Urlaubsgefühl

Über eine Woche war Ruhe auf diesem Kanal. Machen wir Urlaub?

Erstmal nicht wirklich, wir hatten durchaus zu tun. Aber jetzt sind alle dringenden Arbeiten an Flora erledigt, es kann weitergehen.

Die Segel sind vom Segelmacher zurück und wieder voll einsatzfähig. An einem windstillen Vormittag haben wir sie auch wieder angeschlagen. Das ist insbesondere beim Großsegel durchaus mit einigem Aufwand verbunden. 56 Quadratmeter schweres Hydranet-Tuch wollen gebändigt, hochgezogen und in den Mast gerollt werden. Danach dann langsam wieder herausrollen, um die durchgehenden vertikalen Latten in die Segeltaschen einzufädeln und zu spannen. Die größte der fünf Segellatten ist länger als unser Schiff, das ist also schon ein bisschen Action.

Auch die Lichtmaschine tut inzwischen wieder, was sie soll. Scott von EM-Power hat sich unseren Mastervolt-Lichtmaschinen-Regler vorgenommen. Zunächst schien alles ok. Als wir aber die Motordrehzahl erhöhten, stieg der Regler aus und startete neu. Dafür hatte Scott dann am späten Abend auch keine Erklärung mehr und wollte am nächsten Tag wiederkommen.

Brauchte er aber nicht, denn in der Nacht hatte ich einen Geistesblitz. Der Lichtmaschinenregler ist über den Öldruck geschaltet. Könnte es am Öldruckgeber oder an dessen Kabel liegen? Volltreffer, eine lose Steckverbindung am Öldruckgeber war der Übeltäter.

Außerdem haben wir für die Zeit auf der Werft schon mal vorgearbeitet und einige Teile bestellt. Die Schrauben der Tanks unter den Fußbodenbrettern wieder angezogen, die hatten sich gelockert und damit bei Seegang Quietschgeräusche ausgelöst.

Dazu natürlich sauber gemacht und bei der Gelegenheit auch die Bilgepumpe am tiefsten Punkt im Inneren des Schiffes gereinigt.

Den Stauraum unter der Achterkoje ausgeräumt, sortiert, Sachen zum Sozialladen gebracht, die Hochdruckpumpe des Wassermachers ausgebaut, gereinigt und wieder eingebaut, einige Schläuche und Ventile beim Wassermacher erneuert, und und und.

Zwischendurch genießen wir aber auch den Frühling in Whangārei, machen einen Ausflug in den Quarry Garden. In einem ehemaligen Steinbruch wurde ein Park angelegt. Halb botanischer Garten, halb Planten und Blomen, mit See und mehreren Wasserfällen, dazwischen Skulpturen und auch Reste des industriellen Steinbruchs. Und hier auf der Südhalbkugel lässt der Frühling halt jetzt die Pflanzen sprießen und die Farben leuchten.

Sabine und Jochen liegen mit ihrer Josa auch am Steg bei Dockland 5, gemeinsame Sundowner, Spieleabende und ein Besuch beim „Oktoberfest“ im Judge Alehouse sind da logisch und wir bleiben länger in Dockland 5 als ursprünglich geplant.

Aber wir reißen uns los. In gut einem Monat ist schon unser Krantermin und bis dahin wollen wir auch seglerisch etwas mehr von Neuseeland erkunden. Etwa fünf Wochen haben wir dafür erstmal, es fühlt sich wie Urlaub an. Die Inseln zwischen Whangārei und Auckland stehen auf dem Programm. Und es geht sehr gut los!

Die direkt vor den Whangārei Heads gelegenen Hen and Chicken Islands bieten keinen guten Ankerplatz bei den derzeitigen Südwestwinden, daher segeln wir durch diese Inselgruppe hindurch weiter hinaus zu den ebenfalls unbewohnten und seltener besuchten Mokohīnau Islands. Etwa 33 Seemeilen Richtung Osten sind es nach unserem Übernachtungsstop in Marsden Cove bis dort. 6 Stunden herrliches Segeln bei strahlendem Sonnenschein, im Wind ist auf dem nur 15° kalten Wasser trotzdem recht frisch, Fleecepulli ist angesagt.

Und dann erwartet uns dieser spektakuläre Ankerplatz, eingerahmt von hoch aufragenden Felsnadeln und fast senkrechten Cliffs:

Hier an Land zu gehen wäre ja ohnehin schwierig, es ist aber sowieso verboten. Nur die größte Insel des unter Naturschutz stehenden Archipels darf betreten werden. Also machen wir das Dinghy klar, erkunden ein wenig die Höhlen und Felsbögen der Cliffs an unserem Ankerplatz und fahren dann hinüber nach Pokohino, das auch Burgess Island genannt wird. Auf 122 m Höhe macht hier seit 1883 ein Leuchturm auf die verstreuten Felseninseln aufmerksam. Vor über 40 Jahren wurde er automatisiert, seitdem ist die ganze Inselgruppe unbewohnt.

Das Anlanden auf Pokohino ist nicht ganz einfach. Zwar gibt es eine alte, halbverfallene Betonpier, aber die dazu gehörige Treppe ist bei unserer Ankunft dem Ozeanschwell doch ziemlich ausgesetzt. Ich setze erst Wiebke ab, die mit einer langen Leine das Dinghy auf der Pier sichert, dann werfe ich den Dinghyanker an der Bungee-Leine. In einer Wellenpause an die Treppe motoren, überspringen ohne auf der glitschigen Treppe auszurutschen und das Dinghy vom Bungee zurückziehen lassen. Klappt.

