Ankerprobleme und Minustide in Pleasant Bay

Gemeinsam mit der Denali Rose brechen wir auf. Diesmal macht uns die Barre etwas zu schaffen. Obwohl wir auf dem kurzen Weg von der No-Name-Cove zum Ausgang von Tracy Arm noch Schiebestrom haben, empfangen uns an der Barre heftige Verwirbelungen. Whirlpool. Flora wird hin und her gedreht. Also Vollgas, mit 2 kn über Grund kämpfen wir uns ganz langsam an der roten Tonne vorbei. Die grüne – auf der Hinfahrt noch deutlich sichtbar – fehlt entweder ganz oder ist von den Strudeln unter Wasser gedrückt. Aber nach einer Viertelstunde sind wir durch, die Geschwindigkeit über Grund steigt wieder deutlich an und wir können wieder mit normaler Marschfahrt unterwegs sein.
Wir fahren ein Stück die Stephens Passage hinunter, runden Hugh Point am Südende der Glass Peninsula und dann geht es im Seymour Canal wieder etwas gen Norden. Einige Buckelwale machen mit ihrem Blas auf sich aufmerksam, sie sollen sich hier in der 35 sm langen maritimen Sackgasse des Seymour Canals sehr häufig aufhalten.
Unser heutiges Ziel ist Pleasant Bay, eine kleine Bucht auf der großen, rund 100 km langen aber fast durchgängig naturbelassenen Admiralitätsinsel.
Entgegen der Namensgebung unserer Bucht erwartet uns am Ankerplatz zunächst eine unangenehme Überraschung: unsere Ankerwinsch verweigert den Dienst. Wir hören das Klicken des Schaltrelais, aber der Motor der Winsch setzt nicht ein, die Kette bewegt sich keinen Millimeter. Hm.
Wir versuchen, die Kette über die Freifall-Funktion fallen zu lassen und lösen die Kettenbremse. Erst ein bisschen, dann komplett, aber noch immer bewegt sich die Kette kein Stück. Die Kontrolle im Ankerkasten ergibt aber, dass sich die Kette selbst nicht etwa verkantet hat. Bill bietet an, bei der Denali Rose längsseits zu gehen. Das tun wir gerne, es ist deutlich einfacher als jetzt unseren Zweitanker mit Leine klar zumachen.


Die als Stauraum genutzte Vorschiffskabine wird leer geräumt und dann geht es an die Fehlersuche. Wir vermuten zunächst ein Problem mit dem Relais, aber nach den Messungen scheint es den Elektromotor der Winsch korrekt zu schalten. Mist, für das Relais hätte ich Ersatz dabei, für den Motor allerdings nicht. Andererseits: wieso lässt sich die Kette überhaupt nicht bewegen?
Bill berichtet, dass sich bei seiner Ankerwinsch öfter die Kupplung/Kettenbremse festfrisst. Vielleicht hilft rohe Gewalt. Ich trete auf die Kette. Nichts. Springe mit beiden Füßen darauf und … die Kette rauscht aus. Nur einen halben Meter, ich hatte den Anker vorher gesichert. Ok. Test der Ankerwinsch: funktioniert einwandfrei. Wenn doch alle Reparaturen so einfach wären.

Zum Sundowner („Dirty Martini“) und Abend-Snack sind wir auf der Denali Rose eingeladen.

Am nächsten Morgen zeigt sich, wie bei Vollmond die Minustide das Bild der Bucht verändert. Die Seekarte zeigt zwei kleine Inselchen, die die Ankerbucht nach Osten schützen. Der Törnführer macht allerdings deutlich, dass die Einfahrt nur mittig zwischen der nördlichen Insel und dem Land erfolgen kann.

Dass wird jetzt bei 1,2 m Niedrigwasser unter Normalnull, also heute deutlich über 6 m Tidenhub, sehr offensichtlich, ebenso der große „Mudflat“-Flachwasserbereich innen in der Bucht. Die doch recht große Wasserfläche um unseren gut gewählten Ankerplatz herum hat sich in eine mehr oder weniger kleine Pfütze verwandelt, in der wir aber immer noch 4 Meter Wasser unter dem Kiel haben.

Die täglichen Weißkopfseeadler sind dann heute mal auf dem Mudflat.

Internet (bzw. Empfang für das Mobiltelefon) gibt es hier weiterhin nicht. Also ein weiterer Textbeitrag mit nachzureichenden Bildern.

(Jetzt: nachgereichte Bilder)

Tracy Arm

Nach ein paar Tagen in Taku Harbor machen wir die Leinen vom Floating Dock los und fahren weiter nach Süden. Ziel ist Tracy Arm, einer der beiden Fjorde von Holkham Bay. Der eigentlich fast zwei Seemeilen breiten Eingang weist eine Barre auf, die unsichtbar unter dem Wasserspiegel die Einfahrt auf nur ein Zehntel davon mit für uns nutzbarer Tiefe verkleinert und selbst dort die Tiefe von mehreren Hundert Metern auf nur etwa 20 m verringert. Das führt bei dem herrschenden Tidenhub von normalerweise etwa 5 m zu extremen Strömungen, Verwirbelungen und sogar Strudeln. Und schon vor der Einfahrt kommt uns das erste Eis entgegen, dass die beiden in den Fjord kalbenden Gletscher Sawyer Nord und Sawyer Süd auf die Reise geschickt haben.
Aber wir timen unsere Anreise gut, was immer auch ein bisschen Glückssache ist. Weder die Büchlein der Tidentabellen noch die Strömungsanzeigen der elektronischen Seekarten sind hier sonderlich akkurat, insbesondere starke Niederschläge in den Bergen können die Strömung stark verändern und dafür sorgen, dass selbst bei steigender Tide das Oberflächenwasser den Fjord hinunter drückt.
Wir ankern in der No-Name-Cove, der ersten Bucht nach der Einfahrt und zugleich dem einzigen vernünftigen Ankerplatz im ganzen, etwa 25 sm langen Fjord. Nur wenig Eis verirrt sich in diese Bucht, aber ein größerer und mehrere kleinere Eisblöcke sind trotzdem an ihrem Ufer gestrandet. Gletschereis für unsere Drinks ist also gesichert und malerisch sehen sie ohnehin aus.
Als wir ankommen ist die Crew des einzigen anderen Ankerliegers in der Bucht schon mit dem Beiboot auf Erkundungstour, kurz darauf picken sie mit ihrem Dinghyanker auch schon handhabbare Stücke aus den aufgelaufenen Eisblöcken. Vermutlich tausende Jahre altes Eis im Getränk, die Chance möchte sich kaum jemand entgehen lassen.

