Tag 17 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Rätsel der Seefahrt

Ein Blick in die Schüssel. 🚽 Die Erde ist kaputt. Oder zumindest das Meer. Die Schwerkraft? Die Corioliskraft? das Wasser fließt in einem rechtsdrehenden Strudel ab. Darf das das? Wir sind doch jetzt auf der Südhalbkugel. Der Einfluss auf den Abfluss: das muss doch andersrum! Wir alle haben in Erdkunde irgendwann in grauer Vorzeit gelernt, dass sich Wirbel auf der Nordhalbkugel rechtsdrehend bilden, auf der Südhalbkugel linksdrehend. Eben wegen der Corioliskraft! Denn durch die Eigendrehung der Erdkugel dreht sie sich unter einem fluiden Medium wie Wasser oder Luft weg. Da sich die unser Planet nach Osten dreht, werden Hochdruckgebiete und Wasserwirbel in der nördlichen Hemisphäre rechtsdrehend abgelenkt, auf der Südhalbkugel dagegen linksdrehend. Tiefdruckgebiete entsprechend umgekehrt. Und doch: nicht in Floras Schüssel. Zur Sicherheit noch mal im Waschbecken ausprobiert: nein, auch das macht, was es will. Die Corioliskraft ist trotzdem nicht kaputt. Vielmehr sind die Wirbel in Floras Becken und Schüsseln einfach viel zu klein, um von dieser Kraft maßgeblich beeinflusst zu werden. Andere Faktoren, wie etwa die Schiffsbewegung oder auch Unregelmäßigkeiten der Form und der Oberfläche haben einen größeren Einfluss auf den Abfluss und sorgen für eher zufällige Wirbelrichtung.

Ein anderes Rätsel: warum sind wir eigentlich so langsam? Wir haben allerbeste Segelbedingungen, Traumwetter, ruhige See. Und trotzdem dödeln wir bei 9 kn Wind mit der Fock und zwei Reffs im Groß herum, laufen derzeit nur noch zwischen vier und fünf Knoten bei 60 Grad am Wind. Ist der Code0 schuld? Das wäre doch eigentlich sein Kurs?

Liegt irgendwie nahe und tatsächlich habe ich heute Vormittag auf dem Vorschiff noch einmal versucht, die Lasching zu optimieren. Aber nur, weil das Segel jetzt etwas schwieriger aufzurollen ist und manchmal durchrutscht. Kein Grund, es nicht zu setzen. Und außerdem würde das auch nicht die beiden nicht zur Windstärke passenden Reffs im Großsegel erklären. Wer uns auf Noforeignland folgt und auf der Bootsansicht in die allgemeine wechselt, sieht dass unser Buddyboat Fidelis neben uns genauso schleicht. Aber nein, zum Glück hat keins der Boote technische Probleme (dreimal auf Holz geklopft). In diesem Fall liegt des Rätsels Lösung in der Zukunft: wären wir schneller unterwegs, würden wir kurz vor den Gambier am Mittwoch/Donnerstag in ein ziemlich großes Gewittergebiet hineinlaufen. Also lieber die Handbremse anziehen und bewusst langsam segeln. Sutje, wie wir in Norddeutschland sagen. Das ist derzeit hier bei diesen Bedingungen leicht zu machen und (für Nicht-Regatta-Segler) auch ganz angenehm. Leider ist aber wohl trotzdem ein unangenehmer Preis dafür zu zahlen: das Gewitterband gehört zu einem kräftigen Tiefdrucksystem, das nach der Vorhersage südlich der Gambier durchziehen wird.

Wenn wir entsprechend unserer Strategie dessen Durchzug abwarten, schaufelt das (auf der Südhalbkugel ja rechtsdrehende) Tiefdruckgebiet auf seiner Rückseite Südwind zu uns hoch. Wir werden also vermutlich die letzten beiden Tage unserer Passage Wind und Wellen gegenan haben. Aber immerhin: die Corioliskraft funktioniert.

