken wachsende Korallenriffe geschützt. Die spektakuläre Landschaft mit den oft in Wolken gehüllten hohen Bergspitzen wird der Segler daher häufig von eher schaukeligen Ankerplätzen aus betrachten, das Anlanden mit dem Dinghy ist wegen des Schwells oft eine knifflige Sache. Dafür bieten sich aber tolle Wanderungen an den fruchtbaren Hängen, wo die Einwohner auch im Überfluss Obst und Gemüse anbauen.
Zwischen Gesellschaftsinseln und Marquesas liegen die Tuamotus. Obwohl ebenfalls vulkanischen Ursprungs, präsentiert sich diese Inselgruppe völlig anders. Keine Berge, die Vulkane selbst sind im Laufe der Erdgeschichte schon längst wieder versunken. Statt dessen: Atolle. Die am Rand der langsam versinkenden Vulkankegel emporwachsenden Korallen haben um den ehemaligen Vulkan jeweils einen Kranz von einem Riff gelegt. Die höchste Erhebung misst oft nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. 76 dieser Atolle bilden das Tuamotu-Archipel. Manche haben einen befahrbaren Pass, manche gleich mehrere, manche gar keinen. Durch den Pass zwängen sich auch die Wassermassen, es gibt also häufig in dieser Enge eine starke Strömung. Kommt man aber dort hindurch mit dem Segelboot in die flache Lagune, warten dort (je nach Wind) ruhige Ankerplätze im Inneren des Ringriffs. Palmenbestandene Sandinselchen machen hier das Idyll aus.
Die Austral-Inseln, manchmal auch Tubai-Inseln genannt, bilden das vierte Archipel in FP. Diese südlichste Inselgruppe wird von Seglern selten angelaufen, schlicht und ergreifend weil sie eben fernab der typischen Route liegt. Sie liegt über einem immer noch aktiven Hotspot und bietet 6 Eilande, darunter sowohl ungeschützte Vulkaninseln als auch Atolle, je nach Alter des Vulkans.
Tja, und dann bleiben noch die Gambier. Im Südosten von FP gelegen, aber nicht ganz soweit südlich wie etwa Rapa in den Austral-Inseln. 1.800 km ostsüdöstlich von Tahiti, etwa 1.600 km südsüdöstlich der Marquesas. Ein bisschen abseits der typischen Blauwasser-Route, aber mit etwas Aufwand eben doch noch ganz gut erreichbar. Jedenfalls dann, wenn man diese Inselgruppe als Einstieg wählt. Bedingt durch die in FP vorherrschenden Südost-Passatwinde wird es nämlich deutlich schwieriger, wenn man die Gambier von einer der anderen Inselgruppen aus anlaufen möchte. Und was macht die Gambier aus? 26 Inseln umfasst diese diamantförmige Inselgruppe. Zum Teil liegen sie als flache Erhebungen auf dem schützenden Riff, zum Teil liegen sie innerhalb der Lagune und ragen als Teile des ehemaligen Kraterrandes bis 440 m hoch hinauf in die Höhe. Das verspricht die verlockende Kombination aus geschützten Ankerplätzen, Riffen zum Schnorcheln und Bergen zum Wandern. Zudem soll hier die Heimat der schönsten dunklen Südseeperlen sein und – weil seltener besucht – gelten die Bewohner als besonders freundlich und aufgeschlossen.
Schön ist natürlich auch, das von hier aus der Besuch der Tuamotus, der Marquesas und am Ende auch der Gesellschaftsinseln seglerisch ganz gut machbar sein sollte.
Und deshalb haben wir uns trotz der etwas weiteren Anreise mit einem gegenüber den Marquesas etwas höher am Wind gelegenen Kurs (von Mexiko) für die Gambier-Inseln als unser erstes Ziel in FP entschieden.
So sieht Google Earth die Gambier:
Und jetzt sind wir gespannt. 🤩
Noch eine Nacht, morgen früh sollten wir ankommen. Wir haben durch ein Reff die Fahrt etwas verlangsamt, damit wir nicht bei Dunkelheit am Pass ankommen.
Etmal: 107 sm, gesamt bisher auf dieser Passage 2.962 sm, es verbleiben noch 83 sm bis zur Ansteuerung des Westpasses durch das Riff der Gambier, dann weiter zwischen Taravai und Mangareva hindurch bis zum Ankerplatz vor dem Hauptort Rikitea auf Mangareva.
