Tag 16 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Erste Aktion am Morgen: Code0 neu an den Furler laschen. Das hört sich einfach an und ist es eigentlich auch. Nur der Standort vor dem Bugkorb auf dem über den Anker hinausragenden Edelstahlrüssel macht das Arbeiten dort auf hoher See dann eben doch etwas aufwändiger. So haben wir es auch zunächst anders versucht und den Code0 aufs Vorschiff heruntergelassen, aber ohne die Spannung bekommen wir die Kausch des Torsionskabels einfach nicht in die richtige Position. Also wieder hoch und in verkrampfter Haltung vorm Bugkorb arbeiten. Aber nach einer Stunde ist es geschafft und wir können den Code0 wieder setzen.

Jetzt ist der Morgenkaffee aber wirklich verdient.

Alles außen am Boot klebt vor Salz. Wir kleben auch. Salz und Schweiß, die tropischen Temperaturen machen sich bemerkbar. Nächste Aktion ist also etwas Süßwasserspülung für Scheiben, Persenninge, Griffe und Edelstahlteile. Und dann für uns selbst auf dem Achterdeck.

Frühstück.

Internetrecherche über die Lasching bzw. den Furler, telefonieren und chatten mit Segelfreunden. Wetterdiskussion mit unserem Buddyboat Fidelis, die im Moment etwa 20 sm vor uns segeln.

Endlich ist die See nicht mehr so ruppig, bei diesen Bedingungen kann man doch mal wieder die Angeln ausbringen. Eine Viertelstunde später rauschen sie schon aus. Beide gleichzeitig. Zwei schöne Skipjack-Tuna sind dran, einen lassen wir aber wieder frei, der andere, etwa 56 cm lang, wird gleich filetiert. Das reicht für drei bis vier Tage.

Der Wind nimmt zu, Segelwechsel auf die Fock.

Beim Starten des Wassermacher gibt’s eine Schrecksekunde. Wahrscheinlich eine kleine Blockage (Muschel?) im Seeventil, nach Filtercheck und mehrfachem Öffnen und Schließen des Seeventils der Ansaugleitung läuft er dann doch wieder ganz normal. Ich fülle den Tank ein bisschen auf und dann auch die leer gewordenen Trinkwasserflaschen.

Wiebke backt in der Zwischenzeit Muffins (Mandel/Weiße Schokolade/Himbeer bzw. Pfirsich) und weicht außerdem schon mal Linsen für das Abendessen ein. Gestern gabs asiatische Mie-Nudeln mit Möhren und Weißkohl.

Nebenbei: Backen ist auf der Flora definitiv ein Indikator für gute Stimmung an Bord!

Ein Regenschauer kommt vorbei und klaut den Wind. Eine halbe Stunde dümpeln mit rund 3 kn. Sonnenschutz aufbauen. Dann kommt der Wind mit 10 kn zurück. Schön, jetzt können wir wieder auf den Code0 wechseln. Jetzt 13 kn, das ist mit diesem Segel schon wieder ganz schön schräg (aber schnell).

Und schon ist wieder ein Tag um.

Etmal 156 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.283 sm, rechnerisch bis Gambier noch 1.017 sm.

Tag 10 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Tölpel an der Angel.

Die Angel rauscht aus. Das charakteristische Rattern der Rolle lässt den Adrenalinspiegel nach oben schießen, der Jagdtrieb ist geweckt. Aber der Blick übers Heck wandelt das Ganze in einen Schrecken um: ein noch nicht ganz ausgewachsener Blue Footed Booby (Blaufußtölpel) hat sich auf den Köder gestürzt und wird jetzt an der Wasseroberfläche hinter Flora her gezogen. Ein zweiter Booby bleibt immer ganz in seiner Nähe.

Vorsichtig, um den gänsegroßen Vogel nicht zu ertränken, ziehe ich ihn heran. Wiebke hat mir derweil einen dicken Lederhandschuh herausgesucht, mit dem kräftigen Schnabel dieser Vögel ist nicht zu spaßen.

Und dann wird der Haken herausoperiert:

Dankenswerterweise hält der Booby dabei still, zappelt überhaupt nicht herum.

Als ich ihn freilasse, setzt er sich zunächst aufs Wasser, probiert die Flügel aus, sammelt sich. Und fliegt dann wieder los. Sieht gut aus.