Am Abend steigt der „Blutmond“ über die Berge, der Vollmond im August. Dass heißt allerdings auch, dass wir Springtide haben, also eine besonders starke Ausprägung von Ebbe und Flut. Bei Ebbe sinkt das Wasser an unserem Ankerplatz mehr als einen Meter unter Normal-Null, mit der 5 m Flut kommen wir also auf gut 6 m Tidenhub. Da wollen Ankerplatz und gesteckte Kettenlänge besonders wohl überlegt sein.

Am nächsten Tag steht für uns die lange Fahrt in die Sackgasse zum Gletscher und zurück an. Und die wird ein unvergessliches Erlebnis, zumal uns das Wetter mit Sonnenschein und blauem Himmel ein zusätzliches Geschenk macht.

Der Fjord wird bald deutlich schmaler und windet sich mit seinem hunderte Meter tiefen Wasser durch steil an seinen Ufern aufragende, teils senkrecht abfallende Granitwände. Die Gipfel der umliegenden Berge sind deutlich über 1.000 m hoch, Schneefelder und „hanging glaciers“, also in den Bergen hängende, nicht bis zum Wasser herunter reichende Gletscher blitzen immer wieder an den Flanken auf. Unzählige Wasserfälle schießen in die Täler hinunter, mal als breite Kaskade, mal heben sie sich wie dünne weißgraue Haare von den Schultern der graugrünen Bergen ab.


Laut Tidenkalender sollten wir auflaufendes Wasser haben, tatsächlich aber verlangsamt uns eine leichte Gegenströmung. Trotzdem kommt uns immerhin nur wenig Eis entgegen und wir können bis kurz vor die Sawyer Insel fahren. Erst dort, am Treffpunkt der beiden kleinerem Arme hin zu den Gletschern, wird das Eis dichter. Große Brocken bleiben aber selten. Durch das von kleinen weißen Eisstückchen gespenkelte milchig mintgrüne Gletscherwasser schlängeln wir uns noch ein Stückchen weiter. Ab und zu schieben wir etwas größere Schollen mit dem Bootshaken zur Seite.

Wir sind früh aufgebrochen und hatten Tracy Arm die meiste Zeit für uns allein, aber jetzt gegen Mittag flitzen die schnellen Tourboote aus Juneau heran. Sie schenken den Eisstücken wenig Aufmerksamkeit und brausen einfach durch. Wir könnten uns in die dadurch gebildete Gasse einreihen, aber nachdem auch zwei Kreuzfahrtschiffe ankommen, treten wir doch lieber den Rückweg an. Praktisch, denn so haben wir das
Vergnügen auch auf der Rückfahrt durch den Fjord fast keinen Verkehr um uns herum zu sehen.


Zurück in der No-Name-Cove finden wir wiederum nur ein einziges anderes Boot vor, diesmal allerdings die Denali Rose unserer Freunde Donna und Bill. Sehr schön, so gibt es Tapas auf der Flora und dazu passend Vermouth mit Gletschereis. Schmeckt in Gesellschaft ja immer noch besser als sowieso schon.

Nachdem heute wieder ein richtig guter Alaska-Tag ist – wir also gar kein Fitzelchen Internet haben und das die nächsten Tage wohl auch so bleibt – wird dieser Beitrag per Iridium-Satellit übermittelt. Bilder gibts also erst einmal nur in Eurer Vorstellung, Kopfkino halt. Mal schauen, ob sie mit den von mir dann nachträglich einzustellenden Fotos in Einklang zu bringen sind.

Und??? Sind sie?

Taku Harbor

Das Alaska-Zitat „On good days we have bad internet“ möchte ich ergänzen. An richtig guten Tagen haben wir mit einiger Wahrscheinlichkeit gar kein Internet.

So auch die letzten Tage, seit wir aus Juneau ausgelaufen sind. Durch die breite Stephens Passage laufen wir nach Taku Harbor, benannt nach dem Taku River, der ein kleines Stückchen nördlich in die Stevens Passage fließt, nachdem er sich aus Kanada kommend durch die vergletscherten Berge des Grenzgebietes geschlängelt hat. Taku Harbor ist ein Naturhafen in eher lieblicher Umgebung. Mit seinen für hiesige Verhältnisse moderaten Tiefen bietet er gute Ankermöglichkeiten. Trotzdem weist er gleich zwei „Public Floats“ auf, also öffentliche Schwimmstege.

Diese Public Floats wurden vom Alaska Departement of Fish and Game errichtet und werden dann an die Kommunen (in diesem Fall Juneau) übertragen, die die Wartung übernehmen. Ihre Nutzung ist kostenlos, ein Schild weist darauf hin, dass sie Teil eines user pay and user benefit Programms sind. Wie jetzt? Das ist Ausdruck des amerikanischen Verständnisses von Steuern und Gebühren. Ein Teil der Gebühr für die Sportfischerei-Lizenz (die wir ja in Sitka erworben hatten) und ebenso der bundesstaatlichen Steuern, soweit sie auf den Kauf von Angelzubehör und Bootstreibstoffen angefallen sind, wird für die Errichtung dieser Public Floats verwendet, um den Zugang für Freizeitboote zu verbessern. Und an so einem Public Float machen wir in Taku Harbor fest. Ein anderer Segler ist schon da, er nimmt unsere Leinen an. Es kommen auch noch die Fidelis an, ein holländisches Boot, das wir schon in Juneau getroffen hatten und unsere Segelfreunde Donna und Bill mit ihrer Denali Rose.

Donna und Bill leihen uns am nächsten Tag ihre Kajaks nebst Sicherheitsausrüstung und geben uns eine Einführung, so erkunden wir auf unserer ersten Seekajak-Tour ausgiebig die fast zwei Kilometer lange und etwa halb so breite Bucht einschließlich der flachen Zonen, in denen Bäche und ein Fluss in sie einmünden. Ein wunderschönes Erlebnis in der Stille dieser Umgebung.

Mit dem Dinghy fahren wir später hinüber zum anderen Floating Dock dieser Bucht und gehen dort an Land. Denn dieses zweite, deutlich größere Dock ist über einen Steg mit dem Ufer verbunden und somit eigentlich ein echter, kostenlos zu benutzender Hafen. Allerdings haben über den Steg umgekehrt auch Bären Zutritt, weshalb ausdrücklich davor gewarnt wird, Lebensmittel im Cockpit zu lassen.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts befind sich in Taku Harbor eine Cannery (Konservenfabrik), in der wie an unzähligen anderen Orten in Alaska Lachs in Dosen verpackt wurde. Eine kleine Siedlung entwickelte sich, zwischenzeitlich lebten 500 Menschen hier. An die Cannary erinnern nur noch Ruinen, das Örtchen ist komplett verschwunden. Nur eine museale Hütte des letzten Bewohners steht noch, außerdem eine Public Cabin. Diese einfachen Unterkünfte kann man online mieten, praktisch z.B. für Kanutouren.

