Whangārei Harbour

Die Stadt Whangārei liegt etwa 20 km von der eigentlichen Ostküste Neuseelands entfernt im Landesinneren. Und doch liegt sie direkt am Wasser, denn der Hātea River verbreitert sich gleich hinter der Stadt fast seeartig. Jedenfalls bei Hochwasser, obwohl selbst dann die Mangroven schon einen Teil des Überflutungsgebietes bedecken. Bis es dann an den Felsformationen der Whangārei Heads wieder eine schmale Flussmündung wird, ergibt sich eine weitläufige Wasserfläche mit vielen Buchten, eben der Naturhafen Whangārei Harbour.

Bei Ebbe allerdings zeigt sich ein ganz anderes Bild. Etwa zwei Meter beträgt der Tidenhub, aber das reicht aus, um die Landschaft völlig zu verändern. Sandbänke und Inselchen tauchen bei Ebbe auch im äußeren Teil des Whangārei Harbour auf, der innere Teil fällt sogar auf etwa Dreiviertel seine Fläche trocken. Ein schmales, gut betonntes Fahrwasser führt unter einer auf Anforderung öffnenden Klappbrücke hindurch bis zum Ort, aber selbst das ist für Kielboote wie unsere Flora nur um Hochwasser herum sicher zu befahren.

Da ankern wir doch lieber erst einmal im äußeren Whangārei Harbour, gleich hinter den Whangārei Heads.

Ein wunderschöner Ankerplatz, wobei die lokalen Boote an Bojen in Wassertiefen liegen, die für Flora bei Ebbe schon grenzwertig flach sind. Der Blick in die andere Richtung zeigt die Wattbereiche am Ufer noch deutlicher und lässt auch ein paar der bei Ebbe auftauchenden Sände erkennen.

Vom Ankerplatz setzen wir mit dem Dinghy zu einem öffentlichen Landesteg am Ufer über. Mehrere Wanderwege führen am Wasser entlang und auch hinauf zu den verschiedenen „Heads“. Wir entscheiden uns mit Rücksicht auf unsere untertrainierten Beine für den Weg auf den nur 210 m hohen Mt. Aubrey. „Moderately challenging“. Wir schnaufen trotzdem ganz ordentlich, denn der abwechslungsreiche Pfad führt teils auf Schotter, teils als gemähte Schneise durch Wiesen, größtenteils aber treppauf – treppab am steilen Mt. Aubrey entlang und durch den Wald auf seinen Felsengrat hinauf. 91 Stockwerke erkennt die Bewegungsapp im Handy daraus.

Spannend dabei ist für uns auch die bunte Mischung der Flora und Fauna zwischen heimatbekannt und exotisch. Wir sehen Amseln, Schwalben und Spatzen und wir hören zu unserer Überraschung tatsächlich einen Kiwi ausdauernd rufen (sehr charakteristisch irgendwo zwischen Schrei und Pfiff), zu sehen bekommen wir den eigentlich überwiegend nachtaktiven flugunfähigen Nationalvogel Neuseelands leider nicht.

Auch die Pflanzenwelt überrascht mit dem Nebeneinander von aus unserer Heimat bekanntem Hahnenfuß, Schafgarbe und Jungfer im Grünen neben exotischen Gewächsen, von denen allerdings viele (wie das weißblühende und für Pferde tödliche Crofton Weed) keineswegs heimisch in Neuseeland und eben manchmal auch gefährlich sind. Aber auch der wegen seiner Farbe und Blütezeit so benannte „Neuseeländische Weihnachtsbaum“ Pōhutukawa ist dabei.

Vielleicht ist es auch diese Melange aus heimatlich Vertrautem und Neuem die dazu beiträgt, dass wir uns hier in Neuseeland auf Anhieb richtig wohl fühlen.

Wenn das so ist, will das Wetter jedenfalls auch nicht zurückstehen. Während ich das schreibe, prasselt der Regen auf die Flora, die Kuchenbude ist aufgebaut, es ist kalt geworden. Heimatliches Hamburger November-Schmuddelwetter im Süd-Frühling in Whangārei.

😉

Gratulation!

Unser Verein Trans-Ocean versteht sich als Netzwerk von und für Hochseesegler. Ein Clubhaus gibt es nicht, vielmehr gilt: wo immer sich TO-Mitglieder treffen, lebt der Verein. Das kann in der Vorbereitung und beim Losfahrer-Treffen sein (so war es bei uns auch) oder unterwegs, wie wir es ebenfalls schon öfter erlebt haben, die Welt ist eben manchmal ein Dorf.