Leider entschließt sich just in diesem Moment der zweite Booby, den Köder unserer anderen Leine auszuprobieren, mit dem gleichen Ergebnis. „Tölpel“. Das gibt’s doch wohl nicht, wir exerzieren das Ganze noch einmal durch und beide Leinen bleiben erstmal an Bord. Wir haben jetzt schon so lange dauernd Boobies und andere Seevögel um uns, an den Haken gegangen ist bisher noch keiner. In der ganzen Zeit hatten es allerdings zwei Vögel geschafft, sich in der Angelleine zu verheddern, ohne sich aber den Haken ins Fleisch zu rammen.

Früher hätten derartig gefangene Seevögel sicher meistens für Abwechslung auf dem Speiseplan gesorgt (sie sind essbar und sollen sogar schmecken). Aber abgesehen davon, dass wir keinen Blue Footed Booby schlachten könnten, wäre das heute auch nur in Notfällen anzuraten. Eine gute Beschreibung dazu gibt es (auf Englisch) hier.

Ebenfalls nicht auf unserer Menükarte: obwohl sich die Crew der Snark sich morgens zum Frühstück immer über die auf Deck eingesammelten Fliegenden Fische hermacht (und Jack London sich auch über deren Geschmack wohlwollend äußert) werfen wir auf der Flora allmorgendlich die stark riechenden und schleimig-schuppigen Unglücksflieger mit spitzen Fingern über Bord.

Statt dessen gibts Filet vom Skipjack Tuna mit Rigatoni und selbstgemachtem Pesto marokkanisch (mit Kardamon, Datteln, Walnüssen, getrockneten Tomaten und Feta).

Schon wieder Festessen und wir haben auch etwas zu feiern. Heute Nacht haben wir das Band unserer Nordpazifik-Runde zur Schleife komplettiert:

(Floras bisherige Reise in der Noforeignland-App)

Wahnsinn, fast zwei Jahre (seit April 2022) waren wir jetzt in diesem von europäischen Segelbooten eher selten besuchten nordpazifischen Ozean unterwegs. Hawai‘i, Alaska, ausgiebig das kanadische British Columbia, dann die US-Westküste mit San Francisco, Mexikos Baja California und Sea of Cortez. Nichts davon möchten wir missen. Und jetzt kreuzen wir auf dem Weg nach Französisch Polynesien unseren damaligen Kurs von Galapagos nach Hawai‘i.

Die Nacht war ziemlich ruppig (aber schnelles Segeln). Wir waren im zweiten Reff sehr hoch am Wind unterwegs. Heute Morgen sind wir dann 20 Grad abgefallen, jetzt also eher voll und bei mit 60° scheinbarem Windeinfall, Flora hat „einen Knochen im Maul“, weiße Gischt stiebt am Bug.

Etmal 157 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 1.326 sm, rechnerisch verbleiben 1.974 sm bis Gambier.

Tag 9 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Positive Überraschung: wir müssen nicht den ganzen Tag die eiserne Genua bemühen. Schon nach gut 12 Stunden, zum Beginn der ersten abendlichen Wache, schalten wir den Motor wieder aus. Unter Schmetterlingsbesegelung mit ausgebaumtem Code0 gleiten wir langsam in die Nacht.

Und es bleibt zunächst äußerst gemächliches Segeln. Eine dunkle Wolke bereitet dem aber gegen 2.00 Uhr nachts ein Ende. Erst bringt sie Regen, dann frischt der Wind auf, wenig später wechselt er um 80 Grad die Richtung und nachdem der Kurs mehrfach angepasst ist schläft der Wind komplett ein. Die Segel schlagen in der Dünung, das hat keinen Zweck. Also muss ich doch Wiebke wecken. Wir rollen die Segel ein, nehmen den Spi-Baum weg. Von 3.00 Uhr an läuft wieder der Volvo. Zwei Stunden später muss sich Wiebke in ihrer Wache revanchieren und mich wecken. Auch für mich ist es also nichts mit den 3 Stunden durchschlafen. Der Wind ist wieder da, jetzt aus 90 Grad, perfekt für den Code0. Diesmal ohne Baum, die Segel werden wieder ausgerollt und bescheren uns einen herrlichen Segeltag.

Das ist in dieser Gegend alles andere als selbstverständlich, ich hatte den Schwachwindkeil der ITCZ ja schon mehrfach beschrieben. Aber er ist eben kein stabiles Gebilde, sondern verändert permanent seine Form und Ausprägung. Den Wegepunkt, an dem wir von Norden in die derzeitige ITCZ eingefahren sind, hatten wir mit Bedacht gewählt. Hier sollte sich nach der Vorhersage kurzzeitig für ein paar Tage eine kleine „Brücke“ aus Wind bilden, die wollen wir nutzen. Und genau das scheint jetzt zu klappen:

Dabei lassen wir es uns auch kulinarisch gut gehen: der gefangene Skipjack Tuna wird mit karamellisiertem Rosenkohl, Pecannüssen und Orangenkartoffeln zu einem echten Festmahl.