Wir machen noch eine kleine Wanderung am Ufer und oberhalb des Steinstrandes auf der waldigen Steilküste entlang. Mitten im Wald eine Schaukel, befestigt an einem in sehr luftiger Höhe zwischen den Bäumen gespannten Seil.

Ein Blick von der Steilküste hinüber zur Flora erinnert uns daran, noch unseren ausgelegten Krebskorb einzuholen. Zum ersten Mal findet sich eine Dungeness-Krabbe darin. Ein Männchen (erkennbar an der Form des Brustpanzers, die Weibchen müssen freigelassen werden), aber trotzdem nichts für unseren Kochtopf. Der Krebspanzer ist einen guten Zentimeter zu klein, wie die angehaltene Messlehre ergibt. Mindestens 6,5 Zoll müssten es sein, also 16,51 cm hat der Panzer breit zu sein. Also zurück ins Wasser. Aber immerhin, der Krebskorb hat bewiesen, dass er funktioniert.

Und dann gehen wir in die „University of Bill“ wie Donna es scherzhaft formuliert. Die beiden leben seit Jahren in Alaska auf ihrer Denali Rose, kennen die Gegend wie ihre Westentasche und versorgen uns mit vielen Tips. Nicht nur zu Ankerplätzen und zum Angeln, sondern auch ganz allgemein zum Segeln in diesen Gefilden. So lernen wir zum Beispiel, dass in den USA und in Kanada der Seewetterbericht nicht nur zu bestimmten Zeiten über UKW ausgestrahlt wird, sondern – angepasst an das Revier um die Funkstation – in Dauerschleife auf den Wetterkanälen läuft. Drückt man auf unserer Funke die bisher nicht beachtete „WX“-Taste länger, gelangt man zu den Wetterkanälen 1 bis 10. Auch ein Wetteralarm lässt sich einrichten, der dann bei Sturmlagen oder etwa bei Tsunamis warnt.

Wieder was gelernt.

Eigentlich würde ich gerne die Bilder einfügen, aber dafür reicht das Fitzelchen Internet welches wir gerade zu fassen bekommen leider nicht aus. Also hoffe ich mal, dass wenigstens der Text durchgeht und ich die Bilder irgendwann nachreichen kann (habe ich jetzt gemacht).

Ein guter Tag.

😊

Prepare for … Rain. Kleine Besonderheiten in Alaska

Ziemlich offensichtlich: das Bärenspray, na klar. Die XtraTuf-Gummistiefel, hier liebevoll auch Alaska-Sneaker genannt, o.k. Trotz dieser Standard-Fußbekleidung sind übrigens Regenschirme sehr selten zu sehen. Die Broschüre der Stadt Juneau hat dazu zwei Hinweise: erstens „Prepare for rain, hope for sun!“ und zweitens – frei übersetzt – „Wir haben keine Regenschirme, wir klappen Kragen oder Kapuze hoch.“

Blick in den Vorraum einer Lodge
Blick nach unten

Für den Cruiser bietet Alaska noch ein paar weitere Besonderheiten. Zum Beispiel, was die Ausrüstung angeht. So wohnt seit heute eine fünf Meter lang rote Schlange auf unserem Boot.

Kannten wir bisher nicht, gibts hier aber bei jedem Bootsausrüster. Die Schlange heißt „Anchor Buddy“. Das Besondere an ihr: sie kann sich auf 16 m Länge strecken und zieht sich dann wieder zusammen. Als Ankerleine fürs Dinghy benutzt (bei größerer Wassertiefe als Vorläufer für die zusätzliche Ankerleine), holt sie das Dinghy nach dem Aussteigen (und Sichern mit einer langen Landleine) von den Felsen weg in tieferes Wasser. Das ist nützlich bei dem Tidenhub, vor allem aber ist das Dinghy so vom Land entfernt und nicht für Bären zugänglich, die sich von den Gerüchen im Dinghy sonst ziemlich unwiderstehlich angezogen fühlen und nach Fressbarem suchen. Dabei sollen die Schläuche dann schon mal gelegentlich in Fetzen gehen. Das möchten wir doch gern vermeiden.

Andere empfehlenswerte Ausrüstung legt der Törnführer zum Beispiel für die Glacier Bay nahe. Sehr nachdrücklich wird dort und auch vom betreuenden National Park Service wegen des Eisgangs empfohlen, sowohl für das Schiff als auch für das Dinghy einen Ersatzpropeller dabei zu haben. Da waren wir glücklicherweise schon vorbereitet, denn bei Hallberg-Rassy ist bei geordertem Faltpropeller der Festpropeller als Ersatz ab Werk dabei und für unseren Außenborder haben wir ebenfalls eine Ersatzschraube dabei.

Auch die Ausstattung der Häfen weist in Alaska eine Besonderheit auf, die wir vorher so noch nicht gesehen hatten, hier aber absoluter Standard ist. Es gibt meist keine Klampen oder Poller auf den Schwimmstegen, statt dessen sogenannte „Bull Rails“.

Es ist zwar ein bisschen fisselig, die Leinen unter den massiven und mit dem Schwimmsteg (oder Ponton, selbst an den Fingerstegen) verbolzten kantigen Balken durchzufädeln, aber die Vorteile liegen ebenfalls auf der Hand. Überall am Steg kann festgemacht werden, der Schwimmsteg erhält eine kräftige Erhöhung, so dass die Fender bei Schwell nicht so einfach hoch geschoben werden und außerdem hat man eine gute (wenn auch bei Regen gelegentlich rutschige) Trittstufe zum Boot.

Eine andere Spezialität der Stege in den Häfen Alaskas sind die Tragmasten für das Hochlegen der Landstromkabel.

Donna und Bill leben ganzjährig in Alaska auf ihrer „Denali Rose“. Sie versichern uns, dass die Wasserflächen in den Häfen hier nicht zufrieren. Das Hochlegen der Landstromkabel sei aber nicht nur dem einfacheren Hinüberrollen mit den Hafenkarren geschuldet, sondern im Winter eine Notwendigkeit, um den Schnee maschinell von den Stegen räumen zu können.

Die Natur als unbestrittener Hauptdarsteller Alaskas mag da nicht zurückstehen und versorgt den Cruiser mit einer weiteren Besonderheit, die allerdings nicht auf Alaska beschränkt ist, sondern sich in vielen Gewässern insbesondere der „Hohen Breiten“ findet. Kelp. Hochwachsende Braunalgen mit zumeist kräftigen Blättern und Stengeln. Hier in Alaska sehen wir vor allem „Giant Kelp“ und „Bull Kelp“. Das ist (neben der wichtigen biologischen Funktion der Kelpwälder) manchmal äußerst nützlich. Etwa weil es in engen Einfahrten von Buchten gerade bei Niedrigwasser ziemlich deutlich die Position der Unterwasserfelsen markiert. Manchmal ist es aber auch weniger hilfreich, z.B. beim Ankern.