Essen: Gebratener Rainbow-Runner mit Kartoffeln und Salat (ja, der Eisberg-Salat ist immer noch gut!).
Wind- und wettermäßig bekommen wir heute einiges geboten. Schwachwindsegeln, kurze Motorpassagen, kräftige Böen, aber auch zeitweise herrliches Segeln, alles ist dabei. Außer – dreimal auf Holz geklopft – Gewitter. Wir scheinen es ganz gut abgepasst zu haben.
An die Screenshots von http://www.windy.com habt Ihr Euch ja inzwischen gewöhnt. Hier der von gestern Nachmittag in der Einstellung Gewitter:
Und so sieht’s im Satellitenbild aus:
Und von Bord aus:
Das Schöne daran: die Vorhersage der Meteorologen tritt ein, das Band löst sich bei unserer Annäherung ganz langsam vor uns auf, die Reste ziehen ab. Sehr schön. Was bleibt, sind natürlich einige Schauer, Winddreher und auch ein bisschen Kabbelsee, vor allem in der Nacht. Und heute können wir entgegen der Erwartung eines ausgeprägten Schwachwindgebietes wiederum (jedenfalls bisher) auch immer wieder längere Abschnitte segeln, bei babyblauem Himmel vor uns und tiefblauem Ozean (und einer dunkelgrauen Wolke hinter uns).
Das Sahnehäubchen: Angelglück. Wiederum schlagen beide Ruten gleichzeitig an, wir sind offenbar durch einen Fischschwarm gesegelt. Ein Fisch geht uns vom Haken, aber direkt darauf schlägt die gleiche Rute wieder an während ich jetzt mit der anderen Angel beschäftigt bin. Interessanterweise scheint es ein gemischter Schwarm zu sein. Zunächst holen wir einen Rainbow-Runner an Bord …
… der zweite Fang ist ein Großaugen-Thunfisch:
Und am nassen Deck kann man erkennen, dass während des Filetierens ein Schauer einsetzt. das lässt sich aber bei diesen Temperaturen gut verkraften.
😊
Etmal 105 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.855 sm, noch 194 sm bis zur Ansteuerung der Gambier.
Essen: Thai-Curry mit Süßkartoffeln, Möhren und unserem eingekochten Hähnchenfleisch. Damit haben wir von allen unseren ersten Einkochversuchen aus La Paz jetzt mindestens einmal probiert und es jeweils für gut befunden. Es kann also weiter eingekocht werden.
Erste Aktion am Morgen: Code0 neu an den Furler laschen. Das hört sich einfach an und ist es eigentlich auch. Nur der Standort vor dem Bugkorb auf dem über den Anker hinausragenden Edelstahlrüssel macht das Arbeiten dort auf hoher See dann eben doch etwas aufwändiger. So haben wir es auch zunächst anders versucht und den Code0 aufs Vorschiff heruntergelassen, aber ohne die Spannung bekommen wir die Kausch des Torsionskabels einfach nicht in die richtige Position. Also wieder hoch und in verkrampfter Haltung vorm Bugkorb arbeiten. Aber nach einer Stunde ist es geschafft und wir können den Code0 wieder setzen.
Jetzt ist der Morgenkaffee aber wirklich verdient.
Alles außen am Boot klebt vor Salz. Wir kleben auch. Salz und Schweiß, die tropischen Temperaturen machen sich bemerkbar. Nächste Aktion ist also etwas Süßwasserspülung für Scheiben, Persenninge, Griffe und Edelstahlteile. Und dann für uns selbst auf dem Achterdeck.
Frühstück.
Internetrecherche über die Lasching bzw. den Furler, telefonieren und chatten mit Segelfreunden. Wetterdiskussion mit unserem Buddyboat Fidelis, die im Moment etwa 20 sm vor uns segeln.
Endlich ist die See nicht mehr so ruppig, bei diesen Bedingungen kann man doch mal wieder die Angeln ausbringen. Eine Viertelstunde später rauschen sie schon aus. Beide gleichzeitig. Zwei schöne Skipjack-Tuna sind dran, einen lassen wir aber wieder frei, der andere, etwa 56 cm lang, wird gleich filetiert. Das reicht für drei bis vier Tage.
Der Wind nimmt zu, Segelwechsel auf die Fock.
