Nächtlicher Schreck – aber der Mast steht noch

Auf Tahiti warten wir ein paar Tage auf das nächste Wetterfenster und brechen dann auf Richtung Tikehau im Nordwesten der Tuamotus. 170 Seemeilen sind das, wir rechnen mit 26 bis 30 Stunden. Von Südwesten schiebt sich ein Schlechtwettergebiet mit stärkeren Winden hoch, dem wir ein bisschen davonfahren wollen, also lichten wir schon um 6.00 Uhr morgens den Anker. Funken die Port/Air-Control an und erhalten die Freigabe, vor der Landebahn durchzufahren. Ziemlich nah sind die Flieger trotzdem:

Beim Durchfahren des Hafengebiets von Papeete passiert uns eine große Schule Delfine, wenig später kreuzen mehrere Buckelwale unseren Kurs. Was für ein Tagesbeginn.

Aus dem Windschatten von Tahiti müssen wir herausmotoren, aber dann wird es herrliches Segeln bei etwa halbem Wind und zunehmend achterlicher anrollender Welle. Und es kommt noch besser: wir haben Angelglück und fangen zum ersten Mal einen Wahoo:

Mitten in einem kleinen Schauer, ok, aber da beißen Fische ja angeblich auch am besten. In die Nacht hinein geht es mit etwa 20 Knoten Wind, allerdings werden die Böen jetzt doch langsam stärker.

Wir gehen mit dem Großsegel ins zweite Reff, etwas später vorsorglich ins dritte. Keine schlechte Idee, am Ende werden es Schauerböen bis 28 Knoten. Mit dieser Besegelung sind wir da gut aufgestellt.

Mitten in der Nacht holt mich dann allerdings Wiebke aus dem Schlaf. Ein Schock-Moment: das Achterstag (also der Draht, der den Mast nach hinten hält) ist völlig lose, der daran kardanisch aufgehängte Radar schwingt wild hin und her. Die Mastspitze wippt vor und zurück, entsprechend kommt auch das Vorstag (was den Mast nach vorne hält) ins Schlackern. Ein erster Check zeigt, dass der hydraulische Achterstagspanner seinen Druck verloren hat. Wir pumpen neuen Druck auf, aber der geht schnell wieder verloren. Also bergen wir erst einmal die Segel, setzen die Großschot und die Dirk durch. Dadurch bekommen wir etwas mehr Ruhe in den Mast, aber das reicht noch nicht. Unser Rigg mit nur wenig gefeilten Salingen benötigt Zug auf dem Achterstag. Als weitere (Not-)Maßnahme setzen wir das Spifall und das Ersatz-Genuafall auf den Achterklampen fest. Damit haben wir zwei starke Leinen von der Mastspitze zum Achterschiff geführt und über die Mastwinschen dicht geholt. Das bringt Entlastung und die Mastspitze wackelt jetzt kaum noch, obwohl die See mit 1,5 bis zwei Meter hohen Wellen die Flora jetzt ordentlich durchschaukelt.

Zum Glück sind mit der Gerty und der My Motu zwei bekannte Schiffe ganz in unserer Nähe. Wir informieren sie per Funk über unsere Situation und obwohl sie uns jetzt nicht direkt helfen können tut es gut. Falls doch der Mast von oben kommen würde, wäre Hilfe nahe.

Aber der Mast bleibt oben, wir motoren die restlichen 35 Seemeilen bis zum Pass ohne weitere Probleme (wenn auch unter ziemlicher Anspannung). Kurz nach dem Hellwerden verlässt uns dann auch der Boobie, der erst auf unserem Bimini und dann auf dem Solarpanel als blinder Passagier mitgereist ist und uns zum Dank auf beiden großflächig weiße ätzende Flecken hinterließ.

Als wir den Pass gegen 8.00 Uhr erreichen, kommt uns schon Ralph von der Lille Venn im Dinghy entgegen. Auch er hat über den Funk von unserem Problem erfahren und beglückwünscht uns zur heilen Ankunft. Dann berichtet er, dass wir perfekt zu Stillwasser angekommen sind und zeigt uns mit dem Dinghy vorausfahrend den Weg durch den uns ja noch unbekannten Pass. Wunderbare Begrüßung nach der nächtlichen Aufregung!

