Schattenseiten: Formularkram und Segel verschwunden

Am 21. August haben wir die Verlängerung unserer Aufenthaltserlaubnis für Fiji beantragt. Bei Einreise wurden vier Monate gewährt, eine Verlängerung für weitere zwei Monate ist möglich. Sie muss Online beantragt werden. Sollte eigentlich kein Problem sein. Am Ankerplatz in Kandavu starten wir den Prozess.

Das Formular auf https://immihub.immigration.gov.fj/FIDPortal/welcome stellt die erwartbaren Fragen (Person, Passnummer etc), weist aber auch einige Kinken auf. Die zwingend notwendige Eingabe einer Adresse in Fiji lässt sich noch mit dem Ankunftshafen überbrücken, bei „evidence of financial support: recent bank statement“ wird es schon schwieriger, denn den (deutsche) Kontoauszug zum Nachweis ausreichender Mittel wird erstmal ohne Begründung nicht akzeptiert. Trotz der aus dem Dropdown-Menu einzig passenden Angabe „self sponsored“ wird außerdem die „company registration“ als PDF angefordert. Gibt es natürlich nicht, aber ohne das Anhängen irgendeiner PDF geht es hier im Formular nicht weiter. Gleiches gilt für das zwingende Anhängen eines PDF des Rückflugtickets nach Deutschland, wir überbrücken dies mit dem Anhängen der Bootspapiere. Ein aktuelles Foto in Passfotogröße, nicht älter als drei Monate. Auf Kadavu können wir nur gegenseitig Fotos machen und sie auf Passfotoformat zuschneiden.

Immerhin schaffen wir es nach ein paar Stunden, für jeden von uns so ein Formular ausgefüllt abzuschicken und die jeweils 93$ Gebühr zu bezahlen. Die Rückfragen beschäftigen uns dann allerdings bis heute. Bankauskunft neu und mit persönlicher Anmerkung: o.k.

Dann die Forderung nach einer zertifizierten (beglaubigten) Passkopie. Wir schreiben zurück, dass wir auf einer abgelegenen Insel im Kadavu-Archipel sind, hier gibt es keinen Notar. Da ein PDF angehängt werden muss, um die Antwort absenden zu können, fügen wir ein Foto von uns mit den geöffneten Pässen in der Hand bei. Netter Versuch, immerhin wird als Antwort die Frist für die elektronische Abgabe der Beglaubigung von einem auf vier Tage verlängert. Danach müsste ein neuer Antrag gestellt werden (mit neuer Gebühr).

Wir segeln von Kadavu 100 Seemeilen hinüber zu Fijis Hauptinsel Viti Levu und ankern vor dem Touristenort Denarau. Im dortigen Büro von Customs und Immigration werden wir mit unseren Pässen vorstellig. Wenn online die Freigabe erfolgt wäre, würden die Behörden hier auch ein neues Datum in unseren Pass stempeln, aber unseren Pass beglaubigen können sie angeblich nicht. Immerhin macht der Zollbeamte Kopien unserer Pässe und nimmt sie mit zu seinem anderen Arbeitsplatz am Flughafen. Dort in der Nähe ist auch ein Anwaltsbüro, das die Beglaubigungen macht. Unsere Pässe braucht er dafür nicht mitnehmen. Am nächsten Tag können wir die beglaubigten Kopien im Zollbüro abholen (40$). Wir fotografieren die Beglaubigung, wandeln sie in PDF um, laden sie online hoch.

Einen Tag später kommt die Antwort, dass bitte jetzt auch die aktuellen Fotos im Passfotoformat beglaubigt einzureichen wären. Das Onlineformular sieht hierfür zwar die Notwendigkeit der Beglaubigung nicht vor, aber so kommen wir ja nicht weiter. Immerhin, diesmal wird uns ergänzend erläutert, dass auf abgelegenen Inseln hilfsweise z.B. die Krankenschwester oder der Lehrer die Zertifizierung vornehmen dürfte. Na toll, diese Info kommt ein bisschen spät.