Einmal im Jahr gibt es in Cuxhaven eine Jahresversammlung, dort waren wir allerdings noch nie. Spannend wäre es sicher, schließlich treffen sich dort Langfahrtsegler mit den unterschiedlichsten Routen und Erfahrungen. Wie unterschiedlich, das zeigt sich insbesondere bei der Verleihung der Preise, die für Weltumseglungen und für andere herausragende seglerische Leistungen vergeben werden.

Dieses Jahr gibt’s hier in Whangārei eine Besonderheit: Rolf und Wolf von der Boaty McBoatface organisieren im Aufenthaltsraum der Town Basin Marina ein gemeinsames Frühstück (wegen der Zeitverschiebung) und Anschauen des Livestreams aus Cuxhaven. Neben uns von der Flora finden sich auch noch die TO-Crews der Barbarella, der Paikea, der Ziganka, der Mona Nui und der Nehaj ein, sieben Vereinsboote!

Der eigentliche Kracher aber ist, dass Susanne Huber-Curphey, die Einhandseglerin von der Nehaj, in diesem Jahr mit dem TO-Preis ausgezeichnet wird. Nonstop eineinhalb Mal um die Welt, über 33.000 Seemeilen, von den Azoren um den Erdball und danach noch einmal ums Kap der guten Hoffnung und weiter bis Neuseeland, 270 Tage allein an Bord. Das muss gefeiert werden und genau das tun wir jetzt gemeinsam hier in Whangãrei.

Kaum zu fassen, aber das ist weder Susannes erste (Einhand-)Weltumseglung noch ihr erster TO-Preis. Diese Power-Frau ist auch schon einhand durch die Nordwestpassage gesegelt und seglerisch einfach daueraktiv.

Hut ab und ganz herzliche Glückwünsche!

Whangãrei: erste Eindrücke

Wir lassen es wirklich ruhig angehen, bewegen uns zunächst kaum von der Marsden Cove Marina weg. Weil wir durchschnaufen, wirklich ankommen wollen. Aber auch auch, weil es uns hier richtig gut gefällt. Der Service, das Marina-Personal und auch die Einrichtungen selbst sind klasse. Die Waschmaschinen im Marinagebäude nutzen wir ausgiebig. Mit unserer Einschätzung sind wir nicht alleine, die Seglercommunity fühlt sich offenbar wohl hier. Viele verlängern über die ursprünglich gebuchten ersten Tage hinaus. Klar, dass dann auch eine kleine Party auf dem Grillponton nicht fehlen darf:

Erst nach ein paar Tagen im Hafen zieht es uns dann doch zumindest für einen ersten Besuch auch hinüber in die Stadt Whangārei.

Bis dahin sind es allerdings 36 km. Wir wollen ein Auto mieten, der kleine Bootsausrüster am Hafen hat wohl auch ein paar Mietwagen. Leider scheinbar nicht genug, alle sind schon weg. Aber Paul vom Bootsausrüster hilft uns trotzdem: „Nehmt einfach mein Auto, ich brauch den Wagen am Wochenende nicht und hab auch noch einen anderen.“

Und so fahren Wiebke und ich am Samstag mit Pauls Auto nach Whangārei. Die Strecke führt teils am Hātea River entlang, teils auch durch die sumpfige Mangrovenlandschaft seiner Nebenflüsse, größtenteils aber durch malerisch hügelige Wiesen, auf denen unzählige Kühe grasen. Ja, Kühe 🐄 . Neuseeland ist zwar bekannt dafür, viel mehr SCHAFE 🐑 als Einwohner zu haben. Das ist auch durchaus noch immer so, aber bei weitem nicht mehr so extrem wie früher. 1982 kamen auf jeden Einwohner statistisch 22 Schafe (es gab 70 Millionen Schafe bei etwas über 3 Millionen Menschen). Heute sind es „nur“ noch gut 23 Millionen Schafe bei gut fünf Millionen Einwohnern, also statistisch etwa 4,5 Schafe pro Einwohner. Und tatsächlich ist einer der Gründe dafür, dass viele Landwirte auf Milchwirtschaft umgestellt haben. Auf unserer Fahrt sehen wir jedenfalls weitaus mehr Kühe als Schafe, aber das kann regional sehr unterschiedlich sein. Zumal ja auch der Ort Whangārei alles andere als typisch ist für „Northland“, den Verwaltungsbezirk im Norden der Nordinsel Neuseelands. Bei einer Fläche von fast 14.000 Quadratkilometern hat Northland nämlich nur etwa 200.000 Einwohner, davon aber allein 56.000 in seiner größten Stadt, eben Whangārei. Weitere Orte mit über 10.000 Einwohnern gibt es hier nicht. Der Norden ist überwiegend dünn besiedelt und ländlich geprägt.