Am Ankerplatz holen wir erst einmal eine Mütze Schlaf nach. Danach ersetzen wir die Nothalterung aus den beiden Fallen durch eine stark untersetzte Taljenkonstruktion aus extrem reißfester Dyneemafaser, mit der wir den hydraulischen Achterstagspanner überbrücken.

Damit ist der Mast erst einmal vernünftig gesichert und wir können in Ruhe prüfen, ob (und evtl. mit welchen zu beschaffenden Teilen) der Spanner repariert werden kann oder ob er komplett ersetzt werden muss. Beides könnte allerdings hier in den Tuamotus schwierig und logistisch aufwändig werden.

Es geht voran. Vorbereitungen und Abschiedsfeier.

Das Warten auf das Wassermacher-Ersatzteil geht weiter, die Lieferung verzögert sich nochmal. Aber wir haben gut zu tun. Immerhin ist das neue Anemometer für die Windanzeige angekommen, also kann ich es oben im Masttop austauschen und bei der Gelegenheit auch gleich das Rigg vor der Passage noch einmal ausgiebig kontrollieren.

Und wo ich das Sicherheitsgeschirr schon mal draußen habe, ziehen mich Jeroen und Jeanette zum Check auch gleich in den Mast ihrer Fidelis, die Amel 54 Ketch sieht von oben doch auch ganz gut aus:

Spieleabend auf der Fidelis.

Einkäufe in der Stadt um die ohnehin reichlichen Vorräte noch weiter aufzustocken. Und dann geht’s mit den Arbeiten auf der Flora weiter. Das etwas angegriffene Dyneema der Davits wird gekürzt und neu gespleißt, schließlich hängt unser Dinghy daran. Auf der Passage riggen wir zwar zusätzliche “Bellybands” in Form dicker Spanngurte unter dem Boden des Dingys für zusätzlichen Halt, aber die “Kran-Seile” aus Dynema tragen trotzdem die Hauptlast.

Na, das sollte vor der Pazifik-Passage wohl besser mal wieder überarbeitet werden

Wiebke näht sich nebenbei noch eine neue Bluse und ist auch fleißig am Stricken …

… ich schäle derweil mit dem “Mozart-Messer” die inzwischen etwas weit überstehende Fugenmasse des ja nun über 12 Jahre alten Teakdecks auf Normalmaß zurück. Bei dem hier noch nicht bearbeiteten Deckel des Propangaskastens sieht man ganz gut, dass es Zeit wird. Barfuß auf dem Deck spürt man den Unterschied von etwa einem Millimeter übrigens deutlich.

Die Cruiser-Gemeinschaft, allen voran Heidi von der Sonho sowie,Vicky und Kevin von der Dos Peces organisieren für die Fidelis und die Flora eine Abschiedsparty in Form eines großen Potlucks auf dem Steg in der Marina.

Ein Riesen-Dankeschön an Euch alle!

Und am Samstag kommt dann endlich auch das Ersatzteil für den Watermaker an. Die Endkappe des Membrangehäuses wird eingebaut, dann erhält das Ganze wieder an seinen Platz an der Bordwand unter unserer Koje, wir schließen alles wieder an und …

… das ausgetauschte Erdteil ist dicht. Kein sprudelndes Salzwasser mehr. Aber:

Bei dem längeren Probelauf kommt etwas Süßwasser aus dem anderen Endstopfen. Das kann doch jetzt wohl nicht wahr sein? “Zut alors!” (wir haben ja unser Sprachlernprogramm Duolingo bereits von Spanisch auf Französisch umgestellt). Also alles wieder raus, auch diesen Endstopfen ausbauen. O-Ring tauschen. Wieder einbauen. Im Betrieb immer noch ein Tropfen alle 8 Sekunden. Grrr. Aus. Erst mal das Bett richten und dann am nächsten Tag wieder frisch ans Werk.