Wir nehmen ein Taxi zum Flughafen, finden ein Anwaltsbüro und lassen uns die Ausdrucke unserer Fotos abstempeln. Zurück an Bord, in PDF umwandeln, einreichen. Aber jetzt ist Wochenende, bisher haben wir noch keine Antwort.

Fiji-Time: Abwarten.

In Denarau wollen wir auch unsere reparierte Fock abholen, die wir im Mai über den Agenten YachtHelp von Savusavu zum Segelmacher Marshall-Sails gesandt hatten. Nach der Reparatur hatte Marshall-Sails es an YachtHelp Denarau gegeben. Die sollten es zurück zu ihren Kollegen senden, aber wie wir im August in Savusavu feststellen mussten, hat das nicht geklappt. Dann holen wir es eben selbst in Denarau ab. Nur: da ist es auch nicht, man teilt uns mit es sei bei YachtHelp in der Vuda-Marina, immerhin auch hier auf Viti Levu, gar nicht so weit entfernt. Wir mieten ein Auto, um es abzuholen und bei der Gelegenheit noch Einkäufe zu erledigen.

YachtHelp Vuda bestätigt, dass sie das Segel haben müssten. Nur: sie finden es nicht. Sie sind unlängst auf dem Marinagelände umgezogen, vielleicht sei deshalb das Segel „misplaced“. Wir warten im Restaurant, wir machen unsere Einkäufe. Das Segel hat sich noch nicht angefunden. Man suche verzweifelt, sehe inzwischen auch die Aufnahmen der Sicherheitskameras durch, werde sich melden. Inzwischen sind drei Tage vergangen, das Segel ist noch nicht gefunden, die Suche geht weiter.

Frust. Abwarten. Aber: am Ende wird alles gut. Wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Auch das ist Segler-Leben unterwegs. Nicht immer ist alles eitel Sonnenschein.

Sonnenaufgang am Ankerplatz in Denarau

Zukunftsmusik und Orchestrierungsversuche

Über zwei Monate sind wir jetzt schon in Antigua & Barbuda 🇦🇬. Wir haben es wirklich gut getroffen und sind froh, uns gerade diese Inseln für die Lockdown-Phase der Corona-Krise ausgesucht zu haben. Trotzdem machen wir uns mit der näher rückenden Hurrikansaison natürlich vermehrt Gedanken, wie es weitergehen kann. Spätestens in eineinhalb Monaten wollen wir auf dem Weg sein, um aus dem Hurrikangürtel heraus zu kommen.

Den ursprünglichen Plan hoch nach New York zu Segeln haben wir nur noch ein bisschen im Hinterkopf, es wird vermutlich nicht dazu kommen. Aber das Boot in der Sommersaison in die Chesapeake Bay bei Washington zu bringen, dort unsere Freunde zu besuchen und bei ihnen auch eine Zeit zu wohnen, daran würden wir gerne festhalten. Die USA sind (wenn man in den letzten zwei Wochen nicht in Europa war) „offen“, wir dürften also einreisen. Wenn man mit dem eigenen Boot kommt, gilt allerdings nicht das visumfreie ESTA-Verfahren, sondern man benötigt ein vorab ausgestelltes Nichteinwanderungs-Visum. Für viele Segler mit ähnlichen Plänen ist das derzeit ein kaum zu überwindendes Problem, denn das sonst übliche Verfahren, sich in der Botschaft etwa in den Bahamas das Visum kurzfristig zu besorgen funktioniert derzeit nicht: die Bahamas (und viele andere Länder hier) sind „dicht“, man kann nicht einreisen. Wir haben uns aber zum Glück bereits in Deutschland USA-Visa besorgt, gültig für 10 Jahre und mehrfache Einreise. Das war damals etwas aufwändiger, mit einigem Papierkram und einem Interview im US-Konsulat in Frankfurt verbunden, zahlt sich jetzt aber aus.