Etmal 123 sm, gesamt auf der Passage damit 1.169 sm, verbleiben rechnerisch noch 2.131 sm bis Gambier.

Heute stellen wir die Bordzeit um eine Stunde zurück, sind also jetzt wieder in der Zeitzone der US-Westküste, 9 Stunden hinter der deutschen Zeit.

Tag 8 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Das Gewitterband liegt hinter uns, die Flaute vor uns, wir sind schon mittendrin, haben die die Innertropische Konvergenzzone ITCZ erreicht. Dankeschön für Euer Daumendrücken, es hat scheinbar geholfen. Wir kommen ohne Blitzlichtstakkato richtig gut durch. Das Gewitterband hat sich abgeschwächt, wir kriegen nur ein paar kräftige Regenschauer ab. Ansonsten können wir den Weg perfekt durch die Lücke in den Wolkentürmen steuern. Und bekommen sogar noch einen Skipjack an den Haken, der erste Angelerfolg seit Mexiko.

Die Nacht hindurch haben wir dann auch noch etwas Wind, gerade ausreichend zum Segeln. Seit heute Morgen um 6:30 läuft der Motor. Flaute.

Zeit, mal wieder etwas klar Schiff zu machen. Vom Schräglagen/Kirmes-Schaukel-Modus in den “nur sanft gewiegt”-Modus zu wechseln, die vom dauernden Abstützen gestressten Muskeln zu entspannen. Frisches Granola zu machen, Kuchen zu backen.

Nach der Vorhersage werden wir wohl rund einen Tag motoren, bevor wir dann hoffentlich wieder Segelwind finden. Für etwa 5 Tage durchgängiger gemäßigter Motorfahrt ist unser Dieselvorrat ausgelegt, das sollte also kein Problem sein.

Etmal 113 sm, gesamt auf dieser Passage 1.046 sm (damit die ersten 1.000 geknackt), rechnerisch noch 2.254 sm bis Gambier.

Die Sprayhood weggeklappt, die Mittelscheibe aufgestellt, das Groß nur als Stützsegel, so motoren wir heute durch die tropische Flaute.

Tag 4 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Es ist warm geworden. Man merkt deutlich, dass wir wieder in den Tropen sind. Von gut 23 Grad Celsius in Mexiko ist die Wassertemperatur in diesen vier Tagen auf jetzt 28 Grad angestiegen, die Lufttemperatur entsprechend auch.

Zeit für eine Eimerdusche auf dem Achterschiff 😁

Delfinbesuch gab es übrigens auch heute wieder.

Der Wind ist noch immer nicht sonderlich stark, aber mit einer kräftigeren Phase in der Nacht hat es für ein Etmal von 135 sm gereicht, gesamt gesegelt auf dieser Passage somit 488 sm, bis zu den Gambier sind es noch 2.812 sm.

Wir halten allerdings gegenüber der direkten Strecke ein ganzes Stück nach Osten vor, so dass die Strecke insgesamt länger als die kalkulierten 3.300 sm werden dürfte. Derzeit sieht es so aus, als könnte sich am Wochenende eine Durchsegelmöglichkeit durch den Kalmengürtel auftun, das wäre natürlich ideal. Es ist wohl noch zu früh, um das sicher vorhersagen zu können. Ein weit östlicher Startpunkt würde uns aber ermöglichen, zur Not nördlich parallel zu den Kalmen zu segeln und ein Stück weit auf ein passendes Fenster zu warten. Außerdem wird uns der Südäquatorialstrom später noch weiter nach Westen versetzen. Kommen wir zu weit nach Westen, wird es schwierig, die Gambier anzulegen, Plan B wäre dann ein Landfall auf den Marquesas.

So, Schluss für heute mit den taktischen Überlegungen, aus der Pantry weht der Geruch von warmem Senfkartoffeln mit Salat und (unserem letzten frischen) Fisch hoch. Die Angel ist draußen.

El Niño 2023/2024

Wir haben ausklariert und sind losgefahren.

Raus aus der Bahía de La Paz, um die Ecke und Floras Bug nach Süden gerichtet. Geht wirklich gut los, wir fangen den bisher größten Fisch unserer Reise, eine 1,25 m lange Gelbschwanz-Bernsteinmakrele (Yellowtail-Amberjack). Passt nicht in unsere Filetier-Schale auf dem Achterschiff,

aber wir bekommen trotzdem rund 4 kg schönes Filet. Auf dem weiteren Weg dann wieder springende Rochen und auch einige Buckelwale .

