Abgründe und Rettungsflieger

In der letzter Woche ist so viel passiert, dass wir eine ganze Zeit gebraucht haben, um überhaupt darüber berichten zu können. Begonnen hat es wunderbar entspannt.

Mit unseren Freunden Theresa und Joe genießen wir zunächst die Zeit im Atoll Aratika. Wir schnorcheln im Ostpass, wo neben den Haien …

… dieses Mal insbesondere der wirklich als senkrechte Wand in die dunkle Tiefe abfallende Dropoff am äußeren Ende des Passes beeindruckt. Ein irres Gefühl, darüber hinaus bzw. hinein zu schnorcheln. Gerade noch 10 m Wassertiefe und gleich daneben: scheinbar ein unendlicher Abgrund. Der Blick sucht Halt, tastest sich an der steilen Wand hinunter und verliert sich im immer dunkler werdenden Blau.

Im Pass selbst begeistern uns vor allem die Adlerrochen. Zunächst ein einzelnes Exemplar …

… dann mehrmals gleich jeweils vier Geflecke Adlerrochen im Formationsflug:

Diese wunderschönen und eleganten Tiere gehören (anders als die Mantas) zu den Stechrochen und tatsächlich haben sie Giftstachel am Schwanzansatz. Allerdings dienen diese lediglich als Verteidigungswaffe, Menschen gegenüber sind die Adlerrochen eher scheu.

Auch an Land sind wir gemeinsam unterwegs, wandern wir durch eine Palmenallee hinüber zum Außenriff.

Abends verabschieden wir uns von Theresa und Joe, am nächsten Tag brechen wir früh auf. Es scheint die einzige Möglichkeit zu sein, einigermaßen vernünftig durch den (West-)Pass und nach Fakarava zu kommen. Die Strömung in den Pässen von Aratika scheint derzeit zu machen, was sie will. Seit zwei Tagen haben wir kein einlaufendes Wasser erlebt, jederzeit strömt es hinaus. Die Tide nach Vollmond (Springtide) und der Wind haben da wohl den eigentlichen Rhythmus ziemlich durcheinander gebracht.

Wir laufen erst einmal eine Boje am Westass an und ich erkunde mit dem Beiboot die Situation im Pass. Auslaufendes Wasser, recht kräftig. Aber keine stehende Welle, nur kleinere Strudel und stärkeres Kabbelwasser erst draußen außerhalb der engen Riffdurchfahrt. Ok, das können wir probieren. Tatsächlich werden wir beim Hinausfahren kaum durchgeschaukelt und auch nicht vom Kurs abgebracht. Allerdings schießen wir mit bis zu zwölf Knoten Fahrt wie ein Korken aus der Flasche. Puh, aufregend, aber gut.

Ein paar Seemeilen weiter bekommen wir einen WhatsApp-Anruf von Theresa. Sie ist ziemlich aufgelöst, Joe hat aus unbekanntem Grund akute Gesundheitsprobleme.

Wir drehen um und fahren zurück Richtung Pass. Unterwegs bringen wir die WhatsApp-Nummer der Rettungsleitstelle in Tahiti in Erfahrung, Telefonempfang hat Theresa am Ankerplatz nicht.

Die Strömung im Pass hat sich leider kaum verändert. Gegen gut 5 Knoten Gegenstrom kämpft sich die Flora quälend langsam zurück in die Lagune von Aratika. Immer noch sieben Meilen bis zur Freefall. Unterwegs kommt mit Brassfahrt ein Dinghy von hinten auf. Die beiden Franzosen darin rufen uns zu, das eine Krankenschwester an Land sei. Wir erklären, dass der Notfall nicht bei uns an Bord sondern auf dem Katamaran im Osten der Lagune vorliegt und klären, wie wir die Hilfe an Bord bekommen können.

Kurz nachdem wir bei der Freefall ankommen, braust dann ein lokales Boot mit der Krankenschwester heran. Gemeinsam schaffen wir es, Joe auf das Local-Boat zu bekommen. Theresa fährt mit und sie brausen davon.

Etwas später erfahren wir, dass der Rettungsflieger unterwegs ist um Joe nach Tahiti ins Krankenhaus zu bringen. Wir suchen auf der Freefall ein paar Sachen für Joe zusammen und ich bringe sie zum Flughafen, wo wir gemeinsam auf den Rettungsflieger warten. Als er gelandet ist, untersucht die Ärztin Joe in der leeren Wartehalle des Flughafens (hier landet normalerweise nur einmal pro Woche ein Linienflugzeug). Sie entscheidet, dass er flugfähig ist und zur weiteren Untersuchung nach Tahiti ausgeflogen werden soll. Theresa kann allerdings nicht mitfliegen.

Die nächsten Tage sind eine emotionale Achterbahnfahrt. Wir sind froh, dass wir umgekehrt sind und Theresa unterstützen können.

Es ist jedenfalls gut zu wissen, dass das Rettungssystem auch auf kleineren bewohnten Inseln der Tuamotus funktioniert, fast alle haben einen kleinen Flughafen. Und – Lessons Learned – wir nehmen uns vor, die Notfall-WhatsApp -Nummer der jeweiligen regionalen Rettungsleitstelle künftig gleich in unsere Handys zu speichern. Eine aktive lokale SIM-Karte macht (Empfang vorausgesetzt) auch manches leichter. So haben wir gelernt, dass hier in Französisch Polynesien die Rettungsleitstelle per Handy über die Telefonnummer 16 (wie der UKW-Anrufkanal) erreichbar sein soll.