Also heute noch mal Boot-Yoga für uns, wieder alles raus, mit einiger Mühe auch die festsitzenden Fittings im Endstopfen herausbekommen, neuer innerer O-Ring bzw. neues Teflonband für die Fittinge. Wieder anschließen, wieder testen: dicht! Hurra!

Nachdem das Chaos im Boot beseitigt ist haben wir Kaffee-Besuch von Doris und Wolf und Wiebke hat dazu sogar noch einen tollen Schoko-Kuchen gezaubert.

Damit nicht genug, auch zum Abendessen lassen wir uns gut gehen. Mal mit einem Meeresfrüchte-Turm im Claros-Fish-Jr, mal ebenso lecker auf der Flora:

Auch das ist ja irgendwie Vorbereitung auf die kommende lange Pazifik-Passage.

😊

Mast runter.

Da fehlt doch was? Ja, allerdings. Und wir sind froh, dass das so gut und schnell geklappt hat. Ein bisschen mulmig war uns nämlich schon, als uns der Rigger die Anfahrtskizze zugeschickt hat:

Hm. Aber so läufts, oder sonst eben erstmal nicht. Der Mobilkran steht an Land und nimmt den Mast „über den Bug“ ab. Hatten wir so zwar auch bei unseren vorigen Booten noch nie, aber die auf dem Skizzenfoto an Land liegenden Masten zeigen ja zumindest, dass es hier nicht zum ersten Mal so gemacht wird. Die Steuerbord-Landleine läuft durch die Mangroven, aber immerhin sind die Landleinen vom Rigger vorbereitet und werden uns am Stegende herübergereicht.

Die Jungs von Rigging Hawaii nehmen unsere Leinen an und schwupps, gehen sie gleich an die Arbeit. Wir dagegen sind erst noch anderweitig beschäftigt. Denn bei der Anfahrt zum Hafen kommt ein Boot der Coastguard längsseits und möchte eine „Inspection“ machen. Kann man ihnen natürlich nicht verweigern, aber wir erklären ihnen unsere Situation (mit dem bereits abmontiert an Deck liegenden Baum ist die auch schnell glaubhaft gemacht). Dann sollen wir halt erstmal an den Steg gehen und die Inspection wird dann dort gemacht.

Zwei Officer kommen mit schusssicherer Weste, Dienstwaffe und schweren Stiefeln, aber auch mit freundlichem Lächeln an Bord, checken die Papiere, kontrollieren die (geschlossenen) Seeventile der Klos, das Ablaufdatum der Seenotraketen, die Feuerlöscher, den Motorraum und dessen Entlüftung, die Rettungswesten, die Rettungsinsel. Alles gut. Die Funke? Ja, aber da ist das Antennenkabel schon getrennt. Wo haben wir die NavRules? Die was? Die internationalen Navigationsregeln. Die Colreg (Convention for International Regulations for Preventing Collisions at Sea, auf deutsch KVR/Kollisionsverhütungsregeln). Ach so haben wir nicht schriftlich dabei. Muss man aber in den USA. Das gibt einen (folgenlosen) Vermerk im ausgehändigten Protokoll und den Hinweis, dass es auch ausreicht, die NavRules als App auf dem Handy dabei zu haben. Ok, dann laden wir die mal runter. Noch ein Foto mit den beiden Officern der Coast Guard …

… und dann können wir uns wieder unserem Rigg zuwenden.

Das Team von Rigging Hawaii hat inzwischen schon die Kranschlinge unter der dritten Saling angebracht und mit dem Lösen der Wanten begonnen.

Das Achterstag muss wegen des mit einem Scanstrut-Gimbal schwingend befestigten Radars durchgesägt werden, hier kommt beim neuen Acherstag dann wohl ein Norseman-Terminal zum Einsatz, das Stag also durch den Gimbal geschoben und das Terminal erst dann aufgeschraubt und nicht wie die übrigen Terminals in der Werkstatt auf den Draht gewalzt. In der Zwischenzeit spannen wir die Scanstrut-Halterung zum Windgenerator und den Davids hin ab.