Und dann Stop!

Geplant war der Halt in der Bahía de Los Muertos sowieso, aber eigentlich nur als letzte Übernachtung, letztes Ausruhen vor dem großen Schlag. Jetzt werden wir aber wohl doch noch etwas länger bleiben müssen, das Wetter lässt uns kaum eine andere Chance. Laut den neuesten Wetterberichten wird sich in den nächsten Tagen ein ausgeprägtes Schwachwindgebiet südlich der Baja California entwickeln. Dem können wir nicht mehr rechtzeitig entwischen, zumal sich an seiner Südgrenze ein fettes Gewitterband anschließt. Wo zuletzt noch schönster Segelwind aus Nordost herrschte, sorgt jetzt ein kräftiger Trog für wilde Verhältnisse genau auf der Route zwischen unserem Standort und den ohnehin gewitterträchtigen Kalmen nördlich des Äquators. So sieht das auf Windy aus:

Regen und Gewitter
Blau=Flaute

Durch eine kleinere Flaute könnten wir hindurch motoren, aber bei der aktuellen Prognose wären unsere 440 Liter Diesel bereits aufgebraucht, bevor wir den notorisch windarmen Kalmengürtel überhaupt erreicht hätten. Also lieber erstmal hier bleiben und abwarten, Wetterberichte wälzen. Auch an unserem Zielort in Französisch Polynesien spielt das Wetter nicht so recht mit. Die Marquesas kommen noch ganz gut davon, aber die Gambier und auch die Tuamotus bekommen einiges ab. Von den Gesellschaftsinseln rauscht ein Tiefdruckgebiet nach dem anderen heran, in Papeete auf Tahiti bläst es gerade mit 8 Beaufort. Die Tiefs sorgen dann auch für reichlich Unruhe auf den sonst gegen den Südost-Passat geschützten Ankerplätzen Französisch Polynesiens.

Na klar, es ist Hochsommer auf der Südhalbkugel, aber das Wetter scheint extremer als sonst. Sind das Auswirkungen von „El Niño“? Und was ist El Niño überhaupt für ein Wetterphänomen?

El Niño bezeichnet das Auftreten ungewöhnlicher Temperaturen des Oberflächenwassers (besonders warm vor der peruanischen Küste, aber eben nicht nur dort) im Zusammenhang mit veränderten Meeresströmungen im Südpazifik. Vor allem in besonders intensiven El Niño Jahren kann dadurch das Wetter weltweit beeinflusst werden. Eine sehr gute Erklärung dazu gibt es hier bei NOAA Climate Gov.

Zum Jahreswechsel 2023/2024 (und bis jetzt andauernd) ist ein intensiver El Niño zu beobachten. Besonders gut lassen sich diese Temperaturanomalien hier erkennen (genannte Quelle):

Und unsere geplante Route von der Südspitze der Baja California in Mexiko nach Französisch Polynesien geht halt durch einen besonders ausgeprägten Teil dieser Anomalie mitten hindurch:

Im Extremfall führt El Niño dazu, dass die Passatwinde sich nicht nur abschwächen, sondern sogar (in manchen Regionen) umkehren können, also aus westlichen Richtungen wehen. Das ist allerdings bisher zumeist nur im westlichen Pazifik beobachtet worden. Trotzdem ist bei derartigen Temperaturveränderungen klar, dass in den roten Gebieten mehr Energie in der Luft ist, und damit eben auch das Risiko von Gewittern steigt. Ein Grund mehr, bei der Wettervorhersage für unsere Route besonders auf den CAPE-Wert (CAPE = Convective Available Potential Energy) zu achten und Gebiete mit vorhergesagten Gewittern nach Möglichkeit zu meiden.

Das wird nicht immer klappen, insbesondere in den Kalmen am Äquator. Aber hier oben in Mexiko, da können wir z.B. einfach unsere Abfahrt verschieben. Bleiben wir halt noch ein bisschen länger in der Bahía de Los Muertos.

Und es ist ja auch nicht immer alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Die „Bucht der toten Männer“, das hört ja ziemlich morbide an. Vielleicht sogar geschäftsschädigend, ein Hotel am Strand hat deshalb versucht, die Bucht in „Ensenada de Los Sueños“ (Bucht der Träume) umzubenennen, aber das hat sich nicht durchgesetzt. Der Ursprung des Namens hat eigentlich auch gar nichts mit Todesfällen zu tun. Vielmehr hat eine (inzwischen längst aufgegebene) Mine für den Abtransport der Erze Haltemöglichkeiten gebraucht. Deshalb wurden Moorings mit sogenannten „Totmann-Ankern“ befestigt und die gaben der Bucht ihren Namen. Eigentlich erstaunlich, dass die Namen dieser Anker im Spanischen, Deutschen und auch im Englischen jeweils ganz entsprechend ist.