Beim Starten des Wassermacher gibt’s eine Schrecksekunde. Wahrscheinlich eine kleine Blockage (Muschel?) im Seeventil, nach Filtercheck und mehrfachem Öffnen und Schließen des Seeventils der Ansaugleitung läuft er dann doch wieder ganz normal. Ich fülle den Tank ein bisschen auf und dann auch die leer gewordenen Trinkwasserflaschen.
Wiebke backt in der Zwischenzeit Muffins (Mandel/Weiße Schokolade/Himbeer bzw. Pfirsich) und weicht außerdem schon mal Linsen für das Abendessen ein. Gestern gabs asiatische Mie-Nudeln mit Möhren und Weißkohl.
Nebenbei: Backen ist auf der Flora definitiv ein Indikator für gute Stimmung an Bord!
Ein Regenschauer kommt vorbei und klaut den Wind. Eine halbe Stunde dümpeln mit rund 3 kn. Sonnenschutz aufbauen. Dann kommt der Wind mit 10 kn zurück. Schön, jetzt können wir wieder auf den Code0 wechseln. Jetzt 13 kn, das ist mit diesem Segel schon wieder ganz schön schräg (aber schnell).
Und schon ist wieder ein Tag um.
Etmal 156 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.283 sm, rechnerisch bis Gambier noch 1.017 sm.
Auch das südliche Wolkenband der ITCZ liegt hinter uns. Wo wir gestern noch waren, bilden sich jetzt gewittrige Squalls. So weit, so gut. Der Preis dafür ist allerdings ein Kurs hoch am Wind, nicht angenehm bei weiterhin meist zwischen 20 und 25 kn Wind (AWS) und rund 3 Meter hohem konfusem Seegang. Bild insoweit fast wie gestern, nur mit mehr blau:
Am Himmel und auch am Körper, denn blaue Flecken bleiben bei diesen Bedingungen nicht aus. Das Boot stampft durch die See, wird von den einschlagenden Wellen abgestoppt und herumgeworfen, kämpft sich aber wunderbar da durch. Und der Autopilot hat sich sowieso ein Sonderlob verdient. Immer wieder spült auch eine der chaotisch quer laufenden Wellen über Deck bis zur festen Scheibe vor dem Cockpit, das will bei unserer eigentlich sehr trocken segelnden Flora schon einiges heißen.
Leben in Schräglage. Für ein paar Stunden ist das sicher ein abenteuerlicher Spaß, nach ein paar Tagen aber einfach nur anstrengend.
Immerhin, die Sonne setzt sich immer mehr durch.
Essen: Nudeln mit Pesto und der letzten frischen Tomate.
Etmal 163 sm, gesamt 1.804 sm, rechnerisch noch 1.496 sm bis Gambier, Bergfest war also schon. Auf dem aktuell direkteren Kurs wären es sogar etwa 150 sm weniger als die kalkulierten 3.300 sm.
Über die Linie. Wir sind mit Flora zurück auf die Südhalbkugel gesegelt. Zum dritten Mal haben wir den Äquator auf unserer gesamten Reise mit Flora überquert. Es gibt die obligatorische Eimerdusche, dieses Mal wieder mit Wasser aus dem Südpazifik. Ob wir wohl jemals mit allen Wassern gewaschen sind 😛?
Derzeit ist es wieder Segeln vom Feinsten (“wie klein Fritzchen sich die Seefahrt vorstellt”, hätte Wiebkes Vater gesagt). Blauer Himmel, tiefblauer Ozean, Wind um die 9 kn von der Seite, angenehme See, mitsetzende Strömung.
Sahne-Bedingungen für den Code0.
Herrlich. Nur ein fieses, quietschendes Geräusch aus dem Rigg dämpft das Vergnügen, es scheint in den letzten Tagen und Nächten lauter geworden zu sein. Schwer zu lokalisieren: sind wir im Schiff, scheint es vom Mast oder Lümmelbeschlag zu kommen, draußen sitzend haben wir eher den Baum im Verdacht. Äußerliche Schmiermittelanwendungen bringen keinen Erfolg. Wir rollen das Großsegel komplett weg (segeln also nur unter Code0). Dann schlagen wir den Bolzen aus, der an der Baumnock durch die Umlenkrolle für die Ausholleine geht. Der Bolzen sieht ziemlich angegriffen aus. Dafür haben wir aber keinen passenden Ersatz an Bord. Wir reinigen ihn mit feinem Schmirgelpapier, fetten ihn und setzen ihn umgedreht wieder ein, so dass die Rolle jetzt auf einer anderen Stelle des Bolzens dreht. Auch die Rolle wird gereinigt und gefettet. Alles wieder zusammenbauen und …
Himmlische Ruhe! Hoffentlich bleibt das so.
