Die kleinen und die großen Dinge

Wir schnorcheln vor Aukena. Einmal mehr beeindrucken der Fischreichtum und der gute Zustand der vielen Korallen.

Das Riff selbst ist vielleicht etwas weniger farbenfroh als in manchen Teilen der Karibik, die Details sind es aber nicht. Zum Beispiel die Tridacna, quasi Zwerge in der Familie den Riesenmuscheln. In unterschiedlichen leuchtenden Türkis- und Blautönen strahlen die etwa 10 bis 15 cm messenden Muscheln zu uns herauf und schließen sich, wenn wir näher heran schnorcheln.

Später, beim Strandspaziergang unter Palmen, springt uns eine andere “Kleinigkeit” förmlich an.

Die winzigen Jungferngeckos sitzen oft in den Kokospalmen und nun pflücken wir ausgerechnet “seine” Nuss. Schwupp – sitzt er auf meinem Finger, lässt sich ausgiebig bewundern und springt dann auf die Kamera und weiter auf Wiebkes Fuß.

Nachdem er vor allem Mücken und kleine Spinnen jagt, wäre er eigentlich ein perfektes Haustier auf Flora, aber wir setzen ihn trotzdem lieber zurück in “seine” Palme. Mach’s gut, Kleiner.

Was dagegen richtig groß ist: die Gastfreundschaft hier in den Gambier. Wie fast auf jeder der etwas größeren Inseln des Archipels gibt es auch auf Aukena eine Kirche, trotz der nur ungefähr 30 Einwohner. Sie liegt dicht an unserem Ankerplatz, die Anfahrt über das Riff gestaltet sich aber schwierig. Doch Hilfe naht: Pakoi läuft aus seinem Garten ans Ufer und weist uns den Weg. Er legt sogar einen Zwischensprint ein, als wir ihn nicht gleich richtig verstehen. Eine mini-kleine Rinne führt zur kurzen Steinmole, gerade breit und tief genug für den Außenbordmotor, um mit einer auflaufenden Welle in den tieferen Bereich direkt vorm Ufer zu gelangen. Zum Glück gelingt das Manöver.

Gemeinsam ziehen wir das Dinghy auf den Strand und Pakoi lädt uns ein, ihm hinter seine Hütte zu folgen. So gut es unsere Französisch-Kenntnisse zulassen, unterhalten wir uns über Gott und die Welt, unsere Reise und Pakois Heim auf Aukena. Wir erfahren, dass er der alten Königsfamilie von Mangareva entstammt und der Name in seinem Pass eigentlich Antoine Kanuto Teapiki lautet.

Seit 30 Jahren lebt er hier, kümmert sich um die Kirche und um seinen Garten. Beides zeigt er uns bereitwillig. Als eine Sau mit mehreren Ferkeln aus dem Wald kommt, freut sich Pakoi. “Die war jetzt einen Monat lang weg und nun kommt sie mit ihren Kindern wieder.” Direkt neben der Kirche sehen wir am Waldrand einige weitere Schweine. Sie leben hier halbwild, dienen aber auch der Fleischversorgung.

In seinem Garten säbelt uns Pakoi mittels einer langen Bambusstange und daran befestigter Sichel frische Brotfrucht vom Baum, schenkt uns außerdem Zitronen, Pampelmusen und Bananen.

Danke schön Pakoi.

Die Gastfreundschaft hier ist immer wieder schon fast beschämend großzügig. Polynesier fühlen sich ob ihrer Kultur fast schon verpflichtet, alles stehen und liegen zu lassen, sobald ein Gast auftaucht. Man sollte also vorsichtig sein, die Gastfreundschaft nicht zu überbeanspruchen. Das fällt aber gar nicht immer leicht, zumal etwa Pakoi die Abwechslung durch den Besuch wirklich zu genießen schien, ebenso unser (wenn auch manchmal radebrechendes) Gespräch.

Wir versuchen, an die Kultur von Geschenk und Gegengeschenk wenigstens etwas anzuknüpfen. Als kleine Geste kommen wir später mit dem Dinghy noch einmal zurück und bringen selbst gebackenen Mandelkuchen vorbei.

Dunkle Wolken über dem Paradies?

Wir verbringen schöne Tage beim Tauna-Motu am Außenriff. Gemeinsam mit den Crews der Adiona und der Ohana gibt’s noch ein Beach-Potluck mit Lagerfeuer und Boccia spielen auf der Insel.

Dann ziehen die beiden anderen Boote weiter, wir bleiben noch einen Tag und genießen es, diese kleine Trauminsel ganz für uns allein zu haben.

Und dann wechseln auch wir mal wieder den Ankerplatz. Dieses Mal verholen wir hinter die Île Aukena, denn es sind südliche Winde und auch schlechteres Wetter vorhergesagt.

Auf Noforeignlandland sieht unsere Route durch das Gambier-Archipel nach einem Monat hier inzwischen so aus:

Als wir am Ankerplatz vor Aukena ankommen, ziehen von Süden über Akamaru bereits dunkle Wolken auf, während unsere Bucht noch durch die letzten Sonnenstrahlen in hellem Türkis leuchtet.

Also schnell das Dinghy zu Wasser lassen und ein bisschen Landgang.

Wir landen am alten Wachturm auf der Westspitze Aukenas an.

Hier könnte man sich jetzt auch in Schottland wähnen. Aber auf dem Pfad, der von hier aus durch den Wald führt, ändert sich dieser Eindruck gleich wieder. Ein wildes Gemisch aus Kokospalmen, Pandanus (Schraubenbaum) und Talipariti (Lindenblättriger Eibisch) im feuchteren Bereich, Kiefern auf den trockeneren steinigen Höhen. Mittendrin die Ruine des ersten Priesterkollegs Französisch Polynesiens aus dem zweiten Drittel des 19. Jahrhundert.

Und nebenan, im Wald fast überwuchert, der große Brennofen, in dem aus Korallengestein Kalk für den durch Zwangsarbeit der Bevölkerung gestemmten Bau der vielen überdimensionierten Missionskirchen gebrannt wurde.

Es tröpfelt schon, als wir wieder am Dinghy ankommen. Einen kurzen Schnorchelgang lassen wir uns dennoch nicht entgehen. Na klar, bei strahlendem Sonnenschein wäre das noch schöner, aber auch so sind wir von der intakten Korallenlandschaft und dem Fischreichtum begeistert.

Dann aber jetzt wirklich zurück zur Flora.

Sind das jetzt dunkle Wolken überm Paradies? Dramatisch genug mutet es jedenfalls an, oder?

Nein. Überhaupt sollten wir wohl dem von Cruisern so inflationär benutzten Begriff “Paradies“ mit einiger Skepsis begegnen. Auch die wunderschönen Gambier sind nicht das Paradies. Die durch die von den Priestern durchgesetzte Zwangsarbeit und durch eingeschleppte Seuchen fast ausgerotteten Insulaner sind da sicher eine Mahnung. Und aktueller: im Gespäch mit einem der Gendarmen war zu erfahren, dass auch auf den so idyllisch wirkenden Gambier weder häusliche Gewalt noch Drogen- oder Gewaltdelikte unbekannt sind.

Das Paradies ist jedenfalls für uns ganz sicher kein irdischer Ort, den es zu finden gilt, wenn man über die Weltmeere segelt oder durch die Kontinente streift. Wenn überhaupt, dann ist das Paradies in diesem Leben wohl eher ein Gefühl, ein Bewusstsein, eine Geisteshaltung, die Schönheit in dem zu erkennen, was um uns herum ist.

Mit oder ohne Wolken.