Von der Pier zieht sich ein schöner Trail hoch zum Leuchtturm. Von dort haben wir einen tollen Ausblick über den Archipel (wir können den Mast der Flora ersähen, sie ist heute das einzige Boot hier) und bei der guten Sicht sogar zurück bis Hen and Chicken und weiter bis hinüber nach Great Barrier Island.

Pokohino ist wie alle Eilandes des Archipels eine Vogelinsel. Wir hatten bei den steilen Felsen eigentlich überwiegend Seevögel erwartet, aber das grüne Inselinnere bietet ganz offensichtlich auch vielen anderen Vogelarten willkommene Rückzugsorte. Wir hören und sehen unter anderem Maorí-Honigfresser sowie die einheimischen Kākāriki-Sittiche.

Vor allem aber freuen wir uns über die zahlreichen wunderschönen Tuí.

Ein weiteres Highlight gibt’s auf der Rückfahrt zur Flora: mehrere große Tümmler jagen zwischen den Schwärmen von Großmaul-Makrelen in der Bucht. Die Delfine kommen direkt zu unserem Dinghy geschwommen, drehen eine Runde um uns und widmen sich dann wieder den Makrelen.

Tonga: an der Steilküste von Vava‘u; Walgesang und Spinner-Delfine

Die Vava‘u-Gruppe hat viele Facetten. Niedrige, palmenbestandene Inselchen prägen den Süden, im Norden aber erhebt sich wie ein Bollwerk Tonga‘s zweitgrößte Insel mit ihren schroffen Steilküsten aus den Tiefen des Ozeans. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Östlich von Tonga fällt der Pazifik im Tonga-Graben bis auf 10.882 m unter NN ab. Hier taucht die Pazifische Platte unter die australische Platte. Nur der Mariannengraben ist mit 11.034 m noch etwas tiefer. Die tektonischen Verschiebungen haben auch dafür gesorgt, dass sich der Korallenkomplex der Vava‘u-Gruppe schräg aus dem Meer hob und die Inselgruppe jetzt von der Seite betrachtet wie eine schiebe Ebene wirkt. Die Insel Utu Vava‘u bildet mit fast 90 Quadratkilometern Größe die hohe Nordseite dieser Schräge.

Und genau dorthin segeln wir zu unserem nächsten Ankerplatz, in die Vaiutukakau-Bucht, draußen an der Nordwest-Seite der Inselgruppe.

Der Ankerplatz trägt ausnahmsweise keine Nummer, ist aber trotzdem kein echter Geheimtipp mehr. Es hat sich inzwischen unter den Seglern herumgesprochen, dass hier gute Chancen bestehen, Wale zumindest zu hören und Spinnerdelfine zu sehen. Zudem bietet sich das glasklare Wasser der Bucht zum Schnorcheln an.

Jedenfalls aber ist der Ankerplatz vor der 100 m hohen und praktisch senkrecht abfallenden Steilküste wirklich imposant.

Der Wetterbericht hat Böen bis über 30 kn aus Südost vorhergesagt, aber geschützt von der hohen Küste werden wir davon tatsächlich nichts mitbekommen. Stattdessen können wir bei fast glattem Wasser in aller Ruhe die Paddelboards nutzen und ausgiebig im klaren Wasser schnorcheln. Emma und Claas entdecken viele neue Fische wie zum Beispiel den von ihnen so genannten „Panda“-Kofferfisch, außerdem noch einige inzwischen bekannte Fische, Claas findet zudem sogar einen gut getarnten Oktopus.

Es gefällt uns so gut dass wir beschließen, noch eine weitere Nacht zu bleiben. Das erweist sich als Glücksgriff. Schon am Abend und dann auch immer wieder während der Nacht können wir innen im Schiff deutlich Walgesänge hören. Draußen ist das kaum zu vernehmen, aber der Schiffsrumpf scheint die Schallwellen im Wasser aufzunehmen. Wir bekommen die Wale nicht zu sehen, es ist gleichwohl ein wunderschönes Erlebnis.

Das nächste Highlight folgt Tags darauf. Wiebke und ich sind schon im Cockpit, als wir ein leises Schnaufen hören. Delfine! Wir rufen gleich Emma und Claas aus der Koje, aber der Eile hätte es gar nicht bedurft. Den ganzen Vormittag bleibt eine große Schule von gut 80 Ostpazifischen Delfinen in der Bucht. Auch als Langschnauzen-Spinner-Delfin bekannt, gehören diese Meeressäuger zu den Delfinen mit der akrobatischsten Sprüngen. Teilweise springen sie hoch aus dem Wasser und vollführen dabei diverse Drehungen um ihre Längsachse (Spins). Auch wenn sie sich damit heute zurückhalten und überwiegend ruhig zwischen den ankernden Booten und dem felsigen Ufer dahinziehen, manchmal drehen sie sich im Wasser einfach mal um sich selbst, zeigen uns den Bauch, und ein paar übermütige Sprünge streuen sie dann doch ein (wie immer: für bessere Auflösung auf ein Bild klicken).

Hier noch ein kurzes Video:

Die Zugabe gibt’s, als wir gegen Mittag dann doch den Anker lichten. Mehrere Tiere lösen sich von der jagenden Schule und begleiten die Flora am Bug spielend aus der Bucht hinaus.