Zunächst fahren wir durch Whangārei hindurch und eben nördlich der Stadt ein bisschen den Berg hinauf. Unser erstes Ziel sind die Whangārei Falls, wo der Hātea River über eine Klippe 26 m in die Tiefe stürzt.

Besonders schön ist, das wir in dem angrenzenden Schutzgebiet auch gleich eine schöne Wanderung machen können. Wir wählen von mehreren Möglichkeiten wegen unserer das Wandern einfach nicht mehr gewohnten Beine den einfachen Weg am Flussufer entlang. Er ist gesäumt von Wald, der überwiegend aus Baumfarnen und Kauri besteht. Die hohen und teilweise uralten Kauri-Bäume werden von den Maori verehrt und spielen in der Mythologie der Neuseeländischen Ureinwohner eine wichtige Rolle. Von den europäischstämmigen Siedlern wurden die Kauri-Wälder aber wegen ihres hochwertigen Holzes stark dezimiert. Inzwischen stehen sie unter Naturschutz, sind aber einer anderen Bedrohung ausgesetzt. Ein Wurzelfäule verursachender Pilz führt zu Kauri-Sterben. Um den Pilz aufzuhalten, gibt es vor Waldgebieten mit Kauris Desinfektionsstationen für die Schuhe der Wanderer.

Die Wege dürfen nicht verlassen werden und keinesfalls sollte man auf die Wurzeln von Kauris treten.

Faszinierend sind aber auch die Baumfarne, sogar die hohlen Baumfarn-Stümpfe mit ihren Mustern:

Und nach der Waldwanderung geht’s dann doch in die Stadt Whangārei mit ihrem historischen Zentrum am Town Basin. Segelboote liegen hier an Schwimmstegen oder Dalben im etwas tieferen Wasser des Hātea River. Das Town Basin ist für die meisten Boote allerdings nur um Hochwasser herum zu erreichen, wobei zusätzlich die Öffunung der die Zufahrt versperrenden Klappbrücke abgepasst werden muss.

Viele andere Bereiche zeigen bei Ebbe nur noch den schlammigen Grund, die Bootshäuser scheinen dann teilweise hoch oberhalb des Wassers zu stehen. Flachgehende Boote fallen im Tidenbereich trocken.

Nicht eben einfach zu navigieren, aber doch schiffbar und eben sehr geschützt ein gutes Stück inland vom zuweilen rauhen Südpazifik entfernt.

Es sieht pittoresk aus und lässt erahnen, warum sich gerade hier dann eben doch eine schmucke Kleinstadt gebildet hat.

Einklariert am anderen Ende der Welt

Das ist eine neue Gefühlsdimension für uns. Erstmals haben wir uns mehr Gedanken über das nachfolgende Einklarieren nach NZ als über die als manchmal durchaus knifflig bekannte Passage hierher gemacht. Und ja, auch die Passage hat uns sehr wohl beschäftigt. Aber alles in allem war sie dann (für uns) weniger problematisch als erwartet, einzig das aus den Erfahrungen der anderen Segler genährte „da könnte noch was kommen“ zehrte etwas an den Nerven. Insbesondere für die von Fiji herunter kommenden Boote, aber auch für einige gar nicht weit von uns entfernte Segler aus Tonga hatte das Wetterfenster ja tatsächlich einige unangenehme Überraschungen parat.

Und das Einklarieren?

Nach einer super ruhigen Nacht am Quarantänesteg der Marsden Cove Marina klingelt der Wecker. Statt im Bett gibt’s den Kaffee diesmal im Cockpit, wer weiß, wann die Offiziellen ankommen.

Das neuseeländische (Papier-)Formular „Masters-Declaration for full Biosecurity Clearance“ haben wir in Tonga beim Bootsausrüster kostenlos in die Hand gedrückt bekommen. Neben diversen anderen Angaben sind auf Seite 3 diverse möglicherweise problematischen Produkte aufgeführt und sollen eingekreist werden, weitere Ergänzungen sind in einer Extraspalte zu machen. Selbst Reis findet sich auf der Liste.

Wir füllen das Formular schon mal aus, es bleiben aber einige Fragen. Müssen wir wohl mit dem Officer klären.