Im Moment lernen wir gerade noch, welche der Wildpflanzen neben den Beeren hier in Alaska essbar sind. Die Locals Donna und Bill haben uns unter anderem gedämpftes „Beach Asparagus“ empfohlen, offenbar mit Queller nah verwandt und weit verbreitet. Außerdem für den Salat „Deer Heart“, auch „False Lilly of The Valley“ genannt. Und Lamb Tongue (im Deutschen: Wollziest/Eselsohr/Hasenohr), wiederum gedämpft. Danach werden wir uns in den nächsten Buchten auf die Suche machen. Und Kelp?

Es gibt sogar Kelp-Farmen in Alaska.

😉

Juneau, Alaskas Hauptstadt

Anna, eine unserer Gastgeberinnen in der Crab Bay, stammt aus Juneau. Ihr ambivalentes Verhältnis zu Alaska und ihrer Heimatstadt hat sie uns gegenüber so beschrieben: „For 18 years I tried hard to get out of Alaska and than another 18 years to get back!” damit steht sie nicht allein. Die kleinstädtische Enge der gut 30.000 Einwohner zählenden Hauptstadt Alaskas und noch mehr der sie umgebenden Fischerdörfer, die Abgeschiedenheit vom Rest der Welt wird wohl von vielen (insbesondere von Jugendlichen) eher als Bürde denn als Privileg empfunden. Und doch, die enge soziale Verbundenheit und die phantastische Natur fehlen umgekehrt in der Anonymität ferner Großstädte.

Sehr schön beschreibt das eine Freundin von Anna, die Musikerin Erin Heist, in ihrer Musik. Etwa im Song “Out of town” (Album: From the land of rusted dreams) mit der Textzeile “Ain’t no boat to take, ain’t no road for free, I gotta get out of town.” Kommt sofort auf unsere Reise-Playlist.

Aber warum eigentlich gibt es keine Straße nach Juneau? Na klar, Alaska ist abgelegen. Trotzdem haben die Amerikaner im zweiten Weltkrieg in nur zwei Jahren mit Genehmigung der Kanadier einen Highway quer durch Kanada gebaut, um die bisher abgelegenen Flugplätze und Orte, insbesondere Anchorage, zu erreichen. Die Hauptstadt Juneau wurde trotzdem nicht an das Straßennetz angeschlossen. Der Grund wird auf diesem Schaubild im Alaska State Museum deutlich:

Das Juneau Icefield, eine riesige, 3.900 Quadratkilometer messende zusammenhängende Fläche von Gletschern, zieht sich im Osten Juneaus auf der Grenze zwischen Kanada und Alaska entlang.

Teile dieser Eisfläche sehen wir schon bei der Anfahrt auf Juneau. Der Mendenhall Gletscher, quasi der Hausgletscher der Stadt, begrüßt uns mit leuchtendem Hellblau bereits aus der Ferne und bevor wir die Häuser der Stadt ausmachen können.

Aber selbst für uns präsentiert sich Juneau zwiespältig. Zum einen ist da der sehr geschützte Hafen und die pittoreske Lage unmittelbar vor den hohen Bergen.

Andererseits ist das alte Stadtzentrum schon ausgesprochen touristisch geprägt. Überteuert, mit vielen Schmuck und Souvenirshops. Kein Wunder bei den im Verhältnis zur Bevölkerungszahl überwältigenden Zahl der großen Kreuzfahrtschiffe und ihrer Passagiere.

Schlangen vor dem Imbissbuden am Hafen, wo man für nur 20 US$ lokales Fastfood erstehen kann, Wartezeiten von einer Dreiviertelstunde im Food-Truck-Dorf, wo es das Ganze bei schönerer Kulisse etwas teurer gibt. Geschiebe in den Läden um die Franklin Street, wo dann z.B. original Bärenzähne zu kaufen sind.

Wandbild in der Innenstadt

Toll aber das innenstadtnah gelegene Alaska State Museum.

Kajak einschließlich Jagdgerätschaften sehr anschaulich erläutert
Sonnen- bzw. Schneebrillen
Verzierte Heilbutt-Angelhaken

Die verschiedenen Nationen der in Alaska lebenden Ureinwohner, ihre besonderen Kulturen und Jagdtechniken, Alltags- und Kunstgegenstände werden ebenso dargestellt wie die Kolonialisierungsgeschichte mit russischer und US-amerikanischer Station und der industriellen Fischerei.

Die Natur Alaskas wird zwar behandelt, kommt aber vielleicht ein bisschen kurz. Wir kompensieren das am nächsten Tag durch einen ausgesprochen langen Hike vor den Toren der Stadt. Mit dem Bus gelangen wir zum Startpunkt in der Nähe des Mendenhall Gletschers. Das Bussystem funktioniert gut, jede Fahrt kostet (unabhängig von der Fahrtstrecke) 2 $, von unserem Hafen in der nördlich gelegenen Auke Bay aus sind so große Supermärkte und auch das Stadtzentrum gut erreichbar. Der Hike beginnt einfach durch eher flaches Regenwald-Gebiet ein bisschen abseits der Straße.

Aber dann wählen wir den „East Glacier Loop Trail“, der abseits des von von den Kreuzfahrtbussen angefahrenen Besucherzentrums durch die Berge oberhalb des am Ufer des Gletschersees entlang führenden gut ausgebauten Fußweges zu den imposanten Nugget Falls führt.

Unser Wanderweg ist da einsamer. Wir begegnen auf dem mehrere Stunden dauernden Weg nur ein paar Handvoll andere Wanderer.

Mal mit gut ausgebauten Stufen oder Treppen …
… mal rustikaler …
aber immer mit beeindruckender Natur.

Am Ende schließt dann wieder ein flacheres Stück durch moorige Seenlandschaft an.

Hier treffen wir auf Mary, die gerade „High Bush Cranberries“ pflückt, nicht Huckleberries (Johannisbeeren) , wie wir fälschlich annehmen. Die Biologin ist vor über 30 Jahren nach Alaska gekommen und hier geblieben. Sie erklärt uns anschaulich, wie wir die Sitka Spruce (piksig, gerade Spitze) von der Hemlock-Tanne (weiche, flache Nadeln, gebogene Hexenhut-Spitze) unterscheiden können. Unsere bisherigen Versuche über die Borke („Potato Chips bzw. Bacon“) waren nicht so recht eindeutig. Während wir uns unterhalten, fliegt eine große blaue Libelle zu uns und lässt sich abwechseln auf jedem von uns nieder. Von Wiebkes Rücken kann ich sie auf meinen Finger locken und an Mary weiterreichen. Ungewöhnlich, aber sehr schön.