Zwei Tage nach unserem ersten Versuch laufen wir dann wieder durch den Pass aus, wieder mit reichlich Strömung, aber unproblematisch. Wir wären noch länger geblieben, aber unsere Gäste Karen und Steve kommen in Fakarava an, insofern wird es höchste Zeit. Aber immerhin sind die Untersuchungen von Joe jetzt durch und es geht ihm besser, er fliegt zwei Tage später zurück zur Freefall. Wir bleiben in Kontakt und immerhin auch räumlich in der Nähe. Für Freefall und Flora steht ja demnächst der etwas längere Schlag zurück Richtung Papeete an, das werden wir wohl als Buddy-Boote angehen.

Nachdem wir ja im letzten halben Jahr keinen einzigen Fisch mehr gefangen haben (und in den Atollen wegen der Ciguatera-Gefahr nicht angeln oder speeren), ist uns auf der Überfahrt von Aratika nach Fakarava endlich wieder einmal das Angelglück hold. Und wie! Passend zur Crewerweiterung von zwei auf vier ziehen wir nach längerem Kampf einen wirklich großen Mahi Mahi an Bord:

Mit Karen und Steve erkunden wir einmal mehr Fakarava, schaffen auch erstmals eine Fahrradtour über die Insel.

Und, obwohl wir schon so oft hier waren, erleben auch wir dabei neben Bekanntem auch wieder einiges Neues und so von uns noch nicht gesehenes.

Taka-Tuka-Land

Aratika. Wieder ein neues Atoll für uns, wieder ein neuer Südsee-Inselname für Euch. Exotisch, aber irgendwie auch sehr schwer zu merken.

Aratika. Unser neuntes Tuamotu-Atoll nach zuvor Raroia, Makemo, Tahanea, Fakarava, Tikehau, Apataki, Toau und Faaite.

Aber zuvor im Gambier Archipel waren da natürlich Mangareva, Taravai, Agakauitai, Akamaru und Aukena, in den Marquesas Fatu Hiva, Tahuata, Hiva Oa, Ua Huka, Nuku Hiva und Ua Pou. In den Gesellschaftsinseln bisher Tahiti, Moorea, Raiatea, Tahaa und Huahine. Alles in Französisch Polynesien im letzten Jahr.

Außer vielleicht Tahiti alles Namen, die – bevor man tatsächlich da gewesen ist – vor allem zwei Sachen gemeinsam haben:

  1. Sie klingen bunt, haben zumeist ebenso viele Vokale wie Konsonanten (oft auch mehr);
  2. Sie scheinen genau so sehr der Phantasie entsprungen wie Astrid Lindgrens Südsee-Insel Taka-Tuka-Land, wo Pippi Langstrumpf ihren Vater, dessen Schiff und seine Mannschaft vor Piraten rettet.

Anders als Pippi, Tommy und Annika müssen wir uns hier allerdings nicht mit Schurken wie Blut-Svente oder Messer-Jocke herumschlagen. Ganz im Gegenteil: abgesehen von der Großstadt Tahiti schließen die Segler hier auf den Inseln nicht einmal ihr Dinghy an, wenn sie an Land gehen. Ganz anders als noch in der Karibik, wo es fast überall hieß “lock it or lose it”. Die Gefahren hier in den Tuamotus sind eher navigatorischer Natur: Riffe, Bommies und Passdurchfahrten.

Aratika hat sogar gleich zwei Pässe. Einen im Westen, durch den wir nach einem sportlichen Am-Wind-Ritt pünktlich kurz nach Hochwasser bei einem Knoten Gegenstrom in die Lagune einlaufen.

Und einen im Osten, sehr schmal und zudem nicht gerade verlaufend, deshalb mit ziemlich schwierigen Strömungsverhältnissen. Er soll toll zum Schnorcheln sein, aber trotz ausreichender Tiefe schwierig zu befahren. Wenn überhaupt, dann nur etwas für ruhiges Wetter.

Wir liegen an der Boje eben nördlich von diesem zweiten Pass. Als wir ihn uns anschauen, präsentiert er sich so, als wolle er das abschreckende Beispiel für Pässe in Französisch Polynesien darstellen. Oder zumindest das, was den Segler bei falschem Timing oder unpassenden Bedingungen in den Pässen erwarten kann.

Obwohl die See draußen nur mäßig bewegt ist, steilt sich im Pass eine beeindruckende Welle auf.

Damit nicht genug, liegt auf dem Riff neben dem Pass auch noch das Wrack eines Segelbootes.

Aufrecht und scheinbar relativ intakt, aber ohne Mast, sicher auch ohne Kiel, und und und. Ein zerbrochener Traum, gestrandet am Ostpass von Aratika.

Taka-Tuka-Land fordert die Phantasie eben auf mehreren Seiten. Man kann sich Abenteuer an exotischen Orten der Südsee vorstellen und wir dürfen diese Abenteuer auch genießen. Aber wachsam bleiben müssen wir auch.

Flora und Freefall an Bojen in Aratika