Wiebke sortiert unsere Lebensmittelbestände nochmal komplett durch. Alles, was den Argwohn des MPI hinsichtlich der strengen Biosecurity-Vorschriften erwecken könnte, wird auf dem Salontisch aufgebaut. Die Gewürze der Pantry werden ebenfalls selektiert: gemahlene Gewürze bleiben im Schapp, alles was keimen könnte (Koreandersamen, Fenchelsamen, Nelken, Sesam, Senfkörner etc., selbst Nichtgewürze wie Popcorn-Maiskörner) werden herausgestellt.

Und ich stelle aus den Unterwasser-Videos und Fotos sowie den bereits eingereichten Formularen nochmal einen Präsentationsordner auf dem iPad bereit.

Tatsächlich kommt das MPI zuerst: ein Officer mit an einem Gestänge montierter GoPro und Unterwasserlampe kommt durch das Quarantänetor und direkt zu unserem Boot (insgesamt 11 Boote haben sich hier im Laufe der Nacht eingefunden). Er drückt uns die Masters Declaration in die Hand, aber die haben wir ja schon. Dann verschwindet er nochmal kurz. Inzwischen trifft auch der Zöllner ein. Ich beantworte Cockpit seine Fragen, Wiebke zeigt derweil dem MPI-Officer die (ja vorab elektronisch übermittelten, aber für ein Pre-Approval als nicht ausreichen klassifizierten) Unterwasserfotos auf dem iPad. Das genügt ihm, er hält nicht einmal mehr die GoPro ins Wasser. Kein Emergency-Haul-Out nötig, das sieht doch sehr gut aus. Da fällt uns schon mal ein Stein vom Herzen.

Wiebke und er wenden sich jetzt den Lebensmitteln zu.

Auch das läuft extrem entspannt ab, die ordentliche Vorbereitung findet er offenbar gut. Kein Durchstöbern aller Schapps, kein Anheben der Bodenbretter, nicht mal ein Blick in den Kühlschrank. Zudem wandert weit weniger als befürchtet in den Biosecurity-Abfallsack zur (kostenlosen) Entsorgung, die Gewürze z.B dürfen praktisch alle an Bord bleiben. Bei Dosen wird nur eine Linsensuppe mit Chorizo konfisziert. Und der Popcornmais muss auch weg.

Und auch der freundliche Zöllner hat seinen Fragenkatalog abgearbeitet, gibt mir inzwischen Reisetips für Neuseeland und für unser im nächsten Jahr folgendes Reiseziel Fiji.

Nach einer dreiviertel Stunde sind wir durch. Einklariert. Die gelbe Quarantäneflagge kann runter, die Gastlandsflagge für Neuseeland weht jetzt unter der Steuerbordsaling.

Ein weiterer Stein plumpst vom Herzen. Die müssen in Neuseeland doch echte Steinlager haben …

Haben sie tatsächlich!

Steinlager Bier, gebraut in einem Vorort von Auckland, ist international auch bekannt geworden durch das Whitbread Round the World Segelrennen 1989/90, das der legendäre Peter Blake auf der STEINLAGER II gewann. Zudem in der Folge als einer der Hauptsponsoren bei den erfolgreichen neuseeländischen Kampagnen im America‘s Cup. Der Rumpf der NZL 60, die im Jahr 2000 die „bodenlose Kanne“, diese wohl älteste Segeltrophäe für den Gewinn des America‘s Cup nach Neuseeland holen konnte, steht heute aufgebockt hier am Hafen. Perfekt im Blickfeld vom Grillponton aus.

Geschichten und Geschichte.

Wir chillen, kommen ganz langsam hier in Neuseeland an. Kneifen uns, es fühlt sich so unwirklich an. Entspannt. Stressfrei. So einfach. Mal eben im kleinen Supermarkt am Hafen grünen Spargel kaufen zum Grillen mit dem Fisch, den uns Iain und Brioni von der Indioko (red-seas.com) geschenkt haben.

Ziemlich schwer zu fassen ist auch, jetzt am anderen Ende der Welt angekommen zu sein. Vor gut sechs Jahren sind wir an Gibraltar vorbei aus dem Mittelmeer hinausgesegelt. Würde man hier im Norden Neuseelands ein Loch gerade durch den Erdmittelpunkt bohren, käme man in Gibraltar wieder heraus. Die beiden Orte sind Antipoden, mit gleicher geographischer Breite (nur eben einmal auf der Nord- und einmal auf der Südhalbkugel) und um 180 Grad versetzter geographischer Länge. Und wir sind wirklich hier her gesegelt.