Mary berichtet uns, dass über diese blauschwarzen Libellen gesagt wird, sie würden die Lippen von schlechte Dinge sagenden Menschen zusammennähen. 😜

Und noch eine andere tierische Begegnung haben wir auf dieser Wanderung: erstmals sehen wir Lachse in ihrer Laichfärbung ein stark strömendes Bachbett hinaufwandern. Für den Rotlachs (Sockeye) hat die Saison begonnen, sein dunkelblauer Rücken und die silbrigen Seiten haben sich leuchtend rot verfärbt, der Kopf grünlich. Das Maul macht eine Formveränderung durch, wird deutlich länger und bekommt in Ober- und Unterkiefer einen Haken. Die laichfähigen Tiere in diesem Stadium fressen nicht mehr, sondern kämpfen sich die Bäche hoch zu ihrem Geburtsort, laichen und sterben dann.

Jetzt beginnt die Festmahlzeit für die Bären. Wir sind gespannt, ob wir das noch zu sehen bekommen.

Zurück am Hafen treffen wir auf die gerade angekommenen Crews der Pitou und der (ebenfalls holländischen) Fidelis. Spontan drehen wir nochmal um und begleiten die anderen zur örtlichen Brauerei oberhalb der Marina.

Die Kombination aus großem Wagen und Nordstern ziert die Flagge Alaskas

Ach ja, der tägliche Seeadler. Heute mal „Marina-Style“. Hoffentlich verzeiht der B&G-Windmesser im Masttop des Nachbarbootes die funktionsfremde Nutzung.

Heute haben wir übrigens Ruhetag, die 13 km von gestern stecken uns noch in den Beinen. Passt aber, um es mit einem anderen Alaska-Song von Erin Heist auszudrücken: „Another rainy day“. Wir verwöhnen uns mit Selbstgebackenem: Apfel-Pekanuss-Kuchen und Hafer-Cashew-Karamell-Keksen.

😁

Was das Reisen ausmacht …

… sind vor allem anderen die Begegnungen.

Wir fahren bei mäßigem Wetter von Hoonah aus die Icy Strait hinauf und ein kleines Stück den Lynn Canal (der große Verbindungsfjord, der nach Skagway hinauf führt). Dann biegen wir aber gleich wieder ab in die Funter Bay.

Ein schöner, unspektakulärer Ankerplatz. Nicht völlig einsam, im Süden der Funter Bay ist vor den langsam verfallenden Ruinen der alten Fischkonsenvenfabrik ein öffentlicher Ponton verankert, an dem man kostenlos festmachen darf. So etwas gibt es hier häufiger mal. Wir entscheiden uns aber für den nordöstlichen Arm, die Crab Cove. Im Scheitel der Bucht stehen mehrere Häuser am Waldrand. Ein deutlich kleinerer Ponton ist außerhalb der trockenfallenden Zone verankert, er scheint privat zu sein, ein Aluboot mit Außenborder ist offenbar schon länger daran festgemacht. Wir ankern noch einmal um, nachdem wir unseren Schwoikreis kontrolliert haben. Bei gut 4 m Tidenhub kämen wir bei Ebbe doch sehr nah an den Flachwasserbereich, etwas mehr Abstand sorgt für besseren Schlaf. Ein paar Bojen von Krebsfallen sprenkeln die Wasseroberfläche, kein Wunder beim Namen der Bucht. Vielleicht haben wir hier ja mal Erfolg beim “Crabbing”, also bringen wir gleich unseren Krebskorb aus.

Am nächsten Morgen wundern wir uns über eine kleine Versammlung auf dem Ponton. 6 Leute stehen im Regen und unterhalten sich. Beim ersten flüchtigen Hinsehen halte ich sie für Fischer. Als ich nach dem Kaffee aus dem Fenster sehe, kommt gerade eine Frau mit einem Hund im Kajak dazu. Hm, doch keine Fischer. Drei Männer und drei Frauen stehen auf dem kleinen Floß, außerdem können wir jetzt auch Gepäckstücke erkennen.

Wir fragen doch mal nach, ob sie ein Shuttle brauchen, ich fahre mit dem Dinghy rüber und werde sehr freudig empfangen. Sie wollen zum Haus und der Cabin von Joan (der Frau mit dem Hund). Das Taxiboot aus Juneau konnte bei dem niedrigen Wasserstand nicht nahe genug an den Strand fahren und das Boot von Joan liegt noch für ein paar Stunden hoch und trocken. Also bringe ich sie mit ein paar Fuhren hinüber. Joan nimmt mir das Versprechen ab, dass wir auf jeden Fall noch vorbeikommen müssen.

Wiebke und ich frühstücken gemütlich und fahren dann beide hinüber. Kurz, wie wir denken, eigentlich wollen wir ja gleich Anker auf gehen. Aber es kommt anders. Das Haus ist super gemütlich. Wir bekommen eine Tasse Tee mit Blick auf unser Schiff und schnacken uns gleich fest.

Es ist nur mit dem Boot oder per Wasserflugzeug erreichbar, eine Straße führt nicht einmal in die Nähe. Stromanschluss gibts ebenfalls nicht, Solarpanels und ein Dieselgenerator versorgen die 12-Volt-Batterien, wie auf unserem Boot. Wasser wird aus dem oberhalb des Hauses angestauten Bach gezapft und von da per Fallrohr zum Haus geleitet. Gasflaschen, Diesel, Lebensmittel, das muss alles per Boot mitgebracht werden.

Als die Flut das Boot von Joan wieder flott gemacht hat, holen wir das Gepäck, Wiebke shuttelt die Koffer und Lebensmittel mit Joans Quad.

Dann wollen die Jungs aus Texas fischen gehen. Sie haben Angelruten und Krebskörbe mitgebracht, Greg macht auch mir gleich eine Angel fertig und erklärt, wie das Setup für Heilbuttfischen am besten funktioniert. Als Köder befestigt er mitgebrachte Heringe auf den Doppelhaken hinter dem Gewicht. Zwischen den vorgelagerten Inselchen lassen wir das Boot langsam driften, die Köder knapp über dem Grund werden durch Auf- und Abwippen mit der Angel immer wieder in die Höhe gezogen und heruntergelassen. Jig-Fischen (oder Pilken beim Dorschfischen in der Ostsee, danke an Michael von der Samai für den Hinweis).

Erfolgreich. Nach weniger als 5 Minuten habe ich den schönen Heilbutt im Boot. Auch die anderen haben Angelglück, innerhalb einer halben Stunde fangen wir vier Heilbutte (die Schollen und Rockfische gehen gleich wieder ins Wasser zurück).