🤓

Etmal 142 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.425 sm, rechnerisch bis Gambier noch 875 sm.

Essen: Linseneintopf (eins von meinen Lieblingsgerichten) mit mexikanischer Chorizo, lecker!

Und nach dem ganzen theoretischen Kram noch etwas Versöhnliches: so sah heute Morgen um sechs unser Sonnenaufgang aus:

Tag 16 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Erste Aktion am Morgen: Code0 neu an den Furler laschen. Das hört sich einfach an und ist es eigentlich auch. Nur der Standort vor dem Bugkorb auf dem über den Anker hinausragenden Edelstahlrüssel macht das Arbeiten dort auf hoher See dann eben doch etwas aufwändiger. So haben wir es auch zunächst anders versucht und den Code0 aufs Vorschiff heruntergelassen, aber ohne die Spannung bekommen wir die Kausch des Torsionskabels einfach nicht in die richtige Position. Also wieder hoch und in verkrampfter Haltung vorm Bugkorb arbeiten. Aber nach einer Stunde ist es geschafft und wir können den Code0 wieder setzen.

Jetzt ist der Morgenkaffee aber wirklich verdient.

Alles außen am Boot klebt vor Salz. Wir kleben auch. Salz und Schweiß, die tropischen Temperaturen machen sich bemerkbar. Nächste Aktion ist also etwas Süßwasserspülung für Scheiben, Persenninge, Griffe und Edelstahlteile. Und dann für uns selbst auf dem Achterdeck.

Frühstück.

Internetrecherche über die Lasching bzw. den Furler, telefonieren und chatten mit Segelfreunden. Wetterdiskussion mit unserem Buddyboat Fidelis, die im Moment etwa 20 sm vor uns segeln.

Endlich ist die See nicht mehr so ruppig, bei diesen Bedingungen kann man doch mal wieder die Angeln ausbringen. Eine Viertelstunde später rauschen sie schon aus. Beide gleichzeitig. Zwei schöne Skipjack-Tuna sind dran, einen lassen wir aber wieder frei, der andere, etwa 56 cm lang, wird gleich filetiert. Das reicht für drei bis vier Tage.

Der Wind nimmt zu, Segelwechsel auf die Fock.

Beim Starten des Wassermacher gibt’s eine Schrecksekunde. Wahrscheinlich eine kleine Blockage (Muschel?) im Seeventil, nach Filtercheck und mehrfachem Öffnen und Schließen des Seeventils der Ansaugleitung läuft er dann doch wieder ganz normal. Ich fülle den Tank ein bisschen auf und dann auch die leer gewordenen Trinkwasserflaschen.

Wiebke backt in der Zwischenzeit Muffins (Mandel/Weiße Schokolade/Himbeer bzw. Pfirsich) und weicht außerdem schon mal Linsen für das Abendessen ein. Gestern gabs asiatische Mie-Nudeln mit Möhren und Weißkohl.

Nebenbei: Backen ist auf der Flora definitiv ein Indikator für gute Stimmung an Bord!

Ein Regenschauer kommt vorbei und klaut den Wind. Eine halbe Stunde dümpeln mit rund 3 kn. Sonnenschutz aufbauen. Dann kommt der Wind mit 10 kn zurück. Schön, jetzt können wir wieder auf den Code0 wechseln. Jetzt 13 kn, das ist mit diesem Segel schon wieder ganz schön schräg (aber schnell).

Und schon ist wieder ein Tag um.

Etmal 156 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.283 sm, rechnerisch bis Gambier noch 1.017 sm.

Tag 15 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Murmeltiertag.

Gutes (aber durch die permanente Schräglage auf die Dauer auch anstrengendes) Segeln, schönes Wetter, Lesen, Musik hören, Stricken, Duolingo-Französischlektionen, ein weiterer herrlicher Sonnenuntergang.

Essen: Lauch-Nudeltopf mit frischem Lauch (der hat sich gut gehalten) und mit Hackbällchen (die hatten wir in La Paz mit unserem Schnellkochtopf eingekocht) und mit Sahnesauce. Lecker.