Kneif mich noch mal.

Passage Minerva nach NZ: Tag 6, Ankunft in NZ

Es bleibt durchwachsen. Erstmal segeln wir weiter unter der dicken grauen Wolke von gestern und so geht es auch in die Nacht. Der Wind dreht allerdings, zum Wachwechsel um 22.00 Uhr beschließen wir, den Spibaum zu setzen um vor dem Wind Schmetterling segeln zu können. Das hält dann auch bis zum Morgen durch, wenn auch bei leider abnehmendem Wind. Um 07.00 nehmen wir den Motor dazu. Eine Neuheit für uns, Motorsegeln vor dem Wind, aber nur so können wir eine Ankunft in Marsden Cove bei Tageslicht sicherstellen.

Zwischendurch können wir nochmal eine Zeitlang segeln, dann wird es doch wieder motorsegeln. Immerhin, wir sind inzwischen südlich der grauen Wolkenfront.

Und dann zeichnen sich langsam Umrisse am Horizont ab. Neue Wolken? Auch, aber: Nein. Land in Sicht! NEUSEELAND.

Am Nachmittag laufen wir an den Klippen der Whangārei Heads in den Hãtea River ein. Ein Orca zeigt kurz seine markante Rückenflosse, will sich aber leider nicht fotografieren lassen. Und wir sehen erstmals Austral-Tölpel, nahe Verwandte der für Helgoland so typischen Basstölpel, denen sie auch sehr ähnlich sehen.

Ein kleines Stück geht es flussaufwärts, links Industriekaianlagen, rechts aber wunderschöne Landschaft.

Wir biegen ab in den schmalen Kanal, der zur Marsden Cove Marina führt. Der Hafenmeister weist uns einen Platz im Quarantänebereich zu. Die Abfertigung wird heute nicht mehr erfolgen, MPI und Zoll kommen dann morgen früh an Bord.

Macht überhaupt nichts. Wir sind superglücklich, hier zu sein.

Essen: unterwegs Rührei mit einigem von dem, was das MPI uns morgen sonst wegnehmen würde, z.B. Datteln und Speck. Und heute Abend Nudeln mit Pilz-Sahne-Soße. Wie ein Kessel Buntes eben, passt doch ganz gut zu dieser ziemlich abwechslungsreichen Passage.

Strecke seit gestern 202 sm (in 31 Std), gesamt 761 Seemeilen.

Passage Minerva nach NZ, Tag 5

Per Express durch das Grau.

Der Wind dreht endlich von NNE auf Ost und nimmt dabei kräftig zu. Für einige Boote um uns herum etwas zu kräftig, manche berichten von Böen um 45 kn. Über die WhatsApp-Gruppen erfahren wir von mehreren ausgefallenen Autopiloten und vom Wellengang weggerissenen Starlink-Antennen. Eines der Boote erleidet gleich beide Defekte. Wir sind in UKW-Reichweite und geben ihre Position und die Meldung, dass es ihnen gut geht an ein befreundetes Boot weiter. Die informieren dann den Shore-Contact des Bootes.

Es hat auch Vorteile, in einem großen Schwarm Zugvögel unterwegs zu sein.

Durch die großen Icons wirkt das allerdings wesentlich enger, als es tatsächlich ist. Wir haben heute wieder nur ein einziges anderes Boot sehen können.

Jedenfalls sind wir gewarnt, Reffen sehr früh und sehr tief. Mit drittem Reff im Groß und etwas eingereffter Fock geht es in die Nacht. Tatsächlich werden es für uns nur um die 30 kn in den Böen bei konstant zwischen 20 und 24 kn Wind. Etwas achterlicher als halb, das sorgt trotz der tiefen Reffs für eine sehr flotte Fahrt. Maximal rutschen wir mit 12,6 kn eine Welle herunter, meist sind wir mit 7 bis 8 kn unterwegs.

Es wird weiterhin kälter. Lange Hosen und sogar Socken kommen heraus, für die Nachtwache im Cockpit zusätzlich (trotz aufgebauter Kuchenbude) noch eine Fleecedecke.

Etmal: 150 sm, gesamt 559 sm. Noch 210 Seemeilen zu segeln bis Whangarei/NZ.

Essen: Wiebke hatte gestern in weiser Voraussicht auf die zu erwartende Schaukelei gleich einen großen Topf Curry gekocht. Also nochmal Thaicurry mit Kürbis, lila Süßkartoffeln, Paprika und Marlin (noch eingekocht aus dem Fang von Joe in den Tuamotus, leider das letzte Glas).