Das wird ein Festessen, zumal wir aus Joans Krebsfallen auch noch fünf fette Dungeness-Krebse holen (unsere ist natürlich leer, war aber auch nicht so lange drin).

Die Krebse werden gekocht, die Heilbuttfilets zünftig über auf einem Bett aus Skunk-Cabbage-Blättern auf Zwiebeln und Knoblauch gegrillt.

Es wird ein wunderschöner, sehr langer Abend mit tollen Gesprächen. Danke an Joan, an Anna und Greg, Jennifer und Alex, Lissette und Pedro für Eure Gastfreundschaft.

Buckelwale, Zauberwald in Bartlett Cove und über die Icy Strait hinüber nach Hoonah

Bevor wir die Glacier Bay verlassen ankern wir noch einmal in der Bartlett Cove.

Mehrere Buckelwale haben sich diese mit rund 40 m und im Ankerbereich nur 17 m vergleichsweise flache Bucht als ihren heutigen Mittagstisch ausgesucht. Sie ziehen ihre Runden zumeist im Uferbereich und so können wir sie von Bord der Flora bei der gemächlichen Jagd beobachten. Dazu ausnahmsweise mal ein kurzes Video:

Wir beschließen, dass wir dann ja vielleicht drüben in der Lodge essen gehen könnten (klappt nicht, nur für Übernachtungsgäste). Macht aber nichts, dann können wir jedenfalls noch einen Spaziergang auf dem ausgeschilderten ”Forest Trail” unternehmen. Der wiederum entpuppt sich als Glücksgriff.

Unser Pflanzenführer “Plants of the Pacific Northwest Coast” enthält nur 20 Seiten über Bäume (genau so viele wie zu den Flechten), aber mehr als doppelt so viele Seiten zu Moos. Tatsächlich erkennen wir nur Sitka-Tanne, Hemlock-Tanne und Roterle, aber die verschiedenen Moose verwandeln diesen “Temperate Rainforest” in einen Zauberwald wie aus dem Märchen entsprungen. Am Eingang warnt ein Schild, wir müssen uns vor Elchen und Bären in Acht nehmen, aber auftauchende Elfen, Trolle oder Zwerge würden uns wahrscheinlich kaum mehr überraschen.

Der Wald ist zwar “Urwald”, wird hier also nicht bewirtschaftet, aber besonders alt ist er nicht. Vor 250 Jahren bedeckte Gletschereis diesen Bereich, das sich in der “Kleinen Eiszeit” bis etwa im Jahr 1750 schnell hierher ausgebreitet hatte. Die damals hier lebenden verschiedenen Clans der Tlingit wurden von dem vorrückenden Eis vertrieben und siedelten sich 1754 außerhalb der Glacier Bay in einem gegenüber liegenden Arm der Icy Strait an. Der Ort Hoonah (ursprünglich Xunijaa = geschützt vor dem Nordwind) ist heute mit 800 Einwohner die größte Gemeinde der Tlingit.

Und die ist unser nächstes Ziel. Auf dem Weg dorthin begrüßen uns an der Einfahrt zur Bucht Port Frederic schon mal Stellersche Seelöwen (benannt nach Georg Wilhelm Steller, der als Arzt und Wissenschaftler in russischen Diensten 1741 mit Kapitän Vitus Bering Alaska erreichte (und anders als Bering von dieser Reise auch nach Russland zurückkam).

Dass Hoonah durch einen Großbrand in den 1940er Jahren fast vollständig abgebrannt ist und mit zum Teil heute noch genutzten Not- oder Weltkriegs-Häusern vor dem Auseinanderbrechen der Gemeinde gerettet wurde zeigt sich auch heute noch im Ortsbild. Ebenso sichtbar ist aber das aktive Fördern von Klingit-Traditionen. So wird die Sprache in allen Schulformen unterrichtet und die typischen Totem-Schnitzereien und Bilder prägen ebenso das Ortsbild.

Vor allem aber ist die aktive Fischerei offensichtlich das Hauptgewerbe in und um Hoonah.

Unsere eigenen Angelkünste dagegen …

Naja. Aber in Hoonah treffen wir Michelle und Tom von der SY Paraiso, verbringen einen schönen gemeinsamen Abend auf der Flora und bekommen dabei viele Tips zum Revier und auch zum Fischen hier.

😁

Gletscher-Eis-Tiere und Landschaft, Fotos zur Glacier Bay

Wir sind wieder in der Bartlett Cove. Was für intensive Tage in der Glacier Bay.

Die weithin sichtbare „Autobahn“ des Grand Pacific Glacier:

Und „unser“ erster Gletscher, der Lamplugh Glacier:

Das gefischte Gletschereis und die Drinks daraus:

Die Matschwanderung zum Reid Glacier im Scheitel unserer Ankerbucht:

Unser Ankerplatz vor dem Gletscher im Reid Inlet mit dem gletschergrünen Wasser:

Unser erster „Eisberg“. Oder Growler. Jedenfalls zeigt sich beim Näherkommen, dass er etwa die Größe eines VW-Busses hat. Über Wasser! Insgesamt also wohl eher die Größe eine Gelenkbusses.

Viel mehr Eis gab es dann aber auf dem Weg zum Margerie Gletscher. Die Gletscher-Eis-Tiere, oder Gletscher-Eis-Skulpturen oder Gletscher-Eis-Phantasie-Gestalten:

Und die Flora vor der Gletscherzunge des Margerie Glacier. Nicht durch die niedrigen Perspektive (aus dem Dinghy aufgenommen) und die noch große Entfernung zum Gletscher täuschen lassen, die Abbruchkante des Gletschers ist rund 70 m hoch:

Seeotter, im Hintergrund Mutter mit Kind auf dem Bauch. Und dann die Seeotter-Party😁:

Und der tägliche Seeadler (passend auf Eis):

Buckelwale gab es tatsächlich täglich mehrfach zu sehen, mal den Blas, mal springend, mal den Buckel, mal die Fluke. Oft dicht unter Land, weshalb in der Glacier Bay an einigen Orten „Wale areas“ eingerichtet sind, in denen man mittig zwischen den Inseln fahren muss und nach Möglichkeit eine Meile Abstand zum Land einhalten soll. Die Wale halten sich aber nicht an diese Gebiete, wir sehen sie wirklich überall. Im Augenblick kann ich sie gerade hören, sie sind direkt am Boot in unserer Ankerbucht.

Manchmal tun uns auch drei Wale den Gefallen, quasi für die Galerie zu posieren:

Landschaft und Wolken oder Nebelbänke:

Nochmal ein täglicher Weißkopfseeadler …

Und natürlich die Grizzly-Bärenbilder:

So siehts aus in der Glacier Bay.

😁

Heilbutt und Bär

So wie der letzte Blogpost aufgehört hat, so beginnt der heutige: tierisch.