Und dann der Murmeltier-Effekt: der Code0 rutscht wieder auf dem Antitorsionskabel hoch, die Lasching ist gerissen, mein Provisorium von vor drei Tagen war wohl doch nicht gut genug. So können wir das Segel nicht einrollen, was aber bei dem auffrischenden Wind jetzt nötig wäre. Außerdem ist es schon dunkel.

Also mit Kopflampe auf dem tanzenden Vorschiff erst mal wieder eine Hilfskonstruktion riggen, mit der wir den flappenden 80 qm großen Code0 etwa einen Meter herunterziehen können. Dann eine neue, kräftigere Lasching zum Code0-Furler auf dem Bugspriet herstellen. Immerhin sind die Arbeitsschritte ja schon bekannt, das gleicht den Nachteil der Dunkelheit etwas aus.

Einrollen – klappt! Pfff, Erleichterung. Jetzt die Fock ausrollen und erstmal durchatmen. Da muss ich bei Tageslicht und ruhigerem Wetter auf alle Fälle noch mal ran, aber für jetzt ist die Situation immerhin bereinigt.

Die Fidelis ist in der Nacht an uns vorbeigegangen, liegt jetzt ein bisschen vor uns, wir segeln nur sieben Meilen voneinander versetzt. Es war eigentlich bei so unterschiedlichen Booten (Hallberg-Rassy 43 / Amel 54) nicht zu erwarten, dass wir lange quasi immer in Funkreichweite von einander unterwegs sein würden. Aber das ist jetzt schon über zwei Wochen und über 2.000 Seemeilen so! Mal schauen, ob sie uns jetzt davonziehen oder ob wir weiter den Kontakt halten können.

Etmal 167 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 2.127 sm, verbleiben bis Gambier rechnerisch noch 1.173 sm

Tag 14 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Beidrehen und weiter. Starlink und Strom an Bord.

What a difference a day makes, 24 little hours …

Es lebt sich immer noch schräg und trotzdem doch so viel angenehmer. 20 Grad Winddreher, statt 40 grad hoch am Wind jetzt 60 Grad voll und bei. Dazu haben Wind und Wellen etwas abgenommen. Ab und zu kommt noch eine See an Deck, aber das ist zum Glück selten geworden.

Der strahlend blaue Himmel tut ein übriges, wir sind raus aus dem “da müssen wir jetzt durch”-Modus und können wieder genießen.

Gestern Abend dagegen sah das noch ganz anders aus. Um wenigstens in Ruhe Abendbrot essen zu können, haben wir tatsächlich einfach beigedreht. Das Groß war eh im zweiten Reff und dichtgesetzt, die Fock stand voll. Durch den Wind wenden, ohne die Schoten zu fieren, danach gegenlenken und das Steuerrad (bei backstehender Fock) festsetzen. Erfolg: statt wildem Gebolze und durch die Wellen springender Flora kehrt urplötzlich eine kaum fassbare Ruhe und Stabilität ein. Keine überkommende See mehr, nur noch leichtes Rollen des Bootes in der Welle. Wir können uns an Bord unverkrampft bewegen und eben auch in Ruhe essen. Driften halt langsam ein bisschen in die falsche Richtung, das ist hier auf dem freien Ozean ja völlig unerheblich.

Nicht zu unterschätzen ist auch der psychologische Effekt dieser Erfahrung: wenn wir so einfach die Situation beruhigen können, kann es allzu schlimm ja doch nicht sein! Und dann kann es weiter gehen mit dem wilden Ritt.

Weil zu unserer Kommunikation per Starlink immer mal wieder Fragen kommen: bisher funktioniert es einwandfrei, selbst bei dem Gebolze der letzten Tage. Tarif Mobile Global, Priority Data toggle auf “on”.

