Schwierige Entscheidung mitten in der Nacht: Lernkurve!

„Gentlemen don’t sail to weather“ (Gentlemen segeln nicht gegen den Wind) heißt es. Schließlich bedeutet es doppelte Strecke, dreifache Zeit, vierfache Arbeit. Manchmal muss man das wörtlich nehmen. Jedenfalls bei ordentlich Welle von vorn ist es außerdem ziemlich unangenehmes Segeln.

Andererseits: ein Wetterfenster scheint segelbaren Wind von Savusavu hinunter nach Fulanga zu bieten. Typischerweise bläst der Wind genau von dort, jetzt soll er auf Ostnordost drehen. Das wäre dann zwar immer noch ein Amwind-Kurs. Nicht eben angenehm bei zwei Meter Welle, aber eben auch kein Kreuzkurs gegen den Südostpassat.

Wir probieren es. Verproviantieren uns noch einmal umfangreich für die abgelegene Lau-Gruppe, füllen Wasser- und Dieseltank randvoll, kaufen diverse Bündel Kawa-Wurzeln für das auf diesen Inseln übliche „Sevusevu“, das rituelle Überbringen dieses Gastgeschenks an den Chief des Dorfes.

Und dann geht es los. Das Bugstrahlruder streikt, obwohl es beim Einlaufen in die Marina noch wunderbar funktioniert hatte. Aber diesen „Quirl“ benutzen wir -wenn überhaupt- ohnehin nur bei engen Hafenmanövern. Ich teste sicherheitshalber noch die Ankerwinsch, sie funktioniert, ebenso die Rollreffanlage im Mast. Vielleicht ist es die Sicherung des Quirls, aber die ist unter der vollgepackten Vorschiffskoje verborgen.

Nach einer ersten Flautenphase nimmt der Wind stetig zu, die Wellen leider auch. Ab Mittag wird es dann tatsächlich ein ziemliches Gebolze hoch am Wind. Es ist so holprig, dass sich tatsächlich der Karbonteil der hintersten Segellatte losschüttelt, aus der Lattentasche rutscht und im Meer verschwindet. Die Wellen bremsen uns erheblich ab, gegen Mitternacht haben wir erst etwa 70 der 180 Seemeilen geschafft. Das Großsegel ist mittlerweile im ersten Reff, wobei es beim Einreffen ein bisschen hakelt. Als die Böen 28 kn erreichen, wollen wir das zweite Reff eindrehen. Nur – die elektrische Rollreffanlage im Mast bewegt sich kein Stück! Wir Reffen erst mal (mechanisch) das Vorsegel ein.

Etwas später dann die Entscheidung zum Beidrehen, wir müssen das untersuchen. Das Beidrehen ist ein fast magisches Manöver: eben noch wildes Gebocke des Schiffes hoch am Wind bei zwei Meter Welle, dann mit dem Bug durch den Wind, die Segel dabei belegt lassen, gleich wieder Gegenruder und das Steuerrad bei backstehender Fock einfach feststellen: himmlische Ruhe. Mit etwa einem bis anderthalb Knoten driften wir mit erstaunlich wenig Schiffsbewegung ganz ruhig dahin.

Das gibt uns die Gelegenheit, unsere als Stauraum genutzte (um nicht zu sagen: mit Wingfoils, Kajak, Paddelboard etc. vollgestopfte) Dreieckskoje im Vorschiff leerzuräumen. Darunter hat die Batterie ihren Platz, die speziell für das Bugstrahlruder, die Ankerwinsch und die Rollreffanlage im Mast genutzt wird. Hier (also versteckt unter der Koje) gibt es auch einen Notschalter. Mit dem lassen sich die verschiedenen Batterien zusammenschalten. Und schwupps, funktioniert auch die Rollreffanlage im Mast wieder.

Wir drehen das zweite Reff ins Großsegel und diskutieren unsere Optionen: weiter Segeln und in der Lau-Gruppe diesen Workaround nutzen? Oder umdrehen und versuchen, in Savusavu eine neue Batterie zu bekommen? In der abgelegenen südlichen Lau-Gruppe wäre das jedenfalls nicht möglich. Und da wollen wir eigentlich gerne sechs bis acht Wochen verbringen.

Schweren Herzens treffen wir um 01.00 Uhr nachts die Entscheidung, die wirklich sauer verdienten mittlerweile knapp 80 Seemeilen der letzten 16 Stunden wieder her zu schenken, drehen um und segeln zurück nach Savusavu. Das jetzt angenehme und schnelle Segeln mit schräg von hinten schiebenden Wellen und raumen bis halbem Wind versüßt uns die Rückfahrt deutlich.