Jedenfalls ist es schön hier:

Durch eine magische Nacht in die Tropen gesegelt

Was für ein Unterschied. War der vorige Über-Nacht-Törn noch ziemlich anstrengend (insbesondere wegen der kabbeligen und konfusen Wellen), ist der nächste, etwa gleich lange Törn das reine Vergnügen mit angenehm glatter See Es hinunter zur Südspitze der Baja California, nach Cabo San Lucas.

Zunächst einmal ist es unser wärmster Törn seit langem: wir riggen sogar unser Steuerbord-Shade am Bimini. Das Netzgewebe ist luftdurchlässig, spendet aber Schatten.

Unterwegs gebackener Kuchen auf dem Tisch, Shade zum Schutz vor der Sonne

Auch das Wasser wird wärmer, wir messen inzwischen schon mal über 27 Grad. Kein Wunder also, dass auch die Nachtwache im Cockpit nicht mehr friert: die Lufttemperatur bleibt bei 23 Grad.

Kurz vor Cabo San Lucas (auch einfach “Cabo” genannt) segeln wir wieder in die Tropen. Das sind die Breiten zwischen dem Wendekreis (Tropic) des Krebses (nördlich des Äquators) und des Steinbocks (südlich des Äquators). Zum Vergleich: der Wendekreis des Krebses verläuft gut 2.600 km nördlich des Äquators quer durch Mexiko, auf der anderen Seite des Atlantiks dann mitten durch die Sahara und weiter durch Saudi Arabien.

Den Fischen scheint das in der Tiefe noch kalte, hier aber warme Pazifikwasser zu gefallen, kurz hinter einander gehen uns ein schöner Bonito und eine etwa einen Meter lange Golddorade (Mahi Mahi) an unsere beiden mit unterschiedlichen Ködern ausgebrachten Angeln.

Und die Nachtfahrt ist nicht nur schön warm, sie bietet auch wundervolle Unterhaltung. Als wäre der klare Sternenhimmel nicht genug, wird er in dieser Nacht auch noch von einer Vielzahl von Sternschnuppen geschmückt. Es entstehen aus dem Meteorstrom der Geminiden und sollten auch in den nächsten Nächten noch zu sehen sein. Beim Blick in den Sternenhimmel scheinen sie dem jetzt hoch im Wintersechseck stehenden Sternbild Zwillinge (Gemini) zu entspringen, daher der Name.

Die mondlose Nacht führt zusätzlich dazu, dass die Fluoreszenz der Wellen unseres Kielwassers besonders gut zu sehen ist. Die durch die plötzliche Bewegung zum Leuchten angeregten Bakterien blitzen sternengleich auf, erhellen das am Boot entlang strömende Wasser.

Vollends magisch wird die Nacht aber für uns durch ein weiteres “allererstes Mal”. Der Besuch von Delfinen am Boot ist jedesmal wunderschön. Nachts hört man meist nur das Schnaufen ihres Atemholens. Jetzt aber sehen wir die Meeressäuger in der dunklen Nacht als fluoreszierende Spur auf Flora zu schwimmen, Kreise drehen und wieder verschwinden. Was für ein Erlebnis.

Und wie kann so eine Nacht emotional passend zu Ende gehen?

Sonnenaufgang über Cabo vor unserem Bug

Bahía Asunción

Wer beim Auslaufen aus Bahía Tortugas unseren Kurs auf Noforeignland.com oder AiS verfolgt hat, wird sich vielleicht über eine Extrarunde zurück zum Ankerplatz gewundert haben.
Kurz vor Sonnenaufgang gehen wir fast zeitgleich mit drei anderen Booten ankerauf, um die Strecke nach Bahía Asunción gut bei Tageslicht zu schaffen. Aber schon im Ausgang der Bucht meldet sich das Boot vor uns mit Motorproblemen und bittet um einen Schlepp. Wir ziehen das Boot des amerikanischen Einhandseglers wieder zurück zum Ankerplatz vor dem Ort, wo er sich jetzt in Ruhe um seinen Motor kümmern kann.

Danach sind wieder aber gleich wieder unterwegs und mit dem inzwischen einsetzenden guten Wind wird es ein wunderbarer Segeltag. Fast die ganze Zeit unter Gennaker, wie auch die ursprünglich mit uns ausgelaufenen Boote, die wir sogar wieder einholen.