Wir schalten es weiterhin zumindest über Nacht aus, indem wir es vom Strom nehmen. Manchmal auch zwischendurch am Tag. Der Grund dafür ist simpel: Starlink zieht etwa 65 Watt Strom, etwa 5 Amp pro Stunde bei 12 Volt. Hinzu kommt, dass er über den 230 Volt Inverter betrieben wird, was zusätzlich Strom verbraucht. Damit ist es unser größter Einzelverbraucher an Bord, benötigt (wenn eingesteckt) mehr Strom als etwa unser Kühlschrank oder unser unermüdlicher elektrischer Autopilot. Wir wissen von anderen Booten, dass sie ihr Starlink auf Passage trotzdem durchlaufen lassen aus der Befürchtung heraus, es würde bei Wiedereinschalten eventuell keine Verbindung herstellen können. Wir haben bisher allerdings damit keine Probleme gehabt. Es dauert nur manchmal länger, bis eine stabile Verbindung steht:

Bis zu 15 Minuten müssen wir uns schon mal gedulden. Nicht so wild. Dafür gibt’s unterwegs flottes Internet (entsprechend gute Wetterinfos), Telefonate mit der Familie und und und.

Wir haben unsere bisherigen Starlink-Erfahrungen unter diesem Link zusammengefasst und werden das dort nach der Passage sicher noch ergänzen.

Noch etwas zur Stromproduktion auf Flora: eigentlich übernehmen unsere Solarpanele die Hauptlast dieser Aufgabe. Panele von 630 WP sind fest installiert, weite 200 WP hängen wir bei Bedarf und Möglichkeit mit günstiger Ausrichtung zum Beispiel am Seezaun auf. In den zurückliegenden bewölkten und regnerischen Tagen bringen die Solarzellen allerdings nicht sehr viel. Wir mussten trotzdem nicht auf den 5 KW Dieselgenerator zurückgreifen (was bei so viel Schräglage auch nicht völlig unproblematisch wäre), weil der Silentwind Windgenerator a Floras Heck quasi Idealbedingungen hatte und gut produzierte. Oft ungeliebt wegen der Geräuschentwicklung älterer Anlagen am Ankerplatz, ist der Windgenerator auf Seepassagen für uns eine hervorragende Ergänzung.

Etmal 156 sm, gesamt auf dieser Passage 1.960 sm, rechnerisch bis Gambier noch 1.340 sm.

Tag 13 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Auch das südliche Wolkenband der ITCZ liegt hinter uns. Wo wir gestern noch waren, bilden sich jetzt gewittrige Squalls. So weit, so gut. Der Preis dafür ist allerdings ein Kurs hoch am Wind, nicht angenehm bei weiterhin meist zwischen 20 und 25 kn Wind (AWS) und rund 3 Meter hohem konfusem Seegang. Bild insoweit fast wie gestern, nur mit mehr blau:

Am Himmel und auch am Körper, denn blaue Flecken bleiben bei diesen Bedingungen nicht aus. Das Boot stampft durch die See, wird von den einschlagenden Wellen abgestoppt und herumgeworfen, kämpft sich aber wunderbar da durch. Und der Autopilot hat sich sowieso ein Sonderlob verdient. Immer wieder spült auch eine der chaotisch quer laufenden Wellen über Deck bis zur festen Scheibe vor dem Cockpit, das will bei unserer eigentlich sehr trocken segelnden Flora schon einiges heißen.

Leben in Schräglage. Für ein paar Stunden ist das sicher ein abenteuerlicher Spaß, nach ein paar Tagen aber einfach nur anstrengend.

Immerhin, die Sonne setzt sich immer mehr durch.

Essen: Nudeln mit Pesto und der letzten frischen Tomate.

Etmal 163 sm, gesamt 1.804 sm, rechnerisch noch 1.496 sm bis Gambier, Bergfest war also schon. Auf dem aktuell direkteren Kurs wären es sogar etwa 150 sm weniger als die kalkulierten 3.300 sm.

Tag 12 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Wetterwechsel.

Nix mehr mit blauem Himmel. Es ist grau. Wir haben das südliche Wolkenband der ITCZ erreicht.