Falls wir noch Zweifel an der Entscheidung hatten, verschwinden diese mit dem Ausbau der Batterie schlagartig: das hätte schlimm enden können. Das Gehäuse der AGM-Batterie ist aufgeplatzt, unten im Batteriekasten schwappt Säure. Ein solcher Schaden fast ohne Vorwarnung, das wundert uns schon. Und natürlich ärgern wir uns, das erste Anzeichen Bugstrahlruder nicht gleich näher untersucht zu haben.

Am nächsten Tag mache ich mich auf die Suche nach einer neuen Batterie und werde tatsächlich gleich im zweiten Laden fündig. Die nackten Batteriepole passen zwar nicht (sie sind dicker als die der alten Batterie), aber bei einem minikleinen Auto-Zubehörgeschäft finde ich passende Polklemmen. Geht doch.

Ganz genau gleich sind die Maße natürlich nicht, ich säge noch eine zusätzliche Sicherung aus einem Holzbrett zu und baue sie im Batteriekasten ein. Außerdem findet sich tatsächlich auch noch ein Ersatz für den verlorenen Segellattenteil, auch der muss noch ein wenig zurecht gearbeitet werden, aber auch das funktioniert.

Ein ungeplanter, am Ende aber doch erfolgreicher Boxenstop. Und eine (160 Seemeilen lange) Lernkurve im wahrsten Sinne des Wortes.

Morgen starten wir dann gleich den nächsten Versuch.

Taka-Tuka-Land

Aratika. Wieder ein neues Atoll für uns, wieder ein neuer Südsee-Inselname für Euch. Exotisch, aber irgendwie auch sehr schwer zu merken.

Aratika. Unser neuntes Tuamotu-Atoll nach zuvor Raroia, Makemo, Tahanea, Fakarava, Tikehau, Apataki, Toau und Faaite.

Aber zuvor im Gambier Archipel waren da natürlich Mangareva, Taravai, Agakauitai, Akamaru und Aukena, in den Marquesas Fatu Hiva, Tahuata, Hiva Oa, Ua Huka, Nuku Hiva und Ua Pou. In den Gesellschaftsinseln bisher Tahiti, Moorea, Raiatea, Tahaa und Huahine. Alles in Französisch Polynesien im letzten Jahr.

Außer vielleicht Tahiti alles Namen, die – bevor man tatsächlich da gewesen ist – vor allem zwei Sachen gemeinsam haben:

  1. Sie klingen bunt, haben zumeist ebenso viele Vokale wie Konsonanten (oft auch mehr);
  2. Sie scheinen genau so sehr der Phantasie entsprungen wie Astrid Lindgrens Südsee-Insel Taka-Tuka-Land, wo Pippi Langstrumpf ihren Vater, dessen Schiff und seine Mannschaft vor Piraten rettet.

Anders als Pippi, Tommy und Annika müssen wir uns hier allerdings nicht mit Schurken wie Blut-Svente oder Messer-Jocke herumschlagen. Ganz im Gegenteil: abgesehen von der Großstadt Tahiti schließen die Segler hier auf den Inseln nicht einmal ihr Dinghy an, wenn sie an Land gehen. Ganz anders als noch in der Karibik, wo es fast überall hieß “lock it or lose it”. Die Gefahren hier in den Tuamotus sind eher navigatorischer Natur: Riffe, Bommies und Passdurchfahrten.

Aratika hat sogar gleich zwei Pässe. Einen im Westen, durch den wir nach einem sportlichen Am-Wind-Ritt pünktlich kurz nach Hochwasser bei einem Knoten Gegenstrom in die Lagune einlaufen.

Und einen im Osten, sehr schmal und zudem nicht gerade verlaufend, deshalb mit ziemlich schwierigen Strömungsverhältnissen. Er soll toll zum Schnorcheln sein, aber trotz ausreichender Tiefe schwierig zu befahren. Wenn überhaupt, dann nur etwas für ruhiges Wetter.

Wir liegen an der Boje eben nördlich von diesem zweiten Pass. Als wir ihn uns anschauen, präsentiert er sich so, als wolle er das abschreckende Beispiel für Pässe in Französisch Polynesien darstellen. Oder zumindest das, was den Segler bei falschem Timing oder unpassenden Bedingungen in den Pässen erwarten kann.

Obwohl die See draußen nur mäßig bewegt ist, steilt sich im Pass eine beeindruckende Welle auf.

Damit nicht genug, liegt auf dem Riff neben dem Pass auch noch das Wrack eines Segelbootes.

Aufrecht und scheinbar relativ intakt, aber ohne Mast, sicher auch ohne Kiel, und und und. Ein zerbrochener Traum, gestrandet am Ostpass von Aratika.

Taka-Tuka-Land fordert die Phantasie eben auf mehreren Seiten. Man kann sich Abenteuer an exotischen Orten der Südsee vorstellen und wir dürfen diese Abenteuer auch genießen. Aber wachsam bleiben müssen wir auch.

Flora und Freefall an Bojen in Aratika