Stationäre Ozeanpassage, Tag 5

Als wir letztes Jahr die Atlantiküberquerung geplant haben war das aufregend. Wir wussten nicht, was uns erwartet, wir waren unsicher über die Dauer, über unsere Proviantierung, über unser Fähigkeit, wirklich mehrere Wochen ohne „Auslauf“ auf engem Raum zusammen zu leben. Wir waren unsicher, aber wir waren auch zuversichtlich.

Na klar, wir hatten viel darüber gelesen, uns vorbereitet, herangetastet, das Boot ausgerüstet um uns weitgehend autark zu machen, alles sicherheitsrelevate an Flora nochmal getestet, Proviant gebunkert.

Das Boot auf eine Passage vorzubereiten war nicht schwer. Aber waren wir vorbereitet, unsere eigene Psyche? Das war schwerer zu beurteilen. Natürlich waren wir nervös und mindestens im ersten Teil der Passage war auch die Last der Verantwortung deutlich spürbar. Erst im Laufe der Zeit stellte sich mehr Leichtigkeit ein, mit jedem Tag ein bisschen mehr Routine und weniger Besorgnis, bis ab etwa Mitte der Reise der Genuss deutlich überwog.

Mit Beginn der Ausgangssperre hier in Antigua hatte ich im Blog geschrieben, wir seien trotzdem guter Dinge, pendelten mental aber allerdings manchmal zwischen einem fast freudigen “wie eine Atlantiküberquerung, nur mit weniger Geschaukel und nachts ruhig durchschlafen” und dem weniger guten Gefühl, eben doch irgendwie angebunden zu sein. Unbekannt war’s und deswegen auch wieder aufregend.

Und heute, am 5. Tag der Ausgangssperre? Wir könnten vormittags zum Lebensmitteleinkauf an Land fahren, uns ein bisschen die Füße vertreten und uns in die Schlange des Supermarktes einreihen (derzeit etwa zwei Stunden). Haben wir aber bisher nicht gemacht, weil weder für die zusätzliche Bewegung (dank schwimmen und Paddelboard) noch für das Nachkaufen von Lebensmitteln eine Notwendigkeit besteht. Tatsächlich nehmen wir es wie eine Passage, die Parallelen liegen ja auch auf der Hand, die Unsicherheiten sind im Vorfeld auch sehr ähnlich. Aber wir genießen das „zur-Ruhe-Kommen“, diesmal auch von Anfang an.

Nur anders als bei einer Ozeanüberquerung rückt das Ziel nicht näher, kein Positionskreuzchen auf dem Übersegler tastet sich ganz langsam immer näher an die Wunschinsel heran. Wir schneiden keine Tagesschnipsel von irgendeinem Maßband ab oder fiebern dem Öffnen des letzten Türchens eines Adventkalenders entgegen. Das Ziel – die Zeit – ist unklar. Bei einer Woche Ausgangssperre wird es kaum bleiben, angesichts des Verlaufes von COVID-19 würde das wohl auch wenig Sinn machen. Aktuell gibt es auf Antigua 15 bestätigte Fälle – bei 40 (!) Tests. Heute wurde bekanntgegeben, dass erstmals Tests im eigenen Land ausgewertet werden können. Bisher ging das nur auf der Nachbarinsel Guadeloupe. Hm. Wie hoch mag da die Dunkelziffer sein?

Ein Grund mehr, sich auf dem Boot wohl zu fühlen. Das Wetter ist traumhaft. Langweilig ist uns noch nicht geworden, tatsächlich müssen selbst die restlichen drei Winschen noch auf ihre Wartung warten (sorry, konnte mir das Wortspiel mal wieder nicht verkneifen). Wir lassen uns Zeit. Nur für das„weniger Geschaukel“ mussten wir doch noch mal tätig werden. Der wenige Ostwind hat dem Nordschwell von rund 1,5 m nicht allzu viel entgegenzusetzen und obwohl die Bucht nach Norden geschützt ist läuft der Schwell ums Kap herum von Südwesten her auf den Ankerplatz und rollt das Boot hin und her von einer Seite auf die andere. Wir bringen zusätzlich einen Heckanker aus und drehen die Flora mit dem Bug in den Schwell. Bei dem wenigen Wind stört die zusätzliche Belastung auf dem Hauptanker kaum und das Rollen lässt merklich nach. Jetzt klappt’s auch mit dem „nachts ruhig durchschlafen“ besser.

Ein Gedanke zu „Stationäre Ozeanpassage, Tag 5

  1. Ihr Lieben. Wir 2 denken jeden Tag an Euch und umarmen Euch ganz fest. Wir sitzen alle in einem Boot, die ganze Welt steht still, es gibt aber positive Entwicklungen, Österreich zum Beispiel hat einen guten Plan und Deutschland und wird sicher nachziehen. Die Lage wird sich weltweit nach Ostern bestimmt etwas beruhigen. Bleibt gelassen und genießt die Natur, wir werden das gemeinsam schaffen! Life is what happens to us while we are making other plans.” 🙏⛵️ 🌎 Kuss Biggi

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