In der Nacht Flaute, wir halten lange durch, aber dann muss doch für drei Stunden der Motor ran. Eine Zeitlang gefälliges Segeln. Der Code0 wird gegen gegen die Fock getauscht, der Kurs ist ziemlich hoch am Wind.

Und dann – wie aus dem Nichts – Wolkenbruch. Regenmassen ergießen sich über uns, der Wind springt um und nimmt stark zu. Fast unmittelbar hat sich auch 3 Meter Welle aufgebaut. Zunächst steuern wir überhoch (also bereits leicht im Wind), um den Druck aus dem Rigg zu nehmen. Aber was wir für eine Böe gehalten haben, steht fast eine Stunde durch. Als der Wind kurzzeitig von 25 kn auf 16 kn nachlässt, gehen wir schnell mit dem Großsegel ins dritte Reff. Und tatsächlich, kurz darauf pfeift es wieder und wir sind dankbar für die jetzt stark verkleinerte Segelfläche. Unbequemes, ruppiges Segel, immer wieder schießt Weißwasser übers Deck.

Nach jetziger Vorhersage benötigen wir wohl noch mindestens einen Tag, um aus diesem Wolken- und Windband hinaus zu kommen.

Etmal 148 sm, gesamt 1.641 sm, rechnerisch 1.659 sm bis Gambier.

Äquator gekreuzt. Tag 11 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Über die Linie. Wir sind mit Flora zurück auf die Südhalbkugel gesegelt. Zum dritten Mal haben wir den Äquator auf unserer gesamten Reise mit Flora überquert. Es gibt die obligatorische Eimerdusche, dieses Mal wieder mit Wasser aus dem Südpazifik. Ob wir wohl jemals mit allen Wassern gewaschen sind 😛?

Derzeit ist es wieder Segeln vom Feinsten (“wie klein Fritzchen sich die Seefahrt vorstellt”, hätte Wiebkes Vater gesagt). Blauer Himmel, tiefblauer Ozean, Wind um die 9 kn von der Seite, angenehme See, mitsetzende Strömung.

Sahne-Bedingungen für den Code0.

Herrlich. Nur ein fieses, quietschendes Geräusch aus dem Rigg dämpft das Vergnügen, es scheint in den letzten Tagen und Nächten lauter geworden zu sein. Schwer zu lokalisieren: sind wir im Schiff, scheint es vom Mast oder Lümmelbeschlag zu kommen, draußen sitzend haben wir eher den Baum im Verdacht. Äußerliche Schmiermittelanwendungen bringen keinen Erfolg. Wir rollen das Großsegel komplett weg (segeln also nur unter Code0). Dann schlagen wir den Bolzen aus, der an der Baumnock durch die Umlenkrolle für die Ausholleine geht. Der Bolzen sieht ziemlich angegriffen aus. Dafür haben wir aber keinen passenden Ersatz an Bord. Wir reinigen ihn mit feinem Schmirgelpapier, fetten ihn und setzen ihn umgedreht wieder ein, so dass die Rolle jetzt auf einer anderen Stelle des Bolzens dreht. Auch die Rolle wird gereinigt und gefettet. Alles wieder zusammenbauen und …

Himmlische Ruhe! Hoffentlich bleibt das so.

Essen: Indisches Fisch-Curry. Damit sind unsere Fischvorräte aufgebraucht (allerdings reicht die Portion auch noch für heute), es dürfte wieder einer beißen.

Etmal 167 sm, gesamt 1.493, rechnerisch bis Gambier 1.807 sm.

Tag 10 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Tölpel an der Angel.

Die Angel rauscht aus. Das charakteristische Rattern der Rolle lässt den Adrenalinspiegel nach oben schießen, der Jagdtrieb ist geweckt. Aber der Blick übers Heck wandelt das Ganze in einen Schrecken um: ein noch nicht ganz ausgewachsener Blue Footed Booby (Blaufußtölpel) hat sich auf den Köder gestürzt und wird jetzt an der Wasseroberfläche hinter Flora her gezogen. Ein zweiter Booby bleibt immer ganz in seiner Nähe.