Die Angel ist auch draußen, aber nur kurz. Erst beißt ein kleiner unechter Bonito, den lassen wir wieder frei. Nur wenig später holen wir einen schönen Großaugen-Thunfisch herein und damit hat die Angel dann gleich wieder Pause.

Unsere Lieblingsgröße: noch gut zu handhaben und reicht locker für vier Mahlzeiten für uns beide.

Die Bahía Asunción ist wieder eine sehr große Ankerbucht. Sie wird gegen die vorherrschenden Winde geschützt von einer schmalen Landzunge im Nordwesten und einer Insel mit vorgelagerten Felsen im Westen.

Abgesehen von der felsigen schmalen Halbinsel ist das Ufer zumeist ein breiter Sandstrand, der sich scheinbar bis zum Horizont erstreckt.

Der Ort: eine geteerte Hauptstraße mit einigen kleinen Geschäften, ansonsten staubige Sandstraßen und viiiiiel Landschaft:

Freundliche Menschen, anhängliche Straßenhunde. Manchmal skurrile Verarbeitung der Knochen von angespülten Walen.

Und natürlich das inzwischen scheinbar überall dort, wo man auf Tourismus hofft, unvermeidliche Monument mit dem Ortsnamen aus bunten Buchstaben.

Die vorherrschenden Vögel sind in Bahía Asunción diesmal nicht die Pelikane (die es aber natürlich auch gibt) , sondern eindeutig die Truthahngeier. Mit ihren bis zu zwei Metern Flügelspannweite sind sie ja eigentlich schon beeindruckend genug, aber der leuchtend rote federlose Kopf gibt ihnen noch ein ganz besonders markantes Aussehen. Angst brauch man nicht vor ihnen zu haben: die Cherokee nennen sie sogar Peace Eagles (Friedensadler), weil sie anders als andere Geier nicht selbst töten, sondern ihren Fleischkonsum tatsächlich auf Aas beschränken. Straßen in abgelegenen Gegenden kommen ihnen da sehr entgegen.

Sind die roten Köpfe schön? Oder eher … speziell?

Über dem Pazifik jedenfalls zeigen sich einmal mehr wunderbare Sonnenuntergänge, bei denen die Rot-Färbung dann wieder jedem gefällt:

Red sky at night – sailor’s delight.

Mexikanische Bürokratie. Und mexikanische Farbenspiele.

Mexiko ist durchaus berüchtigt für seine Bürokratie. Dieses Jahr trifft das einige Segler mit besonderer Härte. Der Grund ist eine Umstellung im System. War es früher durchaus üblich, das TIP (Temporary Import Permit) jeweils bei Ankunft des Schiffes in Mexiko zu beantragen, muss neuerdings sichergestellt sein, das kein altes TIP für das Boot (identifiziert nach der Rumpfnummer) mehr existiert. Allerdings ist es schwierig bis unmöglich, vom Voreigner beantragte und vielleicht längst abgelaufene TIP aus dem System zu bekommen. Wir wissen von Booten, bei denen die Überprüfung 4(!) alte ungelöschte TIP ergeben hat. Auch eine befreundete Crew scheitert leider durch ein Voreigner-TIP bei der Einreise. In den USA gestartet mussten sie jetzt ihren Plan aufgeben, das nächste Jahr in Mexiko zu verbringen. Die Cruiser-Foren laufen hier gerade heiß zu diesem Thema, aber eine kurzfristige Lösung ist nicht in Sicht.

Zum Glück ist unser TIP aus Cancun von vor zwei Jahren noch gültig und eben auch auf uns ausgestellt. Ganz ohne bürokratische Hürde kommen aber auch wir nicht davon. Diese ist allerdings wesentlich leichter zu bewerkstelligen. Nach knapp zwei Wochen in Ensenada wollen wir weiter. Dafür müssen wir ausklarieren. Nicht etwa aus Mexiko, sondern nur aus dem Hafen. Trotzdem gilt: wir brauchen ein Zarpe. Müssen also zur Immigration und zur Hafenbehörde. Dankenswerterweise übernimmt wiederum die Marina das Erstellen der Dokumente und fährt uns dann sogar zu den Behörden. Am Nachmittag holen sie dann das fertig gestempelte Zarpe für uns ab und bringen es zum Boot. Toller Service. Besonders gut gefällt uns die kunstvolle Unterschrift des Hafenkapitäns rechts neben dem blauen Stempel.

🤔 Bis La Paz sollten wir jetzt erstmal Ruhe haben.