Passage Minerva nach NZ, Tag 4

Das Wetter ändert sich. Es wird kälter und vor der Flora taucht ein dunkles Wolkenband auf, das zur Vorsicht mahnt.

Auf Windy.com schauen wir uns das aktuelle Satellitenbild und die dazugehörige Vorhersage für Regen und Gewitter an.

Hm. Wir bauen die Kuchenbude auf und machen das Cockpit regendicht. Das Wolkensystem ist beeindruckend groß, aber wenn wir uns beeilen, sollten wir vor den Gewitterzellen durch das Regenband durch sein. Also trödeln wir nicht, als der Wind nachlässt, sondern werfen wieder den Motor an.

So geht es abwechselnd Motoren und segelnd in und durch die Nacht.

Tatsächlich erwischt uns (jedenfalls bisher) kein Gewitter. Südlich des Regenbandes sollte eigentlich nach einer Schwachwindphase starker Südostwind einsetzen. Allerdings spüren wir davon bis jetzt nichts. Vielmehr dreht der Wind anders als vorhergesagt im Lauf der Nacht auf NNE und kommt damit genau von hinten, in Verbindung mit der höher werdenden Dünung aus SE ergibt das eine unangenehme chaotische See, Flora wird hin und her geworfen.

Etmal in den letzten 24 Stunden: 129 sm, gesamt 409 sm. Noch zu segeln bis Whangarei 370 sm, wir hatten also schon Bergfest.

Essen: Thai-Curry mit Kürbis (der musste schließlich zu Halloween mal angeschnitten werden und findet sich deshalb in den letzten Tagen öfter auf unserem Speiseteller).

🎃

Passage von Minerva nach NZ, Tag 3

Kontraste.

Der Morgen beschenkt uns mit leichtem Wind, kurz segeln wir mit Code0 auf Halbwindskurs, dann raumt die leichte Brise etwas mehr und wir können auf unseren blauen Gennaker wechseln.

Langsam gleiten wir bei Sonnenschein über das tiefblaue Wasser. Wie das flappende Großsegel auf dem Bild schon andeutet: das leise Lüftchen reicht gerade so eben, um die Segel einigermaßen zu füllen. Immerhin, ein paar Stunden steht sie durch. Dann färben Schleierwolken den Himmel langsam von blau auf grau und die Brise wird zu einem Hauch, schläft schließlich völlig ein. Wir werfen den Jockel an und motoren durch die Flaute.

Es ist schon erstaunlich, was das weite Meer mit uns macht.

Bei Starkwind und hohen Wellen beansprucht das Boot, das Segeln, das Funktionieren den Großteil von uns. Das Außen hält uns auf Trab, es lässt nicht viel Platz für anderes. Bei Flaute aber scheint die Zeit still zu stehen. Egal ob wir dümpeln oder hindurchmotoren, es ist als lasse uns der Ozean hinter unsere Fassaden schauen. So, als wäre die glatte Wasseroberfläche gleichsam auch das Symbol für den Spiegel in unser Inneres.

Ein Hörbuch und zwei damit scheinbar überhaupt nicht zusammen hängender Diskurse beim Abtrocknen und beim Vorbereiten des Angelhakens machen deutlich, wie sehr diese Flaute uns auf uns selbst zurückwirft. Urplötzlich reißt die alte und fast geschlossen geglaubte Wunde unserer ungewollten Kinderlosigkeit auf, bringt Trauer, diffuse Schuldgefühle, Schmerz wieder ans Licht. Der erste Impuls ist Rückzug. Aber Flora hilft uns. In der relativen Enge des Bootes ist es schwer, sich abzukapseln. Wir reden. Liegen uns in den Armen. Finden wieder einen Weg, gemeinsam mit den schmerzhaften Gefühlen umzugehen, die aber eben auch zu unserem Leben dazugehören.

In der Nacht setzt das Wetter dann nochmal einen Kontrapunkt. Ich habe mich kaum in meiner Freiwache schlafen gelegt, als der Wind zurückkommt. Von achterlichen 4 Knoten steigt er auf gut segelbare 10 kn an. Also „all hands on deck“, wir setzen die Segel, binden sogar rein vorsichtshalber ein erstes Reff ins Groß. Eine halbe Stunde später stehe ich wieder im Cockpit. In Böen pfeifen jetzt 26 kn im Rigg und wir laufen inzwischen hoch am Wind. Safety first, wir gehen gleich ins dritte Reff. Eine gute Stunde später hat der Wind gedreht und etwas abgenommen, wir wenden und wechseln aufs zweite Reff.