Vorsichtig, um den gänsegroßen Vogel nicht zu ertränken, ziehe ich ihn heran. Wiebke hat mir derweil einen dicken Lederhandschuh herausgesucht, mit dem kräftigen Schnabel dieser Vögel ist nicht zu spaßen.

Und dann wird der Haken herausoperiert:

Dankenswerterweise hält der Booby dabei still, zappelt überhaupt nicht herum.

Als ich ihn freilasse, setzt er sich zunächst aufs Wasser, probiert die Flügel aus, sammelt sich. Und fliegt dann wieder los. Sieht gut aus.

Leider entschließt sich just in diesem Moment der zweite Booby, den Köder unserer anderen Leine auszuprobieren, mit dem gleichen Ergebnis. „Tölpel“. Das gibt’s doch wohl nicht, wir exerzieren das Ganze noch einmal durch und beide Leinen bleiben erstmal an Bord. Wir haben jetzt schon so lange dauernd Boobies und andere Seevögel um uns, an den Haken gegangen ist bisher noch keiner. In der ganzen Zeit hatten es allerdings zwei Vögel geschafft, sich in der Angelleine zu verheddern, ohne sich aber den Haken ins Fleisch zu rammen.

Früher hätten derartig gefangene Seevögel sicher meistens für Abwechslung auf dem Speiseplan gesorgt (sie sind essbar und sollen sogar schmecken). Aber abgesehen davon, dass wir keinen Blue Footed Booby schlachten könnten, wäre das heute auch nur in Notfällen anzuraten. Eine gute Beschreibung dazu gibt es (auf Englisch) hier.

Ebenfalls nicht auf unserer Menükarte: obwohl sich die Crew der Snark sich morgens zum Frühstück immer über die auf Deck eingesammelten Fliegenden Fische hermacht (und Jack London sich auch über deren Geschmack wohlwollend äußert) werfen wir auf der Flora allmorgendlich die stark riechenden und schleimig-schuppigen Unglücksflieger mit spitzen Fingern über Bord.

Statt dessen gibts Filet vom Skipjack Tuna mit Rigatoni und selbstgemachtem Pesto marokkanisch (mit Kardamon, Datteln, Walnüssen, getrockneten Tomaten und Feta).

Schon wieder Festessen und wir haben auch etwas zu feiern. Heute Nacht haben wir das Band unserer Nordpazifik-Runde zur Schleife komplettiert:

(Floras bisherige Reise in der Noforeignland-App)

Wahnsinn, fast zwei Jahre (seit April 2022) waren wir jetzt in diesem von europäischen Segelbooten eher selten besuchten nordpazifischen Ozean unterwegs. Hawai‘i, Alaska, ausgiebig das kanadische British Columbia, dann die US-Westküste mit San Francisco, Mexikos Baja California und Sea of Cortez. Nichts davon möchten wir missen. Und jetzt kreuzen wir auf dem Weg nach Französisch Polynesien unseren damaligen Kurs von Galapagos nach Hawai‘i.

Die Nacht war ziemlich ruppig (aber schnelles Segeln). Wir waren im zweiten Reff sehr hoch am Wind unterwegs. Heute Morgen sind wir dann 20 Grad abgefallen, jetzt also eher voll und bei mit 60° scheinbarem Windeinfall, Flora hat „einen Knochen im Maul“, weiße Gischt stiebt am Bug.

Etmal 157 sm, gesamt auf dieser Passage bisher 1.326 sm, rechnerisch verbleiben 1.974 sm bis Gambier.

Tag 9 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Positive Überraschung: wir müssen nicht den ganzen Tag die eiserne Genua bemühen. Schon nach gut 12 Stunden, zum Beginn der ersten abendlichen Wache, schalten wir den Motor wieder aus. Unter Schmetterlingsbesegelung mit ausgebaumtem Code0 gleiten wir langsam in die Nacht.