Und dann gehts für das Rigg erst einmal in die Luft und dann an Land.

Da können wir es in Ruhe begutachten und entdecken tatsächlich noch drei weitere Macken, die uns bisher verborgen geblieben waren, weil sie bei stehendem Mast schlicht verdeckt waren: ein Riss im Edelstahl-Topbeschlag, der vom Schäkel des Blocks des Spifalls verdeckt war, eine Scheuerstelle der Dirk, die nur bei komplett aufgeholter Dirk zu sehen ist und eine Scheuerstelle in einer Kabelisolierung unten im Mastfuss. Gut, dass wir das jetzt alles gleich mit erledigen können.

Ist vielleicht doch nicht so schlecht, so alle 10 Jahre mal den Mast runter zu nehmen. 😊

Aloha.

Zwischenstand Rigg

Gute und weniger gute Nachrichten zum Rigg wechseln sich ab. Der Rigger kann schon am nächsten Tag nach dem wir mit ihm gesprochen haben kommen. Er inspiziert das Rigg, findet (wie wir) keine weiteren akuten Schäden. Und er könnte für das defekte Want einschließlich der Beschläge kurzfristig ein neues machen. Aber: er würde es nicht bei stehendem Mast tauschen, der Mast müsste mit einem Mastenkran gelegt werden.

Von Uwe in Hamburg unterstützte Recherche ergibt, dass auch in Deutschland die Rigger sehr deutlich zu einem Tausch bei gelegtem Mast raten, das Risiko bei dem betreffenden Want und Beschlag sei vergleichsweise hoch. Mechanisch ist es allerdings nicht sonderlich kompliziert. Theoretisch könnte ich das Want selbst wechseln, ich kenne einen Eigner einer Hallberg-Rassy 43 MK II, der es bei seinem Boot am Ankerplatz in Galápagos gemacht hat. Allerdings hatte er da auch kaum eine andere Chance, und seine Salingsbeschläge waren nicht die gleichen, also kein Stemball/Ballcup-System. Und: wollen wir aus Kostengründen dieses Risiko eingehen?

Das dann sogar gleich zwei mal, denn die Wanten sollten idealerweise jeweils paarweise getauscht werden, mit dem Steuerbordwant auch das entsprechende Backbordwant. Überhaupt, bei der Recherche wieder was gelernt: die einzelnen Abschnitte der Wanten unseres Dreisalingsriggs werden vom Hersteller Seldén wie folgt bezeichnet:

Bei uns sind zwei (von 19) Drähten des unteren 12 mm dicken Hauptwants V1 eben unterhalb der ersten Saling gebrochen. Auf den Fotos die Stelle mit dem lila Pfeil.

V1 an Steuerbord muss getauscht werden, mindestens V1 an Backbord sollte dann auch neu. Wenn aber der Mast ohnehin gelegt werden muss, wollen wir eigentlich lieber das gesamte Stehende Gut tauschen (also alle Drähte der Wanten sowie Vorstag und Achterstag (also die Drähte die den Mast zum Bug und zum Heck abspannen).

Der Rigger ist Seldén-Händler, gut. Das Angebot von Seldén USA ist fast doppelt so teuer wie in Deutschland, nicht so gut. Lieferzeit: 4 Wochen, kann aber wegen “supply chain issues” auch länger werden, schlecht.

Der Rigger kann das Stehende Gut mit Originalbeschlägen aus dem gleichen Draht auch vor Ort und deutlich schneller fertigen, gut. Allerdings fehlt der Mastbeschlag für D3 (7 mm), der müsste bestellt werde. Lieferung voraussichtlich circa Ende nächste Woche. Nicht so gut. D3 könnte aber auch später bei stehendem Mast getauscht werden. Gut???

Wir pendeln gedanklich hin und her (besser wir als das Rigg!).

Also gut, Entscheidung: Krantermin für Anfang nächster Woche vereinbaren, Stehendes Gut komplett erneuern. Wenn der Beschlag nicht rechtzeitig da ist, bleibt D3 erstmal wie es ist und ich tausche es später bei stehendem Mast.