Die letzten Tage in Ensenada sind geschäftig. Gleich zweimal Cruiser-Potluck mit den anderen Seglern, außerdem Einkäufe zum Proviant-Aufstocken, längere Märsche um die Diesel-Kanister zu füllen, Batterien der Tauchcomputer in einem Tauchshop wechseln lassen und wieder abholen, in einem anderen Tauchshop eine Harpune kaufen, wir sind ziemlich viel zu Fuß unterwegs (im Schnitt 6 km täglich).

Um so mehr genießen wir es, jetzt wieder segelnd unterwegs zu sein. Der Übernacht-Törn bis zum Ankerplatz bei San Quintín ist denn auch ein wunderbares Kontrastprogramm. Leichte Winde, herrliches ruhiges Code0-Segeln.

Entgegen der Vorhersage können wir sogar auch einen großen Teil der Nacht segeln. Mit manchmal nur 2 kn, manchmal immerhin 4 kn, ziemlich langsam also, oder sagen wir mal: gemütlich. Wir haben es nicht eilig und dürfen uns an einem wunderbaren Sonnenuntergang und dem Aufgang des fast schon vollen Mondes über der Baja California freuen.

Erst zum Wachwechsel kurz vor Sonnenaufgang schläft der Wind dann doch ganz ein und wir starten den Motor.

Unter Maschine haben wir dann aber auch die richtige Geschwindigkeit zum Angeln, gleich morgens geht uns ein schöner, rund 80 cm langer Echter Bonito an den Haken.

Gegen Mittag erreichen wir den Ankerplatz in der Bahia Santa Maria, südlich der Lagune von San Quintín.

Die weite Bucht sollte eigentlich durch das vorspringende Cabo San Quintín gegen Norwest gut geschützt sein, aber der Pazifik-Schwell findet seinen Weg um das Kap herum. Auf den Drohnenfotos ist das an den dunklen Wellenlinien gut zu erkennen.

Es wird also ein bisschen schaukelig (ist aber nicht wirklich schlimm). Dafür gibt’s auch hier wieder einen Sonnenunter- und Mondaufgang vom Feinsten, wobei das krasseste Farbenspiel in den Wolken sich erst einige Zeit später entfaltet:

Rund Vancouver Island: weitere Eindrücke von der Westküste

Verwöhn-Segeln, Flauten-Motoren, 2. Reff im Nebel. Die Küste mal schroff, mal lieblich, mal mit Sandstrand, mal mit skurriler Felsen-Landschaft. Grün und Grau. Inselwirrwarr, schnuckelige kleine Orte oder jetzt gerade die Großstadt Victoria.

Gemeinsam mit Floras Buddyboat, der SolarCoaster, machen wir die Runde um Vancouver Island komplett. Auf Noforeignland sieht unser (engerer) Track um die große Insel jetzt so aus:

Seit wir Ende April in Campbell River wieder losgefahren sind, haben wir 1.688 weitere Seemeilen in British Columbia geloggt. So langsam naht der Abschied aus Kanada, aber ein paar Wochen sind es noch. In der ersten Augustwoche ist noch ein kurzer Werftaufenthalt geplant. Ein paar Seeventile sollen getauscht und das Unterwasserschiff fit für die Fahrt nach Süden gemacht werden.

Aber noch ist es nicht ganz so weit.

Seit Hot Spring Cove haben wir noch einmal die ganze Vielfalt der wilden Westküste genießen können. Erst einmal zieht es uns wieder tief hinein in die Insel. Wir segeln in das Shelter Inlet. Dieser Fjord führt hinter Flores Island herum und versteckt ganz an seinem Nordende die schmale und erst aus der Nähe überhaupt erkennbare Einfahrt in die Bacchante Bay. Spektakulär mit ihren steilen Gebirgsflanken und den vom Logging verschonten Wälder (Strathcona Provincial Park).

Das ausgedehnte Flach im Scheitel der Bucht ist das Delta des Watta Creek. Wir erkunden ihn ein ganzes Stück mit dem Dinghy, bis das steinige Bachbett einfach zu flach wird.

Am nächsten Morgen gehts mal wieder früh raus. Wir wollen durch die Sulphur Passage östlich an Obstruction Island vorbei, das geht nur um Stillwasser herum. Wie so oft herrscht am frühen Morgen absolute Flaute. Landschaft und Wolken verdoppeln sich im Spiegel des Wassers.

Die Passage selbst ist tief, es macht also nichts aus, dass es Niedrigwasser-Still ist, sondern bietet eher den Vorteil, die sonst überspülten Felsen rechts und links des Fahrwassers erkennen zu können und durch das aufschwimmende Kelp die schmale Rinne gut sichtbar markiert zu finden.