Essen: Indisches Fisch-Curry. Damit sind unsere Fischvorräte aufgebraucht (allerdings reicht die Portion auch noch für heute), es dürfte wieder einer beißen.
Etmal 167 sm, gesamt 1.493, rechnerisch bis Gambier 1.807 sm.
Das Gewitterband liegt hinter uns, die Flaute vor uns, wir sind schon mittendrin, haben die die Innertropische Konvergenzzone ITCZ erreicht. Dankeschön für Euer Daumendrücken, es hat scheinbar geholfen. Wir kommen ohne Blitzlichtstakkato richtig gut durch. Das Gewitterband hat sich abgeschwächt, wir kriegen nur ein paar kräftige Regenschauer ab. Ansonsten können wir den Weg perfekt durch die Lücke in den Wolkentürmen steuern. Und bekommen sogar noch einen Skipjack an den Haken, der erste Angelerfolg seit Mexiko.
Die Nacht hindurch haben wir dann auch noch etwas Wind, gerade ausreichend zum Segeln. Seit heute Morgen um 6:30 läuft der Motor. Flaute.
Zeit, mal wieder etwas klar Schiff zu machen. Vom Schräglagen/Kirmes-Schaukel-Modus in den “nur sanft gewiegt”-Modus zu wechseln, die vom dauernden Abstützen gestressten Muskeln zu entspannen. Frisches Granola zu machen, Kuchen zu backen.
Nach der Vorhersage werden wir wohl rund einen Tag motoren, bevor wir dann hoffentlich wieder Segelwind finden. Für etwa 5 Tage durchgängiger gemäßigter Motorfahrt ist unser Dieselvorrat ausgelegt, das sollte also kein Problem sein.
Etmal 113 sm, gesamt auf dieser Passage 1.046 sm (damit die ersten 1.000 geknackt), rechnerisch noch 2.254 sm bis Gambier.
Die Sprayhood weggeklappt, die Mittelscheibe aufgestellt, das Groß nur als Stützsegel, so motoren wir heute durch die tropische Flaute.
Gestern hatten wir uns noch über die nur mäßig bewegte See gefreut, heute sieht das etwas anders aus. In die Nacht geht es mit zunehmendem Wind, vorsichtshalber schon mal mit 1. Reff im Großsegel.
Und das ist gut so, es frischt während der Nacht weiter auf und auch die See nimmt zu. Nichts dramatisches, der Wetterbericht spricht von 3 m Wellen, aber in 15 Sekunden Frequenz. Also eher lange, nicht sonderlich steile Wellen. Wir schätzen sie in der Höhe sogar eher niedriger, aber leider laufen sie mit der Windsee (also den vor Ort durch den hier herrschenden Wind aufgeworfenen Wellen) ein bisschen durcheinander. Das sorgt für ein eher chaotisches Wellenmuster mit reichlich Hin- und Her-Schwanken der Flora. Auch im Boot will jede Bewegung durch gutes Festhalten abgesichert sein. Es ist anstrengend, gerade weil die Bootsbewegungen so wenig vorhersagbar sind.
Decksdusche dieses Mal daher auf den Heckkorb-Sitzen.
Wir kommen flott voran, derzeit mit der Fock an Steuerbord (und nicht mehr Schmetterling), das Großsegel ist weiter im 1. Reff.
Immer wieder spritzen große Schwärme von fliegenden Fischen vor Floras Bug zur Seite davon. Oft segeln die Fische dabei 50, manchmal 100 m weit. Manchmal schlagen sie mit ihrem Schwanz auf eine Wellenkamm und holen so noch ein paar weitere Meter Gleitphase heraus. In den letzten Tagen mussten wir allerdings auch morgens zumeist getrocknete Fliegende Fische und getrocknete Squids einsammeln, die sich in der Nacht auf Floras Deck verirrt hatten.
Jetzt, zum Mittag, wird vor uns der Himmel grau, es bauen sich Regenwolken auf, erste Vorboten des Übergangs in den Kalmengürtel, den wir vermutlich zum Wochenende erreichen.
Etmal 157 sm, gesamt 784, rechnerisch 2.516 sm bis Gambier.