Beim Wachwechsel herrscht dann wieder Flaute, also Segel weg und Motor an für den Rest der Nacht.

Seit heute Früh segeln wir wieder, hoch am Wind bei Vollzeug.

Etmal: 112 sm, gesamt bisher 280 sm. Noch zu segeln bis Whangarei voraussichtlich 510 sm.

Essen: Kürbisrisotto mit Datteln im Speckmantel.

Passage von Minerva nach NZ, Tag 2

Geduldsprobe.

48 Stunden halten wir durch, segeln langsam unserem Ziel Neuseeland entgegen. Eigentlich nicht einmal das, denn wir setzen einen südlicheren Kurs, fahren also einen kleinen Umweg. Das bringt uns etwas vorlicheren Wind jetzt (bei dem Leichtwind ein Vorteil) und wir spekulieren auf einen besseren (nämlich raumeren) Winkel für den später auf der Passage vorhergesagten stärkeren Wind.

Durch die Dünung des Pazifiks neigt das Großsegel dazu, in der Welle deutlich einzurucken, der Baum knallt dabei in die zuvor lose gekommene Großschot. Einen Bullenstander zum Fixieren des Baums können wir auf diesem Kurs nicht setzen, also lassen wir uns eine andere Variante einfallen, auch wenn die sicher nur für längere Leichtwindstrecken ohne ständiges Trimmen des Großsegels geeignet ist. Aus dem Ersatzgummi für unsere Harpune basteln wir einen Rückdämpfer für die Großschot.

Für uns funktioniert das ganz gut. Allerdings nur, bis der Wind raumt und wir vor den Wind gehen müssen.

Langsam ist eigentlich noch geschönt. Es ist Schleichfahrt auf Schmetterlingskurs. Aus 5 bis 6 kn achterlichem wahren Wind machen wir 3 kn Fahrt. Eigentlich schon ganz beeindruckend: 3 kn Fahrt bei 3 kn scheinbarem Wind. In Böen bis 8 kn werden sogar über 4 kn Fahrt durchs Wasser daraus. Nur reduziert der Gegenstrom die Fahrt über Grund dann trotzdem auf kaum über 3 kn. Aber immerhin: 2 Stunden solcher Schleichfahrt unter Segeln bedeuten streckenmäßig, eine Stunde weniger motoren zu müssen. Und wir haben es ja nicht eilig.

Heute Früh beim Wachwechsel machen wir dann aber doch den Motor an. Der Gegenstrom ist wieder auf einen Knoten angestiegen, der Wind fast ganz eingeschlafen. 0,8 Knoten Fahrt über Grund sind einfach zu deprimierend.

Wir sind aber in guter Gesellschaft. Obwohl wir in der Blase unseres Horizonts kein einziges anderes Segel erspähen können, wissen wir doch den Schwarm der segelnden Zugvögel um un herum. Wie die Gänse in V-Formation streben auf MarineTraffic gut sichtbar die pinken Dreiecke der Langfahrer aus Fiji und Tonga nach Neuseeland ins Winterquartier. Oder ins Südhalbkugel-Sommerquartier, je nach Definition.

Und wir sind mittendrin.

Etmal: Minus-rekordverdächtige 73 Seemeilen in den letzten 24 Stunden über Grund, ziemlich genau 3 kn im Schnitt.

Essen: Frisch gemachte Linsensuppe mit selbstgemachten Fenchel-Mettbällchen (die Crew der Naida hatte uns vor der Abfahrt aus Minerva gefrorenes Hackfleisch aus ihrem Überbestand geschenkt).

☺️

Passage von Minerva nach Neuseeland, Tag 1


Wir segeln, zwar langsam, aber wir segeln und das bei herrlichem Wetter.


Der Wind ist schwach, meist zwischen 7 und 10 Knoten. Immerhin reicht das unter Groß und Code0, um nicht Motoren zu müssen, zumal die See auch angenehm ruhig ist. Allerdings haben wir eine Gegenströmung von jetzt noch 0,7 kn, zwischendurch war es mehr als ein Knoten. Das macht sich natürlich im Verhältnis zu der langsamen Fahrt besonders bemerkbar. Also zupfen wir ein bisschen mehr als sonst auf Passage üblich an den Schoten, so legen wir in den ersten 24 Stunden dann doch immerhin 95 Seemeilen zurück.