Und es bleibt zunächst äußerst gemächliches Segeln. Eine dunkle Wolke bereitet dem aber gegen 2.00 Uhr nachts ein Ende. Erst bringt sie Regen, dann frischt der Wind auf, wenig später wechselt er um 80 Grad die Richtung und nachdem der Kurs mehrfach angepasst ist schläft der Wind komplett ein. Die Segel schlagen in der Dünung, das hat keinen Zweck. Also muss ich doch Wiebke wecken. Wir rollen die Segel ein, nehmen den Spi-Baum weg. Von 3.00 Uhr an läuft wieder der Volvo. Zwei Stunden später muss sich Wiebke in ihrer Wache revanchieren und mich wecken. Auch für mich ist es also nichts mit den 3 Stunden durchschlafen. Der Wind ist wieder da, jetzt aus 90 Grad, perfekt für den Code0. Diesmal ohne Baum, die Segel werden wieder ausgerollt und bescheren uns einen herrlichen Segeltag.

Das ist in dieser Gegend alles andere als selbstverständlich, ich hatte den Schwachwindkeil der ITCZ ja schon mehrfach beschrieben. Aber er ist eben kein stabiles Gebilde, sondern verändert permanent seine Form und Ausprägung. Den Wegepunkt, an dem wir von Norden in die derzeitige ITCZ eingefahren sind, hatten wir mit Bedacht gewählt. Hier sollte sich nach der Vorhersage kurzzeitig für ein paar Tage eine kleine „Brücke“ aus Wind bilden, die wollen wir nutzen. Und genau das scheint jetzt zu klappen:

Dabei lassen wir es uns auch kulinarisch gut gehen: der gefangene Skipjack Tuna wird mit karamellisiertem Rosenkohl, Pecannüssen und Orangenkartoffeln zu einem echten Festmahl.

Etmal 123 sm, gesamt auf der Passage damit 1.169 sm, verbleiben rechnerisch noch 2.131 sm bis Gambier.

Heute stellen wir die Bordzeit um eine Stunde zurück, sind also jetzt wieder in der Zeitzone der US-Westküste, 9 Stunden hinter der deutschen Zeit.

Tag 8 der Passage von Mexiko nach Französisch Polynesien

Das Gewitterband liegt hinter uns, die Flaute vor uns, wir sind schon mittendrin, haben die die Innertropische Konvergenzzone ITCZ erreicht. Dankeschön für Euer Daumendrücken, es hat scheinbar geholfen. Wir kommen ohne Blitzlichtstakkato richtig gut durch. Das Gewitterband hat sich abgeschwächt, wir kriegen nur ein paar kräftige Regenschauer ab. Ansonsten können wir den Weg perfekt durch die Lücke in den Wolkentürmen steuern. Und bekommen sogar noch einen Skipjack an den Haken, der erste Angelerfolg seit Mexiko.

Die Nacht hindurch haben wir dann auch noch etwas Wind, gerade ausreichend zum Segeln. Seit heute Morgen um 6:30 läuft der Motor. Flaute.

Zeit, mal wieder etwas klar Schiff zu machen. Vom Schräglagen/Kirmes-Schaukel-Modus in den “nur sanft gewiegt”-Modus zu wechseln, die vom dauernden Abstützen gestressten Muskeln zu entspannen. Frisches Granola zu machen, Kuchen zu backen.

Nach der Vorhersage werden wir wohl rund einen Tag motoren, bevor wir dann hoffentlich wieder Segelwind finden. Für etwa 5 Tage durchgängiger gemäßigter Motorfahrt ist unser Dieselvorrat ausgelegt, das sollte also kein Problem sein.

Etmal 113 sm, gesamt auf dieser Passage 1.046 sm (damit die ersten 1.000 geknackt), rechnerisch noch 2.254 sm bis Gambier.

Die Sprayhood weggeklappt, die Mittelscheibe aufgestellt, das Groß nur als Stützsegel, so motoren wir heute durch die tropische Flaute.