Nachdem die Engstellen passiert sind, geht es 10 Meilen den Millar Channel hinunter, bevor wir uns bei Vargas Island um Flachstellen und Felseninseln herum in den offenen Pazifik manövrieren können. Hier wechseln sich schroffen Steinküste und ausgedehnte Sandstrände ab, während im Hintergrund schneebedeckte Berge das Panorama bilden.

Unter Gennaker segeln wir an der Küste hinunter – traumhaft der Blick auf den Gebirgszug.

Wir lassen Tofino, dass wir ja schon von Land aus besucht hatten, an Backbord liegen. Ebenso den berühmten Ganzjahres-Kaltwasser-Surferstrand Long Beach. Unser Ziel ist das etwas südlicher gelegene und weniger touristische Ucluelet.

Der tägliche Weißkopfseeadler. In Ucluelet einer von ziemlich vielen.

Genau richtig, um im Supermarkt mal wieder die Frisch-Vorräte aufzustocken und am nächsten Tag vor der Abfahrt noch einen schönen Hike auf einem Teil des West Pacific Trail zu unternehmen.

Fischotterweibchen mit Jungtier

Danach dann aber flott los: der Nebel hat sich aufgelöst. Wind ist allerdings fast keiner, unter Motor fahren wir in Richtung der Broken Island Group.

Die Broken Islands bieten reichlich geschützte Ankerplätze, allerdings auch ein Gewirr von einigen passierbaren und vielen nur für Kayaks geeigneten Passagen. Wirklich ein Labyrinth.

Am Ankerplatz treffen wir auf die „New Era“, Freunde von Melanie und Steve, die aus Port Alberni mit ihrem kleinen Motorboot hier her gekommen sind. Gemeinsam verbringen wir den Abend auf der SolarCoaster und verabreden uns für den nächsten Tag im nur wenige Meilen entfernten Bamfield. Sehr gut: bevor wir hineinkommen, angeln wir uns einmal mehr Lachs: zwei (allerdings etwas kleinere) Spring-Salmon gehen an den Haken. In Bamfield macht dann die Crew der New Era den Tourguide, Liz und Darren nehmen uns mit auf den Hike durch den schmucken Ort, weiter zum Brady Beach mit seinen imposanten Felsformationen und dem herrlichen Sandstränden. Danach ist ein Tisch im einzigen Restaurant am Ort reserviert und zum Abschluss gibts Cocktails und „Nanaimo-Bar“ Nachtisch bei Liz und Darren. Wir werden rundum verwöhnt.

Dann folgt wieder einmal Nebel-Segeln. Mal licht, mal dichter. Aber immerhin müssen wir auf dem Weg nach Port Renfrew die Maschine ganz überwiegend nicht einsetzen.

Port Renfrew ist hauptsächlich auf kleine Motorboote ausgerichtet, aber für uns Segler findet sich am äußeren Steg auch noch ein Plätzchen. Das Bild des leeren Hafens täuscht, als wir zu unserer Wanderung aufbrechen wollen, sind die Angelboote alle schon ausgelaufen.

Wir haben Glück, Hafenmeister Simon fährt uns mit seinem Auto die 4 km zum Juan de Fuca Park und holt uns sogar wieder ab. So können wir die geologischen Besonderheiten dort in aller Ruhe erwandern. Im Tidenbereich finden sich unzählige Pools, die wie Aquarien in der Felslandschaft wirken. Bei Abfahrt vom Hafen scheint die Sonne, hier aber sorgt Nebel für eine ganz besondere Stimmung.

Als wir gegen Mittag zurück im Hafen ankommen, hat auch hier der Nebel Einzug gehalten. Unter Radar segeln wir aus der Bucht heraus, denn trotz Nebel weht es ordentlich.

Ziel ist die Becher Bay an der Südspitze von Vancouver Island, rund 40 Meilen weiter im Westen, wir können also den Wind ganz gut gebrauchen, denn wegen der Tide in der Streit of Juan de Fuca können wir erst am frühen Nachmittag aufbrechen. Zum Glück lichtet sich der Nebel nach ein paar Stunden, vor dem Wind rauschen wir dahin.

Am Abend erwartet uns am Ankerplatz eine Überraschung: Melanie hat an unseren 24. Hochzeitstag gedacht und verwöhnt uns mit einer Apple Pie.

Bei der Weiterfahrt nach Victoria bleiben wir heute von dem hier so häufigen Nebel sogar ganz verschont. Nur drüben auf der amerikanischen Seite der Strait zeigt sich etwas Hochnebel.

Und jetzt: zur Abwechslung mal Großstadt. Wir sind gespannt auf Victoria.