Der Strömung können wir übrigens kaum ausweichen, die Darstellung der Strömungsverhältnisse (auf Windy.com) gleicht eher einer surrealistischen Malerei und die kleinen Kringel verändern sich ständig:

Anders als ursprünglich geplant werden wir aber wohl nicht nach Opua (Bay of Islands) gehen, sondern direkt nach Marsden Cove / Whangarei. Der Grund ist, dass wir bisher trotz dreimaliger Übermittlung von Unterwasservideos und ergänzenden Unterwasserfotos kein Pre-Approval von der Biosecurity haben. So, wie die neuen Regeln zumindest am Anfang dieser Ankunftssaison angewendet wurden, wäre das etwa ein 1/3 Risiko dafür, im Ankunftshafen sofort aus dem Wasser gekrant werden zu müssen. In Opua würde das bedeuten, dass wir auch noch einen Rigger bezahlen müssten um das Vorstag abzubauen, weil sie dort ansonsten nur bis 40 Fuß rausnehmen können. Oder rückwärts, aber dann wäre unser Windgenerator im Weg. Um diese zusätzliche Komplikation zu vermeiden haben wir uns lieber für Marsden Cove/Whangarei als Ankunftsort in Neuseeland entschieden.

Die Planung für die Passage ist auch so schon komplex genug. Es sind nur rund 850 Seemeilen von Minerva bis nach Whangarei, aber die Wettersysteme verändern sich in diesem Bereich sehr schnell. Der Wendekreis des Steinbocks (also der südlichste Breitengrad, auf dem die Sonne mittags im Zenit stehen kann) verläuft in etwa in Höhe des Minerva Riffs. Mit der Passage verlassen wir also jetzt definitiv die relativ klimastabilen Tropen. Die Temperaturschwankungen (auch zwischen Tag und Nacht) nehmen spürbar zu und die weit südlich durchziehenden Sturmgebiete beeinflussen mit ihren Ausläufern die Windverhältnisse um so kräftiger, je weiter wir nach Süden kommen.

Aktuell sieht der Wind zwischen unserer Position (weißer Punkt in dem grünblauen Schwachwindbereich) und Neuseeland so aus:

Auffällig ist dabei der schmale blaue „Flautenfluss“ links in der Mitte des Bildes. Nördlich davon herrscht Nordwestwind, südlich davon Südostwind. Schaut man auf die Böen, wird vor dem Nordkap Neuseelands ein Bereich mit bis zu 45 Knoten (Windstärke 9) ausgewiesen. Er zieht nach Osten ab, quert also unsere Route.

Die Abfahrt haben wir deshalb so geplant, dass dieser Bereich vor uns durch sein sollte und das nächste Starkwindgebiet erst nach unserer Ankunft unsere Route quert. Der Kurs dafür ist nicht die gerade Strecke. Wir halten zunächst südlicher und schwenken dann erst auf Whangarei ein.

Kleiner Haken: auch der angesprochene Flautenfluss an der Grenze zweier gegenläufiger Wettersysteme verlagert sich östlich und da müssen wir durch. Es kann also sein, dass wir im Verlauf der Passage noch etwas motoren müssen. Dabei gilt es dann auch die Gewitter zu umfahren, die dieses Phänomen mit sich bringt.

Wenn die Vorhersage stimmt, können wir zwischen zwei stärkeren Zellen hindurch schlüpfen.

Und als weiterer bedeutsamer Parameter sind noch die Wellen zu berücksichtigen. auch hierfür bieten sowohl Windy als auch PredictWind Vorhersagemodelle für Richtung und Höhe an. Danach sind in der Spitze etwa 2,6 m Welle zu erwarten. Das ist für sich genommen ok, allerdings kann das Wellenbild wegen der gegenläufigen Systeme durchaus chaotisch werden. Unangenehm, aber bei dieser Höhe nicht gefährlich.

Soweit unsere Überlegungen. Dass wir damit nicht ganz falsch liegen, scheinen die professionellen Wetterrouter einiger anderer Boote zu bestätigen. Nach zuvor eher ablehnender Haltung haben sie gestern doch kurzfristig zum Aufbruch von Minerva geraten. Wir sind also mit einem kleinen Konvoi losgefahren.

Auf See verteilt sich das aber schnell. Inzwischen sehen wir nur noch zwei Boote in 12 Seemeilen Entfernung auf dem AIS, ihre Segel können wir am Horizont aber schon nicht mehr erkennen.

Na gut. So viel zu unserem Plan. Vermutlich am vierten November würden wir dann in Marsden Cove ankommen.

Bisher übrigens kein Angelglück.

Essen: Bratkartoffeln mit Frikadellen und Möhren-Krautsalat.