Trotzdem ist es nicht ganz trivial. Praktisch alle Länder auf der Route von Antigua nach Washington sind „dicht“. Insbesondere gilt das für St. Barth, St. Martin, die BVI (British Virgin Islands), die Turks & Caicos und die Bahamas. Natürlich können wir den direkten Weg segeln, das wären allerdings gut 1.400 sm, also rund 2/3 der Strecke unserer Atlantiküberquerung. Laut Langfahrerbibel (Jimmy Cornels Buch „Segelrouten der Welt“) machen denn auch fast alle Segler auf dieser Route einen kleinen Umweg über Bermuda und teilen diese Strecke damit in zwei Teile. Aber auch Bermuda ist derzeit geschlossen („stopover only in exceptional circumstances“), aber als Transit zum Bunkern ohne Landgang immerhin möglich. Es ist für uns von großem Vorteil, dass sowohl unser Verein Trans-Ocean auf seiner Seite als auch die Langfahrerseite Noonsite uns mit aktuellen Infos zu offenen, beschränkten und geschlossenen Ländern versorgt.

Und noch eine andere große Hilfe und Informationsquelle hat sich aufgetan: die amerikanische Seglerorganisation „Salty Dawg Sailing Association“. Normalerweise veranstalten sie eine (kostenpflichtige) Rally für die amerikanischen Segler, die um diese Jahreszeit aus der Karibik zurück segeln. In diesem Jahr aber haben sie wegen Corona ihr System umgestellt und bieten derzeit kostenlos wöchentliche Geschwaderfahrten an, bei denen die teilnehmenden Segler vielfältige Unterstützung bekommen. So gibt es mehrere Routen mit Wetterrouting durch Chris Parker (Marine Weather Center), Unterstützung bei der Beantragung von Sondergenehmigungen (etwa für einen Stop in auf Puerto Rico und in den Bahamas), tägliche Newsletter und noch einiges mehr. Das gibt uns im Moment folgende Optionen:

Für die Routen R1 und R2 würden wir zunächst mit einem Übernachttörn in die USVI (American Virgin Islands) segeln. Man könnte auch von dort auf die Route R3 starten, aber der Winkel ist von Antigua aus etwas günstiger. Die USVI sind offen, man muss aber in eine zweiwöchige Quarantäne (auf dem eigenen Schiff).

R1 führt nördlich an Puerto Rico vorbei, wo man in drei ausgewählten Häfen noch einen Stop einlegen und zudem bereits für die USA einklarieren könnte (ob das auch für die USVI gilt ist bisher widersprüchlich). Dann weiter nördlich an Hispaniola (Dominikanische Republik und Haiti) entlang und südwestlich um die Bahamas herum in den Süden von Florida.

R2 zweigt von R1 ab und führt durch die Bahamas hindurch (Sondergenehmigung erforderlich). Diese Route ist erkennbar länger als R3, aber geschützter und führt nach den Bahamas in den Golfstrom, der dann kräftig schiebt. Wobei es dann aber möglichst keinen kräftigen Nordwind geben sollte. Insgesamt wären das für uns dann gut 1.900 sm. Dafür wären aber z.B. bei einsetzendem Schlechtwetter Zwischenstops an der südlichen amerikanischen Ostküste möglich.

R3 ist die kürzeste Route, wobei sich kurz bei über 1.400 sm irgendwie unangemessen anhört. Macht man den kleinen Umweg über Bermuda werden es rund 150 sm mehr.

Die letzte Abfahrt der Salty Dawg ist für den 20. Mai terminiert, wenn wir später fahren würde das aber für uns – abgesehen vom Wetter-Routing – nicht allzuviel ändern.

Wir wälzen das noch ein bisschen hin und her. ☺️