In der Blue Mouse Cove lassen wir auf dem Rückweg von den Gletschern den Anker fallen, bringen den Krebskorb aus und versuchen uns ausnahmsweise mal im Jig-Fischen. Nachdem wir inzwischen gelernt haben, dass das einfache Hinterherziehen des Köders (Trolling) wie wir es bisher stets gemacht haben erstens für Lachs und Heilbutt viel zu schnell ist (empfohlen werden maximal 3 kn) und zweitens im falschen Stockwerk stattfindet. Die Köder sollen hier nämlich für diese Fische auf Tiefe gezogen werden. Mit an einer Extraleine befestigten großen Bleigewichten (segenannten Kanonenkugeln) wird die Angelschnur mit dem Köder während der langsamen Fahrt tief gehalten. An der Kanonenkugel ist eine Vorrichtung befestigt, die die Angelschnur im Fall eines Bisses freigibt. Aha, so ginge dass. Aber dieses Equipment haben wir nunmal nicht und so langsam wollen wir auch nicht unterwegs sein. Die Alternative ist das Jig-Fischen vor Anker. Dabei wird (so wurde uns Blauwasser-Schleppangler
n erklärt) der Köder bis auf den Grund herunter gelassen, dann wird etwas Leine wieder eingeholt. Und jetzt: auf- und abwippen mit der Angelrute, so dass der Köder immer 2 m nach oben gezogen wird und dann wieder absinkt. Wir probieren es in der Blue Mouse Cove das erste Mal aus. Anfängerglück: nach kaum 2 Minuten haben wir einen Heilbutt am Haken. Nicht besonders groß (die werden riesig!), aber perfekte Pfannengröße für uns beide. Wir probieren es noch etwas länger, aber fangen nur einen Rockfish, den wir wieder freilassen. Reicht ja auch so.

Das bleibt aber nicht die einzige tierische Begegnung in der Blue Mouse Cove. Heute morgen, als ich gerade mit dem Dinghy den (leeren) Krebskorb einholen will, sehen wir am Strand einen Bär. Unverkennbar ein Grizzly, wie der Buckel an den Schulterblättern und der spitze Kopf verraten. Groß ist er, aber nicht sehr bullig, zumindest jetzt noch nicht. Vielleicht frisst er sich ja zum Herbst hin noch etwas Speck an. Seelenruhig spaziert er jetzt bei Niedrigwasser in der Tidenzone herum, dreht systematisch jeden größeren Stein um und schaut, ob sich darunter etwas Fressbares findet. Dann geht er das Bachbett hinauf zum Waldrand, am Saum des Waldes entlang findet er offenbar Beeren. Das Klicken der Kamera und selbst das Geräusch des Außenborders scheint ihn nicht zu stören, nachdem ich ihn überholt habe (wasserseitig, und da bleibe ich natürlich auch) geht er gemächlich am Waldrand entlang weiter auf mich zu.

Wir freuen uns, dass es heute auf unserer kurzen Fahrt hinüber in die Shag Cove im Geikie Inlet trocken bleibt, Nebel und Wolken mit ihren Bänken in unterschiedlichen Höhen nur fantastische Bilder in die Berglandschaft malen. Kaspar David Friedrich hätte seine Freude.
Die Shag Cove ist ein nur etwa 2 sm langer Fjord, der vielleicht mehr noch als die anderen Inlets und Buchten dem Idealbild eines Fjordes entspricht. An beiden Seiten ragen die Bergwände steil in die Höhe. Zwar reicht heute kein Gletscher mehr an den Scheitel der Bucht heran, die fast senkrechte Felswand an der Ostseite zeigt aber noch immer den von den füheren Eismassen blank polierten Grannit. Dort und auch auf der gegenüber liegenden waldigeren Westseite rauschen zahlreiche Wasserfälle ins Tal. Wie so oft haben wir auch diesmal die Ankerbucht ganz für uns. Der Fjord ist überwiegend tief bis fast ans Ufer. Der Anker fällt bei über 20 m Wassertiefe, um hier am Ende des Tales noch genügend Schwingraum beim Wechsel der Tide zu habe.
Kaum ist der Anker eingefahren zeigt sich der tägliche Weißkopfseeadler am Ufer und dann fängt es an zu regnen. Passt doch. Heizung an, unter Deck einkuscheln und die vielen Bilder im Kopf und auf dem iPad sortieren. 😉

Beitrag per Iridium-Satellit übermittelt, die Fotos werden also nachgereicht.

Ozeansegeln im Hochgebirge

Wir haben in Sitka andere Cruiser getroffen, die wegen des Aufwands um die Genehmigung für die Glacier Bay abgewinkt hatten: „Freunde von uns waren da, hatten aber die ganze Woche schlechtes Wetter und konnten überhaupt nichts sehen. Die Bürokratie mit der Genehmigung tun wir uns nicht an.“ Aber wir sagen uns: „Wenn wir nicht hinfahren, können wir ganz sicher nichts sehen.“
Als wir dann am Tag nach dem (obligatorischen) Einchecken aus der Bartlett Cove auslaufen, sehen wir … .. so gut wie nichts. Schemenhaft sind die Ufer zu erkennen, das Radar läuft.
Aber kaum zwei Meilen weiter kommt Wind auf, bläst den Nebel zur Seite und wir können eine dreiviertel Stunde lang segeln. Das sind um und bei 45 Minuten mehr, als wir nach der Wettervorhersage nur zu hoffen gewagt hätten.
Und nicht nur das. Jetzt, wo wir etwas weiter blicken können, sehen wir auch Wale. Erst ein paar mal einen Blas, dann die Rücken der Buckelwale, Fluken. In einiger Entfernung zwar, aber immerhin. Ein Wal springt sogar. Der Wind verlässt uns zwar wieder, aber die Wale bleiben uns treu. Den ganzen Tag über können wir immer mal wieder Buckelwale beobachten.
Bei der Beantragung der Genehmigung für die Glacier Bay muss man unter anderem einen „Float Plan“ angeben, also die Ankerplätze, die man an den einzelnen Tagen anzulaufen gedenkt. Daran muss man sich aber nicht sklavisch halten, manche der Ankerplätze können sich wetterbedingt z.B. wegen Eisgangs auch als ungeeignet erweisen. Wir hatten (nach Bartlett Cove) für die zweite Nacht die Blue Mouse Cove angegeben. Als wir sie erreichen, ziehen gerade ein paar Buckelwale in die Bucht, das wäre natürlich verlockend. Andererseits bekommen wir gerade noch ein viel größeres Geschenk: die Wolkendecke reißt teilweise auf und wir können vor uns im Norden die hohen, schneebedeckten Gipfel einiger der umliegenden Berggiganten der Mount Fairweather Range erkennen (Danke, dass Du Deinem Namen Ehre machst). Wir schmeißen den Törnplan um und fahren weiter.
Wir stehen auf dem Vorschiff, bestaunen das hochalpine Bergpanorama, bekommen das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht. Die Adjektive gehen uns aus, wir wiederholen uns in unseren Begeisterungsausbrüchen.
Die nächste sinnvolle Ankerbucht wäre das Reid Inlet, aber auch daran fahren wir erst einmal vorbei. Denn nur 4 sm hinter dem Reid Inlet lockt bei der jetzt guten Sicht der Lamplugh Glacier, einer der nur noch wenigen Gletscher, die bis direkt ans Wasser reichen. Das bedeutet natürlich auch, dass sie direkt in die Bucht auch kalben, Eisberge und kleinere Growler brechen von ihnen ab. Als wir uns nähern, hält sich das treibende Eis allerdings zum Glück in Grenzen. Der Großteil davon scheint zudem von den weiter innen im Johns Hopkins Inlet gelegenden anderen Gletschern (vor allem dem Johns Hopkins Glacier und dem Hoonah Glacier) zu stammen. Also nähern wir uns vorsichtig an, bleiben sicherheitshalber aber eine halbe Meile von der imposanten Gletscherzunge entfernt. Nach einiger Zeit trauen wir uns sogar, mit dem Dinghy Fotos von der Flora vor der Gletscherwand zu machen (Drohnen sind im Nationalpark leider nicht erlaubt). Die Gelegenheit nutzen wir gleich dazu, frisch
es Gletschereis für unseren Abenddrink einzusammeln. Zurück im Reid Inlet gibt es zum frischgebackenen Baguette Camenbert mit Rosmarin-Kirsch-Gelee und Pastis mit frischem Gletschereis, eine nur leicht verspätete Reminiszenz zu unserem gerade gefeierten Hochzeitstag bzw. der Hochzeitsreise, die vor 23 Jahren per Motorrad in die Provence führte.

Auch das Reid Inlet bietet eine beeindruckende Gletscherzunge in seinem Scheitel, aber der Reid Glacier reicht eben nicht mehr ganz an die Hochwassergrenze heran. Mehrere Gletscherbäche und -Flüsse transportieren das Schmelzwasser in die Bucht. Wir ankern hinter einer kleinen Landzunge auf 18 m Tiefe (plus 4 m Tiedenhub). Mit dem Dinghy fahren wir rund eine Meile zum Ufer im Scheitel, bei ablaufendem Wasser ziehen wir Florecita auf den Schlick und erkunden die Zone zwischen Ufer und Gletscher. Gut, dass wir die Alaska-Einheitsfußbekleidung tragen, Gummistiefel sind hier schlicht Pflicht. Wir rutschen durch den Matsch und sauen auch unser Ölzeug ziemlich ein (das lässt sich aber zum Glück hinterher gut abspülen). Trotzdem sind wir froh, diesen kleinen Ausflug gewagt zu haben. Bestimmt noch einmal ein halber Kilometer liegt jetzt zwischen Ufer und Gletscher, ein Teil glitschige Tidenzone, der andere loses Geröll. Und mit jedem Schritt wächst die vorher gar nicht so rie
sig erscheinende Gletscherzunge in die Höhe. Die steilen, baumlosen Hänge an seinen Seiten bieten einfach keine Größenreferenz, erst aus der Nähe wird die Dimension der Eismassen begreifbar.
Die Bäume sind auf dem Weg von der mit nordischem Regenwald gesäumten Bartlett Cove hier her ganz langsam nach und nach kleiner geworden und dann ganz verschwunden. Wer hätte gedacht, dass wir mit der Flora einmal mitten ins hochalpine Gebirge fahren? Aber so ist es. Als würde sich ein Fjordsystem von der ligurischen See bis zum Fuß des Mont Blanc winden. Wir fahren durch milchig grünes Gletscherwasser.

Als wir heute aufwachen, hören wir nichts. Abgesehen von dem Lärm der Wasserfälle – oder sind es nur Gebirgsbäche? An beiden Seiten des Reid Inlets steigen die Berge im 45 Grad Winkel in die Höhe, unzählige Bäche stürzen sich da herunter. Immer mal wieder auch im freien Fall. Sagen wir einfach Kaskaden. Jedenfalls rauscht es ordentlich. Aber was wir eben nicht hören, sind Regentropfen auf Floras Deck. Also schnell hoch, tatsächlich, die Sicht ist wieder gut. Dann mal los zum Tarr Inlet. An dessen Scheitel grüßt der Grand Pacific Glacier, der sich weithin sichtbar wie eine weiß-graue Autobahn durch die Berge schlängelt. Seine Gletscherzunge ist aber wegen des vorgelagerten Eises kaum zu erreichen. Anders der Margerie Glacier, der seine blau leuchtende Gletscherzunge seitlich in den Scheitel des Tarr Inlets drückt. Er steht ikonisch für die Gletscher der Glacier Bay und wird regelmäßig von jedem der Kreuzfahrtschiffen angelaufen, die in dieses Gebiet fahren drfen. Aber mit unserem Ankerplatz haben wir so viel Vorsprung, dass ein Cruiseliner erst um die Ecke biegt, als wir das Tarr Inlet gerade wieder verlassen.
So haben wir auch den Margerie Glacier – wie gestern den Lamplugh – ganz für uns allein. Können, nachdem wir das hier in größerem Umfang treibende Eis im Slalom umschifft haben, in aller „Ruhe“ die 70 m hohe Abbruchkante an der Gletscherzunge bewundern. Mit gebührendem Abstand, versteht sich, denn der Gletscher gibt immer mal wieder ein Geräusch von sich, dass wie ein Kanonenschuss klingt. Das Eis bricht während unserer Anwesenheit aber nur im Inneren des Gletschers, größere Eisstürze bleiben zum Glück aus. Sie sollen zwar spektakulär aussehen, können aber auch kräftige Flutwellen auslösen.
Beim Herausschlängeln aus dem Inlet um die kleineren und größeren treibenden Eisstücke bewundern wir die Eis-Skulpturen, in die sich die Eisstücke im Laufe der Zeit verwandeln. Waren es auf den größeren Seestrecken die Wolken-Tiere, können wir jetzt hier Eis-Tiere zusammenphantasieren, die sich im Vorbeifahren schon wieder ganz anders präsentieren oder gar auflösen.

Und auch echte, lebende Tiere zeigen sich zahlreich. Wieder Buckelwale, dazu einmal auch kleine Schweinswale, zudem mehrfach große Gruppen von Seeottern. Da darf natürlich auch der tägliche Weißkopf-Seeadler nicht fehlen. Absolut passend gibt es ihn heute … .. auf Eis.

🙂